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»Die Lebensformen stammen aus dem fremden Schiff«, antwortete Kirill von weiter hinten. Er stellte sich mit einer Apparatur, die einem Sensorstift ähnelte, in der Hand neben Pia. »Wir kennen bisher zwei Arten. Die gefährlichere Spezies erinnert an eine riesige, fast einen Meter lange Kellerassel. Diese Wesen sind unglaublich flink, können über Wände krabbeln und machen Jagd auf alles, was sich bewegt. Hat dich eines der Viecher erwischt, pumpt es dich mit einem hochgiftigen Sekret voll, und wenige Minuten später ist dein Blut zäher Sirup. Die andere Lebensform kriecht als über anderthalb Meter langer, rot glänzender Wurm durch die Gänge. Diese Kreaturen sind eigentlich harmlos, hinterlassen aber überall faustgroße gelbe Bälle, die platzen und braunes Pulver zerstäuben, wenn man sich ihnen nähert. Seltsamerweise werden auch die Würmer von den Riesenkellerasseln gejagt.«
»Aber warum?«, fragte Oliver dazwischen. »Wie konnte es zu einer solchen Katastrophe kommen? Wie sind diese Viecher auf das Schiff gelangt?«
»Wir wissen leider auch nicht allzu viel«, gestand Pia. »Gleich, nachdem das Schiffsbewusstsein die fremden Signale aufgezeichnet und analysiert hatte, wurde die Notfallmannschaft aus der Kälteschlafphase geholt. Dieses kleine Team organisierte die ersten Kontaktversuche mit dem fremden Schiff und installierte dann den Austauschtunnel zwischen der Dali und dem Alienschiff. Kurz darauf brach das Chaos aus. Die restlichen Mannschaftsmitglieder wurden reaktiviert, während diese Riesenkellerasseln und Würmer das gesamte Schiff eroberten.
Wir standen eine Zeit lang mit einer Gruppe in Verbindung, die versuchte, in das außerirdische Raumschiff einzudringen. Durch einen Teilausfall des Kommunikationssystems verloren wir jedoch den Kontakt. Gleich, nachdem sie die Schleuse passiert hatten.«
Oliver schaute an Pia vorbei in den beruhigend wirkenden Lichtkreis der Stableuchte. »Klingt nicht besonders vielversprechend. Habt ihr eine Idee, wie es weitergehen soll?«
Kirill zuckte kaum sichtbar mit den Schultern. Sein Gesicht wirkte verschlossen und resigniert. »Einen wirklichen Plan haben wir nicht. Wir sind schon froh, überlebt zu haben.« Er grübelte. »Ich … vielleicht sollten wir zuerst den Verbindungstunnel zerstören. Danach müssten wir versuchen, die Viecher aus dem Schiff zu vertreiben. Erst wenn wir uns wieder frei auf der Dali bewegen können, lassen sich weitere Schritte planen.«
»Was aber, wenn sich auf dem fremden Schiff noch Crewmitglieder von uns befinden?« warf Pia ein. »Dann schicken wir sie in den sicheren Tod.«
»Wenn da noch Überlebende sind«, rief Kirill wütend, »warum sind sie dann nicht zurückgekommen? Ein ganzes Team! Du glaubst doch selbst nicht, dass da noch jemand am Leben ist!«
»Solange wir sie nicht irgendwo tot auffinden, müssen wir davon ausgehen, dass sie noch leben«, widersprach sie. »Das technische Equipment, das sie zum Überleben benötigen, tragen sie bei sich.«
»Das ist Irrsinn« erwiderte Kirill. »Wir haben doch gar keine Wahl. Je länger wir warten, umso geringer sind unsere Überlebenschancen.«
»Ich werde dem fremden Schiff einen Besuch abstatten«, sagte Oliver, als hätte er dem Gespräch gar nicht zugehört. »Vielleicht ist Kira dort. Ich könnte es mir nie verzeihen.«
Kirill zog deutlich vernehmbar Luft ein. Wut und Verblüffung spiegelten sich in seinem Blick.
Oliver lächelte. Er vermutete, dass es ziemlich kläglich aussah. »Ich mache mich auch allein auf den Weg. Ich brauche nur noch ein paar Stunden Schlaf und danach eine Kleinigkeit für meinen Magen.«
∞
»Kamera okay!«, vernahm Oliver Pias Stimme in seinem Anzughelm. »Hab euch deutlich auf der Anzeige.«
»Schön« gab Kirill zurück. »Wir machen uns jetzt auf den Weg. Zentralachse, wir kommen!«
Oliver spürte das dumpfe Pochen in seine Brust zurückkehren. Das Schmerzmittel, das ihm Pia vor ein paar Stunden verabreicht hatte, ließ langsam nach. Er atmete tief durch und folgte Kirill durch einen engen Schacht in die Tiefen der Schiffseingeweide. Er bewegte sich behutsam, um nicht von den Sprossen abzurutschen. Das glatte Außenmaterial des Raumanzugs machte den Abstieg zur beschwerlichen Geduldsprobe. Je weiter sie nach unten kamen, umso geringer wurde die Schwerkraft, und die letzten Meter ließ er sich ins Zentrum des Austauschmoduls gleiten. Der Raum war von auffällig ovaler Form, als hätte man ihn um ein riesiges Ei herum erbaut. Er driftete schnell zur Seite weg und stieß mit dem Helm gegen die weiche Ummantelung der Schachtöffnung.
»Du musst deine Drehbewegung ausbremsen, um in den rotationsfreien Bereich des Schiffs überwechseln zu können«, kommentierte Kirill die ungeschickte Aktion, während er selbst mit hektischen Bewegungen nach den schwarzen Haltestangen griff.
Für Oliver sah es im Moment so aus, als würde das ihn umlaufende Mittelteil, ein hellgraues und etwa zwei Meter breites Band mit den drei abzweigenden Schachtöffnungen, stillstehen, während die zu schmalen Röhren zulaufenden Enden des Austauschmoduls um seine verlängerte Körperachse rotierten. In Wirklichkeit war es jedoch genau umgekehrt. Man musste schon sehr genau hinsehen, um den schmalen Spalt ober- und unterhalb des grau hervorgehobenen Mittelsegments ausmachen zu können.
Er griff nach einer der Haltestangen, die sich an ihm vorbeibewegten, und erst beim dritten Versuch bekam er eine zu fassen und ließ sich mitziehen. Hinter ihm polterte es laut. Ein harter Luftausstoß von Kirill drang aus dem Helmlautsprecher. Er selbst wurde währenddessen – den Haltegriff in fester Umklammerung – hart gegen die Wand gedrückt und stemmte sich gegen die Fliehkräfte, bis die Muskeln schmerzten. Kurz darauf umfing ihn Schwerelosigkeit. Ein schwaches Prickeln durchperlte seinen Körper, ein Gefühl, als trieben seine Füße nach oben weg.
Mit einer Hand am Haltegriff stieß er sich vorsichtig von der Wand ab. Kirill schwebte rechts von ihm und trieb zielgerichtet auf das verriegelte Schott des Zentralschachts zu. Um seine Bewegung abzubremsen, fasste er kurz vor dem Schott nach einer Haltestange, besaß jedoch zu viel Schwung. Er rutschte ab und stieß mit dem Helm gegen die ovale Türplatte.
»Alles in Ordnung?«, erkundigte sich Oliver.
»Mir geht’s gut.« Kirills dumpfe Stimme wurde von einem plötzlichen Rauschen fast verschluckt. »Der Helm ist gut gepolstert.«
Mithilfe seiner Augensteuerung aktivierte Oliver die Anzeige des Bewegungssensors und scannte den Schacht vor ihnen.
»Hier scheint alles ruhig zu sein«, konstatierte Kirill verhalten. »Ich öffne den Zugang.«
Er zog einen Griff aus der flachen Vertiefung neben der Tür und drehte ihn um hundertachtzig Grad. Vier kurz aufeinander folgende Klickgeräusche zerhackten die Stille, und langsam öffnete sich das Schott in den unbeleuchteten Schacht hinein. Kirills Helmscheinwerfer flammte auf, ein schmal auffächernder Strahl kalten Lichts, in dem winzige Staubpartikel wie kleine Glühwürmer tanzten. Er stieß sich leicht von der Tür ab, trieb langsam in den Raum und hangelte sich an den in regelmäßigen Abständen angebrachten Haltegriffen tiefer in den Schacht hinein. Er folgte Kirill mit einem gewissen Unbehagen. Obwohl sie vor dem Start der Dali einige Tage lang das Leben in Schwerelosigkeit geprobt hatten, fiel es ihm nicht leicht, den Körper im Gleichgewicht zu halten. Kirill dagegen bewegte sich so, als wäre er in einer Raumstation zur Welt gekommen.
»Ich hoffe, euch geht es gut«, drang Pias Stimme, von auf- und abschwellendem Rauschen unterlegt und wie aus weiter Ferne kommend, aus dem Helmlautsprecher. »Die Bildübertragung ist vor drei Minuten ausgefallen. Ich kann den Fehler einfach nicht finden.«
»Uns geht’s gut. Hier läuft alles wunderbar«, antwortete Kirill. »Wir sind kurz davor, den Zentralschacht zu betreten. Leider funktioniert die Beleuchtung nicht, und mein Augenimplantat lässt sich nur noch auf Wärmesignale justieren. Verdammter Biotechkram. Scheint bei der EMP-Entladung doch mehr abbekommen zu haben. Wir müssen uns also mit den Scheinwerfern ins Dunkel vorantasten.«
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