Die Belagerung von Krishnapur

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Fleury zog sich rasch an, dankbar, den trinkenden Schlangen in der Nacht nicht zum Opfer gefallen zu sein, und frühstückte dann mit Miriam, die bereits aufgestanden war. Sie verbrachten den Vormittag zusammen, bis Miriam sich für einen Besuch bei den Dunstaple-Ladies ankleiden musste. Die Stunden schleppten sich dahin. Fleury fand es zu heiß, um nach draußen zu gehen. Er versuchte ein Buch zu lesen. Miriam war noch nicht zurück, als Rayne, der Opiumverwalter, gegen vier Uhr einen seiner Diener hinüberschickte, um Fleury zum Tee einzuladen. Im Schatten der Veranda beobachtete Fleury Raynes Diener unter einem schwarzen Schirm aus den Tiefen des Anwesens zu ihm heraufhasten; auf der Veranda angelangt, schüttelte er den Schirm heftig aus, wie um Sonnentropfen abzuschütteln.
Am Vortag war Fleury nicht zu Rayne gegangen, doch nun war seine Langeweile so akut, dass er beschloss, die Einladung anzunehmen. Unter dem Schirm des Dieners machte er sich auf den Weg, begleitet von Chloë, die den ganzen Tag geschlafen hatte und voller Energie war. Raynes Anwesen, stellte sich heraus, war nur durch ein paar leerstehende Bungalows von dem des Joint Magistrate getrennt. Die beiden jungen Beamten waren enge Freunde gewesen und hatten sich so daran gewöhnt, einander formlose Besuche abzustatten, ohne über die Straße zu gehen, dass ein Trampelpfad durch den Dschungel entstanden war, zu dem sich die verwahrlosten Gärten der Nachbarschaft ausgewachsen hatten … kein richtiger Pfad eigentlich, denn an manchen Stellen war das Blattwerk in der Hitze schon verdorrt und es gab keine Spur von einem Pfad. Raynes Träger führte ihn an einem verlassenen Bungalow mit Löchern in dem strohgedeckten Dach und einer absackenden Veranda vorbei; an der Seite, auf einem kleinen Hügel, lag das von Würmern wimmelnde Gerippe eines Fahnenmasts, während nach vorn heraus ein Albtraum knalliger Geranien wucherte. Als sie sich von dem Bungalow entfernten, gab es plötzlich ein raufendes Geräusch, dann Stille.
»Was war das?«
»Schakal, Sahib.«
Sie kletterten über eine niedrige Lehmmauer, durch eine Masse wilder Rosen, noch in Blüte, und krochen durch ein schattenloses Dickicht. Auf einmal blieb Fleury wie angewurzelt stehen, jemand lauerte ganz nahe im Gestrüpp, beobachtete ihn. Es dauerte einen Moment, bis er erkannte, dass dort ein Bildnis stand, ein kleiner, dicker Mann mit schwarzem Gesicht und sechs Armen. Ein Pfad führte zu ihm hin; es war ein Schrein. Fleury trat näher, begleitet von dem Träger, der ihm den Schirm über den Kopf hielt. »Lord Bhairava«, erklärte er.
Lord Bhairavas Augen stachen weiß aus einem schwarzen Gesicht hervor, und er schien Fleury boshaft und belustigt anzusehen. Einer der sechs Arme hielt einen Dreizack, ein anderer ein Schwert, der dritte schwenkte einen abgetrennten Unterarm, der vierte hielt eine Schale, während der fünfte eine Handvoll abgeschlagener Köpfe an den Haaren hielt: Die Gesichter der Köpfe hatten dünne Schnurrbärte und drückten Verwunderung aus. Die sechste Hand, leer, hielt die drei Mittelfinger hoch. Bei näherer Betrachtung sah Fleury, dass Besucher Münzen und Essen in der Schale hinterlassen hatten und dass noch mehr Essen an Lord Bhairavas kichernden Lippen klebte, die außerdem voller Purpur waren, wie mit Blut beschmiert. Fleury wandte sich schnell ab, erschrocken ob der unerwarteten Begegnung und darauf bedacht, diesen unheimlichen Garten schleunigst zu verlassen.
Während sie weitergingen, löste ein süßlich erstickender Duft den nächsten ab, sodass er, benebelt von der Hitze und der Anspannung, den Eindruck hatte, durch ein unbekanntes, sinnliches Element zu taumeln. Gegenwärtig kam ein anderer verlassener Bungalow in Sicht, noch verlorener als der letzte, fast ohne Dach, mit riesigen Disteln, die aus den Fenstern heraus in die Höhe wuchsen. Eine ausgemergelte Kuh, die Hörner grün angemalt, weidete auf ein paar vertrockneten Grasbüscheln, die einst ein Rasen gewesen waren. Dann kletterten sie über eine andere Lehmmauer in ein ebenso dürres, aber besser gepflegtes Anwesen. Als sie sich Raynes Bungalow näherten, durchdrangen Stimmen und Gelächter die Stille und Hitze des späten Nachmittags.
Nach dem blendenden Licht im Freien schien auf der Veranda mitternächtliche Finsternis zu herrschen. Eine Gestalt trat aus der Dunkelheit und schüttelte Fleury die Hand, indem sie ihn lauthals in Tönen, die er als Raynes erkannte, willkommen hieß. Eine andere Gestalt zeichnete sich ab, verbeugte sich und schlug die Hacken zusammen: Das war Burlton, der die Schatzkammer betreute. Er schien ein empfindlicher junger Mann zu sein, einer, der gefallen wolle und maßlos über alles lache, sagte Rayne. Drinnen war noch ein Mann, bisher nur schemenhaft wahrgenommen, der von seinem Sessel aus eine sich verbeugende Bewegung machte, als er Fleury vorgestellt wurde; zugleich lachte er sardonisch; sein Name war Ford, einer der Eisenbahningenieure. »Immer erfreut, einen Griff zu treffen«, sagte er gedehnt.
»Wir haben Ford und seinesgleichen, aber hol mich der Henker, wenn die Eisenbahn je Krishnapur erreicht«, spottete Rayne, der offenbar einigermaßen betrunken war. »Wo ist denn der verdammte Träger? Ram, bring dem Sahib was zu trinken … Simkin! Das bedeutet Champagner, alter Knabe. Wir trinken keinen Tee in diesem Haus.«
Fleury tastete sich zu einem Sessel durch und nahm Platz. Einen Augenblick verfiel Rayne in Schweigen und das einzige Geräusch war sein ziemlich schweres Atmen. Als der Träger mit einem Glas Champagner für Fleury zurückkehrte, sagte Rayne laut: »Wir nennen diesen Kerl ›Ram‹. Das ist nicht sein wirklicher Name. Sein wirklicher Name ist Akbar oder Mohammed oder so was in der Art. Wir nennen ihn Hammel, weil er aussieht wie ein Hammel. Und das ist Monkey«, fügte er hinzu, als ein anderer Diener mit einem Teller Feingebäck hereinkam. Monkey hob nicht den Blick. Er hatte sehr lange Arme, fürwahr, und eine ziemlich affenartige Erscheinung.
»Wo sind die Mems*?«, wollte Ford wissen, aber es kam keine Antwort.
»Bald ist es kühl genug für einen Kanter.«
»Sollen wir nicht solange Karten spielen?«
Aber niemand rührte sich. Fleury schlürfte seinen Champagner, der unangenehm sauer schmeckte. Er hörte Chloë auf der Terrasse jaulen, wo einer der Diener sie angebunden hatte. Im Moment kam ein anderer Diener mit einer Kiste Stumpen herein; er war älter und würdevoll, aber außerordentlich klein, fast ein Zwerg.
»Wie würden Sie diesen Wicht nennen?«, fragte Burlton.
»Ant«, sagte Rayne.
Burlton schlug sich auf den Schenkel und lachte hemmungslos.
»Ich würde gern wissen, was Mr. Fleury von dieser Meerut-Geschichte hält«, sagte Fort. »Was? Ist das zu fassen? Verdamm mich, wenn er überhaupt davon gehört hat! Wo waren Sie den ganzen Tag?« Und entzückt machte er sich daran, Fleury zu erzählen, was als ein größtenteils erfundener Bericht über einen grauenhaften Aufstand irgendwelcher Sepoys erschien, lauter »pummelige junge Griffins, ungefähr so alt wie Sie«, die »im besten Mannesalter in Stücke gehackt« worden seien. Fleury merkte, dass er zum Besten gehalten wurde, war aber trotzdem alarmiert.
»Keine Sorge«, sagte Burlton herablassend; er war schon fast ein Jahr in Indien und nicht mehr ganz so ein Griffin wie Fleury. »Jack Sepoy mag in der Lage sein, wehrlose Leute niederzumetzeln, aber richtigem Schneid hält er nicht stand.«
»Wann war das alles?«
»Was haben wir heute? Dienstag. Es war Sonntagabend.«
Ford hatte derweilen das Interesse an Meerut verloren, aber von Burlton konnte Fleury in etwa erfahren, was geschehen war. Zwei Eingeborenenregimenter der Infanterie hatten ihre Offiziere erschossen und offen revoltiert; bald hatten sich die badmashes* aus dem Basar hinzugesellt und waren plündernd über das britische Kantonnement hergefallen. Während des Ausbruchs der Unruhen waren die britischen Truppen zur Kirchenparade gewesen. Am Ende hatten sie den Aufstand niederschlagen können, aber die Meuterer waren mit den Feuerwaffen entflohen. Die Telegraphendrähte waren gekappt worden, kaum dass die erste Nachricht von den Ereignissen eingetroffen war, aber es kursierten alle möglichen grausigen Gerüchte. Krishnapur lag fast fünfhundert Meilen von den Unruhen entfernt. Dennoch, Nachrichten verbreiteten sich in Indien auch ohne Telegraphen in Windeseile … man brauchte nur an die Geschwindigkeit zu denken, mit der sich die Chapatis verbreitet hatten. Was niemand wusste, war, ob die in Captainganj stationierten Sepoys dem Beispiel folgen und das Kantonnement von Krishnapur angreifen würden.
»Ant! Monkey! Simkin her, aber dalli!«
»Natürlich wissen sie es schon, kann gar nicht anders sein«, sagte Burlton. »Es haut mich um, Rayne, wie diese verflixten Eingeborenen eher davon hören konnten als ich. Heute Morgen habe ich mitgehört, wie die Babus* im Büro des Magistrate über Meerut redeten. Sie sagten, die rebellierenden Sepoys seien auf dem Marsch nach Delhi, und bald würde das Mogulreich wiederauferstehen.«
»Wers glaubt, wird selig! Die Leute wissen, wo es ihnen gut geht. Das würden sie nicht zulassen.«
»Nun ja, sie schienen zu glauben, dass es so kommen kann. Sie wollten wissen, wer die zweiundfünfzig Rajas sind, die sich versammeln würden, um den Kaiser auf den Thron zu heben.«
Aber Rayne und Ford waren an Burltons Hirngespinsten nicht interessiert, und Ford sagte vernichtend: »Das Erste, was man in Indien lernt, Burlton, ist, nicht auf den verdammten Unsinn zu hören, den die Eingeborenen immer verzapfen.« Woraufhin der arme Burlton vor Scham errötete und Fleurys Blick mied.
Inzwischen hatte sich Fleury an die Dunkelheit gewöhnt und konnte erkennen, dass Ford ein Mann mit groben Gesichtszügen um die vierzig war; trotz seines geringeren gesellschaftlichen Status als Ingenieur hatte er Rayne und Burlton eindeutig im Griff. Ford sagte unangenehm: »Vielleicht wird Mr. Fleury uns erzählen, was er darüber denkt, wo er doch so viele Busenfreunde unter den ›hohen Tieren‹ in Fort William hat.«
»Also, was ich denke, ist Folgendes«, begann Fleury … doch was er dachte, wurde nie enthüllt, denn in diesem Moment sprangen seine Gesprächspartner plötzlich auf. Vor Schreck sprang auch Fleury auf; nach dem ganzen Gerede über Meuterei lagen seine Nerven blank. Aber es waren nur die beiden Ladies, die den Raum betraten.
»Was für ein widerwärtiges Geschöpf!«, rief Mrs. Rayne aus, ein reizendes Lächeln auf dem Gesicht.
»Wie bitte?«
»Oh, Burlton. Würde es Ihnen etwas ausmachen, dem kleinen Wichtelmann zu sagen, dass er frischen simkin für die Ladies bringen soll?«
»Haben Sie nicht von der Frau im dak bungalow gehört, Mr. Fleury, eine Engländerin, die sich schändlich benommen hat? Wie ich höre, war der Padre schon mehrfach draußen, um sie zur Vernunft zu bringen.«
»Kann man dieses liederliche Mädchen nicht wegschicken?«, fragte Mrs. Ross. »Sie kann doch nicht ewig im dak bungalow bleiben. Und das Recht, in der Gesellschaft tugendhafter Frauen zu leben, hat sie endgültig verwirkt.«
»Ist es denn wahr, Sophie«, stichelte Ford, »dass
›… alles Leid ein Recht auf Tränen hat im Lande,
nur nicht der gefehlten Schwester Schande‹?«*
Ford hatte seinen Sessel näher an den von Mrs. Ross gezogen und seine lethargische Haltung aufgegeben.
»Wie sehr wünschte ich mir, Florence hätte ein Klavier«, jammerte Mrs. Ross, abrupt das Thema wechselnd. »Meine Finger brennen regelrecht darauf, zu spielen. Ich fürchte, Mr. Fleury wird in Krishnapur gar wenig von den Annehmlichkeiten der Zivilisation finden, habe ich recht?« Mit weit geöffneten Augen sah sie Fleury fragend an.
»Also«, begann Fleury, aber wieder wurde er unterbrochen, diesmal durch etwas, was wie ein tobender Tornado auf der Veranda und der zu ihr hinaufführenden Holztreppe war. Ein solches Krachen und Rumsen erschütterte das Haus, dass die Gentlemen auffuhren und zu den mit Luftschlitzen versehenen Flügeltüren strebten, um nach dem Rechten zu schauen. Doch kaum hatten sie ein paar Schritte getan, da flogen die Türen auf und ein junger Offizier, den Fleury sofort als Leutnant Cutter erkannte, ritt wild um sich blickend, schreiend und einen Säbel schwingend auf dem Rücken eines Pferdes in den Raum. Die Ladies fassten sich an die Brüste und wussten nicht, ob sie vor Angst oder vor Lachen kreischen sollten, als Cutter, sein Gesicht genauso rot wie seine Uniform, das sich sträubende Pferd in den Raum trieb und auf ein leeres Sofa zuhielt. Mit einem Satz ging es drüber, glatt wie ein Zirkuspony, und landete, rutschend, mit dröhnendem Gepolter auf der anderen Seite. Cutter machte kehrt, köpfte säbelschwingend eine eingetopfte Geranie, wendete sein Pferd und trieb es erneut auf das Sofa zu. Aber diesmal verweigerte das Tier und Cutter glitt, immer noch den Säbel in der Hand, vom Pferderücken auf den Boden. »Ergeben Sie sich, Sir?«, bellte er ein Kissen auf dem Sofa an, den Arm zum Stoß bereit zurückgezogen.
»Ja, es ergibt sich!«, kreischte Mrs. Rayne.
»Nein, es fordert Sie heraus«, rief Ford.
»Dann sterben Sie, Sir!«, schrie Cutter und stürzte das Kissen aufspießend vorwärts, wobei er im Eifer des Gefechts an einem Teppich hängenblieb und infolgedessen in einem Wirbelwind von Federn auf den Boden stürzte.
»Das ist nur ein Scherz«, erklärte Burlton Fleury, der ob dieser jüngsten Entwicklung ebenso erstaunt wie erschüttert war. »Der führt immer was im Schilde. Was für ein Clown er ist!«
»Wer ist dieser Griffin?«, schrie Cutter, während er sich von dem Teppich, in dem er sich mit den Sporen verhaspelt hatte, freikämpfte. »Wer ist dieser Milchbart? Ergeben Sie sich, Sir?« Und den Säbel erneut zurückziehend, schien er drauf und dran zu sein, Fleury zu durchbohren.
»Ja, er ergibt sich!«, riefen alle außer Fleury, der einfach nur dastand, zu verwirrt, um zu sprechen, während die Säbelspitze über die Knöpfe seiner Weste patrouillierte.
»Oh, dann ist es ja gut«, sagte Cutter. »Nein danke, Rayne, Ihren Kalkutta-Champagner können Sie behalten. Ich trinke nur Todd and James, mein Pferd trinkt diesen Dreck. Monkey, bring mir Brandy-pawnee*.« Aber Monkey wusste offenbar, was Leutnant Cutter schmeckte, denn er eilte bereits mit einem Tablett herbei.
»Trinkt Beeswing wirklich simkin?«, wollte Mrs. Rayne nun wirklich wissen, denn wie es schien, hatte Cutter seinem Pferd den Namen der gefeierten Kalkutta-Stute gegeben. Sogleich sprang Cutter, der matt auf das federbestreute Sofa gesunken war, indem er Stiefel und Sporen über das Ende baumeln ließ, mit einem Brüllen wieder auf, und nun kannte er nichts mehr: Beeswing, der die ganze Zeit geduldig am Fenster gestanden hatte, gelegentlich den Kopf senkend, um versuchsweise den Perserteppich unter seinen Hufen abzufressen, musste sich der Gesellschaft anschließen und sein Maß trinken. Ram beeilte sich, eine neue Flasche und eine Schüssel zu holen, doch Cutter ignorierte die Schüssel und ergriff einen Tropenhelm von einem Beistelltisch; dort hinein ließ er den Inhalt der Flasche plätschern, während er sein Pferd mit Wiehern und Rufen ermunterte. Als der Champagner ihm unter die Nase gehalten wurde, begann Beeswing, durstig von dem Kanter in der Hitze des späten Nachmittags, ihn gierig aufzulecken.
Die Sonne stand schon tief am Horizont, und Fleury drängte es nach Hause, um zu sehen, ob Miriam zurück war, und in Erfahrung zu bringen, ob die Dunstaples ihn vielleicht zum Abendessen einladen wollten. Doch um Beeswing herrschte eine solche Ausgelassenheit, dass er größte Schwierigkeiten hatte, die Aufmerksamkeit seines Gastgebers zu bekommen.
»Was? Sie gehen schon?«, rief Rayne. »Ich hatte noch nicht mal die Möglichkeit, mit Ihnen zu reden … Ein Gespräch über Zivilisation, das war es, was ich haben wollte! Fragen Sie Mrs. Rayne, ob ich nicht zu ihr sagte: ›Ich werd ihn rüberbitten, und dann reden wir ernsthaft über Zivilisation.‹ Meine Worte, ich schwöre es. Und jetzt machen Sie sich aus dem Staub.«
»Ich würde nur allzu gerne … ein andermal, vielleicht. Wäre es möglich, einen Ihrer Träger zu bitten, mich zu begleiten?«
Rayne brüllte einen Befehl, aber dann musste er seine Aufmerksamkeit wieder Cutter zuwenden, der mit Ford gerade eine extravagante Wette abgeschlossen hatte, nämlich um ein Dutzend Clarets, dass er und Beeswing mit einem einzigen Satz von draußen über die Veranda durchs Fenster des Gesellschaftszimmers ins Haus springen könnten. Fleury sagte den Ladys auf Wiedersehen und eilte von dannen, Chloë schnüffelnd voraus; er hatte nicht die geringste Lust, dieses waghalsige Kunststück zu beobachten.
IV
Dunkle Ringe hatten sich um die Augen des Collectors gebildet und die Augen selbst starrten während der Abendandacht in der Kirche missmutiger denn je auf die anderen Mitglieder der Gemeinde; es gab Tage, an denen man ihn seinen Kopf während der Andacht unnatürlich still halten sah; es war, als wären seine Gesichtszüge in Stein gemeißelt, ohne eine Regung, außer den im Lüftchen der punkahs wehenden Koteletten. Es war offensichtlich, dass er Schlafprobleme hatte, denn bald beauftragte er einen der Diener, den Doktor um einen Schlaftrunk zu ersuchen. Dr. Dunstaple war zu dieser Zeit gerade abwesend, sodass Dr. McNab sich verpflichtet sah, den Collector zu behandeln. Er fand ihn in seinem Schlafzimmer, neben der geöffneten Fenstertür, die auf die Veranda führte.
Dr. McNab war erst kürzlich nach Krishnapur gekommen. Seine Frau war ein paar Jahre zuvor an irgendeinem anderen Standort in Indien gestorben; sonst wusste man nicht viel über ihn, außer dem, was Dr. Dunstaple in Form amüsanter Anekdoten über seine medizinischen Verfahren lieferte. Sein Benehmen war förmlich und zurückhaltend; obwohl noch recht jung, sah er aus wie ein Mann mittleren Alters, gezeichnet von Melancholie, und wie viele düstere Menschen wirkte er diskret. Er hatte das Schlafzimmer des Collectors noch nie betreten und war beeindruckt von der Eleganz der Einrichtung: der Dicke des Teppichs, der Politur von Tischen und Schränken, der majestätischen Pracht der Schlafstätte des Collectors, eines von einem früheren Residenten geerbten Himmelbetts, das einem Mann, der sich an den bescheidenen charpoy* gewöhnt hatte, außergewöhnlich eindrucksvoll erschien.
Der Collector wandte sich kurz um, als Dr. McNab eintrat, und bat ihn, ans Fenster zu kommen, das einen hervorragenden Blick nach Südwesten bot, über den Stallhof, über die Cutcherry* hinweg auf die jüngst errichteten Befestigungsanlagen aus getrockneter, in der blendenden Nachmittagshitze backender Erde.
»Nun, McNab, was meinen Sie, werden die uns vor den Sepoys schützen, wenn sie uns hier angreifen, wie in Meerut?«
»Ich muss gestehen, ich habe keine Ahnung von militärischen Angelegenheiten, Mr. Hopkins.«
Der Collector lachte, aber auf eine humorlose Art. »Das ist eine kluge Antwort, McNab, aber vielleicht sind Sie besser in der Lage, den Geisteszustand eines Mannes zu beurteilen, der inmitten einer friedlichen Landschaft eine Festung baut. Doktor, mir ist sehr wohl bewusst, was wegen der Erdwälle da unten im Kantonnement über mich geredet wird.«
Dr. McNab runzelte die Stirn, blieb aber stumm. Sein Blick, der auf das Gesicht des Collectors geheftet war, fiel auf die Finger seiner rechten Hand, die sich in Anbetracht der ansonsten ruhigen und gebieterischen Haltung eines Staatsmanns, der für sein Portrait posiert, zu fest um den Ärmelaufschlag seines Gehrocks klammerten.
»Wenn sich am Ende keine Unruhen entwickeln, werden Sie sicher ziemlich dumm dastehen, Mr. Hopkins«, sagte er, dann fügte er grimmig hinzu: »Aber vielleicht ist es Ihre Pflicht.«
Der Collector schien einen Augenblick überrascht. »Sie haben ganz recht, McNab. Es ist meine Pflicht. Ich habe eine Pflicht gegenüber den Frauen und Kindern, die meinem Schutz anbefohlen sind. Abgesehen davon bin ich Familienvater … ich muss daran denken, meine eigenen Kinder zu beschützen. Vielleicht denken Sie, dass ich mir zu wenig Gedanken über meine Kinder mache? Vielleicht denken Sie, dass ihr Wohlergehen mir nicht genug am Herzen liegt?« Er starrte McNab misstrauisch an.
»Mr. Hopkins, ich weiß nichts über Ihr Privatleben.« Das stimmte beinah, aber nicht ganz. Gerade eben war McNab den Kindern des Collectors begegnet, gleich einer Brut in Samt, die unter Aufsicht ihrer ayah durch einen Gang der Residenz geführt wurde. Und er hatte sich erinnert, gehört zu haben, es geschehe auf Anordnung des Collectors, dass die Seinen weiterhin Samt, Flanell und Wolle trugen, während alle anderen Kinder im Kantonnement bei dem heißen Wetter in Baumwolle oder Musselin gekleidet waren. Sogar als Kinder, so schien es, hatten sie in der Gemeinschaft eine Stellung zu wahren. Nur an den heißesten Tagen, wenn er zufällig bemerkte, wie rotgesichtig seine Sprösslinge geworden waren, mochte der Collector erwägen, Sommerkleidung zu erlauben.
»Ich kann Ihnen versichern, Dr. McNab, dass ich von meinen Kinder genauso geliebt werde, wie Väter schon immer geliebt worden sind«, sagte der Collector, als läse er McNabs Gedanken.
Der Doktor schüttelte beruhigend den Kopf, um anzudeuten, dass es ihm nie in den Sinn gekommen wäre, etwas anderes zu denken, doch der Collector beachtete ihn nicht; stattdessen nahm er ein ledergebundenes Heft vom Tisch und hielt es überschwänglich in die Höhe. »Sehen Sie, meine Töchter bringen mir ihre Tagebücher zu lesen, damit ich ihr Leben überwachen kann … Ich verlange es von ihnen, wie jeder rechtschaffene Vater es täte. Alle Sonntagabende lese ich ihnen und meinen jüngeren Kindern eine Predigt von Arnold oder Kingsley vor, wie jeder gute Vater. O ja, ich habe sogar meinen Hausdiener, Vokins, durch Abhören des Katechismus auf die Firmung vorbereitet! Ich glaube, Sie können mir kaum vorwerfen, die Pflichten gegenüber meinem Haushalt zu vernachlässigen …«
»Es käme mir nie in den Sinn, Ihnen das oder sonst etwas vorzuwerfen«, sagte der Doktor leise.
»Was? Was sagen Sie? Nein, natürlich würden Sie mir solche Dinge nicht vorwerfen. Warum sollten Sie? Aber sagen Sie mir, glauben Sie an Gott, McNab?«
»Eija, natürlich, Mr. Hopkins.«
»Ich dachte nur, weil mir auffiel, dass Sie nicht am Sakrament teilnehmen. Nein, glauben Sie bitte nicht, ich wollte in ihren Glaubensüberzeugungen herumschnüffeln. Ich war nur neugierig, weil ich hier ein Buch von meiner Frau habe … Ich fand es neulich abends … Ich vermute, sie hat es absichtlich neben meinem Bett gelassen. Es ist Kebles The Christian Year, ein Band mit Gedichten zu religiösen Themen, vielleicht kennen Sie es …? Hier, ich lese Ihnen ein paar Zeilen vor … Lassen Sie mich sehen, ja, das wäre was:
›Herr, schwach zu Deinen Füßen liege ich danieder,
mein Aug’ geneigt über Deine Wunden,
die blutströmenden Wunden Dein, erschöpften Auges,
dürrer Erde gleich, des österlichen Himmels harrend.‹«
Er legte eine Pause ein und starrte McNab fragend an, der wieder keine Antwort gab, wusste er doch nicht einmal, worauf er hätte antworten sollen.
»Ich habe immer gedacht, an Gott zu glauben«, fuhr der Collector nach einer Weile fort, während seine dunkel umringten Augen McNabs Blick suchten, »aber ich stelle fest, dass so viel Schwärmerei mich abstößt. Offenbar gibt es solche, die auf ganz andere Weise an Ihn glauben als ich. Und doch, vielleicht haben sie recht?«
»Jeder Mensch kann nur auf seine eigene Weise glauben, Mr. Hopkins. Mehr kann sicher nicht von ihm erwartet werden. So scheint es mir zumindest.«
»Hervorragend, McNab. Was für ein feinsinniger Philosoph Sie sind, wahrhaftig. Jeder auf seine Weise, sagen Sie. Genau. Und jetzt sollte ich Sie zu Ihren Pflichten zurückkehren lassen.« Und während er McNab an die Tür begleitete, lachte er, als wäre er in bester Laune.
An der Tür jedoch gab es eine kurze Verwirrung, denn als McNab sich ihr näherte, öffnete sie sich genau derselben Kinderschar, die er eben gesehen hatte. Nun geschrubbt und gekämmt, waren die Kinder von ihrer ayah durch den Außengang geführt worden, um ihrem Vater zur Teezeit präsentiert zu werden. Der Collector streckte die Arme nach der jüngsten seiner Töchter aus, Henrietta, fünf Jahre alt, aber sie schreckte in die Röcke ihrer ayah zurück. Als McNab sich verabschiedete, musste er so tun, als hätte er diesen kleinen Zwischenfall nicht bemerkt.
In Krishnapur war alles ruhig geblieben, nachdem die Neuigkeiten aus Meerut bekannt geworden waren, aber es hatte dennoch eine Reihe kleiner Anzeichen von Aufruhr gegeben. Während der Collector mit dem Magistrate darüber diskutierte, ob die Ladies in die Sicherheit der Residenz gebracht werden sollten, erreichte sie die Nachricht aus Captainganj, dass General Jackson später vorbeikommen werde, um eine ausstehende Cricket-Partie zwischen den Captainganj-Offizieren und den Zivilbeamten zu besprechen. Diese Nachricht wurde von einem havildar* überbracht, der dem General vorausgeritten war und außerdem etwas Unheilvolleres mitzuteilen hatte: Am Vorabend seien Feuer in den Linien der Eingeborenentruppen ausgebrochen.



