Jetzt spinnen wir um die Wette, Henriette!

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„Such dir etwas zu sitzen, Kind“, murmelt er.
Es dauert, Lea sucht mit ihrer Hand den Stuhl, der sich rechts neben dem Telefonschränkchen befinden muss. Ihre Finger suchen vergeblich, dann bekommt sie ihn zu fassen, ohne die Strippe des Schnurtelefons zu sehr zu belasten.
„Okay, Vater, ich sitze.“
„Kleopatra hat Großmutter getötet. Deine Großmutter wollte es so. Sie hat es auf vielen Wegen versucht. Sogar hungern hat sie sie lassen. Doch Kleopatra wollte sie nicht. Irgendwann hat sie gebissen.“ Lea weicht das Blut aus den Adern. Unwillkürlich muss sie anfangen zu schluchzen.
„Mein Kind, deine Großmutter wollte es so. Es war ihr auserwählter Tod. Kleopatra wollte sie nicht fressen, dann hat sie es auf diesem Wege getan. Es gibt Schamanen, die gehen in Höhlen mit Schlangen, werden sie nicht gebissen, sind sie heilig. Deine Großmutter ist so eine. Heilige. Sie hat Kleopatra ausgetrickst, sie kann nichts dafür. Sie ist eine Göttin. Wir werden Kleopatra weit weg von hier bringen, noch weiter als da, wo du sie gefunden hast. Damit sie wieder frei ist. Vielleicht war es eine gute Idee von dir, sie hierherzubringen. Vielleicht auch nicht. Das wird nur Allah allein wissen. Dein Gott, mein Gott. Lea, ich liebe dich. Deine Großmutter sieht so schön aus. Und Kleopatra bewacht sie, bis wir sie heute Nacht in der Wüste verbrennen. So hat sie es sich gewünscht. Komm uns bald besuchen. Ich leg jetzt auf.“
Lea legt ganz langsam den Hörer auf. Sie kann nicht mehr. Das kann man doch niemandem erzählen. So hat sie es sich nicht vorgestellt. Dass ihre Großmutter ging. Nun konnte sie auch die Blicke der Großmutter auf Kleopatra einordnen. Ihr wird schlecht. Sie bricht zusammen.
Lea wacht auf. Sie schreibt einen Brief an die Hausverwaltung. Hat sie sich so vorgenommen. Nachdem sie einen Briefumschlag und das Papier vor sich hingelegt hat, steht sie auf und mahlt Kaffee. Das Geräusch der immer lauter werdenden Kaffeemühle und der Kaffeegeruch beruhigen sie. Dann macht sie das Radio an. Frau Merkel. Der Islam gehört zu Deutschland. Wie bitte? Wie soll denn das gehen? Dann mahlt sie weiter. Drückt immer und immer wieder auf den Knopf. Als würde die Maschine dann schneller mahlen. Oder intensiver. Feiner. Tut sie aber nicht. Dann schaut sie aus dem Fenster. Draußen regen sich grad ein paar Türken auf. Hamdudelchallah, das sind Leas Lieblingssilben. Sie stehen vor einem Zeitungsladen, der auch Kaffee ausschenkt. Ob Iris und Bernd sich hier noch wohlfühlen würden. Ganz Istanbul ist bald hier, hatte Bernd manchmal gewitzelt und dabei frech Lea angegrinst.
„Du, meine Kleine, gehörst zur Familie. Und wir liegen niemandem auf der Tasche, merk dir das Lea, das macht den Unterschied. Hier kommen Migranten, die Frau putzt, der Mann arbeitet. Das Amt kommt für sie nicht infrage, die gehören zu uns. Doch nicht die, die mit Zweit- und Drittfrauen ihre Kinder von uns Steuerzahlern bezahlen lassen und ihr schwarz verdientes Geld dann nach Arabien oder in die Türkei oder sonst wohin schaffen. Das hat keinen Charakter, keine Ehre, das hat keinen Respekt verdient. Geh mal zum Sozialamt, du wirst keinen Chinesen oder Japaner dort finden. Die haben eine andere Klasse. Und die Deutschen, die dasitzen, um die müssen wir uns kümmern, das sind unsere Landsleute. Und die, die hier mit uns arbeiten wollen. Ich hab immer gearbeitet, immer!“
Bis sein Radius immer kleiner wurde, Bernd baut ab. Der Mann, den sie kannte, der immer alles getan hat, im Haushalt, außerhalb des Haushalts, geschleppt, gebuckelt, gearbeitet, wurde immer durchsichtiger. Ein bisschen schien es so, als würde seine materielle Essenz sich vergeistigen. Substanzverlust. Das Feste wurde ätherisch. Wie Lava aus einem Berg, so verging seine Lebenskraft und sie verging glühend. Es kam so, wie Bernd es voraussah. Gefühlt. Nicht nur. Klein Istanbul hat Lea jetzt vor ihrem Fenster der Wohnung, für die sie jetzt die Miete im Puff verdienen muss. Richtig, Ratenzahlung. Das wollte sie ja jetzt vereinbaren. O Mann. Lea lässt sich auf das Sofa fallen, sie atmet und atmet tief durch.
Trotzdem nimmt die Panik in ihr, hinter ihrem Sternum nicht ab, dann schaltet sie den Fernseher ein und das Radio. Die Stimmen verdoppeln und verdreifachen sich. Ob sie untervermietet? Lieber nicht. Wenn die das rauskriegen, fliegt sie gleich raus. Wie soll sie unterschreiben. Mit Lea Tuareg oder Iris oder Bernds Unterschrift. Aber die sind ja schon gestorben. Das wäre Urkundenfälschung. Doch jetzt, wo sie sowieso im Bordell arbeitet, ist das doch auch egal oder eher nicht? Nicht noch mehr Schlamassel, sie muss es regeln. Lea spürt, dass ihr Herz zu rasen beginnt. Gleichzeitig zittern ihr die Hände, o schreckliche Bürokratie. Sie packt den Briefumschlag und das fast leere Blatt Papier weg. Prokrastination. Richtig, ich prokrastiniere, dann wird es sich schon von selbst regeln. Der Briefkasten quillt auch schon über. Einmal die Woche holt sie die Post raus, die dann in einer Schublade verschwindet. Schon der Anblick der ungeöffneten Briefe raubt ihr den Atem.
Sie kann gerade mal so ihre Wäsche waschen und Essen einkaufen. Um davon der Hälfte beim Vergammeln zuzusehen. Sie versteht auch nicht, wie die Mädels im Puff sich Essen bestellen können. Sie ist viel zu aufgeregt dafür. Und wenn sie einmal runtergehen würde, um sich was zu kaufen, würde sie gleich weglaufen. Ganz weit weg. Und ganz schnell. Und nie wiederkehren. Die Mädels sind da ganz cool. Ich geh mal rüber zu Netto, will jemand was? Dann ziehen sie die Strapse aus, Jeans drüber und kommen nach einer Viertelstunde ganz easy wieder. Wie geht das? Würde sie auch irgendwann easy werden? Oder bleibt die Panik für immer in ihr? Wann würde sie wieder vertrauen können? Sich. Sich. Sich. Warum haben wir nur nicht das Geld als Bargeld hier gebunkert? Bares ist Wahres, hatte Bernd immer gesagt. Und Iris zustimmend genickt. Der Staat, der sollte nichts kriegen. Hatte der es ihnen doch immer schwergemacht. Keine Adoption, weil Iris an Rheuma erkrankt war. So eine Scheiße, Lea hört Bernds Stimme wie früher durch die Wohnung schallen. Warum haben wir es nicht mehr geschafft? So ein Testament aufzusetzen? Als würde Bernd jetzt noch durchs Jenseits schreien. Weil alles andere wichtiger war, die Attacken, die Krankheit hatte alle in Atem gehalten. Atemnot, Schwindel, Sprachstörungen, Schluckbeschwerden, immer die Schippe in der Hand. Körperflüssigkeiten geliebter Menschen entsorgen. Wenn du planst, bringst du Gott zum Lachen, hatte Iris Lea oft zwinkernd gesagt.
„Erst als ich gar nicht mehr glaubte, so einen wundervollen Menschen wie dich großziehen zu dürfen, dann erst, dann erst ist das Wunder geschehen.“
Gott, Gott, Gott. Und wo war er jetzt? Wo legte er jetzt die Kohle für sie hin. Wunder, o Wunder. Ja, merde. Jetzt hat sie den Salat. Sie geht wieder ins Bett, ohne sich den Kaffee aufzubrühen, und mummelt sich warm ein. Einfach schlafen, forever. Am liebsten forever. Kleopatra, Bernadette, ihre Großmutter
„Geht weg, geht weg“, murmelt sie beim Einschlafen, „das verkrafte ich nicht.“
Freiheit
Der Urlaub kann beginnen. Henriette fährt von Pankow nach Berlin-Mitte. Friedrichstraße findet sie sofort einen Parkplatz, Dussmann und Lafayette, das sind ihre Favoriten. Mindestens ein Urlaubsbuch, Nagellack und vielleicht ein schönes T-Shirt, das muss drin sein. Beschwingt öffnet sie die Fahrertür, steigt aus und läuft zum Parkscheinautomaten. Wäre schon ungünstig, wenn von heute und auch noch mit der aktuellen Uhrzeit ein Strafzettel nach Hause flattert, wo ich doch längst in Hamburg im Flieger sitze. In Wirklichkeit. In was für einer Wirklichkeit? Sie spürt ein Lächeln in sich aufsteigen. Wie crazy ist das denn, wer bin ich überhaupt? Habe ich mich selbst verlassen? Oder einfach die alte Henriette. Irgendwo gibt es sie noch, irgendwo. Vielleicht ist sie einfach zu Hause geblieben und beschützt heimlich von niemandem bemerkt die Kinder. Damit die andere Henriette auch leben kann, atmen kann, mal ein paar freie Momente, Stunden, Tage hat. Eine Stunde gehört ihr, mit vier Euro hat sie sich das bei den modernen Wegelagerern erkauft.
Eine Stunde. Rituale müssen sein. Sie läuft zum Auto und legt das Ticket gut lesbar hinter die Scheibe. Die Tür klappt zu, dann hält sie inne und läuft noch mal zum Parkscheinautomaten zurück. Ein Impuls. Dort greift sie in den schmalen Schacht, in dem sie manchmal auch böse Dinge vermutet. Kaugummis und so. Doch sie spürt eine Münze, betastet sie vorsichtig mit ihren sensiblen Fingerspitzen, greift sie, nimmt sie raus und staunt: „Türkiye Cumhuriyeti“, murmelt sie vor sich hin. Wirklich ein Wunder.
Das wird mein Beweis sein, dass ich in der Türkei war, ist ihr nächster Gedanke und sie dreht die Münze in ihrer Hand um. 50 Kurus 2009 mit dem türkischen Emblem auf der anderen Seite zieren den Taler. Ihre bedrückte Stimmung wandelt sich. Es soll wohl alles so sein. Es ist richtig so. Dann seufzt sie erleichtert auf, als würde der Taler zu ihr sprechen. Dann bin ich nicht verdammt, mit dem, was ich tue.
In den Fluss springen, ohne zu wissen. Den Ort des Ankommens. Das rettende Ufer. Wo würde das sein? Gibt es diesen Ort? Eigentlich mutig. Doch nur eigentlich. O je, o je. Sie seufzt, ihr Grübchen über dem rechten Mundwinkel gräbt sich dabei tief ein. In die Haut. Manchmal ertappt sich Henriette dabei, diese tiefer werdende Falte trotzig zu beobachten, fast ein wenig feindselig. Alt werden kündigt sich genau dort an. Dann tastet sie immer wieder in ihrer Hosentasche nach der Münze, Magie, das Leben darf manchmal auch eine Lüge sein, eine einzige Lüge, und die auch noch vom lieben Gott unterstützt. Lacht er mit ihr und weint er auch mit ihr? Und wird er auch immer da sein, wenn sie ihn braucht?
Henriette lächelt, die Menschen auf der Straße lächeln mit, erwidern Henriettes Blick. Ja, sie ist eine schöne Frau, hätte sie es doch nur eher gewusst. Bei Annette – sie fährt die Straßen durch Potsdam vor –, auf dem Grundstück staunt sie nur noch. Was ist das denn? Das kleine schmucke Häuschen ist nur durch einen Steg von einem See getrennt. Oder nein, umgekehrt. Das Häuschen ist mit einem Steg zum See mit ihm verbunden. Mit dem Wasser. O Mann, Klasse! In Berlin waren der Tag und die Woche wolkenverhangen, doch hier scheint die Sonne. Schnell räumen die Frauen den Kühlschrank ein und bereiten den Grill im Garten vor, stellen die Stühle und den Holztisch raus, der Sekt kommt kurz in den Tiefkühler, dann beginnt der angenehmste Teil. Nacheinander springen sie in das kühle Nass. Baden und danach auf dem Steg Sekt trinken, die Beine im Wasser baumeln lassen. Welch überwältigender Luxus.
„Schön hier in Türkiye!“
Henriette grinst. Die Frauen lachen. Spät in der Nacht kuschelt sich Henriette, und ohne sich streiten zu müssen, seit Langem ruhig und friedlich in das schmale Bett in einem kleinen Zimmer neben der Eingangstür. Sie ist froh, so weit weg von Tomas, Berlin und den Vampirkindern zu sein. Frieden. Gnade. Frieden.
„Mehr brauch ich nicht!“, murmelt sie in den dunklen Raum hinein.
Dämonen
Lea träumt sie liegt unter dem Sternenhimmel in der Wüste. Leise nimmt sie Musik wahr, die immer aufdringlicher in ihren Ohren wird. Sie sieht Menschen, wie sie mit Champagnergläsern sich gegenseitig zuprosten und unterhalten. Mit einem Mal lösen sie sich aus den Gruppen, um zum aufbereiteten Buffet zu laufen und kleine Häppchen mit Lachs und Schinken in ihre Münder zu stopfen. Ab und zu platscht es, einen Swimmingpool kann sie hinter dem Haus ausmachen. Sie fühlt sich wie in einem Zeitraffer, die Bilder laufen vor ihrem inneren Auge immer schneller ab, bis sie sich selbst inmitten der Menschen wiederfindet. Sie läuft die Treppen zum Haus hoch und begibt sich durch den Flur hindurch in eines der dortigen Zimmer. Vor einem großen Buffet bleibt Lea stehen und nimmt ein plüschiges rundes Ding aus einem der vielen Regale. Es ist blau. Plötzlich fliegt der Plüschbatzen vor das Haus auf den Rasen. Die Menschen dort sind plötzlich verschwunden. Dann wächst langsam ein großer Elefant aus dem runden Ball.
Als sie erwacht, hat sie noch die Bilder des großen Festes im Kopf. Die Vorstellung eines Elefanten als Freund und Beschützer machen ihr ein wohliges Gefühl im Bauch und auch im Kopf. Dann greift sie zum Telefon.
„Hier ist Cosma. Ich komm heute nicht.“
Sie legt auf. Sodann kramt sie im Stapel ungeöffneter Briefe, nimmt sich einen Stift und schreibt:
„Sehr geehrte Damen und Herren der Hausverwaltung. Ab April werde ich die Miete in voller Höhe überweisen. Jeden Monat. Die Mietrückstände werde ich in 14-tägigen Raten in Höhe von 200,- Euro überweisen, bis sie getilgt sind. Aufgrund von Krankheit sind die Zahlungen in Rückstand geraten; ich hoffe auf ihr Verständnis.“ Dann unterschreibt Lea mit dem Namen von Iris. Die Flucht nach vorn. Wenn ich ehrlich bin, flieg ich raus. Das geht nicht. Ich brauch jetzt erstmal Frieden. Sodann brüht sie sich einen Kaffee, reißt das Fenster auf und atmet tief durch. Der Brief liegt jetzt adressiert an die Hausverwaltung auf der Kommode. Schnell springt sie unter die Dusche, sie hat den Drive, den Mut. Wenn, dann jetzt, das kommt nie wieder. Jeans, Shirt, Stiefeletten sind schnell angezogen. Fast panikartig. Bevor die drohende Lähmung wieder eintritt. Dann nimmt sie das Geld für die Post aus der obersten rechten Schublade. Dort hatte es auch Iris immer hingelegt. Das Bargeld für die Woche. Und ab zur Post. Mit dem Brief in der Hand läuft sie die Straße zwischen Kindern und Müttern mit Kopftüchern entlang, immer irgendjemandem ausweichend. Irgendwann zieh ich hier weg, irgendwann. Mehr traut sie sich nicht zu denken. Ein Schritt, ein Brief nach dem anderen. Wenn sie nach Hause kommt, wird sie die Wohnung putzen. Die Fenster zuerst, dann den Boden wischen, Betten beziehen, auch das von Bernd. Ganz so, als wären alle noch da. Staubsaugen. Sie braucht sie jetzt. Bernd und Iris sind noch da. Bernadette und Kleopatra auch. Alle vereint in der Neuköllner Wohnung. Alle.
Noch ein Traum. Lea kämpft mit einem Samurai. Sie kämpfen sich durch viele große Räume. Lea ist wütend, groß und stark. Sie bewegt ihr Schwert, wie eine geübte Kriegerin, die in all ihren Reinkarnationen nichts anderes war. Der Samurai, der auch in früheren Reinkarnationen immer Krieger war, kommt gegen sie nicht an. Auf einmal hält er inne und setzt sich vor sie hin. Lea schaut ihn überrascht an.
„Wofür kämpfst du überhaupt, es sind doch alle schon tot“, sagt er mit intensiver Bassstimme.
„Nein, sind sie nicht!“
Lea wird wütend und holt zum nächsten Schlag aus. Da schaut der Mann oben an die Decke. Lea folgt seinem Blick und erstarrt. Da hängen viele Menschen oben an der Decke, die sie kennt. Menschen aus Bilma, viele Menschen. Auch ein Kind. Die Köpfe hängen an einem Strick, die Augen offen und leer. Nur die Großmutter nicht. Schließlich erwacht Lea. Sie weiß nun genau, es waren nicht die Schlangen. Es waren nicht die Schlangen. Dieser Mann muss sie umgebracht haben. Dann sinkt ihr Kopf zur Seite. Sie weint. Und weint. Und es sind dabei auch die vielen nicht mehr geweinten Tränen der Großmutter. Sie glitzern auf dem Stoff der Bettdecke von Iris und Bernd. Wie neue schöne Träume. Vielleicht wie die verzagten Gedanken an ein neues schönes Leben. Mit Bernadette und Kleopatra. Iris und Bernd. Nana und dem Tuareg, ihrem Vater. Schönheit vergeht nicht. Sie wird erst mal mit allen zusammen hier wohnen, in Berlin-Neukölln. Dann wird ihr nach langer Zeit endlich wieder warm. Sie geht in das Bad und stellt sich vor den Spiegel, betrachtet ihre dunklen Augen, neigt ihr Gesicht ein wenig zur Seite, das Licht fällt seitlich ein, jetzt schimmern ihre Augen grün.
Mit kleinen gelben Sprenkeln darin. Wie die Wüste. Wie Kleopatra.
Das Päckchen
„Hier, ich habe etwas für Herrn Hochsommer abzugeben.“
Der Postbote vor dem Gartenzaun wedelt mit einem Päckchen.
„Aha“, Henriette sitzt als Einzige schon mit einem aufgebrühten Kaffee am kleinen runden Tisch in der Sonne.
Schnell hängt sie sich ihr Tuch über die Schultern und läuft zum Tor.
„Ich bin seine Tochter, danke schön.“ So nimmt sie das Päckchen entgegen.
Jetzt Babett zu rufen und die schöne Ruhe zu stören, da nimmt sie schon lieber einen falschen Namen an. Fängt an Spaß zu machen. Warum kompliziert, wenn’s einfach geht. Henriette unterschreibt mit Sommer, nur eine halbe Lüge. Beschwingt läuft sie in die Küche und legt das Päckchen auf den Tisch, da brummt es. Ihr Handy. Grün blinkt das kleine Nachrichtenfeld auf. Dann tippt sie.
„A H A“.
Na klar, alles klar, ihr Herz beginnt böse zu schlagen. Erst mein Leben voll in Beschlag nehmen und alles bestimmen wollen und jetzt bei meiner Mutter feiern gehen. Klar. Wo sonst. Keine eigenen Freunde? Keine eigene Familie? Arschloch. Und umgekehrt? Nur Feindseligkeiten, seitens seiner Familie aus dem goldenen Westen; ist auch nicht alles Gold, was dort glänzt. Nur Vorurteile, weil ich im Osten geboren bin. Die Attacken der Schwiegermutter sind im Gedächtnis verblieben, auch die abschätzenden Blicke und ihre sich ständig verziehenden Mundwinkel, wenn sie miteinander redeten. Und ihr Sohn? Henriettes Gedächtnis ist wie das eines Elefanten, der sich noch nach Jahren seiner Peiniger erinnert. Ihn, ihren stillen Mann hat sie auch nicht vergessen, wahrscheinlich denkt er genauso wie seine Mutter, sonst würde er sich ja auch mal einmischen und sich für sie einsetzen, oder? Es gibt doch gar keinen Grund dafür, dass sich die Wessis über die Ossis stellten. Was soll das? Haben sie vergessen, dass die Ossis den Krieg bezahlt haben, jedenfalls den größten Teil. Die Russen haben alles abgebaut, jede Schiene, jede Maschine. Jede Schraube, die noch was halten konnte, haben die bekommen. Abgezahlt. Bezahlt. Ende der Diskussion.
Aber dann heute bei meiner Ossimutter seinen Geburtstag feiern, die feine Gesellschaft, Herr Kaminsky. O Mann, bin ich sauer.
Ich denke, bei mir ist alles so schrecklich. So tut er jedenfalls immer, mein Mann.
Bei meiner Mutter. Bei meiner Mutter. Bei meiner Mutter. Dann nimmt sie sich eine Zigarette. Am frühen Morgen. Am frühen Morgen? Nee, dazu bekommt der mich nicht. Sie legt die Zigarette zurück. Nur Luxusrauchen, nur mit Wein oder Champagner. Nicht aus Ärger, ganz wichtig, denkt Henriette. Kleine wichtige Lebensbestandteile. Grundlagen, um nicht zu schnell alt und hässlich zu werden. Komisch, dass man sich darum Gedanken macht, wenn man am schönsten aussieht.
Modeschau, drei Frauen. Gelächter. Ladylike. Der Tag ist zu schön, baden, grillen, Modeschauen, viele Witze. Zu schön, um wahr zu sein. Babett schießt Fotos, abwechselnd setzen sie sich Sonnenbrillen auf oder wackeln mit ihrem Hinterteil und versuchen verschiedenste Posen. Mal elegant, mal zum Schreien. Um Mitternacht stehen auf dem kleinen Gartentisch mehrere Flaschen Prosecco, Tarotkarten sind durchweicht, der Tau legt sich auf die Reste von Kaviar, leckerem Brot und Erdbeersoufflé. Babett bemerkt das Päckchen erst am späten Nachmittag. Einen Tag später. Schrauben für einen Bekannten von ihrem Mann, für sein Flugobjekt, das er bauen lassen will.
„So so, das hätte er auch schlauer machen können. Beschäftigung für die Frau. Sich in Erinnerung bringend, der Gatte. Gratis. Kommst du mit, heute Abend bring ich es dem Schmied?“, wendet sie sich an Henriette, die willigt ein.
„Ja, schön, machen wir.“
Henriette genießt den Tag, sie schwimmt um die Wette mit den Enten, es gibt Kaffee am Steg, saure Gurken und gegrillte Würstchen. Dann geht sie duschen, zieht ihr schönes schwarzes Kleid mit hübschen Spitzen am Untersaum an. Selbst fürs Dorf mach ich mich schön, ich hab schließlich Urlaub, denkt sie. Dann düsen sie los; Henriette fühlt sich pudelwohl in ihrer Haut, ausgeruht und irgendwie erleichtert. Das Kleid schmiegt sich an ihren Körper wie eine samtweiche, leicht glänzende, schöne Haut. Immerhin halb Baumwolle, halb Seide. Diesen Materialmix wird sie in Zukunft favorisieren. Babetts Auto ist ein alter weißer Ford, auf Gas umgestellt. Für Henriette ein Rätsel. Benziner auf Gas. Es riecht nach altem Öl und ein wenig nach den vielen Zigaretten, die Babett wie nebenbei inhaliert. Henriette kurbelt ihr Fenster herunter und atmet genüsslich die laue Sommerluft ein. Es riecht nach Rosenduft und weißen Lilien, ab und zu mischen sich Schwaden von Benzingeruch darunter. Selbst das. Lecker. Ein Käfer krabbelt über die Frontscheibe. Henriette beobachtet ihn und ist verwundert, dass er nicht einfach runtersaust, bei dem Wind und dem Tempo. Sie fahren über die Dörfer und halten irgendwann an einer alten Schmiede. Henriette, tiefenentspannt, würde am liebsten weiterfahren, weiter, immer weiter, ohne Kindergeschrei, einfach allein.
Sie parken vor einem alten Haus, das an morsche Ostbungalows erinnert mit dem nicht zu vernachlässigenden Unterschied, dass hier und da ein Anbau aus rotbraunen Ziegelsteinen hervorlugt. Die beiden Frauen laufen auf einem Sandweg um das kleine Häuschen herum, aus dem kleine vertrocknete Grasbüschel um ihr Leben kämpfen. Ein kleiner schwarzer Spitz kläfft ihnen entgegen und verrät den unangekündigten Besuch. Sie laufen um die Ecke, da kommt ihnen schon ein Mann entgegen, um die sechzig, mit verschmitzt wirkenden Augen.
„Hereinspaziert!“, mit einer ausladenden Geste winkt er die Frauen herein.
„In mein bescheidenes Heim!“, ruft er lachend.
Henriette fällt sofort ein dunkelhaariges Mädchen auf und neben ihr der große Mann. Er rückt sofort ein Stück von dem Mädchen weg, als er die zwei Frauen sieht, die da hereinkommen.
„Was wollt ihr trinken? Kaffee? Bier?“
„Naja, erst mal Kaffee.“
Henriette ist schnippisch. Irgendwie ist die Situation kurios. Das Mädchen, bei näherem Hinsehen wirkt sie um die dreißig, eigentlich auch älter, das machen die Augenringe aus, die sich schon sichtbar unter ihre hellen Augen gelegt haben. Zu enge Leggins, billiges Top. Auf dem Tisch stehen Wodka und Bier. Der Schmied geht in das Haus und kommt mit zwei Kaffeetassen zurück, einer kleinen Flasche Sahne und einer halbvollen Kaffeekanne. Henriette schaut die junge Frau neugierig an.
„Der hat hier ’nen Dorfpuff, die Frauen hat er bei einem anderen aus dem Nachbardorf abgezogen.“
„Was?“
Henriette streicht sich eine Haarsträhne hinters Ohr und ist verblüfft. „Und was nimmst du für ’ne Stunde?“, fragt sie unverblümt die dunkelhaarige Frau. Groß und schlank.
„Dreißig Euro!“ Jetzt bemerkt Henriette auch den Akzent und ganz helle kommt sie ihr auch nicht vor.
„Das ist doch viel zu wenig!“
Henriette ist erbost, dreißig Euro für das schönste Geschenk, das eine Frau einem Mann machen kann?
„Sie muss mir nur eine kleine Zimmermiete zahlen!“
Der Schmied wirkt bemüht, sich keinen schlechten Ruf einzufangen: „Ich hab hier auch einen Hengst für Frauen, die mal wieder einen Mann brauchen!“
Henriette lacht. „Mein Gott, was für ein Leben! Nee, danke, kein Bedarf!“
Der Schmied und der andere Mann am Tisch bemühen sich, ihre gerade frisch eingetroffenen weiblichen Gäste zu bewirten. Bier wird eingeschenkt, die polnische Frau, irgendwie von den beiden Männern plötzlich links liegen gelassen, geht in den kleinen roten Ziegelanbau.
„Komm, ich zeig’s dir, unser kleines Paradies“, sagt der Schmied und winkt Henriette zu sich.
Henriette läuft mit dem Schmied durch das Haus, er zeigt ihr die Zimmer.
„Hier schau, ist eine Dusche, sollen es ja gut haben die Mädels hier. Du machst so was nicht, bist viel zu schön dafür!“, droht er Henriette mit dem Zeigefinger.
„Haha! Eine Idee ist das schon, vielleicht geht es den Frauen ja viel besser als mir!“, denkt sich Henriette, frei zu sein und trotzdem Sex und trotzdem Geld. Nur das mit dem Wodka schon nachmittags auf dem Tisch, hm. Doch einem Mann Kinder schenken und ständig in ein mieses Gesicht zu sehen, ist auch die Härte, es reicht irgendwie alles. Ihr. Es reicht, es reicht, es reicht. Und der sie ja auch betrogen hat, gleich zu Beginn der Beziehung schon. Warum kann man sich nicht schneller umdrehen als Frau und einfach gehen. Doch, man kann, man tut es nur nicht, wegen der Hoffnung. Doch Hoffnung, was ist das schon, irgendein Ding, ohne dass man glaubt, nicht leben zu können. Ein Wort mit H, mehr nicht.
Henriette geht zu Babett und dem großen Mann zurück, der sie sehr interessiert und neugierig anschaut. Biere werden auf den Tisch gestellt, Gläser auch olle, schmuddelige Gläser, was soll’s, die Party beginnt. Spät abends tanzen Babett und Henriette mit dem Schmied und dem großen Mann, der sich Frank nennt, in der Werkstatt. Zwischen alten Autoreifen, Werkzeugen an den Wänden, Öl und dreckigen Lappen. In Windeseile hatten die beiden Lautsprecher aufgestellt und das Licht gedimmt.



