Jetzt spinnen wir um die Wette, Henriette!

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Susanne
Henriettes Mutter kommt ins Zimmer gerannt, es ist Mitternacht. Die überraschte Henriette schafft es nicht einmal mehr, die Taschenlampe unter der Bettdecke verschwinden zu lassen, doch das ist der sonst so gestrengen Mutter egal.
„Susanne ist krank, deine Schwester.“
Henriette hört zu und merkt, wie sie auf einmal müde wird. Bleiern. Fred, Madleen, die fehlenden alten Freunde, Tschibi und jetzt Susanne. „Sie sieht doch gesund aus“, entgegnet sie der Mutter.
Dann fängt die Mutter an zu weinen. Von nun an kommt Henriette immer öfter am Wochenende zu ihrer Tante, die ein paar Kilometer weiter weg mit ihrem Mann in einer Datsche wohnt. Ein Apfelbaum wächst dort im Schrebergarten, außerdem gibt es Kaninchen. Einer Häsin bindet die tierverliebte Henriette eine blaue Schleife um, die soll nicht geschlachtet werden, sagt sie ihrer Tante. Die Tante nickt.
Die Datsche hat einen Eigengeruch, den Henriette nicht einordnen kann, es ist eine Datsche aus Pappe, wie sie bemerkt. Als sie mit dem Finger gegen die Wand der Datsche pocht, klingt es so wie die Luftballons, die sie in der Schule mit nassem Papier beschichten, um Gesichter zu basteln. Und vielleicht riecht sie auch ein bisschen nach Klebstoff. Die Wand.
Die Welt bleibt für Henriette übersichtlich. Klein. Mit Fred, ihrem besten Freund. Der für einen Rauhaardackel ziemlich stark nach Urin riecht. Nach dumpfem Hund, doch das stört sie nicht. Nach Hause mitbringen darf sie ihren Freund nicht. Und wenn sie mit ihm draußen war, besteht die Mutter darauf, dass sich Henriette im Bad die Hände wäscht.
Für weitere Abwechslung sorgt der Intershop, an dem sie oft vorbeiläuft. Manchmal sind sie mehrere Kinder, die dort vorbeilaufen und den Geruch von Kinderschokolade und Kaffee neugierig in ihre kleinen Riechorgane einsaugen. Es riecht nach Limonenseife, vermischt mit nussigen Komponenten. Nach Riesenüberraschung. Nach Kakao. Nach geheimnisvollem, raschelndem Papier. Aus den Reisebussen, die an der Grenze stehen, werden manchmal ungefragt Nimm Zwei-Bonbons geworfen und Schokolade. Am besten schmeckt Henriette die Schokolade aus den Kinderüberraschungseiern. Die zunehmende Sorge der Mutter um ihre Schwester tangiert sie nicht. Sie kann nichts sehen, nichts fühlen. Kranke Menschen sehen anders aus, befindet Henriette.
„Was hast du denn? Mutter sagt, du bist krank“, fragt sie eines Nachmittags, als sie zusammen Mensch-ärgere-dich-nicht spielen.
Susanne ist gerade dabei, zu gewinnen; sie hat schon ein Haus voll. Gelb und rot ihre Farben, Henriette spielt mit den grünen und blauen Männchen. Henriette würfelt zwei Sechsen und platziert ein grünes Männchen zielsicher im Haus, dann bewegt sie eines auf dem Feld vier Plätze weiter.
„Nichts.“
Henriette ist erstaunt.
„Wie nichts?“
Susanne zwirbelt ihre dunklen Locken und wippt mit dem rechten Fuß.
„Na, nichts. Mutter denkt, ich bin ein bisschen blöd, kann nicht gut rechnen und schreiben. Jetzt macht sie fast alles für mich. Mir soll’s recht sein.“
Henriette ist jetzt schlauer als vorher. Susanne kam ihr noch nie blöd vor. Eher manchmal petzerisch, weil sie der Mutter brühwarm alles von ihrer Schwester erzählt, was sie weiß. Henriette findet Zettel mit Nachrichten wie diesen: „Henriette hat die ganze Schokolade aufgegessen.“, „Henriette hat laut Musik gehört.“, „Henriettes Freundin war hier.“ Und das auch noch ungefragt. Sie hat nie gehört, dass die Mutter Susanne dazu aufgefordert hätte.
Und Susanne wusste Jahr für Jahr, Monat für Monat, Stunde für Stunde immer weniger, weil Henriette ihr nichts mehr erzählte. Fast nichts. Erzählen wollte. Nicht aus ihrer Welt.
Erst mal zurück
Lea hört wie aus der Ferne bekannte Stimmen und Klänge und eine Sprache die auf ihrer Haut eine Gänsehaut erzeugt. Eine Frau rast auf sie zu und umarmt sie. Lea schaut sie mit großen Augen an, die Frau kneift ihr in die Schultern und ist außer sich vor Freude. Es ist ihre Mutter. Lea nimmt die Silhouette eines großen Mannes wahr, der aufmerksam in ihre Richtung schaut. Neben ihm eine kleine gebeugte Frau, Bernadette, ihre Großmutter. Über die so viel erzählt wurde bei Iris und Bernd. Lea hält den Griff ihres lilafarbigen Koffers ganz fest, den Iris zusammen mit ihr für ihre Rückreise gekauft hat.
„Meine Lea, du hast mir so gefehlt, du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr du mir gefehlt hast. – Okkoz – vier Jahre, Ma tolahed? Wie geht es dir? Anshahi d! Verzeih mir! Anshahi d!“
Instinktiv erinnerte sich Lea noch daran, dass es bei dem Stamm ihres Vaters nicht üblich ist, darauf zu antworten. Ganz im Gegensatz zu Bernd und Iris. Wenn man um Verzeihung für etwas bittet, gibt es immer eine Antwort. Jetzt fallen Lea die Tränen von Iris ein, der schwere Moschusduft ihrer Haare beim Abschied. Ihre Tränen, die Tränen einer Mutter. Und Bernd, der wahrscheinlich vor vier Jahren noch nicht ahnte, wie viel es ihm bedeutete, Lea in seiner Familie zu haben, und dessen Liebe und Achtung zu Iris stetig wuchs. Wenn auch das ein ungleicher Vergleich war, hat Bernd doch Iris vom ersten Augenblick an geliebt, wie sie Lea oft erzählten. Iris dagegen hat Bernd erst lieben gelernt. Er hat sie lange und mühsam erobern müssen. Fast nicht mehr dran geglaubt.
Lea sieht ihren Vater, der ihr wohlwollend unter seinem Turban zuzulächeln scheint, auch wenn Lea seine Nase und seinen Mund mit den markanten Wangenknochen nicht sehen kann. Er steht aufrecht und stolz in der Flugplatzhalle, deren Seitenwände immer noch offenstehen, Menschen in bunten Kleidern laufen rechts und links an ihm vorbei. Kein Wind, kein Sandsturm und kein Mensch haben ihren Vater jemals gebeugt gesehen. Lea ist vom Redeschwall Nanas überfordert. Sie ist müde und umarmt Nana sanft. Nana nimmt sie an die Hand und zieht sie zu ihrer Großmutter, die mindestens einen Kopf kleiner als Nana ist, jedenfalls kommt ihr das auf die Entfernung so vor. Doch jetzt, wo sie vor ihrer Großmutter steht, sehen sie sich auf Augenhöhe an. Die runzeligen Hände Bernadettes umrahmen das Gesicht Leas, dann küsst sie sie zweimal auf jede Wange. Lea spürt die warmherzige Art der Großmutter und langsam beginnt sie sich heimisch hier zu fühlen. Sie riecht den alten Vater Wüstenwind, der sich über das ganze herrschaftliche Land erstreckt und gibt ihrem Vater die Hand. Der Vater beugt sich urplötzlich zu ihr hinunter und umarmt sie fest.
„Endlich bist du wieder hier, endlich! Herzlich willkommen!“
Lea spürt es, als würde sie etwas Salziges auf ihren Lippen schmecken. Die Tränen ihres Vaters?
An der Mauer Berlins
Henriette schaut sich Berlins Mitte an. Die altbekannte Mauer, deren Löcher sie grau in grau die letzten zwei Jahre begleiteten. Fred trottet neben ihr her. Die Aufmerksamkeit Henriettes hat er nicht. Ab und zu wirft der temperamentvolle Rauhaardackel ein paar warme Blicke hoch zu seiner inzwischen geliebten Freundin. Heute hat sie sich in der Schule eine Fünf eingefangen. Ihr Schulatlas ist verschwunden. Einfach so.
Sie läuft am Grenzübergang vorbei, an dem Busse stehen. Sie läuft weiter. Vorbei an ihrer Schule, an der Tierversuchsstation. Viele Bassets tummeln sich dort. Das sind die Favoriten für die Medizin. Geduldig und lieb lassen sie alles über sich ergehen. Henriette hat immer gemischte Gefühle, wenn sie dort vorbeigeht; am liebsten würde sie alle Hunde retten, mit nach Hause nehmen. Wer weiß, was hinter den dicken Mauern und den Fenstern mit Gitterstäben davor so passiert. Nichts Gutes bestimmt. Fred zerrt an der Leine und winselt. Henriette bleibt stehen. Sie versteht nicht, was dort hinter den Mauern mit den verrosteten Gitterstäben abgeht. Und vor allen Dingen, was soll das für einen Sinn ergeben? Sie weiß nur, dass es ihr einen Stich direkt in ihr Herz versetzt, was dort sein könnte. Im Namen der Wissenschaft. Sie läuft weiter zur Friedrichstraße hoch und läuft und läuft. An der Spree entlang. Etwas ist passiert, sie spürt es. Dann bleibt sie auf einer Brücke stehen und schaut auf das Wasser hinunter. Es wirkt friedlich, sanfte Wellen lassen die durchkommenden Sonnenstrahlen und das helle Licht sanft funkeln. Es weiß nichts von dem, was Menschen machen. Es glitzert und schwappt dann ans Ufer. Dunkel und unsichtbar. Eine Schallmauer aus kleinen Molekülen. Henriette erinnert sich an ein Gespräch mit ihrer Klassenlehrerin.
„Die Plastiktüte mit der Marlboro-Werbung hat hier nichts zu suchen, das ist verboten“, fordert diese streng.
Keine Widerrede. Ihr eiserner Blick sagt alles. Werbung mit dem Cowboy auf dem sich aufbäumenden Pferd. Der Westen und der Osten. Für Henriette ein Traum; der von Weite und Freiheit. Der Westen hinter der Mauer, hinter Polizisten, kleinen Häusern, in denen nur ein Mann saß. Umgeben von Glas. Die Spree und die Moleküle. Hier hat sie jedenfalls nicht ständig die Mauern der Grenze vor dem Gesicht. Fred hat es aufgegeben, einen Blick von Henriette zu erhaschen. Sie dreht sich um und läuft den Weg mit Fred zurück. Im Park leint sie Fred noch mal ab, doch er hat die Lust jetzt vollends verloren. Bedrückt und enttäuscht bleibt er sitzen und schaut Henriette an. Mit zuckersüßen braunen Dackelaugen.
„Mann, los, lauf doch!“ Henriette beugt sich zu ihm herunter und umarmt ihn.
Der Hundegeruch gräbt sich in ihr limbisches System. Rauhaardackelmännchen. Irgendwie ein herber Geruch. Fred wedelt ein bisschen mit dem Schwanz, doch bleibt er eisern bei ihr sitzen.
Der Drache lebt
Der alte Tuareg schaut in den Sternenhimmel, er hält Leas Hand.
„Hier ist viel passiert in der Zeit, in der du nicht da warst. Unsere Stämme können nicht mehr Hirse durch die Wüste bringen, die Weißen haben viel zerstört. Durch Einmischung. Selbst der Fluss hat das nicht ausgehalten und uns überschwemmt. Die Geister sind böse mit dem, was mit unserem Land passiert.“
Er wirkt nachdenklich und ruhig. Sein Augenweiß glänzt im Licht. Er neigt seinen Kopf, wie um seine Sinne gen Himmel zu richten, von der Seite sieht es so aus, als wären seine Augen riesig. Rund und eindringlich in das Universum gerichtet.
„Die Überschwemmungen haben viel kaputt gemacht, viel zerstört. Wie gut, dass du in Sicherheit warst. Bist du doch unsere Zukunft. Unser Glück. Unser Schatz. Und jetzt sprichst du die Sprache deiner Großmutter und hast unsere vergessen?“
So hatte ihr Vater noch nie mit ihr gesprochen. Wie mit einer Erwachsenen. Er wirkt hart, die Sorgen haben seine ohnehin von Wüstensand gegerbten Züge noch tiefer in sein stolzes Gesicht gegraben. Seine Augen scheinen zu lächeln. Lea spürt die Wärme über den Händen des Vaters, als sie sie kurz berührt. Als hätte er die Wärme der Wüste in den letzten vier Jahren für Lea gespeichert. Nur für sie.
„Ich habe nichts vergessen“, antwortet sie leise. Der Vater hat für die Familie ein neues kleines Haus gebaut. Auf Sand. Lange schliefen sie wie Reisende an den Ufern des sich immer mehr ausdehnenden Wassers. Das alles von Menschenhand Gestaltete unter sich begrub. Immerhin haben sie überlebt, die Flut überraschte sie nicht in der Nacht. Auch wenn Nana mit allem hadert. Das Jammern Nanas überdeckt die geschäftige Betriebsamkeit der ganzen Familie, menschliches Leben zu erhalten und die täglichen Bedürfnisse für die biologischen Vorgänge des Körpers zu gewährleisten. Obwohl Bernadette sich ein anderes Leben als das, das sie lebt, gar nicht vorstellen kann, staunt sie. Über die Wüste und so viel Wasser. Das hatte sie noch nicht gesehen in all den Jahren. Und es waren viele Jahre, die ihre Haut gegerbt und ihre Zweifel mit der Zeit zerstreut hatten. Zweifel an ihren Entscheidungen, die damals so klar waren, um dann doch in den schweren Zeiten der mühsam aufgebauten Sicherheit zu weichen. Und den vielen Gedanken. Zu viele Gedanken. Zu viel Sand und zu viel Wasser. Zu viel Wind. Zu viel Sonne. Zu viel Licht, zu viel Erleuchtendes. Die Höcker der Kamele einzig ragen prall in die Luft. Die veränderten Umstände sind ihnen nicht anzusehen. Gleichmütig schauensie in die Ferne und mahlen mit ihren großen Zähnen.
„Kleopatra?“
Lea schreit laut angesichts der fünf Meter großen Schlange vor dem Haus.
„Ihr habt sie nicht weggebracht? In die Wüste? Das habt ihr doch versprochen?“
Ungehalten stürmt sie auf ihren Vater zu und trommelt mit ihren Fäusten gegen seinen beigefarbigen Umhang und spürt seinen drahtigen kräftigen Körper. Ihr ist mulmig zumute. Dann geht sie zu ihr und setzt sich vor das große mächtige Tier. Der alte Tuareg setzt sich neben sie.
„Deine Großmutter wollte sie um jeden Preis behalten. Deinetwegen!“
„Du lügst!“
Lea weiß es sofort.
„Nein, ich lüge nicht. Vielleicht verschweige ich etwas, weil ich es selbst nicht weiß. Du kannst nur noch Bernadette fragen. Nur noch Bernadette. Ich weiß, es ist ungewöhnlich. Die Leute reden über uns. Schwarze Magie sollen wir machen, wir seien Todgeweihte, so heißt es. Niemand würde je einer Schlange vertrauen. Jedoch, Lea, manchmal tun wir Dinge, die verstehen wir selbst nicht. Und doch wir müssen sie tun. Wir müssen, Lea.“
Mit diesen Worten steht er auf und geht zu den Kamelen, die hinter dem kleinen neuen Haus einen eigenen Weidegrund haben. Lea weiß, mehr gibt es nicht zu sagen. Die Großmutter sieht Lea und dem alten Tuareg, ihrem Schwiegersohn, aus der Ferne zu. Nachts streicht sie Lea wie früher über die Stirn.
„Sie hat genug zu fressen, Lea, genug. Das weiß sie. Sie ist eine Göttin.“
Das Wort grausam behält sie für sich. Zu genau hat Bernadette zugesehen, wie Kleopatra ihre Opfer verschlang Bei lebendigem Leib und ganz langsam, Stück für Stück. Manchmal wunderte sich Bernadette selbst über sich, dass sie die Opfer beneidete. Nicht um die Art und Weise des Todes, den sie starben, sondern um den Tod an sich. Das Ende. Das unendlich schön sein müsste.
Bernadette spürt in sich eine unheimliche Müdigkeit. Bleiern hat sie sich auf sie gelegt und will nicht weichen. Sie kann nicht mehr. Sie kann einfach nicht mehr. Allein der Anblick Kleopatras reißt sie aus der Monotonie des Lebens, der Mühsal, die das menschliche Leben mit sich bringt. Und das fängt mit der morgendlichen Wäsche an, dem Essen, dem Trinken, dem Besorgen von allem. Wäsche waschen, aufhängen. Feuerholz besorgen. Abwaschen. Essen zubereiten. Die Toilette. Saubermachen. Betten reinigen. Die immer müderen alten Hände. Das Gefühl, langsam auszutrocknen. Und das ist nicht nur ihre Haut. Nicht nur die müden Knochen. Nicht nur der Rücken, das Gedächtnis, das immer mehr von der Vergangenheit weiß und sich immer weniger für die Zukunft zu interessieren scheint. Auf sich achten. Und dann wieder von vorn. Immer wieder alles von vorn. Sie ist einfach nur noch müde. Und sie liebt diese Schlange. Kleopatra. Diese grausame geheimnisvolle Schönheit. Stille. Ihre Erlösung.
Geheimnisse der Grenze
Sie hört es flüstern. Erwachsene haben Geheimnisse. Immer wieder, fortwährend. Henriette liegt im Bett und sieht das Licht vom Flur durch die Ritzen der Tür schimmern.
„Mit einem Schwan?“, jetzt kann sie die unterdrückte Stimme der Mutter hören.
„In den Westen. Und jetzt in Bautzen, im Knast.“
Sie scheint jemanden zu wiederholen.
„In den Westen mit einem Schwan, schiefgegangen.“
Die Mutter scheint sich zu wiederholen. Dann wieder flüstern. Flüstern. Stille. Leise atmet Henriette den Sauerstoff ein, um nichts zu verpassen. Sie wagt es nicht aufzustehen, das Rascheln der Bettdecke könnte wertvolle Worte verschlucken. Sie versucht, ihre Ohren in Richtung Tür zu öffnen. Es ist ganz ruhig. Irgendwann hört sie den Hörer auf das Telefon klacken. Henriette denkt nichts. Es ist alles so weit weg. Am nächsten Morgen geht sie wie immer zur Schule. Sie bemerkt dunkelrote Ränder unter den Augen der Mutter.
Dann geht alles ganz schnell. Umzug nach Friedrichshain, dort wo Lenin auf dem Platz vor einem Hochhaus steht. Ein S- und ein U-förmiger Neubau schlängelt sich durch die Stadtlandschaft. Nicht weit weg eine Kaufhalle, über die Straße der Volkspark Friedrichshain. Dort, wo sie bald Tschibi vergräbt. An einem Samstag nach einem Freitag, dem dreizehnten. Um Tschibi weint sie, ihr Vater ist weit weg. Weit weg. Unerreichbar. Sie weiß nicht, wo er ist. Die Mutter redet nicht. Henriette soll funktionieren. Nach der Schule kommt das Rührei in die Pfanne, die Pfanne wird abgewaschen. Die verglaste Durchreiche, die die Miniküche mit der Stube verbindet, wird in der Woche nur zum Frühstück und zum Abendbrot benutzt. Sie wohnen jetzt zu dritt in anderthalb Zimmern, das Zimmer der Mutter ein Durchgangszimmer; Henriette funktioniert. Und wie. Beinahe.
Morgens jedoch läuft sie in den Keller, dort liegen eine zerfledderte Jeans und gefärbte Jacken sowie ihr schwarzes Stirnband. Dann geht sie in die Schule. Nach der Schule wieder der Weg in den dunklen Keller. Henriette hat Angst. Dort unten. Es muss sein. Einen kleinen Lichtblick muss es geben. Eine schöne Seele braucht auch eigene Sachen. Udo Lindenberg, Ideal, Konstantin Wecker. Ihr Weihnachtsgeschenk, das sie sich heimlich mit in ihr Zimmer nimmt, sendet nachts unter ihrem Kopfkissen. Musik aus dem Westen. The Doors, The Cure, The Scorpions. The Beatles. The Clash. Doch sie funktioniert. Planvoll. In der Schule und zu Hause. Susanne wird weiter und noch mehr verschont. Henriette hat die Verantwortung. Besprochen werden Frühstück, Essen, Einkaufen gehen, Freunde, die sie nicht mit nach Hause bringen darf.
Der Nachbar wirkt freundlich, eine Familie mit drei Kindern. Zu freundlich. Oft versucht er Henriette auszufragen. Er trägt den Vornamen des Vaters nur als Nachnamen an der Tür.
Sie kann sich der Freundlichkeit nur schlecht entziehen. Manchmal, wenn sie zu lange mit dem Schlüssel im Türschloss herumstochert – im Flur ist es immer dunkel –, reißt er freundlich die Tür auf. Als würde er auf Einbrecher achten. So ein Quatsch, denkt Henriette, die kommen doch eher durch das Fenster. Sie wohnen im Erdgeschoss. Henriette könnte nachts heimlich aus dem Fenster klettern und um die Häuser ziehen. Doch es ist niemand da und Susanne, die im hinteren Teil des Zimmers von einem Vorhang von Henriettes Bett getrennt schläft, petzt.
Träume wiederholen sich. Sie läuft durch den Hausflur und Verfolger heften sich an ihre Fersen. Die Verfolger kann sie nicht sehen. Sie ist wie gelähmt. Das fühlt sich schrecklich an, sie spürt, wie die Verfolger sich ihr nähern. Und kann nicht weglaufen, die rettenden Treppen vor sich.
Dann wacht sie auf. Drei Feinde auf dreißig Quadratmeter Wohnraum. Wenn andere Menschen ihren Müll im Hausflur durch die Müllrohre schicken, poltert es. Wie Klabautermänner. Viele Klabautermänner. Über Henriette hört jemand leise Konstantin Wecker – „Genug ist nicht genug“.
Es gibt keine Zeit. Und doch befreit sich der Schmetterling aus seinem Kokon, um zu fliegen und die Blüten dieser Welt zu bestaunen. Aus Mädchen werden junge Frauen. Aus Jungen Männer. So wie die Zeit den Wind vor sich hertreibt, der den Samen vor sich bespielt und fallen lässt, verwandeln sich Geschöpfe. Die Zeit, nicht existent, ein mystischer Verwandlungskünstler in der Unendlichkeit.
Sonnenallee – Arabische Straße
Lea schaut hinter sich. Die rote Tür pendelt leise hin und her. Dahinter das dunkel schimmernde Licht. Wie kam sie hierher, wie konnte das nur passieren? Lea läuft zur U-Bahn. Gesichter, Gesichter, Gesichter.
Abends sitzt sie im Hinterhofgarten, vor sich ein Glas Wein. Sie hört den Specht gegen einen Baum klopfen, folge deinem Herzen, sagt er ihr. Soll das ihr Herz sein? Wenn sie das ihrer Mutter erzählte, an ihren Vater darf sie gar nicht denken. Niemals sollten sie dies erfahren. Niemals. Wie crazy eigentlich. Sie mit ihrer romantischen Seele, ihrem zarten Herzen, hat sich heute zum zweiten Mal vorgestellt. Sie schaut die Fenster des Hofes hoch. Die meisten haben keine Gardinen. Auch keine schwedischen. Sie fühlt sich so kriminell, so schrecklich kriminell. Alle Menschen um sie herum würden sie verachten, wenn sie das wüssten, da ist sie sich ganz sicher. Auweia. Auweia. Auweia. Dann fällt ihr Blick wieder auf die Fenster. Die Wohnung dahinter ist unbezahlt. Noch ein Monat, dann fliegt sie raus. Und wie soll es dann weitergehen? Obdachlos, unter Brücken schlafen, bei Freunden ab und zu, die dann auch nicht mehr lange ihre Freunde sein würden.
Morgen wird sie anfangen, außerdem hat sie sich ja das Beste rausgesucht. Geführt von einer Frau, sie kann nein sagen, sie kann durch den Vorhang schauen, ob die Männer, die hereinkommen und in den Empfangsraum gebeten werden, ihr zusagen. Und selbst, wenn sie sich vorstellt und ihr der Mann nicht zusagt, kann sie der Hausdame Bescheid sagen, dass sie den nicht wollen würde. Die Hausdame regelt das dann mit dem Gast. Außerdem stellen sich ja mindestens noch zehn andere vor, das heißt noch lange nicht, dass der sie dann auch nimmt.
Lea atmet tief durch, wenn sie die zwei rückständigen Mieten bezahlt hat, dann macht sie ganz ruhig. Dann ist das Erste geschafft. Die Steuernummer ist besorgt, für Massagen. Und alles ist geschützt. Nie ohne Kondom, weder oral noch so. Sie zuckt bei dem Gedanken oral zusammen. Was ist das für ein schreckliches Wort. Das würde sie sowieso nicht machen, auch wenn es in ihrer Beschreibung steht, genauso wie anal. Wie ekelig. Das ist nur zum Anlocken, bei den Männern findet viel mehr im Kopf statt, als in Wirklichkeit. Das ist doch Wahnsinn. Was für eine Welt. Was für eine Welt, in die sie da hineingeboren wurde. Warum eigentlich muss, soll man das Leben meistern müssen? Wofür? Sie könnte sich doch auch einfach aufgeben. Genau heute. Jetzt. Einfach sterben, nicht mehr atmen. Nie mehr. So allein und verlassen hat sie sich schon lange nicht mehr gefühlt. Von der Wüste in den Puff. Lea muss lachen. Welch Farce. Wie absurd. Oder ist es was anderes?
Sie erinnert sich an die Worte ihrer Großmutter zu ihrer Mutter, sie hatten sich ihr eingebrannt, waren sie für das sanfte Wesen Bernadettes doch ungewöhnlich:
„Manchmal denke ich, du bist zwar eine schöne Frau, doch irgendwie, wo ist das Feuer? Warum so normal? Auch ich war einmal schön, doch auch rebellisch und natürlich, musste ich dafür bezahlen. Teuer. Doch wo ist dein Feuer? Immer den Ball flach halten, klein bleiben, normal. Ängstlich. Wie öde, Nana, wie öde.“
Nein, öde wollte sie nicht sein, aber ist das der richtige Weg?
Ist nicht eigentlich so gut wie alles falsch, egal wie herum man etwas macht? Oder ist irgendwie alles richtig, weil es nur falsch sein kann. Die Erde rund oder flach, egal.
Eigentlich wollte sie mal studieren. Hätten doch ihre Pflegeeltern es nicht vergessen, den Termin beim Notar vor sich hergeschoben. Immer und immer wieder. Im vollsten Vertrauen, das es Zeit gäbe. Noch. Genug Zeit. Ihr Erbe, das versprochene Testament, so gewonnen wie zerronnen. Sie traf keine Schuld, weder Bernd noch Iris noch sie. Der Tod kam zu überraschend, sie dachten, sie hätten noch Zeit, alles zu regeln. Sie hat sie doch gepflegt, erst Bernd, mit Iris zusammen, und dann Iris. Gewaschen, gefüttert, zum Klo gehievt, die Kacke, die danebenfiel, aufgesammelt, Würgkrämpfe unterdrückend. Die Hände gehalten, in liebende traurige Augen geschaut und alles Ekelige sofort wieder vergessen. Lea atmet tief durch und gießt sich noch ein Glas ein. Dann trinkt sie einen Schluck. Und dann das. Einfach vergessen. Und wirklich vergessen. Da kann keine Bosheit dahintergesteckt haben, Iris und Bernd haben bestimmt nicht gewollt, dass der Staat, den sie nie mochten, ihr Geld bekommen würde. Bestimmt nicht. Sie haben es einfach vergessen. Erst Bernd und dann Iris. Dann sie selbst. Wir haben es vergessen. Es war keine Zeit mehr, zum Schluss ging alles zu schnell. Erst mit Bernd und dann mit Iris. Das Sterben; der Tod kam unverhofft und plötzlich. Das Bessere ist der Feind des Guten. Der Tod, er nahm sich erst Zeit mit den beiden, als würde er es auskosten wollen, das Leid und die Traurigkeit des Abschiednehmens. Als hätte er seinen Spaß daran. Als fände er es lustig. So, als würde er sich dafür rächen wollen, dass sich Iris und Bernd wirklich geliebt haben und auch viel Spaß in ihrem Leben hatten. Wie viel haben sie miteinander gelacht, wie lustig war es hier immer. Lea kullern die Tränen die Wangen herunter. Und jetzt das. Dann ging es Schlag auf Schlag. Merde. Der Puff. Immerhin haben sich Bernd und Iris jetzt wieder, gemeinsam im Himmel. Die nächste Reise. Das war immerhin ein Trost, auch wenn er ihr jetzt nicht weiterhilft. Vielleicht sollte sie sich auch so was wie Kleopatra halten. Hier.



