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Auch hier lagen überall Dachziegel herum. Ganz zu schweigen von all den Bäumen und den Trümmern der zerschmetterten Tischtennisplatte. Ich kam nur langsam voran, musste den Kopf einziehen und klettern und riss mir die Hände an gesplittertem Holz und Steinen auf. Außerdem hielt ich immer wieder inne, um die Spuren der Donnerdrachen genauer zu betrachten.
Dabei fand ich nicht nur Kratzer, sondern auch Klauenabdrücke im Asphalt, als wäre dieser unter der Hitze eines Blitzes geschmolzen. Herrje, das da an der Tribüne des Sportplatzes, waren das etwa … Bisse? Und wieso, bei allen Kesseln, war der Ascheplatz so aufgewühlt, als hätte ein Maulwurf von der Größe eines Elefanten dort die Erde umgegraben?
Ich hatte davon gehört, dass Donnerdrachen auf hoher See zuweilen in Horden lebten. Aber unser Schulgelände erweckte nicht den Eindruck, als hätten die Biester auf der Durchreise nur eine Rast eingelegt. Nein, die Spuren erzählten eine andere Geschichte. Und auch wenn ich inzwischen gar nichts mehr verstand, nicht den blassesten Schimmer hatte, was das alles bedeutete, eines stand fest: Hier hatte es einen Kampf gegeben.
Und das machte mir eine Heidenangst.
Im Näherkommen erkannte ich, dass die Ränge am Rand des Sportplatzes nicht nur von Bissspuren gezeichnet, sondern darüber hinaus auch komplett niedergerissen worden waren. Wieder und wieder mussten die Donnerdrachen nach den hölzernen Bänken geschnappt haben. Die Sitzflächen waren kaum noch zu erahnen, selbst der Beton darunter war an vielen Stellen aus der Verankerung gerissen worden. Doch was hatte die Biester zu dieser Zerstörung getrieben? War es schlichte Raserei gewesen oder hatten sie dort gar etwas gesucht?
Ich bemerkte die Bewegung zunächst nur aus dem Augenwinkel. Jemand regte sich zwischen den Trümmern zu meiner Linken, etwa auf halber Höhe des Schuttberges, der einmal die Westtribüne gewesen war. Holz knackte, Betonkrümel rieselten zu Boden. Der Jemand hatte eher die Größe eines Menschen als eines Donnerdrachen.
Dennoch war mein erster Impuls natürlich zu fliehen.
Blindlings wirbelte ich herum und stürzte zurück in den schützenden Schatten zwischen den Gebäuden. Dort atmete ich tief durch, bevor ich vorsichtig um die Ecke lugte und den Jungen von gestern erkannte: Es war der kleinere der beiden Hexer, die den Donnerdrachen erlegt hatten. Er kroch gerade mitten aus einem Haufen Schutt hervor. Staub klebte in seinen Haaren, seine Kleidung hing in Fetzen an seinem mageren Körper und wo die dunklen Flecken auf dem Stoff herkamen, wollte ich lieber gar nicht erst wissen. Ächzend machte der Junge sich sogleich an einem der größeren Trümmer zu schaffen und versuchte, ihn zu bewegen. Jedoch ohne Erfolg.
War das, was die Donnerdrachen gesucht hatten, womöglich immer noch dort?
Mit aller Kraft zog und zerrte der Hexer nun an dem Ding, das vielleicht einmal Teil der Betonstufen in der Mitte der Tribüne gewesen war. Sein Kopf wurde vor Anstrengung unter all dem Schmutz rot. »Komm schon«, knurrte er. »Komm schon!«
Seine Stimme wirkte noch kindlicher als sein Äußeres. Tatsächlich verwandelte sich sein Knurren nach einer Weile in eine Art wütendes Schluchzen.
Ich konnte derweil nicht anders, als mich ein Stück aus meiner Deckung zu wagen und ihm zu nähern. Der Kleine hatte mir ohnehin den Rücken zugewandt und ich musste einfach wissen, was genau er da eigentlich vorhatte. Als Hexer hätte er schließlich den Wind herbeirufen können, um das schwere Trümmerstück zu bewegen. Doch er tat es nicht.
Stattdessen mühte er sich immer verzweifelter ab. »Beweg dich endlich«, raunzte er den Betonbrocken an. »Verdammt! Du musst durchhalten, Aaron! Ich hole dich raus. Hör nur nicht auf zu atmen, ja?«
Aaron? War das der zweite Hexer, dieser große, dunkelhaarige Typ? Hatte der Schutt ihn begraben?
Wie immer, wenn anderen Gefahr drohte, legte irgendetwas in meinem Innern einen Schalter um, der all meine Vernunft, all meine Vorsätze binnen eines Wimpernschlags verpuffen ließ. Eine Eigenschaft, die mich mehr als einmal in Schwierigkeiten gebracht hatte. Ich sollte es inzwischen also wirklich besser wissen …
»Brauchst du Hilfe?«, hörte ich mich trotzdem bereits im nächsten Augenblick fragen.
Der Junge fuhr herum. »Ja, bitte!«, sagte er. »Kannst du mal mit anfassen? Mein Freund ist hier eingeklemmt.«
Ich stieg die letzten Meter zu ihm hinauf und entdeckte eine fast schwarze Haarsträhne zwischen den Holzsplittern. Ja, das musste der andere Hexer sein, eindeutig. Und offenbar blutete er, denn um die Strähne hatte sich eine glitschige rote Pfütze ausgebreitet.
»Ist er bei Bewusstsein?«, fragte ich, während ich meine Arme um den Betonbrocken schlang.
»Nein. Aber zumindest atmet er noch«, meinte der Junge. »Jedenfalls hoffe ich das«, fügte er düster hinzu.
»Okay«, sagte ich. »Bist du bereit? Dann bei drei. Eins – zwei – drei!«
»Drei!«, presste auch der Junge hervor.
Gemeinsam schafften wir es, den Brocken ein Stück anzuheben und schließlich von Aarons Brustkorb zu rollen. Zum Vorschein kamen ein von einer dicken Staubschicht bedecktes, auffallend ebenmäßig geschnittenes Gesicht sowie noch mehr Blut. Das Hemd des Hexers war zerrissen und seine muskulöse Schulter zierten grauenvolle Zahnabdrücke. Noch immer sickerte dunkles Rot aus der Wunde, bei jedem Herzschlag ein bisschen mehr. Eines der Ungeheuer musste ihn erwischt haben. Es war ein Wunder, dass er überhaupt noch lebte (und dass der Arm noch dran war). Doch seine Brust hob und senkte sich tatsächlich in regelmäßigen Abständen und außer der Bisswunde konnte ich keine weiteren Verletzungen erkennen.
»Ich rufe einen Krankenwagen«, sagte ich und kramte mein Handy hervor. Es war eines dieser uralten Teile, die man aufklappen und mit echten Tasten bedienen musste. Und ich brauchte immer noch erschreckend lange, um es zu benutzen. Die moderne Technik der Menschen war für mich nämlich fast genauso schlimm wie ihr leerer Himmel. Einfach komplett unverständlich. Ich starrte auf das Display und versuchte, mich daran zu erinnern, wie man das Mistding entsperrte.
»Nein«, meinte derweil der Kleine. »Danke, ich kümmere mich schon um ihn. Er … kann Krankenhäuser nicht leiden.«
»Aber die Wunde sollte unbedingt versorgt werden«, murmelte ich, den Blick immer noch auf das Handy in meiner Hand gerichtet. Musste man erst die Raute drücken oder …? Auch ich bezweifelte zwar, dass man in einem Menschenkrankenhaus wusste, wie man den Biss eines Donnerdrachen behandelte, aber offiziell hatte ich ja keine Ahnung, was diese beiden Jungen waren, geschweige denn, welche Art von Bestie sie angegriffen hatte. Und vielleicht war ja doch einer der Ärzte eingeweiht und konnte irgendwie gefrorenen Meerschaum organisieren?
Jedenfalls hatte ich mich bereits viel zu weit vorgewagt, indem ich überhaupt nur mit dem Kleinen redete. Unter allen Umständen musste er mich weiterhin für ein gewöhnliches Menschenmädchen halten und Menschen riefen eben Krankenwagen.
»Bitte.« Der junge Hexer legte eine schmutzige Hand auf meinen Arm. »Ich kriege das jetzt allein hin, versprochen.«
Ich musterte ihn einen Moment lang. In seinem Blick lag definitiv ein Anflug von Panik, doch er biss sich mit aller Kraft auf die Unterlippe, um sie vor mir zu verbergen. Mir fiel auf, dass da eine kleine Lücke zwischen seinen Vorderzähnen war, durch die er erleichtert die Luft ausstieß, als ich das Handy zuklappte und wieder einsteckte.
»Geht ihr eigentlich auf unsere Schule?«, fragte ich, weiter die Unwissende mimend. »Was ist denn überhaupt passiert?«
»Wir sind nur zum … also eigentlich, um …« Er räusperte sich. »Wir sind zu Besuch in der Stadt und waren die ganze Nacht über im Regen unterwegs«, erklärte der Hexer, während er begann, seinen reglosen Freund von Holzsplittern zu befreien. »Zufällig haben wir hier ein paar, äh, Bekannte getroffen und dann wurden wir leider von diesem, äh, Anderen, äh, ich meine natürlich von diesem krassen Unwetter überrumpelt.«
Ich nickte. Offenbar war er noch nicht häufig an der Oberfläche gewesen und es nicht gewohnt, sich unauffällig in der Menschenwelt zu bewegen. Ich zog mein Sweatshirt über den Kopf und reichte es ihm. »Versuch, die Wunde damit abzubinden, wir müssen den Blutverlust eindämmen«, sagte ich. »Und außerdem soll die Seeklinik, das ist das Krankenhaus in der Nähe des alten Leuchtturms, sehr gut sein. Vielleicht überlegst du es dir ja.«
Beim Wort »Leuchtturm« hatte sich der Ausdruck im Gesicht des Kleinen verändert. Neue Hoffnung flammte auf einmal in seinen runden braunen Augen auf. »Dann werde ich Aaron dorthin bringen. Hab Dank für deine Hilfe, Menschenmädchen.«
Ich zuckte mit den Achseln und tat so, als hätte ich das »Menschenmädchen« nicht registriert. »Gern geschehen. Aber darf ich fragen, mit was für Bekannten man sich mitten in der Nacht ausgerechnet an unserer Schule trifft?«
»Och, n…nur ein paar …«
Aaron stöhnte auf. Seine Lider flatterten und die Hand seines gesunden Arms zuckte, als wollte er nach einer unsichtbaren Blitzklinge greifen. »Die Drachen«, wisperte er heiser.
Der kleine Hexer räusperte sich.
Doch Aaron fuhr fort: »Damian, hilf mir, beeil dich. Wir müssen die Drachen davon abhal–«
»Oh, super. Er kommt zu sich«, sagte der Junge eine Spur zu laut. »Wir, äh, kriegen das dann ab jetzt wirklich ohne dich hin.« Er schob sich vor seinen Freund, um mir die Sicht zu versperren.
Auf der einen Seite wäre es bestimmt klug gewesen, schleunigst zu verschwinden. Bevor ich mich noch verplapperte oder einer der beiden sich womöglich an die verräterische Prinzessin mit dem spitzen Gesicht erinnerte … Aber andererseits hielten sie mich für ein normales Menschenmädchen, nicht wahr? Da würde es doch sicher nicht schaden, nur noch einen Moment zu bleiben und ein paar unschuldige Fragen zu stellen. Diese Typen hatten die Biester bekämpft und … in die Flucht geschlagen? Sie mussten einfach mehr über diese ganze Sache wissen!
»Also hat euch der Sturm ganz plötzlich überrascht oder –«, begann ich.
»Es war ein Hinterhalt«, nuschelte der gut aussehende Hüne und hustete. »Eigentlich sind wir Sturmjäger. Wir waren auf dem Weg in die Tiefe, um knapp einhundert Blitzklingen auszuliefern. Aber dann entdeckten wir gestern mitten in der Stadt dieses Rudel Donnerdr–«
»Herrje, er redet wirres Zeug«, unterbrach Damian ihn. »Wahrscheinlich hat ihn der Betonklotz auch noch am Kopf getroffen.«
Aaron linste benommen an den Beinen des Kleinen vorbei und es sah beinahe so aus, als zwinkerte er mir zu. »Oh, hallo! Wir kennen uns doch, oder?«
»Nein«, sagte ich. »Und das ist außerdem der älteste Spruch der Welt.«
Er schloss die Augen und lächelte schwach. »Hast recht, auf meiner Prioritätenliste sollte wohl gerade anderes stehen. Zum Beispiel, dass ich ohne Meerschaum bald verbluten werde. Oder zumindest die Frage, wer diese Drachenköder am Strand –«
»Drachenköder?«, entfuhr es mir, während Damian gleichzeitig »Aaron!« rief und seinem Freund schockiert einen Stoß in die Seite verpasste. »Sie ist ein Mensch!«
Drachenköder. Mir wurde schwindelig. Ich hatte davon gehört. Natürlich. Unsere Vorfahren hatten sie einst verwendet, um die Rudel auf die See hinauszulocken. Doch nun hatte jemand es andersherum gemacht und die Bestien auf eine Stadt losgelassen? Wer würde denn so etwas Schreckliches tun? Warum? Und wenn ich mich richtig erinnerte, brauchte man für die Herstellung eines solchen Köders mehr als nur ein einziges Blutopfer …
Aaron versuchte, sich hochzustemmen. »Verdammt, findest du nicht, dass ich schon angeschlagen genug bin?«, blaffte er Damian an und rieb sich den rechten Rippenbogen.
»Halt einfach die Klappe, Mann! Sie ist keine von uns und –«
»Nicht?«
»Äh, also, ich habe echt keine Ahnung, wovon du da sprichst«, beeilte ich mich zu sagen. »Außerdem muss ich los, mein, na ja, mein Bus kommt gleich.«
Ich wollte mich zum Gehen wenden, doch etwas an Aarons Ausdruck hielt mich davon ab. War das etwa Belustigung, die da über seine Züge flackerte? Wenn er grinste, wurde sein Gesicht leicht asymmetrisch, weniger perfekt, aber auch offener. Er bekam da so ein charmantes Grübchen auf der linken Wange und … Ich schüttelte den Kopf, um diesen unsinnigen Gedanken zu vertreiben.
»Nun ja.« Er räusperte sich. »Wäre ich gerade nicht halb tot, hätte ich mir definitiv einen besseren Spruch für dich einfallen lassen«, sagte er und presste meinen Pullover mit seiner gesunden Hand fester auf die Wunde. Für einen Moment schien er Mühe zu haben, bei Bewusstsein zu bleiben, dann fing er sich jedoch wieder. »Aber mal im Ernst, wir sind uns wirklich schon begegnet, stimmt’s?«, fuhr er flach atmend fort. Das Grinsen war verschwunden.
Intuitiv machte ich einen Schritt rückwärts. »Tut mir leid, du musst mich wohl verwechseln«, murmelte ich und biss mir auf die Lippe.
Verdammt, verdammt, verdammt!
Wie konnte es sein, dass ich viereinhalb Jahre lang die perfekte Tarnung aufrechterhielt und nun innerhalb von zwei Tagen plötzlich alles zunichtemachte? Na gut, ich hatte bei der Wahl meines Verstecks nicht damit rechnen können, dass Stürme dieser Art jemals das Festland heimsuchen würden, allerdings –
»Gestern in der Unterführung, das warst doch du an der Treppe!« Aaron runzelte die Stirn. »Wieso bist du abgehauen? Wir hätten deine Hilfe gut gebrauchen können. Das Vieh hatte, wie du hier siehst, noch ein paar Freunde dabei, die gar nicht erfreut –«
»SIE IST KEINE HEXE!«, brüllte Damian und sah so aus, als hätte er seinen Freund am liebsten k. o. geschlagen, traute sich jedoch nicht, weil das Aaron wohl endgültig den Rest gegeben hätte.
»Und wie konnte sie dann den Ostwind befehligen?«, erkundigte sich Aaron.
Nein!
Ich taumelte weiter nach hinten, fort von den beiden. Ich musste weg, nichts war mehr sicher. Wenn sie wussten, was ich war, dann wäre es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie erkannten, wen sie vor sich hatten. Oder?
»Was?«, fragte Damian. »Das soll sie gewesen sein?«
»Also, ich habe ihn gestern Nachmittag jedenfalls nicht herbeigerufen und du –«
Damian schnaubte.
»Entschuldigt, aber ich verstehe immer noch nicht …«, log ich mehr schlecht als recht. »Ach, vergesst es. Geht einfach ins Krankenhaus und lasst diese Wunde versorgen.« Ich wandte mich zum Gehen.
»Warte!«, rief Aaron. »Bist du sicher, dass du heute Nacht nichts auf den Kopf bekommen hast? Ich meine, ich bin doch nicht blöd. Ich habe dich gestern gesehen und heute tauchst du schon wieder an einem Ort auf, an dem ein Anderer gewütet hat. Soll das etwa ein Zufall sein?«
»Ich … nein … ich …«, stotterte ich, dann gab ich es auf. Statt zu antworten, stürzte ich einfach davon, vorbei an den Überresten der Tribünen und zurück in den Durchgang zwischen den Gebäuden. Das hier war viel zu viel. Und viel zu gefährlich. Was war nur in mich gefahren? Ich durfte nicht mit diesen Typen reden! Hexer! Meinesgleichen! Ich musste den Verstand verloren haben.
»Wer bist du?«, versuchte es Aaron weiter, doch Damian redete bereits auf ihn ein. Ich bog um die Ecke der Sporthalle und seine Worte gingen im Dröhnen der Motorsägen unter, die sich nun auch hier ihren Weg durch das Dickicht zu fressen schienen. Das Geräusch schwoll mit jedem meiner Schritte weiter an, bis ich schließlich den Lehrerparkplatz erreichte und einen ganzen Haufen Feuerwehrmänner vor mir fand.
Beinahe hätte ich ausgerechnet den Typen umgerannt, der mich bereits vor dem Haupteingang davongescheucht hatte. »Verdammt, ich dachte, ich hätte mich klar ausgedrückt!«, schrie er mich nun an. »Mädchen, du musst von hier verschwinden!«
»Ich weiß«, keuchte ich und lief schon im nächsten Moment die Straße hinunter, als ginge es um mein Leben.
Leider standen die Chancen gut, dass es tatsächlich so war.

5
Tanzende Wellen
Man sollte meinen, dass Fiona, Louisa und ich durchaus in der Lage wären, uns einen Vormittag lang allein zu beschäftigen. Wir waren schließlich keine Kinder mehr. Und wir starben sicher nicht gleich vor Langeweile, wenn mal die Schule ausfiel. In meiner Heimat am Meeresgrund hätten wir in unserem Alter als volljährige Erwachsene gegolten und nicht einmal mehr eine Schule besucht. Geschweige denn, dass man Hexen über zwölf Jahre überhaupt irgendwie pädagogisch betreut hätte. Warum auch, wir konnten doch längst auf uns selbst aufpassen.
Die Menschen, die in vielem anders dachten als die Hexen, sahen das natürlich nicht so. Allen voran Andreas, der noch dazu Spaß daran hatte, uns zu Dingen zu zwingen, die wir nicht tun wollten.
»Och, aber warum denn ausgerechnet Brettspiele?«, murrte Louisa gerade im Wohnzimmer, als ich die WG betrat. »Können wir nicht einfach auf unsere Zimmer gehen? Oder wenigstens einen Film gucken oder so? Ich hasse Mensch ärgere dich nicht.«
»Dann fangt ihr eben mit einem Kartenspiel an.« Andreas warf ein Päckchen Spielkarten auf den niedrigen Couchtisch.
Louisa und Fiona, die beide auf dem Sofa herumlümmelten, rührten sich nicht.
»Los, ein paar Runden Mau-Mau! Das ist doch wohl nicht zu viel verlangt.«
»Doch«, murmelte Fiona. Sie hielt ihr Handy in der Hand und die Augen fest auf das Display gerichtet.
»Louisa, du mischst. Und jetzt keine Diskussion mehr. Ah, Robin, da bist du ja endlich! Setz dich.« Andreas deutete auf den Sessel ihm gegenüber.
»Nein, danke«, brummte ich und wandte mich in Richtung meines Zimmers.
»Das war keine Frage.«
Ich seufzte. Donnerdrachen nahmen unsere Stadt auseinander und ein Hexer hatte erkannt, was ich war! Ich hatte wirklich keinen Nerv, ein dummes Spiel zu spielen.
»Tut mir leid, aber ich habe im Moment andere Probleme«, sagte ich und verließ den Raum, während Andreas hinter mir hörbar nach Luft schnappte.
»Ihr werdet jetzt, verdammt noch mal –«, begann er, doch ich ignorierte ihn.
Zielstrebig durchquerte ich den Flur. Bereits auf dem Weg hierher hatte ich mit dem Gedanken gespielt, jetzt meinen Kram zusammenzupacken, mir Bo mitsamt Goldfischglas unter den Arm zu klemmen und dann schnurstracks zum Bahnhof zu gehen, um die Stadt zu verlassen. Es würde natürlich nicht leicht sein, sich eine komplett neue Identität zu erschwindeln. Vermutlich müsste ich zumindest wieder für eine Weile das Leben einer Obdachlosen führen. Zu einer wirklichen Entscheidung war ich daher noch nicht gekommen.
Aber allein die Erinnerung daran, wie Aaron mich gemustert und mich auf den Ostwind angesprochen hatte … konnte ich es überhaupt riskieren hierzubleiben? Gab es noch eine Chance, das zu behalten, was ich mir aufgebaut hatte? Oder war es an der Zeit weiterzuziehen? Durfte ich einfach so weiterziehen, wenn derart grauenvolle Dinge wie Andere begannen, dem Meer zu entsteigen und die Menschen um mich herum zu bedrohen?
In jedem Fall brauchte ich Ruhe, um alles gegeneinander abzuwägen. Ruhe und die Chance, wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Und keine dämlichen Erziehungsmaßnahmen.
Doch dann erreichte ich meine Tür und rüttelte schon im nächsten Moment vergeblich an der Klinke.
»Andreas hat unsere Zimmer abgeschlossen!«, rief Louisa aus dem Wohnzimmer und nun war ich diejenige, die scharf die Luft einsog. Wie albern war das denn?
Ich kehrte zu den anderen zurück. »Darf ich bitte in mein Zimmer?«, fragte ich genervt.
»Sorry, aber gerade steht eine Gemeinschaftsaktivität auf dem Programm und die ist nun einmal verpflichtend.« Andreas lächelte eine Spur zu süffisant. »Es muss doch möglich sein, dass ihr euch mal für eine halbe Stunde miteinander beschäftigt anstatt mit euren Smartphones.«
Ha, das musste gerade er sagen! Meine Hände ballten sich zu Fäusten. Ich schloss für einen Moment die Augen und atmete tief durch. »Ich habe nicht einmal ein Smartphone«, sagte ich schließlich leise. »Und außerdem möchte ich bitte, bitte einfach nur allein sein und eine Lösung für … etwas finden.«
»Ach?« Andreas hob die Brauen. »Geht es um einen Jungen?«, fragte er. »Hast du Liebeskummer?« Er seufzte theatralisch.
»Nein«, sagte ich, verdrehte die Augen und sank in den Sessel. Am liebsten wäre ich ins Bad gestürmt und hätte die Tür hinter mir zugeknallt. Etwas in mir drängte sogar immer noch danach, aus der Wohnung zu stürzen und so weit wegzulaufen, wie ich nur konnte. Zu meiner Rolle der Jugendlichen mit sozialen Problemen hätte so ein Verhalten durchaus gepasst …
Dummerweise war es immer schlecht, die Nerven zu verlieren. Besonders wenn die Situation sowieso schon äußerste Vorsicht verlangte. Außerdem war ich nicht der Typ, der eine Szene machte, ich war vielmehr diejenige, die ihre Fähigkeit, unter dem Radar zu fliegen, mit den Jahren perfektioniert hatte. Nur so hatte ich mich an dieses Leben anpassen können, das so ganz und gar anders als alles war, das ich in meiner Kindheit kennengelernt hatte. Je mehr Ärger man machte, umso mehr Fragen begannen die Leute zu stellen …
»Ich … na gut, ich …« Ich senkte die Lider und atmete aus. Verdammtes Wohngruppenleben! »Dann kümmere ich mich eben später darum«, gab ich schließlich klein bei, schnappte mir die Karten und fing an zu mischen.
Erst etwa eine Stunde später erlöste uns Andreas endlich von den Qualen des Spiels. »Na, seht ihr, das hat doch Spaß gemacht, oder?«, fragte er in die Runde und überreichte jeder von uns ihren Zimmerschlüssel, als wäre es ein Preis.
Zur Antwort unterdrückte Louisa ein Gähnen und Fiona verließ wortlos den Raum. Auch ich erhob mich, allerdings hatten sich meine Pläne inzwischen geändert. Sooo furchtbar war das aufgezwungene Mau-Mau nämlich ehrlich gesagt nicht gewesen. Wir alle hatten während des Spielens kaum miteinander gesprochen und das sich immer wiederholende Legen und Ziehen von Karten hatte irgendwie etwas Meditatives gehabt. Zumindest waren meine Gedanken für eine Weile abgeschweift und das hatte mich wohl endgültig vor einer Kurzschlussreaktion bewahrt.
Meine Panik war innerhalb der letzten Stunde sogar beinahe wieder auf ihr übliches Level gesunken. Offensichtlich hatte ich ein Leben, in dem ich Mau-Mau spielen und mich mit einem unsympathischen Sozialarbeiter streiten konnte! War ich nicht inzwischen wirklich nur noch Robin, das Menschenmädchen? Damian hatte nicht eine Sekunde daran gezweifelt, oder? Er hatte mir meine Ahnungslosigkeit zu einhundert Prozent abgekauft.
Und auch wenn dieser Aaron die Überreste der Hexe in mir bemerkt hatte, er war verletzt und vermutlich verwirrt gewesen. Zusätzlich zum Blutverlust hatte er die halbe Nacht unter diesem Betonblock gelegen. Bestimmt hatte dabei auch sein Schädel etwas abbekommen. War es angesichts all dessen nicht sogar sehr wahrscheinlich, dass er mich mittlerweile längst wieder vergessen hatte?
Außerdem würden wir einander eh nie wiedersehen.
Statt also kopflos in mein Zimmer zu hasten und meine Sachen aus den Schränken zu rupfen, angelte ich mir nun, kaum dass Andreas uns entlassen hatte, einen Apfel aus der Schale auf der Anrichte und meinen Schal von der Garderobe, dann war ich auch schon an der Wohnungstür.
»Nanu?«, murmelte Andreas. »Ich dachte, du wolltest unbedingt auf deinem Bett liegen und traurige Liebesgedichte schreiben?«
»Hab’s mir anders überlegt.« Ich zuckte mit den Achseln. »Du weißt doch, wir Teenager ändern unsere Stimmung quasi im Minutentakt.«
»Haha«, machte Andreas und tippte auf seinem Handy, während ich ins Treppenhaus hinaustrat.
Draußen hatte es wieder angefangen zu nieseln und der Wind blies frisch aus nordöstlicher Richtung. Aber das störte mich kaum. Ich biss in den Apfel und schlug den sandigen Pfad ein, der vom ehemaligen Pfarrhaus aus durch die Dünen bis zum Strand hinunterführte. Das Grollen der Wellen war dabei wie immer Musik in meinen Ohren und der süßliche Geschmack des Apfels in meinem Mund beruhigte mich zusätzlich.




