Jetzt spinnen wir um die Wette, Henriette!

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„Wir spielen Fangen“, schlägt Lorenz vor. Die anderen stimmen zu.
„Ich beginne“, Lorenz stellt sich an eine Betonwand, hält seine Hände seitlich von den Augen und fängt mit Zählen an: „Eins, zwei, drei, …“
Er hört das Rascheln und Trappeln seiner weglaufenden und sich versteckenden Freunde. Henriette klettert über einen Holzbalken, der eine Betonwand von der anderen trennt. Unter ihr klafft ein Abgrund von vier Metern.
Warte!“, flüstert sie Lena zu, die sich knapp hinter ihr anschließen will.
Der Balken ist zu biegsam und wackelig, um zwei kleine Menschenkörper zu halten. Doch Lena muss sich auch beeilen. Paul ist gleich mit Zählen fertig. Henriette spürt, wie der Balken unter ihr nachgibt, und hält sich mit beiden Händen am Betonrand fest. Fast hat sie die rettende Betonwand erreicht. Dann spürt das blonde Mädchen, sie kann sich nicht so lange halten. Stangenklettern war noch nie ihr Ding, denkt sie in den vergangenen Sekunden. Lieber ’ne Fünf kassieren. Ihre Oberarmmuskeln ziehen sich in die Länge und schmerzen, es ist ihr unmöglich, sich an der Wand hochzuziehen. Dann lässt Henriette los. Ihrem dumpfen Aufprall folgt noch ein dumpfes Geräusch: Lena.
Henriette, noch benommen, hebt den Kopf, ihr rechtes Bein hat beim Aufkommen ein komisches Geräusch gemacht, sie spürt nichts. Noch nicht. Lena liegt ein paar Meter von ihr entfernt in einer trüben Baupfütze.
„Wo seid ihr?“, hört sie Lorenz rufen.
„Hier“, ihre Stimme kommt ihr eigenartig entfernt und schwach vor.
Sie atmet noch einmal durch und versucht es lauter.
„Hier“, es kommt keine Antwort.
Lena atmet tief durch und bewegt vorsichtig ihre Glieder. Dann macht sie die Augen auf.
„Mist“, ist das Erste, was Henriette mühsam und doch etwas lauter als zuvor hervorbringt. „So ein Mist.“ Nachdem sie nacheinander Hände und Füße vorsichtig bewegt hat, setzt sie sich auf. So bleibt sie minutenlang sitzen.
Lorenz und die anderen Freunde rufen: „Wo seid ihr?“
„Hier sind wir“, antworten Henriette und Lena im Gleichklang.
Immer noch viel zu leise. Sie hören, wie ihre Freunde sich nähern.
Die Schlange, der kleine Drache
Schlangen in der Wüste sind tückisch. Sie liegen in der Sonne und passen ihre schuppige Haut der Farbe des Sandes an. Das Licht jedoch wirft Schattierungen auf die länglichen Körper, die trügerisch sind. Mal silbrig, golden, rot mit grün auf kleinen Flächen, die Farben vermischen sich und je nach Art ihrer Bewegung, entstehen verschiedenartigste Muster. Konturen der Schlangen verwischen und lassen sie durch das flimmernde Licht der Wüste plötzlich verschwinden und genauso überraschend erscheinen. Wie unberechenbare lange Götter der Wüste. Es gibt keine Anzeichen, keine Warnung, nur eine gefährliche Stille, sollten sie züngelnd zubeißen. Lea lernt früh von ihrer Großmutter, sich vor lauernden Gefahren der in unterirdischen Gängen lebenden Wüstenbewohner zu schützen. Sie lernt Achtsamkeit. Sie lernt, sich genauso zu bewegen, dass die Schlangen gewarnt werden, sie durch das Beben der Erde Lea möglichst früh fühlen werden, um dann rechtzeitig in ihren Löchern zu verschwinden. Sie trampelt durch die Wüste; ihre kleinen Füße müssen manchmal Stiche von Kakteen oder spitzen Sandkörnern ertragen, nur um nicht leichtfüßig zu laufen. Auch das scharfkantige Gras ist nicht zu unterschätzen, überall kleine Büschel, die unverhofft genau dort wachsen müssen, wo sich Karawanen durch die Wüste bewegen. Hier lernt Lea fluchen. Ihre Schuhe rutschen oft zur Seite, sind zu kurz oder schnüren sich so unerträglich in ihre Haut, dass sie sie liebend gerne auszieht. Barfuß geht sie durch das Leben. Eine dicke Hornhaut unter den Kinderfüßen ist ihr Schutz. Zu allem Überfluss sinken die Erwachsenen manchmal knietief in den Sand der Wüste ein. Lea, leichter, nur bis zu den Waden. Und manchmal zieht ihr Vater sie hoch auf Lala und dieses Gefühl wird Lea nie vergessen, dem Himmel auf einmal so nah und der Wüstensand so weit unter ihr. Und dieser Thron zwischen den beiden Höckern, den Lala ihr bietet, lässt Lea sich einmal mehr als Königin der Wüste fühlen.
Heute, es ist Freitag, läuft sie allein in die Wüste hinein, so weit ihre Füße sie tragen, die Schlangen sind ihr heute egal. Ein kindlicher Trotz macht sich in ihr breit. Die Großmutter hat sie immer gewarnt, sollte sie von einem Schlangenwesen mit krummen Füßen träumen, so solle sie es wieder wegschicken. Sich ihm nicht hingeben. Die bringen Unglück über die Familien der Träumenden. Unglück. Lea hat nie von solchen Dingern geträumt. Kein einziges Tier hat krumme Füße. Weder die Kamele noch die Hyänen, die hungrig herumstreiften, als auch Gazellen.
Verkrüppeltes Gesträuch, davon gab es genug hier. So weit das Auge blicken konnte; vor allem in der Nähe der wenigen Wasserstellen.
Vögel haben krumme Füße, fällt Lea plötzlich ein, und Spinnen. Bringen die auch Unglück? Aber Großmutter hat ja von Träumen erzählt; nein, es kam noch keine Schlange mit krummen Füßen zu ihr. Doch das Unglück ist jetzt trotzdem über sie hereingebrochen. Sie setzt sich auf einen kleinen Hügel, wartet kurz, ob er sie trägt. Dann lässt Lea den Blick schweifen und hängt ihren Gedanken nach. Giftige Schlangen würde ihr Vater sofort töten. Bestimmt auch im Traum. Er war ihr Beschützer, konnte er sie nicht auch vor ihrem kranken Herzen beschützen? Sie hat es doch gehört, beim Gespräch, als sie heimlich lauschte. Hätte sie es doch nur nicht getan. Es ging in den Gesprächen vorher, die sie heimlich belauschte, doch nur selten um sie. Warum musste sie nur so neugierig sein. Dann wäre sie wenigstens heute nicht so unglücklich.
Plötzlich bemerkt Lea einen kleinen Schatten neben sich. Er regt sich kaum. Sie schaut genauer hin und macht ein gekringeltes kleines Etwas aus. Dann nimmt sie es in die Hand. Das Kleine ringelt sich auseinander und macht sich ganz gerade, um sich kurz darauf wieder zusammenzuziehen. Ein wenig erinnert es sie an die Schleimtierchen, die sie manchmal mit den Fischen für die Nahrung fingen. Nur eben ohne Schleim. Sie berührt die Haut, die sich ganz glatt an den feinen Körper schmiegt. Lea weiß, es ist eine Schlange, es kann nur eine Schlange sein. Klein und zart und kalt. So kalt, wie ihr ist. Um ihr Herz herum. Lea überlegt nicht lange. Kurzentschlossen nimmt sie ihren Findling mit.
Die Familie fängt langsam an, sich Sorgen zu machen. Nana läuft händeringend vor der kleinen Hütte auf und ab, die Großmutter beginnt das abendliche Feuer herzurichten und schaut immer wieder, die Hand über die Augen haltend, gen Sonnenuntergang in die Wüste. Sie horcht geübt auf irgendeinen Laut. Doch solange keine Geier in der Ferne zu sehen sind, gibt es auch keine neuen Toten. Weder Tiere noch Menschen. Und so bleibt die Großmutter im Gegensatz zu Nana ruhig. Leas Vater bringt Ziegenfleisch, das sie gekonnt auf kleine Stöckchen ziehen und über das Feuer halten. Lea wird bestimmt großen Hunger haben.
Dann sehen sie die Silhouette eines kleinen Mädchens aus der Wüste kommen. Es läuft ganz langsam, als wolle sie etwas hüten. Etwas, das ihr blitzschnell aus den Fingern gleiten könnte oder zwischen den Fingern hindurch. Der Vater runzelt die Stirn. Er braucht nichts, das seine Ruhe stört. Nichts. Er hat seinen Plan, wie sein Vater vor ihm, wie sein Großvater vor ihm, wie seine Ahnen vor ihm. Er gehört seinem Stamm an und in seinen Genen ist das Lebensbuch fest verankert in seiner natürlichen Ordnung. Die schon seit Jahrhunderten besteht und immer wieder hart umkämpft war. Sein Stamm hat schon die Sklavenzeit überlebt, Überfälle anderer Stämme, die fast an der Tagesordnung waren. Und auch die Weißen, die versuchten, das Land nach ihren Vorstellungen zu gestalten. Ohne zu wissen, wie man mit Kamelen umging, wie es sich anfühlt, kurz vor dem Verdursten zu sein, was es heißt, sich gegen die rohen Gewalttätigkeiten der anderen zu schützen.
Das ging nur mit Gegengewalt. Mit Brutalität. Es war nichts Besonderes, einem Feind das Messer in die Brust zu rammen oder in den Oberschenkel, um die Hauptschlagader durchzuschneiden. Nichts Besonderes. Der Tod, der gewalttätige Gevatter birgt eine Grausamkeit, die hier zur Schöpfung gehörte. Wer ihre Schönheit sehen konnte, ihre ganz eigene Ästhetik, die Herrlichkeit des Lebens und wem die Anmut des Todes immer gegenwärtig ist, der ist seines Lebens sicher. Selbstverteidigung ist lebensbejahend. Eine hohe Energie. Freude. Wie ein unsichtbarer Beschützer und Zauberer. Und wer stark war. Wem sie sich nicht zeigte, dem zerrann das Leben auf eine seltsam schicksalhafte Art und Weise. Wie Salz durch geöffnete Hände rinnt und in Geschlossenen bleibt. Der alte Tuareg, er verkauft nicht nur das beste Salz der Erde, nein, er und sein Stamm haben die Ehre, an den Traditionen seiner Vorfahren anzuknüpfen. Auch mit der Faszination der Gewalt. Täglich werden dafür blitzende kleine Schwerter durch die Luft geschwungen, zündeln wie kleine Drachen in der Luft und vollbringen Kunststücke.
Nun bringt seine Tochter einen Drachen nach Hause. Der alte Tuareg bewegt seinen Kopf leise nach vorn. Er kann dieses kleine Reptil schon von Weitem riechen. Mit seinem untrüglichen Instinkt. Kein Kind der Wüste würde auf solch eine verfluchte Idee kommen. Einen echten lebendigen kleinen Drachen. Mit kaltem Blut und schuppiger Haut. Der Drachen als Omen. Er ruft sein Kind mit seiner ehrfurchterregenden Stimme. Sie reagiert sofort. Dann steht sie vor ihm und schaut ihn trotzig an. Sie weiß, was in ihrem Vater vorgeht.
„Mach die Hände auf, Tochter!“ Lea gehorcht. Die Schlange streckt sich sofort wieder aus. Für Lea sind die wenigen Minuten, die ihr Vater das Reptil betrachtet Ewigkeit.
„Sie misst dich, Kind. Sie wird dich solange messen, bis sie groß genug ist. Dann wird sie wissen, dass dein Körper in sie hineinpasst. Und dann wird sie dich verschlingen, mein Kind. Das ist ihr Instinkt, ihre Natur. Das ist das unausweichliche Schicksal, was dich erwartet. Nun, da sie hier ist, werden wir sie als Vertreter der Drachen ehren, doch bevor sie deine Größe erreicht, werden wir uns von ihr verabschieden müssen. Lebendig.“
Der Vater schaut ihr fest in die Augen.
„Verstanden?“
„Ja.“
Lea schüttelt den Kopf. Das ist Zustimmung. Das ist Wüste. So hat sie es gelernt. Auch wenn sie meistens sich selbst überlassen war.
Dann geht sie in das kleine Haus in ihre Ecke und nimmt eine kleine Schachtel aus ihrem selbstgebauten Holzschränkchen. Dort legt sie die kleine Schlange hinein, doch die windet sich an ihren Fingern schnell wieder in die Hand. Sie braucht Wärme. Lea legt sich in ihr Bett und hält ihr Schlangenbaby ganz nah an ihren Körper.
Nun ist es beschlossene Sache. Lea soll in ein ihr fremdes Land fliegen, für vier Monate, so ist es mit den entfernten Verwandten der Großmutter vereinbart. Die Großmutter berichtet ihr von Straßen mit geradlinig angeordneten Bäumen, großen Häusern und schönen Läden mit Blumen und Essen, vielen Anziehsachen. Von weißen Menschen, die fein und sauber angezogen sind. Berlin, dieses Wort hört sie zum ersten Mal. Berlin, Berlin. Lea konnte und kann und will sich darunter nichts vorstellen. Eine Stadt mit vielen Lichtern, eine Stadt mit Tausenden von Menschen, eine Stadt, in der die Zeit rennt. So eine Stadt muss hässlich sein, denkt sie. Viele Lichter, wozu? Hier am Rand der Wüste braucht sie abends kein Licht, Kerzen reichen. Wenn die Sonne sich senkt, möchte sie die kleinen zarten Lichter der Glühwürmchen nicht missen. Mehr will sie nicht. Keine Stadt mit vielen weißen hässlichen Menschen. Alles ist für sie hässlich, was nicht Bilma ist. Alles.
Die Großmutter wirkt nachdenklicher als sonst. Sie ist das Kind einer Deutschen und eines deutschstämmigen Franzosen, die während der französischen Besatzung 1920 zuhauf ins Land gespült wurden. Nach dem „Afrikanischen Jahr“ ging die Familie nicht zurück, zu sehr hatten sie sich an den Lauf der Wüste gewöhnt. So weiß Lea um ihre Geschichte.
„Du kennst doch Deutschland gar nicht“, hat Lea ihre Großmutter angeschrien, „wie kannst du mir erzählen, wie es dort sein soll!“
Die Großmutter schwieg und fing an zu weinen. Doch auch sie ging nach Deutschland, als sie jung war. Aus der Wüste, damals. Und wieder musste sie Deutschland verlassen, so wie ihre Mutter. Zwei Kriege. Als würde Familienschicksal vererbt. Und überall dieser Hunger, der sich in die Därme frisst. Neu verliebt im Unglück wieder in einen Franzosen. Doch das braucht Lea nicht zu wissen, sie ist noch so klein. Bewahren ist Schweigen. Bewahren ist Hüten. Bewahren ist Reinheit. Reinheit und Schönheit. Bilma ein Magnet, die Rettung. Die Zukunft vor der Vergangenheit schützen. Nur, was hat das mit ihr gemacht?
Diese Geschichte wird sie still und leise mit ins Grab nehmen, sie geht niemanden etwas an. Ihre Geschichte, für bittere und schöne acht Jahre in Deutschland bei ihrer Tante. Es fühlte sich damals wie ein Abenteuer an. Sie hat die Sprache vorher mit ihrer Muttermilch eingesogen. Vor allem, wenn ihre Mutter mit ihr schimpfte, tat sie es auf Deutsch. Dann hörte sich ihr Name Bernadette so hart an. Acht Jahre, die sie veränderten. Die ihr zeigten, es kommt immer anders, als man denkt. Wollte man planen, dachte sich der liebe Gott sofort etwas anderes aus. Seitdem denkt sie lieber nicht über die Zukunft nach. Die Zukunft, die ist launisch. Jetzt ist es Lea, die zu ihrer Tante gehen wird, um ihr Herz überleben zu können. Es gibt Lea nicht mehr viel Zeit. Sie selbst, das weiß sie, wäre beinahe dort in Deutschland umgekommen. Und sie hatte ihr Herz dort zurückgelassen. Ihr junges, frisches, unerfahrenes Herz. Lea wird nun genau in diesem Land ihr zweites Leben vorfinden.
Ihre Tochter Nana ist die erste aus der Familie, die sich hier in Bilma mit einem einheimischen Mann einließ. Die Erste. Es ist so selbstverständlich für Nana. Für die Großmutter, die selbst in Bilma ihre Kindheit verbrachte, kam das nie infrage. Sie hatte in der Liebe in blaue oder grüne Augen geschaut. So wie die Augen ihres Vaters. In das Meer wollte sie schauen, nur in das Meer und in den Sternenhimmel. Und anders wollte und konnte sie es sich gar nicht vorstellen. Und Nana? Ohne sie wäre dieses wundersame Kind Lea nicht auf die Welt gebracht worden. Manchmal braucht es nicht viel, überlegt die Großmutter, um seine Schöpfung zu rechtfertigen.
Dann besinnt sich die Großmutter. Sie richtet ihre Schultern auf und schaut Lea fest in die Augen.
„Du wirst bald nach Berlin fliegen und dann wirst du mir erzählen, wie es dort ist“, antwortet sie mit fester Stimme.
Lea geht nun regelmäßig an ihren heiligen Baum, hockt sich im Schneidersitz auf den Boden und lehnt ihren Rücken an seinen Stamm. Sie betet. Für sich, für ihre Eltern, für ihre Großmutter, für den Baum. Nicht für Deutschland. Vier Monate kann sie zeitlich nicht einordnen, für Lea ist es ein Abschied für immer, vier Monate sind eine Ewigkeit. Kurz überlegt sie zu fliehen. Doch wohin, in die Wüste? Dorthin hat sie ihren Vater, einen alten Tuareg, oft begleitet, manchmal mussten sie sogar mehrere Monate an entfernten Orten bleiben. Sie durfte sich nie mehr als drei Meter von ihrem Vater entfernen. Vor dieser Fremde hat sie Angst. Die Wüste und die fernen Handelsplätze scheinen feindlich zu sein für ein kleines Mädchen wie Lea. Das weiß sie ganz genau. Ihr sind auch die langen trockenen Wege durch endlosen Sand und die großen traurigen Augen anderer Kinder auf den verschiedenen Märkten im Gedächtnis geblieben. Außerdem ist sie ein auffälliges Mädchen, ihre Haut ist heller als die der Einheimischen und wenn Sonnenlicht in ihre Augen fällt, schimmern sie grünlich. Nur im Dunkeln wirken sie braun. Dann fällt Leas Blick auf ihre kleine Schlange, sie ist größer geworden und schaut sie jetzt aufmerksam an. Lea hat sich ihre Schachtel mit den länglich grünen Blättern der Pflanzen vom Ufer so an der Schulter befestigt, dass sie immer bei ihr sein kann. Manchmal bringt sie sie an verschiedene Orte, um ihr die Welt zu zeigen. Sie ist unverhofft anhänglich. Sie verlieren sich nie aus den Augen. Nur reden kann sie nicht mit ihr. So bleibt Lea mit ihren düsteren Gedanken allein. Ihre Heimat, ihre Eltern erscheinen ihr nun umso wertvoller, da sie ihr verloren gehen. Jeder Moment ist von zukünftigem Schmerz erfüllt in ihrer kleinen Brust.
Von Halle nach Berlin
Henriette liegt in ihrem Bett. Ihr rechtes Bein fühlt sich schwer an, es ist eingegipst. Viele Stunden verbringt sie nun allein zu Hause, der Schulweg ist noch zu beschwerlich. Tschibi, der kleine Wellensittich, leistet ihr immerhin Gesellschaft. Zusammen haben sie viel Spaß. Wenn Henriette durch die Wohnung humpelt, läuft er ihr langsam hinterher. Henriette muss vorsichtig sein, bei so einem kleinen Vogel. Henriettes Vater kommt, obwohl sie krank ist, weiterhin nur alle zwei Wochen nach Hause zu seiner Familie. Er muss arbeiten und studieren. Jetzt hat Henriette viel mehr Zeit, ihn zu vermissen. Nach vier Wochen kommt der Gips ab. Ihr Bein sieht schneeweiß aus, die Haut schuppt sich. Es fällt ihr schwer, sich wie früher zu bewegen. Außerdem erscheint ihr das rechte Bein dünner zu sein. So wie der Kontakt zur Welt. Ihre Freunde müssen sie vergessen haben, draußen lacht die Sonne, niemand besucht sie. Nun ist sie es, die bei Lena klingelt.
„Kommt Lena raus, hier ist Henriette.“ Sie steht unten an der Haustür Nummer fünf, das Bein kribbelt.
„Henriette!“, eine scharfe Stimme tönt aus der Sprechanlage in Halle.
„Ja?“ Henriette ist unsicher.
„Ihr geht nicht auf die Baustelle, versprochen!“, die Stimme des Vaters von Lena klingt bedrohlich.
„Nein, das tun wir nicht. Ich hab meinen Kreisel mit.“
„Gut, dann nimmt Lena ihren auch mit. In fünf Minuten ist sie da.“
Die beiden Mädchen begrüßen sich schüchtern, das Erlebnis auf der Baustelle sitzt noch in den Knochen. Sie laufen zusammen auf den Platz vor dem Zentrum, der mit breiten Betonplatten ausgelegt ist, auf die die Sonne knallt. Dann schlagen sie mit ihren kleinen Peitschen die Kreisel an, die sich lustig drehen. In Halle, auf einem Platz zwischen Zentrum, Sand und Neubauten.
Plötzlich ziehen sich Wolken zusammen, die vorher wie kleine Wattebällchen über ihnen dahingezogen waren. Aus der Ferne grollt der Donner. Dann bricht sich das Wasser Bahn und schlägt in Massen auf dem Boden auf. Plötzlich sind viele Kinder auf der Straße. Henriette und Lena laufen zu ihrem Haus. Rasch entledigen sie sich ihrer Sachen, es ist schwül. Die Baupfützen vor dem Haus füllen sich schnell. Henriette badet und es kommt ihr vor, als wäre sie in Bulgarien am Meer im Urlaub. Die Kinder plantschen begeistert, bespritzen sich gegenseitig und kreischen. Henriette fühlt sich wieder heimisch. Beim Abendbrot eröffnet ihr die Mutter, dass sie nach Berlin ziehen werden. Zum Vater. Susanne freut sich, Henriette schaut aus dem Fenster und den weißen Wattebällchen nach.
Der alte Tuareg
Bevor ihr Vater geht, tritt er noch zu Lea und wiegt das sich schlängelnde Tier, das sich streckt, als es in den großen Händen des Vaters liegt. Um sich dann blitzschnell wieder zusammenzukringeln. Er stellt fest, dass das Reptil ein Weibchen und schon größer geworden ist, schneller als der Vater dachte. Er runzelt die Stirn. Lea beobachtet ihn gespannt. Sie spürt die Achtung des Vaters gegenüber ihrem Findling, auf dessen Rücken sich schon gezackte Linien bemerkbar machen. Rot und schwarz. Und Gelb. Der Vater klappt den Kiefer der kleinen Schlange auseinander und befühlt die kleinen Zähne. Er drückt auf die seitlichen spitzen Zähne, aus denen sich eine Flüssigkeit absondert. Die zerreibt er zwischen seinen kräftigen Fingern. Dann legt er die kleine Schlange vorsichtig in Leas Hände, die sie schnell in der kleinen Kiste verschwinden lässt. Der Vater dreht sich um und geht. Lea sieht ihn zu seinem Kamel laufen, die Silhouette seines großen Körpers harmoniert beeindruckend mit der Größe seines Kamels Lala. Er reitet es seit vielen Jahren. Sie vertrauen sich ohne viel Tamtam. Nie lässt ihr Vater Lala in der Sonnenhitze stehen, so wie es viele andere Besitzer mit ihren Kamelen machten, bis sie durchdrehten und verzweifelt wegrannten oder ihre Besitzer bissen.
Nie bindet der Vater seinem Kamel die Beine zusammen. Immer steht in einem Eimer Wasser für Lala bereit und immer auch getrocknetes Gras und sogar Brot. Lala dankt es dem alten Tuareg mit Sanftheit und Gutmütigkeit. Und auf langen Ritten durch die Wüste mit Hartnäckigkeit und Härte gegen die gleißende Hitze. Sein Kamel kann sich durchschlagen, Sandstürmen trotzen, lange Durststrecken überwinden. Es ist zäh. Schön und zäh in der Wüste. Der Tuareg weiß, von ihm hängt dort in der gelben Unendlichkeit der Welt sein Leben ab. Und das seiner Familie. Überlebenskampf. Um nichts in der Welt würde er sein Leben tauschen wollen. Nicht mit der Moderne, nicht gegen Geld, nicht gegen Liebe. Seine dunklen Augen sind wie die eines Wolfes, sie glühen durch die Nacht, sein Blick ist dann feindselig. Und so manch ein nächtlicher Reiter durch die Wüste wagt es nicht, sich zu diesem düster und konzentriert wirkenden Mann ans Feuer zu setzen. Dann achtet der Tuareg nur auf mögliche Gefahren, auch seine Ohren nehmen jedes Geräusch wahr. Und jeder Fremde oder auch vermeintliche Freund kann hier schnell zum Feind werden. Das sagen ihm die unzähligen Geschichten, die sich die Einheimischen erzählten. Sie haben sich in den langen Nächten von Jahrzehnten, Jahrhunderten an den Feuern in der Wüste erhalten. Tagsüber arbeitet er hart, Handel betreiben, Tiere pflegen, das kleine Haus flicken. In den Fältchen seiner Haut immer den Wüstenstaub, der ewige Begleiter dieser Wildnis.
Unbezähmbar wirkt auch der sanfte, stolze Blick Lalas mit stets hoch erhobenem Kopf. Lea dankt dem Kamel oft, wenn es ihren Vater heil von den langen Touren wiederbringt, mit einer Extraportion Hirse, die sie sich selbst heimlich vom Munde abgespart hat. Manchmal gibt Nana etwas dazu. Lalas regelmäßiges Kauen nimmt sie als Danksagung. Oft auch nimmt sie eine alte verrostete Stahlbürste und kämmt das von der Sonne verblichene und struppige Fell. Es fühlt sich strohig an, trotzdem liebt es Lea, ihm geduldig durch das Fell zu streichen. Und Lala genießt es. Die langen Wimpern haben es Lea besonders angetan, stundenlang schaut sie sie an und versinkt in den sinnlichen Tiefen der dunklen großen Augen. Sie wusste, was das Kamel wusste.
Das Wüstenmädchen bemerkt, dass der letzte Blick des Vaters dem Familienradio mit dem Generator gilt. Auch sonst fällt es dem beeindruckenden Tuareg schwer, Abschied zu nehmen. Zu gerne hört er mit seiner Frau Nana und der Großmutter während der Mittagshitze Radio. Unvergesslich die Momente für Lea, wenn sich die Luft wie eine zweite Haut über alle legt und die Stimmung einen sanften Frieden verbreitet. Im Hintergrund die fröhlichen Stimmen aus dem blechernen Ding. Nun werden sie sie allein hören müssen. Mit der kleinen Schlange.
Lea schaut ihrem Vater noch lange hinterher, wie sich sein Kamel mit der Salzkarawane in der Wüste wiegt.
Der kurze Weg über das Gelände des Naturkundemuseums
In Berlin wartet eine große Vierraumwohnung auf die Familie. Susanne richtet sich sofort ihr neues Zimmer ein. Henriette ist um Tschibi besorgt. Zug. Das schlimme Wort. Hoffentlich hat sich der kleine Vogel den nicht geholt. Die Krankheit, die so ein winziges Vogelherz schnell zum Stillstand bringt. Als sie das Tuch, das sie um den Vogelkäfig gewickelt hat, hochhebt, schauen sie kleine Knopfaugen quicklebendig an. Flink hüpft Tschibi vom Boden auf die Holzstange, um an ihrem Finger zu knabbern, den sie ihrem geliebten Vogel hinhält.
Henriette bekommt einen kreisrunden Strohteppich in ihr Zimmer auf das graue Linoleum gelegt. Die gelben Vorhänge bleiben. Aus ihrem Fenster schaut sie nun auf ein altes Haus mit grauem Putz und alten, verwitterten Holzfensterrahmen. Die Fenster, die meisten ohne Gardinen, sehen leer aus. Trist. Alt. Allein. In ihnen spiegelt sich das Hochhaus, in dem Henriette nun wohnt. Der Himmel ist verschwunden, Henriette fühlt sich auf sich zurückgeworfen. Links vom Haus vor ihr erspäht sie eine große graue Wand. Keine Augen – keine Fenster – in ihr, einfach nur eine kahle Steinmauer, grau verputzt, vermörtelt, mindestens zehn Meter hoch. Ideal zum Ball spielen beschließt sie sofort. Ideal. Ideal.
Bald hat sie eine Abkürzung entdeckt. Der Schulweg führt durch die Gitterstäbe des angrenzenden Naturkundemuseums. Ihre Schultasche fliegt zuerst über den Metallzaun. Dann hält sie sich mit den Händen an den Gitterstäben fest, um die einen halben Meter hohe Metallplatte zu überwinden und einen ihrer Füße hoch in den Zwischenraum zu stecken. Nun zieht sie den Rest ihres Körpers hoch. Dann dreht sie ihre Schulter rechts herum, um mit dem Kopf voran durch das Gitter zu schlüpfen. Erst der Oberkörper, dann die Hüfte, zum Schluss die Beine. Erleichtert hüpft sie auf der anderen Seite hinunter. Geschafft. Dann schnell die Straße, die eine leichte Biegung nach links macht hinuntergelaufen und schon kommt sie über die Invalidenstraße zu ihrer Schule. Nur noch drei Minuten. Jetzt kann sie zehn Minuten länger schlafen. Zu gern liegt sie bis nach Mitternacht mit einer Taschenlampe bestückt unter ihrer Bettdecke und liest. Der stille Don, Pony Pedro, Wolfsblut, Onkel Toms Hütte.



