Jetzt spinnen wir um die Wette, Henriette!

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Vor dem Sofa würde sie dann liegen. Die Deutschen würden durchdrehen. Schwarze Magie. Nee, die hätten ganz andere Mittel parat. Wahrscheinlich tausend Ämter, hunderttausende Untersuchungen, schreckliche Journalisten. In der Bild würde stehen:
„Wüste bringt Giftschlange mit.“ Mit einem Riesenbild von ihr. Dann könnte sie gleich einpacken. So ein Mist, das mit dem Erbe ist doch verrückt, so war es doch abgesprochen. Dann hätte sie wenigstens in dem ganzen Dilemma Kohle. Money. Auch egal.
Sie gießt sich noch ein Glas ein. Der Abend ist lau, doch jetzt fröstelt sie etwas. Schnell trinkt sie das Glas aus, um sich eine Zigarette anzuzünden. Lucky Strike, das Glück streikt. Dann noch eine. Und noch ein Glas. Stößt sie den Rauch genüsslich aus ihren Lungen? Sie weiß es nicht. Wird es ihre Letzte sein? Bestimmt nicht. Für Gott ist sie zu schlecht. Das Leid geht weiter. Nie mehr wird irgendetwas gut. Nie mehr.
Am nächsten Morgen weiß Lea nicht mehr, wie sie die Treppen hochgekommen ist, oder besser gekrochen. Die Kippen tummeln sich um den Aschenbecher und die Flasche ist leer.
Bevor sie zu ihrer neuen Arbeitsstelle geht, räumt sie nichts mehr weg. Ihr ist so schlecht, dass ihr zu schlecht ist. Zu schlecht, um schlecht zu sein. Zu schlecht, um zu denken. Zu schlecht, zu schlecht, zu schlecht. Nicht zu schlecht, um aufgeregt zu sein. So viel kann ich gar nicht trinken, um zu vergessen. Weil sie jetzt Prostituierte ist oder besser sein wird. Bald. Heute noch. Welch schwarzer Tag! Oder müsste sie nicht denken, welch weißer Tag? Von den Gedanken, schmerzt ihr Kopf wieder. Ihre Nerven liegen blank, viele spitze Pfeile schwirren in ihrem Kopf herum. Und stechen hier und dort. Schwarz war sie ja schon, wenn auch nicht pechschwarz. Und verlassen dazu. Und geprellt. Und allein. Und pleite. Und jetzt auch noch das. Das Tageslicht schießt durch die Augen in ihren Kopf und lässt ihr einen minutenlangen Schmerz. Merde! Merde! Merde! Nichts wird mehr gut. Was soll’s. Egal. Dann wühlt sie in ihren schwarzen Unterwäscheklamotten herum. Wo waren noch mal die Strapse?
Der Rubin
Henriette steht am Strand. Vor ihr das weite Meer. Ruhig plätschern die Wellen und umspülen schäumend ihre Füße. Plötzlich bäumt sich das Wasser auf und das Meer teilt sich. Henriette läuft zwei, drei Schritte vorwärts, ein Rubin wird ihr gereicht. Aus dem Wasser heraus. Genau vor ihr. Der rote Stein. Henriette erwacht und schließt schnell wieder die Augen. O, Mann, bitte lass mich dortbleiben. Ich will nicht erwachen. Dann dringen Kinderstimmen durch den Flur und eine genervte Männerstimme.
Sie blinzelt, kleine Sonnenstrahlen fallen durch den roten Vorhang. Ich will noch nicht, lass es wieder Nacht sein. Sie spürt noch mal rein. Das Meer. Der rote Rubin. Und hier alles Scheiße.
„So, jetzt habe ich eine Reise in die Türkei gebucht!“ Henriette schaut in das verdutzte Gesicht ihres Mannes. Der räuspert sich laut und klappert mit dem Geschirr in der Küche.
Die Jungs toben im Flur, Inga sitzt leise im Wohnzimmer und schaut gespannt Heidi in den Bergen zu. Die Musik dringt in die Küche. Henriette trinkt einen Schluck, der bittere Geschmack macht sie lebendig. Noch mal Tacheles. Das muss noch geklärt werden.
„Weder wolltest du mit mir zur Party deiner Kollegin gehen, noch mich mitnehmen und einen Urlaub hast du auch nicht gebucht. Das habe ich neun Jahre lang getan und mir ständig drei Wochen lang Genörgel angehört. Zu teuer, zu billig, zu weit weg, zu nah, zu tief, zu blöd, zu irgendwas. Ob ans Meer oder ins Gebirge, weder die Almhütte noch das Haus am Meer, ständig passt es dir nicht! Aber selber keinen Vorschlag machen! Aber selber!“
Henriette schnauft. Trotz ihres schlechten Gewissens regt sie sich auf. Ohne ihre Kinder, ein Horror. Und wenn der wüsste. Pah, Türkei.
„Nun fahr ich allein, sonst bin ich reif für die Klapsmühle! Und wenn ich wiederkomme, vielleicht hast du ja dann was für uns alle gebucht!“
Mit diesen Worten dreht sich Henriette um. Über ihr Gesicht laufen Tränen. Der Wut und des Unglücks. Tomas klappert noch lauter mit dem Geschirr. Es riecht nach Kaffee. Mit ihrer Hand sich die Tränen aus dem Gesicht wischend, geht sie zurück und kippt sich Kaffee in ihre Lieblingstasse. Ob sie jetzt auch wieder heimlich in seinen Kaffee pinkeln soll und ihm dann zusieht, wie er ihn trinkt. Damit es ihr besser geht, weil sie heimlich lachen muss? Das hat schon oft geholfen. Der Ärger war wie durch Zauber verflogen. Heute wird es ihr nicht helfen, das weiß sie jetzt schon. Dann geht sie auf die Toilette. Tomas ist immer noch in der Küche, er scheint zu warten.
„Wann kommst du denn wieder?“
„Sonntag, den 22. Juli.“
„Aber ich wäre doch mit dir zur Party gegangen. Wenn ich überhaupt gegangen wäre!“
„Sag mal, merkst du noch was? Wenn ich gegangen wäre. Wenn ich mitgekommen wäre, wärst du nicht gegangen. Du hältst mich wohl für völlig blöd. Wenn du gegangen wärst. Du wolltest allein gehen, stand doch im Kalender drin. Und was erzählst du mir von deinen Kollegen? Auf einer Dienststelle wurden zwei Kollegen und eine Frau bei einem Dreier erwischt. Toll. Sodom und Gomorrha. Alles klar. Und dann allein zu ’ner Party wollen, ach, leck mich, ich fahr jetzt allein in den Urlaub.“
Dann setzt sie noch mal an.
„Obwohl ein Babysitter da wäre, meine Mutter nämlich. Die hättest du nur zu fragen brauchen. Komisch, mit mir willst du nirgendwohin gehen. Nicht Fisch noch Fleisch. Nicht mal ’nen Kaffee um die Ecke beim Bäcker gehst du mit mir trinken. Für fünf Euro, weil wir kein Geld haben, angeblich. Vielleicht gibst du es ja im Puff aus, ach nee, Kolleginnen gibt’s ja umsonst. Sorry, hab ich vergessen. Und für Sex Geld ausgeben, ist dir zu blöd, angeblich! Für deine Frau auch. Was für ein Geizhals, ist doch voll unsexy, so ein Typ!“
Ich pinkel doch noch heimlich in seinen Kaffee, denkt Henriette. Als würde jetzt alles wieder hochkommen. Alles! Eine halbe Stunde später kippt sie ihre Pisse in die halbleere Kaffeekanne. Du Arsch, nie redest du ehrlich mit mir. Und wahrscheinlich stehst du auch noch drauf, denkt Henriette, auf meine Pisse. Wenn er es getrunken hatte, wurde er immer nett, so war es ihr aufgefallen, und es war wirklich nicht von der Hand zu weisen. Die Afrikanerinnen haben das auch so gemacht; ist halt ein alter Brauch. Ich schreie wie eine Italo-Braut und pisse wie ’ne Afro-Tusse. Ist doch voll easy. Sie mag es nicht, so zu denken. Tomas sitzt schon wieder am Computer. Wahrscheinlich wieder auf der Single-Börse, sich als Single ausgebend, umgeben von Kindern und mit ’nem Ring am Finger. Mit diesem Mann werde ich einfach nicht glücklich. Nicht glücklich. Nicht glücklich. Scheiße.
Sie wartet eine Antwort nicht mehr ab und geht in ihr kleines Zimmer. Sie heult. Tränen laufen ihr über das Gesicht. Zu viel Demütigung. Zu viel Trauer. Warum sind Männer ignorant, solange sie denken, die Frau ist ihnen sicher. War sie immer zu nett? Ja. Muss ja. Maria Callas und der Typ von Onassis. Der hat sie nicht geheiratet und sie war irgendwann am Ende, am Boden. Ihre Karriere hat sie ihm geopfert, freiwillig, nicht weil er es gefordert hat. Nein, Männer sagen das nicht offen, sie nehmen die Frau nur komplett für sich ein, bis sie vertrauen, und dann sind sie wieder weg oder anderweitig verliebt. Ich hab so die Schnauze voll, so sehr. Ich bin nicht mehr nett, zu niemandem, nimmt sie sich vor. Zu niemandem. Nett ist die kleine Schwester von Scheiße. Genau. Die Tränen laufen trotzdem. Dann schluchzt sie. Wenn es nicht der Richtige ist, hilft heiraten auch nicht. Schluchzend sinkt sie in die Kissen.
Eine Rose, die sie sich selbst gekauft hatte, stand schon auf dem Tisch. Einen anderen, der sie ins Kino einlud, den gab es auch schon. Angeblich. Alles nur fiktiv. Fick und tiv. Wie sie es hasste. In Wirklichkeit läuft sie heulend durch den Kiez. Was denn noch? Und jetzt muss sie allein in den Urlaub. Wofür? Damit er aufwacht? Die Liebe wieder neu entdeckt?
Am Abend ergreift sie ihr Telefon: „Babett, stell dir vor, ich hab doch gar kein Geld für die Türkei und jetzt hab ich’s aber einfach gesagt, dass ich wegfahre. Dass ich gebucht habe. Und er glaubt es mir auch noch. Ist das komisch. Jetzt weiß ich nicht wohin und ich muss irgendwohin und ich hab auch gar nicht viel Kohle, jedenfalls nicht so viel.“
„Was? Ich dachte, bei euch ist alles in Ordnung?“ Babett klingt baff am anderen Ende der Leitung.
„Nein, nichts ist in Ordnung, ich erzähl nur nicht jedem immer alles!“
„Bin ich jede?“
„Babett“, Henriette atmet tief durch, „natürlich nicht! Nur was mach ich jetzt! Meine Freunde sind doch keine Mülleimer für diesen Typen, der sich noch mein Mann schimpfen darf. Ich hab so die Schnauze voll, du glaubst es gar nicht. Aber ich hab auch solche Angst!“
Frauen
Lea wird die Tür geöffnet. Sie hat unten geklingelt und oben.
„Dort unten gibt es einen Türöffner, den benutze bitte, sonst denken die Frauen hier, es sind Gäste. Komm mit. Dein erster Tag hier? Dann bleibst du erst mal bei mir und ich erklär dir das Prozedere. Zieh dich mal in Ruhe um, dein Portemonnaie kann ich hier einschließen, bis du einen eigenen Schrank hast.“
Lea ist eingetaucht in eine andere Welt. Die Frauen beäugen sie. Sie sitzen auf dem Sofa, schminken sich im Bad oder waschen sich auf dem Bidet ihren Unterleib.
Ab und zu klingelt es, dann stellen sie sich der Reihe nach vor, wenn der Gast nicht schon einen Wunsch hat.
„Pass auf, dass sich keiner in dich verliebt“, lacht Medea Lea an.
„Und du“, Lea staunt, „du könntest doch Topmodel werden oder Unterwäschemodel oder überhaupt Model.“ Lea ist ungläubig, was für Schönheiten!
„Nee, nee“, mischt sich Susanna ein, „wenn du hier gearbeitet hast, kannst du dich nie wieder in der Öffentlichkeit blicken lassen. Irgendjemand erkennt dich und dann ist es vorbei mit der Karriere.“ Lea rutscht das Herz in die Hose. Die Realität von draußen ist gerade in diese Räume mit eingesickert und schnürt ihre Kehle zu. Die Kehle, die sowieso die nächsten Jahre keinen Alkohol mehr schmecken wird, hatte Lea kurzfristig beschlossen. Ihr ist immer noch kotzübel. Jetzt kann sie keine Karriere mehr machen? Ihr Leben ist vorbei? Dabei hat sie ihr Leben doch gerade gerettet. Es fing doch grad für sie an. Sie fühlt ihren flauen Magen, immer noch.
„Cosma!“, ruft die Hausdame laut, „der Gast, im rosa Zimmer hat sich für dich entschieden, eine Stunde!“
Lea hüpft alles in ihrem Körper hoch. O je, Sex, wie geht das überhaupt? Hab ich schon eine Ewigkeit nicht mehr gehabt.
„Ich weiß gar nicht mehr, wie Sex geht“, ruft sie verzweifelt in die Runde.
Die Frauen grinsen. Was ist das für eine, tut jungfräulich und meldet sich im Puff an. Wat für ’ne Welt.
„Das kann man nicht verlernen!“ Die Hausdame gibt sich zuversichtlich.
„Aber du musst nicht, wenn du nicht willst, dann sag ich ihm Bescheid!“ Tröstlich. Doch Lea ist entschlossen.
„Erst mal komme ich zum unromantischen Teil!“, lächelt sie den Gast in Rosa an.
„Ja, ja“, aufgeregt gibt er ihr das Geld.
Lea nimmt es genauso aufgeregt entgegen: „Gleich bin ich wieder da!“
Dann gehen sie zusammen aufs Zimmer. Musik spielt. Ein riesiges Bett, verhangen mit großzügigem Tuch, von Kordeln verziert. Das Licht gedimmt, es ist halbdunkel.
„Du kannst dich echt blicken lassen“, sagt der dunkelhaarige Mann, mit dem sie kurze Zeit später ein schönes Techtelmechtel hat. Als wüsste er um ihre Ängste. Lea hatte seit Langem keinen so guten Sex gehabt, wie mit ihm. Er war auf der Durchreise, lebt in Hamburg. Sie verlässt ein paar Stunden später das Bordell mit gemischten Gefühlen.
Sie hat Geld genommen für Sex und hatte guten Sex. Mit dem einen Mann. An diesem ersten Sonntag. Als Erstes kauft sie sich etwas zu essen, eine Flasche Wein und Zigaretten. Der Rest kommt in Iris’ Lieblingsdose. Für die Miete. Für ihr neues Leben. Dafür, dass sie irgendwo nächste Woche eine Tasse Kaffee trinken wird, ohne sich selbst dabei zu erwürgen. Morgen wird sie wieder gehen. Sie legt sich in das Bett von Bernd und Iris, das hatte sie seit Jahren nicht mehr gemacht. Richtig, das letzte Mal lag sie hier, zwischen den beiden, bevor sie wieder heimfuhr, nach Bilma. Ines und Bernd weinten. Jetzt ist es hier still. Zu still. Doch friedlich. In Embryostellung schläft Lea ein und träumt von einem Sternenhimmel und tausend über tausend Lichtern einer Stadt. Berlin. Ihre Stadt. Hier würde sie bleiben und alt werden.
Lügen, Notlügen
„Frag doch mal Susi, die hat einen Schrebergarten in der Nähe von Potsdam!“, ruft Babett begeistert.
„Hey, ja, super Idee, ich ruf sie gleich an.“
Vier Minuten später.
„Babett, hast du Lust mitzukommen. Susi ist auch dabei. Ein oder zwei Wochen Ferien in ihrem Haus! Mit Steg zum See, Champagner und Grillen und Modeschauen laufen, Karten legen, baden, lesen, das wäre schön.“
Henriette klingt begeistert, der Urlaub ist gerettet.
„Ja, klar, klingt gut. Ich bin dabei.“
„Toll, bis in einer Woche, ich freue mich. Ich muss auflegen.
Wunderbar. Tschüüüüß!“
Henriette drückt auf ihr Handy und sinkt aufs Bett zurück.
Welch Glück im Unglück.
Die Tage bis zu ihrem Abreisedatum vergehen schnell. Sie sind gefüllt mit Einkäufen, Essen kochen, Wäsche waschen, Fußnägel lackieren, Diskussionen mit den Kindern und dem Räuspern ihres Mannes. Dazwischen werden Hausbesuche mit Frauen geschoben, Vor- und Nachsorgetermine, endlose Telefongespräche mit Müttern über Stillprobleme und wunde Babypopos. Manchmal kann sie die Gespräche über die Konsistenz der Babykacke nicht mehr hören. Dann rollt Henriette mit den Augen und steckt in unbeobachteten Augenblicken die Zunge raus. Wie öde. Ob nun grün oder ocker oder braun. Gefleckt, mit Streifen oder besprenkelt mit weißen Tupfern. Ob nun angemalt mit Blümchen oder Zuckerwatte. Business as usual, also hält sie durch. Dann schaufelt sie die nächste Woche frei von Terminen. Und die Übernächste auch noch. Was soll’s. Es ist dringend nötig. Feierabend. Schluss. Ab und zu geht Henriette auch einen Kaffee in der Kollwitzstraße trinken. Für sparsame 1,40. Tomas beäugt sie. Er hat jetzt auch frei.
Am Abreisetag regnet es in Strömen. Henriette hat ihren roten Koffer gepackt. Es ist sechs Uhr morgens und sie wird langsam nervös.
„Weißt du, wann der Flug in Hamburg losgeht?“, fragt Tomas. Er sitzt bereits am Küchentisch ohne reingepinkelten Kaffee.
„Ja, um zwölf Uhr fünf.“
Und du willst erst um neun Uhr losfahren, du musst mindestens um sieben Uhr losfahren.“
Henriette überlegt. „Ja, stimmt! Bringst du mich dann noch zum Auto? In einer halben Stunde bin ich so weit. “
Komisches Muster, denkt Henriette verzweifelt, wenn ich auf dem Abflug bin, kümmert er sich plötzlich. Sonst kann ich mich abmurksen, ist ihm scheißegal. Geht ihm sonst wo vorbei. Ich bin’s so satt, so leid. Sie spürt eine Art Ernüchterung, die sich dann doch wieder mit dem Schmerz vermischt. Genau in der Mitte. Stumm bringt Tomas Henriette zum Auto. Ein bisschen winkt Tomas noch, als sie das Auto startet, dann verzieht er den Mund. Es sollte wohl ein Lächeln sein. Denkt Henriette. Dann fährt sie links hoch, biegt rechts in die Kolmarer Straße ein, um dann wieder in die Knaackstraße zu fahren. Schnell geradeaus über die Straßenbahnschienen. Verboten. Unsanft nach links. Die Lenkstangen stöhnen. Oh Mann. Was für ein Stress. Dann parkt sie vor Babettes Haus in der Winsstraße. Kleine Tropfen fallen auf die Frontscheibe. Tippt Babettes Nummer in ihr Handy ein, niemand nimmt ab. Vergeblich hofft Henriette auf einen Rückruf, sie stellt auf laut. Der Nieselregen ist in heftigen Regen übergegangen. Es pladdert fette Tropfen auf das Autodach. Sie holt sich schnell die rote Wolldecke vom Rücksitz, die sie letztes Jahr auf dem Kollwitzmarkt gekauft hat und wickelt sich damit ein.
Hatte sie wirklich gehofft, er würde noch was sagen? Sie zurückhalten? Liebevoll?? Ihr war nicht mehr zu helfen. Niemand soll ihre Tränen sehen. Sie dreht den Vorderersitz in Liegeposition und rückt ihn ganz nach hinten. So liegt sie über eine Stunde auf dem Sitz. Das Wasser pladdert nur so vom Himmel. So ist sie jetzt nach Hamburg unterwegs. Bald geht der Flieger. Denkt sie. Denkt ihr Mann. Ihr Noch-Mann.
Nach einer halben Stunde wählt sie noch mal Babetts Nummer.
„Ich komme jetzt!“
Babett muss noch arbeiten, sie fährt vor. In dem Laden, in dem sie Suppe kocht, serviert und putzt, trinken sie Champagner und essen Suppe. Dann atmet Henriette tief durch. Urlaub.
Tod in der Wüste
Der alte Tuareg ist misstrauisch. Lange schon hatte er Wesensveränderungen der Mutter seiner Frau bemerkt. Dieser einst so fröhlichen, aufmerksamen Frau. Die sich durch nichts unterkriegen zu lassen schien. Die immer hart arbeitete, anpackte, abends stundenlang dem Sonnenuntergang zusah. Bernadette, die ihrem Namen Ehre machte. Bernadette, die Bärenstarke, Bernadette, die Mutige. Ein französischer Name. Sie war ihm an sein verwittertes Herz gewachsen, dachte er doch damals, sie würde ihn, den Tuareg, niemals annehmen und als Schwiegersohn akzeptieren. Er wusste selbst nicht, warum es ihm Nana angetan hatte. Die eher unscheinbar war, ein stilles anspruchsloses Wesen, die zwar die Schönheit von Bernadette geerbt hatte, jedoch nicht ihren Stolz und ihre Willenskraft. Vielleicht genau deshalb. Vielleicht hätten der Tuareg und Bernadette als Mann und Frau – nur mal angenommen –, sich die Schädel eingehauen. Ein dominanter Part reicht. Und Nana hatte sich ihm von Anbeginn an vorsichtig unterworfen. Und war dabei sanft und beständig. Vielleicht war es das. Seine Schwiegermutter dagegen erschien ihm oft wie eine Prüfung, die nie aufhören wollte. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis er dieses stille Einverständnis ihrerseits mit ihm spürte. Frieden. Bis sie loslassen konnte, ihre Zweifel ihm gegenüber, ob er auch ja ein guter Mann für ihre Tochter sei. Geschlagen jedenfalls hat er seine Nana und auch Lea nie. Er musste andere Wege finden, seine ihm gottgegebene Dominanz zu repräsentieren, und das war eine Herausforderung für ihn. Die ihm mit der Zeit sogar Spaß machte und einen gewissen Schalk in seine ernsten dunklen Augen spielte. Und je älter er wurde, umso dankbarer war er Bernadette für diese Aufgabe. Hätte er sich an seinen Vater gehalten, wäre er einfach herrisch gewesen und hätte verlangt, ohne dafür geben zu müssen. So spürte er einen Ausgleich, der ihn zufrieden stimmte. Geben und Nehmen. Darauf bestand Bernadette und wenn es das Letzte war, wofür sie eintrat.
Und so, wie er Bernadette kannte, würde sie auch von Kleopatra mehr verlangen, als nur Feinde vom Hause fernzuhalten. Sie würde mehr verlangen, das wusste der Tuareg. Sie würde mehr verlangen. Diese Gedanken ließen ihn nicht mehr los. Sie würde. Der Tuareg beobachtete von nun an Kleopatra und Bernadette ganz genau. Er stellte fest, dass Bernadette verschiedene Spielarten probierte, um die Schlange zu provozieren. Als wären Kleopatras fetten Jahre vorbei. Nur wozu? Wozu?
Nach einer langen dreimonatigen Reise kommt der Tuareg heim. Auf den Kamelen Einkäufe für die Familie. Eine kleine Karawane, seine. Er sieht Nana schon von Weitem das Feuer anzünden und auch die Farben Kleopatras sind aus der Ferne nicht zu übersehen. Nur eine Frau fehlt. Eine fehlt. Es fehlt ihre Silhouette, ihr allabendlicher Blick in die untergehende Sonne. Der Tuareg braucht noch zwei Stunden. Lala zieht ihren Schritt wie immer, wenn sie die heimatlichen Gefilde riecht, wieder an. Ihre Nüstern blähen sich auf und saugen die heiße Luft ein. Dem Tuareg wird es mulmig. Er fürchtet sich. Er weiß, er wird bald etwas erfahren, was er nie erfahren wollte. Nie. Nie. War es ein Fehler, das mit Kleopatra?
Nana schaut ihn nicht an, doch bemerkt er ihr verweintes Gesicht und die fahrigen Bewegungen. Ihre Hände zittern beim Schneiden des Ziegenfleisches und des Brotes. Dann will er in das Haus und erstarrt. Sie muss sie so liegen gelassen haben, Bernadette scheint unter dem heiligen Baum in einen tiefen Schlaf gefallen zu sein. Ihre weiße Haut, die sie immer vor der Sonne zu schützen versuchte, glänzt wächsern. Die Augen, noch offen, gen Himmel gerichtet. Die weißen Haare. Schnell tritt der Tuareg zu ihr und streicht ihr über die Augen. Dann erst bemerkt er die drei Einstiche in Nanas Unterarm. Es ist der Abdruck Kleopatras. Der ihrer spitzen Zähne. Er weiß es sofort. Und er weiß auch sofort, warum Kleopatra vor Bernadette liegt. Und nun weiß er auch, warum Nana die Augen ihrer Mutter nicht selbst verschlossen hat. Wegen Kleopatra. Ihrer Königin. Als wolle die Schlange die Daseinsberechtigung der alten Frau immer noch beweisen. Als würde sie darum bitten, nur zu beschützen und nicht, wofür Bernadette sie auserkoren hatte. Als Wegbereiter in den Tod. Als wolle sie der alten Frau sagen, dass der Tod nicht ihre gottgegebene verfluchte Bestimmung ist. Dass sie sich dem Plan der Schöpfung nicht unterwirft. Auch wenn Bernadette ihren Willen auf sonderbare Weise umgelenkt hatte, die Giftzähne in ihr Fleisch und für sich den schon lang ersehnten Tod, die Erlösung. Überfällig. Es ist passiert.
Wenn der alte Tuareg etwas wusste und ahnte, dann das. Und er hatte schon viel gesehen. Schon als Kind begegnete er dem Tod in den verschiedensten Gestalten. Nicht alle Gesichter des Todes waren schön. Doch das hier ist etwas Besonderes, ein Augenblick, der sich ihm ins Leben zeichnete. Das hier würde er nie vergessen. Nie. Nie. Tränen steigen in seine dunklen Augen. Jetzt wusste er, warum er Nana auserwählt hatte. Er verbeugt sich vor Kleopatra, geht zum Feuer und gibt ihr das Fleisch, das sie sogleich gierig verschlingt.
„Wir bringen dich zurück in die Wüste. Ich kenne einen guten Ort für dich. Sonst werden sie dich umbringen!“, sagt er mit einem Blick hin zum Dorf.
Dann erst bemerkt er die Schönheit und geheimnisvolle Würde beim Anblick der alten Frau und der Schlange. Erstaunt hält er einen Moment inne. Wie ineinander verschlungen auf geheimnisvollen Wegen. Ihre Körper ergeben zusammen eine neue Landschaft. Als er Bernadette in die Wüste bringt, folgt Kleopatra. Er sieht Bernadettes noch immer weißen Zähne. Wie Perlen aus den Tiefen eines dunklen Leibes und einer noch geheimnisvolleren alten Seele. Er weiß die Sandberge, die sich vor ihm erheben und immer wieder erheben einzuordnen. Er weiß ganz genau, wo er sie hinbringen wird. Dort, wo ihr Körper für immer seinen Frieden haben wird. Und dorthin, von wo aus Kleopatra neu beginnen wird müssen. Sie wird jagen lernen müssen. Sie wird es lernen. All diese Gedanken begleiten den alten Tuareg, die Großmutter Bernadette im Arm und hinter ihm die Schlange. Hinter ihm die Ewigkeit, vor ihm die Ewigkeit, in ihm die Ewigkeit. Genau in diesem Moment des Einklangs mit allem, was das Schicksal vorgesehen hat, legt er Bernadette in eine Kuhle. Stunden sind vergangen. Kleopatra legt sich augenblicklich neben sie, ihr Blick in die Ferne gerichtet. In die Ferne, die nur aus einem blauen Himmel und der jetzt versinkenden Sonne bestand, die teilweise die Wüste mit einem rötlichen Licht bewarf, als würden die sanften Berge zu Blut. Der Sand gibt etwas nach, als hätte die Wüste schon lange gewartet. Gewartet auf eine alte Frau.
Langsam geht er zum Dorf zurück. Er weiß, bevor er Bernadette die letzte Ehre erweist, muss er noch etwas erledigen. Kleopatra wird solange auf Bernadette aufpassen, auch wenn er nie wieder zurückkäme. Sie würde nie diese Frau verschlingen.
Das Telefon klingelt. Das ist untypisch. Seit Bernd und Iris unter der Erde sind, klingelt hier gar nichts mehr. Die Menschen vergessen schnell. Lea hat mit den Freunden der beiden auch nicht so viel am Hut. Sie ging bei den Erwachsenengesprächen weg, als Kind liebte sie es bei offener Tür dem Gemurmel zu lauschen, ohne auf die Bedeutung zu achten. Dann fühlte sie sich bei Iris und Bernd so geborgen wie in der Wüste. Eingetaucht in menschliche Stimmen, deren Nähe. Doch jetzt leben die früheren Gefährten ihrer Zieheltern in ihren eigenen Welten. Schotten sich immer mehr ab. Während bei ihnen alles kleiner wird, dehnt sich die Welt für Lea aus.
Lea hebt ab. Ihr Vater ist dran.
„Vater?“, schreit Lea auf, als sie seine Stimme hört. Sie weiß, das muss ein schlechtes Omen sein. Ihr Vater würde nie, aber auch nie, in Berlin anrufen. Nie, und wenn sie tausendmal seine Tochter wäre. Nie, nie, nie. Ihr wird schwarz vor Augen.


