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Obwohl das Novemberwetter eigentlich nicht dazu einlud, zog ich Schuhe und Strümpfe aus, noch bevor die See in Sichtweite kam. Das letzte Stück des geschlängelten Weges rannte ich barfuß über hölzerne Bohlen und Grasbüschel. Dann versanken meine Zehen endlich im Sand und mein Blick hing an den schiefergrauen Wogen des Ozeans.
Heimat.
Der Geruch von Salz und Seetang stieg mir in die Nase und winzige Tröpfchen der aufgepeitschten Gischt prickelten auf meinen Wangen. Ich konnte das Wasser gar nicht schnell genug erreichen. Wie immer lockte mich das Meer zu sich, rief in mir den Drang hervor, mich einfach hineinzustürzen. Jetzt sofort. In Jeans und Anorak, obwohl die Wellen eisig sein mussten.
Wann immer ich die See erblickte, hatte ich das Gefühl, die Kuppelstädte meiner Mutter unter den wogenden, schillernden Wassern erahnen zu können. Das stimmte natürlich nicht. Die Paläste der Tiefe waren kilometerweit von der Küste entfernt, lagen gut verborgen in den Schluchten und Abgründen des Meeresbodens und die Reise nach Atlantis dauerte selbst in den besten Kesselbooten mehrere Tage. Dennoch bedeckten dieselben Fluten, die hier über den Sand tanzten, auch Fels, Korallen und Muschelkristall des versunkenen Königreichs. Dieselben Fluten, die den Eisglashimmel über den Köpfen meiner Schwestern schützten, kitzelten jetzt gerade vorwitzig die Spitzen meiner Zehen.
Abgesehen davon war die Kälte des Wassers eine Wohltat für meine geschundenen Füße. Auch wenn wir immer noch Menschen waren, unsere Hexenkörper hatten im Laufe der Jahrhunderte ganz langsam angefangen, sich an die Lebensbedingungen unter dem Meer anzupassen. Die Evolution war bereits am Werk. Noch waren es natürlich winzige Veränderungen, kaum der Rede wert, aber doch spürbar: Kälte und Dunkelheit machten uns von Generation zu Generation weniger aus, ebenso wie der Wasserdruck uns nicht mehr schadete. Im Gegenteil: Wenn wir uns zu lange an Land aufhielten, begannen unsere Füße sogar dann und wann zu bluten, weil unsere Haut viel zu dünn und zart war.
In der Regel gab es daher stets irgendeine Stelle an meinen Fersen oder meinen Sohlen, die ich mir wundgescheuert hatte. Als bekäme ich andauernd Blasen von neuen Schuhen, obwohl ich immer nur meine ausgetretenen Sneakers trug. Wie gesagt, es war nichts Dramatisches, man konnte damit leben. Aber es tat so gut, nun durch die Brandung zu laufen!
Ich hatte meine Hosenbeine hochgekrempelt und wanderte langsam am Ufer entlang Richtung stadtauswärts. Irgendwo hinter mir, wo die Dünen zu felsigen Klippen anstiegen und zum Glück längst nicht in Sichtweite, thronte der alte Leuchtturm. Ob Aaron und Damian gerade dort waren und um ein Muschelhorn voller gefrorenen Meerschaums feilschten? Wenn sie schlau waren, verbargen sie Aarons Wunde vor den Händlern, damit die nicht erkannten, wie dringend er auf das Heilmittel angewiesen war. Aber da die beiden behauptet hatten, Sturmjäger zu sein, verstanden sie sich vermutlich aufs Handeln.
Und ich, ich verstand mich darauf, im Verborgenen zu bleiben.
Die Wellen umspielten meine Knöchel und meine Zehen gruben sich bei jedem Schritt in die glitschige Mischung aus nassem Sand, Algen und Muschelscherben. Ich saugte die Seeluft gierig in meine Lunge und spürte förmlich, wie sich der Sturm meiner Ängste und Gedanken bei jedem Atemzug weiter legte.
Ich würde also hier bleiben.
Das Wasser um mich herum glitzerte, wo vereinzelte Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke brachen, als begrüßte es meine Entscheidung.
Das Ganze war selbstverständlich nicht ungefährlich. Der Gebrauch meiner Magie stellte den bisherigen Tiefpunkt meines neuen Lebens dar. Eine unverzeihliche Dummheit, ein Verstoß gegen die wichtigste Regel von allen. Doch wie ich es auch drehte und wendete, die Vorstellung, erneut alles aufzugeben und zu fliehen, erschien mir beinahe genauso grausam wie die Möglichkeit, nach all den Jahren von meiner Familie gefunden zu werden. Und außerdem … Das heute war das erste Mal seit meiner Flucht aus dem Palast gewesen, dass ich mit meinesgleichen gesprochen hatte. Die beiden Hexer hatten mir direkt ins Gesicht gesehen, waren nur eine Armeslänge von mir entfernt gewesen. Aber keiner von ihnen hatte in mir Undina, die siebte Prinzessin, erkannt.
Es kam mir vor wie ein Wunder, doch womöglich war ich mit der Zeit einfach ein bisschen paranoid geworden. Überraschend wäre das bei meiner Vergangenheit jedenfalls nicht.
Ich wirbelte mehr und mehr Wasser auf, während ich nun zügiger voranschritt, als wäre mir plötzlich eine Last von den Schultern gefallen. Weil da eine Hoffnung in mir wuchs, mit der ich nie gerechnet hätte.
Bisher hatte ich immer angenommen, dass selbst die Haarfärbung und die Tatsache, dass ich in den letzten Jahren etwa dreißig Zentimeter gewachsen war, niemanden wirklich täuschen könnten. Mein Gesicht war schließlich für eine lange Zeit auf jede Hagelmünze und jeden ozeanischen Orden geprägt worden. Aber ich hatte mich wohl stärker verändert, als ich geglaubt hatte, und vermutlich –
Etwas Spitzes bohrte sich in meinen rechten Fußballen.
Erschrocken machte ich einen Satz nach hinten, doch zu spät: Blut färbte das Wasser für einen Moment rötlich, meine empfindliche Sohle brannte trotz des kühlen Meeres und das, was da vor mir aus dem Schlick ragte, als sich die Brandung zurückzog, jagte mir einen Schauer über den Rücken. Mit einem Mal begann ich doch zu frieren. Eine Kälte, die nichts mit dem Wasser oder dem Wind zu tun hatte, fraß sich in meine Magengrube.
Auf den ersten Blick hätte man das Ding für ein Bündel Seetang halten können, in dem sich ein paar Muscheln und Stücke von Treibholz verfangen hatten. Die Menschen wären wohl einfach daran vorbeigegangen. Doch die Algen hatten sich nicht bloß in den Strömungen der Tiefe ineinander verheddert: Sie waren sehr sorgfältig miteinander verknotet worden. Sieben mal sieben Knoten, darauf wettete ich, auch ohne nachzuzählen. Und das waren auch keine Muscheln oder Holzsplitter, die jemand wie Perlen auf die Pflanzenschlingen gefädelt hatte, sondern Knochen. Viele Knochen von unterschiedlicher Größe, längere und kürzere, allesamt glänzend poliert und nadelspitz zugefeilt.
Spitz wie die Zähne eines Donnerdrachen.
Ich schluckte und tat noch einen Schritt nach hinten.
Ein Köder. Die Hexer hatten also nicht gelogen. Jemand versuchte tatsächlich, die Anderen mit Absicht an Land zu locken!
Es war Wahnsinn.
So etwas hatte es in der Geschichte der Wetterhexen noch nie zuvor gegeben! Wer würde gegen das oberste Gesetz unseres Volkes verstoßen und vorsätzlich Menschen in Gefahr bringen?
Wer wagte es, sieben mal sieben Opfer … Blutmagie war verboten, sie war dunkel und gefährlich. Mit ihrer Hilfe konnten starke Zauber gewoben werden, denn sie verstärkte die angeborenen Kräfte einer Hexe. Allerdings nur, wenn man bereit war, eine entsprechende Anzahl an Meeresbewohnern zu töten. Je mehr und je größere Wesen es waren, umso mächtiger die Beschwörung.
Ich fröstelte nun so sehr, dass ich zu zittern begann, während der Köder noch immer vor mir im Sand prangte, eine unaussprechliche Abscheulichkeit, hässlich und böse.
Er musste zerstört werden. Umgehend.
Nein!
Ich seufzte. Das ging nicht. Auf keinen Fall konnte ich schon wieder eine Ausnahme machen und meine Magie benutzen. Verdammt, ich durfte nicht so dumm sein! Es musste eine andere Lösung geben und solange sich kein Mensch in akuter Lebensgefahr befand, konnte ich danach suchen. Ich würde in Ruhe darüber nachdenken und früher oder später … Ja, mir würde schon etwas anderes einfallen!
Ich presste die Kiefer aufeinander, kehrte dem Drachenköder den Rücken und wäre einen Herzschlag später beinahe mit Aaron zusammengestoßen.
»Huch, du hast es aber eilig«, sagte er.
Während ich versuchte, mein Gleichgewicht wiederzufinden, wanderte sein Blick langsam an mir auf und ab.
»Wie …?«, stammelte ich schließlich und starrte ihn ebenfalls an.
Er hatte seine Kleidung gewechselt, statt des zerrissenen Hemdes trug er nun einen Wollpullover. Die Hose hatte er mittlerweile gegen eine helle Jeans eingetauscht und sein Haar glänzte, als wäre es frisch gewaschen. Nur die Stiefel an seinen Füßen waren immer noch schmutzig und mit Salz verkrustet, als wäre er damit bereits viele, viele Male durch die Brandung gestapft.
»Hi«, sagte Damian, der hinter ihm stand. Auch er war sauber und ordentlich gekleidet.
Als wäre überhaupt nichts geschehen …
»Hallo, äh …« Ich wandte mich wieder an Aaron. »W…was ist mit deiner Verletzung?«, fragte ich und deutete auf die Stelle, wo sich die Bisswunde unter seinem Ärmel verbergen musste.
Er zuckte mit den Achseln. »Geheilt natürlich.«
Mein Mund klappte auf und wieder zu. »Aber wie kann das sein?«
Es war keine drei Stunden her, dass ich die beiden auf dem Sportplatz zurückgelassen hatte. Wie waren die Hexer so rasch an den nötigen Meerschaum gekommen? Selbst wenn sie im alten Leuchtturm gleich an den richtigen Händler geraten und sich mit ihm einig geworden wären … es hätte mindestens eine Nacht gedauert, den gefrorenen Schaum aus dem Nordatlantik herbeizuschaffen.
»Wenn man gute Beziehungen hat, geht so manches schneller als gewöhnlich«, war Aarons kryptische Erklärung. »Danke, dass du Damian heute früh geholfen hast.« Er spähte über meine Schulter und zuckte im gleichen Augenblick kaum merklich zusammen. »Ah, ich sehe, du bist auf einen weiteren Köder gestoßen.«
»Tut mir leid, ich weiß wirklich nicht, was –«, begann ich, doch er fiel mir ins Wort.
»Aber du hast gar nichts dagegen unternommen …« Er kniff die Augen zusammen und musterte mich erneut, gründlicher jetzt. Seine Brauen schoben sich hoch. »Wolltest du ihn etwa einfach liegen lassen?« Vorhin hatte bei meinem Anblick noch der Anflug eines Lächelns in seinem Mundwinkel gehangen, doch nun war es plötzlich wie fortgewischt. »Oder hast du ihn gerade dort ausgelegt? Tust du deshalb so, als wärst du keine von uns?«, fragte Aaron scharf. »Ist das deine Masche?«
»Nein!«, rief ich und schüttelte den Kopf. »So etwas würde ich niemals machen! Und ich habe keine Masche.«
Wie unverschämt war dieser Typ eigentlich?
»Hm …« Er verschränkte die Arme vor der Brust. In seinen honigfarbenen Augen blitzte es, unmöglich zu sagen, ob vor Argwohn oder Neugierde. »Nun, wer bist du dann, mysteriöse Hexe, die immer zufällig gerade dort auftaucht, wo ein paar ganz und gar vom Pfad abgekommene Donnerdrachen ihr Unwesen treiben?«
Verdammt! Röte schoss mir ins Gesicht. »Ich … ich«, stotterte ich und spürte im selben Moment, wie die See, die meine Knöchel noch immer umspielte, mir neue Kraft gab. »Mein Name ist Roberta«, log ich schließlich und senkte den Blick. »Aber alle nennen mich Robin. Ich stamme aus dem Ostmeer. Vor ein paar Jahren zerstörte eines der Unwetter dort die Kuppel über unserem Dorf. Mein gesamter Clan kam dabei ums Leben, nur ich wurde an Land gespült und von den Menschen gefunden. Sie nahmen mich bei sich auf und seitdem tue ich so, als wäre ich eine von ihnen, weil …« Ich sah ihm in die Augen. »Na ja, weil alle, die mir etwas bedeutet haben, tot sind und ich nach dieser schrecklichen Nacht nichts mehr mit den Wettern oder der Welt der Hexen zu tun haben will«, presste ich hervor. Ich musste mich nicht einmal anstrengen, ein trauriges Gesicht aufzusetzen, obwohl ich mir das alles gerade aus den Fingern gesogen hatte. Meine Familie war schließlich wie tot für mich.
Und ich für sie.
»Oh«, machte Damian. »Das … tut mir leid. Meine Eltern sind auch gestorben.«
»Ja«, sagte Aaron, seine Lippen bildeten eine schmale Linie. »Trotzdem lockst du deshalb noch lange keine Donnerdrachen an Land, oder, Damian?«
Ich funkelte ihn an, jegliche Traurigkeit schlug augenblicklich in Zorn um. »Wie kannst du es wagen, mir so etwas zu unterstellen?«
»Nun, zuerst treffen wir dich in dieser Unterführung inmitten eines Anderen. Dann tauchst du am nächsten Morgen genau dort auf, wo mehrere Donnerdrachen versucht haben, uns umzubringen. Und jetzt erwischen wir dich hier mit einem Köder.« Aaron schüttelte den Kopf. »Robin, Robin, was denkst du denn, wie das für uns aussieht?«
»Also, erstens habe ich gestern gegen den Anderen gekämpft, und zwar um mein Leben, falls es dir nicht aufgefallen ist.« Ich richtete mich zu meiner vollen Größe auf. »Zweitens wart ihr heute Morgen an meiner Schule und ich war bloß auf dem Weg zum Unterricht. Und drittens habe ich diesen Köder gerade nur zufällig gefunden und war noch am Überlegen, wie ich ihn unschädlich mache.«
»Ganz schön viele Zufälle«, brummte Aaron.
»Tja.« Inzwischen ging der Kerl mir wirklich auf die Nerven. »Dann glaubt mir eben nicht. Allerdings finde ich es viel komischer, dass ihr beiden innerhalb von nicht einmal 24 Stunden ganze drei Mal in meiner Nähe auftaucht«, ging ich nun meinerseits in die Offensive.
»Wir handeln im Auftrag Ihrer Majestät der Tiefe«, sagte Aaron, als wäre allein das Erklärung genug. »Wir jagen Blitzklingen für die Königin und du weißt sicher, aus welcher Art von Stürmen die besten und schärfsten Waffen geschmiedet werden können. Aber natürlich wundern wir uns auch, warum die Biester plötzlich an Land kommen. Deshalb suchen wir die Küste nach Ködern ab und zerstören sie.«
»Toll«, zischte ich und unterdrückte ein Schaudern. Ihre Majestät der Tiefe, meine Mutter höchstpersönlich! Verdammt! Ich versuchte, mich möglichst lässig zum Gehen zu wenden. »Wenn das so ist, dann macht doch am besten gleich hier weiter. Viel Spaß!«
Ich wollte die Hexer stehen lassen, doch dieses Mal hatten sie offenbar mit einem Fluchtversuch meinerseits gerechnet. Noch ehe ich mich an ihnen vorbeischieben konnte, hatte Damian mich gepackt und verdrehte mir derart die Arme auf den Rücken, dass es wehtat. Er war zwar kleiner als ich, aber eindeutig kräftiger.
»Lass mich sofort los!« Ich wand mich hin und her, versuchte vergeblich, mich zu befreien.
»Nicht so schnell«, sagte Aaron und stand plötzlich sehr nah vor mir. Sein Blick bohrte sich in meinen und ich konnte die dunkelbraunen Sprenkel in seiner Iris erkennen. »Robin aus dem Ostmeer«, murmelte er. »Niemand kann dich zwingen, als Hexe zu leben, aber … Ich habe, ehrlich gesagt, noch nie davon gehört, dass jemand von uns freiwillig auf seine Magie verzichtet und sich unter die Menschen gemischt hätte. Und was ist mit deinem Schwur, sie zu beschützen? Den legt man doch wohl auch in den Ostmeeren ab …« Er blinzelte. »Ich verstehe das nicht. Wieso läufst du vor deinem Schicksal davon?«
»Na, weil …« Ich schnaubte. »Das ist echt bescheuert! Könnt ihr mich nicht einfach in Ruhe lassen?«
»Ich weiß nicht, können wir das? Was meinst du, Damian?«
»Na ja, sie hat uns zwar geholfen, aber sie hat mich heute Morgen auch angelogen«, erklärte Damian in meinem Nacken. »Das war schon irgendwie komisch und … äußerst verdächtig.«
»Höchst verdächtig«, pflichtete Aaron ihm bei.
Ich seufzte und schwieg einen Moment lang. Doch Damian hielt mich noch immer in eisernem Griff gefangen und auch Aaron machte keinerlei Anstalten, mich laufen zu lassen. Mit verschränkten Armen starrte er mich an. Ohne eine Erklärung kam ich hier nicht weg, so viel stand fest.
»Ich habe Angst«, flüsterte ich schließlich ehrlich. »Ich … kann keine Hexe mehr sein, okay?«
Aaron betrachtete mich weiterhin mit dieser undurchdringlichen Miene. Glaubte er mir? »Nehmen wir an, du sagst die Wahrheit und du bist nicht diejenige, die diese Bestien auf die Stadt losgelassen hat«, begann er nach einer Weile. »Es ist nämlich so, hier an der Oberfläche gibt es nicht mehr viele Hexen. Die meisten von ihnen sind uralt und verlassen den Leuchtturm so gut wie gar nicht mehr. Du weißt schon, weil die Meeresspiegel steigen und die Wetter …« Er atmete aus. »Die Alten können kaum noch die normalen Zauber ausführen. Diese Drachenplage wird also wohl oder übel an Damian und mir hängen bleiben und … wir könnten dabei durchaus ein wenig Hilfe gebrauchen.«
»Verstehe«, sagte ich und Aaron nickte.
»Dann bist du dabei? Um die Menschen zu retten, bei denen du lebst?«
Ich presste die Zähne aufeinander und dachte an meine Schule. Wie viele Tote hätte es wohl gegeben, wenn die Donnerdrachen tagsüber anstatt mitten in der Nacht über sie hergefallen wären? Trotzdem … Ich versuchte, Aarons Blick auszuweichen. Das konnte ich einfach nicht tun.
»Du willst also ernsthaft tatenlos dabei zusehen, wie dieser Ort mitsamt all seinen Bewohnern Stück für Stück dem Erdboden gleichgemacht wird?«
Inzwischen biss ich mir so fest auf die Unterlippe, dass ich Blut schmeckte. Als ich blinzelte, verfing sich plötzlich eine Träne in meinen Wimpern. Natürlich konnte ich nicht zulassen, dass Andere diese Stadt zerstörten und Menschen verletzten, aber … Scheiße!
Scheiße, Scheiße, Oberscheiße!
Aaron legte den Kopf schief und während er mich weiterhin unverwandt ansah, stahl sich ganz langsam das Lächeln zurück auf seine Lippen. Es huschte bis zu seinen Augen hinauf und verwandelte sich allmählich zu einem breiten Grinsen, das seine Züge aus dem Gleichgewicht brachte und dieses niedliche Grübchen erscheinen ließ. »Wusste ich’s doch! Schön, dass wir das klären konnten, findest du nicht?«
Ich funkelte ihn an, bis er Damian einen Wink gab und dieser mich endlich losließ.
»Willkommen im Team, Robin aus dem Ostmeer«, sagte Aaron schließlich feierlich und schüttelte meine nun wieder freie Hand. »Dann zeigen wir den Biestern mal, was die Hexenwelt von ihnen hält!« Er wandte sich dem Köder im Schlick zu. »Und als Erstes schicken wir dieses Mistding auf den Grund des Marianengrabens, ha!« Er beugte sich über das Gebilde aus Tang und Knochen.
Ich schluckte und rieb mir die schmerzenden Handgelenke, wo Damian mich gepackt hatte. Derweil rief Aaron bereits nach dem Südwind und ich wusste noch immer beim besten Willen nicht, was ich von alldem halten sollte.

2. Strophe
Wettervorhersage
Ein waghalsiges Unterfangen geht in eine sternenklare Nacht über.
Tagsüber bedeckt, bei Temperaturen von vier bis acht Grad.
Genervte Winde.
Örtliche Gewitter.
Und Blitze – Blitze in Robins Händen.

6
Karottenkaffee
Die Luft war erfüllt von einer Mischung aus Gischt und aufgewirbeltem Sand. Und von Aarons samtiger Stimme natürlich. Er sang mit dem Südwind ein kompliziertes Lied, ließ ihn über den Strand peitschen und lenkte ihn schließlich zu dem Drachenköder im Schlick.
Sofort begann das Ding, sich zu wehren. Es zischte und zuckte, als wäre es lebendig. Als wollte es nach der Bö schnappen, die es nun in die Höhe hob, um es auf die See hinauszutragen. Weit fort von hier. Fort von den Menschen und allem, dem die Drachen nicht zu nahe kommen sollten.
Aarons Ruf war stark und der Südwind gehorchte ihm aufs Wort. Dennoch gelang es dem Köder, sich loszuwinden. Schon sank er wieder in Richtung Boden. Die Knochensplitter glühten dunkel, während schwarzes Blut aus den sieben mal sieben Knoten quoll und in die Wellen tropfte, um auszuschwärmen und –
»Ach du Kacke, der macht noch jeden Drachen im Umkreis auf uns aufmerksam!«, schrie Damian gegen das Heulen des Windes an.
»Ich weiß.« Aaron stemmte die Füße in den Sand und wiederholte seinen Ruf, diese Tonfolge, die weniger eine Melodie als vielmehr eine Kampfansage war. Er hatte den Kopf in den Nacken gelegt und die Hände zu Fäusten geballt. Der Klang seiner Stimme verband sich mit dem Rauschen der See. Eine Gänsehaut kroch über meinen Nacken. Windlieder waren pure Magie.
Erneut riss es den Köder in die Luft. Und erneut versuchte das Biest, sich zu entziehen. Weitere Blutstropfen besprenkelten die Wasseroberfläche. Es musste eine mächtige Hexe gewesen sein, die diesen Zauber gewirkt hatte. Oder zumindest eine, die nicht vor Blutopfern zurückschreckte.
Ich hielt den Atem an, während der Köder weiter gegen den Südwind ankämpfte, sich fauchend auf Aaron stürzte und ihm ins Gesicht klatschte.
»Jetzt wäre ein guter Moment für ein wenig Unterstützung«, nuschelte dieser nun zwischen Algen und Knochen hindurch. Schwarzes Blut rann ihm über die Wangen wie Tränen. Mit beiden Händen packte er den Köder und zerrte daran.
Mein Blick wanderte zu Damian, doch der rührte sich nicht. »Mich hat er nicht gemeint!«, rief er. »Ich wurde ohne Kräfte geboren.«
»Du wurdest was?«, fragte ich verwirrt. Als Kind hatte ich natürlich Geschichten davon gehört, Geschichten von Hexen, denen die Wetter einfach nicht gehorchen wollten, aber ich hatte sie immer für Märchen gehalten. »Deshalb hast du heute früh nicht den Wind herbeigerufen, um diesen Betonbrocken –«
»Hm…hm…hmpf!«, unterbrach mich Aaron, dessen Gesicht sich noch immer in den Fängen des Köders befand.
Er deutete auf den Horizont, an dem sich bereits Gewitterwolken zusammenballten, die zu einem Sturm der anderen Art zu gehören schienen. Die Drachen hatten unsere Fährte aufgenommen.
Ich schluckte und schloss für einen Moment die Augen.
Dann lächelte ich plötzlich und überraschte mich selbst damit, wie ich zum zweiten Mal innerhalb von 24 Stunden nach dem Ostwind rief.
Bei Neptuns Bart, was war nur los mit mir? Ich verhielt mich so unvernünftig. Und war trotzdem so … erleichtert. Auch der Ostwind schien sich zu freuen. Genau wie gestern umtoste er mich stürmisch, zerzauste mein Haar, als hätte er mich vermisst, und stimmte zugleich in meinen Ruf ein. Als hätte es die letzten viereinhalb Jahre der Stille zwischen uns nie gegeben.
Ich ließ meine Stimme über Sand und Meer tanzen, schickte meinen Freund in wirbelnden Kreisen über das Wasser und hatte das Gefühl, mit ihm davonzuschweben. Meine Magie, die ich gestern lediglich in Panik und nur für einen Augenblick heraufbeschworen hatte, durchfloss mich nun vollkommen. Mein Brustkorb schien sich zu weiten, in meinen Adern pulsierte die uralte Macht über Gezeiten, Wolken und Winde. Und zum ersten Mal seit meiner Flucht war ich wieder wirklich und wahrhaftig eins mit dem Ozean, spürte sein Atmen in jeder Welle, die meine Knöchel liebkoste.
Ich wusste, ich durfte keine Hexe mehr sein. Und ich hatte es ehrlich versucht, hatte meine Herkunft verleugnet und mich selbst bestraft.
Aber hier und jetzt konnte ich nicht anders.
Denn ich war noch immer, wozu ich geboren worden war.
Ich war und blieb eine Hexe.
Eine Hexe, um die sich seit ihrer Geburt die Legenden gerankt hatten. Das war mein Schicksal, ob es mir gefiel oder nicht. Und ehrlich gesagt, gefiel es mir eigentlich schon, oder? Ja, es gefiel mir sogar sehr.
Mein Ruf verband sich mühelos mit Aarons, als dieser nun endlich wieder den Mund frei bekam. Unsere Winde trafen mitten auf dem Wasser zusammen, verflochten sich zu einem unsichtbaren Netz und umfingen den Köder schon im nächsten Augenblick. Mit einem Ruck befreite sich Aaron endgültig aus seinen Fängen, dann schleuderten wir die Monstrosität gemeinsam auf die See hinaus. Mitten hinein in den Anderen am Horizont und weit darüber hinaus.
Wir befahlen den Winden, das Ding in den tiefsten Tiefen zu versenken, und beobachteten schließlich, wie die bedrohlichen Gewitterwolken sich verzogen, um dem Köder dorthin zu folgen.
Wenige Minuten später war der Strand wieder so ruhig, als wäre gar nichts geschehen. Die Brandung hatte den Abdruck, den Tang und Knochen im Schlick hinterlassen hatten, bereits fortgewaschen.
Aaron wischte sich die letzten Spuren der Blutstropfen von den Wangen. Dann sah er mich an. Auf eine neue Art, die … mir nicht unangenehm war.
»Du bist gut«, sagte er.




