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Ich fluche still in mich hinein. Wie, es schließt um siebzehn Uhr? Habe ich mich mit den Tagen verzählt? Haben sie sich mit dem Geburtsdatum meiner Frau vertan? Habe ich etwas falsch verstanden? Ich versuche, Ruhe zu bewahren. Ja, ich fange an zu lachen wie ein Trottel. Ich denke: Aber hätten sie denn nicht eine Stadt mit weniger Gold aussuchen können? Ich beschließe, zu Hause anzurufen. Ich kehre ins Hotel zurück und rufe von der Lobby aus an. Es ist keine richtige Lobby, nur ein kleiner Aufenthaltsbereich. Die Rezeption befindet sich rechts, gleich nach dem Eingang. Hinter der Theke die Postfächer der Zimmer mit den Schlüsseln und daneben, rechts von den Fächern, die Tür zum Büro mit einem Fenster, das auf Wadenhöhe zum Bürgersteig geht. Gegenüber der Rezeption die steile schmale Treppe mit einem abgewetzten roten Veloursläufer, auf der kaum zwei Personen nebeneinander Platz haben. Links von der Treppe liegt der Korridor, der als Frühstücksraum genutzt wird. Das ist alles. An der Wand am Ende des Korridors ist das große Telefon.
»Ciao. Alles in Ordnung? Hat jemand für mich angerufen?« Meine Frau antwortet mit einem Ja und einem Nein. Und legt auf. Als ich sie gebeten habe, diskret zu sein, meinte ich nicht, dass sie im Telegrammstil sprechen soll. Aber so ist sie eben.
Ich verlasse das Hotel und gehe los. Ich habe kein Ziel, und während ich überlege, was ich machen soll, verliere ich die Orientierung. Ich hebe den Blick. Schaue mich um. Ich bin ganz in der Nähe der Maria-Theresien-Straße 36, fast vor dem Café im Hof. Im Hotel lag ein Flyer mit diesem Namen. Man muss bei Hausnummer 38 den Bogengang eines historischen Gebäudes passieren und betritt einen ruhigen Innenhof. Die cremefarbenen Markisen mit dem Namen des Lokals überwölben die beleuchteten Bögen des Eingangs an der linken Fassade. Es ist zwanzig Uhr. Ich habe seit dem gestrigen Abendessen nichts Richtiges mehr zu mir genommen, und der Duft von Gebäck und frischem Brot weckt meinen Hunger.
Ich trete ein und gehe auf die Kasse am Ende des Ladentischs zu. Stelle mich in die Schlange. Vor mir sind zwei sehr junge Mädchen. Sie reden und lachen. Und vor ihnen ein Mann. Er hat mir den Rücken zugekehrt, ich kann sein Gesicht nicht sehen. Aber er kommt mir irgendwie bekannt vor. Die kurzen, im Nacken rechteckig geschnittenen Haare. Die leicht gerötete Haut, als hätte er sich frisch rasiert. Er trägt einen braunen Anzug, und unter dem Jackenkragen spitzt der Kragen eines babyblauen Hemds hervor. Eine furchtbare Kombination. Ich höre deutlich, wie er mit unverkennbar amerikanischem Akzent auf Deutsch einen Kaffee bestellt. Als er zur Kasse weitergeht, dreht er den Kopf zu den beiden Mädchen hinter sich. Und zu mir. Diese Krawatte würde ich unter tausend anderen wiedererkennen. Für einen Moment kreuzen sich unsere Blicke. Ich kenne ihn nicht. Wer ist dieser Mann? Und warum trägt er die Krawatte, die ich Patrick geschenkt habe?
Auch ich bestelle einen Kaffee und suche mir rechts von ihm, auf die Theke gestützt, einen Platz. Er dreht sich nicht um, er schaut mich nicht an. Er trinkt seinen Kaffee und geht. Ich bleibe noch ein paar Augenblicke und denke nach. Versuche, Ordnung in meine Gedanken zu bringen. War das Zufall? Eine banale Koinzidenz? Nein, nichts geschieht zufällig. Ich kann nicht ausgerechnet jetzt meiner Lebensphilosophie abschwören.
Ich verlasse gleichfalls das Café und wende mich nach rechts, um ins Hotel zurückzukehren. Es ist so kalt, dass ich die Augen zusammenkneifen muss. Ich sehe ihn erst, als ich nur noch wenige Schritte von ihm entfernt bin. Er kommt mit ausgestreckter Hand auf mich zu.
»Ciao, ich bin Enrique. Der Besitzer der Krawatte lässt dich grüßen.«
Ich reiche ihm meine Hand, die schon anfängt zu erfrieren.
»Wir sind zu früh, aber umso besser, nicht wahr?«, sagt Enrique. »Verzeih mein Italienisch. Ich bin Venezolaner.« In Wirklichkeit spricht er ausgezeichnet Italienisch. Wir gehen am Hotel vorbei und biegen in die Maximilianstraße ein. An seinem geröteten Gesicht merke ich, dass auch er anfängt zu frieren. Und fast als würde er meine Gedanken lesen, schlägt er vor, uns wiederzusehen.
»Frühstücken wir doch morgen zusammen«, sagt er.
»Ja, gern. Wo treffen wir uns?«
Er hebt den Kopf und deutet auf die Triumphpforte. »Hier, am Goldenen Tor. Um zehn.«
Ich möchte ihm am liebsten einen Kopfstoß auf die Nase geben. Sie haben den Namen durcheinandergebracht und meinten die Triumphpforte. Aber ich schlucke meinen Ärger hinunter und sage nichts.
»Also dann bis morgen«, verabschiede ich mich. Zwei Schritte, und schon ist er meinen Blicken entschwunden, vom eisigen Nebel verschluckt.
Ich kehre ins Café im Hof zurück. Ich muss etwas essen. Die Wärme des Lokals umfängt mich. Es sieht nicht aus wie ein Café, eher wie eine Wohnung. Alte Gemälde an den Wänden. Ein sechsarmiger Leuchter erhellt den durch einen Bogen geteilten Raum. Ich steuere auf das Tischchen mit zwei Stühlen linker Hand zu, in der Nähe des großen Fensters. Es geht auf den Hof hinaus, wo im Sommer wahrscheinlich Tische und Stühle stehen. Ich entspanne mich und schaue mich um, und mein Blick fällt auf eine junge Frau, die mir den Rücken zudreht. Sie sitzt an dem Tisch direkt am Eingang. Auch sie kommt mir irgendwie bekannt vor. Wo habe ich sie schon einmal gesehen? Während ich noch überlege, dreht sie sich um. Sie fixiert mich für einen kurzen Moment.
»Haben Sie das Goldene Tor gefunden?«, fragt sie mit einem reizenden Lächeln.
Ja natürlich, es ist die Frau vom Tourismusbüro. Sie trägt die blonden Haare offen. Schwarze Satinhose und weiße Bluse. Ich stehe auf und gehe zu ihr.
»Du bist vom Tourismusbüro?«, frage ich, weil mir nichts anderes einfällt, um ein Gespräch zu beginnen.
Auch sie steht auf. »Ja«, sagt sie. Und breitet die Arme aus, mit den Handflächen nach oben, als wollte sie sagen: Klar, erkennst du mich nicht?
»Bist du … bist du Österreicherin?«, frage ich. Ihre Schönheit bringt mich etwas in Verlegenheit.
»Österreicherin? Sehe ich aus wie eine Österreicherin? Ich bin Italienerin aus Vipiteno, Sterzing. Ich heiße Lena. Sieht aus, als wärest du auch allein hier. Willst du dich zu mir setzen?«
Ich nehme die Einladung gern an, froh, nicht Deutsch sprechen zu müssen.
Die Kellnerin ist gekommen, ihren Bestellblock in der Hand.
»Bitte sehr«, sagt sie.
Ich antworte nicht, weil ich nicht weiß, was ich bestellen soll.
»Lass mich machen«, mischt sich Lena ein, »darf ich?«
»Ja natürlich«, sage ich, amüsiert über diese neue Situation.
Wenig später kommt ein Teller Knödel mit Salat und als Nachtisch der obligatorische Apfelstrudel. Lena und ich sind jetzt die einzigen Gäste.
»Möchtest du einen Schnaps. Einen Grappa, wie es bei euch heißt?«
»Okay«, antworte ich etwas verlegen, »aber du bist eingeladen.«
»Nein, nicht hier«, sagt sie. »Du hast doch ein Zimmer hier ganz in der Nähe, oder? Gehen wir zu dir. Ich habe eine Flasche im Auto.«
Ohne meine Antwort abzuwarten, steht sie auf und begibt sich zur Kasse.
»Bitte, lass. Gestatte mir, dass ich zahle. Du warst so nett, mir Gesellschaft zu leisten«, sage ich.
»Danke«, antwortet Lena und fixiert mich lange. Wir verlassen gemeinsam das Lokal.
Ihr Mini Cooper steht gegenüber dem Lokal. Sie holt eine Tasche aus dem Kofferraum und rennt auf ihren hohen Absätzen zu mir zurück. In der Hotellobby ist niemand mehr, umso besser. Wir gehen hinauf in mein Zimmer im ersten Stock. Ich überlasse ihr den Stuhl neben dem Schreibtisch und setze mich aufs Bett. Sie schaut sich um und entdeckt zwei Gläser auf dem Serviertablett der Minibar. Sie öffnet die Flasche und fängt an, Grappa einzuschenken. Dabei erzählt sie, dass sie fast zweiundzwanzig Jahre alt ist. Vater Italiener, Mutter Österreicherin. Sie hat die Hotelfachschule abgeschlossen und in ihrem Drang nach Unabhängigkeit diese Arbeit im Tourismusbüro von Innsbruck gefunden. Sie erzählt, dass sie mit zwei anderen Mädchen zusammenwohnt. Aber sie scheint keine Lust zu haben, gleich wieder nach Hause zu gehen. Sie fragt mich aus. Wie ich heiße. Was ich in Innsbruck mache. Ob ich verheiratet bin. Was für einen Beruf ich habe. Es fällt mir nicht schwer zu antworten.
»Ich heiße Gianni. Ich bin Junggeselle, arbeite für eine Schreibmaschinenfirma und bin zur Fortbildung in Innsbruck.«
Das ist mehr oder weniger die Geschichte, die ich immer erzähle, wenn jemand wissen will, wer ich bin und was ich mache. Natürlich abgewandelt, je nach Situation. Man muss auf diese Fragen immer antworten, sonst erregt man unnötig Verdacht und Misstrauen bei seinem Gegenüber. Es sind ritualisierte Fragen, das weiß ich aus Erfahrung, und der Fragesteller, wenn er nicht wirklich motiviert ist, hört der Antwort nicht einmal zu. Wenige Minuten später hat er ohnehin alles wieder vergessen.
Lena möchte nur Freundschaft schließen. Sie redet immer weiter über sich. Und schenkt Grappa nach. Sie ist bestimmt mehr daran gewöhnt als ich, sie verträgt den Alkohol ausgezeichnet. Bald geht mein Blick ins Leere, mein Mund ist halb geöffnet, als wollte ich alles schlucken, was sie sagt. Aber ich achte gar nicht mehr auf ihre Worte. Sie ist so schön. Sie hat eine wunderbare Stimme, fast als würde sie singen. Und ich lasse mich einlullen von diesem Wiegenlied. Ich versuche, mich zusammenzureißen, aber inzwischen liege ich bereits ausgestreckt auf dem Bett.
Sie bemerkt es nicht sofort.
Ich schaue auf die Uhr. »Es ist eins.«
»Willst du, dass ich gehe? Bist du müde?«, fragt sie enttäuscht.
»Ja, danke für die nette Gesellschaft.«
Lena steht auf. Sie dreht sich mit ihrem federleichten Körper schwungvoll auf einem Fuß um und steuert auf die Tür zu. Ich höre, wie sie sich am Lichtschalter zu schaffen macht, und im nächsten Moment ist es dunkel. Ich sehe nichts mehr. Ich kapiere nichts. Ich höre nur ein Rascheln. Es sind ihre Schritte auf dem Boden. Sekunden später umhüllt ihr warmer Atem meinen Körper. Sie setzt sich auf mich. Ich klammere mich an sie. Sie ist nackt. Im raschelnden Dunkel hat sie ihren Pullover, die weiße Bluse, die Satinhose und alles ausgezogen, was sie sonst noch anhatte.
Blitzschnell streift Lena mir die Hose herunter. Jetzt bewegt sie sich langsam. Ich spüre, wie ihr magerer Körper sich meiner Wärme öffnet. Ihre Haut ist so dünn, dass ich, während sie sich schlängelnd und gleitend bewegt, das Gefühl habe, es wäre meine eigene. Ich drücke mit den Daumen auf ihren grazilen Oberkörper und ertaste ihre Rippenbögen. Ich fange ihren Atem in meinen Händen ein und umfasse ihre Brüste. Plötzlich gleiten die Scheinwerfer eines Autos über die zugezogenen Vorhänge hinweg. Für einen kurzen Moment taucht ihr Gesicht aus der völligen Dunkelheit auf. Ihr Kopf ist nach hinten gebeugt. Ihre Pupillen wirken starr unter dem Weiß der Lider. Die offenen Haare kleben ihr an den glühend heißen Wangen und umhüllen ihre Schultern wie der blonde Mantel einer Prinzessin. Sie keucht und bewegt sich, bis der Rhythmus ihres Atems sehr lange stockt. Ich spüre, wie mir das Blut in die Venen schießt, während Lena, nun wieder im Dunkeln, meine Arme noch fester umklammert. Ihre Fingernägel, ihre Finger übertragen das Pochen ihres Herzens tief in meinen Körper. Es gibt tatsächlich Engel. Als sich ihr Griff lockert, versuche ich, mir diesen Moment unauslöschlich einzuprägen.
»Wenn Sie mit den Schilderungen Ihres Liebesabenteuers noch lange fortfahren«, unterbreche ich ihn, »wird Moses uns seine Marmortafeln um die Ohren hauen, dass es uns unauslöschlich in Erinnerung bleiben wird.«
»Es gibt Momente, Fotografien des Lebens, die uns auf ewig begleiten«, gibt Simone Pace ernst zurück, aber ich muss lachen.
»Fahren Sie ruhig fort.«
Der nächste Tag ist ein Sonntag. Das dumpfe Läuten von Kirchenglocken weckt mich. Ich liege allein im Bett und habe den Verdacht, dass ich alles nur geträumt habe. Ein wunderschöner Traum. Ich gehe ins Bad. Was habe ich da im Gesicht? O Gott, ist es Blut? Bin ich verletzt? Ich stelle mein Bild im Spiegel scharf. Reibe mir die Augen, um vollständig wach zu werden. Betaste meinen Kopf, mein Gesicht. Erfreut sehe ich, dass es Lippenstift ist. Dann war es also kein Traum. Alles ist wahr. Zufrieden betrachte ich mich im Spiegel.
Ich erledige alles in Ruhe. Doch als Erstes möchte ich die Papiere, die ich aushändigen wollte, ins Klo spülen. Die Blätter mit den Daten der Terrorverdächtigen sind nutzlos geworden. Nach meiner Ankunft im Hotel habe ich sie zwischen den Seiten der Bibel versteckt, die ich in der Nachttischschublade gefunden habe. Patrick wird nicht nach Innsbruck kommen, so viel ist klar. Ich bin ein unnötiges Risiko eingegangen, das muss ich mir immer vor Augen halten.
Gut, aber ich rauche nicht. Wie soll ich die Blätter verbrennen? Ich kann sie nur in winzig kleine Schnipsel reißen. Ich lasse das Waschbecken mit heißem Wasser volllaufen und weiche sie ein, bis sie zu einem Papierbrei geworden sind. Den schütte ich ins Klo und spüle ihn hinunter. Diese alte Methode funktioniert immer.
Es ist ein herrlicher Tag. Die Sonne hat den Nebel besiegt. Und obwohl es eisig ist, öffne ich das Fenster und lasse die würzige Gebirgsluft in meine Lungen strömen. Der kalte Sauerstoff explodiert förmlich in meinem Körper, dringt mir bis ins Gehirn und reinigt das Blut. Meine Sinne sind erneut hellwach.
Ich bemerke Enrique sofort auf dem Bürgersteig. Jetzt trägt er eine beige Breitcordhose und eine feine cremefarbene Strickweste, darüber einen eleganten, leichten weißen Anorak, den er trotz der Temperatur vorne ein wenig offen gelassen hat. Ich kenne diese Daunenjacke. Es ist das Modell Moncler aus einer limitierten Auflage, die von 1986 bis 1987 produziert wurde.
»Guten Tag, gut geschlafen?«, fragt Enrique. Und dann flüstert er mir ins linke Ohr: »Ist es spät geworden heute Nacht?« Er zwinkert mir zu und gibt mir einen Klaps auf die Schulter.
»Ja, danke. Alles bestens«, antworte ich.
Ich denke kurz über seine Frage nach: »Ist es spät geworden?« Will er auf irgendetwas anspielen? Haben sie mir nachspioniert? Ehrlich gesagt, hoffe ich es nicht. Die Amerikaner sind sehr puritanisch, jedenfalls nach außen hin. Familienwerte, Moral. Und außerdem weiß ich nichts über diesen Enrique. Ich tue so, als hätte ich seine Anspielung nicht gehört.
»Kennst du ein Café, wo wir frühstücken können?«, frage ich ihn. Aber er schlägt unvermittelt einen anderen Ton an. Er schaut auf die Uhr.
»Würde es dir etwas ausmachen, wenn wir sofort in dein Zimmer gehen? Wir sind spät dran, er wird gleich da sein«, sagt er.
Dann also auch heute kein Frühstück. Außerdem: Spät dran wofür? Wer wird gleich da sein? Die Hotellobby ist voller Menschen im Aufbruch, die mit ihren Koffern Schlange stehen, um zu zahlen. Keiner achtet auf uns, als wir die Treppe hochsteigen. Kaum sind wir in meinem Zimmer, stürzt Enrique zum Fenster, zieht den Vorhang zu und schaltet den Fernseher ein. Die BBC überträgt eine Sondersendung anlässlich der Vereidigung von George Herbert Walker Bush in Washington. Geboren am 12. Juni 1924 in Massachusetts, war er Vorsitzender der Republikanischen Partei, Direktor der CIA und Vizepräsident von Ronald Reagan. Er gehört der Episkopalkirche an und ist nun der einundvierzigste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.
Enrique dreht sich zu mir um und hebt den Daumen. »Es wurde Zeit. Für uns brechen jetzt bessere Zeiten an«, sagt er leise. Ich quittiere seine Zufriedenheit mit einem Lächeln. Ich frage nicht, warum, aber er meint wahrscheinlich, dass Bush als ehemaliger CIA-Direktor dem Auslandsgeheimdienst seine Wertschätzung zeigen wird.
Jemand trommelt mit den Fingerknöcheln an die Tür. Enrique öffnet. Es ist ein etwa dreißigjähriger Mann. Groß. Kräftig. Brillenträger. Braune Cordhose und unter der Winterjacke ein Flanellhemd mit roten und gelben Karos. Draußen ist es kalt, aber er hat Schweiß auf der Stirn.
»Sehr erfreut, Logan«, stellt er sich vor. »Man hat mir gesagt, dass du Englisch sprichst. Das ist gut.«
Ich drücke ihm die Hand, die noch verschwitzter ist als seine Stirn. Enrique ist im Bad verschwunden und kommt mit sämtlichen Handtüchern im Arm wieder heraus. Er hat sie befeuchtet und legt sie unten an die Tür und unters Fenster, um jeden Spalt abzudichten, der uns mit der Außenwelt verbindet.
Logan kramt unterdessen in einem riesigen Rucksack, den er aufs Bett gestellt hat. Ich stehe mitten im Zimmer und verfolge die Szene, ohne zu verstehen, was vor sich geht. Endlich beruhigen sich die beiden.
»Er ist von der NSA, der National Security Agency«, erklärt Enrique mit Blick auf Logan. »Er ist aus Washington gekommen, um dir beizubringen, wie du mit uns kommunizieren kannst. Aber vorher muss er etwas anderes machen. Simone, weißt du, was ein Polygraf ist?«
Ich bin so überrumpelt, dass ich gar nicht verstehe, was Enrique sagt. Und ich verneine instinktiv. Die beiden sehen mich verwundert an. Stehe ich jetzt als Dummkopf da?
»La macchina della verìta«, sagt Logan auf Italienisch, aber mit einer falschen Betonung.
»Ach so, natürlich, der Lügendetektor«, wiederhole ich auf Englisch.
»Weißt du, wie er funktioniert?«, fragt Enrique.
»Ja. Das heißt, nein.«
»Ich muss dich fragen, ob du dich diesem Test unterziehen willst«, mischt sich Logan ein.
Was kann ich antworten? Habe ich eine Wahl? Ist das die Prozedur, die man durchlaufen muss, um bei der CIA arbeiten zu dürfen?
»Klar, ich bin einverstanden«, sage ich, als hätten sie mich aufgefordert zu gehen und nie mehr zurückzukommen.
Ich weiß wenig über Lügendetektoren. Mir fällt ein, was der Mossad-Mann in Rom bei einer Sitzung gesagt hat: »Ihr müsst euch bewusst sein, dass alles, was ihr tut, beobachtet wird, sobald ihr euch an den Ort begebt, wo der Test stattfindet. Im Wartesaal und in den Toiletten könnten versteckte Videokameras installiert sein. Und der Raum mit dem Lügendetektor hat ziemlich sicher eine Videokamera oder einen Einwegspiegel. Der Test beginnt, lange bevor ihr an den Apparat angeschlossen werdet, und er endet erst, wenn ihr wieder gegangen seid.«
Ist das tatsächlich so? Die Sache macht mich etwas nervös. Aber mir bleibt keine Zeit zu überlegen. Logan verkabelt mich bereits überall. Auch auf der Stirn. Der Instrukteur von der Nationalen Sicherheitsbehörde gibt sich jetzt nicht mehr freundlich und zugewandt. Er hat etwas Bedrohliches. Als wollte er mir Angst einjagen. Im Gespräch mit Enrique wiederholt er mehrmals, dass sich die Maschine niemals irrt. Vielleicht sagt er das, um mich unter Druck zu setzen. Je größer die Angst, bei einer Lüge ertappt zu werden, desto stärkere körperliche Reaktionen zeigt man normalerweise, wenn man gezwungen ist zu lügen.
»Wenn du willst, kannst du dir die Hände waschen, bevor wir anfangen. Dann wird die Maschine deine Schweißabsonderungen präzise messen«, sagt Logan zu mir. Sofort kommt mir der Gedanke, dass im Bad womöglich eine Videokamera installiert ist, die dokumentiert, dass ich mich für das Händewaschen entschieden habe: der Beweis, dass ich, noch ehe der Test begonnen hat, Angst vor meinen Reaktionen habe.
»Nein, muss nicht sein«, sage ich, »wir können anfangen.«
Enrique ist jetzt hinter mir. Ich sehe ihn nicht. Und um keine emotionale Regung zu zeigen, konzentriere ich mich auf meinen Atem. Ich muss einen Rhythmus von zehn, höchstens fünfzehn Atemzügen pro Minute beibehalten.
»Wie heißt du?«, fragt Enrique.
»Simone.«
»Hast du schon einmal Nudeln gegessen?«
»Ja.«
»Hast du jemandem von dieser Reise erzählt?«
»Nein.«
»Hast du jemals gestohlen?«
»Ja, als Kind.«
»Nein, nein, Simone. Du darfst nur mit Ja oder Nein antworten«, ermahnt mich Logan.
»Hast du jemals mit Drogen gedealt?«
»Nein.«
»Hast du Kinder?«
»Ja.«
»Hast du jemals deine Frau betrogen?«
»Nein.«
»Hast du gestern Abend Alkohol getrunken?«
»Nein«, antworte ich trocken. Ich möchte kein schlechtes Bild von mir abgeben. Deshalb habe ich die beiden letzten Fragen mit Nein beantwortet. Mich jetzt zu korrigieren wäre schlimmer.
»Bist du ein Spion?«, fragt Enrique weiter.
»Nein.«
So geht es zehn Minuten. Nicht länger. Aber mir kommt es vor wie eine Ewigkeit. Ich bin so angespannt, wie ich auf dem Bett sitze, dass mir der Rücken wehtut. Vielleicht lassen sie mich ganz bewusst in dieser unbequemen Position verharren. Und dann ist der Test zu Ende.
Logan befreit mich von den Sensoren. Er nimmt etwas zur Hand, das aussieht wie ein PC, und während er das Ergebnis des Tests liest, brummelt er vor sich hin.
»Enrique, komm mit ins Bad. Ich muss mit dir sprechen«, wendet er sich an seinen Kollegen.
Gut. Und was passiert jetzt? Gehört dieses Theater zum Test? Ich bleibe in meiner unbequemen Position auf dem Bett sitzen und erwarte das Urteil. Enrique kommt als Erster aus dem Bad.
»Du bist NDI«, verkündet er.
»NDI?«, frage ich besorgt.
»No Deception Indicated«, erläutert Enrique. Es gibt keine Hinweise auf Täuschung.
Ich entspanne mich.
»Bis auf eine Antwort, die nicht klar ist«, sagt Logan hinter ihm.
»Welche?«, frage ich.
»Kannst du es dir nicht denken?«, stellt Enrique die Gegenfrage. Und ich fange an, etwas vor mich hin zu brabbeln.
»Macht nichts«, beendet Logan das Gespräch und lässt mich, wohl absichtlich, im Ungewissen.
»Jetzt erkläre ich dir, mit welchem System du sicher mit uns kommunizieren kannst. Wir fangen heute an und machen morgen Vormittag weiter«, fügt er hinzu.
Morgen? Ist es wirklich so kompliziert, frage ich mich. Ich möchte nicht gleich sagen, dass ich noch heute Abend zurückfahren muss, wie ich es meiner Frau versprochen habe. Und auch nicht, dass ich übermorgen zur Arbeit muss. Aber einen Tag länger in Innsbruck zu bleiben wäre tatsächlich ein Problem. Es klopft an der Tür. Ich erstarre.
»Wer ist da?«, frage ich. Meine Kehle ist wie zugeschnürt.
»Enrique.«
Er kommt mit drei belegten Brötchen in einer Papiertüte herein. Ich habe gar nicht gemerkt, dass er das Zimmer verlassen hat.
»Da ist Käse drauf, ist das okay?«, fragt er.
Nach zwei Stunden habe ich kapiert, wie die Methode funktioniert. Wir machen mehrere Kommunikationsversuche, um sicher zu sein, dass ich es auch wirklich verstanden habe. Aber ich brauche keinen Tag länger zu bleiben. Enrique und Logan gratulieren mir zu meiner schnellen Auffassungsgabe. Dann lädt sich Logan den riesigen Rucksack mit den Geräten auf die Schulter und geht. Enrique fragt, wann mein Zug nach Mailand fährt. Ich schaue auf die Uhr, und obwohl ich noch fast drei Stunden Zeit habe, sage ich, dass ich sofort aufbrechen werde, wenn er gegangen ist. Mehr nicht. Und so verabschiedet sich auch Enrique und verlässt das Zimmer.
Um die Wahrheit zu sagen, habe ich vor der Abfahrt meines Zuges noch etwas zu tun. Ich gehe ins Tourismusbüro. Eine Gruppe von Jugendlichen, beladen mit jeder Menge Gepäck, verhindert, dass ich mit einem Blick sehe, ob Lena da ist. Obwohl ich weiß, dass sie mich halblaut beschimpfen werden, gehe ich an der Schlange vorbei nach vorn. Das missbilligende Gemurmel über mein Verhalten weckt die Aufmerksamkeit eines Angestellten hinter dem Schalter. Und noch bevor ich ihn sehe, steht er auf, richtet den Zeigefinger auf mich und weist mich an, mich wieder in die Schlange zu stellen.
Mit gesenktem Blick trete ich den Rückzug an. Ich habe keinen Grund, länger zu bleiben. Lena ist heute nicht im Dienst. Aber ich möchte nicht gehen, ohne sie wiederzusehen. Und obwohl die Wahrscheinlichkeit nicht besonders groß ist, beschließe ich, die Straßen im Umkreis des Hotels abzulaufen. Und stehe unversehens vor dem historischen Bogengang in der Maria-Theresien-Straße Nummer 38. Ich passiere ihn, durchquere den Hof und öffne langsam die gläserne Eingangstür zum Café im Hof. Der Duft von Zimt und frischem Brot steigt mir in die Nase. Bevor ich etwas bestelle, werfe ich einen Blick auf die Kuchen in der Vitrine. Ich schwanke zwischen dem köstlichen Apfelstrudel und einem Stück Sachertorte.
»Kann ich Ihnen helfen?«, fragt das Mädchen an der Kasse.
»Ja, danke. Ich möchte …« Ich deute auf den Apfelstrudel. Ein Lachen von jenseits der Wand, die den Gästeraum abtrennt, lenkt mich ab. Ein unverwechselbares Lachen. Ich entferne mich von der Theke, während ich weiter auf den Apfelstrudel deute. Eine unwillkürliche, schwungvolle Bewegung. Und als ich Lena am selben Tisch, an dem ich am Abend zuvor mit ihr saß, jetzt mit Enrique sitzen sehe, halte ich instinktiv inne. Die beiden sehen mich nicht.




