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»Ja, das ist nichts für schwache Nerven, nicht wahr?«, erkundigte Apolonaria sich lachend. »Da muss man sich erstmal dran gewöhnen, aber danach, das kann ich euch versprechen, werdet ihr Bier nicht mehr missen wollen.«
Bier. Interessant, ja, schmeckte allerdings trotzdem, als würde er Medizin trinken. Probehalber nahm Alexander noch einen Schluck. Nein, immer noch nicht besser.
»Könnte ich vielleicht noch ein Glas Wasser bekommen?«, fragte er zögernd. Ohne zu antworten, winkte Apolonaria Rosa herbei, die behände ein Glas Wasser für ihn füllte. Nic bat sie ebenfalls um ein Glas, dabei hatte sie nicht einmal einen weiteren Schluck des Getränkes probiert. Doch Alexander konnte es ihr nicht verdenken.
Irgendwo in Narau
»Wir werden uns davon nicht aus der Ruhe bringen lassen.« Der Mann schüttelte den Kopf. »Hast du mich verstanden? Wir machen weiter wie bisher. Ich weiß, dass sie herumschnüffelt, aber wen interessiert’s? Du machst deinen Job, ich mache meinen. So war es abgesprochen, also halte dich daran.«
Der andere Mann nickte. »Ja, kein Problem. Garretts Frau wird uns nicht in die Quere kommen, das kann sie nicht.« Er grinste.
»Sei einfach nur vorsichtig, mach, was ich gesagt habe, nicht mehr und nicht weniger.« Der Mann wandte sich ab. »Keine Alleingänge und keine Spielereien, klar?«
Es war bereits spät, als die Gäste das Haus wieder verließen. Gähnend streckte Alexander sich auf dem Sofa im Wohnzimmer. Apolonaria hatte ihnen einen Schlummertrank versprochen und wollte noch etwas Wichtiges mit ihnen besprechen.
Während ihre Gastgeberin in die Küche verschwunden war, schielte Alexander zu Nic herüber.
»Was denkst du?«, fragte er leise. Sie wirkte, als habe er sie aus ihren Gedanken gerissen. »Über die Caeles? Sie waren nett … ein wenig aggressiv und allesamt auf die Konkurrenz untereinander fokussiert, aber zu mir waren sie freundlich.«
Ja, den Eindruck hatte er auch gehabt, aber irgendetwas störte ihn trotzdem. Er fürchtete sich vor ihnen, vor jedem von ihnen, denn sie strahlten etwas aus, das er nicht einordnen konnte. Er wagte jedoch nicht, Nic von seinen Bedenken zu erzählen. Was sollte das auch bringen? Sie würden Garrett helfen, und wenn alles gut lief, würden sie Narau bereits in zwei Wochen wieder verlassen. Nur vierzehn Tage und dann … Er wusste nicht, wohin sie dann gehen würden, aber das konnten sie später entscheiden. »Und Apolonaria?«
»Sie ist sehr von sich überzeugt. Das kommt sicher daher, dass die anderen ihren Mann als Anführer akzeptieren. Er ist derjenige, der hier alles entscheidet.« Sie zuckte die Schultern. »Ich denke, solange wir tun, was er von uns möchte, wird alles gut gehen.« Nur hatten sie ihn – Patrick Garrett – bisher noch gar nicht zu Gesicht bekommen. »Wie sollen wir denn seine Tochter finden? Wir kennen die Leute nicht, kennen die Stadt nicht, wir wissen nicht einmal, wohin sie Oliver gebracht haben … Wie
sollen wir mehrere verschwundene Menschen finden?«
Nic legte kurz ihre Hand auf seine und drückte sie. »Wir werden das schaffen, bis jetzt lief es doch recht gut für uns.« Sie zwinkerte ihm zu. Das entlockte auch Alexander ein kleines Grinsen und sofort fühlte er sich besser. Ja, Nic hatte recht. Sie lebten noch, so unwahrscheinlich das auch erschien, nach allem, was geschehen war.
Nic zog ihre Hand fort, als Apolonaria zurückkam. Sie setzte sich ihnen gegenüber in den Sessel und überkreuzte die Beine an den Knöcheln, was ihr Kleid leise rascheln ließ. »Rosa kommt gleich mit eurem Getränk, ich bin sicher, das wird euch gefallen.« Sie zögerte kurz und lehnte sich dann vor. »Ihr werdet mir doch helfen, oder? Ihr werdet mir helfen, Jace wiederzufinden?« Die Dringlichkeit in ihrer Stimme war nicht zu überhören, ebenso wenig wie die Verzweiflung.
Noch bevor Alexander antworten konnte, hörte er das Geräusch der sich öffnenden Haustür. Wenige Augenblicke später wurde sie mit Schwung wieder ins Schloss geschlagen und ein Mann erschien in der Wohnzimmertür. Er war Ende dreißig, hatte dunkelbraune Haare, die von grauen Strähnen durchzogen waren, und trug Kleidung, die Alexander für die Temperaturen in Narau viel zu warm erschien: einen schwarzen Nadelstreifenanzug mit Weste, Jackett und schmaler Krawatte. Dies musste Patrick Garrett sein. Und er tobte vor Wut.
»Apolonaria!« Sein sorgfältig gestutzter Schnauzbart zitterte.
»Wenn es stimmt, was ich gehört habe, dann …« Er ließ den Satz unvollendet, denn sein Blick fiel auf ihn und Nic. »Gütiger Himmel, nein.« Er schüttelte den Kopf, sein Gesicht wurde mit jeder Sekunde, die verstrich, röter. »Apolonaria.«
Apolonaria erhob sich aus dem Sessel, ging auf ihren Mann zu und streckte die Hand aus. »Patrick, das sind Nic und Alexander.«
»Nein, Apolonaria, das kann unmöglich dein Ernst sein.«
»Ich habe die zwei und einen ihrer Begleiter davor bewahrt, von Jim als Sklaven verkauft zu werden.«
»Hallo, ich –«
Rüde unterbrach Garrett Alexanders Versuch, sich vorzustellen. »Es ist mir egal, wer sie sind. Und wenn sie der Heilige Geist persönlich wären. – Was hast du dir nur dabei gedacht?« Garretts Stimme war inzwischen ein Brüllen und Alexander setzte sich lieber wieder. Es war klar, dass es bei diesem Streit nicht um ihn und Nic ging, nicht wirklich. Und er wollte es um jeden Preis vermeiden, da hineingezogen zu werden.
»Sie werden uns helfen, Jace zu finden.« Apolonaria griff nach der Hand ihres Mannes. »Du hast gesagt, wenn ich einen Weg finde, wie keiner davon erfährt und ich mich nicht einmische, dann könnte ich nach Jace suchen.«
»Bist du denn verrückt?« Garrett schüttelte sie ab und schlug mit der flachen Hand auf den Esstisch. »Wie kann man nur so bescheuert sein. Wie sollen diese armseligen Gestalten uns denn bitte helfen? Wer sind die schon?« Fahrig strich Garrett sich über die Haare. »Niemande. Flüchtlinge aus irgendeiner seltsamen Stadt unter dem Meer, als ob. Das sind Verrückte, das sage ich dir.«
»Moment mal.« Nic erhob sich halb von ihrem Platz, doch Garrett streifte sie mit einem tödlichen Blick und sie ließ sich wieder zurücksinken.
»Ich muss mir von den Leuten in der Stadt sagen lassen, du hättest dich für diese Idioten eingesetzt. Dass du auch noch dafür bezahlt hättest, damit Jim sie gehen lässt. Ich zweifle wirklich an deinem Verstand.«
»Sie haben Erfahrung mit so was«, hielt Apolonaria stur dagegen. »Sie haben gesagt, sie haben schon Morde aufgeklärt. Wenn du hier einen Sheriff einsetzen würdest …«
»Wir brauchen keinen Sheriff!« Garrett brüllte so laut, dass Alexander glaubte, die Scheiben klirren zu hören. »Ich bin hier der Leiter, kapierst du das? Alle machen das, was ich sage.«
»Das weiß ich ja.« Alexander sah, dass Apolonaria sich bemühte, ruhig zu bleiben. »Aber unsere Tochter ist verschwunden und ich will sie zurück.«
»Ich sage dir eins.« Garrett holte tief Luft. »Wenn sie es nicht schafft, auf sich allein aufzupassen, dann ist sie nicht meine Tochter.«
Apolonaria schluchzte auf. »Wie kannst du so was nur sagen? Sie ist dein Kind.«
Garrett schüttelte mit zusammengepressten Lippen den Kopf.
»Patrick.« Apolonarias Stimme war ganz leise geworden und hatte einen eiskalten Tonfall angenommen. »Wenn ihr etwas passiert, dann werde ich dir das nie verzeihen, niemals. Dann verlasse ich die Stadt und gehe.«
Garretts Gesichtsausdruck veränderte sich, wurde weniger wütend und schließlich völlig ausdruckslos. Es dauerte lange, bis er wieder sprach. »Wie sieht der Plan aus? Wie soll das funktionieren?«
»Wir haben das noch nicht detailliert mit Ihrer Frau besprochen.« Nics Stimme klang ein wenig höher als sonst. »Aber wir werden Jace finden. Dazu wäre es natürlich notwendig, dass wir uns umhören und die Menschen befragen, die etwas wissen könnten.«
Garrett schnaubte verächtlich. »Als ob ihr das könntet. Man sieht euch auf einer Meile Entfernung an, dass ihr nicht aus Narau stammt.«
»Gerade das ist unser größter Trumpf«, erwiderte Nic gelassen. »Wir sind geschwächt von unserer Reise, wir sind unbewaffnet und wenn wir neugierige Fragen stellen, haben wir eine gute Begründung dafür: Wir sind nicht von hier.« Bestätigend nickte Alexander.
Garretts Blick wurde nachgiebiger, auch wenn er noch immer unwillig wirkte. »Das klingt wirklich nach einem Plan, der vielleicht funktionieren könnte. Trotzdem halte ich ihn für Schwachsinn. Wir sollten abwarten. Wir können es uns nicht leisten, in aller Öffentlichkeit zu zeigen, dass es hier ein Problem gibt. Niemand sollte erfahren, dass Jace verschwunden ist.«
»Wenn wir nichts tun, dann stirbt Jace vielleicht, willst du das?«
»Apolonaria, bitte. Lass es uns ganz ruhig versuchen, erstmal warten. Du weißt, die Unruhen in letzter Zeit … Es braucht nur einen Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Und Jace’ Verschwinden könnte dieser Tropfen sein. Denk doch mal nach. Wir werden verwundbar wirken.« Garrett packte seine Frau bei den Schultern und schüttelte sie leicht.
Genervt schlug sie seine Hände weg und schickte sich an, das Zimmer zu verlassen. »Mach doch, was du willst! Du bist einer der großen mächtigen Caeles, entscheide du über das Leben unserer Tochter! Aber ich sage dir eins: Die beiden bleiben. Und sie werden nach Jace suchen.« Lautstark stiefelte sie die Treppe empor. Im oberen Stock schlug eine Tür so hart ins Schloss, dass die Erschütterung bis ins Erdgeschoss zu fühlen war. Unangenehmes Schweigen breitete sich aus.
»Sie hat … Temperament«, brachte Alexander schließlich heraus.
»Ja, das hat sie wohl«, erwiderte Garrett und schüttelte den Kopf. »Na ja. Sie wird sich wieder beruhigen.«
Er schien davon überzeugt, doch Alexander hatte so seine Zweifel. Wie sollte Apolonaria sich beruhigen, wenn ihre Tochter noch immer verschwunden war?
»Entschuldigt bitte, ich bin noch nicht dazu gekommen, mich vorzustellen. Ich bin Patrick Floyd Garrett. Ich bin einer der Caeles, genauer gesagt der erste. Aber nennt mich doch bitte Patrick.«
»Wir sind Nic und Alexander.« Alexander ergriff die Hand, die Garrett ihm darbot. Ihr müsst einen schrecklichen Eindruck von mir haben.« Betont bedauernd sah Garrett zur Treppe, wo Apolonaria eben noch zu sehen gewesen war. »Aber ich kann euch versichern, ich war nicht untätig, was Jace angeht. Ich war vorhin bei den Versorgern.«
»Versorger?« Nic sah Garrett fragend an.
»Ja, das ist eine Truppe, die die Stadt manchmal verlässt. Vermutlich waren sie es, die euch gefunden haben.«
»Heißt der Anführer James?« Alexander dachte an den wortkargen Mann, der sie zu Jim gebracht hatte.
»Ganz genau. Ich wollte sie fragen, ob sie irgendetwas mitbekommen haben, etwas über vermisste Personen, oder ob es Unruhen außerhalb der Stadt gibt.«
Verständnisvoll nickte Alexander.
»Allerdings habe ich nichts herausgefunden. Aber solche heiklen Angelegenheiten muss man mit Bedacht angehen, vorsichtig. Wenn ich nicht will, dass meine Gegner mich für schwach halten, darf ich mich nicht schwach präsentieren. Meine Frau versteht nichts von den Feinheiten der Politik. Und deswegen gefällt es mir auch ganz und gar nicht, dass sie euch hier angeschleppt hat.« Garrett beugte sich vor und seine Stimme wurde leiser, drohender. »Ihr habt gehört, was Apolonaria gesagt hat. Sie will euch hier. Und ich werde ihr diesen Wunsch gewähren.« Er sagte es, als wäre es eine große Geste seinerseits. »Aber ein falscher Schritt, ein falsches Wort und ihr seid dran. Ich werde euch im Auge behalten.« Garrett lehnte sich mit gefalteten Händen in seinem Sessel zurück und seine ernste Miene wich einem Ausdruck der Zufriedenheit.
In diesem Moment kam Rosa mit einem Tablett in der Hand ins Zimmer. Vorsichtig setzte sie drei breite Gläser vor ihnen ab, in denen träge eine braune Flüssigkeit hin und her schwappte.
»Sehr gut, vielen Dank, Rosa.«
Rosa verneigte sich vor Garrett und warf Alexander einen flüchtigen Blick zu. Er sah nachdenklich auf ihre nackten Beine, als sie den Raum wieder verließ. Nicht einmal Schuhe trug sie.
»Langt zu. Keine falsche Scheu.« Mit einem Lächeln deutete Garrett auf die Gläser und hob sein eigenes hoch. Zögernd griffen auch Nic und Alexander nach ihren Getränken. Ein beißender Geruch schlug Alexander daraus entgegen, der ihm die Tränen in die Augen trieb.
»Was genau ist das?«, erkundigte er sich mit erstickter Stimme bei Garrett.
»Ein guter Whiskey. Den stelle ich selbst her.«
Whiskey … was auch immer das wieder sein sollte. Garrett prostete ihnen zu und sie taten es ihm gleich. Alexander beobachtete ihren Gastgeber dabei, wie er die braune Flüssigkeit in einem Zug herunterstürzte und machte es genauso. Es war, als hätte er flüssiges Feuer getrunken und für einen Moment fragte er sich, ob Garrett versuchte, sie zu vergiften. Er begann zu husten und eine seltsame Wärme breitete sich in seinem Magen aus. Keuchend hielt er sich den Hals.
»Ja, der ist ziemlich stark, nicht wahr?« Herablassend grinste Garrett.
Das musste sich also so anfühlen? Auf die Erfahrung hätte Alexander auch gut verzichten können.
»Also … was braucht ihr? Womit werdet ihr anfangen?«
Alexander fühlte sich überrumpelt. Natürlich mussten sie, so schnell es ging, mit ihrer Suche anfangen, aber womit genau
… darüber hatte er sich bisher keine Gedanken gemacht. Und Nics Gesichtsausdruck nach zu urteilen, sie auch nicht.
»So genau kann man das natürlich noch nicht sagen«, begann Alexander zögernd. »Für den Anfang wäre eine Liste hilfreich mit allen Personen, die verschwunden sind, wenn möglich mit dem Ort, an dem sie zuletzt gesehen wurden.«
»Und wo wir ihre Familie finden können oder zumindest denjenigen, dem aufgefallen ist, dass sie verschwunden sind«, warf Nic ein.
»Das lässt sich machen.« Garrett rutschte an die Kante seines Sessels und drehte das Glas in den Händen. »Ihr habt das schon mal gemacht, richtig? Ich meine, Apolonaria hat gesagt, in eurer Stadt hättet ihr einen Mordfall aufgeklärt …«
»Ja, das haben wir auch, eigentlich sogar mehrere«, begann Alexander, unsicher, ob das die richtige Antwort war. Natürlich hatten sie den Fall aufgeklärt, aber das hatte viel mit Zufall und Nics Stellung in der Stadthierarchie zu tun gehabt. Ob die Ermittlungen in Narau ebenfalls erfolgreich wären …
»Sehr gut. Ich verlasse mich auf euch.« Garrett lächelte sie an und zog dabei die Jacke seines Anzugs ein winziges Stück zurück. Alexander sah das silberne Metall einer Waffe darunter aufblitzen. Er blickte Garrett in die Augen und zwang sich ebenfalls zu einer freundlichen Miene. »Ihr plaudert nichts aus, verstanden? Nichts, was ihr über mich oder meine Familie erfahrt, findet seinen Weg in die Ohren anderer Menschen, ist das klar?«
Automatisch nickte Alexander. Bereits jetzt vermisste er Biota mehr, als er erwartet hatte. Er vermisste die Übersichtlichkeit, die Ordnung, die Vertrautheit. Er wollte es sich selbst nicht eingestehen, doch am meisten vermisste er seine Eltern. Was dachten sie von ihm? Sie mussten gehört haben, dass er gegen die Gesetze verstoßen hatte. Niemals würden die Oberen der Stadt zugeben, dass es ihnen dreien gelungen war, zu fliehen. Die anderen Bewohner sollten nicht wissen, dass man die Stadt verlassen konnte. Seine Eltern würden die Wahrheit also nie erfahren.

Jace
Wo war er?
Hastig setzte Jace sich auf, und der Steinboden unter ihren Fingern schürfte ihre Haut auf.
Wo?
Panisch sah sie sich um. Sie erinnerte sich nicht mehr, sie war doch … Sie kniff die Augen zusammen. Er war hier gewesen, er hatte sie mitgenommen, mit in den anderen Raum. Er nannte ihn »Die Räucherkammer«. Sie zitterte. Was war dann … Verschwommene Bilder irrten durch ihre Erinnerung. Sie hatte auf diesem Tisch gelegen und er hatte neben ihr gestanden. Ihre Füße! Sie beugte sich so schnell vor, dass ihr schwindelig wurde. Dann stöhnte sie auf. Die Sohlen ihrer Füße waren rot und roh, voller Blasen und mit schwarzen Stellen übersät. Er hatte ihr die Füße versengt, immer wieder.
Jace schrie, sie schrie so laut, dass es sich anfühlte, als würde ihre Kehle zerreißen. Als sie aufhörte, war da nur die Stille, diese allumfassende Stille, die immer dann herrschte, wenn er nicht da war. Eine Stille, in der sie ihr Blut durch ihren Körper rauschen hörte.
Bis er wiederkam.

Kapitel 2
Am nächsten Morgen erwachte Alexander völlig gerädert, die ganze Nacht hatte er sich voller Sorge von einer Seite auf die andere gewälzt. Er hatte überlegt, was passieren konnte, wenn sie versagten, und wie er genau das verhindern konnte. Ihm war nichts eingefallen, das sie weiterbringen würde. Er kannte die Stadt einfach viel zu wenig. Wie sollte er Pläne schmieden, wenn er nicht einmal wusste, welche Menschen hier wohnten? Welche Berufe übten sie aus? Welche Gegenstände konnte man kaufen? Wer hatte etwas gegen die Vermissten gehabt? Was befand sich außerhalb der Wände dieses Vulkans? Erschöpft fuhr er sich mit den Händen über das Gesicht. Und dann gab es auch noch Oliver. Wie mochte es ihm gehen?
Er betrat das Badezimmer und wusch sich in dem üppigen Becken, doch im Gegensatz zum Vortag hatte es seine Faszination verloren. Es war nur eine Pfütze voller Wasser, die ihn davon ablenken sollte, was ihnen blühte, wenn sie versagten.
Heute würden sie die Stadt erkunden, so war es mit Garrett abgesprochen, der ihnen sogar zugesichert hatte, dass Rosa sie begleiten würde. Er selbst hatte, wie er sagte, »wichtige Geschäfte, die sich nicht aufschieben ließen«. Was auch immer das heißen mochte. Als Alexander den Schrank öffnete, lagen darin wieder seine eigenen Kleidungsstücke. Frisch gewaschen und sorgfältig gefaltet waren sie auf das unterste Regalbrett gestapelt worden. Alexander zögerte. Dann griff er nach der Kleidung, die nun ebenfalls im Schrank lag, aber nicht ihm gehörte. Konnte es schaden, sich ein wenig anzupassen? Sie würden genug auffallen, da konnte er sich zumindest in der Kleiderfrage nach den Einwohnern der Stadt richten.
Er rückte die braune Lederweste zurecht, die er über ein blaues Hemd gezogen hatte, und verließ das Zimmer. Am Tisch im Wohnzimmer wartete Nic bereits auf ihn. Auch sie hatte sich für die Kleidung aus Narau entschieden und trug eine braune Korsage, in der sie sich sichtlich wohlfühlte. Kein Wunder, eine ähnliche hatte sie in Biota auch getragen. Die dunkelgrünen Träger des Oberteils passten hervorragend zu ihren grünen Augen, und als Alexander sie näher in Augenschein nahm, stellte er fest, dass sie mit dünnen glänzenden Steinen besetzt waren. Dazu trug sie einen weit ausgestellten Rock und Stiefel mit Absatz. Mit einem Lächeln auf dem Gesicht erhob Nic sich, als er das Zimmer betrat.
»Gute Neuigkeiten, Oliver geht es besser, der Arzt hat extra einen Sklaven hierher geschickt, um uns das mitzuteilen, ist das nicht nett?«
»Ja, sehr nett«, murmelte Alexander und setzte sich. »Wann können wir ihn besuchen?« Auch wenn der Sklave gesagt haben mochte, dass es Oliver besser ging, wollte er sich mit eigenen Augen davon überzeugen.
»Das hat er nicht gesagt. Vielleicht fragen wir nachher einfach Garrett oder Apolonaria, was hältst du davon?«
»Wenn du meinst.« Mit diesem Beschluss nicht gänzlich zufrieden, löffelte Alexander sich seinen Teller voll. Viel lieber wäre er sofort losgegangen und hätte nach Oliver gesehen.
»Beeil dich mit dem Essen, Rosa hat in einer halben Stunde für uns Zeit, aber nur, bis sie das Mittagessen vorbereiten muss. Bis dahin sollten wir besser mit der Besichtigung durch sein.« Nic legte ihr Besteck sorgfältig auf den Teller. »Wir sollten uns auch gleich notieren, wo was liegt, dann finden wir es später wieder. Ach ja, und wir müssen unbedingt Notizen machen, was wir uns genauer ansehen wollen. Vielleicht müssen wir dafür noch einmal auf Garretts Hilfe zurückgreifen.
»Hm, hm, richtig«, murmelte Alexander angesichts ihres Wortschwalls nur noch. Sie schien richtig gut gelaunt zu sein, gänzlich in ihrem Element, ein wenig seltsam angesichts ihrer unangenehmen Lage. Erst dann fiel ihm auf, was sie gesagt hatte. »Wieso denn an ihn? Findest du das nicht merkwürdig?«
Nic seufzte. »Doch. Aber willst du ihm sagen, dass du lieber mit seiner Frau darüber sprechen würdest? Ich werde ihm das ganz sicher nicht mitteilen.« Sie zog eine Grimasse.
»Ich auch nicht.« Es war vermutlich besser, Garrett einfach zu gehorchen.
»Ich bin wirklich gespannt.« Zwar saß Nic noch am Tisch, doch sie sah aus, als wollte sie am liebsten losrennen. »Ich hoffe, wir schauen uns auch diese Felder an, die wir auf dem Weg hierhin gesehen haben.«
»Was ist mit dir los? Gefällt dir die Stadt auf einmal?«, fragte Alexander leicht genervt.
»Was ist denn mit dir los? Wir haben doch nicht unser Todesurteil unterschrieben. Es kann sich alles zum Guten wenden, wir haben genug Zeit …«
»Nur zwei Wochen«, warf Alexander kritisch ein, doch Nic wischte seinen Einwand mit einer lässigen Handbewegung beiseite. »Das ist genug, wir schaffen das. Außerdem, was ist schon aufregender, als eine völlig neue Stadt zu sehen? Etwas anderes als Biota? Wer weiß, was es hier für Tiere gibt, und die Pflanzen erst …«
Das war es also! In Nic war der Forscherdrang erwacht, sie wollte alles untersuchen, alles sehen, alles entdecken. Nur anscheinend vergaß sie darüber, dass sie kein Labor mehr besaß, in dem neue Entdeckungen irgendeine Bedeutung hatten. Doch Alexander wollte nicht der Spaßverderber sein. Er beschloss, sich von ihrer guten Laune und Zuversicht anstecken zu lassen. Sie hatte ja recht – was nützte es schon, bereits jetzt aufzugeben?
Rosa erschien pünktlich eine halbe Stunde später, die Alexander dazu genutzt hatte, so viel Rührei und Brot in sich hineinzustopfen, wie er schaffte. Es war unglaublich, wie gut hier alles schmeckte, so frisch und so viel intensiver als zu Hause.
Mit neu erwachter guter Laune begrüßte er Rosa überschwänglich und sie wandte sich ihm mit einem kleinen Lächeln zu und betrachtete ihn von oben bis unten.
»Die neue Kleidung steht dir gut«, bemerkte sie, und Alexander wurde rot. Er freute sich über ihr Kompliment, nur konnte er es unmöglich zurückgeben, denn sie trug nur ein schlammfarbenes Tuch, das sie sich wie eine Toga um den Körper geschlungen hatte. Ihre bloßen Füße waren verdreckt, ihre Beine mit schwarzem und rötlichem Staub überzogen. Doch trotz ihrer Aufmachung reckte sie ihm stolz ihr Kinn entgegen. Ein Räuspern riss ihn aus seinen Gedanken und er zuckte zusammen, als hätte er sich verbrannt.
Nic starrte ihn aus zusammengekniffenen Augen an. »Wir sollten losgehen, wir haben wenig Zeit.« Sie warf ihm einen letzten Blick zu, wandte sich um und marschierte aus dem Haus.
Rosa und Alexander folgten ihr auf die Straßen von Narau. Im Gegensatz zum vorherigen Tag war der Nebel nicht so dicht und Alexander konnte tatsächlich den Himmel über dem Vulkan erkennen, an dem feine weiße Wolken entlangzogen. Er hatte auch einen besseren Blick auf das Metallgerüst, von dem er von Zeit zu Zeit ein Klirren und Zischen hörte, und das sich quer über die Stadt erstreckte. Es war gut dreißig Meter breit, und dicht an dicht standen dort Gebäude, deren lange Schlote in den Himmel stachen. Schwarzer und weißer Rauch quoll aus ihnen hervor, und für einen Moment hatte Alexander den Eindruck, dass die Fabriken mit dem weißen Rauch für die Wolken am Himmel verantwortlich waren. Doch das war natürlich Unsinn. Obwohl es früher Morgen war, herrschte bereits emsiges Treiben auf der Straße. Hier, im innersten Ring, tummelten sich Männer und Frauen, die, ebenso wie Rosa, nur einfache Kleidung und einen Eisenring um den Hals trugen und Nahrungsmittel, Holz, Steine, und Kohle in kleinen Karren vor sich herschoben. Vermutlich waren das die Sklaven, von denen Apolonaria gesprochen hatte. Das hieß, alles was sie hier taten, taten sie nicht freiwillig, sondern weil jemand, ihr »Herr«, es ihnen befohlen hatte. Mit einer seltsamen Faszination beobachtete Alexander verstohlen die Menschen mit den glatten schwarzen Haaren.




