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»Entschuldige bitte, wenn überhaupt«, verbesserte Apolonaria ihn schmunzelnd. »Es ist nicht nötig, mich oder einen der anderen zu siezen. Wie gesagt, ich bin Apolonaria.« Sie bedachte Alexander noch einmal mit einem breiten Lächeln und strahlte dann auch Nic an, die die Stirn runzelte. Erneut griff Alexander nach dem Krug und füllte nun, langsamer diesmal, alle drei Gläser. Nic griff erneut nach ihrem Glas, Oliver war inzwischen zwar wach, aber zu schwach, um das Glas zu halten, und so half Alexander ihm beim Trinken.
»Wir brauchen Hilfe für ihn. Für Oliver.« Nic setzte ihr Glas wieder ab und schob ihre gefalteten Hände zwischen die Knie.
»Sehen Sie …«
»Ich bin Apolonaria, das habe ich doch schon gesagt.« Apolonaria strahlte weiterhin so begeistert, als hätte sie mit ihnen als Gäste das große Los gezogen.
»Sehen Sie«, fuhr Nic unbeeindruckt fort. »Wir brauchen unbedingt Hilfe für Oliver, Sie haben gesagt, Sie können das arrangieren. Bevor wir irgendetwas besprechen, muss ich wissen, dass er behandelt wird.« Sie beugte sich vor. »Ich mache mir Sorgen, die Wunde heilt einfach nicht.«
Apolonaria nickte und ihr Lächeln verlor kurz an Strahlkraft.
»Ah ja. Ich sehe schon.« Wieder nickte sie. »Aber so einfach wird das leider nicht. Ich habe euch schließlich nicht freigekauft, damit ihr hier Urlaub macht. Ich brauche eure Hilfe und ich brauche sie jetzt.« Von einem Moment auf den anderen war das Lächeln erloschen, keine Spur mehr von der so fröhlichen Frau. Nic wurde blass und auch Alexander spürte Panik in sich aufsteigen. Es gab also doch einen Haken, einen Grund, weshalb sie sie vor der Versteigerung gerettet hatte. Wobei sollten gerade sie ihr denn helfen können? Doch Alexander dachte an Oliver und dass er ohne Apolonarias Hilfe so gut wie verloren
war. »Und wie können wir Ihnen helfen?«
»Wie ihr bestimmt schon gesehen habt, ist Narau eine große Stadt.« Apolonaria fuhr sich mit einer Hand durch ihr leuchtendes Haar. »Hier leben viele Menschen und … nun ja, jeder ist für sich selbst verantwortlich. Es gibt natürlich Gesetze, aber Sheriffs, die sie auch durchsetzen, gibt es schon lange nicht mehr. Wir, also eigentlich mein Mann, das heißt … alle Caeles, sagen zwar, wo es langgeht, aber verantwortlich sind wir für das Leben der anderen natürlich nicht.« Sie geriet ins Stocken und die Sekunden vergingen.
»Es hat in letzter Zeit Gerüchte gegeben, dass Menschen verschwunden sind. Ich habe mich nicht darum gekümmert, weil es nur die anderen Ringe betroffen hat, versteht ihr? Deswegen habe ich meinem Mann auch nichts gesagt.« Apolonaria schlug ein Bein über das andere.
Alexander warf einen schnellen Blick zu Nic hinüber. Sie schien auch nicht gerade viel von dem zu verstehen, was Apolonaria ihnen zu erklären versuchte.
»Ihr habt also niemanden, der darauf achtet, dass die Gesetze eingehalten werden?«, fragte er.
Apolonaria lachte kurz auf. »Na ja, ›Gesetze‹ war vielleicht ein wenig übertrieben. Es sind eher ein paar Regeln. Sagen wir einfach: Jeder tut das, was er tun muss, um zu überleben. Das funktioniert normalerweise auch recht gut, aber nun …«
»Warum kümmert es Sie auf einmal, wo doch nur Personen verschwunden sind, die nicht aus Ihrem Bezirk stammen?«, warf Nic spöttisch ein.
Alexander zuckte zusammen. Sie waren nur hier, weil diese Frau sie hier duldete. Sie hatte sie befreit. Ein Wort von ihr und sie würden doch noch an den Höchstbietenden verkauft werden. Doch Nic schickte ihm nur einen trotzigen Blick und sah wieder zu Apolonaria hinüber.
Diese hatte ihre Bemerkung anscheinend nicht als Beleidigung aufgefasst und richtete sich ein wenig in ihrem Sessel auf.
»Jetzt ist Jace ebenfalls verschwunden. Jacelyn, sie ist meine Tochter. Vor fünf Tagen ist sie vom Schießtraining nicht nach Hause gekommen.«
Falten furchten Apolonarias Stirn und Alexander hatte Mitleid mit ihr. Doch noch immer konnte er sich keinen Reim darauf machen, wie es ihr bei der Suche nach ihrer Tochter helfen sollte, drei völlig verwahrloste Fremde aufzunehmen.
»Warum suchen Sie sie dann nicht?«, fragte Nic spitz und Alexander schloss beschämt die Augen. Die Art und Weise, wie sie sich aufführte, würde sie auf dem schnellsten Weg wieder auf den Marktplatz oder sogar ins Grab führen.
Apolonaria seufzte.
»Ich verstehe, warum du mir nicht traust, wer würde das schon. Ihr kommt hierher, werdet gefangen, fast als Sklaven verkauft, und plötzlich kommt irgendeine daher, die euch befreit und behauptet, ihre Tochter wäre verschwunden.« Mit festem Blick sah sie Nic an. »Es ist allerdings so, dass ich meine Tochter gesucht habe. Nur leider kennt mich jeder in der Stadt, jeder weiß, wer ich bin, und auch, was mein Mann womöglich mit ihnen tun wird. Niemand lässt mich in sein Haus oder redet mit mir. Alle befürchten den Tod, wenn sie mit mir sprechen. Ich könnte mir natürlich gewaltsam Zugang verschaffen, aber was, außer Vergeltung, würde mir das bringen?« Sie machte eine Pause, scheinbar in Gedanken versunken. »Außerdem will Patrick nicht, dass ich Aufmerksamkeit auf mich ziehe. Niemand soll es wissen. Niemand, der in der Stadt irgendeinen Einfluss hat. Und dafür brauche ich euch. Als ich euch da vorhin habe stehen sehen, dachte ich gleich, dass ihr ein Geschenk des Himmels seid.«
»Was hat Ihr Mann denn getan?« Nic sah Apolonaria auffordernd an. »Warum haben alle Angst vor ihm?«
Apolonaria wirkte, als wäre sie tief aus ihren Gedanken gerissen worden, und zog beide Augenbrauen in die Höhe. »Was er getan hat?«
»Ganz genau.« Nic hob eine Hand, die Handfläche zur Decke gewandt. »Irgendetwas muss er ja getan haben, sonst hätten nicht alle Angst, wie Sie sagen. Und ich will erst genau wissen, was hier vor sich geht.«
Apolonaria schwieg und musterte die schwer atmende Nic. Das Schweigen machte Alexander nervös, er hatte das Gefühl,
Apolonaria nehme ihr die Fragen übel. Dann jedoch verzogen sich ihre Mundwinkel wieder zu dem gewohnten freundlichen Lächeln. »Er war nicht immer einer der Caeles, wisst ihr? Patrick. Eigentlich ist es sogar so, dass es die Caeles nicht immer gab.« Sie verschränkte die Hände mit den gepflegten Nägeln ineinander. »Damals, nach dem Krieg, suchten viele ein neues Zuhause, eines, das sicher war. Und Narau war dieser sichere Ort. Mein Mann und ich kamen hierher, in einem U-Boot, wie so viele andere. Irgendwann waren wir zu viele, ungefähr zweitausend, und einigen wurde klar, dass sich so eine große Menschenmenge nicht einfach selbst regieren kann.« Sie schüttelte den Kopf, Bedauern schob sich auf ihr Gesicht, doch Alexander kam es falsch vor. »Ein Mann nahm die Aufgabe an, sich um alles zu kümmern. Der alte McCarty gab sich wirklich Mühe, er hob die Stadt aus dem Schmutz und gab uns ein echtes Zuhause.«
Gebannt lauschte Alexander. Noch nie hatte er Geschichten von anderen Städten aus der Zeit nach dem Krieg gehört.
»Er scharte die anderen Caeles um sich, um die Aufgaben besser verteilen und alles besser im Auge behalten zu können.«
»War dieser McCarty mit diesem Kerl verwandt, der uns gefangen genommen hat?«, fragte Nic.
»Gefangen genommen?« Apolonaria schien zu überlegen.
»Oh, das müssen die Versorger gewesen sein. Dann ja, McCartys Sohn macht bei ihnen mit.«
»Was ist mit ihm passiert? Dem Vater, meine ich.« Nic zog eine Augenbraue hoch.
»Er war schwach. Wollte mit anderen Städten kooperieren, sogar mit diesen Ureinwohnern, diesen Huacas.« Apolonaria schüttelte angewidert den Kopf. »Seine Bemühungen hätten alles ruiniert, man hätte uns entdeckt.«
»Also hat Ihr Mann …«
»Patrick war damals jünger, ein Hitzkopf.« Mit weicher Miene schüttelte Apolonaria den Kopf. »Er hat McCarty zu einem Duell herausgefordert und nach ihm jeden, der auf seiner Seite stand. Bis keiner mehr übrig war. Danach hat er Narau zu dem Glanz verholfen, den ihr hier heute seht. Er hat auch die Sklavenhaltung eingeführt, sonst hätten wir all das nicht so schnell geschafft.«
»Was sind denn Sklaven?«, platzte Alexander heraus. Ihm war klar, dass das sicher nicht die Kernaussage des Satzes gewesen war, doch es klang irgendwie wichtig.
Verwirrt blickte Apolonaria ihn an. »Ihr wisst doch sicherlich, was Sklaven sind?«
Sie sah ihre Gäste der Reihe nach an, und Alexander schüttelte den Kopf. »Ich habe das Wort noch nie gehört.«
»Oh, ich dachte nur, dass ihr auch aus einer zivilisierten Stadt stammt, daher …«
»Natürlich stammen wir aus einer zivilisierten Stadt!« Entrüstet hob Nic das Kinn.
»Vielleicht verwenden wir lediglich ein anderes Wort für den gleichen Gegenstand«, versuchte Alexander, zu schlichten.
Apolonaria zuckte die Schultern. »Das mag sein. Sklaven sind Gefangene, die man kaufen kann. Wenn sie in deinem Besitz sind, machen sie das, was du möchtest.«
»Ihr verkauft also wirklich Menschen?« Fassungslos starrte Alexander sie an. Dabei hatte er diesen Verkauf ja erst vor Kurzem am eigenen Leib erlebt.
»Ah ja, wir haben wohl doch nicht verschiedene Begriffe für die gleiche Sache«, erwiderte Apolonaria steif.
»Wie soll das gehen? Gehört nicht jeder Mensch sich selbst?« Nic war empört. Auch Alexander war entsetzt, doch war es wirklich ratsam, Apolonaria – und gleichzeitig auch ganz Narau – zu kritisieren?
»Nic, lass es gut sein. Das hier ist Narau, nicht Biota, hier geht es etwas anders zu.« Leise murmelte Alexander die Worte in Nics Ohr und strich ihr beruhigend über den Arm. Ihre Haut fühlte sich heiß an.
Nic blickte ihn an, als hätte er den Verstand verloren, doch Alexander schüttelte kaum merklich den Kopf. Er wusste nicht, ob Nic ihn verstanden hatte, doch zumindest schwieg sie nun.
»Können wir vielleicht fortfahren? Ihr habt es gehört, euch bleiben lediglich zwei Wochen in Narau, nicht länger. Noch länger, und die anderen wären misstrauisch geworden. Und was meinen Mann angeht …« Sie brach ab. »Wir sollten die Zeit nutzen.« Apolonaria beugte sich ein wenig nach vorn.
»Wie ich schon sagte, meine Tochter Jace ist verschwunden. Ich kann nicht selbst nach ihr suchen, und daher brauche ich jemanden, der das kann. Niemand kennt euch, niemand hat Angst vor euch, und noch dazu seht ihr nicht gerade … gefährlich aus.« Apolonaria rang die Hände.
»Was soll das bringen?« Nic hatte die Arme vor der Brust verschränkt und wirkte nicht gerade erfreut über Apolonarias Pläne. »Glauben Sie ernsthaft, irgendjemand wird uns irgendetwas sagen? Und wie sollen wir das überhaupt machen? Wir kennen uns doch hier gar nicht aus.«
»Ihr habt doch gesagt, ihr hättet in eurer Stadt versucht, einen Mord aufzuklären, richtig? Und es auch geschafft? Warum sollte euch das Gleiche nicht mit einem Verschwinden gelingen? Im Gegenzug geht ihr natürlich nicht leer aus, ihr bekommt Essen und Trinken, ein Dach über dem Kopf, und ich werde dafür sorgen, dass Oliver überlebt.« Sie warf einen kurzen Blick auf den Jungen, der zusammengesunken auf der Couch hing. Schlief er nur, oder war er ohnmächtig? Alexander tastete nach seinem Handgelenk. War das sein Puls? Oder fühlte er dort nur seinen eigenen?
»Ich kenne einen Arzt, der ihm ganz sicher helfen kann.« Fragend sah Alexander Nic an. Einerseits widerstrebte es ihm,
sich in die Hände dieser Frau und ihres mächtigen Mannes zu begeben. Aber andererseits … Alexander ahnte, dass Apolonaria nur so tat, als hätten sie eine Wahl, denn die hatten sie ganz sicher nicht. Egal, was sie sagten, sie würden vorerst in Narau bleiben müssen, dafür würde sie schon sorgen. Sie wirkte wie jemand, der immer das bekam, was er wollte. Jetzt allerdings konnten sie noch guten Willen zeigen, ihr schmeicheln, und falls sie ihre Tochter fanden, konnten sie sich ihre Dankbarkeit und auch die ihres Mannes sichern. Wenn ihnen das gelang, konnten sie den Vulkan vielleicht als freie Menschen wieder verlassen.
Ohne Nic anzusehen, antwortete Alexander: »In Ordnung. Wir werden versuchen, Ihre Tochter zu finden.«
Schwungvoll sprang Apolonaria aus dem Sessel auf und hob die Hände zur Decke. »Wunderbar! Ich wusste, wir werden uns einig.« Freudestrahlend sah sie sie an. »So, und jetzt, da das geklärt ist … Es wird später ein Essen geben, vorher wollt ihr euch sicher noch frisch machen, richtig? Es gibt im Obergeschoss mehrere Gästezimmer, die könnt ihr benutzen, solange ihr hier seid. Sucht euch einfach jeder eins aus.« Sie deutete auf die Treppe, die sich in engen Windungen in den ersten Stock hinaufzog.
Doch Nic und Alexander blieben sitzen.
»Tut mir leid, aber wäre es möglich, Oliver sofort zu dem Arzt zu bringen, von dem Sie gesprochen haben?«, fragte Alexander zögerlich. »Es steht nicht gut um ihn.«
»Oh, ja natürlich. Ich werde Atzocatzin gleich beauftragen, ihn dorthin zu bringen. Atzocatzin!« Ihr lauter Ruf schallte durch das großzügige Wohnzimmer. Sogleich erschien ein muskulöser Mann mit olivfarbener Haut und hohen Wangenknochen in der Tür. Er war lediglich in ein dünnes Tuch gehüllt.
»Ja?«, fragte er und neigte respektvoll den Kopf.
»Bring doch diesen Jungen rüber zu ›The World's Fair‹, ja? Holmes soll ihn versorgen. Sag ihm einfach, die Rechnung geht auf mich.«
Mit einem Nicken trat der Mann hinüber zum Sofa und hob Oliver so mühelos auf seine Arme, als wäre er eine Stoffpuppe. Als er sich wieder aufrichtete, erhaschte Alexander einen kurzen Blick auf die rechte Seite seines Halses. Narben bildeten dort über dem Halsband die Buchstaben »PG«. Wie Patrick Garrett? War dies ein Sklave, ein Eigentum, dem der Stempel seines Besitzers aufgedrückt worden war? Beunruhigt wandte Alexander seinen Blick ab.
»Können wir ihn begleiten?« Nic war aufgestanden. »Ich möchte gerne sehen, dass er behandelt wird.«
Bedauernd schüttelte Apolonaria den Kopf. »Das verstehe ich, aber es ist so, dass ihr mir vertrauen müsst, genauso, wie ich euch vertrauen muss.« Lächelnd trat sie einen Schritt auf Nic zu. »Auf euch warten wichtigere Aufgaben, als einem Arzt über die Schulter zu schauen. Ich versichere euch, Holmes ist der Beste, Oliver wird es an nichts fehlen.«
Nic sah aus, als würde sie nur zu gerne widersprechen, doch dann nickte sie. »Gut.«
Atzocatzin verließ mit einer kurzen Verbeugung das Haus und Apolonaria deutete die Treppe hinauf. »Alles, was sich in den Zimmern befindet, könnt ihr gerne benutzen. Eure schmutzige Kleidung könnt ihr einfach vor die Tür legen, Rosa wird sie bis morgen für euch waschen. Saubere Kleidung bringt sie euch gleich hoch.«
Sie gingen die Treppe hinauf in den ersten Stock. Auf dem obersten Treppenabsatz begann Nic zu flüstern: »Was soll der Unfug? Willst du ihr tatsächlich helfen?«
Schnell zog Alexander sie die restlichen Stufen hinauf. »Natürlich nicht, aber wir haben keine andere Wahl. Sobald ihr etwas nicht passt, wird sie uns doch noch verkaufen und wir können Narau nie wieder verlassen, willst du das etwa?«
Nics Schultern sackten nach unten. »Nein, aber es macht mich so wütend. Was ist nur passiert? Wie sind wir da reingeraten?«
»Na ja, unsere Möglichkeiten waren begrenzt.«
Nics Mundwinkel verzogen sich ein winziges Stück nach oben. »Ja, da hast du recht. Wenigstens müssen wir da zusammen durch. Wie furchtbar wäre es, alleine hier festzusitzen?« Sie ergriff Alexanders Hand und drückte sie fest. Dann ließ sie sie wieder los und deutete auf zwei massive Holztüren.
»Das müssen die Zimmer sein, die Apolonaria gemeint hat. Dann machen wir uns mal besser fertig …« Unschlüssig starrten beide auf die Türen. Irgendwann gab Alexander sich einen Ruck und stieß eine von ihnen auf und betrat das dahinterliegende Zimmer. Die dicken Mauern des Hauses hatten auch hier den unangenehmen Geruch des Nebels, der über der ganzen Stadt lag, nicht fernhalten können, doch die Einrichtung gefiel ihm. Der Boden war aus einem Material, das schwarzem Glas ähnelte, die Möbel aus dunklem Holz. Zahlreiche Lampen und fröhliche Gemälde an den Wänden sorgten dafür, dass das Zimmer nicht zu dunkel und erdrückend wirkte. Zögerlich ging Alexander hinüber zum Bett, dessen Füße in Klauen endeten. Umständlich zog er seine Jacke aus und legte sie sorgfältig zusammen. Auf der linken Seite des Zimmers führte eine weitere Tür aus dem Raum hinaus. Vermutlich das Badezimmer. Erschöpft betrat Alexander es und fand sich in einer Art Grotte wieder. Staunend drehte er sich im Kreis. So etwas hatte es nicht einmal in Biota gegeben. Die Wände waren ebenfalls aus dem dunklen Material, nur hatte es hier einen bläulichen Schimmer, als befände man sich tief unter Wasser. Noch dazu waren sie so dünn, dass Alexander glaubte, dahinter schemenhaft andere Räume erkennen zu können. In allen vier oberen Ecken waren Lampen angebracht, die dezentes Licht spendeten und damit wohl die Pflanzen am Leben erhielten, die aus einer Rinne herausrankten, die sich um den ganzen Raum zog. Staunend betrachtete Alexander ein Gemälde, das direkt in die Wand eingelassen war. Bei näherem Hinsehen erkannte er, dass die vielen schimmernden Perlen ebenfalls die Waffe bildeten, die er bereits an der Hauswand gesehen hatte. Es musste das Familienwappen der Garretts sein.
Als Badewanne diente ein riesiges wassergefülltes Bassin. Voller Vorfreude entledigte Alexander sich aller Kleider und tauchte dann zur Probe eine Hand in das Becken. Das Wasser war angenehm warm, und so kletterte er über den Rand und ließ sich in das herrliche Nass fallen. Noch nie zuvor in seinem Leben hatte er sich so sehr darüber gefreut, baden zu können. Was für eine Wohltat nach den Wochen im Golem. Er tauchte unter, ließ das Wasser über seine Haare laufen und schrubbte seine Haut mit einem Schwamm, den er am Beckenrand gefunden hatte, bis sie ganz rot war. Nach ein paar Minuten entdeckte er eine Schnur am hinteren Rand des Beckens und zog neugierig daran. Ein beeindruckender Schwall Wasser stürzte aus einer verborgenen Luke in der Wand hinab. Begeistert stellte Alexander sich darunter und genoss das Gefühl des Wassers, das auf seine Schultern hinabprasselte.
Leider meldete sich wenig später sein knurrender Magen und Alexander beschloss, dass er langsam wieder zur Gastgeberin zurückkehren sollte. Apolonaria fragte sich vermutlich bereits, was er hier oben so lange trieb. Noch dazu fühlte er sich schuldig, weil Oliver irgendwo in dieser fremden Stadt um sein Leben kämpfte und er sich hier vergnügte.
Mit einem riesigen vorgewärmten Handtuch trocknete er sich ab und betrat das Schlafzimmer. Wie versprochen entdeckte er vor der Tür saubere Kleidung, ein weißes Hemd und eine etwas steife blaue Hose, die zwar passte, sich jedoch ungewohnt eng anfühlte. Sauber und mit frischer Kleidung griff Alexander nach seiner alten Kleidung und verließ das Schlafzimmer.
Aus dem Wohnzimmer klangen ihm bereits Stimmen entgegen. Vorsichtig warf er einen Blick hinein und sah dort zwölf Männer und Frauen stehen, die sich mit ihrer Gastgeberin unterhielten.
»Soll ich die für Sie waschen?«, ertönte plötzlich eine weiche dunkle Stimme hinter seinem Rücken. Alexander fuhr herum. Hinter ihm stand eine junge Frau. Sie lächelte und tiefe Grübchen bildeten sich auf beiden Wangen. Glattes schwarzes Haar fiel über ihre linke Schulter. Sie streckte die Hand aus und deutete auf die Kleidungsstücke in seiner Hand. »Soll ich Ihre Kleidung waschen? Die Herrin meinte, sie wäre dreckig …« Fragend blickte sie ihn aus ihren großen Augen an und Alexander nickte.
»Das wäre wirklich sehr nett«, brachte er heraus.
Sie nahm die Kleidung und hatte sich schon halb wieder von ihm abgewandt. »Ich heiße übrigens Rosa«, merkte sie an.
»Alexander«, erwiderte er. War sie etwa auch eine dieser Sklaven, die Apolonaria erwähnt hatte? Mit einem unguten Gefühl drehte Alexander sich wieder zum Wohnzimmer um.
Als er das Zimmer betrat, verstummten die Gespräche und alle Anwesenden wandten sich ihm zu. Mit neugierigen Blicken musterten sie ihn von oben bis unten. Alexander konnte keine Ablehnung darin erkennen, nur Interesse. Wer waren all diese Menschen? Schließlich brach Apolonaria das unangenehme Schweigen.
»Da bist du ja, Alexander. Genau zur rechten Zeit würde ich sagen. Das Essen wird in fünf Minuten serviert. Aber erst möchte ich dich noch allen vorstellen.«
Seine Gastgeberin packte ihn am Arm und zog ihn zunächst hinüber zu einem Mann mit schulterlangem schwarzen Haar, das von grauen Strähnen durchzogen war. Er musste alt sein, vielleicht sogar schon achtzig. In gebeugter Haltung stützte er sich auf einen Stock, doch als Alexander näher kam, hob er eine Hand und ergriff seine Schulter.
»Alexander, das ist Geronimo, eigentlich Goyathlay, aber so nennt ihn niemand mehr.«
»Sehr erfreut«, wandte Alexander sich an den Mann.
Als Antwort drückte der seine Schulter und sagte: »So höflich, erstaunlich«, und stieß ein heiseres Lachen aus, das fröhlich klang und nicht so, als wollte er sich über Alexander lustig machen. Alexander fühlte sich sofort wohl in seiner Nähe, und nur zu gerne hätte er mehr über ihn erfahren, doch Apolonaria zog ihn bereits weiter zur nächsten Person im Raum.»Das ist Annie«, stellte sie ihm eine Frau vor, die vielleicht ein paar Jahre älter war als Alexander. Sie hatte braune Locken, die sie mit Spangen an den Seiten ihres Kopfes zurückgesteckt hatte und ihr bis weit hinab auf den Rücken fielen.
»Hallo, Annie Oakley. Ich weiß nicht, warum sie nicht meinen vollständigen Namen nennt. Gibt es dafür einen besonderen Grund?« Mit einem frechen Grinsen betrachtete sie Apolonaria, doch die murmelte nur unverständlich vor sich hin und schwieg dann wieder. »Wohl immer noch sauer, weil ich Patrick letzte Woche beim Turnier besiegt habe, und das mit dem Revolver, wo das doch seine Lieblingswaffe ist!« Sie lachte und Alexander sah, wie Apolonarias Kopf rot anlief. Anscheinend hatte die kleine Frau einen Nerv bei ihr getroffen.
»Sag mal, Apolonaria, ist Jace denn heute Abend nicht hier? Ich habe sie schon beim letzten Treffen vermisst.« Annie zog eine Augenbraue in die Höhe und blickte sich suchend im Zimmer um, als erwartete sie, Jace plötzlich irgendwo auftauchen zu sehen.
»Jace ist nicht da.« Steif schüttelte Apolonaria den Kopf. »Patrick hat ihr eine Aufgabe gegeben. Ich glaube, irgendetwas mit einem neuen Gewehr. Und bevor sie diese Aufgabe nicht gelöst hat, will er nicht, dass sie abgelenkt wird. Ihr kennt ihn ja.« Schrill lachte sie auf.
Schritte erklangen auf der Treppe und unterbrachen das Gespräch. Wenige Sekunden später betrat Nic den Raum. Auch sie trug nun frische Kleidung und sah einfach atemberaubend aus. Offensichtlich war Alexander nicht der Einzige, der das so sah, denn bei ihrem Erscheinen drehten sich sämtliche Besucher im Wohnzimmer zu ihr um. Sie trug ein eng geschnittenes rotes Kleid, das bis zu ihren Knien hinabreichte. Bewundernd betrachtete Alexander sie, wandte jedoch den Blick schnell ab, als sie seinen Blick bemerkte.
»Wunderbar, wie ich sehe, passt dir das Kleid wie angegossen, ich habe ein Auge dafür.« Apolonaria trat mit raschen Schritten zu Nic und hakte sich bei ihr unter. Nach einem kaum wahrnehmbaren Zögern ging Nic mit ihr mit, und sie machte sie ebenfalls mit den Anwesenden bekannt, während Alexander sich den restlichen Gästen selbst vorstellte und sich krampfhaft bemühte, ihre Namen nicht gleich wieder zu vergessen. William Barclay Masterson, William Matthew Tilghman, Bill Frederick Cody, der eigentlich auch William hieß, aber darauf bestand, »Bill« genannt zu werden, Martha Jane Cannary Burke, James Sinclair, Oliver Saint-Claire …
Alexander schwirrte der Kopf, als Apolonaria endlich zum Essen rief. Stumm ließ er sich auf dem Stuhl neben Nic nieder. Oliver sollte eigentlich auch hier sein. Wie mochte es ihm wohl gehen? Hatte Apolonaria Wort gehalten, und er war bei einem Arzt, der ihm helfen konnte? Ein plötzlicher Druck auf seinem Bein unterbrach seine Gedanken. Nic hatte ihm ihre Hand auf das linke Knie gelegt und betrachtete ihn mit einem scheuen Lächeln. Sofort fühlte er sich besser.
»Ich bin sicher, Oliver geht es gut«, flüsterte Nic. Woher wusste sie, was er gerade gedacht hatte? »Ich muss auch immer wieder an ihn denken.«
Alexander erwiderte ihr Lächeln. Es tat gut, Nic hier direkt an seiner Seite zu haben. Sie beide gegen den Rest der Welt, würde es fortan so laufen?
»Es freut mich, dass ihr alle heute Mittag gekommen seid, um mit mir unsere beiden Gäste Nic und Alexander in unserer schönen Stadt zu begrüßen.« Apolonaria strahlte in die Runde und strich eine Strähne ihres Haars mit einer eleganten Geste zurück hinters Ohr. »Wie einige von euch wahrscheinlich gesehen haben, gab es ein kleines Missverständnis auf dem Marktplatz, nun sind die beiden aber hier und stehen euch für Fragen zur Verfügung.« Diese Menschen hier würden ihnen doch nicht wirklich Fragen stellen, oder? Alexander sah beunruhigt zu Apolonaria. Er fühlte sich unangenehm an die Fragerunde in der Messe von Biota erinnert, nur dass diesmal er im Mittelpunkt stehen würde, keine Wissenschaftler und ihre neuen Erfindungen. »Ich hoffe, dass mein Mann uns auch bald beehrt, eigentlich hätte er schon längst hier sein sollen, aber ihr kennt das ja. Es gibt immer etwas Wichtiges zu tun. Und außerdem war meine Einladung ja sehr kurzfristig.« Scheinbar gleichgültig zuckte sie die Achseln und blickte entschuldigend in die Runde. Alexander jedoch bemerkte ein leichtes Zucken im Mundwinkel ihrer Gastgeberin. War ihr Garretts Abwesenheit vielleicht doch nicht so egal, wie sie sie alle glauben machen wollte? »Obwohl Patrick noch nicht da ist, werden wir mit dem Essen beginnen, wir wollen doch nicht, dass unsere beiden Abenteurer vom Fleisch fallen, nicht wahr?« Apolonaria hob ihr Glas und prostete in die Runde. Alle Anwesenden erhoben ebenfalls ihr Glas und zeigten damit in ihre Richtung. Gleichzeitig folgten auch Alexander und Nic diesem Beispiel und erhoben kurz ihr Glas, bevor sie es zum Mund führten. Vorsichtig nippte Alexander an dem gelben Getränk und verzog irritiert das Gesicht. Ein seltsam bitterer Geschmack erfüllte seinen Mund. Er bekam eine Gänsehaut und schüttelte sich. Nic schien es nicht besser zu ergehen. Nach dem ersten kleinen Schluck setzte sie ihr Glas ein wenig zu heftig auf dem Tisch ab und alle starrten in ihre Richtung.




