Die Belagerung von Krishnapur

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Und dann, eines Tages, ziemlich plötzlich, war er verschwunden. Offenbar hatte er beschlossen, Kalkutta seiner Unwissenheit zu überlassen, und war nach Krishnapur zurückgekehrt, um seinen Pflichten nachzugehen. Eine Zeitlang hörte man nichts mehr von ihm.
Der Friedhof, auf dem Fleurys Mutter begraben lag, ist in Kalkutta immer noch zu sehen, an der Park Street, nicht weit vom Maidan entfernt. Heutzutage ist es ein erstaunlicher, einsamer Ort, verwahrlost und verwildert. Viele der erhabensten viktorianischen Grabsteine stehen schief, andere sind umgefallen oder wurden absichtlich zertrümmert. Sehr oft sind auch die Bleibuchstaben aus den Inschriften geklaubt worden, eine kleine, den Toten von den Lebenden auferlegte Steuer. Nahe dem Tor drängen sich ein paar arme Familien unbehaglich in Hütten, die sie aus Stöcken und Lumpen errichtet haben; kein Wunder, dass sie sich so unwohl fühlen, denn sogar für einen Christen herrscht hier eine unheilvolle Atmosphäre.
Zu Fleurys Zeiten jedoch war das Gras geschnitten und die Gräber waren gut gepflegt. Abgesehen davon war er, wie man es erwarten mag, ein Liebhaber von Friedhöfen; er liebte es, dort zu sinnieren und seinen Herzensregungen zu lauschen, indem er die abgekürzten Biographien auf sich wirken ließ, die er in die Steine eingemeißelt fand … so beredt, so bündig! Gleichwohl, nachdem er ein oder zwei Stunden am Grab seiner Mutter gegrübelt hatte, beschloss er, es genug sein zu lassen, denn schließlich will man das Herumschleichen auf Friedhöfen ja auch nicht übertreiben.
Der Entschluss war kein sehr plötzlicher. Seit dem Alter von sechzehn Jahren, als er erstmals begann, sich für Bücher zu interessieren, hatte er, sehr zur Betrübnis seines Vaters, körperliche und sportliche Dinge gering geschätzt. Er war von einer melancholischen und lustlosen Gemütsverfassung gewesen, ein Opfer der Schönheit und Traurigkeit der Welt. Im Lauf der letzten zwei oder drei Jahre jedoch hatte er bemerkt, dass seine düstere und schwindsüchtige Art nicht mehr ganz so wirkte, wie sie einmal gewirkt hatte, insbesondere auf junge Ladies. Sie fanden seine Blässe nicht mehr so interessant, sie wurden ungeduldig mit seiner Melancholie. Die Wirkung, oder die verfehlte Wirkung, die man auf das andere Geschlecht ausübt, ist insofern wichtig, als sie einem verrät, ob man in Fühlung mit dem Zeitgeist steht, dessen Hüter unveränderlich das andere Geschlecht ist. Um die Wahrheit zu sagen, war die Welle der Empfindsamkeit für das Schöne, für Sanftmut und Melancholie allmählich abgeflaut und hatte Fleury zappelnd auf einer Sandbank zurückgelassen. Dieser Tage waren junge Ladies mehr an den Vorzügen von Tennysons »großem, breitschultrigem, leutseligem Engländer« denn an bleichen Dichtern interessiert, dämmerte es Fleury. Louise Dunstaples Vorliebe, mit lustigen Offizieren herumzutollen, die ihn am Tag des Picknicks bestürzt hatte, war keineswegs die erste Abfuhr dieser Art gewesen. Sogar Miriam fragte ihn manchmal laut, warum er so »hündisch« blicke, wo sie einst geschwiegen und »seelenvoll« gedacht hätte.
Trotzdem, man ändert seinen Charakter nicht über Nacht, nur um ihn der Mode anzupassen, auch nicht, wenn man will. Manche eigensinnige Menschen in Fleurys Dilemma bleiben lieber so, wie sie angefangen haben, und geben sich damit zufrieden, ihre Epoche als philisterhaft oder verweiblicht oder was auch immer sie selbst nicht sind zu betrachten. Ein wirkliches Problem wird es erst, wenn man sich verliebt, wie Fleury, und attraktiv sein will.
Einen oder zwei Tage lang wurde Fleury ziemlich aktiv. Er musste sein Buch über den Fortschritt der Zivilisation in Indien voranbringen, und das war auch ein Grund, warum er Interesse am Verhalten des Collectors entwickelte. Er stellte viele Fragen und kaufte sich sogar ein Notizbuch, um einschlägige Informationen festzuhalten.
»Wenn die indischen Völker unter Ihrer Herrschaft glücklicher sind«, fragte er einen Beamten der Schatzkammer, »warum bleiben sie dann in einheimischen Staaten wie Hyderabad, die so miserabel regiert werden, und wandern nicht aus, um hierherzukommen und in Britisch-Indien zu leben?«
»Die Apathie des Eingeborenen ist allgemein bekannt«, erwiderte der Beamte steif. »Er ist nicht unternehmerisch.« Fleury schrieb »Apathie« in schnörkeliger Handschrift nieder, und dann, nach kurzem Zögern, fügte er »nicht unternehmerisch« hinzu. Unglücklicherweise überlebte dieser Energieausbruch die bleiernen Fakten nicht, die ihm genannt wurden, um die segensreichen Wirkungen der Company zu illustrieren. Als er von den spektakulären Steigerungen der Zoll-, Opium- und Salzeinnahmen hörte, verfiel er in einen Stupor, und nicht lange danach sah man ihn wieder lustlos auf einem Sofa liegen, in einen Gedichtband vertieft.
Dr. Dunstaple war von Louise und von Mrs. Dunstaple bedrängt worden, ihre Abreise nach Krishnapur zu verschieben, bis der letzte Ball der kühlen Jahreszeit stattgefunden habe. Dann könne Louise noch am selben Nachmittag Brautjungfer bei der Hochzeit einer Freundin in der St Paul’s Cathedral sein. Der Doktor seufzte. Wieder waren ein paar glückliche Schweine seinem Spieß entgangen. Er tanzte nicht gern.
In der Festhalle war die Temperatur weit über neunzig Grad Fahrenheit, die hohen Fenster standen offen und punkahs flatterten wie verwundete Vögel über den Köpfen der Tanzenden. Obwohl Fleury sich nicht vorstellen konnte, wie man bei einer solchen Hitze tanzen sollte, hatte Louise ihre Tanzkarte im Nu gefüllt; als er kam, um sich zu bewerben, war zu seinem Leidwesen nur noch der galloppe frei. Er wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn und zog ihn schimmernd, wie mit Olivenöl bestrichen zurück. Auch die Ladies konnten nicht kühl aussehen; noch so viel Reispuder konnte den Glanz ihrer Gesichtszüge nicht mattieren, noch so viel Polsterung konnte feuchte Flecken nicht daran hindern, sich unter ihren Achselhöhlen auszubreiten.
Ein Wunderwerk nach dem anderen hervorhebend, die Musiker, die prachtvoll livrierten Diener, das köstliche Buffet inmitten der Blumen und Lüster und Topfpalmen, empfahl der Doktor Fleury dringend, diese elegante Szene nicht zu vergessen, wenn es darum ging, Beispiele zivilisierten Verhaltens für sein Buch auszuwählen. Fürwahr, stimmte Fleury zu, dies sei sicher eine Art von Zivilisation, aber irgendwie glaube er, eigentlich werde ein ganz anderer Aspekt gebraucht … ihre spirituelle, ihre mystische Seite, die Seite des Herzens! »Zivilisation, wie sie derzeit ist, denaturiert den Menschen. Denken Sie nur an die Mühlen und die Schmelzöfen … Im Übrigen, Doktor, empfiehlt mir jeder, dem ich in Kalkutta von meinem Buch erzähle, auf dies oder jenes zu achten … einen Kanal, der gebaut worden ist, oder irgendeine grausame Sitte wie Kindstötung oder Witwenverbrennung, die abgeschafft wurde … Das sind natürlich Verbesserungen, gewiss, aber so, wie die Dinge liegen, sind es nur Symptome von etwas, was eine große, heilsame Krankheit sein sollte … Das Problem ist, wissen Sie, dass die Symptome zwar da sind, die Krankheit als solche aber fehlt!«
»Eine heilsame Krankheit!«, dachte der Doktor, während er einen entsetzten Blick auf Fleurys errötetes Antlitz warf.
»Hm, das ist alles schön und gut, aber … Hier, nehmen Sie eine von diesen.« Der Doktor bot Fleury sein Zigarrenetui an, wobei er als subtiles Kompliment hinzufügte: »Ich fürchte allerdings, dass sie nicht so gut sind wie Lord Cannings.« Er beobachtete Fleury besorgt. Er hatte gehört, auch wenn es nur ein Gerücht sein mochte, Fleury habe sich im Bengal Club irgendeinen armen Teufel geschnappt und ihm ein langes Gedicht über die Besteigung eines symbolischen Berges vorgelesen.
Überrascht von der Anspielung auf Lord Canning, nahm Fleury eine Zigarre und fuhr nachdenklich mit der Nase daran entlang. Sein Blick fiel auf zwei hübsche, schwitzende Mädchen in der Nähe, als eines von ihnen ausrief: »Ich hasse Männer, die bei der Polka hopsen!« Auf jedem Londoner Ball hätte ihm dieselbe Bemerkung zu Ohren kommen können. Obendrein hatte er gehört, dass in Kalkutta auch reiche indische Gentlemen zu Bällen im zivilisierten europäischen Stil luden, obwohl sie die englischen Ladies zugleich dafür verachteten, mit Männern zu tanzen, als wären sie »nautch girls«*, etwas, was sie ihren eigenen Frauen niemals gestatten würden. Darin schien ein Widerspruch zu liegen. Es war alles sehr kompliziert.
Der Doktor hatte Fleury am Ellbogen gefasst und führte ihn zum Buffet. Wo Mrs. Lang denn heute Abend sei? Fleury erklärte, Miriam habe es abgelehnt, mitzugehen, nicht, weil sie noch trauere, sondern weil sie es zu heiß fand, um zu tanzen. Miriam habe ihren eigenen Kopf, brummte er.
»Was für eine vernünftige junge Frau!«, rief der Doktor neidisch, wünschte er sich doch auch für seine Ladies einen eigenen Kopf, der ihnen sagte, wann es zu heiß zum Tanzen war.
Sie kamen an einer Reihe erhitzter Anstandsdamen am Rand der Tanzfläche vorbei; die ununterbrochene Bewegung ihrer Fächer verlieh diesen Ladies etwas Flatteriges, etwas von Vögeln, die sich ihr Gefieder putzen. Die aus der Blässe schwer gepuderter Gesichter hervortretenden Augen folgten Fleury ausdruckslos, als er vorbeiflanierte. Er dachte: »Wie wahr, dass englische Frauen im indischen Klima nicht gedeihen! Ihr Fleisch fällt ein, es schmilzt dahin und hinterlässt nur Sehnen, Fasern und Falten.«
Plötzlich herrschte Aufregung im Ballsaal, wie ein Lauffeuer ging die Nachricht um: General Hearsey war eingetroffen! Das Gedränge im vorderen Bereich der Tanzfläche war so groß, dass der Doktor und Fleury nichts sehen konnten, und so stiegen sie ein paar Stufen der weißen Marmortreppe hinauf. Von dort aus gelang es ihnen, einen Blick auf den General zu erhaschen, und der Doktor konnte nicht anders, er wünschte sich, unwillkürlich zu Fleury hinüberschielend, sein Sohn Harry wäre an dessen Stelle da. Harry hätte alles gegeben, um des tapferen Generals ansichtig zu werden, während Fleury mit seinem von Zivilisationstheorien aufgeweichten Gehirn sicher nicht den Wert des Mannes schätzen konnte, der jetzt langsam durch die Menge der Gäste schritt, von denen viele vortraten, um ihn zu begrüßen; andere, die keine Gelegenheit gehabt hatten, seine Bekanntschaft zu machen, erhoben sich aus Respekt und verbeugten sich, als er vorüberging.
Aber der Doktor tat Fleury Unrecht, denn Fleury war nicht weniger aufgeregt als er. Fleury hatte sich selbst im Verdacht, ein Feigling zu sein, und hier sah er sich dem Mann gegenüber, der vor dem Zeughaus eines zum Aufruhr bereiten Sepoy-Regiments furchtlos auf den Rebellen, der soeben den Adjutanten erschossen hatte, zugeritten war. Auf die Warnung eines Offizierskameraden, die Muskete des Rebellen sei geladen, hatte der General geantwortet, was in ganz Kalkutta schon zum geflügelten Wort geworden war: »Zum Teufel mit seiner Muskete!« Und der Sepoy, überwältigt von der moralischen Präsenz des Generals, war unfähig gewesen, den Abzug zu drücken. Kein Wunder, dass Fleury seine Theorien im Moment vergaß und sich an dem älteren Soldaten weidete, an dem vollen weißen Haar und Schnauzbart des Generals, an dessen mannhaftem Gebaren, das sein Alter von sechsundsechzig Jahren vergessen ließ. Und als der General, der sich ruhig mit einem Freund unterhielt, aber doch einen müden und angestrengten Ausdruck im Gesicht hatte, seine Augen hob und kurz auf Fleury ruhen ließ, schlug Fleurys Herz, als wäre er kein Dichter, sondern ein Husar.
Erfrischt durch diesen Anblick personifizierten Muts, stiegen Fleury und der Doktor die Marmortreppe weiter hinauf, zu den Galerien. Hier saßen etliche Leute bequem in Nischen, durch Farne und rote Plüschwände voneinander getrennt, mit einem guten Überblick über die Tanzfläche unten. Es herrschte ein reges Kommen und Gehen von Höflichkeitsbesuchen zwischen diesen Nischen, und hier war der Ort, wo man die nüchternen Tatsachen der Ehe diskutieren konnte, während sich die jungen Leute unten um die gefühlsmäßigen Aspekte kümmerten. Mrs. Dunstaple hatte einen Platz auf einem Sofa unter einer punkah gefunden und redete mit einer anderen Lady, die ebenfalls eine heiratsfähige Tochter hatte, wenngleich um einiges gewöhnlicher als Louise. Als Mrs. Dunstaple Fleury mit ihrem Ehemann näherkommen sah, konnte sie einen Freudenlaut nicht unterdrücken, denn sie hatte ihrer Gefährtin gerade vorgeschwärmt, welche Aufmerksamkeiten Fleury Louise zuteilwerden ließ, und den unangenehmen Eindruck gehabt, dass ihr nicht ganz geglaubt wurde.
Fleury verbeugte sich, als er vorgestellt wurde, und setzte sich dann, benommen von der Hitze. Die roten Plüschwände um ihn herum vermittelten ihm das Gefühl, in einem Ofen zu sitzen. Er nahm ein Taschentuch heraus und tupfte sich die ölige Stirn ab. Auf der Tanzfläche unten ging ein Walzer zu Ende, und bald würde es Zeit für den galloppe sein. Soeben tauchte Louise auf, eskortiert von den Leutnants Cutter und Stapleton, die Fleury beide unverschämt anstarrten und sich der Aufgabe, ihn wiederzuerkennen, offensichtlich nicht gewachsen fühlten.
Fleury blickte bewundernd zu Louise auf; er wusste, dass sie nachmittags Brautjungfer bei der Hochzeit einer Freundin aus ihrer Kindheit gewesen war. Die beiden Mädchen waren zusammen aufgewachsen, und nun, nachdem sie einander so oft gesagt hatten: »O nein, du wirst die Erste sein!«, war die Freundin die Erste gewesen, weil Louise so lange brauchte, um sich zu entschließen.
Fleury sah, dass Louise bewegt war von der Erfahrung, Brautjungfer ihrer Freundin gewesen zu sein; ihr Gesicht war verletzlich geworden, wie zwischen Lachen und Weinen. Er fand diese Verletzlichkeit seltsam entwaffnend.
Und nun, da Louise in dieser Weise aufgebrochen war, kein Wunder, dass sie, zumindest für ein paar Stunden, jeden Mann anschaute, den sie traf, sogar Fleury, und ihn momentan als ihren zukünftigen Ehemann sah. Mrs. Dunstaple sah erst ihre Tochter an und dann Fleury, der insgeheim mit den Zähnen knirschte und sich an den Knöcheln kratzte, wo er gerade von einer Mücke gestochen worden war. Wie schnell das Leben vergeht! Sie seufzte. Die eher gewöhnliche Tochter ihrer Gefährtin litt unter »Hitzepickeln«, wurde ihr anvertraut. Was für eine Schande! Sie redete mitfühlend daher.
Es war Zeit für den galloppe. Als sie auf der Tanzfläche ihre Haltung einnahmen, blickte Louise auf und sah Fleury forschend an. Aber Fleury träumte vor sich hin, er dachte selbstzufrieden, dass man in London keine Gentlemen mehr in braunen Fräcken gesehen hätte, wie sie hier getragen wurden, und er dachte an die Zivilisation, dass sie mehr sein müsse, als von einem Land ins andere importierte Moden und Gebräuche, dass sie eine höhere Sicht der Menschheit sein müsse, und wie er in seinem schwarzen Frack erstickte, und was für ein strenger Schweißgeruch den Saal hier unten erfüllte, und ob er den bevorstehenden Tanz wohl überleben würde. Dann, endlich, spielte das Orchester mit einer flotten Melodie auf und setzte die Füße der Tänzer in Bewegung, darunter Louises weiße Satinschühchen und Fleurys Lackstiefel, rhythmisch stürmend und drängend, als fände all dies nicht in Indien statt, sondern irgendwo in einem gemäßigten fernen Land.
III
Gegen Ende April legte die dak gharry, die alle vierzehn Tage die englische Post ins Landesinnere beförderte, wie gewohnt ihren beschwerlichen Weg durch die große Ebene nach Krishnapur zurück. Sie zog einen Staubschleier hinter sich her, der zu unerhörten Höhen aufstieg und über mehrere Meilen wie eine Regenwolke in der Luft hing. Außer der Post enthielt die gharry auch Miriam, Fleury, Leutnant Harry Dunstaple und eine Spanieldame namens Chloë, welche einen guten Teil der Reise damit zugebracht hatte, ihren Kopf aus dem Fenster zu stecken und voller Verwunderung den Staub zu beobachten, der von den Rädern aufgewirbelt wurde.
»Was ich gern wüsste, Harry, wenn ich fragen darf, ob das ein Moslem- oder ein Hindu-Friedhof ist?«
»Die Hindus begraben ihre Toten nicht, also muss er mohammedanisch sein.«
»Natürlich muss er das, was für ein Dummkopf ich doch bin!« Einen Blick auf Harry werfend, forschte Fleury nach Zeichen des Spotts, den Neuankömmlinge in Indien, beleidigend »Griffins« genannt, von alten Hasen zu erwarten hatten. Aber Harrys freundliches Gesicht verzeichnete nur höfliches Desinteresse an den Bestattungsbräuchen der Eingeborenen.
Fleury und Miriam waren beim letzten dak bungalow* auf Harry gestoßen; äußerst zuvorkommend war er ihnen zur Begrüßung entgegengeritten, obwohl er den linken Arm in einer Schlinge trug; er hatte sich beim Sauspießen das Handgelenk verstaucht. Nicht genug damit, so weit herauszureiten, hatte er sein Pferd mit dem sais zurückgeschickt und sich den Reisenden in der unbequemen gharry hinzugesellt, einem Gefährt, das große Ähnlichkeit mit einem länglichen Kasten auf vier Rädern ohne Federung besaß; sie hatten schon fast zwei Tage in diesem Transportmittel verbracht und ihre weichen Körper schrien nach Bequemlichkeit. Miriam hatte die meiste Zeit der Reise ihre Nase in ein Taschentuch vergraben, während schmierige Tränen aus ihren Augen flossen, nicht wegen einer erneuten Aufwallung ihres Kummers um Captain Lang, sondern wegen des erstickenden Staubs, der ihre Augäpfel reizte. Was Fleury anbelangt, so wurde seine Erregung bei der Aussicht auf ein Wiedersehen mit Louise durch Zweifel gedämpft, als was für ein Ort sich dieses Krishnapur erweisen würde. Die ausgedörrte Ebene, die sie durchquerten, war wenig verheißungsvoll. Sehr wahrscheinlich gab es dort nur Unbequemlichkeit und Schlangen. Unter solchen Umständen, fürchtete er, würde er nicht glänzen.
Harry hatte ihn mit einer Mischung aus Wohlwollen und Vorsicht begrüßt, und eine Weile hatten sie hoffnungsvoll, allerdings vergeblich versucht, ein gemeinsames Interesse zu finden. Der Joint Magistrate sei erkrankt und zur Heilung in die Berge gegangen, von wo er, so befürchte man, nicht zurückkehren werde, hatte Harry erklärt, darum wolle man ihnen, solange er nicht da war, seinen Bungalow zur Verfügung stellen.
Chloë, überwältigt von der Hitze, hatte sich hechelnd auf Fleurys Schoß geworfen und war dort eingeschlafen. Er versuchte, sie herunterzuschubsen, aber ein Hund, der nicht von seinem Platz bewegt werden will, kann sich in der Tat sehr schwer machen, und so musste er sie wohl oder übel liegenlassen. Fleury selbst war nicht gerade vernarrt in Hunde, aber er wusste, dass junge Ladies es in aller Regel waren. Er hatte Chloë, deren goldene Locken ihn an Louise erinnerten, einem jungen Offizier abgekauft, der sich beim Pferderennen ruiniert hatte. Zu dieser Zeit hatte er Chloë als ein feinsinniges Geschenk gedacht; ihre goldenen Locken hatten sich in seinem Geist mit der Vorstellung von hündischer Treue und Ergebenheit vermischt. Er wollte Chloë als eine erste Salve im Werben um Louises Zuneigung benutzen. Aber inzwischen fand er sie nur lästig.
Als sie sich Krishnapur näherten, sahen sie auf der Straße ein paar Reisende, auch einige Sepoys, die sehr schmuck aussahen in ihren roten Röcken und schwarzen Hosen. Als sie an ihnen vorbeifuhren, salutierten die Sepoys der Bleiche der Gesichter, die sie im trüben Inneren der Kutsche gewahrten (ganz zu schweigen von Chloës goldenen Locken). Nur Harry bemerkte stirnrunzelnd, dass einer oder zwei von ihnen mit der linken Hand salutiert hatten; wäre er allein gewesen, hätte er angehalten und sie wegen einer so vorsätzlichen Respektlosigkeit gemaßregelt; doch unter den gegebenen Umständen musste er so tun, als hätte er es nicht bemerkt. Sie fuhren schwerfällig an einem Kamel vorbei, das als Zugtier vor einen Karren gespannt war, und Fleury starrte zweifelnd auf den Gurt um seinen ballonartig aufgeblähten Bauch … all diese fremden Anblicke ließen ihn wieder melancholisch werden, ein einsamer Wanderer auf Erden. Alte Männer saßen auf ihren Fersen gegen die Wand des Wohnsitzes eines Nabob* gelehnt, und neben ihnen, an die Wand gekettet, saß ein staubiger Löwe. Als Nächstes passierten sie eine bis auf Lampen aus buntem Glas leere Moschee und ratterten über eine Eisenbrücke. Eine Familie gelbgrüner Affen starrte feindselig zu ihnen hinauf, die Augen wie polierte Klumpen Jade.
Und dann tauchten sie in den Basar ein, massenhaft bevölkert mit Menschen in weißem Musselin. Wo mochten sie nur alle leben? Ein unpassendes Bild von hundertfünfzig zusammengekauerten Menschen auf dem Fußboden des Gesellschaftszimmers seiner Tante in Torquay kam Fleury in den Sinn. Plötzlich schlingerte die gharry und bog in ein Tor ein. Sie waren angekommen. Ihn verließ der Mut.
Aber sie waren nicht angekommen. Harry war ausgestiegen und stritt mit einem Mann, der rufend neben der Kutsche hergelaufen war und sie veranlasst hatte, in diese Einfahrt einzubiegen, die, wie sich herausstellte, zum dak bungalow gehörte. Harry schien ziemlich wütend zu sein; hier hatte er absolut nicht halten wollen. Es folgte eine mühsame Verhandlung, da sich Harrys Sprachvermögen auf ein paar häusliche und militärische Befehle beschränkte. Er geriet außer sich und begann zu schreien; Soldaten sind bekannt für ihre Reizbarkeit, wenn man sich ihrem Willen widersetzt. Doch obwohl der Mann bei jedem neuen Ausbruch leicht zusammenzuckte, blieb er standhaft. Sie hätten noch eine Weile so weitermachen können, Harry schreiend, der Eingeborene zuckend, wäre nicht ein anderer Mann aufgetaucht, der, älter und sehr dick, aus der Richtung des Bungalows herbeieilte. Als er zu sprechen begann, sah Fleury, dass sein Mund vom Betelkauen erstaunlich orangerot gefärbt war. Wie hypnotisiert starrte er in diese glühende Höhle, aus der Englisch kam, wenngleich nicht von der Sorte, die er verstand. Dieser Mann sei der khansamah des dak bungalow, erklärte Harry Fleury, und was er sagen wolle, sei … warten Sie!
Ein Ausdruck des Schreckens trat in Harrys Gesicht, und ohne weitere Worte abzuwarten, rannte er zu dem Bungalow, die Treppe hinauf, und verschwand im Inneren. Fleury wäre ihm gefolgt, hätte Chloë nicht just diesen Moment gewählt, um sich seinem Griff zu entwinden und in den verführerischen grünen Dschungel des Anwesens abzutauchen. Ohne seine Rufe zu beachten, raste sie, die Nase am Boden, davon. Er verfolgte sie verzweifelt und fand sie nach einer langen Jagd versuchsweise den braunen Bauch eines Babys leckend, das sie ziemlich weit entfernt bei den Hütten der Dienerschaft im Dreck spielend aufgestöbert hatte. Unter Schlägen und Schimpfen schleifte er sie zurück. Harry war wieder da.
»Was war eigentlich los?«
»Ich dachte, Sie hätten es gehört. Der khansamah sagte, eine Frau versuche sich umzubringen.« Harry legte eine Pause ein, er sah erschüttert aus. »Anscheinend ist sie … also ja, ich glaube, man würde ›betrunken‹ sagen, um es nicht zu beschönigen.«
»Eine Hindu?«, riskierte Fleury mittelmäßig sicher. Er hatte sich erinnert, dass Mohammedaner nicht trinken.
»Also, das ist es ja. Sie scheint Engländerin zu sein, fürchte ich. Das heißt, ich wollte sagen, sie ist tatsächlich Engländerin. Ich habe früher schon mal von ihr gehört. Wie es scheint …« Harry räusperte sich gekünstelt. Seine bereits geröteten Wangen wurden röter, und er warf einen verlegenen Blick in Richtung Miriam. »Anscheinend hat ihr irgendein Offizier ihre Tugend geraubt. Dann hat er sie natürlich verlassen, sonst hätte er Ärger mit seinem Oberst bekommen. Sie hat das schon einmal gemacht, wissen Sie. Ich meine, einen Selbstmordversuch. Man weiß wirklich nicht so richtig, was man tun soll.«
Die Sonne ging unter, als Fleury und Miriam zum Bungalow des Joint Magistrate gelangten. Er erwies sich als ein gelb verputztes Gebäude, umgeben von einer Veranda und um der Kühle willen strohgedeckt. Träger tauchten aus der Dämmerung auf, um sich mit ihren Kisten abzumühen, während sie in die Innenräume spähten. Es gab zwei Schlafzimmer, jedes mit direktem Zugang zu einem eigenen Bad, und zwei weitere Räume, die statt Türen durch Stücke roten Baumwolltuchs voneinander getrennt waren. Miriam, die sagte, sie sei müde, verschwand alsbald mit ihren Kisten im leersten der beiden Schlafzimmer, während sie Fleury sich selbst überließ. Er nahm es ihr übel, ihn so abrupt an diesem unbekannten Ort allein zu lassen; so war sie seit dem Tod ihres Ehemanns.
Melancholie überkam ihn beim Gedanken an den einsamen Abend, der vor ihm lag. Obgleich der Joint Magistrate fortgegangen war, um in den Bergen zu sterben, hatte er es nicht für angebracht gehalten, seine Sachen mitzunehmen. Einer der Räume hatte als Büro gedient; überall waren Papiere angehäuft. Fleury stieß mit der Spitze seines Stiefels an einen Stapel von Schriftstücken, der ins Rutschen kam und Staub ausdünstend umfiel; das Licht war gerade noch hell genug, um zu erkennen, dass es eine Sammlung der mit dem morschen, ausgeblichenen roten Band des offiziellen Indien-Handels gebündelten Salzberichte war. Es gab auch Blaubücher, Kodizes und zahllose Briefe, manche geordnet, andere wahllos gestapelt. Es schien unvermeidlich, dass niemand je aus den Bergen zurückkehren würde, um diese Masse an amtlichen Papieren zu sortieren. Von der Wand aus starrte ihn missfällig der Kopf eines sehr kleinen Tigers an; zumindest glaubte er, es müsse ein Tiger sein, obwohl er eher einer gewöhnlichen Hauskatze glich.


