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So geschah es. Die R’s saßen in einem der Gästezimmer und lasen den Stern und die Tageszeitung. Die Tochter war in der Tat müde und in ihrem Beistellbett rasch eingeschlafen. Die G.’s hatten pünktlich um acht Uhr den Herrn Chef mit Gattin und Töchterchen in ihr Haus gebeten. Der Tisch war mit edlem Linnen, Rosenthalporzellan und WFM-Besteck gedeckt und mit Blumen geschmückt, zu denen sich nun der Strauß gesellte, den der Chef G’s Frau überreicht hatte. Das Essen fand in der großen Halle im Erdgeschoss statt, die Teil des Wohn-Koch-Bereichs war, während die Schlaf- und Gästeräume im ersten Stock lagen, die durch eine großzügige Galerie miteinander verbunden waren. Es war in der Tat ein extraordinäres, ja ein durchaus repräsentatives Haus, das sich G. in der Gewissheit auf Beförderung und Gehaltserhöhung und unter Aufnahme beträchtlicher Schulden geleistet hatte. Aber er hatte ja eine sichere Stelle und war deshalb für die örtliche Bank ein höchst genehmer Kunde. Wenn die R’s die Tür des Gästezimmers leise öffneten, rochen sie den verführerischen Duft von Lammbraten und Minzsoße und hörten das muntere Geplauder der Abendgesellschaft, wobei der Gastgeber mit seinem lautstarken Schwadronieren bei Weitem dominierte. Am Anfang vernahmen sie auch noch das Geplapper des Cheftöchterchens, das aber bald verstummte. Dieses Mädchen von vielleicht zehn, zwölf Jahren war überraschend mitgekommen. Wenn man das früher gewusst hätte, stellte G. bei der Begrüßung bedauernd fest, hätte man vielleicht auch noch für die eigenen Kinder mit gedeckt. Aber die waren dafür noch zu klein und schliefen bereits. Ob G. in diesem Moment ein wenig bedauerte, R.’s Tochter, die fast gleich alt war, nicht zur Verfügung zu haben, sei dahingestellt. Jedenfalls musste sich das Cheftöchterlein allein mit den doofen Erwachsenen vergnügen.
Der Abend hätte friedlich und schiedlich enden können, wenn nicht R. dringend auf die Toilette gemusst hätte und das kleine Mädchen von großer Langeweile geplagt gewesen wäre. Am Riesling hatte es sicher nicht gelegen, aber möglicherweise hatte der rustikale Wurstsalat schon einen Stick gehabt. R. schlich sich jedenfalls über die Galerie in Richtung Badezimmer und wagte nicht, nachdem er sein Geschäft erledigt und sein Wohlbefinden zurückgewonnen hatte, die Wasserspülung zu betätigen, um keine Aufmerksamkeit auf die klandestinen Mitbewohner zu richten. Fast nackt, nur in einer Miniunterhose anstelle eines Pyjamas, war er auf dem Weg zurück in das rettende Gästezimmer, als er eine kleine Gestalt die Treppe heraufkommen sah. Schnell versteckte er sich hinter einer mächtigen, üppigen Yuccapalme, einem ungeliebten und daher hierher verbannten Geschenk der Eltern oder Schwiegereltern zum Einzug in das neue Haus.
Während R. mit seiner Verdauung kämpfte und schließlich einem natürlichen Drang nachgehen musste, hatte sich im Stockwerk darunter die Lage verändert. Nach der erlesenen Vorspeise und dem höchst erfolgreichen Hauptgang hatte die Frau des Chefs angeboten, bei der Zubereitung des Nachtischs, frisches Limettensorbet mit raffinierter Schokosauce, behilflich zu sein. Sie kamen sich bei dieser anspruchsvollen Küchenarbeit durchaus näher und konnten für eine strategisch wichtige Weile, das Wohnzimmer den beiden Männern überlassen, denn diese sollten sich ja auch nahe kommen, das war schließlich der Sinn und Zweck der Einladung. Und sie kamen sich näher. G. war zur Höchstform aufgelaufen, erläuterte seine Pläne, Ideen, Strategien, Visionen. Der Chef war angetan. Ei der daus, was für ein Potential schlummerte da in seiner Abteilung, was für ein Eisen, das man nur richtig schmieden musste, um es bei Bedarf als scharfe Waffe einsetzen zu können. G. redete und redete, holte sich einen Schreibblock, um seine Gedanken zu veranschaulichen, schenkte Bordeaux nach und schloss aus dem wohlwollend aufmerksamen Verhalten seines Vorgesetzten, dass er auf dem richtigen Weg war. Die Leidtragende, ja die Verliererin des Abends war das Töchterchen, ein munteres Ding voll Tatendrang, das sich allein unter den Erwachsenen fürchterlich langweilte. Erst das grässliche Essen, dann die endlosen, unverständlichen Gespräche, Mama weg, Papa auch irgendwie weg, obwohl er am Tisch saß. Sie streifte durch die Halle, schaute hier hin und da hin und stieg schließlich unbemerkt die Treppe hoch, um in unbekannten Gefilden weiterzuforschen. Ein Ding war schon mal ganz interessant, ein großer Baum, mitten in einer Wohnung, im Halbdunkel des spärlichen Lichts kaum zu erkennen.
Was dann geschah, geschah recht schnell, die Abläufe überschlugen sich. Das kleine Mädchen öffnete in ihrem Forscherdrang die nächste Tür. Es war die zum Bad. Doch als sie eintreten wollte, umgab sie ein ekeliger Gestank. Sie hielt sich die Nase zu, machte kehrt und ging schnell wieder zurück auf die Galerie. Und genau in diesem Moment sah sie, wie ein nackter Mann hinter dem großen Baum hervorkam und geradeswegs auf sie zu eilte. Sie erschrak fürchterlich, schrie gellend auf und stürzte auf die Treppe zu, um schnell zu Mama und Papa zu gelangen. In ihrer Hast und Angst stolperte sie auf deren Mitte und stürzte die letzten Stufen hinab, dabei verknackste sie sich das rechte Sprunggelenk und schrie nun erst recht und das mit gutem Grund. Durch den Lärm wachte die Tochter von R. auf, wähnte sich in einem Albtraum, rannte auf die Galerie und schrie ebenfalls, allerdings ohne Grund. Und auch die G-Kinder waren aufgewacht, tappten auf die Galerie und stimmten in das Schreikonzert ein. R. stand, macht- und hilflos in seiner ganzen Schönheit und seinem Tanga oben auf der Treppe, angezogen durch das Poltern des stürzenden Mädchens und hörte sich die bitteren Vorwürfe seiner Frau an, die natürlich auch auf der Galerie erschienen war, nicht wusste, was los war und schwankte, ob sie zuerst die Tochter beruhigen und dann ihren Mann ausschimpfen sollte, der selbstverständlich für das Chaos verantwortlich war oder umgekehrt. Das Sorbet wurde schnöde im Stich gelassen, die beiden Frauen eilten beim ersten schrillen Schrei aus der Küche und sahen entsetzt, wie das Kind die Treppe herab taumelte und dann herab purzelte. Die beiden Männer, zwar vor Ort, aber mental weggetreten, wurden brutal in die Wirklichkeit zurückgeholt. Alle Pläne und Visionen, alles, was zwischen Hauptgang und nicht serviertem Nachtisch so kunstvoll aufgebaut und eingefädelt worden war, zerstob in einem kurzen Moment. Es war ein Desaster.
Die Knoten all dieser Komplikationen entwirrten sich nach und nach. Die beiden kleinen G-Kinder auf der Galerie beruhigten sich und gingen von selbst in ihr Zimmer zurück, um friedlich weiterzuschlafen. Der Chef, auf dem Arm das jammernde Kind, und seine Frau verabschiedeten sich hastig. R. versuchte einige halblaue Erklärungen anzubringen, doch niemand hörte zu. Seine Frau, immer noch mächtig wütend, war damit beschäftigt die eigene Tochter zu beruhigen, die, brutal aus dem Tiefschlaf gerissen, hemmungslos schluchzte. G’s sanfte Frau hatte sich in ihr Reich, die Küche zurückgezogen, lehnte sich an die Spüle und weinte, weil das Sorbet unvollendet geblieben war. G. selbst war abwechselnd puterrot und kreidebleich. Ihm war immer noch nicht klar, was eigentlich so richtig vorgefallen war und haderte mit dem Schicksal, dass solch ein Scheiß ausgerechnet an diesem Abend hatte passieren müssen. Ihm war aber überdeutlich klar, was er an diesem Abend alles verspielt hatte.
Die R’s reisten am frühen Morgen fast grußlos ab. Der Kontakt erstarb damit vollends. Aus der Beförderung von G. wurde nichts, ein Konkurrent war aus dem Hut gezaubert worden und hatte die Nase vorn. Die Wahl ging gründlich daneben, die Anzahl der Zweitstimmen war weniger und die der Erststimmen viel schlimmer als erwartet. Die Ehe der G.’s wurde nach einiger Zeit geschieden, die Karrieresucht von G. wollte und wollte mit den simpleren Ansprüchen und Ansichten seiner mit mehr Vernunft ausgestatteten Frau nicht harmonieren. Die R’s suchten nie wieder unangemeldet jemanden auf und mieden, nachdem die drei Wochen in der Ferienwohnung überstanden waren, die Gegend, in der G.’s Haus lange Zeit vergeblich zum Verkauf angeboten wurde.
Jetzt fahr’n wir über'n See
Der Tag war sonnig und friedlich. Sie hatten für das Wochenende ein Zimmer in einem komfortablen Hotel gebucht, das für seine Lage am See und seine Sterneküche berühmt war. Sie wollten den Alltag vergessen, abschalten, allen Frust und Ärger für ein paar Stunden hinter sich lassen. Ein langer Spaziergang am Vormittag, dann das übersichtliche, feine Mittagsmenü und nach dem Essen Entspannung im weitläufigen Park. Gegen Spätnachmittag, die Sonne näherte sich bereits dem Horizont, schlug er eine Bootsfahrt vor, um sich vor dem opulenten Abendessen den notwendigen Appetit zu verschaffen. Er war überrascht, als sie sofort einwilligte, da sie spontanen Unternehmen eher zögerlich gegenüberstand und sie meistens ablehnte.
Sie gingen zu dem nahegelegenen Bootsverleih und er vereinbarte mit dem Besitzer, einem alten Mann mit grünem Jägerhut, dass sie erst nach Rückkunft und dann für die tatsächliche Dauer bezahlen würden. Der Verleiher drückte das schmale Boot fest an den Bootssteg und half ihnen beim Einsteigen, konnte aber nicht verhindern, dass es stark schwankte, als sie sich mit ihrem beträchtlichen Gewicht auf den hinteren Sitz plumpsen ließ. Sie atmete tief durch, setzte ihre Sonnenbrille auf und drückte die kleine, weiße Handtasche resolut auf ihren Schoß, während ihr Mann sich geschickt an ihr vorbei schlängelte, den Ruderplatz einnahm und die Ruder in die Dollen einhängte. Dann gab der alte Mann dem Kahn einen kräftigen Stoß.
Er hatte schon lange nicht mehr gerudert und tat sich anfangs schwer, wurde aber bald immer sicherer und legte sich, nachdem er seinen Rhythmus gefunden hatte, mächtig ins Zeug. Das Boot entfernte sich rasch vom Bootssteg, der schon bald nur noch undeutlich auszumachen war, das Ufer verschwamm im Dunst des Nachmittags. Es war kühler geworden und in einiger Entfernung war eine Nebelbank, auf die sie geradeswegs zusteuerten. Die Frau schauerte und bedauerte wortreich, ihre Strickjacke nicht mitgenommen zu haben, während er sich durch die Ruderarbeit warmhielt und ihr Jammern ignorierte. Nach einer Weile schwieg sie resigniert, hielt aber ihr Schweigen nicht lange durch. Sie würde sich mit Sicherheit eine Erkältung holen und darauf habe sie gar keine Lust und er solle doch bitte umkehren, sofort umkehren, bitte schön. Der Mann, derartige Stimmungsschwankungen gewohnt, antwortete auch jetzt nicht, sondern ruderte verbissen weiter, wegen der Anstrengung heftig schnaufend und schwitzend.
In der Nebelbank angekommen, legte sich die helle, weiße Suppe augenblicklich feucht, kühl und watteartig auf sie und die Sonne war nur noch als diffuser Fleck zu erkennen. Es gab in dieser seltsamen Nebelstille nichts, an dem sich die Augen hätten orientieren und nichts was die Ohren hätten orten können. Doch diese einlullende Stille wurde schon bald durch das erneut einsetzende Klagen und Nölen der verfrorenen, inzwischen auch noch verängstigten Frau unterbrochen, das an und abschwoll, mal ein deutliches Fordern, mal ein hilfloses Wimmern war. Sie spüre ihre Arme und Beine vor lauter Kälte schon nicht mehr und sie würden aus diesem Nebel nie mehr herausfinden, nie mehr und sie habe jetzt Hunger und Angst, jawohl Angst dass sie sich verirrten und er solle nur nicht so dreckig lachen. Denn statt auf ihr Klagen einzugehen oder sie gar zu trösten, hatte er nur sarkastisch gelacht und aufgehört zu rudern. Er holte die Ruder ein und legte sie in das Boot, dann beugte er sich mehrmals vor und zurück, um seinen verspannten Rücken zu lockern. Das Boot begann zu schwanken, zuerst ganz sanft, ganz leicht, dann jedoch stärker und immer stärker. Für sie ein neuer Grund zu zetern, er solle mit diesem Quatsch aufhören, sie würden noch beide ins Wasser fallen. Ihre Angst zu ertrinken war sehr groß, seit sie als Kind in einen Teich gefallen und erst im letzten Moment gerettet worden war. Sie hatte daraufhin nie mehr einen Versuch unternommen, schwimmen zu lernen. Er kannte ihr Angst, hörte jedoch mit seinen provokativen Entspannungsübungen nicht auf und nannte sie einen Angsthasen, mit dem man nichts, aber auch gar nichts anfangen könne. Sie schwieg beleidigt. Als er merkte, dass er ihre Angst mit seinem kindischen Gewackel nicht weiter steigern konnte, stellte er es ein und verstieg sich stattdessen in Schimpf- und Hasstiraden. Was denn schon dabei sei, in eine Nebelbank zu fahren, es sei ja schließlich Sommer und solange man die Sonne noch erahnen könne, würde er auf jeden Fall, er betonte „auf jeden Fall“, zurück finden und außerdem sei der See nicht so groß als dass man sich verirren könnte und sie solle endlich den Mund halten, obwohl sie seit dem Ende des Geschaukels kein einziges Wort gesagt hatte. Einmal in Fahrt gekommen, beschränkte er sich nicht mehr auf den konkreten Anlass seiner Wut, sondern landete beim Grundsätzlichen, bei seinem Lieblingsthema, bei ihren schwelenden Beziehungsproblemen. Sie gehe ihm schon seit Langem auf den Geist. Sie sei eine doofe Nuss und er wisse gar nicht, wie er auf die Schnapsidee gekommen sei, sie zu heiraten und er frage sich jeden Tag, warum er immer noch mit ihr zusammen sei.
Das Boot dümpelte vor sich hin und schaukelte sanft im Takt der kleinen Wellen, die ein aufkommender leichter Wind verursachte. Er hatte sich in Rage geredet und losgeworden, was er loswerden wollte. Nun schwiegen beide. Nach einer Weile bückte er sich, um die Ruder wieder einzuhängen und die Rückfahrt anzutreten. Sie jedoch glaubte, er wolle wieder mit dem Schaukeln anfangen und ihre aufgestaute, mühsam zurückgehaltene Wut, ihre halb versiegte Angst, ihr permanenter Frust brachen sich plötzlich Bahn. Sie schrie ihn an, er solle sich unterstehen das Boot wieder umkippen zu wollen. Er sei ein sadistisches, gefühlloses Arschloch, ein Idiot, der sie immerzu quäle. Er, gründlich missverstanden, war über diesen Ausbruch zunächst sichtlich verblüfft, doch dann blickte er sie böse an und begann aus Trotz und Sadismus nun erst recht, das Boot zum Schwanken zu bringen. Er wackelte heftig mit seinem Oberkörper von links nach rechts, von vorne nach hinten und das Boot reagierte auf seine Bewegungen, immer schneller, immer heftiger. Sie hielt sich mit beiden Händen an dem schmalen Sitzbrett fest, die Handtasche war auf den Boden gefallen, auf dem auch die Sonnenbrille lag und schrie mit sich überschlagender Stimme, er solle aufhören, sofort aufhören. Sie wolle mit solch einem Blödmann keinen Abend, keine Nacht mehr verbringen, sie scheiße auf das Abendessen, auf das Hotel, auf das Wochenende und reise noch heute ab. Da er unbeeindruckt seine Bewegungen fortsetzte, hielt sie erschöpft und außer Atem inne und versuchte nach einer Weile ihn mit Flehen und Betteln umzustimmen. Er solle doch bitte, bitte aufhören und sie wolle auch wieder gut zu ihm sein und sie könnten doch ihren Zwist vergessen und jetzt umkehren. Doch nun war er störrig und statt einzulenken, richtete er sich in dem schmalen Boot auf und verstärkte die Schlingerwirkung. Sie weinte und sagte wieder, dass sie endgültig gehen wolle, nicht nur abreisen, nein, sie wolle sich scheiden lassen und ihre Worte erstickten fast in ihren Tränen. Doch er stellte nur höhnisch fest, sie wisse doch gar nicht, was sie da sage, von was sie denn, bitte schön, leben wolle, sie hinge doch voll von ihm ab, voll und ganz, von ihm und nicht nur von seinem Geld. Sie sei doch ohne ihn ein Nichts, ein Garnichts, ein Fliegenschiss. So ging es noch eine Weile weiter, bis er sich abreagiert hatte, dann setzte er sich wieder hin, hörte mit dem Gewackel auf und beide schwiegen erneut. In diese Stille, die einige Minuten andauerte und schon fast das Ende ihres Streits zu sein schien, sagte sie dann ganz ruhig, ganz leise, ganz ohne Schluchzen, seltsam gefasst und entschlossen, dass sie ihn nicht brauche, dass sie ohne ihn leben könne, er werde es schon sehen.
Diese ruhigen Worte ärgerten ihn seltsamerweise mehr als ihr Geschrei und ihr Geheul, mehr als ihre Tränen und ihre Wut. Er packte eines der Ruder und fuchtelte damit drohend über ihrem Kopf, stieß wüste Flüche und Verwünschungen aus, stand erneut auf, stieg sogar, um sein Tun und seine Worte zu verstärken auf die Ruderbank und wuchtete mit langen, ausholenden Bewegungen das Ruder von links nach rechts und von rechts nach links. Daraufhin schwankte der Kahn so bedrohlich, dass ein Schwall Wasser nach dem anderen über Bord schwappte und die Pfütze zu ihren Füßen immer größer wurde. Angesichts dieser konkreten Bedrohung, angesichts des unabwendbaren Ertrinkens oder Erschlagenwerdens und angesichts des rasenden Mannes, ihres Mannes, der hoch über ihr stand und mit dem Ruder so bedrohlich gestikulierte, wuchs ihre Angst zur Todesangst und mobilisierte ungeahnte Kräfte. Als er, so glaubte sie, zu einem endgültigen, einem finalen Todesschlag auf ihren Kopf ausholte, ließ sie sich rückwärts von dem schmalen Brett fallen, riss dabei mit einer unvermutet schnellen Bewegung ein Bein hoch und trat ihm mit aller Kraft den spitzen Absatz ihres Stöckelschuhs zwischen die Beine. Er versuchte dem Tritt auszuweichen, heulte auf, als sie ihn dennoch traf, ließ das Ruder los, das aufklatschend ins Wasser fiel, und griff sich, Linderung suchend, in den Schritt. Dabei verlor er das Gleichgewicht, schwankte noch stärker als das Boot und eine Sekunde später erfolgt ein zweites, diesmal weit heftigeres Aufklatschen.
Sie zog sich langsam an der Bordwand hoch und setzte sich auf das Brett. Dann sah sie, wie ihr Mann, ein, zwei Meter vom Boot entfernt, heftig mit den Armen ruderte, nach Luft japste, keuchte, Wasser soff und aus spie und dazwischen atemlos rief, sie solle ihm helfen, verdammt noch mal, und ihm endlich das Ruder hinstrecken, das zweite, das auf der Bank liege. Sie strich sich die Haare zurück und ergriff dann das Ruder mit beiden Händen. Er war mit seinem wilden Herumgefuchtel, mit seinen unsystematischen, hilflosen Schwimmbewegungen immerhin bis an das Boot herangekommen, hielt sich mit beiden Händen an der Bordwand fest und versuchte sich daran hochzuziehen. Sie schaute zu, machte aber keine Anstalten, ihm zu helfen. Als er schon ein Bein über die Bordwand gehievt hatte und das Boot sich dadurch so weit neigte, dass es fast umkippte, kehrte die Todesangst vor dem Ertrinken, die sich nach ihrem Befreiungstritt gelegt hatte, auf einen Schlag wieder zurück. Sie wollte nur noch diese entsetzliche Gefahr abwenden, dieser bedrohlichen Situation endgültig entkommen. Sie fasste das Ruder noch fester, hob es über ihren Kopf und schlug mit aller Kraft auf die klammernden Finger. Ein tierischer Schrei, ein lautes Platschen, als er losließ, ein erneutes heftiges Schwanken des Bootes in die andere Richtung, ein blubbernder, erstickter Ruf. Seine wild um sich schlagenden Arme wirbelten das Wasser auf, er näherte sich wieder dem Boot, da schlug sie noch einmal zu. Sie schlug mit aller Kraft auf seinen Kopf, der aus dem Wasser ragte, dann ging er unter. Alle Geräusche waren verstummt, das Wasser beruhigte sich, das Boot fand in eine stabile Lage zurück. Die nebelig wattige Stille wurde durch nichts mehr gestört.
Sie starrte eine Weile wie gelähmt auf das Wasser, auf die Stelle, an der er versunken war, als fürchtete sie sich, dass er wieder auftauchen könne. Dann tauchte sie das Ruder in das Wasser und versuchte paddelnd voranzukommen. Das Boot drehte sich im Kreis und schlingerte, doch schließlich schaffte sie es, aus dem Nebel hinauszufinden. Sie sah wieder die Sonne, die gerade dabei war, unterzugehen und sie sah in einiger Entfernung einen Fischer in einem kleinen Kahn, der seine Netze auslegte und von dem Geschehen in der Nebelbank offensichtlich nichts mitbekommen hatte. Bevor sie anfing, laut zu rufen und das hochgehaltene Ruder zu schwenken, hob sie das Handtäschchen aus der Pfütze auf, entnahm ihren Taschenspiegel und prüfte ihr Aussehen. Als der Fischer sie endlich bemerkte, kam er rasch auf sie zu. Sie verspürte plötzlich großen Hunger.
Kettenbrücke
Das warme Wasser tat nach dem anstrengenden Tag gut. Er hatte es genossen, entspannt Runde für Runde in dem großen Becken der Jugendstilhalle des Hotels zu drehen und sich die Säulen, die Skulpturen, das Dekor der Wände ausgiebig anzuschauen. Er hatte die alten Männer beobachtet, die in einem kleinen Nebenbecken, bis zum Hals im Wasser, Schach auf schwimmenden Brettern spielten. Immer wieder guckte er den jungen, hübschen Frauen nach, die in gewagten Bikinis oder in Badetücher gehüllt über die Marmorfliesen schritten und nach lohnenden Kontakten Ausschau hielten. Ihr Lächeln war verhalten, ihre Blicke dezent herausfordernd, gerade so, dass es nicht als offensichtliche Anmache ausgelegt werden konnte. Aber vermutlich waren die dezenten halb versteckt im Hintergrund wartenden Herren, die unendlich viel Zeit zu haben schienen, ohnehin eingeweiht oder gar die Strippenzieher der angestrebten Fraternisierungen. Nachdem er diesen Blicken widerstanden hatte, lag er nun auf einem wohlig warmen Steintisch und ein bärtiger Masseur, ein kariertes Handtuch um die schmalen Lenden geschlungen, durchwalkte seine Oberschenkel, seinen Po und seinen Rücken und murmelte pausenlos, welche Schnäppchen der verehrte Gast für seine begehrten Devisen „erwäärben könne - Zigaretten, Marillenschnaps, original Salami aus der Puschta oder ächt beehmische Krischtallglääser“.
Er war geschäftlich in Budapest und es war die Zeit des real existierenden Sozialismus, des Kalten Kriegs, des Eisernen Vorhangs, der den revolutionär dahinsiechenden Osten vom dekadenten, kapitalistischen Westen trennte. Sein Zimmer war im Gellert, das in dieser grauen, eintönigen Welt, die nach Zweitakterabgasen und Desinfektionsmittel auf Karbolbasis roch, den Charme der glanzvollen k-u-k-Zeit bewahrt hatte. Er fühlte sich wohl, genoss das vorzügliche Essen, die aufmerksame Bedienung, das Baden in den Art-nouveau-Gewölben, die Massage durch den bärtigen Chefmasseur und nahm sogar die Pediküre in Anspruch, die zu einem Spottpreis gebucht werden konnte. Seine Geschäfte waren gut, das heißt wie geplant verlaufen. Er war mit sich und der Welt zufrieden und wollte den letzten Abend noch voll genießen, doch dazu brauchte er ein paar Forint, sein beim Eintreffen umgetauschtes Kontingent war nahezu vollständig ausgegeben. Doch statt nun seine begehrten D-Mark in einer Bank oder an der Rezeption des Hotels zum kümmerlich niedrigen, offiziellen Wechselkurs zu tauschen oder wenigstens einen der Kellner auf das WC zu begleiten, die ihm zwischen Suppe und Schweinebraten den aktuellen Schwarzmarktkurs zuflüsterten, wollte er den Geldtausch auf der Straße ausprobieren. Er war bei seinen Gängen durch die Straßen permanent angesprochen worden, rasch, heimlich, im Vorbeigehen und die jungen Männer, es waren ausschließlich junge Männer, hatten ihm unglaubliche Kurse genannt. Die Gier trieb ihn an und er hoffte, am Schluss der Reise noch ein besonderes Schnäppchen machen zu können.
An einer stillen, dunklen Straßenecke kamen zwei junge Burschen auf ihn zu und nannten ihm ungefragt, in der sicheren Annahme, er könne an einem solch klandestinen Ort nur Geld tauschen wollen, einmal mehr den phantastischen Kurs. Im selben Moment gingen zwei andere junge Männer an ihnen vorbei, schauten leicht spöttisch auf die Drei und sagten etwas, das wie „Achtung Dina“ klang. Er hatte keine Ahnung, was sie damit meinten. Der eine Typ hielt mittlerweile ein Päckchen ungarischer Banknoten in seinen Händen, blätterten es durch und zählten ihm die Summe, die er für einhundert Mark erhalten sollte, schön langsam und deutlich vor. Alles stimmte exakt, alles war in Ordnung. Die Beiden waren nur etwas enttäuscht, als er sagte, dass er nur zwanzig tauschen wolle, das reiche ihm für ein gutes Abendessen, er sei ja nur noch heute im Land. Daraufhin zog der Mann flugs ein neues Päckchen aus der Hosentasche, es schien dieselbe Größe zu haben, wie das Erste, und zählten erneut. Die ganze Zeit späten die Beiden vorsichtig um sich, ob kein unerwünschter Beobachter oder gar ein verkappter Polizist in Zivil in der Nähe war, immer bereit gegebenenfalls rasch im Dunkeln zu verschwinden. Nachdem er sich versichert hatte, dass die Summe auch für das neue Angebot stimmte, holte er aus seinem Portemonnaie einen Zwanziger hervor. Der Austausch ging dann blitzschnell vonstatten. Der eine Bursche entriss ihm die grüne Anette von Droste-Hülshoff und drückte ihm dafür das abgezählte Bündel in die Hand, dann rannten beide los und waren im Nu in den engen Nebenstraßen verschwunden. Dieses Verhalten kam ihm etwas seltsam vor, und als er das Geldbündel genauer ansah, merkte er, dass nur das Deckblatt eine Forintnote war, der Rest waren wertlose jugoslawische Dinare und jetzt verstand er auch die Warnung. Erst ärgerte er sich, doch dann nahm er das Geschehen hin, wie es nun einmal war. Das war halt sein Eintrittsgeld für die Stadt und der Preis für eine nützliche Lebenserfahrung. Es war ein lauer, schöner Frühlingsabend, er ging auf die Kettenbrücke und in der Mitte, zwischen Buda und Pest, ließ er einen Dinarschein nach dem anderen in die Donau flattern.




