Die Belagerung von Krishnapur

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ruhig Euch durch Myriaden Staunender bewegt,
und Briten stürmisch drängen, ihrer Queen
willige Ergebenheit und Liebe zu bezeigen.«
»Wirklich, das ist gar nicht schlecht«, dachte der Collector trotz seiner Beunruhigung um ihretwillen; er mochte Miss Carpenter, die ernsthaft und hübsch und darauf bedacht war, zu gefallen.
»Kiesel und Muscheln, wie Kinder sie
bunt gemischt am Saum des Meeres finden;
was lehren sie nicht alles den nachdenklichen Geist,
und sind doch selbst so nichtig, so bald nicht mehr gesehn!«
»Vortrefflich, wie ernsthaft! Das Mädchen hat ein bemerkenswertes Talent.« Der Collector war überrascht, sich derart angesprochen zu fühlen von einem Gedicht, das eine der Ladies verfasst hatte; bisher hatte er die Gedichte nur wegen ihrer therapeutischen Eigenschaften geschätzt. Leider konnte Miss Carpenter nicht widerstehen, noch eine weitere Erklärung anzufügen: Der letzte Vers beziehe sich auf Newton, der sich selbst als ein Kind beschrieben habe, »das am Strand des großen Ozeans der Wahrheit Kieselsteine aufliest«. Das war einfach zu viel für den Magistrate. »Die Hälfte Ihres Gedichts scheint aus Büchern abgeschrieben, Miss Carpenter, und die andere Hälfte ist vollkommener Schrott. Es übersteigt mein Fassungsvermögen, warum Sie glauben, ›wundersames Rüsseltier von Afrika‹ sagen zu müssen statt ›Elefant‹, wie jeder andere, oder ›König des Waldes‹ statt ›Baum‹. Niemand, der noch bei Sinnen ist, würde Bäume ›Könige des Waldes‹ nennen … Wahrhaftig, so einen Unsinn habe ich noch nie gehört!«
Die Ladies japsten nach Luft bei diesem Frontalangriff, nicht nur auf die arme Miss Carpenter, sondern auf die Dichtkunst als solche. Wenn man einen Elefanten nicht »wundersames Rüsseltier von Afrika« nennen konnte, wie denn dann? Warum überhaupt noch Gedichte schreiben? Miss Carpenters Augen füllten sich mit Tränen.
»Sehen Sie doch, Tom, das ist reichlich übertrieben«, grollte der Collector verstimmt. »Ich fand es in der Tat ein sehr schönes Gedicht. Eines der besten, die wir gehört haben, würde ich meinen. Wohlgemerkt«, fügte er hinzu, als sein Selbstvertrauen ihn wieder verließ, »das Thema der Exhibition ist für mich, wie Sie wissen, von besonderem Interesse.«
Eine hübsche Röte überzog bei diesen Worten Miss Carpenters Gesicht, und sie schien das spöttische »Ha!« des Magistrate nicht zu hören. »Der Kerl ist einfach unmöglich!«, sinnierte der Collector verärgert.
Nicht jeder, das war dem Collector bewusst, wird durch die Arbeit, die er im Leben tut, besser; manche werden sichtlich schlechter. Der Magistrate hatte seine Pflichten im Auftrag der Company gewissenhaft erfüllt, aber sie hatten keine gute Wirkung auf ihn gehabt: Sie hatten ihn zynisch, fatalistisch und allzu verliebt in die Vernunft werden lassen. Auch sein Interesse für Phrenologie hatte eine schlechte Wirkung gehabt; es hatte den Determinismus, der seine Ideale untergrub, zusätzlich verstärkt, denn er glaubte offenbar, alles, was man tut, bemesse sich an der Gestalt des Schädels. In Anbetracht der beidseitigen Schädelverdickung über und hinter den Ohren des Collectors (hatte er einmal zu verstehen gegeben) konnte dieser nicht viel machen gegen seine Unfähigkeit, schnelle Entscheidungen zu treffen … Obwohl man natürlich nicht »absolut sicher« sein konnte, ohne exakte Vermessungen vorzunehmen. Er hatte auch begonnen, etwas über eine Beule rechts und links vom Scheitel des Collectors zu sagen, die »Bestätigungsliebe« bedeute, doch als er endlich merkte, wie unwillig der Collector auf diese Gelegenheit zur Selbsterkenntnis reagierte, hatte er mit einem Seufzen abgelassen.
»Übrigens, Tom«, sagte der Collector, als die Gesellschaft auseinanderging, »vorhin fand ich etwas Seltsames auf meinem Schreibtisch im Büro. Vier Chapatis, um genau zu sein. Und gestern fand ich welche in einer Gesandtschaftstruhe. Was halten Sie davon?«
»Merkwürdig, ich habe auch welche gefunden.« Die beiden Männer sahen einander an, überrascht.
Bald hörten sie, dass Chapatis überall in Krishnapur auftauchten. Der Padre* hatte welche auf den Stufen vor der Kirche gefunden und angenommen, es sei eine Art abergläubische Opfergabe. Mr. Barlow, der in der Salzverwaltung arbeitete, hatte von seinem Wachmann welche überbracht bekommen. Mr. Rayne, der neben seinen Amtspflichten in der Opiumfabrik Ehrenvorsitzender des Mutton Club und des Ice Club von Krishnapur war, bekam sie von dem Wachmann gezeigt, der für die Sicherheit dieser beiden Vereine zuständig war. Es wurde bald klar, dass die Chapatis hauptsächlich unter Wachleuten kursierten; sie waren ihnen, anscheinend ohne dass sie wussten, weshalb, von Wachleuten aus anderen Distrikten mit der Aufforderung gegeben worden, mehr davon zu backen und sie dann an Kollegen noch anderer Distrikte zu verteilen. Bei der Befragung seines eigenen Wachmanns fand der Collector heraus, dass dieser es gewesen war, der die Chapatis auf seinem Schreibtisch hinterlassen hatte. Obwohl der Mann, seinen Anweisungen folgend, zwölf weitere Chapatis gebacken und weitergegeben hatte, hatte er es für seine Pflicht gehalten, den Collector Sahib* zu informieren, und sie ihm deshalb auf den Tisch gelegt. Er bestritt jede Kenntnis von den Chapatis in der Gesandtschaftstruhe und auf dem Portikus. Wo diese herkamen, fand der Collector nie heraus.
Etwas später wurde die Sache noch seltsamer. Die Chapatis tauchten nicht nur in Krishnapur auf, sondern an Stützpunkten in ganz Nordindien. Nicht nur der Collector fand das beunruhigend; eine Weile sprach niemand in Krishnapur von etwas anderem. Wieder und wieder wurden die Wachleute befragt, aber sie schienen wirklich keine Ahnung zu haben, welchem Zweck das dienen sollte. Manche sagten, sie hätten die Chapatis weitergegeben, weil sie es für einen Befehl der Regierung hielten, der Zweck sei gewesen, zu sehen, wie schnell Botschaften verbreitet werden konnten.
In Kalkutta ordnete die Regierung Ermittlungen an, aber es kam kein Grund für das Phänomen ans Licht und die Aufregung, die es verursachte, flaute innerhalb von ein paar Tagen ab. Man vermutete, es sei vielleicht ein abergläubischer Versuch, eine Choleraepidemie abzuwenden. Nur der Collector blieb überzeugt, dass sich Unruhen anbahnten. Er erinnerte sich dunkel, im Zusammenhang mit einer anderen Gelegenheit von einer ähnlichen Chapati-Verteilung gehört zu haben. Hatte es nicht vor der Meuterei von Vellore etwas Ähnliches gegeben? Er fragte jeden, den er traf, aber niemand hatte davon gehört.
Bevor er Krishnapur verließ, um seine Frau nach Kalkutta und zu ihrer Einschiffung nach England zu geleiten, fasste der Collector einen seltsamen Entschluss. Er ordnete an, »zur Entwässerung während des Monsuns« solle rund um den gesamten Gebäudekomplex der Residenz ein tiefer Graben in Verbindung mit einem dicken Erdwall ausgehoben werden.
»Den Collector scheint sein schwacher Punkt erwischt zu haben«, bemerkte der Magistrate leichthin gegenüber Mr. Ford, einem der Eisenbahningenieure, während sie schmunzelnd den Fortschritt dieser Arbeit überwachten.
II
Es ereignete sich in diesem Winter, dass George Fleury mit seiner Schwester nach Kalkutta kam und Louise Dunstaple zum ersten Mal erblickte. Man hoffte, aus ihrer Begegnung könne etwas werden, denn Fleury war nicht verheiratet und Louise, wenngleich gesellschaftlich nicht ganz ebenbürtig, stand nach allgemeinem Dafürhalten in der Blüte ihrer Schönheit … wahrlich, in ganz Kalkutta sprach man von ihr als von der Schönheit der kühlen Jahreszeit. Sie war sehr hold und bleich und ein wenig unnahbar; der eine oder andere hielt sie für »dumm«, wie es blonden Menschen manchmal so ergeht. Jedenfalls war sie unnahbar, zumindest in Fleurys Gegenwart, aber einmal, als er während eines Pferderennens einen Blick auf sie erhaschte, sah er sie keusch mit einigen jungen Offizieren flirten.
Dr. Dunstaple war zu dieser Zeit der zivile Wundarzt von Krishnapur. Doch irgendwie hatte er es eingerichtet, sich mit seiner Familie für die kühle Jahreszeit nach Kalkutta abzusetzen, während er Krishnapurs Zivilisten den süßen Gnaden von Dr. McNab überließ, der gerade den Posten des Regimentsarztes übernommen hatte und dafür bekannt war, einige der extremsten, alarmierend direkten Methoden der zivilisierten Medizin überhaupt zu vertreten.
Seinen Sohn Harry hatte der Doktor allerdings in Krishnapur zurückgelassen. Dank der Hilfe eines Freundes aus Fort William* war der junge Harry als Ensign bei einem der in Krishnapur (oder vielmehr in dem fünf Meilen entfernten Captainganj) stationierten Eingeborenenregimenter der Infanterie untergebracht worden, wo seine Eltern ihn im Auge behalten und aufpassen konnten, dass er sich nicht verschuldete. Harry, der inzwischen Leutnant war, blieb sogar recht gern zurück, als seine Familie, einschließlich der zwölfjährigen kleinen Fanny, fortging, um sich in Kalkutta zu vergnügen; als »Militär« neigte er dieser Tage dazu, mit Herablassung auf Zivilisten zu blicken, und Kalkutta war zweifelsohne voll von diesen Gesellen.
Umgekehrt war es Mrs. Dunstaple nicht unrecht, dass ihr Sohn in Krishnapur zurückblieb, auch wenn das bedeutete, ihn nicht an ihrer Seite zu haben. Harry war in einem empfindlichen Alter, und in Kalkutta wimmelte es von ehrgeizigen Müttern, die nur darauf aus waren, junge Offiziere wie Harry dem Charme ihrer Töchter auszusetzen. Ach, Mrs. Dunstaple wusste nur allzu gut, dass Indien voller junger Leutnants war, die ihre Karrieren gleich am Anfang durch desaströse Ehen ruiniert hatten. Doch diese Überlegung, was Harry betraf, hinderte sie nicht daran, auf Gelegenheiten zu hoffen, um Louises Charme geeigneten jungen Männern vorzuführen. Im Osten verfliegen die roten Wangen eines Mädchens so schnell, so unglaublich schnell (obwohl dies, streng genommen, auf Louise nicht zutraf, da ihre Schönheit von der blassen Sorte war).
Die Saison war außerordentlich erfolgreich gewesen, und nicht nur für Louise (die sich allerdings in Sachen Anträge als schwer zufriedenzustellen entpuppt hatte). Es hatte viele glänzende Bälle und ungewöhnlich zahlreiche Hochzeiten und andere Vergnügungen gegeben. Überdies war der Turf, in den letzten Jahren im Niedergang begriffen, wunderbar wiederaufgelebt. Natürlich sah man wohl beim Planters’ Handicap dieselben Tiere laufen wie beim Merchants’ Plate oder beim Bengal Club Cup, aber die Saison zeichnete sich durch bemerkenswerte Pferde aus, denn es war die Ära von Legerdemain, Mercury und der großen Stute Beeswing. Aber die kühle Jahreszeit neigte sich dem Ende zu, als Fleury und seine Schwester Miriam eintrafen, und in den Gesellschaftszimmern von Kalkutta sehnte man sich nach neuen Gesichtern wie den ihren (all die alten Gesichter waren mittlerweile so vertraut, dass man sie kaum noch sehen konnte). Im Übrigen war bekannt, dass ihr Vater ein Direktor der Company* war, mit allem, was das im Indien der Handelskompanie an gesellschaftlichem Ansehen bedeutete. Es ging auch das Gerücht, der junge Fleury sei kaum eine halbe Stunde in Indien gewesen, als Lord Canning* ihm schon eine Zigarre angeboten habe. Kein Wunder, dass die Nachricht von seiner Ankunft im Haus der Dunstaples in Alipore für einige Aufregung sorgte.
Ungeachtet der sehr unterschiedlichen Ränge, die sie jetzt in der Gesellschaft einnahmen, waren Dr. Dunstaple und Fleurys Vater vierzig Jahre zuvor miteinander in die Schule gegangen und tauschten, nach all dieser Zeit, immer noch ein oder zwei Mal im Jahr derbe kleine Briefe über Sportfreuden aus, wie Schuljungen. Der Doktor hatte guten Grund, sich über diese Freundschaft zu freuen, denn es war Sir Herbert Fleury zu danken, dass dem jungen Harry eine Kadettenstelle in Addiscombe, an der Militärschule der Ostindien-Kompanie, gewährt worden war; es lag bei den Direktoren, die Kadettenstellen zu vergeben.
Im Lauf ihres Briefwechsels hatte der ältere Fleury oft seinen Sohn, George, erwähnt, mitten unter den Sumpfhühnern, den Fasanen und den Füchsen … George studierte in Oxford und sollte zu gegebener Zeit vielleicht nach Indien kommen. Aber die Jahre vergingen, ohne ein Zeichen vom jungen Fleury. Auch in den Briefen seines Vaters wurde er nicht mehr erwähnt. Irgendeine häusliche Tragödie ahnend, hatte der Doktor seine Briefe taktvoll aufs Sauspießen und Ortolane beschränkt. Weitere zwei oder drei Jahre waren vergangen, und nun, plötzlich, als der Doktor es nicht mehr erwartete, war der junge Fleury wieder aufgetaucht unter den Füchsen. Wie es schien, kam er nach Indien, um das Grab seiner Mutter zu besuchen (zwanzig Jahre zuvor, während Sir Herbert persönlich in Indien weilte, war seine junge Frau gestorben und hatte ihn mit zwei kleinen Kindern zurückgelassen); gleichzeitig hatte das Direktorium ihn beauftragt, ein Büchlein abzufassen, in dem er beschreiben sollte, welche Fortschritte die Zivilisation unter der Herrschaft der Company in Indien gemacht hatte. Aber das waren nur die vorgeschobenen Gründe seines Besuchs … der wahre Grund, warum der junge Fleury nach Indien kam, war das Bedürfnis, seine jüngst verwitwete Schwester Miriam, deren Ehemann, Captain Lang, vor Sewastopol getötet worden war, ein wenig abzulenken.
Nun waren George Fleury und seine Schwester in Kalkutta eingetroffen, und Mrs. Dunstaple hatte gehört, dass er ziemlichen Eindruck machte. Sogar seine Kleidung, nach der allerneusten Mode, wie es hieß, war Stadtgespräch. Anscheinend hatte man ihn etwas tragen sehen, was definitiv die erste »Tweedside«-Loungingjacke war, die in der Präsidentschaft Bengalen in Erscheinung trat; dieses Kleidungsstück, waghalsig untailliert, hing gerade herunter wie ein Kartoffelsack und erregte den Neid jedes Beau auf der Chowringhee Road. Auf Geheiß seiner Frau setzte sich der Doktor unverzüglich hin und schrieb eine warmherzige Einladung an Fleury und Miriam, den Dunstaples bei einem Familienpicknick, das sie im Botanischen Garten einzunehmen planten, Gesellschaft zu leisten. Aber selbst als er den Brief versiegelte, kam Dr. Dunstaple nicht umhin, sich zu fragen, ob Fleury sich wirklich als das erweisen würde, was seine Frau erwartete. Tatsache war, dass Harry während seiner Zeit in Addiscombe einmal ein paar Tage bei den Fleurys auf dem Land gewesen war und seinem Vater später davon erzählt hatte. Im Lauf seines Aufenthalts hatte Harry den jungen George nur selten zu Gesicht bekommen, aber eines Abends, als er zu Bett ging, angenehm müde, nachdem er den ganzen Tag mit dem älteren Fleury auf der Jagd gewesen war, hatte er der schwirrenden, mondhellen Nacht sein Fenster geöffnet und, sehr schwach, die Klänge einer Geige gehört. Er war sicher, es müsse George gewesen sein. Am nächsten Morgen hatte er die besagte Geige, ein paar taufeuchte Notenblätter auf einem Musikpult sowie einen hohen, mittelalterlichen Kandelaber entdeckt … und das alles in einer »zerfallenen« Pagode am Ende des Rosengartens.
Dem Doktor kam dies wie ein Beweis der häuslichen Tragödie vor, die er für seinen Freund befürchtet hatte. Vielleicht war George verrückt? Jedenfalls schien es beunruhigend, dass er nicht mit Harry auf die Jagd gegangen war. Und dann, Geige spielen für die Eulen, die aus dem Sternenhimmel stoßen, nun ja, das schien auch nicht ganz normal.
Am nächsten Morgen spähten die Ladies diskret aus einem der oberen Fenster, als eine ziemlich verdreckte gharry* vor dem Haus der Dunstaples in Alipore hielt. Sogar Louise spähte hinaus, obwohl sie leugnete, an der Art von Kreatur, die da herauskommen mochte, auch nur im Geringsten interessiert zu sein. Wenn sie zufällig am Fenster stand, dann nur, weil Fanny auch dort stand und sie versuchte, Fannys Haar zu kämmen.
»O Liebes, lass dich nur nicht blicken, was würde er denn denken!«, stöhnte Mrs. Dunstaple. »Sei vorsichtig.« Aber sie selbst starrte begieriger hinaus als alle anderen.
»Da ist er!«, schrie Fanny, als ein ziemlich zerknittert aussehender junger Mann aus der gharry kletterte und sich benommen umsah. »Sieh doch, wie dick er ist!«
»Fanny!«, schalt Mrs. Dunstaple, allerdings etwas halbherzig, denn es stimmte, er sah ziemlich dick aus; aber seine Schwester sah schön aus, und ihre schlichte Eleganz ließ den Ladies kleine Seufzer entfahren.
Während die Frauen von ihrem ersten Blick auf Fleury ein wenig enttäuscht waren, war der Doktor eindeutig erfreut. Seine Befürchtungen hatten über Nacht zugenommen, sodass er sich nun, da Fleury sich als ein relativ normaler junger Mann erwies, darauf einstellte, dem Sohn seines Freundes mit vorsichtigem Optimismus zu begegnen. Doch im Nu wich die Vorsicht unverhohlener Befriedigung, und er fühlte sich so erleichtert und zuversichtlich, so dankbar, dass Fleury nicht das verweiblichte Individuum war, welches er erwartet hatte, dass er sogar begann, Fleury auf die männlichen Lustbarkeiten hinzuweisen, die er in Kalkutta finden könne … Junge Männer müssen sich die Hörner abstoßen, wie er sehr wohl aus seinen eigenen wilden Zeiten wusste … und er begann, die Vergnügungen der Stadt aufzuzählen: die Pferderennen, die Bälle, die schönen Frauen, die Tafelgesellschaften und guten Kameradschaften und anderes mehr. Er selbst, deutete er an, vergessend, dass Fleurys Schwester Witwe war, habe als junger Mann viele glückliche Stunden in der Gesellschaft lustiger junger Witwen und dergleichen verbracht.
»Aber nicht mit Eingeborenen«, fügte er mit gesenkter Stimme hinzu. »Die hab ich nie angerührt, nicht mal als junger Draufgänger.«
Bestürzt, den Freund seines Vaters in Person dieses jovialen Libertin zu finden, tat Fleury sein Bestes, um zu antworten, wünschte sich aber insgeheim, Miriam wäre dabei, um das Gespräch auf einem allgemeineren Niveau zu halten. Miriam jedoch wurde von den Ladies oben empfangen. Allem Anschein nach waren sie noch nicht fertig mit dem Ankleiden.
Der Doktor erklärte unterdessen, während sie im Gesellschaftszimmer auf und ab spazierten, leider würden er und seine Familie demnächst wieder nach Krishnapur abreisen … was allerdings, genau genommen, eher für die Ladies zum Verzweifeln sei als für ihn, weil die Jagdsaison fürs Sauspießen schon seit Februar lief und nur bis Juli dauerte … in der Tat sei das Beste schon vorbei, denn bald würde es zu heiß sein, um auch nur einen Finger zu heben. Abgesehen davon müsse er zurück, um das Kantonnement vor den Behandlungen eines neumodischen Arztes namens McNab zu bewahren, den sie der Militärgarnison von Captainganj unlängst aufgezwungen hätten. Seine Miene verdüsterte sich etwas beim Gedanken an McNab, und er begann, wie geistesabwesend mit den Fingern zu knacken. »Was Louise und ihre Anwärter betrifft«, fügte er vertraulich hinzu, vergessend, dass auch Fleurys Name genannt worden war, »wenn sie so schwer zufriedenzustellen ist, soll sie es eben nächstes Jahr nochmal versuchen.« Fleury geriet durch diese Information irgendwie in Verlegenheit, und um weitere Vertraulichkeiten zu vermeiden, erkundigte er sich, ob es in Kalkutta viele weiße Ameisen gebe.
»Weiße Ameisen?« Der Doktor erschrak einen Augenblick, in Erinnerung an die Geigen und die Eulen. »Nein, ich glaube nicht. Zumindest, nun ja, es mag wohl welche geben, irgendwo –«
»Ich habe eine Menge Bücher mitgebracht. Darum habe ich mich nur gefragt, ob ich Vorkehrungen treffen sollte, um sie zu schützen.«
»Oh, ich verstehe, was Sie meinen«, rief der Doktor erleichtert aus. »Ich glaube, darum brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. In Krishnapur, vielleicht, aber nicht hier.« Da hatte er sich einen solchen Schrecken eingejagt, wegen nichts und wieder nichts! Es hätte ihn kaum mehr durcheinanderbringen können, wenn Fleury ihn geradewegs nach gedünsteten weißen Ameisen in einer Pastete gefragt hätte! Was für ein alter Trottel er doch wurde, aber wirklich.
Jetzt endlich hörte man die Ladies herunterkommen, und der Doktor und Fleury bewegten sich auf die Tür zu, um sie zu begrüßen. Dabei streifte der Ärmel des Doktors eine Vase, die auf einem kleinen Tisch stand und am Boden zerschellte. Die Ladies traten unter Jammergeschrei und erregten Rufen über den Anblick der beiden Scherben auflesenden Gentlemen ein.
»Mein junger Freund«, sagte der Doktor tröstend zu Fleury. »Bitte, Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Es war ganz und gar nicht Ihre Schuld, und im Übrigen war es kein wertvolles Stück.« Er lächelte Fleury gütig an, der verdutzt zurückstarrte. Was zum Teufel meinte der Doktor? Natürlich war es nicht seine Schuld. Wie sollte es?
Dieses Unglück mit der Vase, also ja, das hätte nicht viel ausgemacht, erklärte Mrs. Dunstaple ziemlich steif, wenn es ihre gewesen wäre; nur unglücklicherweise gehöre sie den Leuten, die ihnen das Haus überlassen hätten. Aber nun, es helfe nichts, sich jetzt zu grämen.
»Es tut mir schrecklich leid«, murmelte Fleury wider Willen. Er war sich der Schönheit Louises, die nähergetreten war, um dieses bedauerliche Schauspiel zu beobachten, schmerzlich bewusst.
»Wirklich, Dobbin!«, sagte Miriam verärgert. »Du bist so ein Tollpatsch. Kannst du nicht aufpassen, was du tust?« Fleury errötete und blitzte seine Schwester an; er hatte ihr schon hundertmal gesagt, ihn nicht »Dobbin« zu nennen. Und dies war der denkbar schlechteste Moment, es zu vergessen, vor der hübschen, leicht verächtlich dastehenden Louise. Aber vielleicht war es Louise entgangen.
Das leicht missliche Gefühl, das sich mit Fleurys Tollpatschigkeit verband, verlor sich jedoch schnell in der Nachricht, Mr. Hopkins, der Collector von Krishnapur, und seine Frau Gemahlin hätten sich soeben angekündigt, um den Dunstaples ihre Aufwartung zu machen und Mrs. Hopkins zu erlauben, sich vor ihrer Abreise nach England von ihren lieben Freunden zu verabschieden. Gewissermaßen auf dem Fuße folgend erschien Mrs. Hopkins in Person, und beide, Fleury und Miriam, waren betroffen, wie gequält und vergrämt sie aussah. Sie schluchzte bereits, als sie vortrat, um Louise und Mrs. Dunstaple zu umarmen.
»Carrie, Liebste, du darfst dich nicht aufregen. Wenn du so weitermachst, muss ich dich hinausbringen.« Der Collector war seiner Frau auf so leisen Sohlen in das Gesellschaftszimmer gefolgt, dass Fleury bei diesen Worten, die ohne Vorwarnung an seiner Seite gesprochen wurden, zusammenfuhr. Als er sich umwandte, stand neben ihm ein Mann, der aussah wie eine massive Katze; ein Hauch Verbenaduft entströmte seinen eindrucksvollen Koteletten.
Mrs. Hopkins löste sich schwach von Mrs. Dunstaple, immer noch weinend, aber bemüht, ihre Augen zu trocknen. Ohne Rücksicht auf die Versuche des Doktors, seine Gäste einander vorzustellen, sagte sie zu Miriam: »Es tut mir leid, Sie müssen mir verzeihen … Ich bin so mit den Nerven herunter, wissen Sie, mein jüngstes Kind, ein Junge, starb erst vor sechs Monaten während der großen Hitze … und seitdem regt jede Kleinigkeit mich auf. Er war noch ein Baby, wissen Sie … und als wir ihn begruben, kam uns nichts anderes in den Sinn, als ihm eine Daguerrotypie von seinem Vater und mir in die winzigen Ärmchen zu legen. Einer der einheimischen Gentlemen hatte sie gemacht, eigentlich, um sie nach Hause, nach England zu schicken, aber dann befanden wir es für besser, sie dem Baby mit ein paar Rosen in den Sarg zu geben … Wissen Sie, Sie mögen mich für töricht halten, aber es macht mich genauso traurig, das Land mit seinem Grab zu verlassen, wie alle meine liebsten Freunde zu verlassen …«
Fleury hatte das Gefühl, dass Mrs. Hopkins wohl noch eine Weile auf diese Weise fortgefahren wäre, hätte der Collector nicht recht scharf gesagt: »Caroline, du darfst nicht daran denken, sonst geht es dir wieder schlecht. Ich glaube sicher, Mrs. Lang würde lieber etwas Fröhliches hören.«
»Im Gegenteil, Mrs. Hopkins hat mein tiefstes Mitgefühl … umso mehr, als ich selber erst kürzlich jemanden verloren habe, der mir sehr teuer war.«
Die Augenbrauen des Collectors zogen sich zusammen; er blickte mürrisch und missmutig drein, sagte aber weiter nichts.
Obwohl Fleury sich im Allgemeinen gern mit traurigen Dingen wie dem Herbst, dem Tod, Zerfall und unglücklichen Liebesgeschichten befasste, war er doch bestürzt über die morbide Wendung, die das Gespräch genommen hatte. Abgesehen davon, dass es genau das war, was er Miriam hatte ersparen wollen, indem er sie nach Indien brachte. Aber Mrs. Hopkins hatte sich wieder gefasst, und auch Mrs. Dunstaple hatte ihre Augen getrocknet, denn sie ließ sich leicht von den Tränen anderer anstecken, und allein der Gedanke an die Rötung ihrer Augen hatte sie davon abgehalten, sie ebenso reichlich zu vergießen wie ihre Freundin. Was Louise betrifft, so hatte sie sich zwar tränenreich umarmen lassen, aber sie war beherrschter als ihre Mutter, und ihre Augen waren nicht feucht geworden.



