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Ein Höhepunkt der Reise war der Aufenthalt im Tiger Sanctuary, einem schönen Wildreservat mit irreführendem Namen. Es gibt dort keine Tiger und auch die anderen Tiere sieht der durchrasende Tourist meist nur eher sporadisch: kletternde Streifenhörnchen, freche Affen, ab und zu einen grasenden Hirsch oder ein suhlendes Wildschwein, auf jeden Fall aber viele Vögel. Auch Elefanten waren dort, jawohl, allerdings nur zahme, nur solche, die dazu dienten, Touristen in schaukelnden Sänften für eine Stunde in den Dschungel, der hier ein sehr lichter Wald war, zu tragen. Auf dem Elefantenparkplatz beobachtete er, wie ein Mahout, seinen Elefanten einige Kunststücke vorführen ließ. Er warf einen Stock, der Elefant apportierte ihn. Ein griff an sein Ohr, das Tier trompete. Eine Handbewegung zum Teich und die graue Masse legte sich wohlig in das Wasser und ließ sich die Haut bürsten, nicht nur von seinem Mahout, von jedem, der bereit war, ein paar Rupien zu spendieren. Zum Schluss hielt das frisch gewaschene Tier seinen Rüssel segnend über den Kopf der Leute, die ihm dafür ein Geldstück in den Rüssel steckten. Von den reichen Touristen erwarteten sowohl der Elefant als auch sein Herr einen Schein. Er wich von der Regel ab, steckte dem Tier eine Münze zu, eine Rupie, die kleinste Münze, die es gibt. Der Mahout protestierte lauthals, doch der mildtätige Spender dreht sich achselzuckend um und ging davon. Ein leise geflüsterter Befehl, der Rüssel tauchte in den Teich und ein wohldosierter, voluminöser Wasserstrahl traf den Rücken des Geizhalses.
Das allein wäre schon ein Grund, den Wildpark in fataler Erinnerung zu behalten, doch ein weiteres animalisches Schlüsselerlebnis sollte hinzukommen. Nach einem „soft walk“, einem Rundgang mit Führer durch den leicht begehbaren Teil des Waldes mit botanischen und zoologischen Erklärungen und Hinweisen – here you see a giant beetle, there is termite hill and over there, the strange tree with the long leaves, is a eucalyptus, origin Australia - war er wieder am Parkplatz angekommen. Hungrig und durstig von dem Gang in der Mittagshitze, beschloss er eine Kleinigkeit in der vegetarischen Imbissstube – pure veg - zu essen. Er bestellte Massala, tunkte knackigen Binis in rote Soße und beobachtete die Affen, die scharenweise umherstreiften, sich um weggeworfene Bananenschalen balgten, sich lausten, sich aneinander klammerten, zwischendurch kopulierten und immer die Bäume rauf und runter, rauf und runter. Das Gewusel gefiel ihm und er fotografierte eifrig mit seiner kleinen, verchromten Canon. Nach einer Weile stand er auf, ging zur Theke, um sich noch eine Lassie zu holen, eines dieser köstlichen Joghurtgetränke. Fatalerweise ließ er nicht nur das erst halb aufgegessene Mittagsmahl unbeaufsichtigt auf dem Tisch stehen, auch seine Kamera, seine schöne, neue, nicht ganz billige Kamera ließ er liegen. Noch ehe er die Theke erreicht hatte, hörte er die Leute am Nebentisch schreien. Er dreht sich um und sah, wie sie die Affen verscheuchten, die sich gerade über sein Mittagessen hermachen wollten. Sie ließen auch tatsächlich von ihrem verwerflichen Tun ab und trollten sich, zurück auf die Bäume. Doch der Letzte, wirklich der Letzte aus der Horde, vermutlich ein übermütiger Teenager mit zu viel Testosteron, grabschte im Wegrennen die Kamera und nahm sie mit in den Wald, in dem er mit seiner kostbaren Beute sofort verschwand. Einen Trost in dem aufgekommenen Ärger gab es. Kameras sind ersetzbar und in Indien, einem partiellen High-tech-Land auch erhältlich und nicht allzu teuer.
Das animalischste und scheußlichste aller animalischen Schreckenserlebnisse traf ihn jedoch am Strand, kurz vor Ende der Reise. Er hatte zum Entspannen nach all dem Sightseeing, den vielen Tempeln, den Hunderten von Kilometern stressigen Indienverkehrs und den in unzähligen Fotos festgehaltenen Eindrücken von Land und Leuten noch ein paar Tage in einem Ressort gebucht. Es lag an einem dieser Traumstrände, an denen angenehm warmes Wasser in einer leichten Dünung den feinen weißen Sand umspült und die wiegenden Palmen die einzige Gefahr darstellten, weil eine schwere Kokosnuss, die aus großer Höhe herabfällt, beträchtlichen Schaden anrichten kann. Das Schönste war, dass es, obwohl Hauptreisezeit, kaum Touristen gab und er sich wunderte, wie der Betrieb aufrechterhalten werden konnte. Die Umgebung war geschmackvoll, mit sehr viel Grün, vielen Bäumen und Büschen, Rasenflächen und Teichen, Vögeln und Streifenhörnchen. Ein Paradies und er mitten drin. Er wohnt in einem komfortablen Holzhaus, speiste in dem Freiluftrestaurant und genoss den exzellenten Service des zahlreichen, unausgelasteten Personals. Aus der abgeschlossenen Komfortwelt des Ressorts gelangte man durch eine Tür im Zaun direkt an den Strand. Neben der Tür saß ein Wächter, der jeden nach seiner Zimmernummer fragte, aus Sicherheitsgründen, falls man abhandenkam, abgetrieben oder von Haifischen angefallen. Wenn man den abgesteckten, gesicherten Bereich des Traumstrands verließ, gelangte man zu den Hütten der Anwohner, früher hätte man Eingeborene gesagt, aber das Wort kann man heute nicht mehr verwenden. Die Männer saßen im Schatten ihrer malerischen, meistens bunt angestrichenen Fischerboote, die sie ein weites Stück vom Meer weg auf den Sand gezogen hatten, und flickten die Netze. Ein Idyll, wie aus dem Bilderbuch. Jenseits der Sandzone, im Schatten der Palmen grasten Kühe und Wasserbüffel. Kaum sahen die Kinder des Dorfs den Fremden, kamen sie in Scharen herbeigelaufen und riefen „come from? pen please“.
Am zweiten Tag hatte er den Hotelstrand verlassen und war lange am Meer entlang gewandert, bis zu einer Halbinsel, die sich bogenförmig ein paar Hundert Meter in das Meer hinein erstreckte. Auf der Halbinsel standen ein paar Hütten und eine Menge Palmen. Kühe grasten, Hühner liefen herum, er sah keine Menschen, nur ein paar Hunde, die knurrten, als er näher kam, sich aber dann trollten. Das Ufer bestand hier aus Felsen, es war wilder und deutlich steiler und die heftigere Brandung versprach ein größeres Badevergnügen. Er zog sich aus und legte seine Kleider unter eine Palme, die Hose, das Hemd, die Unterhose, die Sandalen, ein Buch, alles, was man so dabei hat. Dummerweise hatte er auch seinen Brustbeutel aus olivgrünem Stoff mitgenommen, statt ihn in dem sicheren Zimmer des Bungalows gelassen zu haben. Das war wirklich dumm, aber, so sein nächster Gedanke, wer sollte hier schon vorbeikommen und ihn beklauen. Sorgfältig legte er den Beutel unter die Kleider und ging ins Meer. Das Schwimmen war herrlich, die Brandung hielt, was sie versprochen hatte, er tauchte, ließ sich vom Wasser hin und her treiben, hochschaukeln und niederziehen. Dann paddelte vom Ufer weg, bis die Dünung wieder ganz sanft wurde, legte sich auf den Rücken, ließ sich sanft wiegen, blinzelte in die Sonne, schloss die Augen und träumte. Nachdem er die Freuden des Badens im Meer genügend ausgekostet hatte, schwamm er zurück und die kurze Phase des Traumurlaubs war in dem Moment zu Ende, als er aus dem Wasser stieg und zu seiner Palme gehen wollte. Er erstarrte. An dieser, seiner Palme stand eine Kuh und entledigte sich gerade einer großen Ladung dunkler Kuhscheiße. Aber das war nicht der Grund seiner Erstarrung, nicht das Hinterteil, nein das Maul war es. Der Anblick dieses Mauls veranlasste ihn, seine Schockstarre schleunigst aufzugeben, loszurennen und auf das Tier einzuschreien. Die Kuh, die in seinen Kleidern gewühlt hatte, sah erstaunt auf und hoppelte dann eilig davon. Er hinterher, fluchend schimpfen, mit den Armen rudernd und weiterhin schreiend. Denn das, was er für einen kurzen Moment gesehen hatte, war fürchterlich. Er hatte gesehen, wie der handliche, grünliche Brustbeutel mit seinem wertvollen Inhalt, Bargeld, Kreditkarte, Pass im Maul der Kuh verschwand und nur noch die weiße Schnur heraushing. Als er die Kuh eingeholt hatte, schlug er auf sie ein, packte sie am Horn und versuchte den Beutel an dem Bändel wieder herauszuziehen. Doch das misslang, der Bändel riss und die Kuh riss sich, den Kopf heftig hin- und herschüttelnd von seiner Hand los. Eine alte Frau war aus einer der Hütten gekommen, hatte gesehen, wie einer dieser Fremden es wagte eine heilige Kuh zu beleidigen, zu beschimpfen, festzuhalten, gar zu schlagen. Sie begann ihrerseits zu kreischen und auf den Frevler einzuschimpfen. Weitere Dorfbewohner eilten aus ihren Hütten und scharten sich um den Unhold. Dieser versuchte ihnen klarzumachen, was passiert war und sie durchschauten die Sachlage überraschenderweise sehr schnell und ihre anfängliche Feindseligkeit verwandelte sich in Hilfsbereitschaft. Ein Mann fing die Kuh ein und öffneten ihr das Maul, doch das war leer. Der grüne Brustbeutel war wohl schon im Pansen angekommen. Der einzige Trost, der ihm blieb, war, dass sein Konto mit der gestohlenen Kreditkarte nicht geplündert werden würde. Doch der Frust war groß, die Scherereien vielfältig. Finanziell war das Desaster erträglich. Die Rundumsorglosreiseversicherung ersetzte alle materiellen Schäden, doch die entgangenen Freuden unter Palmen, ersetzte ihm niemand.
Der Bunker
Sie kannten sich erst seit ein paar Tagen und ihr Glück war noch ganz frisch. Sie waren sich mehrfach beim Fahrrad fahren begegnet, er hatte sie angesprochen und seither fuhren sie zusammen, suchten die Einsamkeit, ruhige Plätze, an denen sie ungestört waren, um zu ergründen, ob sie zueinanderpassten. Er, der Draufgänger, immer ein freches Wort auf den Lippen, der Durchblicker, der genau die richtige Lösung für jedes Problem kannte. Und sie, die Schüchterne, Verklemmte, die aus lauter Unsicherheit an den Nägeln kaute und für ihre vielfältigen Probleme fast nie eine Lösung sah.
Am Sonntag Nachmittag fuhren sie in das große Waldgebiet, das einige Kilometer entfernt war. Auf dem freien Feld war es stickig und heiß und sie waren froh, als sie den Wald erreichten. Im Schatten war es angenehm und sie trafen auf keine Menschen. Auf einer Lichtung machten sie Pause, genossen den Duft des Kieferharzes und die Wärme des Bodens, aßen ihre mitgebrachten Brote und tranken eine inzwischen lauwarme Cola. Der Wald um sie herum war eine dichte, schwarze Mauer und sie sagte, dass es ihr ein bisschen unheimlich sei. Nachdem sie sich ausgiebig geküsst und geschmust und im Gras herum gewälzt hatten, wollte sie sich ein Weilchen ausruhen, während er beschloss, die Umgebung zu erkunden, bevor sie sich wieder auf den Heimweg machten.
Als er zurückkam, lag sie im Gras und schlief. Sie war sehr schmal, sehr zerbrechlich, mit schönen, feinen Gesichtszügen und langem, dichten Haar. Ihr kurzes helles Sommerkleid war weit hochgerutscht und er bewunderte ihre schlanken Beine. Sie gefiel ihm zweifelsohne, aber er war sich nicht sicher, ob er sie liebte. Er fand sie zu naiv, zu unsicher und unausgegoren. Er hätte lieber eine selbstsichere, robuste Freundin gehabt. Aber nun waren sie zusammen und das war gut so. Er setzte sich neben sie, und als sie aufwachte, erzählte er ihr, dass er einen ziemlich versteckt gelegenen, verlassenen Steinbruch entdeckt habe, und schlug vor, ihn zu erkunden, ein kleines Abenteuer als Höhepunkt ihres Sonntagsausflugs. Sie zögerte, wollte nicht so recht, machte Einwendungen, aber als er sie einen Angsthasen nannte, stimmte sie schließlich zu. Auf einem zugewachsenen Waldweg fuhren sie zu dem Gelände, das von einem hohen, stabilen Zaun umgeben war, eine zusätzlichen Lage Stacheldraht sollte jedes Eindringen unterbinden. Das breite Eingangstor war mit mehreren Schlössern gesichert. Sie ließen die Räder stehen und suchten eine Stelle, die zum Überklettern geeignet war. Sie fanden sie in einiger Entfernung, ein umgestürzter Baum hatte den Zaun auf den Boden gedrückt.
Die Reifenspuren auf dem Platz hinter dem Eingangstor waren vom Wind und Regen eingeebnet und kaum mehr zu erkennen. Der Steinbruch musste wohl schon vor langer Zeit aufgegeben worden sein und offensichtlich war lange niemand mehr hier gewesen. Eine Straße führte abwärts zu einem großen Halbrund, das von den Felswänden umgeben war, aus denen die Steine gebrochen worden waren. Der Wald hatte begonnen, das Gelände zurückzuerobern, selbst an den steilen Wänden wuchsen vereinzelte Büsche und kleine Bäumchen.
An einer Seite der Felswand stand ein Gebäude, besser gesagt, es war der vordere Teil eines Bunkers, der in den Fels hineinragte. Man sah nur die Fassade mit einer Stahltür in der Mitte und einem vergitterten Fenster auf jeder Seite. Als sie auf die Tür zugingen, sagte sie, es sähe aus wie ein Gesicht, das sie böse anstarrte und dass sie ein beklemmendes Gefühl habe. Aber dann redete sie nicht weiter, weil sie nicht nochmals als Angsthase aufgezogen werden wollte. Die Tür war überraschenderweise nicht verschlossen, aber sie hing schief in der Zarge und ließ sich nur einen kleinen Spalt weit öffnen. Erst als beide heftig gegen eine starke Spannung anzogen, gelang es ihnen sie so weit zu öffnen, dass sie in einen kleinen, fensterlosen Flur schlüpfen konnten. Sie sahen sich in dem schummerigen Licht um. An jeder Wand war eine Tür. Eine war halb geöffnet und der Raum, den sie betraten, war offensichtlich ein Aufenthaltsraum gewesen. Vor dem vergitterten Fenster standen ein schiefer Tisch und drei Stühle. An der einen Wand war ein Regal, in dem noch ein Kochtopf aus Email, eine gusseiserne Pfanne und ein paar Teller und Gläser standen. An der anderen Wand war eine Steinplatte befestigt, mit einem Loch, vermutlich ein Ausguss, sie sahen jedoch keine Wasserleitung. Dafür stand auf der Platte eine rostige, elektrische Kochplatte. Der zweite Raum war eine Werkstatt mit einer alten Werkbank aus Holz vor dem Fenster. An einer Seitenwand standen drei schmale, leere Schränke, vermutlich Garderobenschränke, an der anderen eine Kommode mit Schubladen, die ebenfalls leer waren. Sie gingen zurück in den Flur. Die dritte Tür war verschlossen, ein gelbes Warnschild verbot den Umgang mit Feuer und offenem Licht wegen Explosionsgefahr. Er sagte, dass dies sicher das Sprengstofflager gewesen sei, das würde die Stahltür und die vergitterten Fenster erklären. Dann frage er sie, ob sie glaube, dass in dem Lager noch Dynamit sei. Nachdem sie vergeblich versucht hatten, die Tür zu öffnen, gingen sie zurück in den Aufenthaltsraum und malten sich aus, wer hier was gekocht und gegessen habe und wie es sein würde, wenn sie hier ein paar Tage verbringen würde. Es wäre jedenfalls sehr ruhig, meinte sie.
Allmählich war ihr Forscherdrang erschöpft und sie wollten zurück ins Freie. Er ging zu der Stahltür und stemmte sich mit viel Kraft dagegen, um sie weit genug zu öffnen. Die Tür ächzte und gab nach und er spürte erneut die starke Spannung und den Druck auf seine Arme. Als sie schon neben ihm stand und hinaus wollte, sah sie, etwas versteckt, einen Wandkalender hängen. Sie hatten spekuliert, wann der Steinbruch aufgegeben worden war und sie beschloss, noch schnell die Jahreszahl nachzusehen, dann wüssten sie es genau. Statt hinauszugehen, dreht sie sich um und ohne sich zu überlegen, dass er die Tür nur mit Mühe aufhielt, packte sie ihn am Arm und sagte, er solle doch mit hinsehen. Irritiert von ihrem unerwarteten, heftigen Griff, gab er für einen Moment dem Druck der Tür nach, diese entspannte sich und flog mit lautem Knall zu. Beide erschraken, dann sagte er trocken, jetzt haben wir den Salat und schickten sich an, die Tür wieder zu öffnen. Aber sie bewegte sich nicht. Der Türgriff ließ sich zwar drehen, aber das Schloss reagierte nicht. Wie er auch drückte und zerrte, nichts geschah. Er wurde wütend und fuhr sie an, sie sei schuld an dieser Situation und sie solle jetzt ruhig bleiben, obwohl sie kein Wort gesagt hatte und ihm würde schon etwas einfallen. Als er einsah, dass sein Tun erfolglos war, suchte er nach einem Werkzeug, um die Tür anzuheben und aus dem Schloss zu drücken. Er fand nichts, das auch nur im Entferntesten geeignet gewesen wäre, außer der Pfanne. Aber bei einem seiner wilden Versuche, den Pfannenstiel als Hebel zu verwenden, brach dieser ab. Daraufhin wandte er sich den Fenstern zu, aber auch diese boten keine Möglichkeit des Entkommens. Sie ließen sich zwar öffnen, aber die Gitter waren stabil und auch hier half alles Rütteln nichts. Er wurde immer aufgeregter und wütender und schimpfte und fluchte. Sie blieb dagegen seltsamerweise weiterhin ruhig und gefasst. Als er schließlich einsah, dass sie sich aus eigener Kraft nicht befreien konnten, herrschte er sie an, sie solle laut schreien. Sie riefen und riefen, obwohl ihnen klar war, dass sie niemand hören würde.
Die Zeit verging, sie waren nun schon ein paar Stunden in ihrem Gefängnis, alle ihre Bemühungen zu entkommen waren gescheitert und die hereinbrechende Dunkelheit verstärkte ihre Angst. Sie setzten sie sich auf den Fußboden. Er wiederholte ständig seine Vorwürfe, dass sie an allem Schuld habe, beschimpfte sie und nannte sie eine dumme Kuh. Sie weinte, entschuldigte sich immer wieder und wollte sich, Trost suchend, an ihn schmiegen, aber er stieß sie wütend von sich. Sie wurde nun ebenfalls wütend und ging in den anderen Raum. Irgendwann schliefen sie schließlich ein und wachten auf, als das erste Licht des Tages durch die Fenster drang und die Vögel laut und fröhlich sangen. Erneut versuchten sie die Tür und die Gitter zu bewegen, suchten die Räume nach Werkzeugen ab und schrien durch die offenen Fenster laut nach Hilfe.
Die Sonne stieg hoch und senkte sich wieder zum Horizont. Sie hatten Durst und Hunger und Angst und Verzweiflung und waren voller Wut aufeinander. Zu Hause würde man sie schon seit gestern Abend vermissen, aber niemand wusste, wo sie hingefahren waren. Ihre ganze Hoffnung war, dass jemand die Fahrräder vor dem Tor sehen oder ihre nur noch vereinzelten, krächzenden Hilferufe hören würde. Sie mussten einen weiteren Tag und eine verzweifelte Nacht über sich ergehen lassen, bevor sie das Glück dann doch noch erreichte. Im Radio war über das Verschwinden der jungen Leute berichtet worden und ein Waldarbeiter, der ihre Fahrräder sah, gab der Polizei den entscheidenden Hinweis. Sie waren nach ihrer Befreiung überglücklich, aber ihre Liebe war in dem Bunker geblieben.
Ein Desaster
R. kannte G. über dessen Frau, sie war Studienkollegin gewesen. Sie hatten im selben Semester die gleichen Kurse belegt und sich bei der Prüfungsvorbereitung geholfen. Nach dem Studium hatten sie sich aus den Augen verloren, und erst als sie sich zufällig in derselben Stadt trafen, in die sie die Arbeit verschlagen hatte, nahmen sie wieder losen Kontakt auf. Sie gingen manchmal mit den Kindern im Wald spazieren, beide waren verheiratet und hatten Familie oder luden sich zum Essen ein. Nicht oft, nicht regelmäßig und auch nur mit mäßiger Begeisterung. Als G. versetzt wurde, brach der Kontakt wieder fast ab. Nur zu Weihnachten schrieben sie sich Karten und manchmal riefen sich die Frauen an, sie kamen gut miteinander aus.
Dann ergab es sich, dass die R.’s in der Gegend Urlaub machten, in der die G’s jetzt wohnten. Eine beschauliche Gegend, abseits aller kulturellen, wirtschaftlichen und gesellschaftsrelevanten Strömungen. Flaches Land pur, Kühe, Mais, Kartoffeln. Nur ein Arbeitgeber von Bedeutung, die Fabrik, in der G. eine mittlere Führungsposition bekleidete. Als die G.’s weggezogen waren, hatten sie eine Einladung ausgesprochen - besucht uns doch mal, ihr könnt jederzeit kommen, wir würden uns freuen - die vielleicht nicht ganz ernst gemeinte, aber auch nie widerrufen worden war, denn so etwas macht man ja auch nicht ohne triftigen Grund. Nun machte es R. also wahr und mit Frau und achtjähriger Tochter unangemeldet vor G.’s Haustür. Sie hatten ein Ferienhaus gemietet, das wie üblich nur von Samstag zu Samstag gebucht werden konnte. Die Anfahrt war aber lang und so fuhren sie am Freitag los und hofften, ein Hotel für die eine Nacht zu finden. Sie fanden aber kein freies Zimmer und da kam ihnen die Idee mit dem Besuch bei G., zumal G.’s Frau bei einem ihrer letzten Anrufe von ihrem neuen Haus geschwärmt hatte, einem neuen, großen Haus mit viel Platz für Besucher - ihr könnt jederzeit unterkommen, kein Problem.
Die Überraschung stand G. im Gesicht geschrieben, als er die Haustür öffnete. Der Besuch kam nicht nur unerwartet, sondern auch ungelegen, wie er ihnen bei einem Glas Sprudel im Wohnzimmer eröffnete. Seine Frau sei gerade einkaufen, denn er erwarte heute Abend Besuch, seinen Chef mit Frau, eine wichtige Einladung, wichtig für seine berufliche Karriere. Bevor R. auf die Nöte der von der Fahrt ermüdeten, nach Ruhe lechzenden Besucher einging, legte er ausführlich dar, wie wichtig ihm der Besuch sei, nicht der der G’s, sondern der seines Chefs. Wenn wir einen guten Eindruck hinterlassen, du weißt ja, neben dem Fachlichen spielt die Chemie eine Rolle, die gegenseitige Sympathie, nicht zuletzt die Wirkung seiner Frau auf den Chef und den Eindruck, den sie beide, er und seine Frau, auf die Frau des Chefs hinterlassen müssten, dieser ganze Psychologiekram, du weißt schon. Wenn also heute alles gut ginge, könnte er sich Hoffnung auf eine Stelle machen, die demnächst altersbedingt frei würde. Eine gute Stelle, mit viel Potential, der Einstieg in die Hierarchie. Du weißt ja, wie wichtig Vitamin B ist, genauso wichtig wie Seilschaften, man kommt nur weiter, wenn man Beziehungen pflegt, man muss sich bekannt und unentbehrlich machen. Dass er dieses Feld eifrig bestellte, um im Beruf weiterzukommen, hatte R. schon von früher gewusst, er war ein Schleimer und ein Rackerer. Neu für ihn war, dass G. nun auch im öffentlich Leben Position bezogen hatte. Er kandidierte für die kleinere der beiden Regierungsparteien als Direktkandidat, wie er stolz berichtete, zwar ohne Aussicht auf Einzug in den Bundestag, seine Partei hatte noch nie in ihrer Geschichte ein Direktmandat gewonnen, aber das sei nicht so wichtig, er wolle ja gar nicht gewählt werden, er wolle in der Firma Karriere machen. Jedenfalls hing sein Porträt an allen Straßenecken, was R. auch schon bei der Anfahrt bemerkt hatte, ein wichtiger Schritt zur Vergrößerung seines Bekanntheitsgrads. Diese Kandidatur und seine Strebsamkeit, er war zweifellos ein pfiffiges Kerlchen mit ausgeprägtem Ego, machten ihn für die Firma interessant und genau damit wollte er wuchern und der heutige Abend sollte die Weichen für eine vielversprechende Zukunft stellen.
Nachdem er diese wichtige Botschaft und Erklärung los geworden war, legte er ziemlich unverblümt und schnörkellos den R.’s nahe, für diese Nacht doch lieber ein Hotelzimmer zu suchen, am nächsten Tag, da seien sie herzlich willkommen, dann stehe sein Haus ihnen selbstverständlich zur Verfügung und bla, bla, bla. Doch ein Hotelzimmer zu bekommen war nicht möglich. Diese Erfahrung hatten sie ja schon gemacht, und als G., von seiner Omnipotenz überzeugt, selbst diverse Anrufe tätigte, musste auch er schließlich resigniert feststellen, dass kein Zimmer zu haben war. Den Grund hätte er eigentlich wissen müssen. In der Stadt fand an diesem Wochenende ein überregionales Schützenfest statt, es sollte sogar der deutsche Schützenkönig gekrönt werden und G. würde am Sonntag als Direktkandidat auch seine Aufwartung machen. Jedenfalls waren alle Hotels und Pensionen, alle Privatquartiere und Absteigen ausgebucht und das nicht nur in der Stadt selbst, sondern auch im näheren Umland. Im weiteren Umland gab es sowieso keine Beherbergungsmöglichkeiten mit Ausnahme der Ferienwohnungen in unberührter Landschaft, die aber wie gesagt, nur von Samstag bis Samstag buchbar waren. Eine Weiterfahrt in eine ungewisse Nacht mit der Aussicht auf stundenlanges vergebliches Suchen wollte R. weder sich noch seiner Familie zumuten und das verstand selbst G. Eine verzwickte Situation, die sich auch nicht lösen ließ, als G.’s Frau eintraf und die Gäste herzlich begrüßte. Den naheliegenden Vorschlag, für die R.’s einfach drei Teller mehr hinzustellen, bei Aldi noch eine Flasche Cabernet Sauvignon und ein paar Tiefkühlpizzas zu holen, machte G. nicht. Das passte ihm nicht in den Kram, es würde seine sorgfältig geplante Strategie stören. Und R., der diese Lösung als selbstverständlich erachtet hätte, brachte diesen Vorschlag selbstverständlich nicht aufs Tapet.
Schließlich fanden sie doch eine Lösung, die G. als optimal anpries, der G’.s Frau nach einigem herum drucksen nicht widersprach und die die R’s notgedrungen akzeptieren mussten. G’s Frau würde für die R’s ein einfaches, köstliches Nachtmahl bereiten, Wurstsalat mit Tomaten und dazu gäbe es einen wirklich guten Riesling. Dann sollten die beiden Alten ins Kino gehen, es laufen sehr gute Filme in unserem Programmkino und die Tochter könnte mit den eigenen Kindern noch spielen, obwohl diese deutlich jünger und somit keine adäquaten Spielpartner waren und dann könne sie ja früh zu Bett gehen. Die Kinolösung war zwar nur suboptimal, aber immer noch besser als bei Nacht und Nebel herumzuirren und ein Zimmer zu suchen. Die Tochter nölte etwas, war aber müde von der Reise und versprach, nachdem ihr für das Wochenende diverse Eisportionen und Schokoriegel in Aussicht gestellt wurden, brav zu sein. Doch nachdem der Riesling zur Hälfte geleert war und R. Zeit gefunden hatte, die unangenehme Situation mit seiner Frau in Ruhe durchzugehen, verkündete er G., sie wollen lieber doch nicht ins Kino gehen, sie hätten keine Lust, auch nicht auf einen Programmkinofilm und auch wegen der Tochter und so, sie würden lieber still auf ihrem Zimmer bleiben und warten, bis der Herr Chef mit Gattin wieder abgezogen sei.




