Die Belagerung von Krishnapur

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Wie dem auch sei, es blieb keine Zeit zum Weinen. Es gab jede Menge Neuigkeiten auszutauschen, denn die Dunstaples hatten Krishnapur im Oktober verlassen, und seither war viel passiert. Außerdem wollten sie so vieles wissen … Wie es dem Padre ging? Und dem Magistrate? Und ob Dr. McNab noch niemanden ins Jenseits befördert hatte? Umgekehrt musste Mrs. Dunstaple alles berichten, was in Kalkutta passiert war. Sie hätte gern die verschiedenen Freier, die Louise umworben hatten, im Einzelnen aufgeführt, aber sie tat es ungern in Fleurys Anwesenheit, damit er nicht den Mut verlor. Überdies neigte Louise zu schlechter Laune, wenn offen über ihre Anwärter geredet wurde. Doch während sich Fleury und Miriam mit dem Collector unterhielten, hatte Mrs. Dunstaple gerade Zeit genug, Mrs. Hopkins anzuvertrauen, dass es einen Anwärter gab, einen gewissen Leutnant Stapleton, Neffe eines Generals, der tatsächlich sehr vielversprechend schien.
Der Collector war nicht in guter Stimmung. Er fand Verabschiedungen bestenfalls grauenhaft, und er sorgte sich um seine Frau, die übermüdet war von der beschwerlichen langen Reise in einer dak gharry* von Krishnapur bis zur Endstation der Eisenbahn; aber er machte sich auch Sorgen darum, was während seiner Abwesenheit in Krishnapur geschehen mochte, denn seine Vorahnung einer nahenden Katastrophe verstärkte sich von Tag zu Tag. Hinzu kam, dass er sich von Miriam, die ihm offenbar einen Mangel an Gefühlen hatte vorwerfen wollen, missbraucht fühlte. »Sie kann nicht wissen, wie ich unter dem Tod des Babys gelitten habe! Und wie hätte ich wissen sollen, dass sie auf der Krim einen Ehemann verloren hat?« (Der Doktor hatte es ihm zugeflüstert.) … »Wie sieht es einer Frau doch ähnlich, sich so unredlich einen Vorteil zu verschaffen, den toten Ehemann herbeizuzerren, um einen ins Unrecht zu setzen!« Der Collector fuhr sich gegen den Strich über seine Koteletten und setzte erneut eine Wolke Zitronenverbena frei. »Wie war noch dieser Satz von Tennyson? ›… das sanfte und milchige Weibsgezücht …!‹«
Aber der Collector bewunderte schöne Frauen und konnte ihnen nicht lange böse sein. Wenn sie schön waren, entdeckte er rasch andere Tugenden in ihnen, die er nicht bemerkt hätte, wenn sie hässlich gewesen wären. Bald begann er, Miriam vernünftig und reif zu finden, was nur bedeutete, dass er ihre grauen Augen und ihr Lächeln mochte. »Sie hat ihren eigenen Kopf«, beschloss er. »Warum können nicht alle Frauen Witwen sein?«
Fleury und Miriam saßen den älteren Dunstaples in der Kutsche gegenüber, neben der kleinen Fanny. Ihr Raum war begrenzt, da die aufgeblähten Krinolinen der Ladies aneinanderstießen und einem Gentleman sehr wenig Platz ließen, mit Anstand seine Beine auszustrecken. Sogar Fannys schlanke Beine verloren sich in Bergen schneeweißer, stufiger Petticoats*. »Wie wohltuend, nach diesen endlosen fünf Monaten auf See wieder an Land zu sein! Wie man die Bäume, die Felder, das grüne Gras vermisst! Aber natürlich haben Sie, Miss Dunstaple, diese Wasserprobe schon selber durchgemacht, und ich rede daher, als wäre ich der Einzige, der je von England herübergekommen ist.«
Fleury hatte dies als den Anfang einer angenehmen Unterhaltung betrachtet, aber irgendwie kamen seine Worte nicht gut an. Louises Lippen bewegten sich kaum zu einer Antwort, und ihre Mutter sah geradezu entrüstet aus. Hatte er einen Fauxpas begangen? Es konnte doch sicher nicht sein, dass Louise »im Land geboren« und daher nie in England gewesen war, was, wie er gehört hatte, von der indischen Gesellschaft sehr verachtet wurde. Aber ach, ebendas schien der Fall zu sein.
Die Kutsche hatte ihr Tempo verlangsamt, um einen dicht bevölkerten Basar zu durchqueren. Fleury starrte hinaus in ein Meer brauner Gesichter, schamerfüllt ob seines Patzers. Ein paar Zoll entfernt saßen zwei Männer, die Beine überkreuz, in einem Schrank, einer mit schmutzigem Wasser den Schädel des anderen rasierend. Ein Käfig voll winziger zitternder Vögel mit schwarzen Federn und roten Schnäbeln kroch vorbei. Für Fleury war Indien eine Mischung aus Exotik und äußerster Langeweile, die er, ein Verehrer Chateaubriands, unwiderstehlich fand. Jetzt gab es Geschrei. Sie hatten das ghat* erreicht.
Das Boot, das der Doktor angeheuert hatte, erwies sich in der Tat als eine sehr zweifelhafte Aussicht; ein Haufen undichter, fauliger Hölzer, grob länglich und bemannt mit dravidischen Halsabschneidern. Aber egal, es war nicht weit über den Hoogly; jenseits des Wassers waren die hoch aufragenden Bäume des Botanischen Gartens zu sehen.
»Seht nur, da ist Nigel!«, schrie Louise genau in dem Moment, als sie einstiegen, und klatschte freudig in die Hände. Man sah eine scharlachrote Uniform bald hier, bald dort durch den weißen Musselin der Menge schimmern, und nun sprengte ein junger Offizier zu Pferde mit einem barfuss nebenherrennenden Stallknecht zum ghat hinauf. Er stieg hastig ab, überließ es dem sais*, das Pferd zu bändigen, und kletterte aufs Boot, während er atemlos sagte: »Tut mir schrecklich leid, die Verspätung!«
Mrs. Dunstaple begrüßte ihn etwas unterkühlt. Offensichtlich hatte Louise ihr nichts von ihrer Absicht gesagt, Leutnant Stapleton einzuladen, und Mrs. Dunstaple war nicht sehr begeistert, ihn zu sehen. Aus dem Augenwinkel beobachtete Fleury, wie sie ihrer Tochter grollte und heimlich in seine Richtung nickte. Plötzlich erinnerte er sich daran, was der Doktor über Louise und ihre Anwärter gesagt hatte. Das war es also! Mrs. Dunstaple fürchtete, dass einer der geeigneten jungen Männer durch die Anwesenheit des anderen entmutigt werden könnte. Es schmerzte Fleury, Louise flüchtig in seine Richtung blicken, dann ihren Kopf zurückwerfen und wegschauen zu sehen, wie um zu sagen: »Was kümmert es mich, ob er entmutigt ist oder nicht?« Obgleich entmutigt, starrte Fleury auf den Fluss und gab vor, den Anblick zu bewundern. Leutnant Stapleton, der offenbar erwartet hatte, der einzige Vertreter der männlichen Jugend auf diesem Ausflug zu sein, wirkte seinerseits ziemlich verblüfft; als die beiden jungen Männer einander vorgestellt wurden, murmelte er nur lustlos und schielte mit missgünstigem Neid auf Fleurys zerknautschte, aber gut geschnittene Kleidung.
Kaum hatten sie das schlammige Ufer auf der anderen Seite erreicht, erhob sich ein Tumult; die Ladies entdeckten, dass die Saumränder ihrer Kleider einiges an Bilgewasser aufgesogen hatten. Unter viel Jammern und Klagen zogen sie sich mit einem Dienstmädchen zum Auswringen auf eine Lichtung in angemessener Entfernung zurück. Als sie endlich wiederkamen, zog die Gesellschaft los, einen Haufen grinsender Diener im Gefolge. Der botanische Garten stellte wenig Blumen, aber viele gewaltige Bäume und Sträucher zur Schau. Ihr Weg führte an dem Riesenbanyan vorbei, und beim Anblick seiner zahlreichen Stämme, die sich über das Geäst zu einer Reihe spektakulärer gotischer Bögen verbanden, war Fleury von Ehrfurcht erfüllt. Er hatte noch nie einen Banyanbaum gesehen.
»Das ist wie eine verfallene Kirche, geschaffen von der Natur!«, rief er aufgeregt; aber die Dunstaples ließen jede Reaktion auf diese Erkenntnis vermissen, und während alle damit beschäftigt waren, einen günstigen Platz für ihr Picknick zu finden, glaubte er Louise und Leutnant Stapleton ein verstohlenes Lächeln austauschen zu sehen.
Von Zeit zu Zeit, derweilen sie zwischen den Bäumen weitergingen, kamen sie an grüne Lichtungen, wo junge Offiziere schon mit ihren Ladies picknickten; doch als sie schließlich eine unbesetzte Lichtung fanden, erklärte Mrs. Dunstaple, dort sei es zu sonnig. Auf der nächsten Lichtung war eine weitere Gesellschaft junger Offiziere, die mit Geschöpfen, welche der Doktor eindeutig für lustige junge Witwen hielt, Moselle Cup tranken. Fleury sah, wie sehnsüchtig die Blicke des Doktors an ihnen hingen, als er sich mit seiner eigenen Gesellschaft zum Weitergehen anschickte … aber die jungen Offiziere riefen ihn herbei, fragten lachend, ob er sie nicht erkenne? Und es stellte sich heraus, dass sie nicht nur flüchtige Bekannte, sondern beste Freunde waren, denn diese jungen Männer waren normalerweise in Captainganj stationiert; sie waren an der Waffenschule von Barrackpur gewesen, zur Ausbildung an den neuartigen Enfield Gewehren, derentwegen die Sepoys so entrüstet waren, und hatten die Gelegenheit genutzt, in Kalkutta ein bisschen Zivilisation zu genießen, sodass sie natürlich entzückt waren, ausgerechnet Dr. und Mrs. Dunstaple zu treffen, und natürlich Miss Louise, und was war eigentlich mit diesem jungen Lumpenhund Leutnant Harry Dunstaple, der hoch und heilig versprochen hatte, er würde ihnen schreiben, und keinen Federstrich zu Papier brachte? Sie würden sich den Bengel vorknöpfen, wenn sie in ein paar Tagen nach Krishnapur zurückkehrten … und nichts käme ihnen mehr gelegen, als dass die Schar der Dunstaples sich zu ihnen gesellte.
Ihre Ladies, stellte sich heraus, waren mitnichten lustige junge Witwen, sondern Mädchen von der achtbarsten Sorte, Schwestern des einen oder anderen Offiziers; so fand alles mit höchstem Anstand statt.
Die Offiziere hatten schon mehrere stürmische Angriffe auf ihren Picknickkorb verübt, einen umfunktionierten Wäschekorb, der nichts anderes zu enthalten schien als Moselle Cup in den unterschiedlichsten Flaschen und Gefäßen. Die Dunstaples brachten etliche Körbe mit, von denen mehr als einer das stolze Abzeichen von Wilsons »Hall of all Nations« (bestellter Lieferant des Rt Honourable Viscount Canning) trug, denn der Doktor glaubte offenbar an die ordentlich gemachten Dinge. Die jungen Männer konnten sich kaum zurückhalten, als die Träger der Dunstaples vor ihren Augen einen echten Yorker Schinken, zart und rosig wie Klein Fannys Wangen, Austern, eingelegtes Gemüse, Lammpasteten, Cheddar-Käse, Ochsenzungen, kalte Hühnchen, Schokolade, kandierte und kristallisierte Früchte und Biskuits aller Art aus dem besten frischen Kap-Getreide auspackten: Abernethy’s Kekse, Tops & Bottoms, Pfeffernüsse und was man sich an köstlichem Gebäck nur vorstellen konnte.
Mit den Händen an seine Rockschöße klopfend, beobachtete der Doktor die Träger bei der Arbeit, ganz so, als hätte er das Interesse der jungen Männer nicht bemerkt, und wartete bis zum letzten Moment, ehe er mit scheinbarer Zurückhaltung erklärte: »Ich bin sicher, ihr jungen Leute werdet wohl kaum Lust auf Essen haben, aber wenn ihr möchtet …«, woraufhin ein gewaltiges Hurra ausbrach, das Mrs. Dunstaple veranlasste, sich umzublicken, ob sie nicht zu viel Aufmerksamkeit erregten, doch von den Waldwiesen ringsum hallten ähnlich fröhliche Geräusche wider; nur ein paar zerlumpt aussehende Eingeborene, die aufgetaucht waren, saßen am Rand der Lichtung auf ihren Fersen und starrten die weißen Sahibs an.
Im Gegenzug bestanden die jungen Offiziere darauf, dass alle ihren Moselle tranken, von dem sie reichlichen Vorrat hatten; in der Tat genug, um sich und ihre Ladies mehrfach in Bewusstlosigkeit zu versetzen. Bald herrschte allgemeine Heiterkeit.
Was Louise anbelangt, so sah sie ziemlich ätherisch aus im gesprenkelten Licht von Sonne und Schatten, doch es machte Fleury traurig, sie von Völlerei und Gelächter umgeben zu sehen; sie hielt einen am unteren Ende in eine Serviette gewickelten Entenschenkel hoch, aber nicht, um selbst daran zu knabbern, sondern um ihn in übertriebener und komischer Manier von den mit wüsten Schnauzbarthaaren bedeckten Lippen und gelblichen Zähnen eines der Offiziere abfressen zu lassen, seines Namens Leutnant Cutter, der, wie es schien, einer ihrer besonderen Vorjahreslieblinge in Krishnapur gewesen war. Und nicht genug damit, dass alle sich vor Lachen über sein Benehmen nicht mehr halten konnten, wurde Leutnant Cutter komischer denn je, warf den Kopf zurück und heulte zwischen seinen Bissen wie ein Wolf.
Unterdessen wandte sich der Doktor an Captain Hudson, um etwas zu fragen, was ihm seit einigen Tagen nicht aus dem Sinn ging, nämlich: Was eigentlich dran sei an dem Gerede über Schwierigkeiten mit den Sepoys, die es im Januar in Barrackpur gegeben habe? Ob er und die anderen Offiziere zu dieser Zeit dort gewesen seien?
»Nein, als wir hinkamen, hatte sich das alles schon gelegt. Aber was Größeres war das sowieso nicht … ein oder zwei Feuer in den Linien der Eingeborenentruppen und ein paar Gerüchte über Verunreinigung durch die neuen Patronen. General Hearsey ist sehr geschickt mit der Sache umgegangen, obwohl manche meinten, er hätte strenger durchgreifen sollen.«
Hier rief Mrs. Dunstaple gereizt dazwischen, sie wolle eine Erklärung, denn niemand würde ihr je solche Dinge wie Verunreinigung oder Patronen erklären; wen interessiere es schon, wenn sie so dumm bliebe wie ein Dienstmädchen, und sie lächelte, um anzudeuten, dass sie es eher kokett als böse meinte. Also begann Hudson freundlich zu erklären. »Wie Sie wissen, laden wir ein Gewehr, indem wir ein Maß Schießpulver durch den Lauf in die Ladekammer schütten und obendrauf eine Kugel hineinstopfen. Nun, das abgemessene Pulver wird in kleinen Papierhülsen geliefert, die wir Patronen nennen … um an das Pulver zu kommen, muss das Ende der Hülse abgerissen werden, und beim Truppendrill bringen wir den Männern bei, dies mit den Zähnen zu tun.«
»Und dadurch fühlen sich die Eingeborenen verunreinigt … ach du lieber Himmel!«
»Nein, nicht dadurch, Mrs. Dunstaple, sondern durch das Fett an den Patronen … das ist natürlich nur an den Kugelpatronen … das heißt, an solchen mit einer Kugel drin. Man entleert das Pulver in den Lauf, und dann, statt das Papier wegzuwerfen, schiebt man den Rest der Patrone nach. Aber weil sie so knapp ins Rohr passt, muss sie eingefettet sein, sonst bleibt die Kugel stecken. Bei den neuen Enfield Gewehren, die Nuten im Lauf haben, würden Kugelpatronen mit Sicherheit steckenbleiben, wenn sie nicht eingefettet wären.«
»Du meine Güte, dann war es also das Fett!«
»Sicher doch, ebendas hat Jack Sepoy ja so beunruhigt! Irgendwie kam er auf die Idee, das Fett stamme von Schweineoder Rindertalg, und es durfte seine Lippen nicht berühren, weil das gegen seine Religion verstößt. Das war der Grund für die Unruhen in Barrackpur. Aber inzwischen hat Major Bontein vorgeschlagen, den Drill zu ändern … in Zukunft soll das Ende, statt es abzubeißen, einfach abgerissen werden. Dann brauchen sich die Sepoys keine Sorgen mehr zu machen, woraus das Fett besteht. Wie es aussieht, riecht das Zeug ekelhaft genug, um eine Epidemie auszulösen, gar nicht zu reden von einer Meuterei.«
Hudson fügte hinzu, am 27. Februar habe es noch anderen Ärger gegeben, diesmal in Berhampur, hundert Meilen weiter nördlich, wo sich das 19. Eingeborenenregiment der bengalischen Infanterie geweigert hatte, vor einer Parade die Zündhütchen entgegenzunehmen. Die Abwesenheit jedes europäischen Regiments hatte es unmöglich gemacht, diesem Akt der Meuterei auf der Stelle entgegenzutreten … Jetzt befinde sich das aufrührerische Regiment auf dem langsamen Marsch nach Barrackpur, wo es aufgelöst werden solle. Aber es gebe keinen Grund zur Beunruhigung, und im Übrigen wurden nun, da alle mit dem Essen fertig waren, Rufe nach einem Blinde-Kuh-Spiel laut.
Alles rief, das sei eine glänzende Idee, und im Nu hatten die Träger die Körbe beseitigt (ehe sie selbst beseitigt wurden), und das Spiel konnte beginnen. Einer der Ladies, einem pummligen Mädchen, das vom vielen Lachen schon ziemlich erhitzt war, wurde, wie es sich gehört, ein Tuch vor die Augen gebunden, und nun wurde es dreimal herumgedreht, während die anderen einen Reim sangen, den einer der Offiziere, der zum Zeitvertreib gern die Eingeborenen studierte, von den eingeborenen Kindern gelernt hatte:
Rosen Attar, Senfes Öl,
Die Katzen schrei’n, der Topf kocht fein,
Schau und flieg! Sonst hascht dich
Des Rajas* Dieb!
Damit stoben alle davon, und die junge Lady stolperte kreischend vor Lachen umher, bis sich ihr Bruder, der fürchtete, sie würde noch hysterisch, schließlich fangen ließ.
Dieser Bruder war kein anderer als Leutnant Cutter, fürwahr ein sehr amüsanter Bursche. Während er hier- und dorthin stürzte, machte er die ganze Zeit grobe, beängstigende Bemerkungen in dem Sinne, er sei ein großer Bär, und wenn er irgendein hübsches Mädel finge, würde er es ganz fürchterlich umarmen … und die Ladies waren so erschreckt und entzückt, dass sie sich, ob sie wollten oder nicht, durch ihr Kreischen ständig verrieten und immer erst im letzten Moment entwischten.
Aber bald wurde klar, dass Leutnant Cutters Umherstolpern etwas recht Merkwürdiges an sich hatte. Wie kam es, dass er, weit davon entfernt, wahllos durch die Gegend zu stolpern, wie man es von einem Mann mit verbunden Augen erwartet hätte, ein ums andere Mal mit seinen beängstigenden Sprüngen an den Offizierskameraden vorbei in Richtung einer Gruppe Ladies galoppierte? Vielleicht nur, weil er sie durch ihr Gekreische orten konnte. Aber wie kam es, dass er so oft auf die Hübscheste von allen zuhielt, nämlich auf Louise Dunstaple, und das arme, atemlos jammernde Geschöpf am Ende fing, um es, wie angedroht, fürchterlich bärenhaft zu umarmen? (Und wie kam es, fragte sich Fleury, dass er sich an diesem unschuldigen Spiel so tierisch wild berauschte?) Leutnant Cutter, der Schurke, hatte sie hereingelegt. Irgendwie war es ihm gelungen, einen kleinen Schlitz in den Falten des seidenen Tuchs vor seinen Augen zu öffnen, und er hatte die ganze Blindheit nur vorgetäuscht!
So ging es weiter mit den Belustigungen. Was für einen wunderbaren Tag sie alle verbrachten … sogar die zerlumpten Eingeborenen, die es vom Rand der Lichtung aus mit ansahen, dürften das Schauspiel genossen haben … und wie herrlich das Wetter war! Der indische Winter ist das perfekte Klima, sonnig und kühl. Erst später am Nachmittag fiel Fleury wieder ein, dass er Captain Hudson, der ein intelligenter Mann zu sein schien, hatte fragen wollen, ob er glaube, dass mit weiteren Unruhen zu rechnen sei … Denn natürlich wäre es töricht für ihn und Miriam, die Dunstaples wie beabsichtigt in Krishnapur zu besuchen, wenn ein Aufruhr im Land umging.
Der Collector hatte sich gewundert, als er von der Meuterei am 19. in Berhampur erfuhr, dass diese Entwicklung in offiziellen Kreisen keinen Alarm auslöste. Später hörte er, General Hearsey sei genötigt gewesen, sich mit einer Rede an die Sepoys in Barrackpur zu wenden, um ihnen zu versichern, niemand habe die Absicht, sie zwangsweise zum Christentum zu bekehren, wie sie vermuteten. Die Engländer, hatte Hearsey ihnen erklärt, seien »Christen der Heiligen Schrift«, was bedeute, dass niemand Christ werden könne, der nicht zuerst die Heilige Schrift gelesen und verstanden und sich freiwillig entschieden habe, Christ zu werden. In Kalkutta glaubte man, diese Rede, die den Sepoys in ihrer eigenen Sprache, in einem kräftigen, männlichen Ton von einem Offizier gehalten worden war, dem sie vertrauten, habe eine heilsame Wirkung gehabt. Der Collector war unterdessen zu einem schmerzhaften Entschluss gelangt. Trotz seiner Besorgnis, nach der Abreise seiner Frau unverzüglich nach Krishnapur zurückzukehren, hielt er es für seine Pflicht, ein paar Tage länger in Kalkutta zu bleiben, um die Leute vor der Gefahr zu warnen, derer er selbst zum ersten Mal durch jene ominösen Chapatis auf seinem Schreibtisch innegeworden war.
Fleury war dem Collector nur bei einer einzigen Gelegenheit begegnet und hatte zu diesem Zeitpunkt unglücklicherweise nicht begriffen, dass er jemandem begegnete, der bald ein interessantes Gesprächsthema für verzweifelnde Gesellschaftszimmer abgeben würde. In den zwei Jahren, die der Collector am Anfang des Jahrzehnts in England verbracht hatte, war er ein aktives Mitglied zahlreicher Gremien und Gesellschaften gewesen: des Magdalen Hospital zur Rückführung von Prostituierten beispielsweise, oder der aristokratischen Mendicity Society zur Unterstützung von Bettlern, ganz zu schweigen von allen möglichen literarischen, zoologischen, antiquarischen und statistischen Gesellschaften. Das war natürlich ganz so, wie es sein sollte; jeder hätte mit seinen privaten Mitteln das Gleiche getan. Aber Hopkins war weiter gegangen. Nicht nur, dass er voller Ideen über Hygiene, Fruchtwechsel und Entwässerung nach Indien zurückgekehrt war, sondern er hatte in dem Glauben, das Gleiche zu tun, was die Römer einst in Britannien getan hatten, einen substanziellen Teil seines Vermögens darauf verwendet, Beispiele europäischer Kunst und Wissenschaft ins ferne Indien zu bringen. Diejenigen, die es gesehen hatten, sagten, die Residenz in Krishnapur sei voller Statuen, Gemälde und Maschinen. Vielleicht konnte man nichts anderes erwarten, als dass diese Bemühungen des Collectors, den Eingeborenen die Zivilisation zu bringen, in Kalkutta verspottet wurden; aber jetzt war er, fast ebenso unterhaltsam, in der Rolle des Unkenrufers wieder da.
Binnen kürzester Zeit wurde er, ständig durch Kalkutta eilend, um bei diversen Würdenträgern vorzusprechen, eine stadtbekannte Figur. Wer auch immer ihn zufällig die Chowringhee entlangschreiten sah, sagte zu sich selbst: »Da geht Hopkins. Fragt sich nur, wen er diesmal warnen will.« Seine Vorhersage des kommenden Unheils, die, wie die Leute sagten, größtenteils darauf beruhte, dass er die gefundenen Chapatis tatsächlich gegessen hatte, war bald eine sprudelnde Quelle der Belustigung. Fleury gehörte zu denen, die sein Treiben mit Erstaunen und Genuss verfolgten. In Regierungskreisen kam es sogar in Mode, vom Collector aufgesucht zu werden, und nicht selten unterhielt ein Gastgeber seine Tafelgesellschaft mit Erzählungen, wie der Collector diesen oder jenen in ein Gespräch verwickelt hatte, um die Katastrophe zu prophezeien. Und wenn er einen besuchte, stürzte er sich in wirre Reden über die Notwendigkeit, den Eingeborenen die Zivilisation näherzubringen oder etwas Ähnliches, gemischt mit den üblichen düsteren Vorhersagen. Doch während die Tage vergingen und die Leute in Kalkutta ihn weiter hierhin und dorthin fahren oder mit einsamer Würde über die nicht mehr sehr grüne Fläche des Maidan* stolzieren, wenn nicht gar tief in Gedanken versunken am Fluss stehen sahen, ungefähr an der Stelle, wo heute die große Howrah Bridge drohend über dem Wasser schwebt, kam die Zeit, da sie ihn kaum noch bemerkten.
Allmählich, als das Wetter heißer und die Liste jener Würdenträger, die ohne Warnung zu lassen er offensichtlich für unklug hielt, nicht kürzer wurde, begann der Collector eine heruntergekommene Erscheinung anzunehmen, obwohl sein Hemd immer noch genauso weiß und sein Cut genauso sorgfältig gebügelt war. Dann, im April, ging eine andere Geschichte über den Collector um, wenngleich es ein Geheimnis blieb, woher sie stammte. Es wurde gesagt, dass er, auch wenn man ihn noch kreuz und quer durch die Stadt ziehen sah, niemanden mehr besuche. In den ersten Tagen nach der Abreise seiner Frau hatte jeder, den Fleury traf, wenn nicht persönlich Besuch bekommen, so doch zumindest einen Freund oder einen Freund eines Freundes, der von dem Collector besucht worden war, »um ihn auf die ernstzunehmende Unruhe unter den Eingeborenen hinzuweisen«. Doch jetzt, wenn man in irgendeinem der Gesellschaftszimmer fragte, in denen man verkehrte, gab es jede Menge Leute, die den Collector auf der Straße gesehen hatten, aber niemand hatte gehört, dass er irgendwo an ein Ziel gelangt wäre.
Außerdem wurde der Collector jetzt, da die Sonne während der Mittagszeit vom Himmel brannte, oft am Straßenrand im Schatten eines Baumes gesehen (auch Sie hätten ihn dort stehen sehen, wenn Sie damals in Kalkutta gewesen wären), gedankenverloren stand er da (über eine Möglichkeit nachdenkend, kicherten die Leute, die Zivilisation mit der Eisenbahn ins Mofussil* zu bringen, um die Eingeborenen zu beruhigen), wie ein Mann, der auf das Ende eines Regenschauers wartete, obwohl natürlich keine Wolke in Sicht war. Aber welche Gründe auch immer zu den langen Pausen unter Bäumen führten, sie nährten mit Sicherheit den Glauben, der Collector habe seine warnenden Besuche aufgegeben. Nur warum er in diesem Fall nicht einfach zu Hause blieb, konnte keiner erklären.
Selbstverständlich gab es eine andere Erklärung, die niemand vermutete. Jetzt, da es nicht mehr der neuste Schrei war, vom Collector besucht und gewarnt zu werden (inzwischen fand man es in der Tat eher lächerlich, denn wenn er mit seinem Besuch so lange gewartet hatte, rangierte man offensichtlich nicht sehr weit oben auf seiner Liste einflussreicher Personen), wurde er zweifelsohne von vielen, die er besuchen wollte, mit der Ausrede abgewiesen, sie seien zu beschäftigt.



