Die Belagerung von Krishnapur

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Inzwischen war der größte Teil seines Gepäcks in sein Schlafzimmer gebracht worden und wurde unter den Augen des khansamah ausgepackt, wobei dieser seinerseits von Harry überwacht wurde, der hilfsbereit wieder aufgetaucht war und eine Einladung zum Abendessen in der Residenz mitgebracht hatte. Nach und nach wurde der Inhalt seiner Kisten ausgeleert: Bücher und Kleidung, Havannas, Brown Windsor Seife, Konfitüren und Konserven in wundersamerweise unzerbrochenen Gläsern, ein Fass Branntwein, Seidlitz Pulver, Kerzen, eine Zinnblechwanne für Fußbäder, Jahresbände von Bell’s Life, noch mehr Kerzen, auf Leisten gespannte Stiefel und ein erfinderisch gestaltetes Möbelstück, das in häuslichen Notlagen, welche Fleury niemals zu erleben hoffte, als Wasch- und Schreibpult in einem dienen konnte. Nach einer kurzen Diskussion auf Hindustani wurden seine Bücher auf den Tisch, und dessen Beine in irdene, mit Wasser gefüllte Untersetzer gestellt. Dadurch sollten sie vor Ameisen geschützt werden, erklärte Harry. Fleury nickte ruhig, aber ihm kam ein schrecklicher Gedanke: Was, wenn Schlangen zum Trinken an die Untersetzer kröchen, während er schlafend im Bett lag? Etwas warnte ihn jedoch, diese Angst Harry gegenüber zu erwähnen. Harry würde es nicht verstehen. Dann, als er sich in der zunehmenden Dunkelheit genauer umsah, bemerkte Fleury, dass nicht nur die Tischbeine, sondern auch die Schränke und sogar das Bett selbst in randvoll mit Wasser gefüllten Untersetzern standen.
Bis Fleury die Residenz erreichte, war es viel zu dunkel, als dass er die wütenden Löwenmäulchen, die die Beete neben der Einfahrt bewachten, hätte sehen können, aber er roch den schweren Duft der Rosen … der Geruch störte ihn; wie Weihrauchduft war er stärker, als ein Engländer gewohnt ist. In diesem Moment, müde und entmutigt, hätte er viel darum gegeben, die frische Brise der Sussex-Downs zu riechen. Das sagte er zu Harry Dunstaple.
»Ja, ich sehe, was Sie meinen«, stimmte Harry vorsichtig zu.
»Und das, was ist das alles hier?«
Bei ihrer Annäherung an das Tor waren zwei bedrohlich aufragende Erdwälle aus der Dunkelheit hervorgetreten und hatten sie wie eine Flutwelle verschlungen.
»Entwässerungsgräben«, sagte Harry steif.
»Entwässerungsgräben!«
»Nun ja, eigentlich nicht wirklich zur Entwässerung. Es sind Befestigungsanlagen für den Fall, dass die Residenz verteidigt werden müsste. Eine Idee des Collectors, wissen Sie.« Harry klang missbilligend. Das Militär in Captainganj sah die Erdarbeiten des Collectors gar nicht gerne, eine Sicht, die Harry teilte. Manche, wusste Harry, hätten es unverblümter ausgedrückt und gesagt, der Collector sei verrückt geworden. Jeder in Captainganj glaubte, es bestehe selbstverständlich überhaupt keine Gefahr, doch das, was an Gefahr bestehe, werde durch die zur Schau gestellte Ängstlichkeit des Collectors maßlos geschürt. Gleichwohl, der Collector hatte die höchste Gewalt in Krishnapur inne, noch höher als die General Jacksons. Der General konnte in Captainganj tun und lassen, was er wollte, aber das war die Grenze seines Reichs; seine Autorität war ringsum eingebettet in die des Collectors, dessen Herrschaft sich in alle Richtungen bis zum Horizont erstreckte. Aus Harrys Sicht hatte die Autorität des Collectors Ähnlichkeit mit der eines römischen Kaisers, so fehlbar ein Collector als Mensch auch sein mochte, als Repräsentant der Company gebot er Respekt. Es lag in der Natur der Dinge, dass ein römischer Kaiser oder ein Collector gelegentlich verrückt wurde, darauf bestand, sein Pferd zum General zu befördern, und man ihn bei Laune halten musste; so etwas droht in jeder starren Hierarchie. Aber in Captainganj herrschte die Meinung, dass es zu keinem schlechteren Zeitpunkt hätte passieren können; das Militär wurde lächerlich gemacht. Die Kunde vom Verhalten des Collectors in Kalkutta hatte die Kasernen schon erreicht, zusammen mit spöttischen Kommentaren von Offizierskameraden anderer Standorte. Niemand mag Gespött, auch nicht verdientermaßen, aber für einen Soldaten ist es wie ein Teppich aus glühenden Kohlen. Die Residenz war nicht ihr Zuständigkeitsbereich, aber die Leute würden es glauben oder so tun, als glaubten sie es; die Leute würden sagen, sie »unkten«! Das ängstliche Verhalten des Collectors würde auf sie abfärben.
Und doch, obwohl Harry all das dachte, brachte er es nicht über sich, es auszusprechen … jedenfalls nicht gegenüber Fleury; unter vier Augen mit einem Offizierskameraden würde er sich vielleicht erlauben, über den Collector zu lästern, aber gegenüber einem Fremden, auch wenn es fast ein Vetter war, hätte es sein Ehrgefühl verletzt. So war ein missbilligender Tonfall das Äußerste, was er sich bezüglich der Entwässerungsgräben erlauben konnte … wie auch immer, inzwischen hatten sie die Gräben hinter sich gelassen und ihre Stiefel klackten auf den Stufen des Portikus.
Die Residenz war um diese Abendzeit von Lampen erleuchtet. Die Marmortreppe, die sich Fleurys Blick gleich am Eingang darbot, vermittelte ihm das köstliche Gefühl, ein heimatlich zivilisiertes Haus zu betreten; seine Augen, ausgehungert nach solcher Nahrung, seit er Kalkutta verlassen hatte, folgten gierig dem geschwungenen Geländer, bis es sich unten wie das Horn eines Widders einrollte. Nicht nur Fleury, auch andere Europäer hatten sich an dieser Treppe ergötzt; in Kalkutta wäre sie einem wohl nicht besonders aufgefallen, aber hier, im Kantonnement von Krishnapur, waren alle anderen Häuser einstöckig; die Möglichkeit, nach oben zu gehen, war ein Luxus, in dessen Genuss nur der Collector und seine Gäste kamen. Tatsächlich war der einzige sonstige Wohnsitz in der näheren Umgebung, der sich einer Treppe rühmen konnte, der Palast des Maharaja von Krishnapur; nicht, dass dies der Gemeinschaft der Engländer viel genutzt hätte, denn der alte Maharaja hatte zwar einen wohlgeratenen Sohn, der in Kalkutta von englischen Privatlehrern erzogen worden war, aber er selbst war exzentrisch, lüstern und sprach kein Englisch.
Zwei Kronleuchter hingen über dem langen Esstisch aus Walnussholz, und ihr schillerndes Glitzern spiegelte sich in der polierten Oberfläche. Fleurys Lebensgeister waren unverzüglich wieder erwacht, teils dank der zivilisierten Atmosphäre in der Residenz, teils dank den »Entwässerungsgräben« des Collectors, die ihn daran erinnert hatten, was für ein unterhaltsamer Charakter sein Gastgeber war. Er begann, sich eifrig nach weiteren Zeichen von Extravaganz umzusehen. Zugleich versuchte er, die Namen all der Personen, denen er eben vorgestellt worden war, zu erinnern. Er war herzlich von Dr. und Mrs. Dunstaple begrüßt worden, und unhörbar von Louise, die jetzt ein bisschen abseits des Tisches stand, hold und bleich, ihre langen goldenen Locken wie eine Bugwelle vom Scheitel ihres Kopfes herabfließend, die schlanken Finger in geistesabwesender Ruhe auf … also ja, auf was wie irgendeine Maschine aussah. »Hallo, was haben wir denn hier?«, frohlockte Fleury insgeheim. »Eine Maschine im Esszimmer, wie verteufelt sonderlich!« Er schaute genauer hin, was Louise veranlasste, ihre zarten Finger von dem Ding zu lösen und sich, ihn ignorierend, zu entfernen. Es war ein rechteckiger Metallkasten mit einem Trichter an einem Ende und Zahnrädern zu beiden Seiten. Ein leichter Duft von Zitronenverbena schlich sich hinter seinem Rücken an. Als er sich umwandte, war es der Collector, der ihn mürrisch beobachtete.
»Das ist eine Ginsterpresse«, erklärte er gewichtig, ehe Fleury auch nur fragen konnte. »Wozu die gut ist? Damit Ginster an das Vieh verfüttert werden kann. Die Idee dabei ist, die harten Spitzen der Dornen aufzuweichen, in denen die nahrhaften Säfte enthalten sind. Es heißt, dass Ginster, wenn er einmal durch diese Maschine gegangen ist, von jedem Pflanzenfresser gierig verschlungen wird.«
In dem Bewusstsein, vom Collector beobachtet zu werden, musterte Fleury das Gerät mit einem höflichen, wissbegierigen Ausdruck.
»Ah, da kommt der Padre, um das Tischgebet zu sprechen.«
Kaum hatte das Mahl begonnen, als Gespräche der zivilisiertesten Art rund um den Tisch zu fließen begannen. Fleury schien sich an dem Gespräch zu beteiligen: Er nickte weise, runzelte die Stirn, lächelte und strich sich ab und an bedächtig übers Kinn, aber er war so hungrig, dass sein Geist an nichts denken konnte als an die Speisen, die eine nach der anderen über den Tisch wanderten … den in Backteig frittierten, wie Malzzucker glänzenden Fisch, das Currygeflügel, gewürzt mit Limonensaft, Koriander, Kreuzkümmel und Knoblauch, den zarten Zickleinbraten und die Minzsauce. Während ihm all diese Speisen vorgesetzt wurden, stiegen gelegentlich unzusammenhängende Gesprächsfetzen durch den Nebel seiner Schlemmerei zu ihm auf, starrten ihn wie Fremde an, und verschwanden wieder.
»Humani generis progressus … Ich zitiere den offiziellen Katalog der Exhibition«, ertönte gespenstisch die Stimme des Collectors. »Doch ich fürchte, Doktor, für diesen Ihren Sohn, der sich eher mit Gewehren und Pferden beschäftigt hat als mit seinen Büchern, muss ich wohl übersetzen … ›Der Fortschritt der Menschheit, der sich aus der Arbeit aller Menschen ergibt, sollte das höchste Ziel der Anstrengung jedes Einzelnen sein.‹«
Aber Fleurys Natur flüsterte ihm zu, dass es Zeiten gibt, in denen ein Mensch die Probleme der Welt eine Weile sich selbst überlassen muss, bis er erfrischt bereit ist, wieder einzuschreiten und sich ihrer anzunehmen. Und so aß er erbarmungslos weiter.
Erst als das Dessert in Gestalt einer kalten und sahnigen Mangocreme vor ihm stand, zogen die Schwaden der Schlemmerei langsam aus Fleurys Gehirn ab und erlaubten ihm zu hören, was über »Fortschritt« gesagt wurde. Dies war allerdings kein Thema, das jeden interessierte. Harry zum Beispiel hatte kaum ein Wort gesagt; genau wie sein Vater am anderen Ende des Tisches war er offensichtlich nicht gut für abstrakte Gespräche zu haben. Armer Harry, wahrscheinlich war es ihm nie in den Sinn gekommen, dass man auch eine »abenteuerliche« Bemerkung machen konnte (wie er, Fleury, es häufig tat), oder dass es »aufregende« Gespräche gab. Im Moment sah er ziemlich blass aus, sicher quälte ihn sein verstauchtes Handgelenk; er hätte wohl besser nicht zum dak bungalow hinausreiten und sich auf dem Rückweg diesem Gerüttel aussetzen sollen.
Auch Louise blieb still. Nach Fleurys Ansicht tat sie gut daran, ruhig auf ihrem Platz zu sitzen und zuzuhören, was die Gentlemen zu sagen hatten, denn in Gesellschaft viel zu sprechen, ist keine attraktive Eigenschaft für eine junge Lady. Eine junge Lady mit starken Meinungen ist noch schlimmer. Was könnte einem mehr das Herz zerreißen, als eine Vertreterin des schönen Geschlechts ausrufen zu hören: »Erstens dies … und zweitens das …«, während sie mit ihren Fingern die Luft zerhackt und alles, was man gerade gesagt hat, in Kategorien unterteilt? Nein, das besondere Geschick einer Frau besteht darin, ruhig anzuhören, was der Mann zu sagen hat, und dadurch jene Art Atmosphäre zu schaffen, in der gute Gespräche aufblühen können. So jedenfalls dachte Fleury.
Mrs. Hampton, die Frau des Padre, wagte gelegentlich eine Meinung, da Rang und Reife sie dazu berechtigten … aber sie nutzte ihr Privileg nur, um die Ansichten ihres Ehemanns zu unterstützen, wogegen niemand etwas einwenden konnte. Von den anderen Ladies waren zwei bemerkenswert geschwätzig, oder wären es gewesen, wenn Mrs. Hampton, die sie streng in Schach hielt, sie nicht eingeschüchtert hätte, indem sie ihnen jedes Mal, wenn eine von ihnen versuchte, eine dumme Rede loszulassen, entschieden ins Wort fiel. Eine der beiden, eine hübsche, jedoch ziemlich vulgäre Person, war Mrs. Rayne, die Frau des Opiumverwalters; die andere, noch redseliger als die erste, war ihre Freundin und Gefährtin, die jüngst verwitwete Mrs. Ross.
Jetzt, da er gegessen hatte, wartete Fleury nur auf eine Gesprächspause, ehe er seine Meinung zum Thema Fortschritt äußerte. Sie bot sich fast unverzüglich an. »Wenn es in unserem Jahrhundert irgendeinen Fortschritt gegeben hat«, erklärte er selbstbewusst, »dann weniger in materiellen als in geistigen Dingen. Denken Sie an den Fortschritt vom Zynismus und Materialismus unserer Großeltern … von einem Gibbon zu einem Keats, von einem Voltaire zu einem Lamartine!«
»Da bin ich anderer Meinung«, erwiderte Mr. Rayne mit einem Lächeln. »Man kann nur in praktischen Dingen nach Zeichen des Fortschritts suchen. Ideen sind ständig im Wandel, gewiss, aber wer könnte entscheiden, die eine sei besser als die andere? Es sind die materiellen Dinge, in denen Fortschritt klar zu erkennen ist. Ich hoffe, Sie verzeihen mir, wenn ich Opium erwähne, aber weiter braucht man wirklich nicht zu gehen, um ein anschauliches Beispiel für Fortschritt zu finden. Opium ist, sogar mehr als Salz, eine große Einnahmequelle unserer eigenen Schöpfung, und heute ist sie ergiebiger als jede andere, abgesehen von der Grundsteuer. Und wer bezahlt es? Na wer schon? John Chinaman … der unser Opium jedem anderen vorzieht. Das ist es, was ich Fortschritt nenne.«
Der Collector hatte sich seltsam benommen; abwechselnd mürrisch und redselig, vielleicht aus Müdigkeit oder wegen des Claret*, den er getrunken hatte, war er plötzlich wieder redselig. »Meine lieben Freunde, von einer Aufteilung der Bedeutung des Geistigen und des Praktischen kann überhaupt keine Rede sein. Das eine verleiht dem anderen einen Zweck … Und das andere verschafft dem Ersteren ein unerlässliches Werkzeug! Mr. Rayne, Sie haben vollkommen recht, die Steigerung der Opiumeinnahmen zu erwähnen, aber bedenken Sie einen Moment … wozu das alles? Es geht nicht nur darum, Reichtum zu erlangen, sondern durch den Reichtum diesen überragenden Lebensstil, den wir vage als Zivilisation bezeichnen und der so viele Dinge einschließt, sowohl geistige als auch praktische … und von äußerster Diversität … ein System unparteiischer Rechtsprechung auf der einen Seite, und auf der anderen Kunstwerke von einzigartiger, seit der Antike unübertroffener Schönheit. Die Verbreitung des Evangeliums auf der einen Seite, die Verbreitung der Eisenbahnen auf der anderen. Und doch, wo soll ein solches Phänomen angesiedelt werden wie der gigantische stählerne Segeldampfer, die Great Eastern, die unser verehrter Landsmann, Mr. Brunel, derzeit baut und die bald die sieben Weltmeere bezwingen wird? Ist das nicht ein ungeheurer materieller Triumph und der von Gottes Gnaden leibhaftig gewordene Geist der Menschheit in einem? Mr. Rayne, beide, der Dichter und der Opiumverwalter, sind für unsere Weltanschauung notwendig. Was sagen Sie, Padre? Habe ich recht?«
Trotz seiner schmächtigen Gestalt war Reverend Hampton in Oxford bei den Ruderern gewesen und hatte aus jenen Tagen ein gesundes und bescheidenes Auftreten bewahrt, erleuchtet von einer ernsthaften Schlichtheit des Glaubens, die durch all seine Worte und Gesten hindurchschien. In der von religiösen Streitigkeiten aufgeheizten Atmosphäre, die damals in Oxford herrschte, tat ein Mann gut daran, sich ans Rudern zu halten; die Angriffe der Traktarianer reichten aus, um den Stärksten zu erschüttern; man sagte, in Oxford habe Dr. Whately, derzeit Erzbischof von Dublin, während seiner Predigt sogar ein Bein von der Kanzel baumeln lassen.* Gleichviel hatte der Padre manchmal eine sorgenvolle Miene; der Grund war, dass er fürchtete, die Aufgaben, zu denen der Herr ihn berufen hatte, könnten seine Kräfte übersteigen.
»Mr. Hopkins, wie Sie wissen, hatte ich die Ehre, genau wie Sie die Great Exhibition zu besuchen, die fast auf den Tag genau vor sechs Jahren in unserem Heimatland eröffnet wurde. Dort umherzuwandern, in diesem großen Glaspalast, so riesig, dass die darin eingeschlossenen Ulmen wie Weihnachtsbäume aussahen, war eine Wanderung durch ein Wunderland der Schönheit und menschlichen Erfindungskunst … Doch unter all den vielen Wundern, die es enthielt, war eines in der amerikanischen Abteilung, das mich besonders beeindruckt hat, weil es das Geistige und das Praktische so glücklich zu verbinden schien. Ich meine die Schwimmende Kirche für Seeleute aus Philadelphia. Diese ungewöhnliche Konstruktion schwamm auf den gepaarten Schiffsrümpfen von zwei New Yorker Klippern und war ganz im gotischen Stil gehalten, mit Kirchturm und Turmspitze … innen gab es einen Bischofsstuhl; außen war sie wie aus braunem Sandstein gestrichen. Während ich sie betrachtete, dachte ich an alle über die Jahrhunderte von Menschen erbauten Kirchen und sagte mir: ›Dies ist sicher die vollkommenste Verkörperung des Glaubens, die es je gegeben hat.‹«
»Ein großartiges Beispiel«, stimmte der Collector zu. »Eine sehr glückliche Verbindung von Faktischem und Spirituellem, von Tat und Geist.«
»Aber nein, Sir! Aber nein, Padre!«, rief Fleury so vehement, dass diejenigen Gäste, deren Gedanken während der vorausgehenden Diskussion abgeschweift waren, aufschreckten. Alle Augen richteten sich auf ihn, und während er sprach, fragte er sich, ob er nicht möglicherweise ein ganz klein wenig betrunken war. »Aber nein, mit Verlaub, das ist es ganz und gar nicht. Bitte bedenken Sie doch, Padre, dass eine Kirche nicht mehr Kirche ist, weil sie schwimmt! Wäre eine Kirche denn eher eine Kirche, wenn wir sie mit tausend Ballons in den Himmel aufsteigen lassen könnten? Nur wer fähig ist, den zärtlichsten Regungen seines Herzens zu lauschen, ist fähig zu dieser luftigen Erhebung, die ihn mit dem Ewigen vereint. Was Ihre größten Ingenieure anbelangt, wenn sie nicht auf die Stimme ihres Herzens hören, werden nicht Tausend, nicht Millionen Ballons in der Lage sein, ihre bleiernen Füße auch nur einen Millimeter von der Erde zu heben …« Fleury unterbrach, die Bestürzung im Gesicht des Doktors gewahrend. Er wagte es nicht, einen Blick auf Louise zu werfen. Irgendwie wusste er, dass sie verstimmt sein würde. Jetzt hätte er sich in den Hintern treten können, diese Sachen mit den »zärtlichsten Regungen des Herzens« so herausposaunt zu haben … das war wirklich der allerletzte Spruch bei einem Mädchen wie Louise, das gern mit Offizieren flirtete. Er hatte nichts davon sagen wollen … er hatte geradeheraus und männlich sein und viel lächeln wollen. Was für ein Tor er war! Während er dasaß, kam ihm ein zufälliger, furchterregender Gedanke in den Sinn: Heute Nacht würde er inmitten schlürfender Schlangen schlafen müssen!
Derweilen blickte der Padre ausgesprochen beunruhigt drein. Dieser junge Mann hatte eine theologische Hasenjagd eröffnet, die vielleicht schwer zu bremsen war, wenn er sie laufen ließ. Er dachte grimmig an seine Studienzeit zurück, als diese Art theologischer Hatz sehr in Mode gewesen war und am Ende leider mehr als einen jungen Mann zu Fall und um seinen Glauben gebracht hatte. Dabei war der Padre schon genug von Sorgen geplagt; abgesehen von den mannigfaltigen Problemen des Predigtamts in einem heidnischen Land waren kaum zwei Stunden vergangen, seit er eine schmerzliche Unterredung mit dem gefallenen Mädchen im dak bungalow gehabt und es immer noch so berauscht gefunden hatte, dass es der Stimme des Gewissens nicht zugänglich war. Doch er hatte noch eine größere Sorge als das, denn mit der englischen Post, die am selben Nachmittag von der dak gharry geliefert worden war, war eine Nummer der Illustrated London News mit einem starken Leitartikel wider eine Gefahr gekommen, derer er sich noch nicht einmal bewusst gewesen war … das Vorhaben einer neuen Bibelübersetzung. Es bedurfte nicht des Leitartikels, um ihm das Ausmaß der Gefahr, die da über der christlichen Welt schwebte, klarzumachen. Die Bibel war heilig, und der Padre wusste, dass man etwas Heiliges nicht verändern darf. Menschen schickten sich an, heilige Worte verbessern zu wollen! In ihrem Wahn und ihrem Stolz machten sie sich daran, den göttlichen Urheber zu bearbeiten.
Doch zugleich konnte er nicht verstehen, warum es hatte sein sollen, dass die Bibel überhaupt, auch das erste Mal, übersetzt werden musste … warum sie auf Hebräisch und auf Griechisch geschrieben wurde, obwohl Englisch doch die nächstliegende Sprache war, denn außerhalb einer entlegenen Ecke der Welt konnte kaum jemand Hebräisch verstehen, während Englisch in jeder Ecke jedes Kontinents gesprochen wurde. Der Allmächtige hatte, wohl wahr, nachträglich eine wunderbare Übersetzung erlaubt, als hätte er seinen Irrtum bemerkt … aber natürlich, der Allmächtige konnte nicht irren, so ein Gedanke war absurd. Hier merkte der Padre, dass er in Angelegenheiten von äußerster theologischer Komplexität eindrang, die sein Gehirn verblendete. Es war so heiß, und man durfte sich nicht wie ein Widder in der Hecke der Sophisterei verfangen. Er versuchte sich zu sammeln, und sagte milde, aber fest: »Ich stimme Ihnen zu, Mr. Fleury, dass eine Kirche ein Haus Gottes ist, in welcher Gestalt auch immer. Mit der Schwimmenden Kirche habe ich ein Beispiel von Menschen angeführt, die Gott einen Erfindungsgeist höchsten Ranges weihen.«
Armer Fleury, er hatte sich überstürzt zu weit in den Sumpf der Disputation gewagt. Sein Stolz stand auf dem Spiel, und er konnte nicht mehr zurück. Er konnte nur noch vorwärts, obwohl jeder saugende Schritt, den er nach vorne tat, Louises Verachtung unvermeidlich steigern musste.
»Aber ich glaube, weihen ist nicht genug. Wir rechnen, wir folgern, wir beobachten, wir bauen, wo wir fühlen sollten! Wir tun all diese Dinge, statt zu fühlen.«
Harry Dunstaple rutschte ungeduldig auf seinem Platz herum, bleicher denn je; er konnte beim besten Willen nicht erkennen, was das sollte, so viel Gerede um nichts.
Die strengen Züge des Collectors hatten einen Ausdruck gut gelaunter Ungeduld angenommen; während Fleury sprach, hatte er einen der Träger etwas holen geschickt, und gerade kehrte der Mann mit drei Lederbänden zurück. »Dieses unser Universum folgt Gesetzen, die wir in unserer bescheidenen Unwissenheit kaum wahrzunehmen vermögen, geschweige denn verstehen. Doch wenn Gottes Güte uns erlaubt, einige wenige seiner Wunder zu erforschen, ist es nur recht, dass wir es tun. Nein, Mr. Fleury, jede Erfindung ist ein Gebet zu Gott. Jede Erfindung, noch so groß, noch so klein, ist eine bescheidene Nachahmung der größten aller Erfindungen, des Universums. Lassen Sie mich nur aufs Geratewohl aus dem Katalog jener Ausstellung zitieren, die der Padre eben erwähnt hat, der Great Exhibition, die ich Sie bitte, als ein gemeinsames Gebet aller zivilisierten Nationen zu betrachten … Lassen Sie mich sehen, hier, Nummer 382: Gerät, um die Blinden schreiben zu lehren. Modell einer Luftmaschine und eines lenkbaren Ballons. Feuervernichter von R. Weare aus Plumstead Common. Ein Haustelegraph mit nur einer Glocke für beliebig viele Räume. Ein ausziehbares Pianoforte für Yachten und so weiter. Künstliche Zähne, aus Nilpferdelfenbein geschnitzt, von Sinclair und Hockley aus Soho; ein Universalbohrer zur Entfernung von Zahnfäule. Ein Kieferhebel, um Tieren die Mäuler aufzusperren. Verbessertes Doppel-Bruchband für Leistenbrüche, erfunden von einem Arbeiter … Der Erfindungsgeist der Menschheit scheint unerschöpflich zu sein, und ich könnte endlos fortfahren, Beispiele zu zitieren. Aber ich bitte Sie nur, diese bescheidenen Kunstwerke der gottgegebenen Fähigkeit des Menschen, zu beobachten und zu berechnen, als winzige Fortschritte der Menschheit im Streben nach Vereinigung mit jenem höchsten Wesen zu betrachten, in dem alles Wissen ist und ewig sein wird.«
»Amen«, murmelte der Padre automatisch. Aber hatte eine leise kleine Stimme gerade versucht, ihm etwas zuzuflüstern?
Der Collector hatte im Ton einer Autorität gesprochen, der die Diskussion beendete. Einen Augenblick war Fleury versucht, eine letzte hitzige Tirade loszulassen … aber nein, das kam nicht infrage. Fleury blieb stumm, ein Hauch von Blamage haftete ihm an.
Es war schon hell, als Fleury erwachte. Ringsum herrschte ein tiefes und bedrückendes Schweigen, als wäre der Bungalow verlassen; die punkah, die während der ganzen Nacht rhythmisch geflattert hatte, hing jetzt reglos herunter; in der stehenden Luft klebte sein Nachthemd an der Haut. Doch als er auf die Veranda hinausblickte, war alles normal. Der punkah-wallah* war einfach eingenickt; er hockte dort auf der Veranda, immer noch das Seil haltend, das zu einem Loch hoch oben in der Wand führte. Neben ihm butterte der khansamah einen Frühstückstoast mit dem fettigen Flügel eines Federviehs; als er Fleury sah, weckte er den punkah-wallah mit einem Tritt, und ohne ein Wort zu sagen nahm der Mann das rhythmische Ziehen an dem Seil genauso wieder auf, wie er es die ganze Nacht hindurch getan hatte.



