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Er holte Reinigungs- und Desinfektionsmittel aus dem Lager und säuberte Ians Tiefschlafkammer. Danach fühlte er sich wie von einer schweren Last befreit und war zum Umfallen müde. Obwohl es ihm schwerfiel, die Augen offenzuhalten – das Beruhigungsmittel kreiste noch immer durch seine Arterien –, legte er sich nicht in das für ihn vorgesehene Bett in den Gemeinschaftskabinen, denn ihm war nicht wohl dabei. Stattdessen breitete er in der schmalen Wäschekammer ein paar Decken auf dem Boden aus, verschloss die Tür und ließ sich auf das provisorische Lager nieder.
Es dauerte nur wenige Augenblicke, und er war fest eingeschlafen.
∞
Neun Stunden später erwachte er. Sein Kopf war sofort überraschend klar, und auch sein Knie ließ sich nahezu schmerzfrei belasten. Bei einem kurzen Frühstück mit Toast, Marmelade und bitterem Kaffee (Milch verweigerte der Automat) legte er sich die nächsten Schritte zurecht.
Der einzige verbliebene Weg zur Biozone führte an der Außenhülle des Schiffs entlang. Über den Schiffscomputer rief er die Detailpläne der Dali ab und übertrug die Daten zur Sicherheit in den Raumanzugcomputer. Möglicherweise würde er den Kontakt zur Schiffs-KI verlieren, sobald er die mehrschichtige Schutzhaut der Dali verließ.
Er studierte die Pläne. Die Dali verfügte über eine ganze Reihe von Schleusensystemen, eine Sicherheitsmaßnahme für Havariefälle. Eines dieser Notsysteme befand sich auch im Bereich der Biozone.
Oliver zog sich erneut den Raumanzug über. Da er nicht wusste, welche Überraschungen dort auf ihn warteten, bewaffnete er sich mit einem Laserskalpell. Zur Waffenkammer bekam er keinen Zutritt, da ihm der Zugangscode und auch die Berechtigungsfreigabe, die mittels Netzhautscan autorisiert wurde, fehlten. Er justierte das Laserskalpell auf Höchstleistung und begann mit dem Ausstieg.
∞
Das äußere Schleusenschott fuhr zur Seite und gab den Blick frei auf die sternenfunkelnde Schwärze des Weltraums. Oliver klammerte sich unwillkürlich an die Griffmulden, die rechts und links von ihm angebracht waren, denn das lähmende Gefühl, hinaus in die Leere gesogen zu werden, beherrschte augenblicklich sein gesamtes Denken und Fühlen. Vor sich hatte er ein gähnendes und grenzenloses Nichts, das alles in sich aufzusaugen schien. Die rotierende Signalanlage der Schleusenbeleuchtung tauchte die Kammer in periodisch ab- und anschwellendes rotes Licht. Beim Blick in den Weltraum verlor er jegliches Gefühl für Entfernungen, es gab nur diese grenzenlose, unbegreifliche Weite und eine unerbittliche, bis in die Eingeweide dringende Kälte.
Mit zitternden Fingern aktivierte er die Magnetschuhe und stieg langsam und mit unsicheren Schritten über die dunkle und schartig zerkratzte Schleusenmulde hinweg zur Außenhülle der Dali.
Über ihm spannte sich ein riesiger, funkelnder Abgrund – entsetzliche Bodenlosigkeit, der er nichts entgegenzusetzen hatte. Unter ihm war eine glatte dunkle Fläche, die sich scheinbar endlos in alle Richtungen erstreckte, ein mächtiger metallener Fels, dessen schützendes Inneres er soeben verlassen hatte. Sein Herz raste, und sein Atem ging in kurzen, heftigen Intervallen. Er krümmte sich zusammen und wollte sich an die Schiffshülle schmiegen, Halt finden, doch es gab hier keinen sicheren Ort. Da war nur der endlose Abgrund, der ihn mit kalten Fingern vom Schiff zu pflücken versuchte. Er spritzte sich erneut etwas Beruhigungsmittel.
Das Mittel wirkte schnell. Knapp zehn Minuten später – und mit einer zusätzlichen Portion künstlicher Gelassenheit – setzte er seinen Weg fort. Die Fliehkraft war an dieser Stelle des Schiffs kaum zu spüren, und er stellte die Leistung der Magnetschuhe auf den kleinstmöglichen Wert ein. So fiel das Laufen leichter. Er bewegte sich sehr vorsichtig, um ja nicht den Kontakt zur Schiffshülle zu verlieren. Da er sich nicht mit einem Seil gesichert hatte (dazu benötigte man eine zweite Person), würde jeder Fehltritt mit einem langsamen, einsamen Tod bestraft werden.
Er erinnerte sich noch sehr genau an die Trainingsphase vor dem Abflug der Dali aus dem Marsorbit. Aus rund dreihunderttausend Bewerbern weltweit hatte man siebenhundert Personen herausgefiltert, die für einen solchen Raumflug überhaupt infrage kamen. Drei Jahre hatten die Auserwählten Zeit, in einer Vielzahl von Übungseinsätzen zu beweisen, dass die in sie gesetzten Erwartungen berechtigt waren. Eine dieser Übungen bestand darin, an der noch im Bau befindlichen Dali einen Weltraumspaziergang durchzuführen. Die sonst immer zu Späßen aufgelegte Gruppe, der Oliver zugeteilt war, verhielt sich schon vor dem Betreten des Shuttles sehr schweigsam. Die Anspannung war jedem Einzelnen vom Gesicht abzulesen. Als sie in die Weite des Alls entlassen wurden, begann die schlimmste Stunde seines Lebens. Virtuell hatte er schon Hunderte von Weltraumspaziergängen erfolgreich abgeschlossen und war daher umso überraschter, eine so extreme körperliche Reaktion zu erleben. Das Gefühl war vergleichbar mit einer ins Unerträgliche gesteigerten Höhenangst. Er verlor die Kontrolle über seinen Körper, jede seiner Bewegungen war geprägt von Unsicherheit und der panischen Angst, den Halt zu verlieren und ins All davonzutreiben, schutzlos in die Unendlichkeit zu stürzen. Ringsherum war nur Leere, die ihn sich einzuverleiben drohte, eine Ahnung vom Sterben. Die Empfindung war so stark, dass er sich – von klobigen Magnetschuhen gehalten – zusammenkauerte, während er dem übermächtigen Drang widerstand, zurück ins Shuttleschiff zu kriechen. Mit großer Überwindung gelang es ihm dennoch, den anderen auf dem Weg über die dunkle Schiffshülle zu folgen. Wie er später erfuhr, hatten sich einige andere Mitglieder des Teams während des Außeneinsatzes wie in einem Rausch der Befreiung gefühlt.
Jetzt stand er erneut vor diesem fürchterlichen Abgrund und kämpfte mit seiner Angst. Er bewegte sich langsam vorwärts und hörte dabei nur die gleichmäßigen Geräusche der lebenserhaltenden Anlagen des Raumanzugs und seinen eigenen, übermäßig lauten Atem. Von außen erreichte ihn nicht der geringste Ton. Ein Display übermittelte ihm eine halbtransparente Darstellung der Dali und seinen aktuellen Standort. Der Zielpunkt war weiß hervorgehoben, und ein Richtungspfeil wies ihm den Weg. Er musste fast dreihundert Meter zurücklegen und bewegte sich dabei so langsam, dass er den Eindruck gewann, überhaupt nicht voranzukommen. Er durfte auf diesem kleinen Stück Weg auf keinen Fall in Panik geraten.
Er blickte starr nach unten und setzte sorgsam einen Fuß vor den anderen. Obwohl er sich dabei lächerlich vorkam, zählte er laut jeden seiner Schritte, bis er auf ein Hindernis stieß. Vor ihm ragte ein unförmiger schwarzer Klumpen über einen Meter in die Höhe. Es sah aus, als hätte jemand ein gewaltiges Stück Holzkohle durch den Schiffsrumpf getrieben. Der Übergang zwischen der Dali und dem Fremdkörper verlief in wulstigen Formen, ein Anzeichen extremer Hitzeeinwirkung. Das Material des Brockens schien keinerlei Licht zu reflektieren und wirkte absolut schwarz. Oliver zog einen schmalen Automatikschrauber aus der Werkzeugtasche des Raumanzugs und hieb damit auf das seltsame Material. Die Spitze des Schraubers drang fast ohne Widerstand in den schwarzen Riesenklumpen. Zumindest die äußere Schicht des Objekts schien also porös zu sein. Fasziniert beobachtete er die kleinen Brocken, die sich von der schwarzen Masse lösten und träge nach oben schwebten. Er erhöhte den Druck und drang mit dem Werkzeug noch tiefer in das schwarze Etwas, und plötzlich traf die Spitze des Schraubers auf festeres Material. Oliver stockte, und der Schrauber vibrierte heftig. Der Helmlautsprecher gab ein unerträglich lautes Kreischen von sich, bevor er mit einem spitzen Knall verstummte. Die Anzeigen in seinem Display spielten verrückt, und für einen Augenblick schienen auch die lebenserhaltenden Systeme auszusetzen.
Oliver löste seine Hand von dem heftig hin und her schlagenden Werkzeug, der Griff begann zu glühen, um einen Augenblick später grell aufzulodern und lautlos in einer kleinen Explosion zu zerplatzen, während Oliver einen kurzen, aber heftigen Schlag gegen seinen Oberarm verspürte. Ein kleiner Kringel sofort härtenden Dichtungsmaterials trat an der Aufprallstelle des Raumanzugs aus. Erst Sekunden später spürte er einen stechenden Schmerz.
In seinen Ohren rauschte es, und Panik drang durch den zähen Dunst des Beruhigungsmittels. Schweißtropfen liefen ihm über die Stirn und gerieten ihm in die Augen. Es brannte, Tränen flossen, sein Atem ging wieder stoßweise.
»Entspann dich, verdammt noch mal.«
Er hielt einen Augenblick inne, atmete langsam ein und aus. Das Display schien wieder zu funktionieren und zeigte die vertrauten Anzeigen. Unruhig sah er auf die Zahlen. Bis auf die erhöhten Stresswerte ging es ihm gut. Echte Verletzungen hatte er nicht davongetragen. Er war gesund, körperlich unversehrt. Sein Atem ging jedoch noch immer zu schnell. Er musste es langsam angehen. Für den Weg hatte er schließlich Zeit im Überfluss. Er schloss die Augen und konzentrierte sich auf sein nächstes Ziel.
Wenige Minuten später fühlte er sich wieder kräftig genug, um den Weg fortzusetzen. Vorsichtshalber machte er einen Bogen um das seltsame Objekt und orientierte sich wieder am Richtungspfeil auf seinem Helmdisplay.
Schneller als erwartet hatte er die Hälfte der Strecke zurückgelegt, aber dann stockte er unvermittelt in seiner gleichmäßigen Bewegung. Von irgendwoher schien blaues Licht. Er schaute auf, ließ den Blick langsam über die grau schimmernde, an einigen Stellen von klobigen Aufbauten unterbrochene Außenhülle der Dali wandern, die die Welt wie ein metallener Horizont in Oben und Unten zerteilte. Über dieser Trennlinie erhob sich jetzt der Leib eines riesigen Gasplaneten, der Stück für Stück höher stieg. Riesige Wolkenwirbel zogen durch seine Atmosphäre und flossen in zarten Blautönen ineinander. Als etwa zwei Drittel des Planeten zu sehen waren, stieg ein weiterer Himmelskörper über den künstlichen Horizont: ein gelb leuchtender und tief zerfurchter Ball, der einen harten Kontrast zur riesigen Fläche des Gasplaneten abgab. Es konnte sich eigentlich nur um einen Mond des Riesenplaneten handeln. Er befand sich so nah an der Dali, dass Oliver sogar Einzelheiten auf der Oberfläche ausmachen konnte. Am auffälligsten war ein gewaltiger, an den Rändern fransig auslaufender dunkler Fleck. Auf der Schattenseite waren winzige Lichter zu erkennen, möglicherweise aktive Vulkane.
Dies war zweifellos nicht der Planet, auf dem die Kolonisten der Dali landen sollten. Von »erdähnlich« konnte keine Rede sein.
Zumindest war das Schiff nicht irgendwo im sternenleeren Raum gestrandet.
Das ließ Oliver neue Hoffnung schöpfen.
∞
Das äußere Schleusentor zur Biozone war unversehrt. Er klappte die Verkleidung für den Öffnungsmechanismus zur Seite, zog den Entriegelungsgriff heraus und drückte auf den roten Sensor. Es dauerte einige Sekunden, bis die Tür mit einer weichen Bewegung in die Schiffswand glitt und Oliver die rot ausgeleuchtete Kabine betreten konnte. Nachdem er den Druckausgleich hinter sich gebracht hatte, schlüpfte er sofort aus dem Anzug. Auf seinem rechten Oberarm hatte sich ein dunkelblauer, im Zentrum blutverschorfter Fleck gebildet. Erst jetzt begriff er sein unglaubliches Glück. Hätte der Splitter das Gewebe des Raumanzugs komplett durchschlagen, wäre er nicht so glimpflich davongekommen. Was auch immer sich da in die Schiffshülle gebohrt hatte, schien hochenergetisch zu sein. Oliver beschloss, vorerst die Finger davon zu lassen.
Er betrat den Bürokomplex der Biozone. Die Energieversorgung war zumindest so weit intakt, dass sich die Deckenbeleuchtung einschaltete, sobald er den Hauptgang betrat. Hier herrschte noch größeres Durcheinander als in den Mannschaftsunterkünften. Der Boden war von zerbrochenen Glasampullen und zertrümmerten Gerätschaften bedeckt. In einer Ecke häuften sich Hunderte handbeschrifteter Speicherkarten, entweder in der Mitte zerschnitten oder durchgebrochen.
Oliver war mit der Anordnung der Räumlichkeiten in der Biozone nicht allzu vertraut. Als Kybernetiker war er eher im Technikbereich zu Hause. Er betätigte den Sensor für den Zugang zur Forschungsabteilung, zeitgleich durchlief eine heftige Erschütterung das Schiff. Er stützte sich an der Wand ab und wartete, bis alles vorüber war. Eine lose Platte der Deckenverkleidung stürzte auf die Glasscherben und ließ die Splitter in alle Richtungen durch den Gang springen. Das Licht flackerte kurz, erlosch aber nicht.
»Achtung! Die Lagerbereiche drei und vier wurden aus Sicherheitsgründen abgeriegelt. Zugang unterbrochen«, meldete die Schiffs-KI.
Oliver betätigte noch einmal den Sensor, aber die Tür blieb verschlossen. »Dali 001«, rief er und aktivierte so die Stimmkommunikation mit der Schiffs-KI.
»Kommunikation aktiv«, vernahm er die kybernetische Seele des Schiffs.
»Tür 475 entriegeln.«
Er vernahm ein kurzes Klicken. »Tür 475 entriegelt«, meldete die Schiffs-KI.
Er zwängte seine Finger in den Türspalt und drückte die beiden Türhälften auseinander. Im Bürokomplex funktionierte immerhin noch die Notbeleuchtung und tauchte die Umgebung in gedämpftes rotes Licht. Eine beschädigte Computerkonsole brummte laut, die Displayscheibe war nach hinten gebogen und flimmerte nur noch blau. Oliver zog den Handcomputer aus der Gürtelhalterung und rief den Grundriss der Umgebung auf das Display. Die Signale, die Lebensformen anzeigten, stammten aus der Forschungssektion. Der Weg dorthin war nicht mehr weit: er durchquerte zwei weitere Räume, nahm den rechten Gang und betrat das erste Labor rechts.
Im nächsten Raum musste er über umgestürzte Arbeitstische und Stühle steigen, und obwohl ein ganzes Bündel Kabel aus der Decke hing, schien die Interfacekonsole am Ende des Zimmers zu funktionieren.
Der Anblick des silbern schimmernden Apparats weckte sofort die Erinnerung an Kira. Seltsame Unruhe stieg in ihm auf, und er fuhr sich mit der Zunge über die plötzlich trockenen Lippen. Ein wenig fürchtete er sich davor, das Gerät zu benutzen. Kira hatte mit Sicherheit den Kontakt zu ihrem Avatar aufrechterhalten. Vielleicht konnte er mithilfe der Avatars etwas über den schrecklichen Zustand des Schiffs erfahren.
Er nahm vor der Konsole Platz, verband die losen Kabelenden mit seiner Implantatschnittstelle und nahm Kontakt zu seinem Avatar auf.
Die Verbindung schloss sich.
∞
Er stürzte ins Nichts.
Und in Dunkelheit.
Sein Cybermodul glich in Sekundenbruchteilen die gespeicherten Erlebnisdaten mit seinem virtuellen Stellvertreter ab, und einen Augenblick später befand er sich in einem leeren Wartesaal. Er saß auf einem der Stühle, die die Wände säumten.
Das, was ihnen in der Dali als virtuelle Parallelwelt zur Verfügung stand, war nur eine Miniaturausgabe des virtuellen Subuniversums der Erde. Die Datennetze des Blauen Planeten durchdrang ein stetig wachsendes Avataruniversum mit unzähligen Illusionswelten, das von aktiven und halbaktiven Avatars bevölkert wurde. Aktive Avatare agierten weitestgehend autark, sodass man nie genau wissen konnte, ob ihre Realpersönlichkeit noch lebte oder allein ihre digitale Kopie weiterexistierte. Solange Geld floss – aus welchen Quellen auch immer –, blieb auch der Avatar aktiv. Einige Avatars besaßen sogar die Berechtigung, als virtuelle Stellvertreter Geschäfte abzuschließen.
Auf der Dali hatte man ein von der Erde unabhängiges Avataruniversum – von den Entwicklern Oz genannt – installiert, das die Besatzungsmitglieder ganz nach ihren persönlichen Bedürfnissen weiterentwickeln konnten. Es war offener und flexibler als das Avataruniversum der Erde.
Oliver erhob sich und ging zu der Tür mit der Aufschrift Kira Adams. Er drückte seine Handfläche gegen den blau leuchtenden Sensor in Augenhöhe, die Tür verblasste und gab den Blick frei auf das Postkartenklischee einer maritimen Landschaft. Er schaute über ein von Wellenkämmen gezeichnetes Meer. Darüber ein tiefblauer Himmel. Die Sonne warf lange Streifen glitzernden Lichts auf das Wasser.
Er betrat Kiras virtuelles Heim, seine nackten Füße berührten warmen, sandigen Untergrund. Milde, nach Salzwasser riechende Luft umspülte seinen Körper und füllte seine Lungen. Der intensive Geruch machte ihn trunken.
Seine Füße versanken fast bis zu den Knöcheln im heißen Sand, als er auf die kleine Hütte zulief. Er drehte sich kurz um: Die Tür, durch die er gekommen war – ein bizarrer Fremdkörper auf dem Strand – warf einen kurzen, scharf umrissenen Schatten.
Wie immer war er von der perfekten Illusion der virtuellen Umgebung fasziniert. Obwohl er wusste, dass das alles nur in seinem Kopf Gestalt annahm, erlag er sofort der alle Sinne umfassenden Täuschung.
Er erreichte die Hütte und öffnete die Tür. Es roch leicht süßlich nach Kirschbaumholz. Darinnen befanden sich ein runder Tisch, drei kleine Hocker und ein körperloses Licht, das direkt unter der Decke schwebte. Kira stand am Fenster und schaute hinaus aufs Meer.
»Hallo, Oliver«, sagte sie und drehte sich zu ihm um. »Ich habe lange auf dich gewartet.«
Verunsichert betrachtete er ihr Abbild, das so nah und lebensecht vor ihm stand. Doch er war nicht nur unsicher, sondern auch traurig und wütend über die Hilflosigkeit und die Ohnmacht, die jeden seiner Schritte begleiteten.
Kira strich sich eine Strähne ihres halblangen schwarzen Haars aus dem schmalen Gesicht. Ihr Mund war leicht geöffnet – wie immer, wenn sie auf eine Antwort wartete. Sie trug ein weißes ärmelloses Oberteil und einen halblangen hellen Rock, mit einem Muster aus japanisch anmutenden Schriftzeichen.
Oliver schaute in ihre großen, grünlich schimmernden Augen und musste sich zusammenreißen, sich nicht an sie zu drängen, sie zu umarmen und zu küssen. Es gab auf der Erde genügend Avatars, die nur deshalb noch existierten, weil sie den Platz eines verstorbenen oder verlorenen Partners eingenommen hatten. Er wusste nicht, ob er ein solches Leben führen könnte. Außerdem hoffte er, dass Kira noch am Leben war.
»Schön, dich zu sehen«, erwiderte er kühl. »Ich brauche deine Hilfe.«
»Gib mir zuerst einen Kuss«, verlangte der Avatar.
Oliver zögerte einen Augenblick, bevor er nachgab. Es war ein kurzer, flüchtiger Kuss, und Kira blickte ihn daraufhin verwirrt an. Er schaute in ihr trauriges Gesicht und umfasste ihre Schultern.
»Kira, bitte hör mir genau zu. Auf der Dali hat sich eine Katastrophe ereignet. Ich bin auf mich allein gestellt, und das Schiff ist in einem schlimmen Zustand. Bisher habe ich nur die Leiche von Ian – er gehörte zum Pilotenteam – gefunden. Seine Verletzungen sahen so aus, als hätte man ihn niedergeschlagen. Von dir und den anderen Besatzungsmitgliedern fehlt jede Spur. Hast du eine Ahnung, was passiert sein könnte?«
Er hoffte, den Avatar damit nicht zu überfordern.
Kira stand einige Sekunden erstarrt vor ihm, als würde sie intensiv nachdenken. Er konnte ihren warmen Körper unter seinen Händen spüren und den schwachen Hauch ihres Atems auf seiner Haut.
Schließlich antwortete sie: »Die Sensoren der Dali empfingen vor einigen Wochen ein auffällig gepulstes Signal. Es schien künstlichen Ursprungs zu sein und wurde von einem sich bewegenden Objekt abgestrahlt. Die Schiffs-KI entschied sich daraufhin, die im Notfallprotokoll hinterlegten Maßnahmen einzuleiten. Die Sprungschlafphase einiger ausgewählter Besatzungsmitglieder wurde unterbrochen, während das Schiff die Lebenserhaltungssysteme hochfuhr.
Später überprüften die reanimierten Besatzungsmitglieder das Datenmaterial. Nach umfangreichen Tests waren sie sich schließlich einig: Die empfangenen Daten entstammten keiner natürlichen Quelle. Das Signal wies zudem eine extrem hohe Informationsdichte auf. Eine Entschlüsselung, sofern überhaupt möglich, würde wohl Jahre in Anspruch nehmen.
Wegen der besonderen Situation – und vor allem wegen der unmittelbaren Nähe der Dali zur Signalquelle – fasste die Gruppe den Entschluss, den Raumsprung der Dali zu unterbrechen. Ein gewagtes und energieintensives Vorhaben, doch vielleicht war dieses Signal der lang erwartete Beweis für außerirdisches Leben im Universum. Diese einmalige Chance wollte man sich nicht entgehen lassen.«
Kiras Avatar stockte einen Augenblick. Sie wirkte so ruhig und unaufgeregt, als hätte sie gerade übers Wetter gesprochen.
»Mehr Informationen habe ich nicht. Das ist alles, was ich weiß. Bist du jetzt glücklich?«
Oliver trat einen Schritt zurück. Ein Kribbeln lief ihm über den Rücken bis zum Schädel hinauf. Es war Wahnsinn, was ihm der Avatar gerade anvertraut hatte.
»Weißt du, wo genau sich die Dali jetzt befindet?«
»Nein, dazu kann ich dir nichts sagen. Die Signalquelle befand sich jedenfalls in der Nähe eines anderen Sonnensystems. Ich besitze leider nur rudimentäre astronomische Kenntnisse. Vielleicht kann einer der anderen Avatars diese Frage beantworten.
Wichtig ist möglicherweise noch eine andere Entdeckung. Nach den Routineüberprüfungen stellte man schnell eine Kursabweichung der Dali fest. Die Untersuchungen über die Gründe und darüber, weshalb kein Alarm gegeben wurde, verschob man auf später. Möglicherweise gab es einen Versuch, das Schiff zu sabotieren.«
»Wann hattest du deinen letzten Datenabgleich mit Kira?«, fragte Oliver.
»Vor zweihundertzwölf Stunden und acht Minuten.«
Er wandte sich abrupt ab und verließ ihr digitales Zuhause. Er konnte die Situation nicht länger ertragen.
»Glaubst du, Kira ist tot?«, hörte er ihre Stimme dünn aus der Hütte dringen, aber er lief ohne Antwort zu der einsam auf dem Strand stehenden Tür.
∞
Im Wartesaal setzte er sich erneut auf einen der weich gepolsterten Stühle und lehnte sich zurück. Welcher Avatar war am ehesten in der Lage, ihm Antworten auf seine Fragen zu geben? Sebastian vielleicht? Er war Astrophysiker und konnte ihm zumindest konkretere Auskünfte über den Standort der Dali geben. Leider hatte sich Captain Randall keinen Avatar einrichten lassen. Er hätte sicher die meisten Fragen beantworten können.
Er erhob sich und näherte sich dem Zugang zu Sebastians Reich: ein klobiges Monster von Metalltür mit oben abgerundetem eisenbeschlagenen Rahmen und dicken grauen Eisennieten, die die ganze Konstruktion zusammenhielten. Diese Tür hätte in der Nautilus, Jules Vernes fantastischem Unterseeboot, Verwendung finden können.
Er durchschritt sie und wechselte mit dem leisen Plop eines kleinen Luftwirbels in Sebastians Welt.
Dort herrschten Dunkelheit und eisige Kälte.
Er schloss die Tür und fühlte sich plötzlich spürbar leichter. Sein virtuelles Ich stand auf einem riesigen Felsfragment, das in der Dunkelheit des Weltalls schwebte. Nicht weit von ihm entfernt trieben weitere Bruchstücke aus Gestein und funkelndem Kristall durch den Raum, einige ähnelten gigantischen, abgebrochenen Eiszapfen. Einige Meter von ihm entfernt entdeckte er ein leuchtendes grünes Kreuz auf dem Boden. Er lief darauf zu, und als er kurz davor stand, rutschte das Kreuz von ihm weg. Oliver hatte schon einiges über Sebastians Späße gehört und bisher vermieden, seinen Avatar aufzusuchen. Zu einer anderen Zeit hätte er sich sicherlich köstlich amüsiert, einem grünen Markierungszeichen hinterherhetzen zu müssen, doch jetzt ärgerte es ihn. Nach einem wüsten Zickzackkurs und kurz bevor er seinen Entschluss in die Tat umsetzen konnte, aus diesem Unfuguniversum zu verschwinden, verharrte das Kreuz am Boden.
Oliver trat auf die grüne Markierung, und unter seinen Füßen öffnete sich ein dunkler Schlund. Er stürzte mit rasender Geschwindigkeit in die Tiefe und stand Augenblicke später in einem Irrgarten unzähliger riesiger Spiegel. Statt seines eigenen Gesichts erblickte er überall Sebastians Antlitz.
»Komm zu mir!«, flüsterten die Spiegelsebastians von allen Seiten, dann wurden sie durchsichtig und gaben den Blick auf eine endlose graue Ebene frei, die sich völlig flach bis zum Horizont erstreckte, überspannt von einer gelben, konturlosen Kuppel als Himmel, die sanftes, warmes Licht abstrahlte.
»Setz dich«, forderte Sebastian ihn auf. Sein Avatar saß auf einer altmodischen roten Ledercouch, rechts von ihm befand sich ein winziger dunkelbrauner Tisch mit einem Grammofon darauf, und ihm gegenüber stand eine zweite Couch. Oliver setzte sich auf den angebotenen Platz. Ihre Blicke trafen sich.




