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Plötzlich veränderte sich das gleichmäßige Piepen des EKGs. Es wurde schneller. Johnny sah überrascht auf. Die Amplitude auf dem Bildschirm zeigte ungewöhnlich starke Ausschläge. Sein Puls stieg langsam, aber stetig an: 82 Herzschläge pro Minute… 94…106…114… 122…
Lorna ließ von ihrer Arbeit ab und drehte sich irritiert um. Sie sah Johnny, der nach wie vor auf der Liege saß und mehr fasziniert als beunruhigt die Anzeige vor sich betrachtete.
»Was machen Sie denn mit dem EKG, Dr. Elm?«
»Gar nichts. Die Frage muss eher lauten: Was macht das EKG mit mir?«
»Wie bitte?« Lorna kam besorgt näher.
»Sehen Sie selbst, das ist wirklich höchst seltsam. Wenn man diesen Werten hier glauben schenken darf, habe ich momentan einen Herzschlag von 178… und darüber hinaus… Vorhofflimmern.« Er fasste sich irritiert an die Halsschlagader. »Allerdings… fühle ich mich… ganz normal…«
Lorna zog skeptisch die Stirn in Falten. »Dann stimmt etwas mit dem Apparat nicht. Komisch. Bis eben ging er doch noch. Lassen Sie mich mal sehen!« Sie ging um die Liege herum und klopfte mit den Fingerknöcheln auf das Gehäuse. Ohne Ergebnis. »Und Sie sind sicher, dass Sie das mit dem `Manipulieren´ nicht zu wörtlich genommen haben?« Johnny schüttelte verwirrt den Kopf. Sein Herz raste offenbar mit 192 Schlägen pro Minute. Lorna überprüfte die Kontakte an seiner Brust. Sie fand keine Auffälligkeiten. Alles war vorschriftsmäßig verkabelt.
»Da!«, hauchte Johnny im selben Moment und deutete auf den Bildschirm. Nicht zu fassen… Asystolie… Herzstillstand!« Tatsächlich zeigte die Kurve keinen Ausschlag mehr. Das hektische Piepen ging in einen schrillen Dauerton über.
Gleich darauf wurde es von gewaltigem Lärm überdeckt. Lorna riss erschrocken die Arme in die Höhe. »Oh… mein… Gott… was… ist… das…?« Sie taumelte rückwärts und krallte sich haltsuchend an Johnnys nacktem Oberkörper fest, während das ganze Schiff bebte.
***
»Mommsen, da sind Sie ja. Sollten Sie sich nicht um unsere Passagiere kümmern, anstatt hier herumzuliegen?« Mousson war, so schnell er konnte, die schmale Treppe zum Kabinentrakt hinuntergestiegen. Von dort führte ein schmaler Korridor zu einer Metalltür, über die man den Maschinenraum zwei Decks tiefer erreichte.
Der im flackernden Zwielicht benommen daliegende Stewart, das verstörte Ehepaar und die als Einzige gefasst wirkende Baronesse von Adler hatten ihn für einen Moment irritiert. Doch Mousson war kein Mann, der sich von Unvorhergesehenem aus der Ruhe bringen ließ.
Unsicherheit verbat sich in seiner Position von selbst; und falls sie ihn doch einmal befiel, wusste er sie hinter einer rauen Schale gut zu verbergen.
»Madame… ist bei Ihnen alles in Ordnung?« Er gab von Adler die Hand und half ihr beim Aufstehen. »Ja. Danke. Mir geht es gut.«
Mousson drehte sich um. »Und Ihnen…?« Die junge Frau und der Mann erhoben sich schwerfällig vom Boden. In ihren Gesichtern lag Erleichterung darüber, dass sich nun endlich Jemand ihrer annahm.
Mousson musterte beide von oben bis unten, klopfte dem Mann beruhigend auf die Schulter und ging mit geraffter Uniformhose in die Hocke. »He, Mommsen! Ich bin es: Philippe Mousson… Ihr Erster Offizier. Erkennen Sie mich?« Sein Blick fiel auf die Flasche Cognac, die neben Mommsen auf dem Boden lag, und seine Miene wechselte von Besorgnis zu Strenge. »Das darf doch nicht wahr sein, Mommsen, sind Sie besoffen?« Er roch am Atem des Stewarts. Von Adler trat aus dem Schatten der Säule. »Die Flasche habe ich bei Herrn Mommsen bestellt. Er war gerade auf dem Weg zu mir, als es zu diesem… Zwischenfall kam.« Sie nahm Mousson den Weinbrand aus der Hand. »Herr Mommsen ist in Ausübung seiner Pflicht mit dem Pfeiler hier kollidiert.« Mommsen lallte etwas Unverständliches. Mousson half ihm, sich aufzurichten und lehnte ihn sitzend gegen die nächste Wand. »Das wird schon, Mommsen. Ruhen Sie sich noch ein Weilchen aus und melden Sie sich, sobald Sie wieder stehen können, auf der Brücke.« Er erhob sich, legte die linke Hand an die Hosennaht und führte die rechte zum Gruß an die Schläfe. »Entschuldigen Sie mich bitte. Der Maschinenraum wartet.« Eilig setzte er sich in Bewegung, doch der verängstigte Blick der jungen Frau ließ ihn noch einmal innehalten. Mit um Wärme bemühter Stimme sagte er: »Machen Sie sich keine Sorgen… ich kann Ihnen versichern, dass die Elmsfeuer bereits ganz andere Manöver… heil überstanden hat. Vorerst besteht keine…« Ein lauter Schlag unterbrach ihn. Alle Köpfe fuhren herum. Das Geräusch kam von der Eisentür am Ende des Korridors. Ein zweiter Schlag folgte. Jemand versuchte von der anderen Seite, die Klinke der Tür herunterzudrücken. Wieder krachte es dumpf, dann wurde die Tür tatsächlich mühsam aufgeschoben.
Die junge Frau tat einen unterdrückten Aufschrei. Ihr Mann wurde wieder bleich. Selbst Mousson schien einen Moment lang unschlüssig, was er tun sollte. Dann ging er auf die Gestalt zu, die sich stöhnend im Türstock festhielt. »Um Gottes Willen, Brovny! Bleiben Sie, wo Sie sind! Ich komme und helfe Ihnen.«
Es war der Maschinist der Elmsfeuer, der taumelnd dort vor ihnen stand. Sein Gesicht war zu einer Grimasse verzerrt. Als Mousson ihn erreichte und den schweren Mann unter den Schultern packte, um zu verhindern, dass er einfach umkippte, schrie dieser laut auf. Sein linkes Bein, das konnten alle sehen, war mit mehreren groben Lappen umwickelt. Durch den Stoff sickerte Blut. Viel Blut. So viel, dass es an einigen Stellen bereits auf den Boden sickerte. Mousson versuchte keuchend, den Verletzten aufrecht zu halten und gleichzeitig das verwundete Bein zu entlasten. Doch bei jeder Bewegung heulte Brovny vor Schmerz wie ein waidwundes Tier.
»In drei Teufels Namen, Brovny! Was ist passiert?« Mousson schob sich mit blutverschmierter Hand die Offiziersmütze in den Nacken.
»Blut… es ist… alles voller Blut«, stammelte die junge Frau. Ihr Atem ging flach und stoßweise. Ihr Mann starrte apathisch auf die dunkelrote Lache, die sich langsam über den Fußboden ausbreitete. Er schien wie gelähmt.
Von Adler hob rasch die Cognacflasche auf, entkorkte sie und reichte sie Mousson. »Hier… geben Sie Herrn Brovny einen Schluck davon. Das wird ihn beruhigen.«
Brovny stierte glasig in von Adlers Richtung. Gierig griff er nach der Flasche, nahm hastig einen tiefen Schluck, ächzte, setzte erneut an und soff wie ein Verdurstender ein Viertel ihres Inhalts aus. Als er nicht mehr konnte, begann er zu wimmern: »Ro-si-na…«
Die junge Frau hauchte: »Ich… glaube… mir wird…« Dann kippte sie um. Dem Mann gelang es gerade noch, sie aufzufangen. So sanft wie möglich ließ er sie zu Boden gleiten und lagerte ihre Füße auf einem der beiden Rucksäcke. Fahrig strich er ihr das wirre Haar aus dem Gesicht. Dabei sah er aus, als müsse er sich selbst jede Sekunde übergeben.
Mousson hatte derweil genug damit zu tun, den verletzten Brovny bei Bewusstsein zu halten. Er brüllte ihm ins Ohr: »Brovny, bleiben Sie hier! Hören Sie? Was ist mit Rosina? Ist ihr etwas passiert? Brovny?
Verstehen Sie mich?«
Der Maschinist stöhnte, kaum verständlich: »Weg. Sie ist weg.«
»Wie… weg? Sie kann doch nicht verschwunden sein. Wir sind hier auf einem Schiff.« Mousson schlug Brovny mit dem Handrücken ins Gesicht.
»Los, reden Sie schon!« Er packte ihn noch fester unter den Armen, um ihn nicht fallen zu lassen. Brovny verdrehte die Augen.
»Brovny, verdammt, ist Rosina bei der Explosion etwas zugestoßen?« Statt zu antworten, fuhr Brovny sich mit dem öligem Ärmel mehrmals unkontrolliert über das Gesicht und schrie, verzweifelt, laut, dass es in den Fluren widerhallte: »Ro-si-na!« Dann sank sein Kopf auf die Brust und sein Körper erschlaffte. Fast wäre er Mousson aus den Händen gerutscht.
»Brovny… zum Teufel! Bleiben Sie bei uns! --- Brovny!« Moussons Schuhe tappten schmatzend in eine Pfütze gerinnenden Blutes.
»Scheiße, das ist ja das reinste Schlachtfest.« Er drehte sich um.
»Mommsen, nehmen Sie meine Jacke! Wir müssen sein Bein unterhalb der Leiste abbinden. Der Mann verreckt uns sonst an Ort und Stelle. --- Mommsen!«
Mommsen versuchte, sich aufzurappeln, und brabbelte dabei wirres Zeug.
»Warten Sie, ich helfe Ihnen!« Von Adler zerrte Mousson die Jacke von Schulter und Armen und schlang sie, so fest es ging, um Brovnys Oberschenkel. »Sehr lange wird das nicht halten, fürchte ich.«
»Wir brauchen dringend einen Arzt«, presste Mousson zwischen den Zähnen hervor, während er seine Stabtaschenlampe in den Jackenknoten schob und sie wie einen Schraubstock drehte. »Die Krankenstation liegt nur ein Deck tiefer. Bis dahin kann ich ihn vielleicht schleppen. Verdammt, haben diese Russen schwere Knochen.« Er wuchtete sich mit von Adlers Hilfe den reglosen Körper auf den Rücken und hielt ihn an beiden Armen fest. Dann setzte er sich wankend in Bewegung. Auf dem rostigen Metallboden zog er dabei eine dunkle Blutspur hinter sich her. »Madame… wä…ren… Sie… so… freundl…«
Von Adler nickte. »Ja, ich kümmere mich um die anderen.« Sie warf einen Blick auf das verstörte Ehepaar und den völlig desolaten Stewart.
»Sehen Sie lieber zu, dass Sie… nun ja… «
Beim letzten Wort war die schwere Eisentür bereits krachend hinter Mousson und Brovny ins Schloss gefallen. Der Steuermann holte tief Luft, packte Brovnys Unterarme, so fest er konnte, und nahm tastend die erste Stufe, die zum nächsttiefer gelegenen Deck führte.
***
Die Tür zur Krankenstation wurde krachend aufgestoßen. Jemand, den Johnny nicht kannte, brüllte ihm etwas entgegen, das er zunächst nicht verstand. Als er glaubte zu wissen, was der Andere von ihm wollte, entgegnete er ruhig, wie er es sich auf der Unfallambulanz antrainiert hatte: »Ja. Ich bin Arzt. Elm. Dr. Johnny Elm. Was ist passiert?”
In dem kleinen, beinahe quadratischen Raum mit den zwei Bullaugen sah es aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Medizinisches Gerät war aus Regalfächern und Schubladen gefallen und lag verstreut auf dem Boden. Zu Bruch gegangene Ampullen und Fläschchen ergossen ihren Inhalt über lose Papiere und Verbandsmaterial.
Mousson nahm von dem Chaos um sich herum wenig wahr. Er packte Brovny, der vor Schmerzen immer wieder das Bewusstsein verlor, wuchtete den schweren Körper von sich herunter und ließ ihn unsanft auf die Liege vor sich sacken. Brovny ächzte auf. Mousson wischte sich erschöpft den Schweiß von der Stirn. Seine Wirbelsäule brannte wie Feuer. »Meinen Sie… was generell passiert ist… oder mit ihm hier?« Johnny zuckte unschlüssig mit den Schultern, und Mousson fuhr heftig atmend fort: »Im Maschinenraum… muss es eine Verpuffung gegeben haben, mit einer ziemlichen… Druckwelle. So… oder so ähnlich jedenfalls. Sicher ist, dass er…«, bei »er« deutete er auf Brovnys blutdurchtränkten Verband, »bei der ganzen Sache mit seinem Bein zur falschen Zeit am… falschen Ort war.«
Johnny beugte sich über den Verletzten und schaltete sein Gehirn in den Notfallmodus. »Um wen handelt es sich bei dem Patienten?« Er hatte in seiner kurzen Laufbahn bereits mit vielen Schwerverletzten zu tun gehabt. Für keinen von ihnen war er jedoch alleine verantwortlich gewesen. Bis zu diesem Moment.
»Patient?« Mousson lachte kehlig. »Das ist Leonid Brovny, der Maschinist der Elmsfeuer, und wenn wir noch ein Weilchen hier stehen und plaudern, gibt es nicht mehr viel, was wir für ihn tun können.«
»Sie haben Recht«, Johnnys Körper spannte sich, »wir dürfen keine Zeit verlieren.« Er streifte sich ein Paar Latexhandschuhe über und begann, die Bandagen des Verletzten zu betasten. Dabei sprach er mehr zu sich selbst: »Patient verliert viel Blut.« Er täschtelte Brovny die Wange. »Hallo? Herr…?«
»Brovny«, raunzte Mousson. Johnny ließ sich von dem rauen Ton nicht beeindrucken. Aus dem OP war er rüde Umgangsformen gewohnt. »Herr Brovny? Können Sie mich verstehen?« Der Angesprochene ließ ein leises Stöhnen hören. »Ro-si-na.« Seine Augen blieben geschlossen.
Unter den Lidern zeichnete sich die Bewegung irrlichternder Augäpfel ab.
»Patient ist kaum bei Bewusstsein. Vermutlich Volumenmangelschock«, murmelte Johnny und drehte sich hilfesuchend um. »Frau Hoy, ich brauche eine Verbandsschere. Schnell.« Er legte Zeige- und Mittelfinger auf die Arterie an Brovnys Handgelenk und hielt die Luft an. Lorna nickte knapp und beugte sich unter einen der Stühle, wo Teile des verstreuten Bestecks lagen. Johnny nahm derweil das Blutdruckmessgerät aus der Tasche seines Kittels und fixierte die Manschette an Brovnys Oberarm. Niemand sprach, während er die Luftpumpe betätigte. Wenig später waren nur das Zischen entweichender Luft und Brovnys rasselnder Atem zu hören. Johnny nahm das Stethoskop von den Ohren. »Vitalfunktion schwach messbar. Blutdruck 90 zu 60, er ist stark tachykard. Wir müssen unbedingt seinen Kreislauf stabilisieren. Der Blutverlust ist massiv… von den Schmerzen nicht zu reden… Frau Hoy, machen Sie bitte eine Infusion mit Ringerlösung fertig und geben Sie dieses Schmerzmittel hier bei! Beeilen Sie sich! Wir haben keine Zeit.«
Mit der Schere fuhr er unter die erste Lage des blutdurchtränkten Verbands. »Herr Brovny? Können Sie mich verstehen?« Brovny seufzte leise. »Ich schneide jetzt Ihren Verband auf, um mir die Verletzung anzusehen.« Die Scherenblätter waren außerordentlich scharf. »Mmh, das sieht nicht gut aus, gar nicht gut… haben Sie eine Ahnung, was das für Tücher sind, Herr…?«
»Mousson. Philippe Mousson. Ich bin der Erste Offizier.« Mousson sah Johnny über die Schulter. Sein linkes Augenlid zuckte nervös. Johnny löste die oberste Verbandsschicht und ließ den von Blut und Schmutz geschwärzten Stoff in einen Plastikeimer fallen. »Puh, das Zeug starrt ja vor Dreck…«
Mousson sog pfeifend Luft durch die Nase. »Sieht aus wie Öllappen. --- Was denken Sie, Doktor? Kommt er durch?«
»Schwer zu sagen. Ich… muss… zunächst einmal den Verband abbekommen, ohne die Wunde… zu vergrößern. Das ist… leichter gesagt als…« Die Klingen der Schere verbissen sich in die zweite Verbandsschicht.
»Wenn ich Ihnen irgendwie helfen kann…« Mousson wischte sich kalten Schweiß von der Stirn.
»Ja, das können Sie. Nehmen Sie zusammen mit Frau Hoy die Arme und das gesunde Bein und halten beides fest. Und ich meine wirklich: fest!« Mousson stolperte an das Kopfende der Liege, nahm Brovnys Handgelenke und presste sie grob gegen das Polster. Lorna tat dasselbe mit dem rechten Bein. Inzwischen hatte Johnny die vorletzte Stoffschicht erreicht. Der Maschinist wand sich stöhnend. »Ro-si-na.« Sein Brustkorb hob und senkte sich in kurzen Abständen.
»Rosina?« Johnny sah verwundert auf. »Das sagt er nun schon zum wiederholten Mal. Haben Sie eine Ahnung, wen er damit meint?«
»Mmh, Rosina ist seine sechsjährige Tochter. Wir haben Sie mit an Bord… und…«
»Ein sechsjähriges Mädchen?« Lorna hob erschrocken die Hand vor den Mund. Johnny zog die Stirn in Falten. »Ist dem Kind bei der Detonation etwas… ich meine…?«
»Nein, ich glaube nicht, dass… Brovny sagt, sie sei verschwunden…« Johnny unterbrach ihn. »Sie glauben nicht…?«
Moussons Miene verfinsterte sich. »Mit Verlaub, Doktor, wären Sie schon etwas länger auf diesem Schiff als ein paar Stunden, wüssten Sie, dass…«
Johnny zog mit einem Ruck den letzten Verbandsrest von Brovnys Bein. Dieser schrie auf. Johnny kniff die Augen zusammen und ließ zischend Luft durch die Lippen entweichen. Der sonst so hartgesottene Mousson wandte den Blick ab. Johnny wischte sich mit dem rechten Unterarm über die feuchtglänzende Stirn. Sein Blick streifte Lorna. »Frau Hoy, ist bei Ihnen alles in Ordnung?«
»Ja, ja – alles in Ordnung. Es ist nur…«
»Ja«, ergänzte Johnny, »es… ist… auch bei weitem schlimmer… als ich erwartet hatte…« Er beugte den Kopf wieder über das verletzte Bein und zog die Arbeitslampe zu sich heran. Was im hellen Lichtschein vor ihm lag, war selbst für seine an Extremen geschulten Sinne eine Herausforderung. Mechanisch murmelte er: »Sieht nach einer vollständigen Quetschung der linken unteren Extremität aus, vermutlich multiple Fraktur von Tibia und Fibula… bei gleichzeitiger Zerstörung des gesamten Muskel- und Bänderapparats…« Er betastete mit einem Spatel die breiige Masse aus zusammengeschnurrter Haut, grobkörnigem Fettgewebe und Muskelmasse. Das, was noch vor einer Stunde ein gesundes Körperteil gewesen war, befand sich nun in einem derart schlimmen Zustand, dass Johnny mit dem Spatel vereinzelte Nervenstränge anheben konnte, als seien es die gerissenen Saiten einer Gitarre.
»Und was bedeutet das nun?« Mousson zog seine Mütze vom Kopf und fuhr sich ratlos durch das Haar.
Johnny sah zu der hochgewachsenen Gestalt auf. »Das bedeutet, dass das Bein… selbst bei einem vollausgestatteten Operationssaal…« Er besann sich. »Frau Hoy… wählen Sie bitte sofort den Notruf! Noch sind wir im Hafen. Wir brauchen umgehend ein Rettungsteam… sonst stirbt uns der Mann unter den Händen weg…«
»Das… ist… Ihre Prognose?« Moussons Stimme klang fahl, während Lorna sich den Telefonhörer ans Ohr presste.
»Ja. Das ist die Prognose.« Johnny pumpte erneut die Blutdruckmanschette an Brovnys Oberarm auf und sah hinüber zu Lorna. »Was ist? Geht niemand ran?« Lorna entgegnete nichts und lauschte.
»Das kann nicht sein. Das ist schließlich die Nummer der Rettung«, brüllte Johnny sie an.
Lorna schüttelte den Kopf. »Die Leitung scheint gestört zu sein.« Sie legte hastig auf und wählte erneut. »Nichts. Nur ein Summen.«
»Summen? So eine verdammte… hier… nehmen Sie mein Handy…« Er schleuderte das Telefon durch die Luft und setzte sich das Stethoskop wieder auf die Ohren. Langsam entwich die Luft aus der Manschette.
»Blutdruck fällt weiter. --- Scheiße!« Mit leisem Klopfen tropfte ein unappetitliches Gemisch aus Blut und öligem Schleim von der Liege auf den Boden.
Lorna ließ das Mobiltelefon sinken. »Hier auch. Keine Verbindung. Nur dieses Summen.«
»Wie vorhin auf der Brücke«, murmelte Mousson und setzte die Mütze wieder auf. Dann knetete er seine Hände, bis die Knöchel weiß hervortraten. »Herzfrequenz 138.« Johnny betätigte ein weiteres Mal die Luftpumpe.
Brovny stöhnte. Mit den Händen griff er wirr in die Luft, als erwehre er sich eines unsichtbaren Gegners. »Ro-si-na.«
»Herr Mousson, halten Sie Herrn Brovny bitte fest. Frau Hoy, wir müssen ihm mehr Schmerzmittel geben… und hoffen, dass uns sein Kreislauf dadurch nicht vollständig absackt. Hier, nehmen Sie! Hm… warten Sie, ich mache es selbst…« Mit geübtem Griff köpfte er eine Ampulle und zog den Kolben einer Spritze zurück. »Frau Hoy, messen Sie bitte im Halbminutentakt Puls und Blutdruck. Wir dürfen ihn nicht verlieren. Und ich… muss eine Entscheidung fällen…«
»Eine Entscheidung…?« Mousson unterbrach das Kneten seiner Hände.
»Ich denke, uns bleibt in dieser Situation kein Spielraum, wenn wir Herrn Brovnys Leben retten wollen…« Johnny sah Lorna fest in die Augen. Sie erwiderte seinen Blick und nickte kaum merklich. Ein sonderbares Gefühl von Wärme durchströmte ihn. Die einzige Möglichkeit, die ihnen blieb, musste die richtige sein. Johnny räusperte sich leise, und man merkte seiner Stimme die innere Zerrissenheit nicht an, als er sagte: »Wir werden amputieren.«
***
»Glaubst du, dass wir uns richtig entschieden haben?« Die junge Frau zog ein Bündel T-Shirts aus ihrem Rucksack und sortierte sie gedankenverloren vor sich auf der Bettdecke.
»Wie meinst du das… richtig?« Ihr Mann saß auf der anderen Seite des schmalen Doppelbetts in der kleinen Kabine und drehte seinen Oberkörper in ihre Richtung.
»Ob es die richtige Entscheidung war, unsere Flitterwochen nicht auf einer ruhigen, warmen Insel zu verbringen, sondern auf diesem Schiff.« Der Mann legte die Bordkarten, die er gerade in den Händen hielt, auf dem abgestoßenen Nachttisch ab und ließ sich hintenüber auf die Laken fallen. »Hm, Gegenfrage: Waren wir nicht beide der Meinung, dass wir mit Ende Zwanzig noch nicht reif für einen Rentnerurlaub sind? So viel jedenfalls zu Gran Canaria…« Er machte eine kurze Pause. »Was wir über die Elmsfeuer gehört haben, klang doch ziemlich gut, oder nicht?
Eine Schifffahrt von Hamburg über Irland nach Island – zu einem Preis, für den man auf einem richtigen Kreuzfahrer noch nicht einmal die Besenkammer haben könnte.« Er grinste zufrieden über das vermeintliche Schnäppchen.
»Tja, sehr viel anders als in der Besenkammer eines Kreuzfahrtschiffes sieht es hier, ehrlich gesagt, auch nicht aus.« Die Frau rümpfte die Nase.
»Na ja, das liegt aber vor allem daran, dass bei der kleinen Erschütterung vorhin alles ein bisschen durcheinander geraten ist. Wenn wir erst einmal ausgepackt und uns hier häuslich eingerichtet haben, sieht das meiste bestimmt schon ganz anders aus.«
»Kleine Erschütterung? Dafür warst du aber ziemlich blass um die Nase…«
»Pfff, blass. Mein Körper muss sich nur ein bisschen an die Seeluft gewöhnen, das ist alles. Was ist denn nur aus deiner Abenteuerlust geworden?« Er sah sie herausfordernd an, und sie ließ sich ebenfalls nach hinten sinken. Ihre Köpfe lagen nun nebeneinander.
»Meinst du mit…«, sie zeichnete mit den Fingern ein Paar Gänsefüße in die Luft, »`Abenteuer´ eventuell bewusstlose Stewarts…?«
Der Mann gluckste: »Putzi…«
»… oder blutüberströmte Wer-auch-immer… die wie Tiere beim Schlachter brüllen…« Die Frau schüttelte sich, als sie an den fürchterlichen Auftritt in dem dunklen Korridor dachte. Ihre Augen bekamen einen feuchten Glanz. »Ob es dem Mann inzwischen wieder besser geht…?«
»Jaaa… bestimmt, der Erste Offizier, Moustache… oder wie er heißt… hat doch einen relativ kompetenten Eindruck gemacht…«
»Ja, wenn `relativ kompetent´ nur ausreicht, um uns heil ans Ziel zu bringen…«
Der Mann wechselte von der Rücken- in die Bauchlage und ließ die Finger der linken Hand zärtlich über den Bauch seiner Frau gleiten. Er wirkte plötzlich ein wenig unsicher. »Was sollen wir denn deiner Meinung nach tun? Die Reise abbrechen, jetzt schon?«
»Neiiiin…« Sie zog einen Schmollmund und rollte sich in seine Arme. »Du hast ja recht… wir werden ab jetzt bestimmt eine tolle Reise haben… und wundervolle Flitterwochen.«
Er küsste sie zärtlich auf die Wange. Sie schmiegte sich noch fester an ihn und imitierte dabei das wohlige Schnurren einer Katze, was er zum Anlass nahm, sein romantisches Bemühen zu verstärken. Er rieb seinen Körper sanft an ihrem und brummte: »Was hältst du davon, wenn wir vor den Rucksäcken erst noch etwas ganz anderes auspacken?«
Sie grinste. »Bist du sicher, dass du dazu schon wieder in der Lage bist…?«
»Ich werde dir gleich zeigen, wozu ich schon wieder in der Lage bin…« Er vergrub sein Gesicht in ihrer Halsbeuge und fuhr mit der Hand langsam unter ihren Pullover. Sie ließ ein heiseres Kichern hören, schloss die Augen und durchpflügte mit beiden Händen fordernd seine dichten schwarzen Locken. Als seine Zunge gierig in ihr Ohr glitt, stöhnte sie leise auf.
Für einen kurzen Moment öffnete sie die Lider, nur einen Spalt breit – und jeder Ausdruck von Verlangen fiel schlagartig aus ihrem Gesicht. Ihr Körper versteifte sich. Mit geweiteten Pupillen starrte sie auf die gegenüberliegende Wand.
Der Mann registrierte die plötzliche Veränderung und löste sich widerwillig aus der weichen Halsbeuge. »Was ist?«, ächzte er, »wieso hörst du auf?« Die Erregung verlieh seinem Blick etwas Dümmliches.
»Da… da drüben?«
Er drehte sich um. Der abrupte Stimmungswandel war ihm alles andere als geheuer. »Wo?«
»Da drüben…«, stammelte sie erneut.
»Was ist… da drüben…? Ich sehe nichts.«
Die Frau löste sich aus seinem Griff, erhob sich und ging vorsichtig auf die Wand zu, die sie von der Nachbarkabine trennte. »Da… war gerade ein kleines Mädchen… ein Kind… und ein… ein… sie sind… hier durch die Wand…« Sie streckte ungläubig die Hand nach der verblichenen Tapete aus.
Der Mann hauchte: »Durch die Wand?«
***
Blutdruckmanschette. Skalpell. Knochensäge. Gefäßklemmen. Johnny brauchte Lorna nicht zu sagen, was er für die bevorstehende Operation benötigte. Sie kannte die Geräte und legte sie, eines neben das andere, auf der Platte des niedrigen Beistelltisches bereit. Dann rollte sie alles neben die Untersuchungsliege. Ihnen blieb nicht viel Zeit. Mit Hilfe eines Riemens staute Johnny das Blut in Brovnys linkem Arm. Sofort traten die Venen hervor. In eine davon schob er eine dicke Kanüle und legte einen zentralen Venenkatheter. Der Verletzte spürte davon nichts. Das Morphin wirkte.




