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Lorna reichte Johnny eine kleine, bereits geöffnete Ampulle und eine Einwegspritze. Konzentriert zog er den Kolben zurück, und die klare Flüssigkeit schoss aus dem Glasfläschchen in die Spritze. Mit einem Schnalzen des Zeigefingers entfernte er letzte Luftblasen aus dem Hohlraum und verband die Düse der Spritze mit der des Venenzugangs.
»So, dann wollen wir ihn mal vollständig ins Reich der Träume schicken«, murmelte er und injizierte langsam, Millimeter für Millimeter, das Ketamin in Brovnys Körper.
»Wenn es Ihnen recht ist, lass ich Sie jetzt alleine«, brummte Mousson. Wieder knetete er seine Hände, als seien sie ein Stück Teig. »Ich muss mir das nicht ansehen. Scheint, als wüssten Sie, was Sie tun, Doktor…« Johnny nickte. »Als wüssten Sie, was Sie tun…«, echote es in seinem Kopf.
Geräuschlos wurde die Tür geschlossen. Für einen Moment war das Zischen der sich füllenden und wieder erschlaffenden Blutdruckmanschette das einzige Geräusch im Raum. Lorna nahm das Stethoskop von den Ohren und flüsterte, um Johnnys Konzentration nicht unnötig zu stören: »Ich denke, er ist so weit. Sie können anfangen.« Wieder fühlte Johnny, wie ein seltsam warmes Gefühl ihn durchströmte. Seine Hände waren völlig ruhig. Er griff nach der zweiten Kunststoffmanschette auf dem Beistelltisch, legte sie knapp unterhalb der Leiste um Brovnys Oberschenkel und zurrte sie fest. Nach einigen Sekunden tat die Blutsperre ihre Wirkung. Das Gewebe wurde weiß.
Er sah hinüber zu Lorna, die sich das Stethoskop wieder auf die Ohren gezogen und die Finger der rechten Hand an Brovnys Arterie gelegt hatte. Sie presste angestrengt die Lippen aufeinander und nickte.
Johnny atmete tief durch. Dann setzte er das Skalpell an und tat den ersten Schnitt.
Brovny rührte sich nicht. Sein Brustkorb hob und senkte sich ruhig. Gleichmäßig arbeitete sich die scharfe Klinge durch die Hautschichten und das darunter liegende Muskelgewebe. Als der Stahl den Oberschenkelknochen erreichte, was ein kratzendes Geräusch verursachte, ging in Wellen ein Zittern durch Brovnys Körper. Tief in seiner Kehle begann es zu gurgeln. Lorna sah nervös von seinem Handgelenk auf. »Etwas stimmt nicht mit seinem Blutdruck. Und der Puls ist fast weg.«
Johnny hob das Skalpell an, wischte sich mit dem Kittelärmel den Schweiß von der Stirn und legte irritiert Zeige- und Mittelfinger auf Brovnys Halsschlagader. »Tatsächlich. Nichts.« Er schob sein Ohr an Brovnys Mund.
Kein Atem.
Zwischen seinen Augen bildete sich eine tiefe Falte. »Verdammt«, flüsterte er, »Kammerflimmern?«
***
Farben und Formen verschwammen vor Moussons Augen, als er durch Türen und enge Flure dem Maschinenraum entgegen stapfte. In ihm rumorte es. Vermutlich war der Kessel des Schiffes beschädigt. Wie schwer, das würde er in Kürze herausfinden. Doch das zu erwartende Ausmaß des Schadens war es nicht, das ihn beunruhigte. Mousson wusste, dass ein lädierter Kessel das Auslaufen der Elmsfeuer nicht verhindern würde. Es war Brovnys Zustand, der ihn umtrieb. Der Russe war der einzige an Bord, der den komplizierten Organismus des Schiffes kannte und seine Zeichen zu deuten vermochte; und nun lag er schwer verletzt auf der Krankenstation, wie schwer, das hatte Mousson eben selbst gesehen, und keiner konnte ihm sagen, ob Brovny die nächsten Stunden überstehen würde. Er beschleunigte seine Schritte. Hoch über ihm zog eine Sturmfront auf, wie er seit Ewigkeiten keine gesehen hatte. Der Donner war bis hier unten zu hören.Und noch etwas anderes arbeitete in ihm: Was war mit Rosina geschehen, Brovnys Tochter?
Hätte sich die Elmsfeuer doch nur schon draußen auf See befunden, Mousson wäre um einiges entspannter gewesen. Mochten die Wellen ruhig so hoch gehen wie ein Haus und ihren alten Kahn vor sich hertreiben wie einen Spielball. Mochten die Böen so heftig sein, dass man sich zur Arbeit an Deck festtäuen musste, es war ihm einerlei. Das Meer war sein Element, und er wusste jede Sekunde, was er zu tun hatte. Blind. Aber hier, im Hafen, kam er sich vor wie ein gestrandeter Wal, der von seinem eigenen Gewicht langsam erdrückt wurde. Es war kaum zu ertragen.
Mousson stieß eine weitere Eisentür auf. Fast war er da. Man konnte den heißen Atem aus Diesel und Schweiß, der dem Maschinenraum entströmte, bereits deutlich riechen.
Plötzlich hielt er überrascht inne. Das Telefon in seiner Jackentasche fiepte. Hatte sich diese unselige Funkstörung verflüchtigt? Er zog das Handy hervor und drückte die Rufannahme.
»Hallo? --- Ah, Captain? --- Ja, es gibt mich noch… was sich von anderen Personen auf diesem Schiff nicht ohne weiteres behaupten lässt. Wie?
Nein, das erzähl ich Ihnen besser später. Machen Sie sich keine Sorgen. Ich bin gleich unten im Maschinenraum, danach weiß ich meh…
Captain…? Hallo? --- Captain? Scheiße!« Mousson riss sich das Handy vom Ohr und sah zornig auf das Display. Der Anzeige nach war die Verbindung zur Brücke intakt. Trotzdem war nichts mehr zu hören. Er presste das Telefon wieder ans Ohr, und da war es erneut: dieses sonderbare Surren. Im Äther knackte es leise. Einmal, zweimal.
Vielleicht befand er sich diesmal auch einfach nur zu tief unten, um guten Empfang zu haben. Es knackte erneut. Dann hörte Mousson, wie aus großer Entfernung, den leiernden Ton einer alten Schallplatte, altmodische Salonmusik – und die Stimmen eines Mannes und einer Frau. Er konnte nicht verstehen, was sie sagten. Nach einer Weile jedoch wurde ihm klar, um wessen Stimmen es sich handelte: es waren die von Putzi Mommsen und Baronesse von Adler. Er hielt den Atem an. Was redeten die beiden? Und wieso taten sie es in seinem Telefon? Es kam ihm vor, als unterhielten Mommsen und von Adler sich in einer fremden Sprache; er hörte die Worte, doch ihr Sinn blieb ihm verschlossen. Hin und wieder brach Mommsens Stimme in lautes Gelächter aus. »Von dem Schlag auf den Kopf hat er sich also wieder erholt«, dachte Mousson grimmig.
Im selben Moment jedoch geschah etwas, das seine Aufmerksamkeit vollständig umlenkte. Das Deckenlicht begann nervös zu flackern. Ohne das Telefon vom Ohr zu nehmen, starrte er auf eine etwa fünf Meter entfernte Stelle des Korridors. Dort stand, ihm halb zugewandt, die kleine Rosina, Brovnys Tochter. Sie trug ihr dunkelrotes Lieblingskleid mit den weißen Punkten und schien ihn nicht zu bemerken. Wo war sie auf einmal hergekommen? Es gab dort nirgends eine Tür.
Mousson wollte auf das Mädchen zugehen, es ansprechen, als eine weitere Gestalt im Flur auftauchte. Er blieb stehen. Eine unsichtbare Kraft hielt ihn fest. Er beobachtete, wie Rosina ihre Kinderhand ausstreckte und die der anderen Person ergriff. Gleich darauf waren beide durch die nächstliegende Wand verschwunden.
Mousson wusste, wer die andere Gestalt war… doch Rosina… jemand schrie ihm durch das Telefon ins Ohr. Mousson zuckte zusammen.
»Captain? Ja. Ich bin noch da.«
***
Johnny riss Brovnys ölverschmiertes Hemd auf. Knöpfe spritzten zu Boden. Er holte eine Ellenlänge aus und hieb mit der Faust fest auf den mächtigen Brustkorb. Rippen knackten, und in der Lunge gestaute Luft entwich mit einem lauten Seufzen. Der präkordiale Schlag zeigte jedoch keine Wirkung. Johnny befühlte Brovnys Halsschlagader und versuchte, mit dem Stethoskop Herztöne einzufangen. Doch er hörte nichts.
»Defi… schnell!«, rief er, zog seinen verschwitzten Kittel aus und warf ihn achtlos beiseite.
Lorna fuhr hastig herum und suchte in dem verwüsteten Geräteschrank nach dem Defibrillator. »Wir haben kein EKG mehr, um Ihren Befund zu verifizieren«, keuchte sie. »Was, wenn es kein Kammerflimmern ist?
Dann stirbt er uns.«
Johnnys Kiefer mahlten. »Was, wenn es Kammerflimmern ist, und wir nichts tun? Dann stirbt er auch. Los, machen Sie schon, was ich sage! Und danach versuchen Sie, endlich jemanden von der beschissenen Rettung ans Telefon zu kriegen. Eins – Eins – Zwei. Ist das denn so schwer?« Er hasste sich selbst, wenn er Leute, die ihr Bestes gaben, so anfuhr. Aber momentan war keine Zeit für Höflichkeit. Er griff nach dem Defibrillator, den Lorna ihm entgegenhielt, presste die Elektroden des Geräts auf Brovnys Brust und kommandierte knapp: »Los, weg von der Liege!« Lorna sprang zurück, und er schickte den ersten Stromstoß durch Brovnys Körper. Der Maschinist bäumte sich kurz auf und krachte zurück auf das Polster. Johnny fasste nach der Halsschlagader. Nichts. Erneut brachte er die Paddles in Position. »Zurück!«
Sssskkk, machte das Gerät, als der Strom ein zweites und danach ein drittes Mal durch Brovny schoss. Ohne Erfolg. Johnny legte hastig die Elektroden beiseite, und brüllte Lorna, die mit zwei Telefonen gleichzeitig versuchte, eine Verbindung zur Rettungsstelle herzustellen, an: »Lassen Sie das Scheißtelefon jetzt und geben dem Mann 1mg Adrenalin, intravenös. Wenn das nichts hilft, dann…« Er unterbrach sich und beugte sich über Brovnys Oberkörper. Mit der linken Hand maß er einen drei Finger breiten Abstand vom Sternum Richtung Brustkorb. Eine Herzmassage war die letzte Möglichkeit, den Sterbenden zu retten. Er setzte die Handballen an. Einmal, zweimal, fünfmal legte er mit kräftigem Ruck sein gesamtes Gewicht auf Brovnys Brust. Der Schweiß lief ihm aus allen Poren. »Komm schon… atme!« Er unterbrach die Massage und überstreckte Brovnys Kopf, so dass dessen Mund sich einen Spalt öffnete. Seine Lippen berührten bereits die des Maschinisten, als Lornas erschrockener Aufschrei ihn bremste. Abrupt drehte Johnny sich um und erstarrte.
Vor ihm stand ein kleines Mädchen, nicht älter als fünf oder sechs Jahre. Es trug ein hübsches rotes Kleid mit weißen Punkten und schien weder ihn noch Lorna wahrzunehmen. Es tat schweigend, beinahe schwebend, ein paar Schritte nach vorne, fasste mit beiden Händen nach Brovnys schwerer, schmutziger Pranke und hielt sie fest umschlossen.
Johnny wagte nicht, sich zu rühren. Lorna ging es offenbar genauso. Ein paar Sekunden verharrte das Kind reglos in seiner Haltung. Gleich darauf ging ein schwaches Vibrieren durch Brovnys Körper, ein leises Gurgeln folgte und schließlich ein lautes Seufzen. Johnny sah hinüber zu Lorna, deren Blick wie gebannt an der kleinen Gestalt hing. Er trat neben das Mädchen und legte, ohne die Kleine zu berühren, zwei Finger auf Brovnys Hals. Er spürte die Aorta. Tatsächlich. Der Puls. Er war wieder da. Kräftig und gleichmäßig.
Waren sie soeben Zeugen eines jener Wunder geworden, an die Leute seines Standes sich standhaft weigerten zu glauben? Er drehte sich zu Lorna um. Ein erleichtertes Lächeln huschte über sein Gesicht. »Messen Sie bitte den Blutdruck«, wollte er sagen, doch er kam nicht dazu, denn ein sanftes Beben erfasste das Schiff. Gleich darauf ertönte ein tiefes Brummen. Der Borddiesel setzte sich schleppend in Gang. Lorna griff nach der zu Boden gefallenen Blutdruckmanschette. Johnny wischte sich den Schweiß von der Stirn und wandte sich wieder der Liege zu.
Er stutzte.
»Das Kind? Wo… ist das Kind?«
***
Als Mousson auf die Brücke zurückkehrte, stand der Kapitän starr am Fenster. Sein leerer Blick war auf die pechschwarze Sturmfront vor ihnen gerichtet. In der Hand hielt er eine leere Teetasse.
Das Unwetter war inzwischen so nah, dass es jedes Licht in der Umgebung einfach verschluckte, und es schien, als führe die Elmsfeuer Meter für Meter in die ewige Nacht. Dabei war das Schiff noch fest vertäut.
Ein Netz aus züngelnden Blitzen spannte sich über die Wolken. Hin und wieder zerriss Donner die Stille im Hafen. Die Möwen hatten in dunkler Vorahnung ihr Kreischen längst eingestellt. Eine harte Bö traf das Schiff, und die Frontscheibe ächzte.
Mousson stellte sich neben den Kapitän und warf einen Blick in dessen leere Tasse. »Kein Zweifel, Captain, Sie sitzen auf dem Trockenen.« Er lachte heiser. Der Kapitän drehte sich langsam um. Er sah aus, als kehre er aus einem bösen Traum zurück.
Mousson sah aus dem Fenster: »Da braut sich ganz schön was zusammen. Weiß der Teufel, wann ich das letzte Mal solche Wolken gesehen habe. --- Was meinen Sie, Captain? Ja, ich bin im Maschinenraum gewesen… und… was soll ich sagen? Es war genau so, wie ich es vermutet hatte… wie… wir vermutet hatten. Nichts zu finden.
Rein gar nichts. Der Kessel hat nicht einmal eine Delle… zumindest keine, die nicht schon immer dort war… und die Maschine… lief bereits wieder… ja, sie lief wieder…« Er hing stumm seinen Worten nach. Seine Miene verfinsterte sich. »Aber… Brovny, Captain…«
Der Kapitän schloss die Augen.
»Es hat ihn ganz schön erwischt. Sein Bein. Sieht nicht gut aus. Gar nicht gut. Dieser junge Arzt versucht zu retten, was zu retten ist… ist noch ein ziemlich grüner Bursche… aber das muss nichts heißen… Elm ist sein Name. Elm. --- Ja, ich weiß, was Sie denken, Captain. Das habe ich auch schon überlegt…«
Der Kapitän entgegnete nichts, sondern wandte sich wieder dem Schauspiel am Himmel zu. Ein besonders heftiger Donnerschlag ließ die Scheiben klirren.
Mousson überlegte, ob er dem Kapitän etwas von dem Vorfall mit Rosina berichten sollte, als es vorsichtig an der Tür klopfte.
Beide Männer drehten sich um. »Herein.«
Mommsens Kopf kam durch den Türspalt. »Kapitän, Herr Mousson, ich wollte fragen, ob ich etwas für Sie tun kann. Einen Tee vielleicht?«
Mousson lüftete kurz die Mütze und brummte: »Da sind Sie ja endlich, Mommsen. Kommen Sie rein. Wo haben Sie denn die ganze Zeit gesteckt?«
Mommsen hüstelte verlegen. »Ich…«
»Ich weiß… Ihr Kopf… aber vergessen Sie bitte nicht, dass es außer der Baronesse noch andere Menschen an Bord gibt.«
»Sehr wohl, Herr Mousson.«
»Ich hoffe, wir haben uns verstanden.«
»Aye. Haben wir.«
»In Ordnung, Mommsen, dann wäre es jetzt äußerst zuvorkommend, wenn Sie uns eine Tasse Tee brächten. Schnell brächten, meine ich. Man sagt doch `brächten´, Konjunktiv, nicht wahr?«
»Absolut… `brächten´, Konjunktiv«, entgegnete Mommsen spitz. Mousson liebte es, Mommsens vornehme Ausdrucksweise aufs Korn zu nehmen, in dem er vorgab, bestimmte grammatikalische Zusammenhänge nicht zu kennen, obwohl sein Deutsch nach all den Jahren besser war als seine Muttersprache Französisch. »Aber passen Sie auf, dass Sie unterwegs nicht wieder mit einem Metallpfeiler kollidieren. Wir trinken unseren Tee nämlich gerne in der Tasse… und heiß, besonders bei einem Wetter wie diesem.«
Mommsen schluckte den Ärger über Moussons Arroganz hinunter und sah ebenfalls nach draußen. »Wird dieses… Wetter unser Auslaufen verzögern?«
»War das Wetter jemals unser Problem, Mommsen…?« Der Stewart stand verloren mitten im Raum.
»Lassen Sie´s gut sein, Mommsen. Denken Sie an den Tee…«
***
Es war nicht das erste Mal, dass Johnny mit einer Säge den Knochen eines Menschen durchtrennte. Doch das Geräusch, das dabei entstand, ging ihm immer wieder durch Mark und Bein. Zudem war das Ganze eine körperlich ausgesprochen anstrengende Tätigkeit, wenn man nicht, wie in seiner alten Klinik, eine elektrische Säge zur Verfügung hatte. Er spürte, wie ihm unter dem Hemd das Wasser Bauch und Rücken hinunter rann. Sein Schädel glühte. Vor und zurück glitt das blutige Sägeblatt. Seine Zähne, scharf wie die eines Hais, gruben sich in die poröse Masse, die einmal Brovnys Oberschenkelknochen gewesen war. Wie auch immer es möglich sein konnte, dass die Berührung eines Kindes mehr ausrichtete, als intravenös injiziertes Adrenalin und mehrfache Stromstöße, es durfte Johnny vorläufig nicht interessieren.
Was zählte, war, dass der Kreislauf sich stabilisiert hatte, und somit ein Funke Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang der Operation bestand. Wieder wischte er sich über die Stirn und sah hinüber zu Lorna, die Brovnys Vitalfunktionen maß. Sie nickte zufrieden, und er sägte weiter. Dabei achtete er darauf, die wenigen intakten Weichteile nicht mehr als nötig in Mitleidenschaft zu ziehen. Nur so konnte die Wunde später heilen.
Rrr, rrr, rrr, ging das Sägeblatt. Johnny erhöhte die Schnittfrequenz. Sekunden später war es soweit. Es knackte scharf, als der Knochen endlich nachgab und Brovnys Bein sich vom Rest des Körpers löste. So schnell ging das vor sich, dass die abgetrennte Gliedmaße beinahe zu Boden gesaust wäre. Lorna reagierte blitzschnell und bekam das formlose Stück Fleisch rechtzeitig zu fassen. »Sie sieht aus, als hielte sie ein frischgeborenes Baby im Arm, die Brut eines Monsters«, schoss es Johnny durch den Kopf. Er richtete sich auf und atmete tief durch. Für einen Moment wurde ihm schwindlig. Er musste sich zusammenreißen.
Der Eingriff war noch nicht vorüber.
Ein Bein abzunehmen war das eine, das Überleben des Operierten zu sichern das andere, wesentlich schwierigere. Um weiterem Blutverlust vorzubeugen, mussten nach dem Durchtrennen der Extremität alle größeren arteriellen Gefäße abgeklemmt werden. In der Klinik hatte diese Aufgabe zu den Pflichten der Assistenzärzte gehört, und Johnny beherrschte sie im Schlaf.
Die jahrelange Übung spielte ihm nun in die Hände.
Ob seine Arbeit erfolgreich gewesen war, würden allerdings erst die nächsten Stunden und Tage zeigen.
Brovny lag noch in tiefem Schlaf.
Johnny zog die verschmutzten Gummihandschuhe ab und warf sie müde in den Mülleimer. Lorna, das Stethoskop auf den Ohren, folgte der Flugbahn der Handschuhe mit den Augen und lächelte. Es war ein sehr, sehr müdes Lächeln.
***
In der Kombüse der Elmsfeuer lief das Radio. Ein Moderator verlas mit sonorer Stimme den Schluss des Küstenwetterberichts. »Und hier die Vorhersage, gültig bis Mitternacht, für das Gebiet der Elbe von Hamburg bis Cuxhaven: Erwartet werden Winde der Stärke 2 bis 3, in Cuxhaven der Stärke 4, aus östlicher Richtung, die in ihrem Verlauf etwas zunehmen; das Ganze bei mittlerer bis guter Sicht. So weit für den Moment. Sie hörten den Küstenwetterbericht auf `Kanal 5´…«
Ein Jingle ertönte.
Kreszentia Rausch hatte nie in ihrem Leben ein Schiff aus der Nähe gesehen, geschweige denn eines betreten. Bis zum gestrigen Tag. Wie man Essen zubereitete, war ihr zwar aus Büchern bekannt, sie hatte es jedoch nie selbst ausprobiert. Die Entscheidung, als Köchin auf einem Schiff anzuheuern, war also keineswegs naheliegend gewesen.
Dennoch hatte sie genau diese getroffen, aus Gründen, die sie Fremden gegenüber lieber für sich behielt. Im Moment war sie ohnehin damit beschäftigt, alle Sachen, die bei der Detonation aus Schubladen, Schrankfächern und von den Wänden gefallen waren, wieder an ihren Platz zu bringen. Danach würde sie die weiträumig verteilten Scherben zusammenkehren und die Küche wieder in einen Ort verwandeln, der diesen Namen verdiente.
Das Entsetzen über die Explosion war noch nicht aus ihrem Gesicht gewichen. Sie hatte die furchtbaren Minuten des Bebens betend auf dem Boden zugebracht. Erst, als sich alles beruhigt zu haben schien, hatte sie mit dem Aufräumen begonnen und dabei vor sich hin gemurmelt »Ora et labora, bete und arbeite!«
Ordnung war das halbe Leben, und Unordnung verursachte Kreszentia Rausch schlechte Laune. Stille konnte sie ebenfalls nur schwer ertragen. Deshalb lief, wo immer sie sich aufhielt, ihr tragbares Radio. Wie gut es sich traf, dass die Kombüse nur ein Deck über dem Maschinenraum lag. Zusammen mit dem tiefen Brummen des Borddiesels und der damit einhergehenden Vibration bot das Radioprogramm ihr genau jene Atmosphäre der Unruhe, in der sie sich wohlfühlte. Und sobald Kreszentia Rausch sich wohlfühlte, schimpfte sie vor sich hin: »Wo gibt es denn so was? Glauben die, ich hab Lust, den ganzen Tag die Küche auf- und einzuräumen und dabei das halbe Geschirr wegzuwerfen? Na ja, die werden schon wissen, was sie tun. Aber noch so eine Geschichte, dann geh ich hinauf und sag Etwas… und, Kruzinesen, was ist denn schon wieder mit dem Radio los…?«
Der Moderator von `Kanal 5´ hatte das Mikrofon an eine Kollegin übergeben. Ihre Stimme verschwand allerdings immer wieder unter einer Decke aus Rauschen und pfeifenden Störgeräuschen. Kreszentia Rausch lauschte angestrengt. Trotz des schlechten Empfangs war zu hören, dass die Sprecherin Mühe hatte, ihren sachlichen Nachrichtenton aufrecht zu erhalten. Ihre gepresste Stimme verriet Sorge. »Wie der Deutsche Wetterdienst… mitteilt, ist derzeit über…. Gebiet… Hamburger Hafens… außergewöhnliches Wetterphänomen zu… beobachten. Es handelt sich… sogenannte `Superzelle´… gefährlichste bekannte Gewitterwolkenformation. Superzellen… bisher ausnahmslos in den USA und…. Tropen ausgemacht. Unsere Hörer werden desh… gebeten, zuhause… bleiben… sämtliche Türen und Fenster geschlossen… halten, bis die Wetterfront sich aufgelöst… Wir wiederholen: Bitte bleiben Sie in… Häusern und… Fenster geschlossen! Sobald… weitere… Inf…« Die Verbindung brach ab.
»Superzelle… heute ist immer alles irgendwie super… so ein neumodischer Blödsinn… aber das Wetter hat mir gerade noch gefehlt…« Kreszentia Rausch stapfte mürrisch zum Radio, um die gestörte Frequenz neu einzustellen. »Aber ich räum die Küche nicht noch einmal auf und fege die ganzen Scherben zusammen… wo bin ich denn hier…?« Als sie sich umdrehte, stieß sie einen erschrockenen Laut aus. »Jessas, Kind, wo kommst du denn her?«
Vor ihr stand ein kleines Mädchen, vielleicht fünf oder sechs Jahre alt, in einem hübschen roten Kleid mit weißen Punkten. Kreszentia Rausch entspannte sich wieder.
»Du bist mir vielleicht eine, dich hier so hereinzuschleichen. Wer bist du denn? Und wie heißt du?« Während sie das fragte, musste sie darüber schmunzeln, dass ihr eine so zarte Person einen solchen Schrecken eingejagt hatte. Das Mädchen gab keine Antwort und blinzelte die kräftige Frau mit der weißen Schürze neugierig an.
»Na, du musst mir deinen Namen ja nicht verraten, wenn du nicht willst. Wissen deine Eltern denn, dass du hier bist?«
Wieder schwieg das Kind.
»Bist nicht gerade eine große Rednerin, wie? Aber wenn du schon einmal hier bist… darf ich dir dann vielleicht eine Tasse mit heißer Schokolade anbieten… eine große Tasse? Ich meine, wenn ich zwischen den Scherben eine finde…«
Das Mädchen nickte erfreut. »Na also, da haben wir doch schon fast so etwas wie eine Unterhaltung. Dann setz dich mal da drüben auf die Eckbank am Tisch… und ich seh zu, was sich machen lässt.« Kreszentia Rausch stellte behände einen silbern glänzenden Topf auf die Herdplatte und ging hinüber zu einem der beiden großen Kühlschränke.
Die Kombüsentür wurde ohne vorheriges Klopfen geöffnet.
»Guten Tag, Frau, ähm, Rausch… Ihr Name war doch Rausch, nicht wahr?«
Kreszentia Rausch schob mit dem rechten Fuß die Kühlschranktür zu und öffnete mit kräftigem Ruck eine Milchtüte. »Ganz recht. Und mit wem haben wir das Vergnügen?« Sie beäugte den Eindringling in ihr Reich misstrauisch. Der Fremde nahm Haltung an. »Mommsen. Erster Stewart an Bord.«
»Aha. Erster Stewart.« Kreszentia Rausch hob eine Augenbraue. »Welche Ehre. Sie sind doch nicht etwa gekommen, um beim Aufräumen zu helfen?«
Mommsen schüttelte missbilligend den Kopf. »Mein Aufgabenbereich als Erster Stewart auf diesem Schiff ist klar umrissen…«
Kreszentia Rausch goss laut plätschernd Milch in den Topf auf dem Herd und konnte dabei nur schwer ein spöttisches Grinsen unterdrücken. »Ach so… klar umrissen…«
»… auch wenn manche Leute an Bord, das Offizierskorps eingeschlossen, mich gerne als `Mädchen für alles´ betrachten.«
Die Köchin stellte die Milch zurück in das Kühlfach und schloss krachend die Tür. »Weshalb sind sie denn nun gekommen?«
»Ähm, richtig: Tee.« Mommsen hob die Nase. »Ich hätte gerne zwei Earl Grey, einen für den Kapitän und einen für Philippe Mousson, unseren Ersten Offizier und Steuermann. Und das Ganze bitte so schnell wie möglich.«
»So schnell wie möglich«, wiederholte Kreszentia Rausch, stellte die Tasse mit der heißen Schokolade vor dem Mädchen auf den Tisch und zwinkerte ihm verschwörerisch zu.
Mommsen blickte streng. »Weiß ihr Vater, dass Rosina sich hier bei Ihnen aufhält?«
»So? Rosina heißt du also, Kleine.« Kreszentia Rausch drehte sich wieder zu Mommsen um. »Was der Vater weiß, weiß ich leider nicht. Ich habe ihn bis jetzt nicht kennen gelernt. Und seine Tochter ist, allem Anschein nach, nicht sehr gesprächig.« Sie strich dem trinkenden Mädchen sanft über das dunkle Haar. »Er wird sich schon melden, wenn er sie vermisst. So groß ist das Schiff ja nicht.«




