- -
- 100%
- +
»Ich fürchte, Rosinas Vater hat derzeit andere Probleme, als…« Mommsen fiel ein, dass er über Brovnys schlimmen Zustand besser nicht vor dessen kleiner Tochter sprach, und wechselte schnell das Thema. »Sagen Sie, tut es Not, dass Sie das Radio derart aufdrehen?« Die Stimme der Ansagerin tönte blechern: »… wir wiederholen noch einmal eine Sturmwarnung des Deutschen Wetterdienstes: Wegen einer sogenannten `Superzelle´ im Gebiet des Hamburger Hafens werden Anwohner gebeten…«
»Dieses Gebrüll hält ja kein Mensch aus. Außerdem ist der Empfang gestört. Hören Sie das denn nicht?« Mommsen legte hektisch einen Kippschalter um. Die Durchsage verstummte. »Wenn ich weg bin, können Sie es meinetwegen wieder…« Der Rest seiner Ausführungen ging im Dröhnen des lauter werdenden Motors unter. Die Elmsfeuer begann erneut zu zittern. Kreszentia Rausch sah sich besorgt nach den frisch aufgeräumten Schränken um.
Mommsen rückte zufrieden seine Krawatte zurecht. »Na also, wer sagt´s denn? Die Maschine geht auf volle Kraft. Wir laufen aus. Endlich.«
»Und was ist… mit… dieser Superzelle?« Kreszentia Rausch deutete auf das stille Radio und legte die Stirn in Falten.
»Nun ja«, lächelte Mommsen, »es gibt Schiffe, die sind gegen jedes Wetter gefeit…«
Es beruhigte Kreszentia Rausch nur wenig.
***
»Wo haben Sie denn gelernt, solche Druckverbände anzulegen?« Johnny saß erschöpft auf einem der beiden Stühle neben der Krankenliege. Mit der Hand strich er anerkennend über die makellos weiße Kompressionsbandage, die Lorna soeben an Brovnys Beinstumpf angebracht hatte. Lorna blinzelte ungläubig. Mit Lob hatte sie nicht gerechnet. Nicht, nachdem Johnny sie Minuten zuvor noch derart zusammengeschrien hatte. Während sie versuchte, das lose Ende des Verbands mit einem Heftpflaster zu bändigen, entgegnete sie: »Und wo haben Sie gelernt, solche Amputationen durchzuführen?« Johnny musste lachen. Lornas selbstbewusste Art gefiel ihm. Erneut kontrollierte er Brovnys Puls und nickte zufrieden. »Es scheint tatsächlich, als hätten wir das Unmögliche geschafft. Der Mann lebt.«
»Ja«, fügte Lorna nachdenklich hinzu, »wenn auch mithilfe einer kleinen Elfe im rot-weiß-gepunkteten Kleid.«
Johnny wurde ernst. »Ja, merkwürdig, nicht wahr? Sie kam aus dem Nichts und ist dorthin auch wieder verschwunden. Wissen Sie, wer das Mädchen war?«
Lorna wiegte den Kopf. »Vielleicht… diese Rosina, von der Herr Mousson gesprochen hat… seine Tochter.« Sie deutete auf Brovny.
»Hm, ja… das könnte sein… sie muss sich gedacht haben… nach dieser Explosion… dass ihrem Vater etwas passiert ist… und…«
»Oder…«, Lorna senkte die Stimme, »sie war dabei, als es…«
»Dabei…?«
»… warum sonst sollte Herr Brovny ständig ihren Namen… bevor er… furchtbar…« Lorna verstummte.
Johnny spielte nervös mit der Blutdruckmanschette. »Das arme Kind. Ein Maschinenraum ist aber auch kein Spielplatz… zum Glück war sie unverletzt… hat die Kleine denn kein Zuhause… keine Mutter… an Land?«
Lornas Lippen begannen zu zittern. »Man kann es sich wohl nicht immer aussuchen…«
Johnny spürte, wie seine Augen erneut zu brennen anfingen. Ihm kamen Tränen. Rasch senkte er den Kopf, damit Lorna nichts davon bemerkte.
Dann erhob er sich und zog energisch Luft durch die Nase. »Wir sollten jetzt lieber den Stumpf des Patienten hochlagern und die Blutsperre lösen.« Lorna stand ebenfalls auf.
Das Brummen des Motors schwoll an. Das OP-Besteck auf dem Tisch klirrte leise.
Johnny hielt verwundert inne und sah durch eines der Bullaugen nach draußen. »Merkwürdig. Scheint fast, als würden wir auslaufen…« Sein Blick ging vom Fenster zurück zur Liege. Brovny atmete ruhig. »Ich dachte, für derartige Manöver benötigt man einen Maschinisten.« In Johnnys Gesicht zogen Sorge und Verärgerung auf. »Wie stellen der Kapitän und Mousson sich das denn vor? Wir können doch mit einem Frischoperierten nicht in See stechen. Dieser Mann hier muss dringend in ein Krankenhaus.« Als könne er nicht glauben, was passierte, sah er erneut durch das Bullauge und schüttelte grimmig den Kopf. »Es ist kein Witz… wir laufen tatsächlich aus…« Vor den Fenstern zogen langsam gewaltige Frachtcontainer vorbei. Dahinter ragten majestätisch die Kräne von »Blohm und Voss« in den Himmel. Schwarz wölbte sich die Wolkendecke über den Hafen. Blitze zuckten. Johnny fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und dachte nach. Er musste irgendwie reagieren, musste dem Kommandanten dieses Schiffes klar machen, dass er gegen jede ärztliche Vernunft handelte und die Grenze zur Fahrlässigkeit damit weit überschritt.
Dann stand sein Entschluss fest: »Frau Hoy, gehen Sie bitte sofort auf die Brücke und teilen dem Kapitän mit, dass wir nicht auslaufen dürfen, solange wir Herrn Brovny nicht in eine Klinik gebracht… und meinetwegen einen anderen Maschinisten an Bord genommen haben. Alles andere wäre unverantwortlich.«
Lorna wandte sich wortlos zur Tür.
»Wo bin ich hier nur gelandet?« Johnny befühlte Brovnys Schlagader und prüfte noch einmal den Verband. Als er wieder aufsah, war Lorna bereits fort. Das Schiff nahm Fahrt auf.
Er griff nach einem großen Kissen in der hinteren Ecke des Raums, faltete es in der Mitte und schob es vorsichtig unter den Beinstumpf. Dabei fiel die Pflasterrolle, die Lorna kurz zuvor dort liegengelassen hatte, scheppernd zu Boden. Johnny bückte sich, um sie aufzuheben, und machte eine Entdeckung, die ihn stutzen ließ. Neben der Pflasterrolle lag eine goldene Halskette mit einem Anhänger. Die Glieder der Kette schimmerten matt. Der Anhänger selbst hatte die Form eines Halbmonds und maß etwa drei Zentimeter. Mehr ließ sich nicht erkennen, denn das Schmuckstück war von einer schmutzigen Kruste überzogen. Johnny drehte den Fund hin und her, und mit einem Mal ergriff ein sonderbares Gefühl von ihm Besitz. Er spürte die Anwesenheit einer anderen Person, ganz in seiner Nähe. Doch es war Niemand zu sehen. Die Aura dieser Person, oder was immer es war, war Johnny vertraut. Aber so sehr er sich auch anstrengte, er konnte nicht erkennen, um wen es sich handelte. Ganz still stand er und wartete ab, was passieren würde. Nach und nach merkte er jedoch, wie die Unruhe in seinem Inneren wieder schwand. Er wollte das Gefühl festhalten. Doch es ging nicht. Augenblicke später war es verschwunden. Wer oder was auch immer soeben bei ihm gewesen war, er war wieder weg.
In schmerzhaftem Wechsel überliefen Johnny kalte Schauder und Wellen wohltuender Wärme. Er verlor vollkommen die Kontrolle, und ohne, dass er sich dagegen wehren konnte, liefen ihm plötzlich Tränen über die Wangen. Er weinte, wie er seit Kindertagen nicht mehr geweint hatte, bis sein ganzer Körper davon geschüttelt wurde. So stand er einfach da, die verkrustete Kette in den Händen.
Ein Poltern schreckte ihn jäh auf. Er fuhr herum, und was er durch Tränenschlieren verschwommen wahrnahm, riss ihn schlagartig zurück ins Hier und Jetzt. Vor ihm stand, den rechten Arm auf die Stuhllehne neben sich gestützt: Leonid Brovny, der einbeinige Maschinist.
***
»Sie sehen doch, dass wir uns bereits in voller Fahrt befinden? Daran lässt sich nun nichts mehr ändern«, knurrte Mousson. Seine Hände hielten das Steuerrad fest, sein Blick wich dem Lornas aus. Die junge Frau war ihm eine Spur zu selbstbewusst, und Widerspruch, zumal von Rangniederen, schätzte er gar nicht.
In Lornas Gehirn arbeitete es. Wenn Brovnys mehr als kritischer Zustand nicht ausreichte, die Elmsfeuer zu stoppen, würde Mousson und den Kapitän womöglich etwas Anderes zum Einlenken bringen. Sie atmete tief durch: »Ohne Ihren Maschinisten werden sie nicht weiter als bis zur Nordsee kommen… und das wissen Sie…«, sagte sie sanft. Ein Schatten legte sich auf Moussons Züge. Seine Stimme allerdings verriet nicht, wie es in seinem Inneren kochte. Kalt lächelnd sah er Lorna ins Gesicht.
»Was wissen Sie denn, wie dieses Schiff funktioniert…? Sie sind seit gestern an Bord…«
Mit versteinertem Blick wandte er sich wieder dem Steuer zu. Für ihn war die Angelegenheit erledigt. Lorna bebte vor Wut und Enttäuschung.
Es klopfte an der Tür. Mommsen balancierte vorsichtig ein Tablett über die Schwelle, darauf eine dampfende Teekanne und zwei frischpolierte Tassen. »Ich bringe den Earl Grey, den Sie bestellt haben…« Er sah sich nach einem freien Platz zum Abstellen um. »Heißer als die Mädchen im Hafen von Shanghai…«
Der Kapitän wies ihm mit einem Kopfnicken den Kartentisch.
Lorna verstand, dass sie hier nichts würde ausrichten können. Was waren das für Menschen, denen ein Leben weniger zählte, als eine Tasse Tee?
Laut ließ sie die Tür hinter sich ins Schloss fallen.
Niemand auf der Brücke schenkte ihrem Abgang Beachtung. Mousson nahm einen tiefen Schluck, ächzte zufrieden und wandte sich dann dem Stewart zu, der abwartend Haltung angenommen hatte. »Mommsen, es sieht so aus, als würde dieses Unwetter doch noch über uns hereinbrechen…« Ohne die Kopfhaltung zu verändern, schielte Mommsen aus dem Fenster. »Was ich damit sagen will«, fuhr Mousson fort, »es könnte ein wenig ungemütlich werden unter Deck, spätestens wenn wir das offene Meer erreichen. Tragen Sie bitte Sorge dafür, dass unsere Passagiere informiert sind.« Er sah den Stewart streng an. »Alle Passagiere.« Mommsen zeigte keine Regung.
»Helfen Sie den Leuten, ihr Gepäck sicher zu verstauen und bei… Unwohlsein…«, Mousson lächelte, »sollen sie sich bitte an unseren Schiffsarzt wenden. Das ist alles. Sie können wegtreten.« Mommsen vollführte eine zackige Kehrtwende. »Aye, Aye.«
Kurz darauf waren Mousson und der Kapitän wieder allein.
Erste Regentropfen tippten an die Scheibe. Der Kapitän beugte sich über die Seekarte und zog mit einem Filzschreiber den Beginn einer schmalen violetten Line über das fleckige Papier.
Moussons Augen wanderten über das Vorderdeck. Der Bug der Elmsfeuer pflügte kraftvoll durch das Wasser. Hin und wieder bäumte er sich leicht auf, wenn eine größere Welle ihn traf. Die Nordsee war nicht mehr weit.
Plötzlich machte er im Zwielicht etwas aus, das ihn aufmerken ließ. Zwei dunkle Gestalten bewegten sich behände zwischen den Deckaufbauten. Er kniff die Augen zusammen. Keiner der Passagiere hatte bei diesem Wetter etwas an Deck verloren. Hatte Mommsen seine Anweisungen nicht befolgt?
Als eine der beiden Gestalten den Lichtstrahl einer Bordlaterne kreuzte, konnte Mousson das rote Kleid mit den weißen Punkten erkennen. Er stieß dem Kapitän sanft in die Seite. Der alte Seemann hob den Kopf, bis auch er es sah: Das kleine Mädchen schien über das Vordeck zu schweben. Er schloss die Augen. Ein Zittern ging durch seinen Körper, als durchführe ihn ein plötzlicher Schmerz. Als er die Augen wieder öffnete, blieb sein Blick blieb am Ladebaum hängen und erstarrte.
Mousson fuhr sich mit der Hand über eine Narbe, die von rechts der Nase quer über sein Gesicht zum Kinn lief und dafür sorgte, dass selbst bei geschlossenem Mund immer ein Stück seiner oberen Zahnreihe sichtbar blieb.
Um die Spitze des Ladebaums züngelte grünes Licht, ganz so, als habe jemand das Metall mit Phosphor bestrichen.
Moussons Lippen bewegten sich tonlos. Der Kapitän schwieg. Sie wussten beide, was das war. Elmsfeuer.
Da standen sie nun, die so viele Fahrten gemeinsam bestanden und dabei mehr als einmal dem Verderben ins Auge geblickt hatten, und waren nicht in der Lage, sich zu rühren.
Und sie standen noch immer, als die Elmsfeuer, an Cuxhaven vorbei, hinausglitt in die schwarze, offene See.
2. Raue See
In der folgenden Nacht fand Johnny, so sehr er sich auch anstrengte, kaum Schlaf. Bilder und Gedanken verschmolzen in seinem Gehirn zu einem albtraumhaften Amalgam. Mehrmals ließ ihn das vermeintliche Knacken berstender Oberschenkelknochen aus seinem Dämmerzustand hochfahren. Doch es waren nur die Atemgeräusche des stählernen Kolosses, in dessen Bauch er sich befand, die ihn umtrieben.
Sie fuhren in schwerer See. Das Schiff rollte ächzend von einer Seite zur anderen und zitterte, wenn ein Brecher es frontal erwischte.
Johnnys Magen rumorte.
Was war das für ein Schiff, auf dem er da angeheuert hatte? Er sah auf seine Armbanduhr, die er neben die Koje auf den Boden gelegt hatte.
Fünf Uhr. Bald kam der Morgen, und er hatte nicht länger als eine halbe Stunde am Stück geschlafen.
Eine besonders große Welle ließ das Schiff beben. Johnnys Magen krampfte sich erneut zusammen. Er ließ sich zurück auf das zerwühlte Kopfkissen sinken und starrte, die Zähne fest aufeinander gepresst, an die Decke. Konzentration, dann ginge die Übelkeit von allein. Kam er nicht aus einer Seefahrerfamilie? Sein Großvater, sein Vater. Beiden hatte das Meer nicht sonderlich viel Glück gebracht. Er bemühte sich, gleichmäßig zu atmen. Sobald er jedoch die Lider schloss, wiederholte sich vor seinem inneren Auge die Operation vom Nachmittag, Schritt für Schritt, Szene für Szene. Er hatte wirklich ein Bein amputiert, mit einer Handsäge, in einem Raum von zweifelhaftem hygienischen Niveau. Doch sein Patient hatte überlebt. Nein, er hatte nicht nur überlebt. Er hatte sich binnen weniger Minuten so weit erholt, dass er aufstehen und die Krankenstation verlassen konnte. Auf eigenen Beinen. Ein medizinisches Wunder? Irrsinn?
Johnnys Hirn arbeitete auf Hochtouren. Wer war das kleine Mädchen, das wie aus dem Nichts aufgetaucht war? Brovnys verschwunden geglaubte Tochter Rosina? Hatte sie ihren Vater ins Leben zurückgeholt? Durch bloßes Handauflegen? Das war völlig unmöglich. Auch hier an Bord hatten Naturgesetze zu gelten und medizinische Erfahrungswerte. Alles andere war absoluter Humbug. Wie schnell man auf so einem Schiff abergläubisch wurde.
Durch das Bullauge erkannte er erste Anzeichen der nahenden Dämmerung. Wieder knackten die metallenen Streben. Die See wütete nach wie vor. Gischt peitschte gegen die doppelt verglaste Scheibe. Wie weit sie sich wohl inzwischen von der deutschen Küste entfernt hatten? Johnny erhob sich schwerfällig und sah aus dem Fenster. Weit und breit war kein Land mehr zu sehen. Nur Berge und Täler aus grauem Wasser, hinter denen sich mächtig der wolkenverhangene Himmel abzeichnete.
Hier war er jetzt also, auf hoher See, und hier würde er bleiben müssen. Ob es ihm passte oder nicht.
Er griff nach dem schwarzen Smartphone auf dem Tisch und drehte es unschlüssig in der Hand. Wie sehr er sich danach sehnte, eine vertraute Stimme zu hören. Aber wen konnte er um diese Zeit schon anrufen?
Einen seiner ehemaligen Kollegen, der gerade Frühdienst hatte? Diese Blöße würde er sich nicht geben. Seine Mutter? Auf keinen Fall. Sie schlief vermutlich noch. Außerdem würde er sie mit seinem Anruf zu Tode ängstigen. Sie mochte das Meer nicht. Aus nachvollziehbaren Gründen. Weinend hatte sie ihn angefleht, auf Knien angebettelt, nicht zu tun, was er zu tun vorhatte. Er war trotzdem gegangen, hatte einem inneren Drang nachgegeben, bis hierher, bis zu dem Punkt, von dem es kein Zurück mehr gab.
Ihm kam ein Gedanke. Er schaltete das Handy ein, lud eine Emailmaske auf das Display, wählte einen Adressaten aus und begann, zaghaft zunächst, dann immer leichthändiger zu tippen:
»Sehr geehrter Herr Professor Block,
ich hoffe, Sie legen es mir nicht als schlechtes Benehmen aus, wenn ich bereits jetzt auf Ihr freundliches Angebot zurückkomme, Sie per Email an meinem Leben an Bord der Elmsfeuer teilhaben zu lassen. Wie Sie unschwer erkennen können, ist es noch sehr früh am Morgen. Allerdings habe ich schon in der kurzen Zeit meiner Anwesenheit hier mehr erlebt, als in einer überdurchschnittlichen Woche auf der Unfallchirurgie. Sie werden mir vermutlich nicht glauben, wenn ich Ihnen schreibe, dass…« Er hielt inne. Was war das gewesen? Er spitzte die Ohren. Tatsächlich.
Durch das Ächzen des Schiffs und das Heulen des Windes vernahm er eine leise Stimme, ganz in seiner Nähe. Es war die Stimme einer Frau. Allem Anschein nach kam sie von jenseits der dünnen Wand, die seine Kabine von der angrenzenden Krankenstation trennte. War es Lorna, die Krankenschwester? Wenn ja, was tat sie dort? Wenn sie Brovny einen Krankenbesuch abstatten wollte, würde sie ihn doch in seiner Kabine finden. Das wusste sie. Wer aber war es dann? Dieses kleine Mädchen, Rosina? War sie zurückgekehrt, weil sie irgendetwas vergessen hatte? Johnny tastete die Taschen seiner über einen Stuhl gehängten Hose ab. Die Kette mit dem Anhänger war noch da.
Vermutlich irrte er sich. Er hatte den Raum doch abgeschlossen. Da war er sich sicher. Rosina konnte also unmöglich hinein gelangt sein.
Oder doch? Aber, mit wem sprach sie dann dort?
Er verschob die angefangene Email in den Ordner für Entwürfe, legte das Smartphone zurück auf den Tisch und fuhr rasch in seine Hose und ein Paar Filzpantoffeln. Wieder hörte er die Stimme durch die Wand.
Gleichmäßig. Ruhig. Es half nichts, er musste nachsehen gehen. Auf dem Weg zur Tür griff er nach einer vollen Flasche Mineralwasser. Er fasste den Glaskörper am Hals und schlug mit dem Flaschenbauch mehrmals sanft auf seine Handfläche, als handle es sich dabei um einen Baseballschläger. So bewaffnet öffnete er vorsichtig die Kabine und verschwand barfuß hinaus auf den finsteren Korridor.
***
Schritt für Schritt tastete er sich auf den kalten Eisenplanken vorwärts. In der Dunkelheit ließ sich kaum die Hand vor Augen erkennen. Erneut hörte er die Stimme. Es war kaum mehr als ein Flüstern, das an Stärke zunahm, wenn das Heulen des Windes draußen für einen Moment abschwoll. Vorsichtig wanderte seine freie Hand über die Wand, um die Türklinke der Krankenstation nicht zu verpassen. Warum hatte er keine Taschenlampe? Ah, da war die Klinke! Er verstärkte den Griff um die Flasche. Durch das Schlüsselloch unterhalb des Türgriffs schien schwaches Licht. Er ging in die Hocke und spähte hindurch. Das Innere des Raums war von einem matten, grünen Schimmern erfüllt. Eine Person konnte er aus seiner Position nicht ausmachen. Seine Schläfen pochten. Da war die Stimme wieder. Sie klang beinahe zärtlich. Johnny vermochte nicht, einzelne Worte herauszuhören. Aber er erkannte nun, wer da sprach. Ohne anzuklopfen, öffnete er geräuschlos die Tür.
***
Mit dem Rücken zu ihm kniete Lorna auf dem nackten Boden. Sie war lediglich mit einem dünnen Nachthemd bekleidet. Ihre Hände strichen sanft über die Blätter einer Topfplanze, die vor ihr auf dem schmalen Gesims am Fenster stand.
Nun konnte er es genau hören: Lorna sprach nicht im eigentlichen Sinne. Was ihrem zierlichen Körper entströmte, war vielmehr ein monotones Singen, ähnlich den Beschwörungen indianischer Schamanen. Ihm fiel auf, dass das schwache Licht im Raum von keiner der Lampen kam. Es war einfach da, milchig und grün.
Während Lorna fortfuhr, die Blätter der Pflanze zu streicheln, wiegte sie ihren Oberkörper gleichmäßig vor und zurück. Noch hatte sie Johnny nicht bemerkt, obwohl er, keinen Meter entfernt, hinter ihr stand.
Er räusperte sich.
Augenblicklich verstummte der Gesang. Lorna fuhr erschrocken herum. Ihre Züge entspannten sich, als sie erkannte, mit wem sie es zu tun hatte. Das Licht im Raum verglomm.
Johnny tastete nach dem Lichtschalter neben der Tür und knipste ihn an.
»Ach, Sie sind es, Dr. Elm.«
»Ja, ich bin es.« Er lächelte verlegen. »Bitte entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht erschrecken. Ich habe nebenan eine Stimme gehört und wollte sichergehen, dass es keine Einbrecher sind, oder…«
»Blinde Passagiere?« Beide lachten erleichtert.
»Was treibt Sie denn zu dieser Zeit auf unsere Krankenstation?«
Lorna rieb sich müde die Augen. »Ich konnte nicht schlafen und dann fiel mir ein, dass ich… Eleonora gestern ziemlich vernachlässigt habe.«
»Eleonora?«
»Ja. Meine Alraune.«
»Ihre Topfpflanze hat einen Namen?«
»Alraunen sind keine Topfpflanzen. Sie sind hochsensibel und brauchen viel Zuwendung… deshalb singe ich hin und wieder für sie. Das tut ihr gut und lässt ihre Blätter wachsen.«
Johnny schwieg.
»Ihr Schlaf scheint aber auch nicht der beste zu sein, wenn sie derart hellhörig sind.«
»Nun ja, wenn ich ehrlich bin, leide ich ein bisschen an Seekrankheit.«
»Ihnen ist übel?« Er nickte.
Lorna lächelte versonnen. »Welch glückliche Fügung, dass sie mit Ihren Beschwerden umgehend zu mir gekommen sind.«
»Wie meinen Sie das?«
»Hm, ich glaube, ich kann Ihnen helfen. Warten Sie einen Moment.« Sie ging erneut vor ihrer Pflanze auf die Knie. Ohne hinzusehen nahm sie eines der Skalpelle von der Ablage, entpackte es und brachte mit der Klinge einen kurzen, länglichen Schnitt an einem der Blattstiele an.
Während sie dies tat, verfiel sie erneut in ihren fremdartigen Gesang. Eine grünliche Flüssigkeit trat aus der Wundöffnung der Alraune aus. Lorna fing einige Tropfen davon mit einem Reagenzglas auf. Dann füllte sie den verbliebenen Platz mit Natriumchloridlösung auf, schüttelte das Röhrchen sanft, um beide Flüssigkeiten zu vermischen, und reichte es Johnny. »Hier, trinken Sie das. Es wird Ihnen helfen.«
Zögernd griff er nach dem Glas. Lorna zwinkerte ihm aufmunternd zu.
»Vertrauen Sie mir.«
Er führte das Röhrchen zum Mund und trank es in einem Zug leer. Dann warteten sie.
Zunächst spürte er nichts. Eine halbe Minute verging. Dann noch eine. Schließlich fühlte er, wie seine Fingerspitzen zu kribbeln begannen.
Langsam, Zentimeter für Zentimeter, breitete das anregende Gefühl sich über seinen gesamten Körper aus. Als es seinen Magen erreichte, machte sich eine große Wärme in ihm breit, die vom Bauch in alle Extremitäten ausstrahlte. Der rauschhafte Zustand währte jedoch nicht lange. Von einer Sekunde zur anderen war der Zauber wieder verschwunden. Und mit ihm die Übelkeit. Er sah Lorna verwundert an und strich sich ungläubig über den Bauch.
»Und?«, fragte sie.
»Weg. Die Übelkeit ist verschwunden.«
»Und das wird sie auch bleiben… glauben Sie mir«. Lorna lächelte wieder.
»Wie wundervoll sie aussieht, wenn sie so lächelt«, dachte Johnny, und sagte: »Ich danke Ihnen wirklich sehr, dass…«
»Danken Sie nicht mir, danken Sie Eleonora.«
Er errötete, kam sich plötzlich wie ein pickeliger Schuljunge vor, der in Anwesenheit der makellosen Klassenschönheit ein Gedicht aufsagen soll. »Ich danke… Eleonora… und…«
Es klopfte leise an die Tür.
»Ja?«
Die beiden Touristen kamen, notdürftig in identisch aussehende Bademäntel gehüllt, fröstelnd den Raum. Ihre Gesichter zeigten einen zarten Grünstich. Johnny schmunzelte. »Lassen Sie mich raten: Sie haben die Seekrankheit?«
Die Zwei nickten gequält. Johnny drehte sich zu Lorna um. »Frau Hoy, haben wir eventuell etwas im Arzneimittelschrank, mit dem wir die Kinetose unserer Patienten lindern können?«
Lorna gab ihm eine schmale, rot-weiße Pappschachtel.
»Ah, das gute, alte Scopolamin. Damit haben mich meine Großeltern als Kind immer therapiert, damit ich ihnen auf langen Fahrten nicht die Autositze, Sie verzeihen den Ausdruck, vollkotze.«
Das Paar nahm die Schachtel dankbar entgegen. »Seien Sie sparsam damit«, rief Johnny ihnen, als sie gingen, nach. »Von zu vielen Tabletten wird einem ebenfalls übel…«
Lorna klappte die Tür des Arzneimittelschranks wieder zu, da erhielten sie weiteren Besuch.
»Lassen Sie das Türchen bitte gleich auf…« Die Stimme war tief und rau. Brovny stützte seinen schweren Körper auf eine zur Krücke umfunktionierte rostige Metallstange. Sein weißer Verband zeigte wider Erwarten keine Spuren von Wundflüssigkeit. Er humpelte an ihnen vorbei, setzte sich auf die Untersuchungsliege und legte sorgfältig die Gehhilfe neben sich.
Johnny fragte sich verdattert, ob dies wirklich der selbe Mann war, dem er ein paar Stunden zuvor eine zertrümmerte Gliedmaße abgenommen hatte.
»Hm, in der Regel pflege ich, meinen Frischamputierten Besuche abzustatten«, sagte er, als er sich wieder gefangen hatte, »aber wo Sie nun schon einmal hier sind…«
Lorna unterbrach ihn. Ihre Stimme klang besorgt. »Haben Sie Schmerzen?«
Brovny nickte.
Lorna seufzte mitfühlend. »Das ist auch wirklich kein Wunder… schließlich haben Sie…«




