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Brovny massierte sich das stoppelige Kinn. »Mein Kopf explodiert gleich. Sie müssen mir unbedingt ein paar Pillen geben…«
Johnny und Lorna sahen einander irritiert an. Hatte der Mann soeben von Kopfschmerzen gesprochen?
»… das kommt von dem dauernden Lärm der Maschine… kein Schädel hält das auf Dauer aus… ot gavno!«
Lornas Blick wanderte von Johnnys ratlosem Gesicht hinüber zu Brovnys strahlendweißem Beinstumpf, der von der Liege aus waagrecht in den Raum ragte.
»Aspirin…?«, hauchte sie.
»Ja. Sehr gerne«, mischte sich vom Eingang her eine weitere Stimme in ihr Gespräch ein. Dort stand, bereits zu so früher Uhrzeit in äußerlich tadellosem Zustand, Putzi Mommsen. »Mein Zusammenprall mit diesem unerfreulichen Stahlträger«, jammerte er, »scheint mir überhaupt nicht gut bekommen zu sein.« Er hielt sich den Kopf und schien sich überhaupt nicht darüber zu wundern, dass der vor kurzem dem Tod entronnene Brovny wohlauf vor ihm saß.
Lorna war von all dem so verwirrt, dass sie Mommsen die für Brovny gedachte Dose Tabletten aushändigte.
»Haben Sie vielen Dank, Frau…«
»Hoy«, sagte Lorna.
« Hoy«, wiederholte Mommsen, »den Namen muss ich irgendwo schon einmal gehört haben, nun ja, jetzt muss ich aber auch schon weiter. Die Pflicht ruft. Baronesse von Adler kann sehr ungemütlich werden, wenn ihre 6 ½ -Minuten-Eier, die in der Küche hoffentlich bereits auf mich warten, sie kalt erreichen.« Sein Blick streifte Johnny, der überhaupt nichts mehr verstand. »Wenn Sie wollen, Herr Doktor, können Sie mich begleiten und ich zeige Ihnen die Elmsfeuer. Die frische Luft an Deck wird Ihnen gut tun. Und glauben Sie mir, die Luft ist dort oben momentan sehr frisch.« Er grinste, als er Johnnys verdattertes Gesicht sah.
»Natürlich habe ich Zeit für eine Führung! Ich bin vorübergehend ein wenig unterfordert, was vermutlich an den nur drei zahlenden Passagieren liegen. Und Zweien davon ist momentan nicht nach Frühstück.« Er rümpfte die Nase. »Man fragt sich allerdings, wieso erwachsene Menschen sich nicht in die dafür vorgesehenen Gefäße übergeben können.« Er machte eine Pause. »Nun, wie sieht es aus, Herr Doktor?«
Johnny wandte sich hilfesuchend an Lorna. Die lächelte erschöpft. «Ich kümmere mich um Herrn Brovny, solange Sie unterwegs sind, mache einen Verbandswechsel – und wenn Sie wiederkommen, besprechen wir die weitere Medikation. In Ordnung? Kopfschmerztabletten darf ich ja auch ohne Ihre Einwilligung verabreichen, nicht wahr?«
Johnny nickte ergeben. Mommsen drängte zum Aufbruch.
Zügig verließen sie das Krankenzimmer und gingen dicht hintereinander den Korridor entlang, an dessen Ende sich die Treppe befand, die ein Deck höher in den vorderen Kabinentrakt führte. Durch ein Bullauge fiel trübes Morgenlicht, und Johnny bemerkte, dass er immer noch sein Pyjamaoberteil und Filzpantoffeln trug.
***
»Und, konnten Sie sich schon ein wenig hier eingewöhnen?« Mommsen drehte sich im Gehen zu ihm um.
»Wie man´s nimmt«, gähnte Johnny. »Ich hatte mir meinen Einstand, ehrlich gesagt, etwas ruhiger vorgestellt. Kein Arzt beginnt seinen Dienst auf neuem Posten gerne mit einer Notoperation…«
Mommsen lachte ein meckerndes Lachen, das so gar nicht zum Ernst dieser Worte passte.
»… aber ich gehe auch davon aus, dass solche Zwischenfälle nicht den Normalzustand an Bord darstellen…« Johnny rieb sich schläfrig den Nacken. »Was mich allerdings wundert, ist die Leichtfertigkeit, mit der Herr Mousson und der Kapitän die schwere Verletzung von Herrn Brovny übergangen haben…«
Mommsen entgegnete nichts. Schweigend gingen sie über Deck. Der Wind hatte ein wenig nachgelassen, und die See war ruhiger als noch in den Stunden zuvor. Eine Gruppe Möwen umkreiste kreischend den Ladekran. Durch die Wolkendecke brach ein dünner Sonnenstrahl.
»Die Möwen denken aus irgendeinem Grund, dass wir ein Fangschiff sind, und hoffen auf frischen Fisch«, erklärte Mommsen und deutete mit der Hand nach oben. Und als habe er Johnnys unausgesprochene Gedanken gehört, ergänzte er: »Die Elmsfeuer war ursprünglich ein Forschungsschiff… sie ist Baujahr 1952… und somit also bereits eine ältere Dame, die…«
»Welche Art Forschungen denn?«, unterbrach Johnny ihn.
Mommsen aber schien ihn nicht gehört zu haben. Denn er sagte: »Im Vergleich zu einem Frachter verfügt unser Schiff über eine deutlich geringere Bruttoregisterzahl… was ich allerdings nicht für einen Nachteil halte. So ist eben alles ein bisschen überschaubarer… und wendiger… da vorne sehen Sie übrigens die Brücke… das Reich unserer Admiralität, wie ich immer scherzhaft sage…« Mommsen beschleunigte seinen Gang.
»Jetzt sollten wir aber zusehen, dass wir in die Küche kommen… das Frühstück für die Baronesse, Sie verstehen…« Er zwinkerte Johnny zu.
»Haben Sie heute eigentlich schon etwas gegessen?«
Johnny schüttelte den Kopf. Erst jetzt spürte er die unangenehme Leere in seinem Magen.
***
Kreszentia Rausch schüttelte den Kopf. »Wenn das mit dem Seegang so weitergeht, müssen wir bald alle aus einer Tasse trinken und von einem Teller essen, was denkst du?« Sie sah amüsiert hinüber zu Rosina, die auf der für sie viel zu großen Eckbank hinter dem Küchentisch saß und ihre Nase in einen Becher heißer Schokolade steckte. Dann kippte sie einen letzten Haufen Scherben aus der Handschaufel in den Mülleimer und stellte die Kehruntensilien zurück an ihren Platz. Das Radio auf der Anrichte lief in voller Lautstärke.
»Sie hören die Morgennachrichten auf Kanal 5 MF. In diesem Moment ist es 6 Uhr 30.«
Die Tür ging auf. »Wenn Sie so freundlich wären, Ihre Beschallung auf ein menschenerträgliches Maß zu reduzieren, könnten Herr Dr. Elm und ich uns sogar vorstellen, in ihrer beschaulichen Küche einen Kaffee einzunehmen. Ist das Frühstück für Baronesse von Adler bereits abholbereit?«
Kreszentia Rausch verdrehte die Augen. »Da, wo ich herkomme, sagt man erst einmal `Guten Morgen´, wenn man um diese Uhrzeit auf Leben trifft, Sie grober Klotz. Angeblich sind Sie doch so gut erzogen.« Mommsen verzog keine Miene.
Johnny ließ seinen Blick durch den für ihn neuen und unerwartet gemütlichen Raum schweifen. Der Geruch von frischgebrühtem Kaffee stieg ihm in die Nase. Hier fühlte er sich auf Anhieb wohl.
»Die Eier brauchen noch zwei Minuten.« Kreszentia Rausch musterte Johnny mit argwöhnischem Blick: seine zerknitterte Pyjamajacke, die, das fiel ihm erst jetzt auf, mit Brovnys Blut bespritzte Jeans und seine abgetragenen Filzpantoffeln.
»Sie sind also dieser Dr. Elm«, brummte sie. Johnny fuhr seine rechte Hand zum Gruß aus, zog sie aber verunsichert wieder zurück, als Kreszentia Rausch sie nicht ergriff. »Von Ihnen hört man ja die reinsten Wundergeschichten…«
Verlegen stammelte Johnny etwas Unverständliches.
Kreszentia Rausch grinste. »Da haben Sie Recht. Wir unhöflich von mir. Setzen Sie sich bitte einfach dorthin. Ich bringe Ihnen gleich einen Kaffee.« Und mit einer abschätzigen Handbewegung in Mommsens Richtung fügte sie hinzu: »Wenn es unbedingt sein muss, machen Sie halt das Radio ein bisschen leiser, Sie Misanthrop.« Sie knallte eine dampfende Tasse vor Johnny auf den Tisch und wandte sich dann wieder dem Herd zu. Ein wenig unbeholfen fischte sie zwei Frühstückeier aus einem Topf und schreckte sie kurz unter kaltem Wasser ab.
»Sssso. Das Frühstück für Baronesse von Adler ist komplett.« Sie überreichte Mommsen ein üppig beladenes Tablett. »Mit den besten Wünschen vom, ähm, Smutje an den Hochadel.«
Mommsen dankte Krezentia Rausch mit einem strengen Nicken und machte Johnny, der seinen Kaffee erst zur Hälfte getrunken hatte, ein Zeichen, mit ihm zu kommen.
Johnny musterte gerade fasziniert das kleine Mädchen auf der anderen Tischseite, das, wie bei ihrem letzten Treffen, keine Notiz von dem zu nehmen schien, was um es herum vorging.
»Herr Doktor, wir müssen…«
Er erhob sich widerwillig und folgte Mommsen zur Tür. Kreszentia Rausch drehte das Radio wieder auf.
»Am Telefon begrüßen wir nun ganz herzlich den Meteorologen und Klimaforscher Prof. Dr. Volker Hagemann. Herr Hagemann gilt als internationale Kapazität für extreme Wetterphänomene. Er wird Ihnen, unseren Zuhörern, nun erläutern, wie es am gestrigen Abend zur Bildung der inzwischen aufgelösten Superzelle über dem Hamburger Hafen kommen konnte. Wegen der erhöhten Gefährdungslage dürfen bis zum aktuellen Zeitpunkt keine Schiffe den Hafen verlassen. Das Verbot gilt seit gestern Nachmittag und wird von der Hafenpolizei streng überwacht…«
»Kein Schiff… den Hafen verlassen… und die Elmsfeuer?«, murmelte Johnny und überlegte, ob er Mommsen danach fragen sollte. Doch der war bereits seinem Sichtfeld entschwunden. Er musste sich beeilen, ihn wieder einzuholen.
***
»Ich denke, es ist besser, Sie warten kurz vor der Tür. Ich bin mir nicht sicher, ob Frau von Adler sie in diesem Aufzug empfangen wird.« Johnny sah an sich hinunter und nickte. Mommsen balancierte das schwere Tablett geschickt mit der rechten Hand, während er mit der linken anklopfte. Als er, ohne eine Rückmeldung erhalten zu haben, die Tür öffnete, trat Johnny einen Schritt zur Seite, um mit seinem Äußeren nicht von Adlers ästhetisches Empfinden zu verletzen. Die Tür schnappte hinter Mommsen ins Schloss.
Johnny ging wartend vor der Kabine auf und ab. Seine Hände fuhren aus alter Gewohnheit in die Hosentaschen. Er spürte das Amulett, das er am Vortag gefunden hatte, und zog es an seiner Kette heraus.
Eine sonderbare Schmutzschicht überzog das Metall. Auch diesmal gelang es ihm nicht, mit den Fingernägeln etwas davon abzukratzen. Dafür ging plötzlich eine Veränderung in ihm vor. Ihm wurde heiß. Und Sekunden später bitterkalt. Er fühlte, wie Jemand sich ihm näherte, Jemand, den er kannte oder zumindest zu kennen glaubte. Aber wieder war niemand zu sehen. Eine tiefe Melancholie erfasste ihn, die ihn zittern und sich gleichzeitig wünschen ließ, dieser Zustand vollkommener Geborgenheit möge niemals enden. Erschrocken ließ er das Amulett zurück in die Hosentasche rutschen. So unvermittelt, wie es gekommen war, war das Gefühl wieder verschwunden.
Starr stand Johnny in der Mitte des Korridors. Mit dem Pyjamaärmel wischte er sich das Wasser aus den Augen.
Die Tür wurde wieder geöffnet, und Mommsen kehrte zurück. Für ein paar Sekunden hatte Johnny freie Sicht ins Kabineninnere. Im hinteren Teil des Raums stand eine Frau in dunklem Kostüm. Ihre Augen blickten direkt in seine. Und plötzlich war ihm, als finge er an zu brennen. Er strauchelte. Sein Herz schlug so fest, dass er meinte, es müsse in seiner Brust explodieren. Er wäre zu Boden gegangen, hätte Mommsen ihn nicht erschrocken aufgefangen. Mit einem Klicken fiel die Tür ins Schloss.
»Doktor, was ist mit Ihnen? Hallo? Hören Sie mich?« Mommsen war vor Schreck selbst ganz blass.
Johnny hörte seine Worte wie durch eine Wand. Er bemühte sich, ruhig zu atmen. Sein Herzschlag verlangsamte sich allmählich, und er löste sich schwankend aus Mommsens Griff. »Danke… Herr… Mommsen. Es… geht wieder. Der Seegang… und das fehlende Frühstück. Es war wahrscheinlich nur der Kreislauf… nur… der Kreislauf…«
***
»Captain, sehen Sie mal, wer dort mit zwei Tassen über das Deck marschiert kommt. Mommsen hat unseren Tee also doch nicht vergessen. Und unseren frischgebackenen Helden hat er ebenfalls im Schlepptau. So grün ist er scheinbar doch nicht, dieser junge Arzt. Wie man sich anzieht, weiß er zwar nicht… aber was er da gestern mit Skalpell und Säge zustande gebracht hat, war wirklich nicht von schlechten Eltern.«
Von der Metalltreppe, die auf die Brücke führte, hallten Mommsens und Johnnys Schritte wider.
Mommsen betrat den Kommandostand als erster.
»Gentlemen«, sagte er, »hier kommt, wie bestellt, der frischgebrühte Morgentee.« Er trug die nach Bergamotte duftenden Tassen feierlich zum Kartentisch und stellte sie vorsichtig ab.
Mousson nahm sofort eine davon und trank. »Ihre gute Laune ist ja wieder einmal unerträglich, Mommsen… aber der Earl Grey ist… vorzüglich… bei der Wahl unseres neuen Smutjes haben wir offenbar ein gutes Händchen bewiesen, Captain.« Er lachte.
Mommsen quittierte Moussons Spitze mit einem übertriebenen Diener. Der Steuermann wandte sich an Johnny: »Und Sie, Doktor, ist bei Ihnen alles in Ordnung? Sie sind ein wenig blass um die Nase.«
Johnny nickte. Sein Magen knurrte.
»Das war wirklich eine Glanzleistung, die sie da gestern vollbracht haben, mein Lieber. Der Captain und ich sind Ihnen zu großem Dank verpflichtet. Nicht auszudenken, was aus unserer Elmsfeuer würde, wenn wir nicht den alten Brovny hätten, der ihr hin und wieder den Herzmuskel massiert.«
Das Lob machte Johnny verlegen. »Es freut mich sehr, das zu hören, Herr Mousson. Dabei habe ich allerdings nicht mehr getan als meine ärztliche Pflicht…« Er zögerte. »Und nicht zuletzt hatte ich die Unterstützung von…«
»Ihre Bescheidenheit ehrt Sie, Doktor… bei Frau Hoy werden wir uns natürlich ebenfalls bedanken… aber sagen Sie… wie geht es Brovny denn inzwischen?«
Johnny gab einen kurzen Bericht über das erfreuliche Resultat der Operation und betonte mehrmals, wie verblüffend der unerwartet schnelle Heilungserfolg war. Zum Schluss wollte er die Chance nutzen, darauf hinzuweisen, dass es sehr fahrlässig gewesen war, den frischoperierten Brovny nicht in ein Krankenhaus bringen zu lassen.
Doch er wurde von Mousson rüde unterbrochen. »Vielen Dank, Doktor, das ist wirklich schön zu hören.« Der Offizier wandte sich wieder dem Kartentisch zu und schenkte ihm keine weitere Beachtung mehr.
Johnny spürte Ärger über dieses arrogante Verhalten in sich aufsteigen. Doch er schluckte ihn wieder hinunter. Reglos verfolgte er eine Weile stumm das Geschehen. Mousson ließ sich von Mommsen Bericht über alle weiteren Vorgänge und Befindlichkeiten an Bord erstatten.
Abschließend erörterte er mit dem Stewart den Kursverlauf. Sie würden am folgenden Tag den Hafen von Cork erreichen. Dort, an der Südspitze Irlands, hätten sie wegen eines Liefergeschäfts der erste Landgang geplant. Worum es sich beim dem Liefergeschäft handelte, erwähnte Mousson dabei mit keiner Silbe, und Mommsen hakte, wie Johnny enttäuscht feststellte, nicht weiter nach.
Als er mit seinen Ausführungen am Ende war, drehte Mousson sich einfach um und vertiefte sich in eine der Seekarten, die auf dem Tisch ausgebreitet lagen. Mommsen wartete eine Weile schweigend auf weitere Anweisungen. Als keine kamen, gab er Johnny ein Zeichen, ihm zu folgen.
***
Als sie ins Freie traten, atmete Johnny tief durch. Die Atmosphäre eben hatte, obwohl nichts wirklich Schlimmes vorgefallen war, etwas sehr Unangenehmes gehabt. Während er hinter Mommsen die Treppe hinunter ging, spielte er gedankenversunken mit dem Amulett in seiner Tasche.
Vielleicht wusste Mommsen, was für ein Schmuckstück das war, und vielleicht auch, wem es gehörte.
Konnte er sich diesem Mann anvertrauen, der zwar freundlich zu ihm war, den er aber kaum kannte?
Was, wenn Kette und Anhänger ein Geheimnis bargen, das er besser für sich behielt? Er hatte nicht vergessen, welche Gefühle es in ihm auszulösen vermochte. Seine Hand in der Tasche schloss sich zur Faust. Er musste es wagen. Was hatte er zu verlieren? Die Art, wie sein Körper und sein Geist auf dieses Ding reagierten, machte ihm Angst.
Und diese Angst wollte er, musste er loswerden.
Mommsen bemerkte die Veränderung an ihm. »Ist etwas mit Ihnen, Dr. Elm? Wieder der Kreislauf?« Er machte ein ernsthaft besorgtes Gesicht. Johnny gab sich einen Ruck. »Darf ich Sie etwas fragen, Herr Mommsen?«
Mommsen sah ihn erwartungsvoll an. »Natürlich. Nur zu.«
Johnny zog langsam die Kette aus seiner Hosentasche und hielt das Amulett vor Mommsens Gesicht. »Ich habe…«, sagte er, doch weiter kam er nicht. Wie paralysiert starrte der Stewart auf den Anhänger vor seinen Augen. Sein Körper fing an zu zittern. Seine Lippen begannen, Worte zu formen, bevor sein Mund in einem stillen Schrei erstarrte. Johnny wusste nicht, was er tun sollte. Panik überkam ihn. Was war das nur für ein fürchterliches Teil, das er da gefunden hatte? Einem jähen Instinkt folgend riss er seine Hand nach unten und steckte den Anhänger hastig zurück in die Tasche.
Kaum war das geschehen, besserte Mommsens Zustand sich schlagartig. Das Zittern verschwand. Gierig sogen seine Lungen Luft ein. Kaum jedoch war er wieder Herr seiner Sinne, sah er sich um, als fürchte er, beobachtet zu werden. Dann packte er Johnny am Arm und hauchte: »Das… sollten Sie hier besser… niemandem mehr zeigen… haben Sie mich verstanden? Geben Sie es niemals aus der Hand und zeigen Sie es… niemandem…«
3. Landgang
Ein Tag war vergangen.
Das Meer zeigte sich von seiner ruhigen Seite, und die Nachmittagssonne verursachte ein angenehmes Kribbeln auf der Haut. Johnny lag in einem alten Liegestuhl auf dem Achterdeck und sah über das tiefblaue Wasser. In den Händen hielt er das Smartphone. Endlich konnte er die Email an Prof. Block weiterschreiben, die er im Ordner für Entwürfe zwischengelagert hatte:
»Sehr geehrter Herr Professor Block,
bitte entschuldigen Sie, dass meine Nachricht an Sie so unvermittelt abbrach. Man ist hier an Bord nie ganz für sich allein. Ich lasse das bereits Geschriebene einfach stehen, damit Sie einen Eindruck davon bekommen, wie es hier auf der Elmsfeuer zugeht.
Inzwischen haben wir den Ärmelkanal und die Irische See überstanden. Vor uns liegt die Südküste Irlands, man kann sie bereits sehen, und wenn stimmt, was man mir gesagt hat, werden wir in einer halben Stunde in Cork vor Anker gehen. Mein Körper hat, wenn ich ehrlich bin, nichts gegen ein paar Stunden festen Boden unter den Füßen einzuwenden.
Dem von mir operierten Patienten geht es, entgegen aller medizinischen Erfahrungswerte, sehr gut. Er widmet sich bereits wieder in vollem Umfang seiner Arbeit als Maschinist. Nein, rügen Sie mich bitte nicht dafür! Ich habe ihm natürlich davon abgeraten. Erfolglos. Ansonsten ist…«
Das laute Rasseln der Ankerkette und das Rufen Mommsens ließen ihn zusammenfahren.
»Dr. Elm.«
»Ja. Hier drüben. Was ist?« Er schirmte mit einer Hand die Augen, um gegen die Sonne etwas sehen zu können.
Mommsen baute sich direkt vor ihm auf. »Befehl vom Captain: Wir gehen bereits hier draußen vor Anker und setzen mit einem der Beiboote zum Hafen über. Wenn Sie wollen, können Sie mit uns kommen.«
»Sehr gerne.« Eine leichte Windbö kam auf. »Ich bin in einer Minute bei Ihnen.«
Mommsen nickte.
Johnny wandte sich noch einmal kurz dem Telefon zu. Er löschte die letzten beiden Worte und schrieb: »Soeben zeigt sich erneut, dass Freizeit auf einem Schiff Mangelware ist. Man ruft bereits zum Landgang.
Ich hoffe sehr, es geht Ihnen gut. Grüßen Sie bitte die Kollegen von mir und verlassen Sie sich darauf, dass Sie bald wieder von mir hören. Es grüßt Sie sehr herzlich, Ihr Johnny Elm.«
Ein paar Sekunden lang starrte er auf das Geschriebene. Gedanken an all das, was er in Hamburg zurückgelassen hatte, geisterten durch seinen Kopf. Und wofür? Für eine unbequeme Reise ins Ungewisse.
Dann drückte er auf »Nachricht senden«.
»Was ist jetzt mit Ihnen, Dr. Elm? Wir müssen los!«
Johnny steckte das Handy in seine Gesäßtasche, stand auf und beeilte sich, zu der Stelle zu kommen, an der Mommsen, Mousson und Brovny bereits eines der drei Beiboote zu Wasser gelassen hatten. Brovny bewegte sich trotz des fehlenden Beins auffallend behände. An der Luke zum Unterdeck traf Johnny auf Lorna. Lorna lächelte, als sie ihn sah. Er lächelte zurück. »Na, Frau Hoy, kommen Sie mit uns an Land?«
Sie nickte. »Ja, aber nicht mit diesem Boot.« Er bemühte sich, einen plötzlichen Anflug von Enttäuschung zu verbergen. »Ich habe den Touristen versprochen, mit ihnen eines der anderen Boot zu nehmen. Die junge Dame ist noch nicht… ausgehfertig.« Lorna grinste. »Wir sehen uns dann aber auf jeden Fall an Land. Cork soll eine sehr schöne Stadt sein.«
»Das hab ich auch gehört«, antwortete er, obwohl das nicht stimmte.
»Elm!«, brüllte nun auch Mousson, »brauchen Sie eine Extraeinladung, oder was ist los?«
»Also, bis später«, sagte Johnny, entschuldigend grinsend. Dann ließ er sich an der frei schwingenden Jakobsleiter in das schlingernde Boot hinunter. Mousson fluchte auf Französisch und stieß sie mit einem Ruder von der Schiffswand ab. Als sie sich ein paar Meter von der Elmsfeuer entfernt hatten, ließ Mommsen den Motor an.
***
Die Männer in dem Boot erwiesen sich als versierte Seeleute. Es dauerte nicht lange, und sie hatten sich einen Weg zwischen den in ihrer Größe nicht ungefährlichen Schiffen hindurch zum Hafen gebahnt. An einem etwas abseits gelegenen Teil der Mole gingen sie längsseits und warfen die Leine aus.
Johnny stellte zufrieden fest, dass ihn seit Einnahme des Alraunensafts keine Symptome der Seekrankheit mehr plagten. Ehe er sich versah, hatten seine drei Begleiter den Kai geentert und waren, ohne sich weiter um ihn zu kümmern, im Getümmel aus Hafenarbeitern und Touristen verschwunden. Ihm war das nur recht. Er wollte gar nicht wissen, welche Art Geschäfte sie zu erledigen hatten. Viel lieber würde er sich in der Zwischenzeit den Hafen von Cork ansehen. Zunächst einmal aber würde er auf Lorna warten. Er ließ sich auf einem der Pfeiler in der Nähe nieder und besah sich das bunte Treiben. Hier war zwar alles etwas kleiner als in Hamburg, dafür aber hatte sich eine Ursprünglichkeit erhalten, die in seiner Heimatstadt kaum mehr zu finden war. Alte Filme über die Seefahrt kamen ihm in den Sinn, als er die schiefen Segelmacher- und Reeperhäuschen am Ende der Mole sah, die sich vor dem Wind hinter die moosbewachsene Kaimauer duckten.
Er liebte das Meer und die damit verbundenen Traditionen und Mythen. Bestimmt war das einer der Gründe, warum er sich nun dort befand, wo er war. Er ließ seine Gedanken schweifen. Hatte er die richtige Entscheidung getroffen, seine berufliche Karriere in einer der angesehensten Kliniken des Landes gegen eine Stelle als Schiffsarzt einzutauschen? Noch dazu auf einem heruntergekommenen Kahn wie der Elmsfeuer? Wie mochte die Reise weitergehen? So aufreibend, wie bisher? Seine Hand rutschte vorsichtig in die Hosentasche. Woher rührten die Angstzustände, die ihn überkamen, wenn er dieses seltsame Amulett berührte? Er legte die Stirn in Falten. Sollte er es vielleicht einfach ins Meer fallen lassen? Dann war er zumindest eine Sorge los.
Das Ding war unheimlich, und Mommsen wusste darüber hinaus ganz offensichtlich, was es war. Warum hatte er ihn davor gewarnt, es Anderen zu zeigen? Vertrauenswürdig schienen ihm die Leute an Bord alle nicht. Die Köchin vielleicht ausgenommen. Welches Geheimnis trugen sie mit sich herum? Andererseits: wollte er das wirklich wissen?
»Dr. Elm!« Jemand rief vom Wasser her seinen Namen. Lorna saß im Heck des zweiten Beiboots und steuerte es sicher in die Nähe des ersten. Eine Hand an der Ruderpinne, winkte sie ihm fröhlich zu. Die zwei Touristen, beide immer noch ein wenig bleich um die Nase, klammerten sich an ihren Holzsitzen fest. Die Bugwellen der ein- und auslaufenden Schiffe ließen ihr Boot gehörig schaukeln. Bald jedoch hatten sie es überstanden.
Johnny half Lorna, so gut er konnte, das Boot zu vertäuen. Er würde sie bei Gelegenheit fragen müssen, woher sie derart bewandert im Knüpfen von Seemannsknoten war.
Das junge Paar blühte, sobald es festen Boden unter den Füßen hatte, sichtlich auf und meldete sich umgehend zum Einkaufsbummel ab.
Zuvor jedoch nahm Lorna ihnen das dringende Versprechen ab, zum vereinbarten Zeitpunkt wieder am Hafen zu sein. Schmunzelnd sahen Johnny und sie den beiden nach.
»So, und womit vertreiben wir uns nun die Zeit?«, fragte Johnny.
»Was halten Sie von einem Spaziergang durch das Viertel? Eventuell finden wir ein kleines Café, in dem wir uns ausruhen können. Nichts gegen den Kaffee unserer Köchin, aber…« Sie hielt inne. »Außerdem möchte ich ein paar Postkarten kaufen.«
Er nickte zustimmend. »Na, dann nichts wie los.«
Froh, dem Schaukeln des Schiffs für eine Weile entkommen zu sein, machten sie sich auf Erkundungstour, besahen sich hier ein Schaufenster und wimmelten dort einen der Koberer ab, der sie laut krakeelend in eine der zahlreichen, übel ausdünstenden Bars zerren wollte.




