Jetzt spinnen wir um die Wette, Henriette!

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Die Abstände zwischen den Gitterstäben werden immer kleiner oder ist ihr Körper gewachsen? Ihr Kopf darf nicht wachsen, es ist jetzt schon ziemlich knapp. Sie hüpft die Treppe hoch und kommt aufwärts zu einem großen, überdimensional wirkenden Tor mit schwarzen Ornamenten aus Metall. Nur Riesen, denkt sie, können es öffnen. Dort vergisst sie nie, ihren Hund Kuno zu streicheln. Treu und beständig sitzt er dort, egal ob es regnet oder schneit. Sein Fell glänzt in der Sonne, gusseisern. Ihre zarten Hände streicheln über seinen bronzefarbenen, kühlen, glatten Kopf. Kuno, die einzige emotional stabile Komponente in Henriettes Leben, eine Statue aus Bronze. Kuno gibt ihr Mut, die Tage in der Schule durchzustehen. Einer Schule, die zu groß ist für Henriette. So wie die Tür vom Naturkundemuseum auf sie wirkt, wie aus einer anderen vergänglichen Zeit, so wirkt auch dieses alte Gebäude auf Henriette einschüchternd. Monströse Steintreppen, in die Länge wie auch in die Breite gezogene Flure und Räume mit Fenstern bis unter die Decke. Henriette fühlt sich im Gegensatz zu der kleinen beschaulichen Schule in Halle hier verloren. Verloren in Berlin. Mit einem einzigen Freund: Kuno. Zeit. Vergeht. Still.
Es geht nicht mehr. Henriette ist zwar nach oben gekommen, beide Füße stehen fest in den Zwischenräumen der Gitterstäbe, auch ihre Schulter ist schmal genug hindurchzuschlüpfen, doch ihr Kopf will nicht, kann nicht. Sie probiert es mit der rechten Gesichtshälfte zuerst, dann mit der linken. In welche Richtung sie ihr Gesicht auch neigt, mehr nach unten oder doch ein wenig nach oben, nein, verflixt, ihr Kopf passt nicht durch. Aua, aua. Die Schultasche liegt schon auf der anderen Seite auf dem Boden. Die Stirn beine an ihrem Kopf schmerzen, doch beim besten Willen, es geht auch mit Zähne zusammenbeißen nicht. Obwohl gestern? Da ging das noch. Henriette läuft nun schnell den Weg über die Zinnowitzer Straße außen herum. Jetzt hat sie den doppelten Weg, rennt in das Gelände des Museums, um die Tasche zu holen, die noch am Boden liegt, wie sie hofft. Kurz noch wirft sie einen Blick zu ihrem Wohnhaus. Hoffentlich kommt sie nicht zu spät. Doch mit Pascal, Karsten und Tom hat sie nicht gerechnet. Die drei Jungs grinsen breit und halten Henriettes Tasche siegessicher in ihren Händen. Henriette, die gerade die Biege passiert hat, rutscht der Mut in die Hose.
„Kommst du heute Abend zum Nordbahnhof? Dann kriegst du deine Tasche.“
Die Stimme gehört zu Pascal. Henriette nickt nur, ihr Herz klopft bis zum Hals und trommelt in ihren Ohren. Pascal nimmt die Schultasche und legt sie Henriette in den Arm. Dann gehen die drei laut grölend den Weg zur Schule. Henriette wartet noch ein bisschen, dann geht sie ihnen in einem Sicherheitsabstand hinterher und hofft, sie drehen sich nicht noch einmal um, um wieder zu ihr umzukehren. Heute kommt sie zu spät. Jetzt ist es auch egal. Ihre Schritte werden von ganz allein langsam. Den ganzen Tag kann sie nur an eines denken: Dass sie dort nicht hingehen wird. Nordbahnhof. Ihre Mutter würde sie niemals abends rauslassen und außerdem hat sie Angst vor den drei Jungs.
Sie weiß noch nicht, was es ist. Es ist da, es kommt, etwas, denkt sie; und spürt sie. Eine Wut, die langsam in ihr aufsteigt. Pascal kommt sich wahrscheinlich total cool vor.
Am nächsten Tag – Henriette nimmt morgens sofort den langen Weg zur Schule am Intershop vorbei –, ist Kuno weg. Henriette schaut einmal, zweimal. Er sitzt nicht auf seinem Platz. Sie beschleicht ein unwohles Gefühl. Langsam läuft sie weiter zur Schule. Im Klassenraum – sie fühlt sich immer noch fremd – steht sie vor zwei Klassenkameradinnen, mit denen sie sich unterhält. Plötzlich spürt sie eine Hand zwischen ihren Beinen. Henriette dreht sich um und sieht Pascal. Er schaut sie dreist an, Henriette hört fremdes Lachen. Es ist ganz still im Raum. Dann ein lautes Klatschen. Henriettes Hand auf Pascals rechter Wange. Pascal entweicht das Grinsen aus dem Gesicht. Henriette sucht den nächsten Tisch, den sie Pascal vor die Füße schießt, ebenso Stühle und andere Tische. Das Klassenzimmer sieht chaotisch aus.
„Das machst du nie wieder!“
Henriette erkennt ihre eigene Stimme nicht, die bis auf den Schulflur zu hören ist. Dann sieht sie die Lehrerin im Türrahmen stehen.
Autowüste
Die Großmutter hat sich um sämtliche Papiere für Lea gekümmert. Das Visum von der deutschen Botschaft, der Nachweis über die Gelbfieberimpfung und Flugpapiere. Iris und ihr Mann Bernd aus Deutschland haben eine Bürgschaft für Lea telegrafiert. Lea versucht in letzter Zeit immer, die Geschäftigkeit der Großmutter zu ignorieren. Die Schlange hat nun einen Namen. Kleopatra. Auch die Großmutter scheint sich zunehmend für Kleopatra zu interessieren. Stundenlang schaut sie ihr zu, wie sie sich durch das Gras windet, an den kleinen Wassernischen sich entlangschlängelt, nach kleinen Insekten schnappt. Sie empfindet etwas für dieses kleine kalte Wesen. Blaues Blut wird ihnen nachgesagt, ein Reptil, Schuppenhaut und doch lebendig. Ob sie ein kaltes Herz hat, ein grausames? Wie kann ein Lebewesen ohne Gefühle leben? Existieren? Das fasziniert die Großmutter, es fesselt sie. Die grausame Schönheit der Schlange steigert sich mit jedem gewachsenen Zentimeter. Grandios. Bernadette ist fasziniert. Lea bemerkt kleine Veränderungen an ihrer geliebten Großmutter. Der Blick wird manchmal, beim Betrachten des Schlangenbabys, so nennt Lea sie manchmal noch, fast starr. Als würde das heranwachsende Gift eine hypnotische Wirkung entwickeln, eine bisher nicht gekannte Magie von einem Fluch, getarnt in majestätischem Gewand. Und je mehr diese Magie von der Großmutter Besitz ergreift, umso mehr beginnt die nun misstrauische Lea Kleopatra instinktiv abzulehnen.
Einen Monat nach dem Aufbruch des Vaters in die Wüste bringen die Großmutter und Nana sie zum Flughafen. Der Lastwagen, mit dem sie zum Flughafen fahren, kommt mit einer Stunde Verspätung vor der Post mit quietschenden Reifen zum Stehen. Staub wirbelt auf. Der Abschied von Nana und der Großmutter ist kurz. Im Flugzeug riecht es komisch. Lea fliegt von Bilma nach Niamey mit einem klapprigen Zweimannflieger. Von dem sandbedeckten unbefestigten Landeplatz holt sie ein Flugbegleiter ab und bringt sie in eine große Halle. Der nächste größere Flieger geht über Casablanca nach London, dort bringt der Flugbegleiter das kraushaarige Mädchen in einen Zwischenbereich; er hat eine kleine Matratze und eine Decke mitgebracht. Sechs Stunden später fliegt sie direkt nach Berlin.
Berlin, eine Stadt, in die sie nicht will. Das fremde Land betritt Lea allein. Die Stimmen von vielen Menschen überfordern das Kind zeitweilig, bis sie sich vorstellt, es sind die Grillen aus der Wüste. Die vielen künstlichen Lichter schmerzen zuerst in ihren Augen, dann gewöhnt sie sich daran. Nicht gewöhnen will sie sich an die vielen fragenden Blicke. Sie überlegt sich, ob es wohl daran liegen könnte, dass sie aus einem dunkleren Haus schaut als die anderen. So ist es bestimmt der Großmutter ergangen, als sie als einzige Weiße mit ihrem Mann in Bilma blieb. Je näher Lea Berlin entgegenfliegt, umso mehr fürchtet sie, wird ihr dunkles Gesicht sehr einsam in viele weiße Gesichter schauen. Sie denkt an Kleopatra, die sie zurücklassen musste und die irgendwie einen Platz in der Familie einnimmt, den sie in ihrer kindlichen Gemütsverfassung nicht einordnen kann. Eine Schlange, ein Haustier?
Lea tritt auf die an das Flugzeug herangerollte Treppe und schaut in die Ferne. Die bietet der Flughafen Tegel im ersten Moment. Sie kann das weiße flache Flughafengebäude nicht so recht von dem Hintergrund des Himmels unterscheiden, die Sonne blendet sie. Ihre Augen haben sich so sehr an das künstliche Licht in den Flugzeugen gewöhnt. Intuitiv läuft sie den anderen Menschen hinterher. Es wird schon so richtig sein. Die Stewardess, die sich sehr freundlich um sie im Flugzeug gekümmert hatte, ist nicht mehr da. Immer lächelte die Stewardess sie während der Stunden im Flugzeug an, während sie kleines Gebäck und Getränke an die anderen Gäste austeilte.
Lea versteht kein Englisch, kein Deutsch; nur Französisch, und das spricht hier niemand. Sie verständigt sich mit gelegentlichem Nicken und ihren Augen. Die freundliche Stewardess fehlt ihr jetzt, wo sie verloren vor dem Gepäckband steht. Sie wartet und wartet, die Koffer ploppen auf das Band. Ab und zu wird sie von den schnell zum Gepäckband laufenden Reisenden angeschubst, die wohl Angst haben, ihr Koffer würde von jemand anderem weggeschnappt. Dann endlich fällt ihre prall gefüllte grüne Tasche auf das Band. Sie hat die Strapazen der Reise ebenfalls unbeschadet überstanden. Lea freut sich, einen vertrauten Gegenstand zu sehen. Vor zwei Tagen hielt ihre Mutter Nana die Tasche noch in der Hand und ihre Großmutter streichelte ehrfurchtsvoll und wie bittend über den festen Nylonstoff. Ihr Vater erstand die Tasche von einem der Händler auf dem Markt, er gab dafür einen Teil der kostbaren Hirsevorräte der Familie. Dann läuft sie wieder den Menschen hinterher zum Ausgang. Merde, denkt sie. Sie geht auf die geöffnete Doppeltür zu; das Licht dahinter, eine neue Welt. Eine andere, fremde Welt. Merde, ich will zurück. Merde, hier bleib ich nicht.
Ein großes Schild, von einem kleinen dicklichen Mann gehalten, fällt ihr ins Auge. LEA in großen roten Buchstaben ist darauf gemalt. Neben dem Mann steht eine ebenfalls etwas rundliche Frau, die Haare zu einem Dutt zusammengerollt, mit freundlichen Augen. Die Augenbrauen sind etwas zu stark nachgeschminkt und um den Mund herum lässt sich ein schlecht wegrasierter Damenbart vermuten. Lea fällt das Maskenhafte an ihren Zügen sofort auf. Sie geht auf die beiden zu. Der Mann streckt ihr zuerst die Hand entgegen.
„Ich bin Bernd und das ist Iris.“ Iris umarmt Lea sofort herzlich und fest.
„Merde“, sagt Lea und bleibt zurückhaltend, die Tasche fest in der Hand, als wolle sie sofort umkehren.
Iris und ihr Mann schauen sich vielsagend an.
„Komm!“ Iris nimmt das erschöpft wirkende Mädchen an die Hand; dann gehen sie an vielen Menschen vorbei durch die großen Glastüren, die sich automatisch öffnen zum Parkplatz.
So viele Autos hat Lea noch nie gesehen. Glitzernde bunte Dächer reihen sich endlos aneinander, fast bis zum Horizont. Jetzt wird sie neugierig. Sie staunt. An einem roten Citroen bleiben die drei stehen. Bernd hält den Schlüssel in der Hand, es piept, die Autolichter blinken, dann öffnet er zuerst den Kofferraum. Dorthinein verschwindet der grüne Nylonbeutel. Dann öffnet er die rechte Beifahrertür und für Lea die hintere rechte. Lea sitzt hinten. Zu ihrer Verwunderung fährt Bernd nicht in die Stadt, sondern bald auf einer großen Straße in immer einsamer besiedelte Landstriche. Sie sind bestimmt eine Stunde unterwegs. Bald hält Bernd vor einer Dorfkirche. Draußen ist es kalt. Iris schnappt eine kuschelige Strickjacke, die neben Lea liegt, und gibt sie ihr. Die Strickjacke ist pinkfarben. Lea zieht die Jacke an, sie passt perfekt. Die Farbe ist für das Wüstenmädchen fremd, doch sie gefällt ihr. Bernd steigt zuerst aus, öffnet daraufhin den beiden die Tür. Aus dem Kofferraum holt er zwei Körbe heraus.
Bernd trägt die mit Brot und Käse, Saft und Milch befüllten Körbe, die Frauen laufen neben ihm her. Über Wiesen, angelegte Wege, Kieselsteine. Die Wiesen sind feucht, die Luft ist schwer. Die Sonne arbeitet sich gerade durch den Frühnebel. Bernd steuert auf ein kleines Waldstück zu, ein kleiner Weg schlängelt sich dorthin. Jetzt müssen sie hintereinander laufen.
Abrupt wird der kleine Weg zu einem Steg, der am Ufer eines Sees gebaut ist. Kleine hübsche Bänke sind auf dem Steg angebracht. Auf dem See ruhen sich Wildgänse aus, ihr Geschnatter erfüllt die Luft. Wenn Lea vorher lediglich erstaunt war, so ist sie jetzt begeistert. Sie beobachtet fasziniert die Wildgänse, die sich jetzt mit einem Ruck aus dem Wasser erheben und in verschiedenen Schwärmen hoch zum Himmel fliegen. Manche Wildgänse wirken verloren und füllen eilig schnatternd die Lücken in den eigenen Reihen. Lea fühlt sich im Moment wie diese Wildgänse: Schnell, einsam, aufgeregt, den Anschluss verloren, eine Lücke füllend. Nur welche?
Böse Jungs
Karsten und Tom lauern noch öfter Henriette auf, die nun den längeren Weg über die Zinnowitzer Straße nehmen muss.
„Gib mir einen Kuss!“, fordert Karsten, Tom steht daneben und wartet.
„Wie bitte?“ Für Henriette ist die Situation komisch.
Wenn sie ihre langen Haare versteckt, wird sie noch mit junger Mann angesprochen. Schmal ist sie und hochgewachsen, doch davon will sie noch gar keine Ahnung haben.
„Einen Kuss“, wiederholt Karsten und guckt ihr gespannt in ihre blaugrauen Augen. Henriette versucht auszuweichen, indem sie zwei Schritte nach hinten geht und über die Bordsteinkante stolpert.
Karsten und Tom nutzen die Situation und nehmen ihr blitzschnell den Schulranzen und die Jacke weg. Henriette wehrt sich, doch vergeblich, sie bleibt hilflos. Die beiden Jungs laufen hoch zur Habersaathstraße und werfen Henriettes Sachen auf die Straße. Ihr klopft das Herz bis zum Hals vor Angst, langsam holt sie ihre Sachen und geht nach Hause. Sie dreht sich noch mehrmals um, ob sie von den beiden Jungs verfolgt wird. Niemals bekommen die einen Kuss, ich hasse sie, denkt sie wütend.
Glücklicherweise fragt Madleen, ein großes stämmiges dunkelhaariges Mädchen Henriette, ob sie Lust hat, mit ihr nach Hause zu kommen. Ohne lange zu überlegen, stimmt sie zu.
„Los, komm!“, bekräftigt Madleen nach der sechsten Stunde ihr Angebot.
Die ein wenig verängstigte Henriette ist froh, auf diese Weise den ihr immer wieder nachstellenden Jungs zu entkommen und läuft mit Madleen mit, über die Torstraße in die Chausseestraße. Vorbei an der Tierversuchsstation, durch deren gekippten Fenster sie Hunde winseln hören. Vorbei an einem kleinen Glaskasten mit einem Polizisten darin vor einem Gebäude. Die Ständige Vertretung.
Madleen hat noch vier Geschwister, die sie neugierig begrüßen. Sie wohnt in der Chausseestraße in einer riesengroßen Altberliner Sechsraumwohnung. Mit Stuck an den Decken und vielen Wodkaflaschen auf dem Couchtisch und in der Küche.
„Wo sind denn deine Eltern?“, wundert sich Henriette. „Du hast doch gesagt, sie sind zu Hause?“
Henriette kriecht ein stechender Geruch in die Nase. Zwei Katzen schauen sie aus grünen Augen geheimnisvoll an, sie haben jeweils die Couch und einen Sessel belegt. Draußen hinter den morschen Fenstern ist der Lärm der vorbeifahrenden Zweitakter zu hören.
„Schau mal, hier sind meine Eltern“, fordert Madleen Henriette geheimnisvoll auf und winkt sie durch einen langen Flur zu einer der vielen abgehenden Türen.
Gemeinsam schauen sie durch das Schlüsselloch ihren Eltern beim Poppen zu, so wie es Madleen nennt. Der Vater von Madleen ist klein und dünn, die Mutter klein und dick. Irgendwie verdrängt Henriette die Bilder wieder.
Operation Wüstenbaby
Lea liegt im Krankenhaus, sie ist gerade aus der Narkose erwacht. Zwei Kanülen laufen in ihren Körper aus einem Klarsichtbeutel, der über ihr hängt. Die Schwestern haben Iris und Bernd erlaubt, bei ihr zu sein. Sie ist Privatpatientin und allein im Zimmer. Iris berührt die schmale feingliedrige Hand Leas sanft und lächelt ihr ermutigend zu. Der Arzt kommt herein und sie reden etwas über myoklonische Anfälle nach dem Aufwachen von der Operation und dass der geheimnisvolle Wüstendoktor richtig gehört hat. Nämlich systolische Extratöne, die auf eine Aortenklappenstenose hinweisen. Der chirurgische Eingriff ist erfolgreich verlaufen.
„Toi, toi, toi!“, sagt der Arzt und klopft auf das Holz des einzigen Schrankes im Krankenzimmer. Lea hört nur ein noch komplizierteres Deutsch als das, das ihr Iris und Bernd täglich beibringen. An den Gesichtern ihrer Leiheltern, wie sie sie nun nennt, erkennt sie, dass alles gut ist.
„Jetzt wissen wir auch, warum Lea Schmerzen in der Brust hatte und immer so kurzatmig war.“
„Und das in der Wüste!“, legt Bernd nach.
„Was weißt du schon von der Wüste?“, provoziert Iris ihren Mann.
„Na alles, was Bernadette erzählt hat, und noch viel mehr!“, zwinkert er Iris zu.
Diese beugt sich zu Lea herunter und küsst sie auf die Stirn.
„Komm, unser Baby muss schlafen“, wendet sie sich an Bernd, der immer noch lacht.
„Unser Wüstenbaby“, bekräftigt Bernd mit seiner tiefen Baritonstimme.
Lea sieht die beiden durch die Krankenhauszimmertür hinausgehen. Sie ist umrahmt von Keksdosen, Schokolade, Apfelschorle und diversen Multivitaminsäften. Auf nichts davon hat sie Appetit. Sie wagt es nicht, zu ihrer Brust zu fassen, ihr Körper fühlt sich nicht wie ihrer an. Eher wie ein nicht zu beurteilender Teil von etwas, mit dem sie früher mal gelebt hat. In Bilma, bei ihren richtigen Eltern, die Erinnerung an sie schwebt wie auf einem fliegenden, bunt bestickten Teppich.
Lügen, Lügen, Notlügen
Henriettes Mutter gefällt die Verbindung zu Madleen nicht. Henriette und Madleen gehen vor dem Sportunterricht, der, außer in den Wintermonaten, im Stadion der Weltjugend stattfindet, noch schnell in die Kaufhalle, die sich in der Chausseestraße befindet, und befördern dort reichlich Stangeneis von der Kühltruhe in ihre Turnbeutel. Leckeres Vanilleeis mit Schokolade drumherum. Für zwanzig Pfennige das Eis. Dann verschenken sie es auch an andere Schüler, bevor es ihnen wegschmilzt. Patrick und Pascal treffen sie ebenfalls in der Kaufhalle, deren Turnbeutel sind auch verdächtig prall gefüllt.
„Ich möchte nicht, dass du dich mit Madleen triffst. Ich hab die Mutter bei der Elternversammlung gesehen, das sind Asis!“, schimpft die Mutter eines Nachmittags. „Seit wir in Berlin sind, machst du, was du willst, so geht das nicht. Nach der Schule kommst du sofort nach Hause!“, bestimmt sie.
Henriette schweigt. Sie erzählt ihrer Mutter nichts. Nicht von Patrick, Pascal und Karsten und deren Verfolgungen, noch von Madleen, dem Umweg zu ihr nach der Schule, der sie rettete. Den Umgang konsequent zu verbieten, gestaltet sich für die Mutter als ziemlich schwierig, weil das ihr unsympathische Mädchen in dieselbe Klasse geht wie ihre Tochter. Die trifft sich heimlich mit Madleen und fügt dafür dem Stundenplan einfach noch eine siebente und achte Stunde hinzu. Es gibt da mehrere Möglichkeiten: Werken, Sport und noch ein zusätzlicher Basketballkurs.
Im Spätsommer, die Blätter an den Bäumen fangen an, sich zu färben, sieht Henriette eine alte Frau, die einen Rauhaardackel an der Leine ausführt. Sie freunden sich im kleinen Park an der Scharnhorststraße miteinander an. Henriette spielt mit Fred, dem Hund.
„Darf ich ihn auch mal alleine ausführen?“, fasst sich Henriette irgendwann ein Herz und fragt die alte Dame.
„Tja, Mädchen, ich kann nicht mehr, so wie ich will. Der liebe Gott schaut mir jeden Tag schon beim Sterben zu. Ich weiß gar nicht, ob es richtig war, mir Fred noch ans Bein zu binden, gerne kannst du jeden Tag kommen!“
Die alte Dame stimmt also zu? Unglaublich. Es ist für sie eine große Erleichterung, das glaubt Henriette am tiefen Seufzen nach jeder Wortgruppe und auch dazwischen herauszuhören.
Sie holt Fred jetzt jeden Tag nachmittags ab. Zum Halbjahr entfernt sie die zusätzlichen Schulstunden aus ihrem Hausaufgabenheft. Ab da sieht Henriette Madleen seltener. Das Mädchen und der Hund haben einen Heidenspaß zusammen, bis Fred eines Tages einem Kaninchen hinterherjagt, quer über die Straße rennt und mit einem Trabant kollidiert. Der Fahrer reagiert sofort. Fred liegt zwei, drei Minuten ohnmächtig auf der Straße, seine herabhängenden Lefzen lassen seine rosa Zunge zwischen den weißen Zähnen hindurchglänzen. Henriette und der Fahrer hocken bei ihm und schauen ihn gespannt an. Sie streichelt Fred sanft am Hals. Fred atmet normal, dann bewegen sich seine Augäpfel, sie rollen hinter den halbgeöffneten Lidern auf und ab. Plötzlich springt Fred auf und schüttelt sich. Beruhigt entfernt sich der Fahrer.
Als er wegfährt, heult der Trabant auf und hinterlässt eine große, dunkle Auspuffwolke. Henriette nimmt ihren kleinen Freund auf den Arm und trägt ihn wie einen Schwerbeschädigten zum Park. Die ganze Straße stinkt nach Auspuffgasen.
Obwohl Fred keinerlei Verletzungen anzumerken sind, sitzt der Schreck tief. Der alten Dame erzählt Henriette nichts von diesem schrecklichen Erlebnis. Aber sie wagt es nicht mehr, Fred auf der Straße freizulassen. Mit diesem ungebändigten Jagdtrieb hatte sie nicht gerechnet.
Das Mädchen hat Angst um ihren guten wilden Freund. Jetzt gräbt sie für sich und Fred mit einem Stock und ihren Händen ein Loch unter dem Zaun durch zum Stadion der Weltjugend, das sie jedes Mal, wenn sie zusammen durchgeschlüpft sind, mit Brettern, die sie in den Draht klemmt, notdürftig verschließt. Im Stadion darf Fred dann wieder von der Leine; nachmittags wenn die beiden allein mit sich sind, abgeschirmt von der feindlichen Welt. Draußen tuckern die Trabis und Wartburgs vorbei, die Ost-Raritäten der Zukunft. Die schönsten Stunden, wenn das Stadion nicht mehr von sportlichen Jungpionieren bevölkert ist, verbringt Henriette mit Fred in den späten Nachmittagsstunden.
Ina, ein Mädchen aus einer Klasse über Henriette, entdeckt den Durchschlupf und trainiert ab sofort heimlich Hochsprung im Stadion. Henriette freundet sich mit Ina an. Das Loch im Zaun zum Stadion spricht sich bald unter Inas Freunden herum; bald sind sie fünf, sechs heranwachsende Kinder, die Hochsprung auf der dicken Matte üben. Henriette erzielt dabei nach hartnäckigem Üben erstaunliche Leistungen, hält sie sich doch im Grunde für total unsportlich. Vor allem seit dem Erlebnis an der Betonwand mit Lena. Fred indes jagt fröhlich Hasen. Unwillkürlich muss Henriette an Annette denken, ein großes blondes Mädchen aus ihrer Klasse, mit dem sie sich beinahe angefreundet hätte. Katzenaugen hätte Henriette, so Annette, doch das war nicht der Grund, warum Freundschaft nicht ging. Annette hat eine süße Katze, von der sie jeden Tag erzählt. Und auch von ihren Handschuhen, die sie später haben wird, aus genau dem Fell dieser Katze, wenn sie denn stirbt.
Die Wüste geht unter
„Was habt ihr, eine Überschwemmung, Flutkatastrophe? In der Wüste? Matilan? Man muss es hinnehmen? Ich glaub’s nicht. Vier Jahre, dann länger! Null Problem.“
Bernd ist sofort entschlossen. Er schreit durch die große Wohnung, läuft mit dem Handy am Ohr von einem Zimmer zum anderen. Iris ist überrascht.
„Matilan. Vier Jahre ist doch super, da kann sie Deutsch lernen und zur Schule gehen. Iris hat sie schon eingesackt, an Kindes statt angenommen, sozusagen“, posaunt Bernd lauthals ins Telefon. Er legt das Telefon auf den gläsernen Couchtisch am Fenster im Wohnzimmer und geht ins Bad.
„Sag mal“, Iris steht sofort auf und läuft ihm hinterher, „vielleicht sagst du mir mal, was los ist.“
„Hast du doch gehört“, schnauft Bernd auf der Toilette. „Süße, lass mich doch mal in Ruhe mein Geschäft machen, ist doch auch für mich aufregend. Lea bleibt die nächsten vier Jahre bei uns.“
Die anfängliche Spannung fällt von Iris ab, ihre Knie werden weich, sie hockt sich an die Wand vor der Toilette. Wenn Träume wahr werden, glaubt man sie nicht, denkt sie, und es haut einem die Beine weg. Bernd kommt aus der Toilette raus, sieht Iris und hockt sich neben sie.
„Süße, das hast du dir doch gewünscht, vier Wochen, vier Jahre. Jetzt haben wir jemanden aus der Familie, um den wir uns kümmern werden. Ist doch egal, wie weit entfernt verwandt. Sprache ist lebendig, Familie auch. Und wir zahlen ja alles; da sollte es ja wohl keine Probleme geben mit den Behörden.“
Iris glaubt es auch noch Tage später nicht. Zu sehr verwob sich ihr insgeheimer Wunsch mit der Realität. Sie kümmert sich liebreizend um Lea, die jetzt zu Hause von ihr gepflegt wird. Abends liest sie ihr Geschichten vor und zeigt ihr Bilder dazu. Leas Lieblingsbuch ist ein Russisches: Der Feuerdrachen. Lea, die sich ebenfalls in einem Traum befindet, saugt die neuen Eindrücke förmlich auf. Die deutsche Sprache, so befindet Lea für sich, hört sich an wie Trommelschläge auf dumpfem Holz mit einem leichten schönen Klingeln darin, wie von heiligen Glocken. So eine, die Iris immer benutzt, wenn sie zum Essen ruft. Lea fängt an, Iris zu beobachten und zu entdecken. Die feinen Linien um ihre Augen herum, die meisten sind Lachfalten, der gutmütige Blick ihrer blauen Augen. Der immerwährende Schalk in ihnen, wenn sie ihren Mann Bernd anschaut, und das Glucksen ihres Lachens. Die rundliche Silhouette gibt Lea ein Gefühl von Geborgenheit. Urplötzlich kommt Bewegung in Bernd und Iris. Lea soll eingeschult werden. In vier Wochen ist es so weit. Zuckertütenfest. Iris lernt mit Lea im Eiltempo Deutsch, sie kauft sich eigens ein Fremdsprachenbuch dafür in Leas Sprache, mit dem sie nun zusammen lernen. Morgens, mittags und abends, je zwei Stunden büffeln. Schreiben fällt Lea unendlich schwer, Iris rauft sich verzweifelt die Haare, doch sie kämpfen sich durch, Strich für Strich, Kurve für Kurve, Zeile um Zeile.



