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»Bitte«, sagt Giacomo und fordert unser aller Aufmerksamkeit, »diese Informationen brauche ich so schnell wie möglich. Kontaktiert mich nicht. In der Mappe findet ihr eine Telefonnummer. Es schaltet sich ein Anrufbeantworter ein. Ihr hinterlasst eine Nachricht, und ich auch. Entschuldigt, aber ich muss gleich wieder los.« Und ohne uns Zeit für eine Antwort zu geben, hebt er die Hand zum Gruß und verschwindet.
Sprachboxen sind seit ein paar Monaten in Mode. Das haben auch die Kriminellen gemerkt. Es ist die sicherste Methode, um anonym Nachrichten zu senden und zu empfangen. Wir sind im Begriff aufzustehen und das Büro zu verlassen. Aber Mattia, der junge Geheimdienstler, hält uns zurück. »Wartet«, sagt er. Er breitet pathetisch die Arme aus und sagt mit halb ernster, halb amüsierter Miene: »Um die Sicherheit Italiens müssen wir uns kümmern.«
Wir schauen einander an. Jeder von uns, die wir hier sitzen, sucht in den Augen der anderen eine Erklärung für Mattias Worte. Doch was ich entdecke, ist eine Mischung aus Verwunderung und Angst.
Ich rolle die Mappe mit den Blättern zusammen und schiebe sie unter meinen Anorak. Filippo und ich gehen, ohne uns von den anderen zu verabschieden. Wir kehren zu Fuß in unsere Büros zurück. Wir versinken im Schnee und müssen aufpassen, dass wir nicht ausrutschen. Vor allem aber müssen wir uns vor den dicken Eiszapfen in Acht nehmen, die sich von Hausdächern und Dachgesimsen lösen. Während des langen Fußmarsches sage ich kein Wort. Ich möchte Filippo meine Verärgerung spüren lassen und gleichzeitig seinen Ärger anstacheln.
Abends, zu Hause, vernichte ich alle Spuren dieser Mappe. Ich reiße die Blätter in kleine Fetzen und weiche sie in dem mit heißem Wasser gefüllten Waschbecken ein. Den Papierbrei spüle ich ins Klo. Giacomo will, dass ich vertrauliche Informationen über ein hohes Tier des größten italienischen Chemiekonzerns sammle: Giuseppe Garofano, den späteren Finanzchef der Gruppe Ferruzzi-Monteison. Erst Jahre später, im Zuge der Korruptionsermittlungen von Mani pulite, wird er zugeben, Schmiergelder in Höhe von 150 Milliarden Lire, fast 80 Millionen Euro nach heutigem Wert, gezahlt zu haben: an Abgeordnete und Vertreter verschiedener Flügel der Christdemokraten, Sozialisten, Sozialdemokraten, Liberalen und Republikaner, jener fünf Parteien, die zwischen 1990 und 1992 an der Macht waren. Aber im Jahr 1985 sagt mir der Name Garofano gar nichts. Laut den Unterlagen, die jetzt durch das Abflussrohr der Toilette in die Kanalisation hinunterrauschen, ist es meine Aufgabe, das herauszufinden. Nein, ich lasse es lieber bleiben. Der Aufwand lohnt sich nicht. Doch für wen arbeitet Giacomo? Und für wen sind diese Informationen bestimmt?
Es ist Tommaso, der eines Tages meine Zweifel bestätigt. Wir sitzen im Auto. Wir reden nie über Giacomo. Aber an diesem Tag nehme ich meinen Mut zusammen und frage ihn: »Hast du ihn angerufen?« Ich brauche nicht einmal den Namen zu nennen oder das Treffen in der Via Turati zu erwähnen.
»Nein, nein«, antwortet Tommaso, »und ich will auch nichts davon wissen. Das ist der Geheimdienst, der steckt dahinter.«
Eine hingeworfene Bemerkung, mehr nicht. Ich antworte nicht darauf.
In den folgenden Monaten lassen weder Andrea noch Giacomo mehr etwas von sich hören. Auch Giuda rutscht die Bemerkung heraus, dass er von den beiden nichts mehr wissen will. Aber was ist passiert? Alle scheinen besser informiert zu sein als ich. Kann es sein, dass ich nichts kapiert habe? Und warum interessiert sich niemand mehr für mich? Vielleicht hat mein Schweigen den Eindruck erweckt, ich hätte Angst. Ich sei nicht vertrauenswürdig. Vielleicht denken sie, ich sei der Aufgabe nicht gewachsen.
Ich bin enttäuscht. Aber ich kann mit niemandem darüber reden. Und in Anspruch genommen von der täglichen Arbeit im Abhörraum des Justizpalastes, komme ich zu dem Schluss, dass es besser ist, all das aufzugeben und zu vergessen. Erst im Lauf der Jahre werde ich lernen, dass nichts zufällig geschieht.
DER LÜGENDETEKTOR
Wenn in meinem Büro das Telefon klingelt, bekomme ich jedes Mal eine kleine Angstinjektion. Es ist der Kommandant. Ich nenne ihn nicht Leiter, Direktor oder Vizepolizeipräsident. Ich nenne ihn nach wie vor Kommandant, als wäre die Polizei immer noch militärisch organisiert.* Ich bin ein altmodischer Mensch.
»Geh bitte zum Eingang«, sagt er mir am Telefon. »Es sind zwei Amerikaner da. Trink mit ihnen einen Kaffee, und in zehn Minuten bringst du sie zu mir.«
In der angstgeschwängerten Atmosphäre jener Jahre, nach den Anschlägen des nationalen und internationalen Terrorismus, sind die Kontakte zu den ausländischen Polizeibehörden immer enger geworden. Da ich Englisch und Französisch kann und Giuda gut Deutsch spricht, wurden wir damit beauftragt, innerhalb unserer Dienststelle die Kontakte zu den ausländischen Behörden zu pflegen. Die amerikanischen Besucher hat man ins Wartezimmer gebracht.
»Guten Tag«, sage ich und gebe ihnen die Hand. Ich murmle meinen Namen so, dass sie ihn nicht verstehen. Um anonym zu bleiben, man muss immer anonym bleiben. Es sind typische Amerikaner. Dunkler Anzug, weißes Hemd. Der große Dünne mit blonden Haaren und sehr hellem Teint gibt mir seine Visitenkarte. Links erkenne ich sofort das geprägte Wappen eines Adlers. Darunter Name und Funktion: Er ist Konsul an der amerikanischen Botschaft in Rom.
Von diesem Tag an werden ihre Besuche häufiger. Manchmal kommt der Konsul allein. Immer bin ich es, der ihn empfängt und ins Büro geleitet. Zwischen uns entsteht eine gewisse Vertrautheit. Wir sprechen Englisch, und er freut sich darüber. Er erkundigt sich nach dem Leben, das ich führe: ob ich verheiratet bin, ob ich Kinder habe. Eines Tages vertraut er mir an, dass er heute Geburtstag hat, und klagt, er vermisse seine Familie. Ich lade ihn spontan zu mir nach Hause ein. Eigentlich nur aus Höflichkeit. Schließlich ist kaum zu erwarten, dass der Konsul der Vereinigten Staaten meine Einladung annimmt. Aber er fragt verwundert: »Würden Sie das für mich tun?«
Als ich meiner Frau sage, dass der amerikanische Konsul zu uns zum Abendessen kommt, gerät sie in Panik. Sie befürchtet, keinen guten Eindruck zu machen. Sie weiß nicht, was sie kochen soll. Aber an jenem Abend wird jeder Gang, den wir verkosten, zu einem Kompliment an die Köchin. An meine Frau. Er ist ein vollendeter Diplomat. Am Ende des Abends nennen wir uns beim Vornamen. Patrick, so heißt der Konsul, erzählt von seiner Familie, seiner Frau und seinen drei Töchtern. Er zeigt uns Fotos von ihnen, und wir müssen versprechen, dass wir, wenn sie zu ihm nach Italien kommen, ihre Gäste sind.
Ich hatte meine Frau gebeten, ein Geschenk für ihn zu besorgen. Und so überreiche ich Patrick nach dem Essen eine Krawatte mit Paisleymuster von Ermenegildo Zegna. Er betrachtet sie bewundernd. Dann steht er auf und umarmt zuerst meine Frau, dann mich. Er küsst uns auf die Wangen, eine ausgesprochen mediterrane Geste, die ich den Amerikanern gar nicht zugetraut hätte. Vielleicht studieren sie, bevor sie ins Ausland gehen, die lokalen Gepflogenheiten. Es ist jedenfalls eine Geste, die eine Beziehung besiegelt.
Während meine Frau den Tisch abräumt, will Patrick wissen, was ich über die blutigen Terroranschläge überall in der Welt denke. Ich fühle mich von dieser Frage geehrt: Jemand – und er ist schließlich nicht irgendwer – möchte meine Meinung hören. Ich gebe ihm zu verstehen, dass ich voll und ganz aufseiten der Amerikaner stehe. Und dass wir, auch wenn wir wollten, nicht mehr tun können. Die Mittel und die zur Verfügung stehenden Gelder reichen nicht aus. Wenn etwas bewirkt wurde, dann nur aufgrund des täglichen Kampfes von Leuten, die das, was sie tun, als Mission begreifen.
Patrick nickt. Er scheint mir sehr genau zuzuhören. Ich habe das Gefühl, einer Prüfung unterzogen zu werden. Ja, einer Prüfung. An einem bestimmten Punkt schenkt er mir sein Vertrauen und enthüllt mir, dass seine Tätigkeit als Konsul nur Tarnung ist: In Wirklichkeit ist er Chef der CIA in Rom. Das Wort CIA benutzt er jedoch kein einziges Mal. Er spricht ganz allgemein von Agency. Ich zeige keine Regung. Ich sage nur: »Ja, ja, hab verstanden.«
Eines Tages treffen wir uns vor dem Castello Sforzesco in Mailand. Aber nur für einen kurzen Moment. Ich habe es eilig, sage ich, ich muss zum Flughafen Linate. Es ist der 12. Januar 1987. Ein Montag.
»Man hat einen Libanesen festgenommen, Baschir Khodr«, erzähle ich ihm. »Er hatte elf Kilo Plastiksprengstoff bei sich, versteckt in den Rahmen zweier Bilder und in vier großen Ostereiern aus Schokolade. Außerdem wurden sechsunddreißig Sprengzünder bei ihm gefunden, die in den Batterien eines Transistorradios versteckt waren.«
Patrick hört zu und meint lächelnd: »Klar, Ostereier im Januar …« Und mit seinem amerikanischen Akzent sagt er, man habe ihn soeben informiert.
Inzwischen sehen wir uns mindestens einmal alle zwei Wochen. Auch wenn wir nur einen Kaffee zusammen trinken. Er hat mich gebeten, zu Hause einen Anrufbeantworter zu installieren. Vor jedem Treffen hinterlässt er mir eine Nachricht, die immer mit demselben Satz beginnt: »Ciao Diana, come stai?« Und mit Ort, Tag und Zeitpunkt des Treffens endet. Eines Abends fragt mich Diana, meine Frau, warum Patrick sich an sie wendet. Aus Höflichkeit, antworte ich. Vielleicht möchte er ihr Hallo sagen und bringt die Dinge durcheinander, weil er nicht so gut Italienisch kann. Diana sieht mich an, als glaubte sie mir kein Wort.
Ich halte Patrick weiter über die Ergebnisse unserer Ermittlungen auf dem Laufenden. Seit einiger Zeit kommt er nicht mehr in die Dienststelle. Ich lege ihm meine Ansichten zu den Ereignissen der Woche dar, obwohl wir gar keine Kollegen sind. Aber ich gebe ihm zu verstehen, dass ich es gern werden würde. Ihm alle diese Informationen zu übermitteln ist der beste Weg, es ihn wissen zu lassen. Und seine Antwort ist jedes Mal, man habe ihn schon unterrichtet.
An diesem Montag im Januar, dem Tag, an dem der Libanese mit dem Sprengstoff am Flughafen Linate festgenommen wird, begrüße ich Patrick mit einiger Befangenheit. Nicht weit entfernt wartet meine Mannschaft in einem weißen Alfa Romeo auf mich, einer Alfetta, die unser Dienstwagen ist. Ich schicke mich an zu gehen. Patrick gibt mir die Hand und zieht gleichzeitig mit der Linken etwas aus seiner hinteren Hosentasche. Mit einer blitzschnellen Bewegung und einem festen Blick in meine Augen lässt er seine Finger in meine Hemdtasche unter der offenen Winterjacke gleiten. Ein Beobachter der Szene hätte es nicht einmal bemerkt, so schnell verlief die Übergabe. Mir dagegen kam sie vor wie eine Ewigkeit. Ich sage nichts. Ich drücke ihm die Hand noch fester und hoffe, keine Regung gezeigt zu haben. Ich möchte einen guten Eindruck machen.
Erst abends, zu Hause, sehe ich nach, was in der Brusttasche meines Hemds ist. Ich ziehe ein Stück Papier heraus. Es ist viermal gefaltet. Es hat merkwürdige Farben und fühlt sich für Papier ungewöhnlich an. Ich falte es auseinander und sehe das Porträt des Malers Michelangelo Merisi da Caravaggio. Es ist ein 100.000-Lire-Schein. Patrick und ich sind Kollegen geworden.
»Hunderttausend Lire, nach heutigem Wert mehr als 50 Euro, sind für einen Beamten wie mich kein Pappenstiel«, sagt Simone Pace. Ich schaue ihn an und nicke.
Meine Freundschaft mit Patrick entwickelt sich weiter. Er vertraut mir. Wir treffen uns in Mailand oder in Florenz, denn er kommt ja aus Rom. Und ich weiß mich nützlich zu machen. Ich informiere ihn immer detaillierter über die wichtigsten laufenden Ermittlungen. Manchmal bittet er mich um Dokumente. Manchmal gebe ich sie ihm, ohne dass er darum bittet. Es sind Unterlagen, die ihm helfen zu verstehen, wie Italien funktioniert und welches die neuen terroristischen Bedrohungen sind. In jenen Jahren hat noch niemand einen Scanner zu Hause. Ich muss alles fotokopieren. Heimlich, ohne dass die Kollegen etwas merken. Auch Patrick trifft Vorkehrungen. Der CIA-Chef in Italien späht ein verbündetes Land aus, eine mit den Vereinigten Staaten befreundete Regierung. Es wäre nicht gut, wenn er sich dabei erwischen ließe. Es hätte schwerwiegende Konsequenzen für ihn. Und so erscheint er zu unseren Treffen mit einem Diplomatenkoffer. Er ist Konsul, er kann es sich erlauben. Ich nicht. Wenn sie mich schnappen, ist es mein Problem. Das sagt Patrick mir klar und deutlich.
Eines Nachmittags in Florenz gibt er mir einen Zettel. Die Bewegung geschieht so schnell und unvermittelt wie in Mailand, als er mir den ersten 100.000-Lire-Schein zugesteckt hat. Seitdem sind zwei Jahre vergangen. Der Zettel ist viermal gefaltet, wie immer. Ich entfalte ihn abends zu Hause. Er enthält eine handschriftliche Nachricht: »Golden Door, Innsbruck. Wir werden Dianas Geburtstag feiern, wenn auch einen Monat zu spät und einen Tag zu früh. Das Fest beginnt um 20.30 Uhr.«
Ich sitze in der Küche. Diana spielt im Kinderzimmer mit unserer Tochter. Ich höre die beiden singen. Diana hat eine wunderschöne Stimme, und die Kleine wiederholt die Strophen und bringt dabei manchmal die Wörter durcheinander. Ich trinke einen Schluck Tee aus der Tasse, die meine Frau mir auf den Tisch gestellt hat, und betrachte wie hypnotisiert die aus einem Notizblock herausgerissene Seite. Ich bin so versunken, dass ich Diana mit dem Kind auf dem Arm erst bemerke, als ich mich umdrehe. Sie versucht zu lesen, was auf dem Zettel steht. Instinktiv stelle ich die Tasse darauf, eine ungeschickte Geste. Ich verschütte etwas Tee, der auf den Zettel schwappt. Diana tut, als ob nichts wäre. Zwischen uns gibt es eine stillschweigende Vereinbarung: Ich spreche nicht über meine Arbeit, und sie stellt mir keine Fragen.
Aber trotz unseres Paktes merke ich, dass meine Geste sie geärgert hat. Eine Frau ist und bleibt eben eine Frau. Diana seufzt, um ihren Unmut zu bekunden. Wer weiß, was sie glaubt, das ich ihr verheimliche. Und ohne mir Zeit für eine Bemerkung zu lassen, drückt sie mir die Kleine in die Arme, dreht sich um und geht ins Wohnzimmer. Wie üblich murmelt sie etwas Unverständliches vor sich hin. Na gut, denke ich, dann hole ich sie eben und lasse sie die Nachricht lesen. Ich möchte nicht, dass es zwischen uns zu Misstrauen oder Unstimmigkeiten kommt. Als ich mich umdrehe, bemerke ich, dass der Zettel nahezu verschwunden ist. Er ist nur noch ein Faserbrei. Ich hebe ein noch intaktes Fetzchen mit Daumen und Zeigefinger hoch und führe es an die Lippen. Als es mit Spucke in Berührung kommt, löst es sich auf.
Ich habe nicht recherchiert. Ich war in keinem Reisebüro. Einen Monat minus einen Tag nach dem Geburtstag meiner Frau, dem Datum des Treffens in Innsbruck, breche ich um sechs Uhr morgens von zu Hause auf. Ich bin deshalb so früh dran, weil es nicht einfach ist, am Bahnhof einen Parkplatz zu finden. Ich lasse den Wagen auf der Piazza Duca d’Aosta, Ecke Via Napo Torriani stehen. Ich erinnere mich daran, als wäre es gestern gewesen. Es ist ein Samstag, doch es herrscht nicht viel Verkehr. Am Hauptbahnhof kaufe ich eine Fahrkarte nach Innsbruck. Ich zahle bar. Abfahrt 9.05 Uhr. Ankunft 14.32 Uhr. Fünfeinhalb Stunden Fahrt.
Der Zug der Österreichischen Bundesbahnen ÖBB ist bequem und sauber. Die Wagen sind fast leer. Ich suche mir ein freies Abteil in der Nähe des Ausstiegs. Eine Angewohnheit. So wie ich mich in Lokalen immer mit dem Rücken zur Wand setze, möglichst nahe am Ausgang. Das gibt mir größere Sicherheit. Man hat niemanden im Rücken, und notfalls kann man schnell verschwinden.
Als wir uns Bozen nähern, liegen mindestens zwanzig Zentimeter Schnee auf Straßen und Bäumen. Weil ich so früh aufgestanden bin oder vielleicht auch weil es im Abteil so wohlig warm ist, schlafe ich ein. Ich lasse mich vom Schaukeln des Waggons auf den Schienen wiegen. Es gelingt mir, fast komplett abzuschalten. Ich brauche nicht nachzudenken, nicht jetzt. Ich werde meine Ressourcen, meinen Verstand später einsetzen. Adrenalin schießt durch meinen Körper und verleiht mir ein Gefühl des Wohlbefindens. In diesem Moment bin ich überzeugt, dass jemand, der mir gegenübersäße, ein breites Lächeln sehen würde, von einem Ohr bis zum anderen.
Mich wecken das Kreischen der Bremsen und ein durchdringender Pfiff, der den Grenzübergang Brenner zwischen Italien und Österreich ankündigt. Die Waggontüren werden aufgerissen, ein eiskalter Wind fegt durch den Gang und dringt durch alle Ritzen bis ins Abteil. Ich habe nicht einmal Zeit, einen Blick aus dem Fenster zu werfen, als schon zwei Offiziere der Guardia di Finanza auftauchen, gefolgt von einem österreichischen Zollbeamten. Die drei tragen fast identische grüne Uniformen, und ich kann sie nur an den Emblemen auf ihren Mützen unterscheiden.
Die italienischen Finanzpolizisten öffnen die Schiebetür des Abteils.
»Den Ausweis bitte«, sagt der Erste.
Ich gebe ihm meinen italienischen Pass. Er ist sehr viel anonymer als ein Personalausweis, in dem Adresse und Beruf vermerkt sind.
Ein leichtes Jucken meiner Beine erinnert mich an die Papiere, die ich in meine Socken gesteckt habe. Es sind Fotokopien der Karteikarten zu den Terrorverdächtigen, für die wir uns in Italien interessieren. Ich möchte sie den Amerikanern übergeben. Dieses leichte Jucken warnt mich aber auch, dass ich keine Rechtfertigung habe, falls die Zollbeamten sehen wollen, ob ich etwas in meinen Socken habe. Es ist wirklich eine Dummheit, diese Dokumente über die Grenze zu bringen. Doch der Wunsch, bei Patrick gut dazustehen, und der schiere Nervenkitzel, der mich all die Jahre begleiten wird, haben über meinen gesunden Menschenverstand gesiegt. Und über die elementarsten Sicherheitsregeln.
Ich blicke hinaus auf die verschneite Landschaft. Die langen Güterzüge, die auf ihre Abfertigung warten. Die verschneiten Tannen auf den steilen Bergen oberhalb des Passes. Ich muss zeigen, dass ich nichts zu verbergen habe. Aber das könnte sie erst recht stutzig machen. Nur ein Dummkopf verhält sich so, wenn er etwas zu befürchten hat. Ich bin komplett unvorbereitet. Ich merke, wie sie mich mustern. Und dann fragt mich der Österreicher in seinem harten Akzent auf Italienisch: »Nessun bagaglio?« Kein Gepäck?
Von da, wo sie stehen, können sie es nicht sehen. Es befindet sich in der Ablage oberhalb der Tür, direkt über ihren Köpfen. Ich antworte nicht. Ich stehe auf, und mit dem Blick von jemandem, der zwar körperlich anwesend, in Gedanken aber ganz woanders ist, hole ich meine schwarze Reisetasche herunter und stelle sie auf den Sitz. Ich mache Anstalten, sie zu öffnen. Die beiden italienischen Finanzpolizisten sind schon weitergegangen. Der Österreicher, für dieses Entgegenkommen weniger empfänglich, mustert mich noch ein paar Sekunden. Dann gibt er mir meinen Pass zurück, überzeugt, dass er seine Pflicht getan hat, und seinem Instinkt vertrauend.
»Va bene, buon viaggio«, sagt er und schließt sich seinen Kollegen an.
In Innsbruck frage ich sofort nach dem Tourismusbüro. Man schickt mich in die Salurner Straße gleich gegenüber dem Bahnhof. Nach wenigen Schritten bin ich in der Tirol Tourism Information. Der Raum ist menschenleer, und ich gehe direkt zum Schalter. In tadellosem Deutsch frage ich, wie ich zum Goldenen Tor komme. Die Frau sieht mich verdutzt an.
»Goldenes Tor«, wiederhole ich und artikuliere die Worte überdeutlich.
Sie hat himmelblaue Augen. Blonde, zu einem perfekten Pferdeschwanz zusammengebundene Haare. Ihr magerer, wohlgeformter Körper steckt in einem grünen Tiroler Dirndl mit spitzenbesetzter Bluse und einer großen, an der Taille gebundenen Schleife. Sie nimmt einen Stadtplan aus einem Schubfach, breitet ihn auf der Theke aus und malt mit einer schnellen Bewegung aus dem Handgelenk einen roten Kringel um den Bahnhof.
»Sie befinden sich hier«, sagt sie. »Gehen Sie geradeaus Richtung Maria-Theresien-Straße. Hausnummer 46 an der Kreuzung Salurner Straße ist das Hotel Goldene Krone. Fünf Minuten zu Fuß. Immer geradeaus.«
»Ja, Verzeihung. Goldene Krone«, sage ich und denke, entweder habe ich einen Fehler gemacht oder Patrick hat schlecht aus dem Deutschen übersetzt. Ich lasse mir einen Stadtplan geben, bedanke mich und mache mich auf den Weg. Ich bin froh, dass ich kein Taxi nehmen muss. Einen Verdächtigen während einer Beschattung dazu zu bringen, in ein Taxi zu steigen, ist eine Methode, die auch von der Terrorabwehr benutzt wird. Zu jener Zeit haben wir in Mailand und Rom zwei Taxis zur Verfügung. Der Taxifahrer ist allerdings einer unserer Leute. Die Zielperson an Bord zu haben ist die beste Lösung. Man braucht ihr nicht zu folgen, vor allem nicht auf der Busspur, wo Zivilfahrzeuge allzu sehr auffallen. Und die Person selbst verrät dir ihr Ziel.
Nicht, dass ich in Innsbruck befürchtet hätte, man würde mich beschatten. Aber die Gewohnheit wird zur Routine. Dann zur Paranoia. Sie ist stärker als die Vernunft. Und deshalb ist es immer besser, zu Fuß zu gehen.
Den Schriftzug »Goldene Krone« auf der grünen Fassade des Hotels sieht man schon von Weitem. Das historische Haus mit den weiß umrahmten Fenstern ist ein Eckgebäude zwischen zwei Straßen. Die Weihnachtsferien und der Jahreswechsel sind vorbei, und ich bekomme problemlos ein Zimmer. Von den sechsunddreißig Zimmern liegt meines im ersten Stock. Ich habe keine Koffer auszupacken. Ich werfe mich angekleidet aufs Bett und warte. Ja, ich brauche nur zu warten.
In dem kahlen Raum frage ich mich, warum sie einen so riskanten Ort wie ein Hotel gewählt haben. Aber ich gebe mir sofort selbst die Antwort: Die Betreiber wissen nichts von uns. Wir sind ganz normale Hotelgäste, die einander nicht kennen. Sogar ich weiß ja nichts von ihnen. Und genau das ist der Punkt: Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wie sie mich kontaktieren werden.
Ich beschließe, nicht rauszugehen, um etwas zu essen, sondern mich mit dem zu begnügen, was ich in der Hotelbar finde. Gesalzene Nüsse. Ein Sandwich. Eine Dose österreichisches Bier. Ich mache den Fernseher nicht an, weil ich jeden Augenblick damit rechne, dass es an der Tür klopft. Ich öffne das Fenster, und der Verkehrslärm flutet ins Zimmer. Erst jetzt fällt mir die perfekte Schalldämmung auf. Vom Fenster aus sieht man einen großen Bogen jenseits der Kreuzung, der auf dem Stadtplan als »Triumphpforte« verzeichnet ist. Ich bleibe stehen, bis ich keine Lust mehr habe, abwechselnd die Triumphpforte und das Telefon anzustarren. Nichts. Niemand meldet sich.
Um achtzehn Uhr beschließe ich, das Hotel zu verlassen. Ich gehe langsam. Bleibe stehen. Kehre um. Ich versuche, auf irgendeine Weise die Aufmerksamkeit dessen zu erregen, der mir vielleicht folgt. Fehlte nur noch, dass ich den Arm hebe und sage: »Huhu, hier bin ich.« Habe ich mich geirrt? Ist das gar nicht der richtige Ort?
Vom Hotel aus biege ich in die Maximilianstraße ein, und gleich nach Hausnummer 25 flüchte ich vor der eisigen Kälte in die Café-Konditorei Valier. Ich bestelle eine heiße Schokolade und frage nach dem »Goldenen Tor«.
Der Kellner schaut mich an und korrigiert mich: »Goldenes Dachl.«
Er hat recht. Ich hätte das Goldene Dachl, nicht das Goldene Tor suchen müssen. »Ja«, nickt er und lächelt mich freundlich an. Er erklärt mir, es sei das Wahrzeichen von Innsbruck. Der Habsburger Kaiser Maximilian I. ließ es 1420 auf Wunsch von Herzog Friedrich IV. an der Fassade der Residenz der Tiroler Landesfürsten anbringen. »Der Erker mit dem Dach wurde zwischen 1494 und 1496 gebaut«, sagt er, »anlässlich der Hochzeit Kaiser Maximilians mit Bianca Maria Sforza, der Tochter des Herzogs von Mailand. Das Dach wurde mit feuervergoldeten Kupferschindeln gedeckt. Insgesamt zweitausendsechshundertsiebenundfünfzig«, fügt er hinzu und betont die Ziffern dieser langen Zahl, als würde er jede einzelne Schindel zählen. Er serviert mir die heiße Schokolade.
»1494 lag die Entdeckung Amerikas gerade einmal zwei Jahre zurück«, fährt er fort. Und wegen eines amerikanischen Spions bin ich heute hier, füge ich still für mich hinzu. Der Kellner schaut mich an, ohne meine Gedanken lesen zu können. Mein Fehler ist der Tatsache geschuldet, dass das Goldene Dachl auf Englisch auch Golden Door, Goldenes Tor, genannt wird. Und ich habe es wortwörtlich aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.
»Herzog-Friedrich-Straße 15«, fügt der Kellner hinzu und schaut auf die Uhr an seinem linken Handgelenk. »Morgen, der Herr, heute ist es schon zu spät. Das Museum schließt um siebzehn Uhr.«




