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Das Restaurant ist neu eröffnet, das sieht man sofort. Es ist elegant, minimalistisch eingerichtet und wie geleckt. Die dominierenden Farben sind das Weiß der langen Tischdecken und das Hellblau der Vorhänge. Vielleicht liegt es daran, dass es kaum andere Gäste gibt, aber die Anzahl der Kellner scheint mir übertrieben. Allein für unseren Tisch sind es vier, immer sofort zur Stelle, um nachzuschenken, sobald ein Glas leer ist. Diese Aufmerksamkeit bringt einen fast in Verlegenheit. So wie vorhin, als ich nach der Toilette gefragt habe und einer der Kellner fast mit reingegangen wäre.
Ich beobachte Andrea in seinem eleganten Jackett und habe ein ungutes Gefühl. Giacomo und Andrea verständigen sich weniger durch Worte als durch einvernehmliche Blicke. Wenn Giacomo einen von uns ins Visier nimmt, beugt sich Andrea zu ihm hinüber und murmelt ihm etwas zu. Das Mittagessen oder vielmehr der Lunch, wie er es großspurig genannt hat, zieht sich über eineinhalb Stunden hin. Am Ende denkt keiner von uns auch nur im Traum daran, aufzustehen und die Rechnung zu bezahlen, die garantiert so hoch ist wie ein ganzes Monatsgehalt von uns. Wir sind fast alle im öffentlichen Dienst beschäftigt: als Polizeibeamte, Carabinieri, Ex-Carabinieri, Verwaltungsangestellte. Zwei Dinge verbinden uns: Wir alle haben an Gerichtsprozessen mitgearbeitet, und sei es nur als Eskorte der Angeklagten oder als einfache Hilfskräfte. Und bei uns allen ist das Geld knapp. Aus Höflichkeit deutet der eine oder andere an, dass er seinen Anteil bezahlen will. Aber Giacomo gibt uns mit einer Handbewegung zu verstehen, dass er das schon erledigt hat. Draußen auf dem Bürgersteig vor dem Restaurant reicht er jedem von uns die Hand. Der Rauch seiner Zigarre, die jetzt angezündet zwischen seinen Zähnen steckt, hüllt sein Gesicht mit Spezialeffekten ein. Lichtreflexe umspielen seine kastanienbraunen Augen. Giacomo fixiert mich so penetrant, dass ich gezwungen bin, meinen Blick abzuwenden.
»Danke, danke«, sagt er. Jetzt bin ich an der Reihe. »Du bist Simone, richtig?«
»Ja, ich bin Simone Pace.«
»Hier ist ein kleines Geschenk für dich. Dafür, dass du dir die Mühe gemacht hast zu kommen. Für deine wertvolle Zeit«, fügt Giacomo hinzu und reicht mir einen weißen Umschlag. Ich stecke ihn ein. Dieselbe Szene wiederholt sich bei den anderen. Tommaso will den Umschlag öffnen, aber Giacomo hält ihn zurück. »Nein, nicht jetzt. Ich möchte nicht, dass ihr noch mehr Zeit verliert.«
Der Reihe nach, wie wir gekommen sind, trennen wir uns wieder. Der eine oder andere bleibt unterwegs stehen, um sich eine Zigarette anzuzünden. Tommaso starrt ins Schaufenster eines leeren Geschäfts. So ist er nun mal. Ein Kontrollfreak. Er betrachtet nicht die Auslage im Schaufenster, sondern benutzt es nur, um die sich darin spiegelnde gegenüberliegende Straßenseite zu beobachten. Aber warum sollte uns jemand beschatten? Noch verstehe ich es nicht. Aber die Szene beunruhigt mich. Vielleicht weiß Tommaso etwas, das mir entgangen ist.
Erst als ich abends zu Hause bin und etwas Dickes in der Innentasche meiner Jacke spüre, fällt mir der Briefumschlag wieder ein. Ich lege ihn kurz auf die Ablage im Flur, aber dann stecke ich ihn zurück in die Jackentasche. Und vergesse ihn erneut. Jedenfalls öffne ich ihn nicht sofort. Ich erinnere mich erst wieder daran, als Filippo mich anruft, der älteste der Freunde im Restaurant: »Hallo. Hast du gesehen?« Er spricht so leise, dass ich seine Stimme nicht gleich erkenne.
»Wer ist am Apparat? Warum sprichst du so leise? Sprich lauter, ich versteh dich nicht.«
»Filippo. Ich bin Filippo. Hast du gesehen, was drin ist? Hast du ihn aufgemacht?«
»Was, Filippo? Wovon redest du?«
Und er, noch leiser: »Den Um… Das, was er uns gegeben hat.«
»Nein, Filippo«, antworte ich wahrheitsgemäß.
»Ich dachte … Na ja, reden wir morgen.« Er legt grußlos auf.
Langsam gehe ich zum Schlafzimmerschrank, in den ich die Jacke gehängt habe. Ich lasse meine Hand in die Innentasche gleiten, ziehe den Umschlag heraus und öffne ihn. Er enthält einen auf meinen Namen ausgestellten Scheck: eine Summe so hoch wie mein Jahresgehalt. Ich würde am liebsten zu meiner Frau laufen, die beim Kochen ist, um ihr die gute Nachricht mitzuteilen. Aber ich tue es nicht.
»Wer war das? Warum hast du am Telefon so geschrien?«, fragt sie, während ich mich zum Abendessen an den Tisch setze.
»Nichts Wichtiges«, antworte ich. »Filippo wollte mir sagen, dass ich morgen frühzeitig im Büro sein muss, und ich konnte ihn nicht richtig verstehen.«
»Papa, spielst du dann mit mir?«, fragt meine Tochter. Nach Feierabend mit ihr zu spielen ist meine einzige Ablenkung. Und so verschiebe ich die Sache mit dem Scheck auf später. Ich würde nachts im Bett darüber nachdenken.
Tags darauf, im Büro, ist Filippo außer sich vor Wut. »Wer zum Teufel ist das? Was erlaubt er sich eigentlich? Was will er von uns?« Filippo ist kaum zu bremsen. »Verstehst du? Ich will dieses Geld nicht haben. Es riecht nach Ärger.«
»Du hast ja recht«, sage ich und spüre in mir eine Leere, die ich nicht einmal mit den kühnsten Überlegungen füllen kann. »Aber hast du denn überhaupt die Adresse von diesem Giacomo?«
»Andrea hat sie mir gegeben«, sagt Filippo, »und ich habe ihm den Scheck bereits heute Morgen zurückgeschickt. Wenn er uns Geld hätte geben wollen, hätte er es uns doch in bar geben können. Aber ein Scheck auf meinen Namen? Ich hinterlasse keine Beweise.«
»Das hast du richtig gemacht. Gib mir die Adresse, ich schicke den Scheck auch zurück.«
Ich habe es nicht getan. Seit diesem Tag haben wir nicht mehr darüber gesprochen. Filippo ist ein Mensch mit unglaublichen Fähigkeiten, in vieler Hinsicht. Er hat ein Gedächtnis, das ins Guinnessbuch der Rekorde gehört, und vor allem besitzt er eine tiefe Menschlichkeit. Aber ich glaube, dass auch Filippo den Scheck nicht zurückgeschickt hat.
Ein paar Monate später wechselt Andrea den Job. Er gibt seine Tätigkeit bei der Gerichtspolizei* auf und übernimmt eine wichtige Aufgabe in der Sicherheitsabteilung eines großen Unternehmens. Tommaso wird den gleichen Weg gehen. Und Mattia schafft es sogar, sich zum italienischen militärischen Nachrichtendienst versetzen zu lassen, wofür ihn alle seine Kollegen bewundern und beneiden. Vor allem in so jungen Jahren ist ein derartiger Karrieresprung nicht einfach. Wer weiß, wer ihn empfohlen hat. Vielleicht haben Mattia und Andrea zum selben Heiligen gebetet. Zum heiligen Jakobus, San Giacomo, dem edlen Spender der Schecks. Davon bin ich fest überzeugt.
Andrea ist es, der die Gruppe zusammenhält. Uns verbindet eine besondere Freundschaft. Gewöhnlich haben Polizei und Carabinieri nichts miteinander zu tun. Das gegenseitige Misstrauen durchdringt auch das Privatleben. Bei uns ist es anders. Wir haben jahrelang rote und schwarze Terroristen gejagt, Kommunisten mit dem Revolver und Faschisten mit Sprengstoff. Wir haben dieselben Gefahren überstanden. Und deshalb haben wir gelernt, einander zu vertrauen. Tage- und nächtelang saßen wir Seite an Seite in den Büros der Staatsanwaltschaften halb Italiens. Eingesperrt in abhörsicheren Räumen, haben wir Berichte geschrieben, Telefonate abgehört und Informationen ausgetauscht. Wir waren die erste wirklich behördenübergreifende Einheit.
Jetzt, wo Andrea und Mattia weg sind, fühlen wir uns ein wenig allein. Als Vermächtnis haben sie uns Giacomo hinterlassen. Gelegentlich ruft er in der Dienststelle an. Ich finde heraus, dass er uns in regelmäßigem Wechsel anruft. Ich versuche, mich ihm zu entziehen. Giacomo bittet um Gefälligkeiten. Er will wissen, auf wen ein Wagen zugelassen ist, er möchte eine Telefonnummer. Und da er weiß, dass wir mit den Polizeibehörden ganz Europas in Kontakt stehen, möchte er vor allem Informationen aus dem Ausland.
Ich lege meine rechte Hand auf Simone Paces Arm, um ihn zu unterbrechen. In diesem Moment hören wir hinter uns das Geschnatter einer Gruppe von Rentnern und die um Ruhe bittenden Rufe ihrer Begleiterin. Die unschönen Stimmen stören das marmorne Gemurmel in der Basilika. Dann kehrt wieder die gedämpfte Mischung aus unverständlichen, leise gesprochenen Sätzen, Gebeten, Kommentaren und raschelnden Geräuschen ein. Wie auf einer Wasseroberfläche, nachdem man einen Stein hineingeworfen hat.
»Wenn ich es richtig verstanden habe, waren Sie und die anderen also Polizisten und Carabinieri?«, frage ich.
»Nicht alle. Giacomo nicht«, erwidert Simone Pace.
»Aber Sie waren Polizist.«
»Ja, ich war Polizeibeamter. Ich habe mich mit Beginn des Militärdiensts zur Polizei gemeldet* und bin eine Ewigkeit geblieben. Daher kenne ich die anderen alle. Ich gehörte bald zu einem Kreis unzertrennlicher Freunde: die Verschwörerbande, so nannte man uns in unseren Dienststellen.«
»Andrea, Mattia, Tommaso, Filippo … euer Mittagessen in Mailand kommt mir vor wie das Letzte Abendmahl. Ihr tragt Namen der zwölf Apostel. Ich frage mich, wer von euch Jesus ist.«
»Definitiv Andrea. Irgendwann haben wir angefangen, ihn Gesù Bambino zu nennen, Jesusknabe. Aber heute ist er sehr viel besser dran als der Sohn Gottes«, sagt Simone Pace und lächelt.
»Und wer ist Giuda? Judas, der Verräter?«
»Giuda war der Spitzname unseres Herzensbrechers.«
»Nein, ich meine den tatsächlichen Verräter«, sage ich.
Simone Pace dreht sich ruckartig zu mir und starrt mich durch seine Brille an, wie er es noch nie zuvor getan hat. »Sie denken bestimmt, das bin ich«, sagt er ohne jeden Grund. Seine Stimme ist jetzt noch tiefer und nachdrücklicher. »Lassen Sie sich nicht vom äußeren Schein täuschen. Die Aufeinanderfolge von Geschehnissen, so zufällig sie zu sein scheinen, ist das Ergebnis von Aktionen, an die wir geglaubt haben. Wenn ich mich entschlossen habe, Ihnen zu erzählen, was wir erlebt haben, dann deshalb, weil ich mich weder von meiner noch von unserer Vergangenheit jemals abgewandt habe. Die Verräter sind andere. Das werden Sie selbst sehen. Aber lassen Sie mich fortfahren. Vor uns liegt ein ganzer Tag.«
* Neben den Staatsanwälten und dem Verwaltungspersonal verfügt jede Staatsanwaltschaft über eine Gruppe von Ermittlungsbeamten der verschiedenen Polizeikräfte, hauptsächlich der Staatspolizei, der Carabinieri und der Finanzwache. Sie bilden die Abteilung der Gerichtspolizei. Die Ermittlungsbeamten, die bei dieser Abteilung Dienst tun, sind dem Staatsanwalt direkt unterstellt und nehmen in seinem Auftrag die Ermittlungshandlungen vor, mit denen sie betraut werden. Die polizia giudiziaria übernimmt damit Aufgaben, wie sie in Deutsch-land die Kriminalpolizei innehat. (A.d.Ü.)
* Anfang der 1980er-Jahre wurden aufgrund fehlender Polizisten auch Militärrekruten für polizeilichen Aufgaben eingesetzt. (A.d.Ü.)
SCHNEE IN MAILAND
Ich erinnere mich noch an die Kälte. Am Sonntag, dem 13. Januar. In den Wochen zuvor ist die Temperatur auf mehr als fünfzehn Grad unter null gefallen. Der Frost scheint nicht mehr weichen zu wollen. Sogar in Rom hat es geschneit. Und am 13. Januar 1985 beginnt es auch in Mailand zu schneien. Glücklicherweise gehöre ich zu denen, die in den Abhörräumen des Justizpalastes der Telefonüberwachung zugeteilt sind. So bin ich wenigstens im Warmen.
Die Stimmen im Raum krächzen und vermischen sich. Wir hören mehr als dreißig Telefonnummern von Leuten ab, die der Terrororganisation Comunisti organizzati per la liberazione proletaria nahestehen. Ihre Gespräche werden von einem Magnetband aufgezeichnet, das lautlos zwischen den beiden Spulen von Tonbandgeräten des Modells Uher RT 2000 läuft, das heute jeden Sammler glücklich machen würde.
Die Köpfe der COLP sitzen im Gefängnis. Aber wie noch heute üblich, wurden ein paar weniger bedeutende Mitglieder nicht verhaftet. Um die Ermittlungen weiterzuführen, Spuren zu verfolgen und zu verstehen, wie die Gruppe reagiert und sich reorganisiert.
Meine Schicht hat gerade begonnen. Ich setze die Kopfhörer auf und fange an, die Telefonate zu transkribieren. Bei dieser Tätigkeit vergeht die Zeit wie im Flug, und um Mitternacht werde ich abgelöst. Von den Kollegen, die dann ihren Dienst antreten, kommt Talpa als Letzter herein. Der Maulwurf. Wir nennen ihn so, weil er sich auf Dauer in den Abhörraum hat versetzen lassen. Er hat es so gewollt. Es gefällt ihm. Wir dagegen hassen diese Arbeit. Wir sind junge Leute mit dem Wunsch, das Vaterland zu retten, und erpicht darauf, draußen zu sein, auf der Straße. Oder Überwachungsmaßnahmen durchzuführen und mutmaßliche Terroristen zu observieren, zu kontrollieren und zu beschatten. Stundenlang jemandem zu folgen, ohne dass er es merkt, das ist für uns das höchste der Gefühle. Wir wollen nicht herumsitzen und irgendwelches Geschwätz transkribieren.
Ich begrüße Talpa mit einem Klaps auf die Schulter. Alle Telefone schweigen, vielleicht weil tiefe Nacht ist. Talpa hat Glück, er wird eine ruhige Schicht haben.
»Was ist, gehst du?«, fragt er mich. »Bleib doch, lass uns eine Partie Karten spielen. Komm schon, ich werde dich beim Scopa schlagen.«
Es klingt wie ein Befehl. Übrigens ist er ein Stück älter als ich. Ich lehne ab. »Ich gehe. Es schneit. Ich bin müde, entschuldige.«
Ein andermal wäre ich dageblieben. Heute nicht. Ich kann nicht. Am Nachmittag, bevor ich zum Justizpalast aufgebrochen bin, war ich noch kurz im Büro. Und als ich gehen will, höre ich draußen im Flur, wie ein Kollege meinen Namen ruft.
»Andrea ist am Telefon, er will dich dringend sprechen«, sagt er, als er mich gefunden hat.
»Was hast du zu ihm gesagt?«
»Dass du hier bist«, gibt er zurück.
Andrea, das Jesuskind der Gruppe, versucht mich seit zwei Tagen zu erreichen. Bisher habe ich mich verleugnen und ausrichten lassen, dass ich im Außendienst bin. Aber nun hat er mich erwischt. »Ich komme gleich«, sage ich zu meinem Kollegen.
Wie immer spricht Andrea in einem Ton, der mich stört. Er ist seit ein paar Monaten nicht mehr bei der Gerichtspolizei, denkt aber immer noch, er wäre unser Chef. »Du bist der Einzige, der mich nie besucht, verflucht noch mal«, weist er mich zurecht. Verflucht noch mal ist seine Lieblingsfloskel, die er oft ins Gespräch einstreut.
»Entschuldige, Andrea, aber wir sind ständig draußen. Mir bleibt nicht mal Zeit zu schlafen.«
»Ich habe gehört, dass sie dich zum Dienst im Justizpalast verdonnert haben. Was hast du denn angestellt?«, fragt er lachend.
Es stimmt: Außer Talpa betrachten alle den Dienst im Abhörraum als eine Strafe. Ich antworte nicht.
»Ich muss mit dir reden«, sagt Andrea jetzt.
»Heute nicht. Ich bin spät fertig, um Mitternacht. Vielleicht ein anderes Mal«, versuche ich ihn zu vertrösten.
Aber er ignoriert meine Antwort und fährt fort: »Bist du zu Fuß da?«
»Nein, mit dem Auto.« Und mechanisch, ohne zu wissen, warum, nenne ich ihm das Modell und die Farbe, als wäre Andrea mein Vorgesetzter, dem ich Rechenschaft schuldig bin.
»Ich warte um Mitternacht in der Via Freguglia auf dich, vor dem Justizpalast. Ich muss mit dir sprechen.« Er lässt nicht locker. Und während ich noch nach einer Ausrede suche, hat er bereits aufgelegt.
Die Flure des Justizpalastes, menschenleer und nachts ziemlich unheimlich, verstärken den Widerhall meiner Schritte. Die Luft scheint dumpfer als sonst. Ich schaue durch die Fenster hinaus, bevor ich am Ausgang bin. Die riesige Statue der Justitia im Hof des Gerichtsgebäudes wirkt nicht so grau und streng wie sonst, sie hat sich in eine Dame ganz in Weiß verwandelt. Ich reiße die Augen auf, um das Bild scharfzustellen. Es muss eine Menge Schnee gefallen sein.
Der Haupteingang ist natürlich geschlossen. Ich wende mich nach links ins große Atrium und passiere die wachhabenden Carabinieri, die gewöhnlich am Einfahrtstor Posten stehen. Aber es ist zu kalt, und so haben auch sie sich ins Innere geflüchtet.
Ich grüße mit einer Bewegung des Kinns. Ich öffne die Glastür. Die Stufen sind kaum zu erkennen. Wo ist mein Auto? Ich war sicher, dass ich es vor dem Justizgebäude geparkt hatte. Ich fange an, mit den Händen dicke Schneeschichten von den Autos zu schaufeln. Endlich habe ich meines gefunden. Die Verabredung mit Andrea ist mir fast egal, so abgelenkt bin ich von dieser ungewohnten Szenerie. Es sind dicke, gemächlich fallende Flocken. Aber bevor sie sich auf dem Weiß der Straße niederlassen, überlegen sie es sich noch einmal anders und steigen in lautlosen Kapriolen erneut auf. Ich puste in die Luft, um die Wirkung zu beobachten. In der Stadt habe ich es schon seit Jahren nicht mehr so stark schneien sehen. Es ist ein magischer Tanz. Ich hebe die Nase ins Gegenlicht der Laternen und sehe die Kristalle in den einzelnen Flocken glitzern. Es sind Kristalle von Sternen, Zuckerkörnchen, Quarzrhomben, die sich aneinander anlagern, bis sie Wolken aus schwebenden Blütenblättern bilden. Und wenn sie die Erde erreichen, bleiben sie mit ihren eisigen Reflexen liegen und warten darauf, von anderen Flocken überlagert zu werden.
Es schneit so stark, dass man zusehen kann, wie die Schneeschicht wächst. Ich setze mich mit dem Gedanken ans Steuer, wie ich am nächsten Morgen ins Büro kommen soll. Ich rutsche ein wenig, während ich in die Einbahnstraße Richtung Via San Barnaba einbiege. Und da steht er, mitten auf der Straße: Andrea ist schon da.
Die Gehsteige sind unpassierbar. Ich fahre so langsam, dass ich nicht einmal bremsen muss. Er öffnet die Beifahrertür, und beim Einsteigen bringt er einen Schwall Guerlain Vetiver mit. Er trägt immer so viel davon auf, dass wir, als er noch bei uns gearbeitet hat, schon an der Parfümwolke wussten, ob er da ist oder nicht. Durch die geöffnete Tür dringt auch ein eiskalter Luftzug in den Wagen, der mir von den Beinen bis in den Magen steigt, sodass ich fast einen Krampf bekomme.
Andrea grinst. Ich weiß nicht, was es zu grinsen gibt. Aber er ist immer fröhlich und selbstsicher. Ich biege nach rechts ab. Dann noch einmal nach rechts in die Via della Guastalla bei der Synagoge. Und dann noch mal nach rechts auf den Corso di Porta Vittoria. Auf der rechten Straßenseite, gleich hinter dem Haupteingang des Justizpalastes, halte ich an. Die große beleuchtete Uhr auf dem gegenüberliegenden Gebäude springt auf 00.15, die angezeigte Temperatur beträgt zwei Grad unter null. Sie ist stark gestiegen, verglichen mit der Kälte der vergangenen Nächte.
»Wie ist dein neuer Job?«, frage ich ihn. Er antwortet nicht sofort. Er wartet darauf, dass ich ihn mustere. Er will sicher sein, dass ich auch unter diesen Umständen seine Kleidung bemerke. Sportlich, aber elegant. Blauer Kaschmirmantel. In der Jackentasche unter dem Mantel der unverwechselbare Montblanc-Kugelschreiber. Und die Rolex Daytona, auf die er mächtig stolz ist und die mittlerweile mit seinem Handgelenk verwachsen sein muss.
»Mit einem Kugelschreiber fängt es an«, sagt Andrea, fast als könne er meine Gedanken lesen. Ich verstehe. Er versteht, dass die Botschaft angekommen ist. Und damit wechseln wir das Thema.
»Hör zu, Simone«, beginnt Andrea. »Giacomo hat in Mailand ein Büro aufgemacht, in der Via Turati, und am Donnerstag dem 17. ist die Eröffnung. Er möchte, dass du dabei bist. Und ich auch.«
Ein Büro? Sie haben sich also an mich erinnert. Vielleicht springt ja etwas dabei heraus. Vielleicht werde ich wie Andrea den Job wechseln und ein normales Leben führen können. Nicht wie heute, wo ich sonntags in einem Raum eingesperrt bin und Telefonate transkribiere, während der Rest der Welt sich amüsiert. Mir ist augenblicklich klar, dass ich nicht lange überlegen darf. Andrea wartet auf meine Antwort. Ich spüre, dass ich an einem Scheideweg stehe. Und wenn man sich verlaufen hat, wenn man nicht mehr weiß, wohin man unterwegs ist, ist es egal, welchen Weg man einschlägt. Auch wenn man keine Ahnung hat, wohin er einen führt. Auch wenn Giacomo mir überhaupt nicht gefällt.
»Ja, danke. In Ordnung«, sage ich und lege meine rechte Hand auf seine linke Schulter, wie um einen Pakt zu besiegeln.
»Also dann ciao«, verabschiedet sich Andrea. »Und komm nicht ins Rutschen«, fügt er hinzu und deutet auf die verschneite Straße. Er muss immer das letzte Wort haben. Er steigt aus und verschwindet hinter der Ecke der Via Manara.
Wohin geht er? Zu Fuß, bei dieser Kälte. Ich bin versucht, ihm zu folgen. Aber es ist eine Einbahnstraße, und ich stehe direkt unter dem Einfahrtsverbotsschild. Ich fahre um den Häuserblock herum. Auch ich möchte ihn überraschen. Aber Andrea ist verschwunden. In der Ferne, in der vom stetigen Schneefall diesigen Luft, sieht man nur die Scheinwerfer eines Geländewagens. Das Bild ist verschwommen, und ich erkenne weder das Modell, noch kann ich das Nummernschild lesen.
Am Tag der Begegnung mit Giacomo, am Anfang der Via Turati, zwei Schritte vom amerikanischen Konsulat entfernt, laufe ich Filippo über den Weg. Er ist noch dicker eingemummelt als sonst und trägt wieder den Schal um den Hals, von dem er sich niemals trennt. Er scheint nicht überrascht, mich zu sehen. Ich bin es schon. Ich sehe ihn fragend an. Er hebt den Blick zu den Schneeflocken, die beharrlich vom Himmel fallen. Er zieht eine Grimasse, die ein Lächeln sein will, und schiebt mich in Richtung der Eingangstür des Hauses mit der Nummer, die Andrea mir genannt hat. Die Via Turati ist eine elegante Straße, die von der Piazza della Repubblica mitten ins Mailänder Modeviertel führt: Via Manzoni, Via della Spiga, Via Monte Napoleone, Lichter und Schaufenster, Mode und Milliarden – bis zur Statue des bärtigen Leonardo da Vinci, die die Piazza della Scala beherrscht.
»Schau«, sage ich, »da ist ein Schild: James & Brothers – sechster Stock.«
Filippo, der kein Englisch kann, will wissen, was das bedeutet.
»Gebrüder Giacomo«, sage ich.
Der Lift öffnet sich. Eine Etage mit blauem Teppichboden und dem gedämpften Licht von Wandleuchten. Eine der drei gepanzerten Türen ist halb geöffnet, von innen sind Stimmen zu hören. Eine ist unverwechselbar die von Mattia mit seinem süditalienischen Akzent. Ein starker Tabakgeruch überlagert fast das Parfüm. Natürlich Guerlain Vetiver. Andrea, unser Jesusknabe, ist also schon da.
Die Räume sind völlig kahl. Ein Konferenztisch. Ein paar Stühle. Telefon. Fax. Außer nach Rauch und Parfüm stinkt es nach nassem Hund, vielleicht der feuchte Teppichboden. Ein Geruch so ekelerregend, dass ich möglichst schnell wieder wegwill.
Giacomo hat sich zum Fenster gedreht, die brennende Zigarre zwischen den Fingern. Und vor dem Fenster das Zentrum von Mailand, komplett weiß. Ich begrüße ihn mit einem festen Händedruck. Ich sehe ihm scharf in die Augen.
»Es hört nicht mehr auf«, sagt er und deutet auf den Schnee, der seit vier Tagen fällt. Auf den Straßen liegt er siebzig Zentimeter hoch, außerhalb der Stadt mehr als einen Meter. In den Zeitungen und im Fernsehen sprechen sie bereits von einem Jahrhundertschnee.
Ich bin überrascht. Fast alle, die bei dem ersten Treffen im Restaurant Ibiza dabei waren, sind hier versammelt. Damit ist klar: Sie haben sich weiterhin getroffen, aber mir hat niemand etwas gesagt. Trauen sie mir etwa nicht? Und warum beziehen sie mich jetzt wieder ein? Ich bemühe mich, meine Verblüffung zu verbergen. Das Gefühl der Übelkeit wegen des Hundegeruchs und die Nervosität, die mir vom Magen in den Kopf steigen, werden immer stärker. Aber wie ein versierter Schauspieler fange ich an, einen nach dem anderen zu betrachten, und versuche, jede Emotion zu kaschieren.
Wir setzen uns an den Tisch: Giacomo, Mattia, Tommaso, Filippo, Andrea und ich. Mattia, der Freund von Andrea, der zum militärischen Nachrichtendienst gewechselt ist, ist extra aus Rom gekommen. Andere fehlen, besonders Giovanni und Giuda. Wir behalten unsere Anoraks an. Die Heizung läuft nicht.
Giacomo lässt den Blick umherschweifen, er sucht einen Aschenbecher. Da keiner zur Hand ist, legt er seine Zigarre auf den Tischrand neben sich. Er öffnet einen bordeauxroten Aktenkoffer mit einer ovalen silbernen Plakette und dem Schriftzug »Cartier«. Mit theatralischer Geste nimmt er einen Stapel Papiere heraus. Es sind Mappen. Auf jedem Umschlag steht ein Name von uns. Bevor er sie uns aushändigt, überprüft Giacomo die abgehefteten Blätter und nickt gelegentlich zum Zeichen der Zustimmung. Er sieht sie offenbar auch zum ersten Mal. Währenddessen erzählt Andrea weiter von seinem neuen Job. Und endlich händigt Giacomo uns die Mappen aus. Einige hat er beiseitegelegt und schließt sie wieder in seinen Aktenkoffer. Vielleicht sind sie für die Abwesenden bestimmt.




