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»Ja«, murmelte ich und zuckte mit den Achseln. »Manchmal zumindest.«
Er öffnete den Mund, als wollte er etwas erwidern, doch da erklärte uns Damian: »Also, ich habe Hunger wie ein Hai. Gehen wir etwas essen?«
Das Café lag am Rande der Fußgängerzone und war voller Menschen, die sich den regnerischen Nachmittag mit einer Tasse heißer Schokolade oder einem Stück des saftigen Bananenbrots versüßten, das man hier verkaufte. Ich hatte mich allerdings, genau wie Damian, für eines der überbackenen Panini entschieden und genoss nun die Kombination aus geschmolzenem Käse, Tomaten und Pesto. Es war seltsam, wie rasch einen das gemeinsame Bekämpfen von Blutmagie dazu brachte, mit wildfremden Jungs essen zu gehen. Wie sehr allein die Tatsache, dass wir alle drei aus derselben Welt stammten, uns miteinander verband.
Auf gefährliche Weise.
Denn natürlich bedeutete es vor allem, dass ich umso wachsamer sein musste. Das hier war riskant, ein Spiel mit dem Feuer. Doch leider steckte irgendwo in meinem Innern wohl noch immer die Kriegerprinzessin von früher, die sich vor Begeisterung über die Aussicht auf ein magisches Abenteuer förmlich überschlug.
Ich nahm einen Schluck von meiner Saftschorle, um mich zu beruhigen. Dann beobachtete ich fasziniert (und auch ein bisschen angewidert), wie Aaron plötzlich eine Karotte aus seinem Salat in die Kaffeetasse vor sich tunkte und anschließend genüsslich verspeiste.
»Sein Geschmack ist etwas gewöhnungsbedürftig«, erklärte Damian, der meinem Blick gefolgt war. »Ich nehme an, in den Ostmeeren steht ihr ebenfalls eher auf andere, äh, Kombinationen?«
»Hm«, machte ich. »Allerdings.«
»Über Geschmack lässt sich nicht streiten«, brummte Aaron mit vollem Mund und in einem Tonfall, der mir klarmachte, dass die beiden diese Diskussion wohl nicht zum ersten Mal führten.
»Außer, dass deiner echt verboten sein sollte«, warf Damian ein. »Zumindest in der Öffentlichkeit.«
»Jetzt übertreibst du aber.« Aaron schnappte sich eine weitere Kaffeekarotte.
Damian seufzte theatralisch.
Mehr noch als Meister und Lehrling schienen die beiden Hexer Freunde zu sein. Kampfgefährten, die gegenüber dem anderen kein Blatt vor den Mund nahmen. Normalerweise bestanden die erfahreneren Sturmjäger in unserer Welt auf Anreden wie »ehrwürdiger Meister«. Dass Aaron so etwas offenbar nicht nötig hatte, gefiel mir irgendwie. Und dass er darüber hinaus ausgerechnet einem magisch unbegabten Jungen eine Chance gab, den Drachenkampf zu erlernen … Er war anscheinend alles andere als ein gewöhnlicher Vertreter seines Berufsstandes, dessen Mitglieder meist von einer schier grenzenlosen Gier nach Ruhm und Anerkennung angetrieben wurden.
»Du findest es doch genauso eklig, oder, Robin? Ich meine, wenn es wenigstens bei den Karotten bliebe … Wir können jedenfalls froh sein, dass sie hier weder Pommes noch Sprühsahne verkaufen«, fuhr Damian fort und nickte, als ich das Gesicht verzog. »Richtig.« Er verschränkte die Arme vor der Brust. »Siehst du, Aaron, Robin hält das auch für unnormal. Und sie lebt schon eine ganze Weile bei den Menschen.«
Statt zu antworten, zuckte Aaron bloß mit den Achseln, als wären wir verrückt und nicht er.
Erstaunlicherweise schien nach wie vor keiner der beiden auch nur im Geringsten an meiner falschen Identität zu zweifeln. Sie nannten mich Robin. Sie wollten meine Hilfe. Und niemand hatte bisher versucht, mich zu töten, weil ich unser Volk verraten hatte … Trotzdem, sollte es brenzlig werden, wäre ich von hier aus in wenigen Minuten am Bahnhof.
Während ich mir sicherheitshalber noch einmal den Fahrplan ins Gedächtnis rief, schob Aaron sich die nächste arme Kaffeekarotte in den Mund. Dieses Exemplar hatte er zudem mit einer Prise Zucker und dem Joghurtdressing des Salats verfeinert. Schon allein vom Zusehen bekam ich eine Gänsehaut.
»Vielleicht haben wir Glück und mit der Zeit lernt er, sich an die Speisekarten der Oberfläche zu halten«, überlegte derweil Damian. »Eine Weile werden wir sowieso noch hierbleiben müssen. Solange wir unsere Lieferung nicht zurückhaben, können wir uns auf keinen Fall in den Tiefen blicken lassen.«
Aarons Miene verfinsterte sich. »97 gestohlene Blitzklingen! Das ist eine Katastrophe«, brummte er und kippte den Rest seines Kaffees mitten auf den Salatteller.
Doch seine Marotten rückten für mich schlagartig in den Hintergrund. Hatte ich gerade richtig gehört? »Eure gesamte Lieferung wurde geklaut?«, erkundigte ich mich. »Was ist denn passiert?«
Er schnaubte. »Na, was wohl? Wir jagen die Drachen nicht aus reiner Menschenliebe, sondern weil Dinge verschwinden, Robin! Wolken, Blitze, Regenschauer – im Grunde ist unsere gesamte Beute der letzten Wochen vorgestern aus den Vorratskammern des alten Leuchtturms entwendet worden.«
»Und wir glauben, dass die Anderen etwas damit zu tun haben«, ergänzte Damian.
Wie bitte? »Äh«, machte ich und hob die Brauen. »Tut mir leid, das verstehe ich nicht. Andere zerstören und töten. Aber sie sind doch keine Diebe! Schon gar nicht, wenn es um Blitzklingen geht. Sie bestehen aus Blitzen.« Allein die Vorstellung, ein Donnerdrache würde irgendwo einbrechen und – nein, also, das war so was von absurd!
»Ich weiß! Trotzdem sind wir gestern in einen Hinterhalt geraten, als wir den Spuren unserer Lieferung folgten«, sagte Aaron ernst. »Jeden Blitz, den ich einfange, markiere ich mit meinem Siegel, um mein Eigentum zu schützen und es notfalls wiederfinden zu können. Die Händler heutzutage sind schließlich alles andere als vertrauenswürdig.« Er raufte sich das dunkle Haar. »Jedenfalls würde ich dieses Siegel überall wiedererkennen. Selbst mit einem Betonklotz auf der Brust, glaub mir. Und auch wenn es noch so unwahrscheinlich klingen mag, das in den Bäuchen der Donnerdrachen auf dem Schulhof, das waren meine Blitze, Robin!«
»Unsere«, verbesserte ihn Damian. »Unsere.«
»Vielleicht sollte ich dir doch endlich mal eine vernünftige Abreibung verpassen«, brummte Aaron.
Damian zuckte nur mit den Achseln, als wäre er sich in diesem Punkt ebenfalls unsicher.
Ich blickte von einem zum anderen. Noch immer verstand ich es nicht. »Also haben sie die Klingen aufgefressen? Ohne sich daran zu verletzen?«, fragte ich.
»Es sieht ganz danach aus.«
»Hmpf.« Ich schüttelte den Kopf. Das ergab doch überhaupt keinen Sinn! Ein Donnerdrache war eine wandelnde Blitzquelle. Deshalb jagten Leute wie Aaron und Damian die Biester schließlich. Der Kontakt mit einer bereits geschmiedeten Klinge hingegen endete für sie für gewöhnlich tödlich …
Während ich vor mich hin grübelte, stopfte Damian sich den Rest seines Panini-Brots in den Mund.
Aaron hingegen schob seinen Teller mit dem Lebensmittelmassaker, das er veranstaltet hatte, von sich, stützte stattdessen das Kinn in die Hände und betrachtete mich für einen irritierend langen Moment, tief in Gedanken. Und irgendwie schien das seine Stimmung allmählich wieder zu heben.
»Was ist?«, fragte ich. »Habe ich Pesto am Kinn?«
»Nein. Mir sind bloß gerade deine Augen aufgefallen«, erklärte er, als wäre es das Normalste auf der Welt, und legte den Kopf schief. »Die sind echt blau, weißt du das?«
Instinktiv senkte ich die Lider. Ich wusste selbst, dass meine Augen auffällig waren. Zu auffällig.
»So langsam kannst du nicht mehr jede plumpe Anmache mit dem Schlag auf deinen Kopf entschuldigen«, versuchte ich mein Unbehagen zu überspielen. Außerdem war ich noch nie der Typ für schmalzige Komplimente gewesen. Ich zwang mich dazu, ihn wieder anzusehen. »Bleiben wir lieber bei eurem Drachenproblem.«
»Unserem Drachenproblem«, berichtigte Damian nun mich.
»Na ja«, schnaubte ich.
Aarons Mundwinkel zuckten, dann wandte er sich an Damian: »Jedenfalls habe ich gerade gedacht, dass diesen Augen bestimmt noch nie jemand etwas abschlagen konnte, oder? Was meinst du?«
Hä?
Auch Damian musterte mich nun aufmerksam. »Könnte klappen«, sagte er und nickte.
So etwas wie Begeisterung flackerte über seine Züge, während ich plötzlich gar nicht mehr durchblickte und bereits drauf und dran war aufzuspringen.
Wussten sie es etwa? Hatte die Farbe meiner Iris mich verraten? Ich musste wohl irgendetwas Entscheidendes nicht mitbekommen haben.
Egal, noch konnte ich es schaffen. Bis zur Tür waren es fünf Meter und der nächste Zug kam in etwa sieben Minuten. Wenn ich also rannte …
Aaron lachte. »So hat wirklich noch kein Mädchen reagiert, wenn ich ihr etwas Nettes gesagt habe. Kein Grund, gleich in Panik zu verfallen.« Er hob beschwichtigend die Hände. »Ich nehme es wieder zurück, ja? In Wahrheit wirkst du so was von durchschnittlich, man muss sogar aufpassen, dass man dich nicht übersieht.«
Ich atmete tief ein und wieder aus, dann sank ich zurück auf meinen Stuhl. »Schon besser«, sagte ich schließlich gnädig, allerdings mit einer Spur von Misstrauen. »Zurück zu den Drachen.«
»Hat da irgendwer gesprochen?« Aaron gab vor, durch mich hindurchzugucken.
»Haha«, machte ich.
»Ich glaube, jetzt habe ich auch etwas gehört. Eine Stimme aus dem Jenseits oder so.« Damian grinste. »Oh, wie gruselig!«
Ich hingegen unterdrückte ein Schmunzeln. »Die Drachen. Oder ich bin weg«, informierte ich die Jungs und setzte meinen allerstrengsten Blick auf.
»Klar. Entschuldige.« Aaron lachte noch einen Moment lang leise vor sich hin, dann räusperte er sich. »Es geht hier selbstverständlich schon die ganze Zeit einzig und allein um die Donnerdrachen und unsere Abmachung«, sagte er betont ernst. »Die Bemerkung zu deinen Augen war auf jeden Fall rein geschäftlich gemeint. Und … im Rahmen unserer Zusammenarbeit würdest du uns doch bestimmt einen klitzekleinen Gefallen tun. Nur um diese Stadt wieder sicher zu machen. Was sagst du, Waisenmädchen aus dem Ostmeer?«
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