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»Ich warte schon ziemlich lange auf Besuch«, begann Sebastian das Gespräch. »Genau wie die anderen. Was ist da draußen bei euch los?«
»Ich hatte eigentlich gehofft, von dir eine Antwort darauf zu erhalten«, erwiderte Oliver. »Die Dali ist ein Geisterschiff. Als ich aus der Sprungschlafphase erwachte, waren die anderen Liegen leer. Keine Spur von der restlichen Besatzung. Kurz darauf stieß ich auf die verstümmelte Leiche von Ian. Ich nahm sofort Kontakt zum Schiffsbewusstsein auf. Die KI berichtete von schweren Beschädigungen an Bord. Einige Sektionen wurden abgeriegelt, andere sogar abgesprengt. Als sie mich auf Lebensformen in der Biozone aufmerksam machte, hatte ich endlich ein Ziel, das ich angehen konnte.
Wegen starker Beschädigungen am Schiff war der direkte Weg dahin jedoch versperrt. Ich musste eine alternative Route über die Schiffshülle suchen. Bei meinem Spaziergang über die Außenhülle entdeckte ich einen Fremdkörper, der sich in die Schiffshülle geschmolzen hatte. Ich war so unvorsichtig und stocherte an dem Teil herum, dabei löste ich eine Art Miniexplosion aus. Glücklicherweise kam ich mit dem Schrecken davon. Ich erreichte schließlich den Zugang zur Biozone, und bei meiner Suche stieß ich auf ein intaktes Cyberterminal. Ich überlegte nicht lange und loggte mich ein. Zuerst besuchte ich Kiras Avatar, und jetzt bin bei dir. Was hat all das zu bedeuten?«
Sebastian legte die Beine übereinander, wie es auch der lebende Sebastian getan hätte. Sein rundliches Gesicht mit der gewaltigen Nase wirkte mit einem Mal angespannt.
»Da du noch nichts über den Kontakt mit dem fremden Schiff erfahren hast und völlig allein auf der Dali erwacht bist, scheint tatsächlich etwas Unerwartetes vorgefallen zu sein.
Ich versuche die Geschehnisse – soweit sie mir bekannt sind – für dich zu rekonstruieren. Dass die Dali aufgrund eines fremden Funksignals ihren Flug unterbrochen hat, weißt du ja schon. Den Ausgangspunkt des Signals lokalisierte man in der Nähe von Wolf 28. Der Sender trieb langsam aus dem Einflussbereich des Sterns. Als die Dali die Signalquelle erreichte, fanden die Wissenschaftler ein fremdes Raumschiff.«
Sebastian machte eine kurze Bewegung mit der Hand, und zwischen ihnen manifestierte sich ein Hologramm des Raumschiffs.
»Der fremde Flugkörper besteht aus Hunderten unterschiedlich dicker und miteinander verbundener, parallel verlaufender Röhren. Manche von ihnen besitzen einen Durchmesser von bis zu zehn und eine Länge von zweihundertfünfzig Metern. Sie verlaufen an einem Ende des Schiffs geradeaus, knicken am anderen Ende kreisförmig von der Mittelachse weg und erscheinen wie ein halb geöffneter Blütenkelch. Einige Stellen des Schiffs weisen großflächige Beschädigungen auf.
Die Forscher entdeckten im Rumpf eine ganze Reihe Lecks, um die das Oberflächenmaterial verformt und geschmolzen war.
Inzwischen machten sie auch bei der Entschlüsselung des empfangenen Signals Fortschritte. Ein winziger und separat gehaltener Teil erwies sich als wesentlich simpler strukturiert als der Rest des Datenmaterials. Sie identifizierten es im Laufe der Untersuchungen als eine Art Notruf. Alle hundertachtunddreißig Minuten sandte das Schiff diese zweiunddreißig Sekunden lange Botschaft immer gleichen Inhalts in den Raum. Nachdem sie vergeblich versucht hatten, über Funk- und Lichtsignale Kontakt mit dem fremden Schiff aufzunehmen, entschieden sie sich schließlich dafür, ein Einsatzteam direkt hineinzuschicken. Vielleicht kämpften dort ja fremde Lebewesen ums Überleben.
Die Dali manövrierte bis auf wenige Meter an das beschädigte Raumschiff heran, sodass sich eine der stationären Ausstiegsschleusen und eines der Löcher im Rumpf des fremden Schiffs direkt gegenüberlagen. Beide Schiffe wurden mit einem flexiblen Schlauchmodul verbunden, und ein Team von Wissenschaftlern machte sich auf den Weg in das Alienschiff.«
Sebastian verstummte einen Augenblick. Es schien, als würde er selbst über das soeben Geschilderte nachgrübeln. Dann lächelte er fast entschuldigend.
»Das sind die letzten Informationen, über die ich verfüge.«
Oliver war völlig überfordert. Allein der Kontakt der Dali mit einem fremden Raumschiff versetzte ihn in eine Art Rausch. Doch möglicherweise verbarg sich dort etwas furchtbar Schreckliches, etwas, das zu einer tödlichen Bedrohung für die Besatzung der Dali geworden war.
»Kannst du mir sagen, ob die Dali noch an dem fremden Schiff angedockt ist, und wenn ja, an welcher Stelle?«
»Da musst du die Schiffs-KI fragen«, erwiderte Sebastian.
»Dali 001«, rief Oliver und vernahm sofort die Bereitschaftsmeldung des Schiffsbewusstseins. »Befindet sich die Dali noch in Kontakt mit dem außerirdischen Raumschiff?«, fragte er.
»Positiv. Seit hundertvierundneunzig Stunden besteht über einen provisorischen Tunnel eine direkte Verbindung zwischen der Dali und einem nicht katalogisierten Raumschiff.«
»An welcher Stelle wurde der Verbindungstunnel errichtet?«
»Triebwerkssektion, Schleusenbereich drei.«
Damit hatte er fast schon gerechnet. Die Triebwerkssektion war eine rotationsfreie Zone und daher ohne künstliche Schwerkraft. Der Weg dorthin würde beschwerlich werden, da sich der Bereich genau am anderen Ende des Schiffs befand. Doch das hatte Zeit. Zuerst wollte er den Signalen aus der Biozone nachgehen. Vielleicht befand sich ja noch jemand von der Besatzung an Bord.
»Danke«, sagte er und unterbrach die Verbindung.
Sein Blick verschwamm. Die Welt um ihn herum schien auseinanderzudriften, und er war in die Rolle eines stillen Beobachters gezwungen. Die Störung dauerte nur wenige Sekunden, einen Augenblick lang, dann normalisierte sich alles wieder.
Sebastians Avatar schien den Vorgang bemerkt zu haben und schaute ihm irritiert in die Augen.
»Wir sehen uns später«, rief ihm Oliver hastig zu und loggte sich aus.
drei
Oliver stieß auf die kleine Projektilwaffe, als er in den Lagerräumen nach Lebensmitteln suchte. Das Teil lag wie weggeworfen auf dem Boden. Er hatte nie begriffen, weshalb man an Bord eines Kolonistenraumschiffs Pistolen oder Energiewerfer benötigte. Befürchtete man aggressive Tierarten auf dem neuen Planeten, oder vermutete man sogar, dass die Schiffsbesatzung selbst sich in die Haare kriegte? Für ihn bedeuteten Waffen eher erhöhtes Risiko als größere Sicherheit.
Er war in seiner Jugend in der Friedensbewegung aktiv gewesen, vertrat auch später eine pazifistische Weltanschauung und hatte es daher immer vermieden, sich mit der Handhabung von Waffen vertraut zu machen. Von einigen Besatzungsmitgliedern wurde er deswegen belächelt; viele schienen ein regelrechtes Faible für alle Arten von Waffen zu entwickeln. Sie verhielten sich wie kleine Kinder, denen man ein neues Spielzeug in die Hände gegeben hatte. Die Gefährlichkeit des Spielzeugs verlieh ihnen dabei einen zusätzlichen Kick.
Trotz seiner Vorbehalte kam er sich jetzt, mit dieser altmodisch anmutenden Pistole in der Hand, sicherer vor. Er ahnte jedoch, dass dieser Eindruck trog. Immerhin: Er hatte in der dreijährigen Trainingsphase vor dem Start der Dali lernen müssen, mit einfachen Schusswaffen umzugehen – diese Ausbildung war Pflicht. Er hatte die Trainingseinheiten zähneknirschend absolviert, aber jetzt könnten sie sich auszahlen.
Seiner pazifistischen Überzeugungen wegen wäre er damals fast aus der Auswahlmannschaft geflogen. Die Raumfahrt war streng militärisch organisiert und duldete keine potenziellen Befehlsverweigerer.
Oliver überprüfte die Waffe. Es befanden sich fünf Patronen im Magazin, und anhand der grünen Markierungen erkannte er, dass es sich um Betäubungsgeschosse handelte – ein möglicherweise völlig wirkungsloses Verteidigungsmittel gegen feindliche Aliens. Er steckte die Pistole in eine Aufhängung seines Werkzeuggürtels und zog die Schlaufe fest.
∞
Erneut stand er vor einer verriegelten Sicherheitstür, die den Zugang in die hinteren Bereiche der Biozone versperrte. Diesmal erhielt er jedoch keinen Zugang zum Schiffsbewusstsein, um sich die Tür auf einfache Art öffnen zu lassen. Die KI reagierte nicht auf seine Kommunikationsanweisung.
Den Sicherheitsvorschriften entsprechend bestand die Tür aus einem ultraleichten Spezialkunststoff, der als außergewöhnlich hitzebeständig galt und auch extremen Kräfteeinwirkungen widerstand. Das mitgenommene Laserskalpell hätte gegen dieses Material in etwa die gleiche Wirkung gehabt wie ein Faustschlag gegen eine mehre Zentimeter dicke Stahlwand.
Mit einem großen Schraubendreher hebelte Oliver die direkt neben der Tür befindlichen Abdeckplatten aus der Wandverkleidung. Die Platten waren mit einfachen Adhäsionsverschlüssen befestigt und ließen sich problemlos entfernen. Hinter ihnen befand sich das leicht gewölbte, eigroße Verteilermodul. Er musste unwillkürlich lächeln: endlich eine Aufgabe, die sich mit seinem Fachgebiet deckte. Für einen ausgebildeten Kybernetiker war das ein Kinderspiel. Er zog einen kreditkartenähnlichen Metallstreifen aus seiner Schutzhülle und führte ihn in den schmalen Schlitz unter dem Verteiler ein. Danach verband er sein immer mitgeführtes Babydisplay (wie der Miniaturmonitor unter Kollegen genannt wurde) und das Verteilermodul mit einem Intmatkontaktband, das er wie einen Klebestreifen von einer Rolle riss. Das Display zeigte blau leuchtend Bereitschaft an.
Er hatte Glück. Seine Back-up-Daten im Hauptspeicher des Schiffs waren unversehrt, und er hatte Zugriff auf alle Daten und Programme. Er aktivierte ein winziges, uraltes Programm, das er als junger Programmierer entwickelt hatte, und ließ die Software ihre Arbeit tun. Das konnte eine Weile dauern.
Die offengelegte Wand erinnerte ihn an seine erste Begehung der Dali. Das Schiff war ihm damals riesig erschienen, aber das bezog sich nur auf die Gesamtgröße. Der Bereich für die Mannschaft beschränkte sich in Wirklichkeit auf das Notwendigste. Den größten Teil der Dali machte das Antriebssystem aus, das zylinderförmige Mittelteil, um das die Wohn-, Freizeit- und Forschungssegmente rotierten.
Es erschien ihm noch heute wie ein Wunder, dass die Menschheit nach den großen Einbrüchen in der nichtkommerziellen Raumfahrt ein so gewaltiges Raumfahrtprojekt auf die Beine gestellt hatte, und das, obwohl ein absehbarer Gewinn der beteiligten Länder und Konzerne – soweit überhaupt gegeben – in weiter Ferne lag. Entgegen der kühnen Träume vieler Science-Fiction-Autoren hatte die Besiedlung des sonnennahen Weltraums lange auf sich warten lassen. Auf dem Mars existierten bisher nur sieben winzige Kolonien, die sich fast ausschließlich mit Forschungen im Bereich Terraforming beschäftigten. Die Venus hatte man aufgegeben, denn ihre extremen atmosphärischen Bedingungen machten ein Überleben ohne gigantischen und unbezahlbaren technologischen Mehraufwand unmöglich. Nur ein paar einsame Satelliten drehten ihre Bahnen um den wolkenverhangenen Planeten.
Beim letzten größeren Raumfahrtprojekt war es um die Errichtung einer bemannten Station auf dem Saturnmond Titan gegangen, und es war, anders als die Marskolonien, allein aus europäischen und chinesischen Mitteln finanziert worden. Die Ansiedlungen auf dem Mond zählten nicht, denn sie dienten allein den elitären Reisevergnügungen der Superreichen.
Oliver zuckte zusammen, als sich die Sicherheitstür leise fauchend öffnete. Der Gang dahinter war bis auf ein trübes rotes Blinklicht im Hintergrund stockdunkel. Ein übler Geruch schlug ihm entgegen. Er schaltete seine Taschenlampe ein, zog die Pistole aus der Halterung und entsicherte sie.
Er kam sich vor, als wäre er in eines dieser virtuellen Rollenspiele geraten, die er eine Zeit lang mitentwickelt hatte, um als Studierender seine Finanzen aufzubessern. Sehr populär gewesen waren zu dieser Zeit Rollenspiele, die sich mit der Besiedlung des Mars beschäftigten, aber die Cyberspaceabenteuer waren von der Wirklichkeit meilenweit entfernt. Die Spieler verlangten nach Piratenabenteuern mit Überfällen, korrupten Megakonzernen, verbotenen militärischen Forschungen und bösen Außerirdischen, die alles kurz und klein blasterten. Oliver hatte eine ganze Reihe von Schauplätzen für solche Spiele entworfen und die KI einiger virtueller Protagonisten optimiert. Eine Spielwelt war nur so gut wie ihre komplexe Erfahrbarkeit. Dazu zählten ein glaubhafter Weltentwurf, überzeugende KI-Protagonisten und eine spannende, in sich verschachtelte Spielgeschichte mit möglichst offenem Finale.
Er ließ den Lichtkegel über die dunklen, rutschfesten Bodenplatten wandern, auf denen vereinzelt Glassplitter glitzerten, und leuchtete tiefer in den Gang hinein. Alle Leuchtelemente an der Decke waren beschädigt. Die dunkel verfärbten Ränder rund um die Einschusslöcher wiesen auf die Entladungen von Energiewaffen hin. Langsam und nahezu geräuschlos ging er den Gang entlang, der Lichtfleck seiner Lampe tanzte unruhig über die zum Teil rußgeschwärzten Seitenwände. Das Bodenmaterial war an einigen Stellen geschmolzen und ließ den metallischen Untergrund durchschimmern. Je weiter er kam, umso lauter wurde ein durchdringendes, hochfrequentes Geräusch, das ihm schmerzhaft bis in die Zähne drang. Der Gestank nahm ebenfalls an Intensität zu, sodass er nur widerstrebend weiterging. Als er die Hälfte der Wegstrecke bis zur nächsten Tür zurückgelegt hatte, traf ein kühler Luftzug seine Stirn. Er führte den Lichtkegel der Lampe nach oben und erkannte hinter einer aufgebrochenen Verkleidung einen Lüftungsschacht, der ins Dunkel führte.
Er zuckte zurück, als etwas Kaltes auf sein Gesicht tropfte. Er wischte sich hektisch über die Stirn und streckte die Hand ins Licht. Seine Finger waren von einer klebrigen Substanz benetzt, an den Fingerspitzen glänzte es schwarz. Angewidert wischte er die Hände an den Hosenbeinen ab und ging schnell weiter.
Nach einigen Metern kam er zu einem umgestürzten Schrank. Zerbrochene Laborflaschen lagen am Boden, der Inhalt über die Platten verteilt. Eine der Flüssigkeiten hatte winzige Bläschen gebildet und wirkte wie erstarrt. Oliver verzichtete darauf, die Konsistenz zu prüfen. Hier erschien ihm der Gestank am intensivsten, er stammte höchstwahrscheinlich von einer ausgelaufenen Chemikalie.
Sein Körper entspannte sich. Da er den Geruch mit weiteren Leichen in Verbindung gebracht hatte, durchströmte ihn nun ein Gefühl der Erleichterung. Er bewegte sich an der fast die gesamte Breite des Gangs einnehmenden Chemikalienlache und den klebrig glänzenden Scherben vorbei und ging weiter auf das rote Signallicht zu. Am Ende des Gangs fiel ihm ein klaffender Spalt in der rechten Wandverkleidung auf. Die Risskanten waren derart verformt, als hätte man die Öffnung mit einem überdimensionalen Büchsenöffner in die Wand getrieben. Der Riss zog sich bis durch die zweite Wandverschalung und ermöglichte den Blick auf glänzende Rohrsysteme und vielfarbige Kabelstränge.
Am Ende des Gangs erreichte er eine weitere verschlossene Sicherheitstür. Das rote Licht erwies sich als leuchtender Schriftzug direkt über einem Sensorfeld, das man zur Eingabe des Zugangscodes benötigte.
Türmechanik blockiert. Bitte Servicepersonal anfordern.
Hier kam er selbst mit seinen kybernetischen Spielereien nicht weiter. Rechts von ihm war die Wandverkleidung besonders tief aufgeschlitzt. Nahe am Boden klaffte ein Loch, dessen Öffnung groß genug war, um sich dort problemlos hindurchzuzwängen. Er bückte sich und lenkte den Lichtkegel der Lampe in die Dunkelheit. Das Licht traf etwas tiefer auf eine weitere Wand, und er vermutete einen der unzähligen Schächte für die Reparaturspinnen, die sich auf diese Weise in die Eingeweide des Schiffs vorarbeiten konnten, um Wartungsarbeiten vorzunehmen oder technische Störungen zu beseitigen.
Er aktivierte seinen Handcomputer und ließ sich eine Übersicht der Instandhaltungstunnel in diesem Sektor anzeigen. Mit etwas Glück konnte er über einen der Reparaturschächte zum Forschungsbereich gelangen. Kurz entschlossen legte er sich auf den Boden und kroch in das Loch. Der Rand der Öffnung bestand aus einem Wulst geschmolzenen Metalls. Der Schacht ermöglichte gerade so viel Bewegungsfreiheit, dass er langsam vorankriechen konnte. Er passierte zwei Abzweigungen und zwängte sich in die nächste nach rechts. Trotz der Kälte tropfte ihm der Schweiß von der Stirn.
Er schreckte auf: ein lautes Knacken in unmittelbarer Nähe. Er hob den Kopf und stieß hart gegen einen Vorsprung. »Verdammter Dreck …«
Seine Lampe flackerte kurz, brannte dann aber ohne auszufallen weiter. Kam ihm da etwas entgegen? Er musste schnell hier raus, denn lange hielt er diese Enge nicht mehr aus. Er hoffte inständig, dass der anvisierte Ausgang nicht durch ein Hindernis blockiert wurde. Schnell wischte er den Gedanken beiseite. Er konnte ja nicht nur Pech haben.
Er erreichte eine neue Abzweigung. Wieder dieses Geräusch, ein hektisches, metallisches Klicken, das schnell näherkam. Die Metallverschalung unter seinem Körper vibrierte, dann sah er sie: eine Reparaturspinne, die mit wild zuckenden Metallfüßen auf ihn zujagte. Oliver ließ die Lampe fallen und versuchte nach seiner Waffe zu greifen, aber noch, bevor er sie überhaupt berührte, hatte die Spinne ihn erreicht. Etwas Scharfkantiges zuckte an seinen Augen vorbei, grelles Licht blendete ihn. Eine kurze, fast schon sanfte Berührung strich über sein Gesicht, während er wie erstarrt vor der Spinne lag und keine Bewegung wagte. Es vergingen einige zähe Sekunden, in denen der Reparaturroboter regungslos vor ihm verharrte. Schließlich gab er ein leises Brummen von sich, das Licht erlosch, und die Maschine krabbelte mit lauten klackenden Geräuschen den Gang zurück. Das hektische Klicken der Metallbeine und das Summen der Gelenkmotoren wurde schnell leiser.
Eine Weile blieb Oliver reglos liegen, bevor er wieder nach der Lampe griff. Obwohl er Reparaturspinnen schon öfter bei der Arbeit beobachtet hatte und wusste, wie gut sie zwischen einem leblosen Hindernis und einem Menschen unterscheiden konnten, hatte er Respekt vor diesen gelenkigen Kleinrobotern. Sein Wissen als Kybernetiker hatte nur wenig Einfluss auf sein Empfinden, so unlogisch ihm das auch vorkam.
Vorsichtig kroch er weiter. Nach wenigen Metern gelangte er zu einer weiteren Abzweigung und wechselte dort hinein. Er war kaum einige Meter weit vorangerobbt, als er schon wieder innehielt. Das Metall unter seinen Knien und Händen fühlte sich ungewöhnlich warm an. Der enge Tunnel, durch den er sich bewegte, war zudem von einer glänzenden Schleimschicht überzogen. Das Licht der Lampe zuckte über schmierige Metallflächen und verlor sich in den Tiefen des Schachts. Er schnüffelte an seinen Fingerspitzen: ein bitterer, stechender Geruch. Er wollte gar nicht darüber nachdenken, mit welcher Substanz er es hier zu tun hatte, und kroch weiter. Er musste bald einen Ausgang finden, denn seine Kraft ließ spürbar nach. Der klebrige Schleim erschwerte das Vorankommen zusätzlich.
Nach einer Weile wurde er auf kleine schwarze Punkte am Boden und an den Wänden aufmerksam und richtete die Lampe darauf. Es waren tote Insekten, die an der schmierigen Substanz festklebten. Es schien sich dabei ausschließlich um kleine Fliegen zu handeln. Es war ihm ein Rätsel, weshalb die hier im Reparaturschacht klebten.
Zehn Minuten und knappe dreißig Meter später war der Boden wieder trocken und sauber. Er hob die Lampe: das Ende des Schachts. Mit einem Gefühl der Erlösung berührte er die graue Verschlussklappe. Rechts und links davon befand sich je eine Griffmulde. Aufgedruckte Pfeile wiesen darauf hin, in welche Richtung man die versenkten Griffe drücken musste. Der linke Hebel ließ sich sofort lösen, am rechten musste er zuerst kräftig rütteln, bevor dieser nachgab. Die Verschlussklappe kippte nach unten weg, und er blickte in einen vom Notlicht dürftig ausgeleuchteten Raum, dem enge, tiefschwarze Schatten werfende Regalreihen etwas Beklemmendes verliehen. Vorsichtig rutschte er aus dem Reparaturschacht und blieb erschöpft am Boden liegen. Trotz der unbequemen Lage und der unsicheren Situation hätte er auf der Stelle einschlafen können.
Nach ein paar Minuten Entspannung richtete er sich auf und ließ sich über den Computer seine aktuelle Position anzeigen. Er hatte Glück. Der einzige Ausgang führte auf jenen Gang, der von der blockierten Sicherheitstür versperrt wurde. Oliver schaute sich um. Der Raum wurde zur Lagerung von Medikamenten und medizinischem Zubehör genutzt. Trotz der Enge herrschte in den Regalen penible Ordnung.
Humpelnd ging er zur Tür, seine strapazierten Knie schmerzten bei jedem Schritt. Das Ohr an den kalten Kunststoff gedrückt, lauschte er. Kein Geräusch. Er wartete einige Sekunden und aktivierte dann den Öffnungsmechanismus. Stickige, nach verbranntem Gummi riechende Luft schlug ihm entgegen, und auch hier lieferte trübes Notlicht die einzige Beleuchtung. Von einem verbogenen Abdeckblech abgesehen, das zusammen mit einigen Glasscherben am Boden lag, machte der Gang einen unversehrten Eindruck. Er tat ein paar Schritte nach vorn, da ließ ihn heftiges Rumpeln in der Deckenverkleidung zusammenzucken. Das Geräusch entfernte sich schnell – wie ein Tier, das in Todesangst durch den Lüftungsschacht hetzte. Er verharrte einige Sekunden, aber das Geräusch kehrte nicht zurück.
Er warf einen Blick auf seinen Handcomputer. Die Quelle der Biosignale befand sich keine zehn Meter von ihm entfernt. Er ging auf das Signal zu und stand schließlich vor einer verriegelten Tür. Am Boden erkannte er einen eingetrockneten, breit verschmierten Blutfleck.
Er legte die Handfläche auf den Sensor und staunte, wie plötzlich sich die Tür öffnete. Im selben Augenblick traf ihn ein harter Schlag auf die Brust und löschte jeden weiteren Gedanken aus.
vier
»Oliver! Wach auf!«
Die Stimme kam aus weiter Ferne, ein dünnes und brüchiges Band fasriger Wörter, in Auflösung begriffen. Es erreichte ihn kaum. Das war gut so, denn hier war er sicher, frei von Schmerz und Angst.
Dennoch gab es etwas, das ihn warnte, die Stimme völlig zu ignorieren. Ein windgepeitschter Ozean tobte in seinen Ohren, ein an- und abschwellendes Rauschen.
Langsam wurde er sich undeutlicher Formen bewusst, Kleckse aus Licht und Dunkelheit, unscharfe Wolkengebilde, die sich mal zusammenballten und an anderer Stelle wieder auseinanderflossen.
»Schau … die Augenlider.« Eine männliche Stimme, die sich kaum vom Rauschen abhob. »Die Augäpfel bewegen sich … sein Atem kommt kräftiger. Er stabilisiert sich.«
»Du hättest nicht sofort schießen dürfen.« Eine leise Frauenstimme. »Er wäre beinahe gestorben.«
»Ich konnte doch nicht ahnen, dass außer diesen Viechern noch jemand da draußen ist.«
Die männliche Stimme konnte Oliver inzwischen dem Astrophysiker Kirill zuordnen. Er war bisher nur selten mit dem schlanken, ehrgeizigen Mann in Kontakt gekommen, denn er hielt ihn für einen Fachidioten und Angeber, der nur durch Beziehungen den Zugang in die engere Auswahl geschafft hatte. Er glaubte gern diese vagen kleinen Gerüchte, die sich um Kirills Aufnahme in die Mannschaft rankten.
Er öffnete die Augen und blickte in das blasse, schmale Gesicht von Pia, Biologin und stellvertretende Ärztin. Ihre Augen wirkten müde, das brünette Haar war zerzaust.
»… schönes Gefühl … Menschen um … zu haben.« Das war seine Stimme, gedämpft und stockend. »Aber …? Was habt … mit mir angestellt?«
»Kirill hat eine Betäubungsladung aus dem Schockwerfer auf dich abgefeuert.« Pias Gesicht strahlte vor Freude und Erleichterung über seine offensichtlichen Lebenszeichen. »Eine unglückliche Reflexreaktion. Wir dachten, eines dieser Biester hätte es auf uns abgesehen.«
Mit ungewohntem Kraftaufwand bemühte sich Oliver in eine sitzende Position. Sogleich stach ein heftiger Schmerz durch seine Brust. Er benötigte einige Augenblicke, bis er seinen Körper endlich aufgerichtet hatte, und verharrte einige Sekunden. Der Schmerz ließ langsam nach, nur ein schwacher Druck und Benommenheit blieben.
Pia schwieg, während er die Umgebung musterte. Er saß auf einer flachen Schaumstoffmatratze, bis zur Brust bedeckt von einer dünnen Silberfolie. Der kleine Raum, in dem sie sich befanden, war von Regalen gesäumt. Die engen Reihen waren mit Konserven, Getränketornistern und anderen konservierten Lebensmitteln bestückt. Auf einem Arbeitstisch in seiner Nähe stand eine Stableuchte, die warmes gelbes Licht abstrahlte.
»Was für Biester meint ihr?«, unterbrach er die Stille. Seine Stimme klang spröde und kratzig. »Und was um Gottes willen ist mit der Dali passiert?«




