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Für das Abendessen in einem schicken Restaurant musste er dem Kellner etwas mehr als die veranschlagten 20 Mark hinblättern. Aber das Essen war gut und er lauschte den einschmeichelnden Klängen einer Soloklarinette, die ein Zigeuner, ein Ausdruck den man zu dieser Zeit noch ohne Schamgefühl verwendete, für eine Hochzeitsgesellschaft im Nebenraum zum wirklich allerbesten gab.
Zum Schluss des Abends, der trotz des Eintrittsgeldes alles in allem gar nicht so unangenehm gewesen war, ging er in die Bar seines Hotels, dort konnte man natürlich direkt mit Devisen bezahlen. Die Bar war fast leer, nur in einer Nische saß eine Gruppe, die durch lautstarkes Reden und Lachen auf sich aufmerksam machte. Es waren drei Deutsche, die mit einer Frau zusammen waren, wahrscheinlich einer Bardame oder eine der zbV-Damen, der Damen zur besonderen Verwendung, die immer einen ganz bestimmten Auftrag hatten und nicht nur Geld gegen Liebe, sondern auch Informationen austauschen sollten. Sie hatte, wie er im Halbdunkel der schummerigen Bar erkennen konnte, rote Haare, ein sehr weißes Gesicht mit grell rot geschminkten Lippen, dazu trug sie ein farblich passendes, knallrotes Cocktailkleid, das sehr kurz und sowohl vorne als auch hinten tief ausgeschnitten war und deshalb einen Blick auf ihren recht mageren Busen erlaubte. Die drei Männer, offensichtlich Geschäftsleute in dunklen Anzügen, waren in bester Stimmung. Der Wortführer, vermutlich der Chef der Gruppe, ein dicker, großer Mann mit hochrotem Gesicht und Halbglatze erzählte laufend Witze und seine Kollegen lachten wiehernd und auch die Bardame kreischte immer wieder laut auf. Auf dem Tisch standen einige leere Flaschen und aus einem Sektkühler ragte der Hals einer weiteren. Der Dicke hatte die Bardame voll im Griff, das heißt er fingerte pausenlos an ihr herum, steckte seine Hand mal in den vorderen, mal in den Hinteren Ausschnitt oder zwickte sie in den Po, was sie jedes Mal zu einem lauten Gekreische, einem scheinbaren Protest, veranlasste. Nur als er seine Hand unter ihren Rock stecken wollte, wehrte sie ab und er ließ es bleiben. Der Chef bestellte beim Barmann „echte kubanische Zigarren, die besten, die du hast, hörst du“ und beauftragte dann die Rote, „den besten Cognac zu holen, den dieser Schuppen zu bieten hat. Geld spielt keine Rolle.“ Um das zu beweisen, zog er ein Bündel Forintscheine aus seiner Hosentasche, sicher ein kleines Vermögen für die Frau, rollte es zusammen und steckte es an der Glut seiner Zigarre in Brand. „Da, euer Scheißgeld, guck mal wie das abfackelt“, grölte er und warf die brennenden Scheine in den Aschenbecher. Diesmal lachten nur seine Begleiter, die Frau blieb stumm und zog sich hinter die Bar zurück, ohne den geforderten Cognac zu bringen. Nach einer Weile wurde es den Männern offensichtlich langweilig, sie standen auf, der Dicke rief „alles auf meine Zimmerrechnung“ und sie gingen schwankend und immer noch lärmend zur Tür.
Die Barfrau blickte ihnen wortlos nach, sie schien erleichtert zu sein und sah plötzlich gar nicht mehr jung und attraktiv aus, sondern alt und verbraucht und frustriert. Sie schaute in einen kleinen Taschenspiegel, fuhr ihre Lippen nach und ordnete ihre Haare. Dann sah sie ihn, der in einer Ecke saß und das unwürdige Schauspiel mit Ekel beobachtet hatte. Das professionelle Lächeln, die bezahlte Heiterkeit erschien wieder auf ihrem Gesicht, sie kam auf ihn zu und sagte in charmantem, ungarisch gefärbtem Deutsch „Na mein Sießer, willst du mir einen Drink spendieren? Was maachen wir denn noch zusammen? Wie ist denn deine Ziimmernuummer?“
Einkaufsparadies
Überall in der Stadt hingen Plakate, die Presse war voll mit wohlwollenden Artikeln und im lokalen Fernsehen und Radio kamen euphorische Vorabberichte: am Donnerstag, dem 1. Juli, wird das neue Einkaufsparadies eröffnet, Erlebniseinkauf auf 30000 Quadratmetern, Einkaufsspaß pur für die ganze Familie, unschlagbare Sonderangebote in Hülle und Fülle. Zu der Eröffnungsparty, diesem Mega-Fun-Event, wurden bekannte Stars aus Funk und Fernsehen angekündigt und als besonderes Bonbon für das sparbewusste Premierenpublikum würde das Parken auf den 2000 Plätzen an diesem Tag nichts kosten. Die Kunden wurden eingestimmt und waren froh gestimmt und das Management war sich sicher, dass sie in großen Scharen herbeiströmen würde. Die Besitzer und die Geschäftsführer der Läden könnten sich am Abend die Hände reiben und die Sektkorken knallen lassen.
Für ihn würde dort jedoch kein Platz sein, das wusste er. Leute wie er, Stadtstreicher, Berber, Obdachlose, waren unerwünscht. Für sie war in den lichtdurchfluteten Konsumtempeln mit ihrer Dauerberieselung durch beruhigende und zum Kaufen animierende Softmusik kein Raum vorgesehen. Den gab es jedoch hinter den Kulissen, auf den Andienhöfen, in den Entsorgungszentren, auf den Stellplätzen der Müllcontainer. Hier fanden sie das, was sie zum Leben brauchten: in Folie eingeschweißte, leicht verfärbte Hähnchenbrüste, Edamerscheiben mit überschrittenem Verfallsdatums, Restsemmeln vom Vortag, verwelktes Gemüse, weiche Tomaten. Es waren im Übrigen nicht nur Nahrungsmittel, sondern auch fehlerhafte Kleidungsstücke, einzelne Schuhe und vieles mehr, was der verwöhnten, satten Konsumgesellschaft nicht mehr verkauft werden konnte und demzufolge entsorgt werden musste. Klar, die Leute von der Security mochten ihn und seinesgleichen nicht und verwehrten oder erschwerten ihnen zumindest den Zugang zu den Fleischtöpfen, aber man konnte die Sheriffs austricksen. Die zeitliche und räumliche Abfolge ihrer sporadischen Rundgänge in der Nacht war leicht zu entschlüsseln und die Zäune und Türen, die das Paradies abschotteten, konnte man problemlos überwinden. Nur wenn sie Hunde einsetzten, dann wurde es schwierig, dann musste man unter Umständen passen. Aber Hunde setzten sie nur selten ein, dafür waren die Schutzwerte nicht hoch genug und die Bedrohung des Konsumfriedens durch ein paar Assis zu gering.
Er hatte die Örtlichkeiten schon in der Bauphase gründlich erkundet. Es war einfach für ihn den Handwerker zu spielen und anscheinend geschäftig durch die Baustelle zu streifen, in seinem vorigen Leben war er Schreiner gewesen und er achtete immer noch, so gut es eben ging, auf sein Aussehen. Früher war er richtiggehend ansehnlich gewesen, ein Bild von einem Mann. Ein Mann, der bei Frauen ankam, leider zu gut. Nach einer Reihe von misslichen Ereignissen, die seinen Lebensplan völlig durcheinandergewirbelt hatten, war er am Rande der Gesellschaft angekommen. Erst war das Geld weg, dann die Arbeit, dann die Beziehungskisten und schließlich auch die Wohnung. Es war genauso abgelaufen, wie ein übles Klischee in einem drittklassigen Tatortfilm. Aber er hatte gelernt, in dieser neuen Welt zu überleben, sich durchzuschlagen und nicht nur vor sich hinzuvegetieren. Ja, hin und wieder ergab sich sogar ein Grund das Leben richtiggehend zu genießen, immer dann, wenn er in einem der Abfallcontainern etwas Exquisites fand, eine angebrochene Flasche Bordeaux, ein paar verbeulte Dosen Pilsner Urquell, überteuerte Gänseleberpastete mit weit überschrittenem Verfalldatum oder angegraute Lindt-Edelpralinen. Wenn er einen solchen Fund gemacht hatte, redete er mit niemandem darüber, geschweige denn, dass er seine Schätze mit jemandem geteilt hätte. Er lebte allein, aß allein, besoff sich allein, schlief allein und lehnte dankend ab, wenn ihn eine Frau aus dem Milieu anmachen wollte. Wenn er Bedarf nach Frau hatte, wusste er, wo er hingehen konnte, aber er hatte meist keinen.
In der Bauphase lernte er das Einkaufsparadies wie seine Westentasche kennen. Wenn er, was nur selten vorkam, angesprochen wurde, gab er sich als Handwerker aus, der etwas suchte, neu auf der Baustelle angekommen war oder eine bestimmte Firma ausfindig machen musste. Er fand heraus, wo die Maurer, die Elektriker, die Gipser ihre Bierkisten deponierten und nahm sich ab und zu eine Flasche, aber immer nur so wenig, dass es nicht auffiel. Da er sich angewöhnt hatte, genau darauf zu achten, was um ihn herum geredet wurde, bekam er auch den Ablaufplan der Eröffnungsparty mit und wusste, dass schon am Vorabend alles für den Massenandrang am nächsten Morgen vorbereitet sein würde. Er beschloss, die Nacht im Paradies zu verbringen und sich seinen Anteil an der Konsumgala vorab zu sichern. Für seine Überlegungen, wie das vonstattengehen sollte, hatte er den Ort ausgesucht, von dem aus er auf seinen späteren Lieblingsplatz herabsehen konnte. Er stand im ersten Stock der Galerie, lehnte sich über das Geländer und betrachtete das Bistro de Paris, eine Art Straßencafé in der Mitte des Zentrums mit Tischen, Stühlen und unnötigen Sonnenschirmen, die um einen kleinen Teich gruppiert waren. Das Wasser für den Teich würde später einmal aus einem Springbrunnen sprudeln, einem markanten Stahlobjekt in Form einer überdimensionierten, himmelwärts gerichteten Sternenzacke. Auf einer Plakette im Fußboden standen der Name des Künstlers und der Titel des Kunstwerks: per aspera ex merda. Er hat sich sagen lassen, dass dies „über raue Pfade raus aus der Scheiße“ hieß und dieser Titel gefiel ihm sehr.
An den Tagen kurz vor der Eröffnung hielt er sich nur noch selten im Paradies auf. Die Handwerker waren weitgehend fertig und die Geschäftsleute hatten begonnen, die Läden einzurichten. Es wimmelte von hektischen Menschen und er wollte nicht im Weg stehen oder sich gar unangenehmen Fragen ausgesetzt sehen. Dennoch bekam er mit, dass sich die Betreibergesellschaft einen Gag für das Publikum ausgedacht hatte. An verschiedenen Stellen im Gebäude wurden lebensnahe, menschliche Figuren aufgestellt, Figuren, die von Duane Hanson hätten stammen können. Sie sollten die Besucher verblüffen und irritieren, wenn diese merkten, dass die Hausfrau am Bistrotisch, die ewig an ihrem Kuchen aß oder der alte Opa, der den Fahrstuhl dauernd wegfahren ließ, gar keine echten Menschen waren.
Als er am späten Mittwochabend durch einen der Lieferanteneingänge das Einkaufszentrum betrat, herrschte noch immer emsiges Treiben und so suchte er gleich den Raum auf, den er als perfektes Versteck ausgemacht hatte. Es war ein Lagerraum für leeres Verpackungsmaterial, der von allen Geschäften genutzt und nie abgeschlossen wurde. Hier konnte er es sich im Schein der Notausgangsleuchte gemütlich machen und sich am nächsten Morgen einfach unter die Besucher mischen. Er wartete, bis er sicher sein konnte, dass die Security geschlossen vor dem Fernseher saß. An diesem Abend spielten die Bayern gegen Manchester United und diesen Schlager ließ sich auch der gewissenhafteste Wachmann nicht entgehen. Als er sein Versteck schließlich verließ, waren die letzten Einräumer fort und alle Lichter bis auf die Notbeleuchtung erloschen. Er ging zielstrebig hoch auf die Galerie, hin zu der Stelle mit dem schönen Blick auf sein Bistro. Aber er ging nicht wegen der Aussicht hin, nein, der Grund war viel handfester und viel angenehmer. Hier, genau hier, war alles für die Eröffnung der Filiale einer bekannte Feinschmeckerkette vorbereitet: Sekt, Wein und Platten mit Häppchen, was heißt da Häppchen, mit edlen Canapées, unter Plastikfolien.
Zufrieden stellte er fest, dass die Feinschmeckerheinis nicht knauserig waren. Er nahm sich eine der verlockend aussehenden Platten, eine Flasche Rotwein und eine Flasche Sekt und ging zurück in seinen Abstellraum, wo er es sich zwischen Kartons und gelben Säcken gemütlich machte. Er aß und trank und war vergnügt, so vergnügt und tatendurstig, dass er, nachdem er alles vertilgt und geleert hatte, beschloss, sich noch ein Fläschchen zu holen. Nun stand er wieder auf der Galerie, in der einen Hand die bereits halb geleerte, neue Rotweinflasche, mit der anderen Halt am Geländer suchend, um sein Schwanken zu zügeln, und schaute in die Tiefe. Im Schummerlicht sah er undeutlich die Tische und die Stühle und den Teich mit der Skulptur. Er rülpste und war unschlüssig, was er nun machen sollte und so begann er zu räsonieren und über sein Leben nachzudenken und auf einmal wurde ihm klar, dass es ihm doch nicht so gut ging, wie er es sich angesichts des Festessens eingeredet hatte und es überkam ihn ein gewaltiger Katzenjammer und eine große Traurigkeit. Tränen stiegen ihm in die Augen und auch an anderer Stelle drückte das Wasser, er musste immer dringender pinkeln. Schließlich reifte in seinem umnebelten Hirn der Entschluss, sich zum einen hier und jetzt sofort zu erleichtern und zum andern ein Zeichen zu setzen, ein Zeichen der Rache an dieser verdammten, überheblichen Konsumgesellschaft, die ihn so schmählich ausgestoßen hatte. Er stellte sich ganz nahe an das Geländer und pinkelte mehr oder weniger zielsicher in die Tiefe, zumindest hörte er es dort unten deutlich plätschern, denn der Springbrunnen war ja noch nicht eingeschaltet. Er freute sich kindisch und beugte sich noch weiter vor, um den Ort der Entweihung besser einsehen zu können. Es kam dann, wie es kommen musste, wenn sich ein Besoffener zu viel zumutet. Er verlor das Gleichgewicht und stürzte mit einem lauten Aufschrei in die Tiefe.
Am nächsten Morgen öffnete das Einkaufszentrum pünktlich um acht Uhr seine Türen. Die Menschen strömten herein, die Geschäfte füllten sich, die Scanner piepten, die Kassen klingelten. Alle waren frohgelaunt und nicht nur einkaufswillig, sondern geradezu einkaufswütig. Die ersten müden, durstigen Passanten gingen in das Bistro de Paris, bestellten Latte machiato und Croissants, genossen das Ambiente, bewunderten den Teich und den Springbrunnen und fragten sich nur, was den Künstler, von dem diese lustigen Menschenfiguren stammten, wohl bewogen haben mochte, eine seiner Figuren ausgerechnet auf die Spitze des Springbrunnens zu stecken.
Jesus liebt dich
Als er zum vierten Mal „Jesus liebt dich“ hörte, es klang sehr amerikanisch, so wie „Dschieses libt dick“, rastete er aus. Mit einer weit ausholenden Bewegung wollte er den schlaksigen jungen Mann zum Schweigen bringen, weg scheuchen, ruhigstellen. Diesen geschniegelten Typ im schwarzen Anzug und weißem Hemd, mit grün-weiß gestreifter Krawatte, schwarzer Aktentasche und schwarzem Rucksack auf dem schmalen Rücken. Er wollte nichts mehr hören von Liebe und Erlösung, Glück und Frieden und auch nicht, dass Jesus ihn liebe. Er wollte einfach nur da stehen und warten, bis der Zug endlich einfährt und anhält, um dann schnell, sehr schnell einzusteigen. Dann würde er sofort auf das Klo rasen, weil er ein inzwischen äußerst dringendes Bedürfnis hatte, die 50 Cent für das vollautomatische Bahnhofsklo aber immer noch sparen wollen.
Seine Laune war beschissen an diesem frühen Morgen. Er hatte einen wichtigen Termin und hatte ausgerechnet heute seinen Zug verpasst. Verpasst, weil die Straßenbahn gebummelt hatte, unverantwortlich gebummelt, eine Unverschämtheit, im Berufsverkehr so zu bummeln. Er stand jetzt völlig sinnlos und überflüssig vor dem Bahnhof und schlug die Zeit mit Warten tot, eine Stunde warten auf den nächsten ICE. Er stand direkt neben dem Bahnhofseingang und der strahlend schöne, unschuldige Morgen stand in krassem Widerspruch zu dieser, seiner üblen Laune. Er stand müßig herum und beobachtete die Menschen, wie sie von der Straßenbahn oder von den Bussen in den Bahnhof rannten, manche jedenfalls. Richtige Sprinter waren darunter, Schüler mit überdimensionierten Schultaschen, junge Frauen mit fliegenden Haaren, manche mit Kopftuch, aber auch ein alter Knacker mit Turnschuhen und knallrotem Rucksack musste rennen, um seinen Zug zu bekommen. Warum können die nicht einfach früher los, früher raus aus der warmen Falle? Er sah viele hübsche junge Mädchen, man sieht sie zu dieser Tageszeit, wenn sie auf dem Weg zur Uni oder in die Schule oder zur Arbeit sind. Tagsüber sind sie unsichtbar, verschwunden, aufgelöst. Aber am Morgen und am Abend ballen sie sich auf den Bahnhöfen, in den Zügen, den Bussen, den Straßenbahnen. Junge Männer natürlich auch, aber was interessierten ihn junge Männer? Eine, die es nicht eilig hatte, eine hübsche, sehr schlanke mit langen blonden Haaren, lächelte er verkrampft an. Ihr Blick, mit dem sie ihn bedachte, sprach Bände und trug nicht zur Hebung seiner Laune bei.
Er verließ seinen Stehplatz und fuhr mit der Rolltreppe in die Lobby, wie die Ansammlung von Geschäften, besser gesagt von Shops im derzeitigen Bahnjargon genannt wird. Bei Ditsch gab es duftenden Croissants, gleich daneben bei „Ihre Frisch Backstube“ konnte er coffee to go für 1,00 € ordern. Eine junge Frau mit roter Schürze trug Stellwände und Auslagen vor die Tür von Nanu Nana und die eiligen Passanten hasteten auf ihrem Weg zum Bahnsteig noch rasch zu Relay, um die Bildzeitung mit dem Foto einer Amokläuferin zu kaufen. Bei Barberino lockte die Möglichkeit für ein paar Euro den Jackpot mit 8 Millionen zu knacken, aber heute war nicht Mittwoch und auch nicht Samstag und was sind schon 8 Millionen, keiner ging rein. Manche der Passanten hatten ihre eigenen Beförderungsmittel dabei, Klappfahrräder oder Aluroller mit winzigen Rädern. Er sah auf die Uhr, bald war die Wartezeit vorbei und er überlegte sich, ob er noch einen togo mitnehmen sollte, aber dann müsste er noch dringender aufs Klo und daher verzichtete er lieber.
Die letzte Viertelstunde wollte er auf dem Bahnsteig warten und da stand dieser schwarzgekleidete Mormone oder Mennonit oder Scientologe, egal, jedenfalls stand dieses geschniegelte und gebügelte Bürschchen plötzlich neben ihm und begann auf ihn einzureden. „Dschieses libt dick“ und dann viel von Sünde und Vergebung und vom Paradies, in das man komme, wenn man das tue, was Jesus sagte. Erst hörte er noch halbamüsiert zu, wagte das eine oder andere Argument dagegen, fragte nach, widerlegte, diskutierte, lächelte. Der Ami aus Georgia oder Utah fühlte sich durch sein Halbinteresse in seinem Missionsdrang bestärkt. Immer schneller, immer eindringlicher, zwischen schlechtem Deutsch und unverständlichem Englisch pendelnd, redete er auf ihn ein, versuchte ihn zu überzeugen, zu bekehren, einen glücklichen Menschen aus ihm zu machen.
Aber er, das Opfer, hatte bald die Nase gestrichen voll. Er wollte weder Jesus noch Paradies noch Erlösung, sondern nur seine Ruhe, endlich den Zug und immer dringender ein Klo. Aber wie wird man eine Klette los, eine Zecke, die Blut gewittert hat? Abwenden nützt nichts, ein „nein danke“, ein „shut up“ reicht auch nicht aus, wenn der Missionsdrang so übermächtig ist. Er suchte nach einem starken Argument, nach einem überzeugenden Signal, mit dem er nicht nur den penetranten Missionar los werden, sondern auch seine schlechte Laune, seinen Frust, seine latente Wut in die Welt hinausschreien konnte. Für den Mormonen kam der Ausbruch, die ausholende Geste mit beiden Armen, das wütende Gesicht, der überlaute Ton „Hau ab, du Arsch“ völlig unerwartet und er erschrak heftig. Bisher war dieser Mensch doch ganz friedlich gewesen, ja sogar interessiert, er hatte zugehört, hatte geantwortet und Fragen gestellt und sogar etwas gequält gelächelt. Dieser Angriff kam völlig aus dem Nichts und er wich instinktiv zurück, machte einen Schritt nach hinten, einen Schritt in die falsche Richtung. Sein entsetzter Schrei wurde durch den einfahrenden Zug übertönt.
Doch im letzten Moment packte ihn dieser irre Mensch am Arm, riss ihn aus dem Gefahrenbereich, schaute ihn entgeistert und erschrocken an und umklammerte ihn fest. So standen die beide tief atmend einen kurzen Moment lang dicht an dicht auf dem Bahnsteig. Die paar Leute, die das Geschehen beobachtet hatten, waren längst eingestiegen, die anderen, die aus dem Zug kamen, vorbei gehastet. Eine Stimme aus dem Lautsprecher forderte zum Einsteigen auf. Hastig gab der Irre den Missionar frei und drückte sich, um diesen Zug nicht auch noch zu verpassen, gerade noch durch die schon halb geschlossene Tür. Immer noch verwirrt und geschockt schaute der Zurückgebliebene dem Zug nach, der erst langsam und dann immer schneller an ihm vorbeiglitt und murmelte „Dschieses, Dschieses“.
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