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Wie mochte es sich für sie anfühlen? Sollte er Rosa womöglich danach fragen?
Bevor sie den innersten Häuserring verließen, drehte Rosa sich noch einmal um und machte eine weit ausholende Bewegung.
»Das hier ist das Zentrum von Narau. Offiziell heißt dieser Teil der Stadt ›Mavoria‹, aber die meisten nennen ihn nur ›Center‹.« Sie deutete auf ein Holzschild neben dem Eingang zum Center. In ihren Worten klang etwas mit, ganz sanft und kaum hörbar, doch Alexander hatte den Eindruck, dass dies nicht ihre Muttersprache war. »Mavoria« stand dort in schwarzen Lettern über dem Bild von etwas, von dem Alexander inzwischen wusste, dass es eine Kugel für eine Waffe war. »Die Menschen, die hier leben, sind die momentanen Herrscher von Narau, sie haben das alleinige Recht, die Regeln festzulegen. Ihnen unterstehen sämtliche Geschäfte und sie sind für die Versorgung der Stadt verantwortlich. Es gibt für die anderen Einwohner natürlich jederzeit die Möglichkeit, einen der Caeles herauszufordern. Sollte er ihn schlagen, nimmt er oder sie dessen oder deren Platz ein.« Sie leierte die Informationen herunter, als hätte sie sie auswendig gelernt.
»Schlagen?«, warf Alexander ein. »Du meinst …«
»Ihn töten«, erwiderte Rosa ruhig.
»Oh …« Alexander wusste nicht, was er darauf erwidern sollte. Die Einwohner der Stadt hatten also die Erlaubnis, sich gegenseitig umzubringen?
»Die Herausforderungen finden in der Arena statt und haben ganz spezielle Regeln.« Rosa deutete auf einen weit entfernten Punkt der Stadt. »Man darf also nicht einfach einen der Caeles auf offener Straße hinterrücks erschießen«, erklärte Rosa weiter, die seinen Gesichtsausdruck richtig gedeutet hatte. »Es geht darum, dass die Stärksten der Gemeinschaft die Stadt leiten. Nur so können wir überleben.« Ihre Erklärung klang für Alexander, als plapperte sie lediglich die Leitsätze ihres Herren nach, doch er traute sich nicht, sie nach ihrer wirklichen Meinung zu fragen, und hielt lieber den Mund. Er hatte später noch genug Zeit, mit ihr zu sprechen. Heute zählte erstmal nur, einen Eindruck von der Stadt zu bekommen.
»Natürlich können nur die richtigen Bürger ein Caeles werden, Sklaven ist es nicht erlaubt, sie herauszufordern«, sagte sie bitter.
»Darf ich dich etwas fragen?« Alexander ging dicht neben ihr her, während Nic ein paar Schritte zurückblieb und sich Notizen machte.
»Natürlich.« Rosa nickte und sah ihn mit einem gekonnten Augenaufschlag von der Seite an. »Alles, was du willst.«
»Alle hier erwähnen immer wieder Sklaven.« Und sie selbst hatten schließlich auch als solche verkauft werden sollen. »Und ich bin nicht sicher, was das bedeutet.«
»Bei euch gab es keine Sklaven?« Rosas Augen weiteten sich, und für einen Moment fiel das kokette Verhalten von ihr ab.
»Warum nicht?«
»Keine Ahnung. Bis ich hierher kam, habe ich gar nicht gewusst, dass so etwas existiert.« Alexander zuckte mit den Achseln. »Warum bist du eine Sklavin?«
Sekundenlang gingen sie schweigend nebeneinander her, bis Alexander schließlich das Gefühl hatte, etwas Falsches gesagt zu haben.
»Ich war fünf.« Rosas Stimme war leise und ruhig. »Männer kamen in das Dorf, in dem ich mit meinen Eltern und Geschwistern wohnte. Es liegt irgendwo dort draußen.« Sie deutete auf die Wände des Vulkankraters. »Sie hatten Waffen. Waffen, die wir noch nie vorher gesehen hatten. Sie wollten alles, unsere ganzen Vorräte, unser Vieh, einfach alles. Das ließen die Männer im Dorf nicht zu. Sie weigerten sich. Ein Mann trat vor und hat sie einen nach dem anderen erschossen, obwohl sie ihm inzwischen alles anboten und vor ihm auf dem Boden knieten. Am Ende war meine ganze Familie tot und auch die meisten anderen aus dem Dorf.«
Alexander konnte nicht anders, als sie anzustarren. Was sie alles durchlebt hatte … Er konnte es sich kaum vorstellen.
»Die Männer nahmen mich mit. Sie meinten, ich könnte entweder mit meiner Familie sterben oder mit ihnen kommen. Ich war fünf, natürlich wollte ich nicht sterben. Also ging ich mit. Und hier bin ich«, schloss sie bitter und eine unechte Fröhlichkeit machte sich auf ihrem Gesicht breit. »Und hier werde ich auch bleiben.«
Alexander hatte kaum Zeit, ihre Geschichte zu verarbeiten. Schon durchschritten sie das Tor, das in den zweiten Ring der Stadt führte und Rosa fuhr mit ihrer Erklärung fort.
»Das ist ›Dodge City‹. Hier befinden sich sämtliche Geschäfte, außer den gefährlichen.« Rosa deutete auf die Überführung über ihren Köpfen. Alexander blickte erneut empor. Die Rauchschwaden noch immer dicht, doch nun erkannte er auch Menschen dort oben. »Vielleicht gehen wir später noch hoch, früh am Morgen dort aufzutauchen, ist üblicherweise eine schlechte Idee.« Sie wandte sich von ihnen ab und das Tuch um ihren Körper schwang umher.
»Was gibt es denn hier für Geschäfte?« Interessiert versuchte Alexander, irgendwelche Schilder zu entziffern. »Können wir vielleicht einmal rundherum gehen?«
Rosa zuckte mit den Schultern. »Klar, gerne. Die meisten sollten auch schon geöffnet haben, vielleicht können wir auch gleich einen Blick hineinwerfen, falls ihr euch dafür interessiert.«
Alexander war neugierig, was in Narau verkauft und hergestellt wurde, und nickte begeistert.
Gemeinsam wandten sie sich nach rechts und gingen die unebene Straße entlang, die ebenso wie die Gebäude rechts und links aus porösem schwarzen Stein bestand.
»Was ist das eigentlich?«, fragte nun Nic und deutete auf das Gestein unter ihren Füßen. »Ihr baut ja anscheinend alles damit.«
»Ja, hier gibt es ja auch kaum etwas anderes. Das ist Basalt. Er stammt aus dem Vulkan. Wir können ja die Stadt nicht ständig verlassen, um Zeug zum Bauen zu suchen, auch wenn es dann hier schöner aussehen würde.«
Schöner vielleicht nicht, dachte Alexander, aber weniger düster. Das dunkle Grau und Schwarz des Gesteins verlieh der gesamten Stadt eine unwirkliche Atmosphäre, so als würde es nie wirklich hell.
Auf ihrem Rundgang passierten sie einige Läden, die Waffen, Möbel, Gläser, Nahrung und Medizin verkauften. Dann erreichten sie ein Gebäude, vor dem eine knöchelhohe Konstruktion aus silbernem Metall stand. Als Alexander sich ihr näherte, um es genauer zu betrachten, stieß es Laute aus, die stark an ein Bellen erinnerten. Jetzt erst erkannte Alexander die Ohren, die Schnauze und die vier kurzen Beine. Das hier war ein Hund, allerdings ein Hund aus Metall.
»Wahnsinn!« Er kniete sich nieder. Mit einer Hand stützte er sich am Boden ab, mit der anderen wollte er dem Hund über den Kopf streichen, doch der stieß ein tiefes Knurren aus. Rosa und Nic lachten, als er seine Hand ruckartig zurückzog.
»Davon lässt du dich einschüchtern?«, fragte Rosa noch immer lachend.
Unsicher blickte Alexander zwischen ihr und dem Metallhund hin und her. »Ähm …«
»Du Angsthase! Das ist nur Zerberus, Pawlow hat ihn zur Demonstration hier draußen aufgestellt. Der tut nichts, darauf wurde er nicht programmiert.«
»Ich bevorzuge ›konditioniert‹«, ertönte eine tiefe brummige Stimme vom Eingang des Gebäudes. »Das beschreibt sehr viel exakter, was ich hier mache.« Die Worte des Mannes klangen seltsam abgehackt, als versuchte er, jedes einzeln korrekt auszusprechen, doch es mangelte ihm am Gefühl für die Sprache.
»Guten Morgen, Pawlow!«, begrüßte Rosa ihn höflich und trat einen Schritt zurück. Sie senkte den Blick. »Das sind Nic und Alexander, sie kommen aus einer anderen Stadt und werden zwei Wochen bei uns bleiben.«
Pawlow grunzte abwertend. »Hab schon von euch gehört. Was wollt ihr hier? Was erhofft ihr euch, hier zu finden?«
»Gar nichts. Wir mussten nur weg aus unserer Stadt«, gab Alexander unumwunden zu.
»Habt wohl was ausgefressen, was?« Der Mann hinter dem dichten buschigen Bart starrte sie mit durchdringenden blauen Augen an.
»Nein, wir …«, versuchte Nic sich zu verteidigen, doch Pawlow unterbrach sie gleich wieder.
»Es ist mir völlig egal, was ihr getan habt. Ihr seid hier, Garrett hat euch seine Erlaubnis gegeben, das muss reichen. Genießt euren Aufenthalt.« Er wandte sich von der kleinen Gruppe ab und wollte zurück ins Dunkel seines Ladens gehen. »Tut mir leid … Herr Pawlow?« Alexander hatte noch zu viele Fragen, um den Mann jetzt schon wieder gehen zu lassen.
Der große Mann wandte sich auf der Türschwelle noch einmal um. »Ja?«
»Das haben Sie gemacht?«
»Ja, das ist meiner.« Pawlow musterte ihn misstrauisch.
»Ich dachte eigentlich, die Golems in unserer Stadt wären schon gut gemacht, aber Zerberus wirkt so echt.«
»Ja, er ist gut. Aber ich kann noch mehr. Andere Tiere. Aber ganz besonders stolz bin ich auf die Gears.«
»Stolz.« Rosa schnaubte. »Du verdienst am meisten mit ihnen, das ist alles.«
Pawlow ging nicht auf ihre Worte ein.
»Gears?« Nic trat näher. »Was sind Gears?«
»Das, junge Dame, sind Gears.« Pawlow deutete über die Schulter in seinen Laden auf ein Wesen aus Metall, das fast die gleiche Größe und Statur hatte wie ein Mensch.
»Die sehen beinahe aus wie unsere Golems.« Alexander wandte sich an Nic. »Oder?«
»Stimmt, sehr ähnlich. Wozu dienen sie?«
»Die meisten kaufen sie für schwere Arbeiten. Manche auch zum Schutz.«
»Also sind sie unseren Golems wirklich sehr ähnlich. Aber sie wirken feiner, besser abgestimmt. Und auch die Gesichter …« Alexander wusste, was sie meinte. Das »Gesicht« des Gears war detailliert ausgearbeitet und die menschlichen Züge wirkten geradezu erschreckend real. Wäre die metallische Farbe nicht gewesen, hätte man es beinahe für ein menschliches Gesicht halten können.
»Darf ich Sie noch etwas fragen?« Nic war auf den Gear zugetreten und hatte die Hand erhoben, doch sie berührte die Maschine nicht. »Sie sagten ›konditionieren‹, was meinten Sie damit?«
»Das zu erklären, würde vermutlich etwas länger dauern.«
»Es würde mich wirklich interessieren.« Nic sah sich zu Alexander um. »Dich nicht auch?«
Alexander zuckte mit den Schultern. »Na ja …«
»Ich habe eine Idee.« Mit Schwung klappte Nic ihr Notizbuch zu. »Ich bleibe hier. Dann können wir uns noch unterhalten. In Ordnung?« Sie deutete auf Pawlow. »Und ich kann hier den Ring abgehen und alle Geschäfte eintragen, wie wäre das?«
Sie wollte allein hierbleiben? Hier bei Pawlow? Unsicher sah Alexander Rosa an. Diese nickte zufrieden. »Eine gute Idee. Dann gehen Alexander und ich durch die beiden letzten Ringe zur Arena und kommen danach wieder zurück. Er kann dir dann ja alles erzählen.« Als Nic sich wieder zu Pawlow umdrehte, zwinkerte Rosa Alexander zu. Mit einem unguten Gefühl stimmte er zu, Nic allein zu lassen.
»Den Weg müssten wir in einer halben Stunde schaffen. Vielleicht sogar in fünfundzwanzig Minuten, wenn wir uns beeilen. Das schaffen wir noch.« Rosa ließ eine filigrane Uhr an einer Kette zurück in den Ausschnitt ihres Kleides rutschen.
Nur fünfundzwanzig Minuten klangen gut. Alexander hatte das Gefühl, dass sie sich lieber beeilen sollten, denn der Gedanke daran, Nic in Narau allein zu lassen, beunruhigte ihn mehr und mehr.
»Dann lass uns losgehen«, drängte er deshalb und lief bereits zum Ausgang des Viertels.
»Du wartest hier auf uns?«, erkundigte sich Rosa fröhlich bei Nic.
»Natürlich. Ich will mir nur die Gears und die Geschäfte näher ansehen. Geht ruhig.« Sie wedelte mit der Hand, als würde sie eine Fliege verscheuchen wollen. Rosa zuckte die Achseln und lief Alexander hinterher.
»Willkommen in Fort Sumner!« Lächelnd breitete Rosa die Arme aus und deutete die neue Straße entlang.
Alexander ließ seinen Blick erst in die eine, dann in die andere Richtung schweifen. Die Gebäude hier waren höher als in Dodge City, zwar nicht höher als im Zentrum der Stadt, doch immer noch beeindruckend. Er sah an der Fassade eines Hauses empor. Sie war mit dem seltsamen schwarzen Glas verkleidet, dass es überall in der Stadt gab.
»Obsidian«, kommentierte Rosa. »Oder Rabenstein. Das kommt von dem Vulkan«, fügte sie hinzu, als er sich wieder zu ihr umdrehte.
»Das ist wirklich schön«, erwiderte er und trat einen Schritt zurück, um das Haus als Ganzes betrachten zu können. Die Nachbarhäuser waren nicht mit Obsidian verkleidet, stattdessen bestanden ihre Fronten aus dem groben schwarzen Stein, der auch als Baumaterial für die Straße verwendet worden war.
In diesem Moment fielen einige Sonnenstrahlen durch das nebelige Grau, das sie umgab, und brachten den Obsidian zum Leuchten. »Wunderschön«, staunte er und legte eine Hand auf die Hauswand, die plötzlich in einem dunklen Goldton erstrahlte.
»Ja, nicht wahr?« Gelangweilt betrachtete Rosa die Fassade.
»Diesen besonderen Schliff benutzten bereits die Azteken, um Figuren ihrer Götter herzustellen. Übrigens meine Vorfahren.« Plötzlich lächelte sie wieder strahlend und kleine Grübchen erschienen auf ihren Wangen. Alexander lächelte automatisch zurück, obwohl ihm der Kopf schwirrte. Azteken? Götter? Was …
»Das hier ist der Ort, an dem die Familien wohnen, also natürlich nur die freien Bürger«, fügte Rosa hastig hinzu, als eine Frau an ihr vorbeiging und sie herablassend ansah.
»Rosa, was hast du hier zu suchen? Das hier ist Sumner, nicht das verdammte Dodge City!«
»Ich weiß, Mary, aber dieses Mal hat der Herr mich hergeschickt, ich habe einen Auftrag.«
Abschätzig blickte die Frau die Sklavin an.
»Frag ihn doch, wenn du mir nicht glaubst.« Der aggressive Unterton in ihrer Stimme entging Alexander nicht. Die Angesprochene sagte kein weiteres Wort, bedachte Rosa und anschließend auch ihn jedoch mit einem Blick, der zu sagen schien: Ich behalte euch im Auge.
Als sie wieder unter sich waren, ließ Rosas Anspannung sichtbar nach und der fröhliche Ausdruck kehrte zurück auf ihr Gesicht. War sie wirklich so zufrieden, wie sie immer tat? Alexander fiel es schwer, das zu glauben.
»Ich denke, ich muss dich hier nicht herumführen. Die Häuser sehen von außen fast alle gleich aus und um diese Uhrzeit sind die meisten sowieso bei der Arbeit. Ein Rundgang würde dir nicht viel nützen.« Sie wandte sich ab und strebte bereits auf den letzten Durchgang zu.
»Und wie sollen wir hier später einzelne Personen wiederfinden? Das Viertel ist riesig!« Alexander konnte sich nicht vorstellen, wie er hier effektiv nach einem Vermissten suchen sollte.
Rosa blieb stehen und drehte sich um, seufzte tief und antwortete: »Da sind Nummern an den Häusern, der Herr hat ein Buch mit allen Einwohnern und der Zahl des Hauses, in dem sie wohnen. Ganz einfach.« Sie drehte sich wieder um und verließ Fort Sumner.
Ganz einfach also, natürlich, wenn man alles bereits wusste … Er folgte der Sklavin durch eine Gasse, die zum nächsten und letzten Viertel führte. Ein Gitter spannte sich quer durch die Gasse und versperrte ihnen den Weg.
»Was ist denn das?« Gestern hatte er dieses Gitter nicht gesehen. Aber vielleicht war er auch nur abgelenkt gewesen.
»Ein Schutz. Vor den Menschen aus Deadwood. Vor uns Sklaven.« Rosa fletschte die Zähne und krümmte ihre Finger zu Klauen. »Sie haben nämlich Angst vor uns.« Alexander lachte und Rosa zwinkerte ihm zu. Dann drückte sie auf einen Knopf, der auf einer Schaltfläche am Haus rechts von ihnen angebracht war. Ratternd glitt das Gitter zur Seite.
»Bitte, nach dir.«
Zögernd betrat Alexander den Abschnitt von Narau, der im Gegensatz zu den anderen Vierteln zuvor längst sämtliche Pracht, die hier möglicherweise einmal geherrscht haben mochte, verloren hatte. Die Steine der Straße waren zerbrochen, die Häuser wirkten vernachlässigt. Über dem Zugang aus schwarzem Stein hing ein Holzschild mit der Aufschrift
»Deadwood« und darunter ein kleineres, schief hängendes mit krakeligen Buchstaben: »Der Vorort zur Hölle«.
Beim Anblick der Worte lief es Alexander trotz der Hitze und obwohl er die Worte nicht verstand, kalt den Rücken herunter. Wer mochte dieses Schild geschrieben haben?
Rosa zog ihn ungeduldig weiter und schlug mit einem lässigen Schlenker ihres Arms gegen das kleinere der Schilder, sodass es auf den Boden fiel. Eine Wolke aus Staub stob auf.
»Beachte diesen Quatsch einfach nicht, das war garantiert wieder Degan, der macht so etwas gerne. Seine Art der Rebellion gegen unsere Herren.« Noch immer lächelnd hob sie wie zur Entschuldigung die Achseln, doch ihre Mundwinkel zuckten. Das Lächeln war auf keinen Fall echt.
Vorsichtig schob Alexander sich an ihr vorbei und sah sich um. Der allgemeine Eindruck war der einer verwahrlosten Straße, die gnädigerweise zu einem großen Teil im Nebel versank. Wie auch am Vortag spielten schmutzige Kinder auf der Straße. Sie traten gegen einen kleinen Ball und johlten gerade in dem Moment, in dem sie an ihnen vorbeigingen, laut auf.
»Rosa, Rosa!« Ein kleines Mädchen mit einer verdreckten rosa Schleife in ihrem langen Haar rannte auf die Sklavin zu und umklammerte ihre Beine. »Hast du heute frei? Dann kannst du ja doch mit mir spielen!« Freudig strahlte das Mädchen, doch Rosa strich ihr nur sachte über den Kopf und schob sie dann sanft von sich.
»Leider nicht, ich soll den Freund von Herrn Garrett hier herumführen.« Sie deutete auf ihn, stellte ihn jedoch nicht vor.
»Von dem und der anderen habe ich gehört!«, rief das Mädchen aufgeregt und hüpfte auf der Stelle. »Die kommen aus einer Stadt, ganz weit weg von hier, und eigentlich sollten sie Sklaven werden und …«
»Schon gut, schon gut«, unterbrach Rosa sie lachend.
»Das muss ich sofort Mutter erzählen.« Sie wandte sich um und rannte auf eines der Häuser zu, dem die Tür fehlte. »Mutter, ich habe die seltsamen Fremden gesehen, sie sind hier!«
Mit roten Wangen wandte Rosa sich ihm wieder zu. »Sie ist ein wirklich liebes Mädchen«, erklärte sie. »Wie du siehst, gibt es hier kaum etwas, das ich dir zeigen könnte. Das ist das Sklavenviertel. Jeder, der hier wohnt, gehört einem Herren.« Rosa wandte sich ab und wollte weitergehen.
»Ist jeder Herr gleich? Gibt es Regeln für die Behandlung der Sklaven?« Die Fragen sprudelten nur so aus Alexander heraus.
»Ähm … nein, natürlich nicht«, erwiderte Rosa sichtlich irritiert. »Wie wir behandelt werden, ist von Herr zu Herr unterschiedlich. Manche sind gut, andere schlecht.« Sie zuckte die Achseln. »So ist das nun mal.«
»Was für ein Herr ist Garrett?« Alexander hielt den Atem an. War der Mann, für den sie arbeiten mussten, ein guter Mensch?
»Ein guter natürlich«, versicherte Rosa sofort. Sie sah aus, als meinte sie es auch so, doch Alexander wusste nicht, ob er ihren Worten trauen konnte.
Er zwang sich zu einem Nicken und Rosa wandte sich von ihm ab. »Wir können gleich weitergehen. Dieses Viertel ist nicht von Interesse für euch.« Sie konnte die Bitterkeit hinter ihren Worten nicht verbergen. »Wenn wir dieser Straße folgen«, sie deutete die lange Straße hinunter, die vom Stadtzentrum an dessen Rand führte, »dann kommen wir zur Arena. Von da aus geht es dann weiter zu den Farmen.«
Mit schnellen Schritten überquerte Rosa die Straße und wandte sich nach rechts.
Fragend blickte Alexander sie an, während sie weiter die Straße entlang gingen.
»Nun, dies ist der Weg zur Arena. Ich kann gar nicht zählen, wie viele dort bereits gestorben sind.«
»Da gehen die Menschen hin, um zu …«
»Kämpfen, ja«, ergänzte Rosa. Dabei hatte Alexander eigentlich »sterben« sagen wollen.
»Nur Sklaven?«, fragte er unsicher, und Rosa schüttelte den Kopf.
»Nein, dort kann jede Streitigkeit ausgetragen werden. Manchmal lassen die Herren aber auch einfach nur ihre Sklaven gegeneinander antreten, von Zeit zu Zeit werden auch die Huacas hergebracht, meistens, wenn sie der Stadt mal wieder zu nah gekommen sind.« Rosa schien völlig unbekümmert, während sie von den Gewalttaten berichtete, die sich hier normalerweise abspielten.
»Und das da ist die Arena.« Rosa deutete auf ein Gebäude am Ende der Straße. Es war rund und aus so dunklem Stein, dass es sich mit seiner schwarzen Farbe kaum von den Wänden des Vulkankraters dahinter abhob.
»Also, da kämpfen die Leute in Narau? Aber warum tun sie das?« Alexander konnte sich nicht vorstellen, warum irgendjemand das tun sollte.
»Nehmen wir mal an, du willst etwas, das jemand anderes hat, oder hast eine Rechnung mit ihm offen, dann musst du ihn oder sie zu einem offiziellen Kampf in der Arena herausfordern.«
»Aber …« War das ihr Ernst? Schockiert sah Alexander sie an. Auf ihrem Gesicht zeigte sich kein Hinweis darauf, dass das Gesagte ein Scherz gewesen war. »Und in der Arena, da …«
»Geht es darum, wer den Platz am Ende noch verlassen kann«, unterbrach Rosa ihn mit einer energischen Handbewegung.
»Es geht darum, den anderen zu töten?«
»Worum denn sonst?« Fragend sah Rosa ihn an.
Alexander schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung.« Er überlegte. »Also ist das hier die Art und Weise, wie man mit jemandem abrechnen würde? Man fordert ihn heraus?«
»Ganz genau.«
»Und wie macht man das?«
Rosa seufzte. »Na ja, entweder man schickt demjenigen eine Einladung. Dann kann es aber sein, dass er sie einfach ignoriert. Oder man verkündet den Wunsch nach einem Duell öffentlich vor Zeugen. Dann kann sich keiner herauswinden.«
»Wurde Garrett schon mal herausgefordert?« Alexander versuchte, sich vorzustellen, wie ein solches Duell wohl ablief. Doch unmöglich.
»Oh ja, unzählige Male.« Rosa nickte bestätigend. »Ist ja auch nur verständlich, wer würde seine Position nicht wollen? Er ist einer der Caeles, ihr Anführer. Mehr Macht wirst du in Narau nicht finden.«
»Und er hat immer gewonnen?«
»Immer«, sagte Rosa ernst. »Nie hat einer der Herausforderer auch nur einen Schuss abgegeben. Ich kann dir eins sagen: Im Töten kann Garrett niemand etwas vormachen. Er ist unerbittlich.«
»Alle, die ihn herausgefordert haben, sind also tot?«
»Alle«, bestätigte Rosa. »Obwohl, nein, nicht alle. Einmal war es ein Kind. Garrett hat das Duell abgelehnt.«
Ein Kind? Kaum vorstellbar, dass ein Kind einen erwachsenen Mann herausforderte, um ihn zu töten. Oder getötet zu werden. »Mit welcher Begründung?«
»Er hat gesagt, dass der Junge nicht klar im Kopf wäre, dass er noch trauerte und das Ganze nicht durchdacht hätte.«
Dunkel und drohend tauchten die Mauern der Arena vor ihnen auf. Breite Holztore versperrten ihnen den Blick ins Innere.
»Und was ist da drin?« Fragend blickte Alexander die unüberwindbaren Wände hinauf.
»Ein Sandplatz und die Zuschauertribüne. Vielleicht hast du ja Glück und kriegst das noch zu sehen.«
Glück? Alexander wagte zu bezweifeln, dass er dann Glück hatte.
»Alexander?«
»Ja?«
Rosa stand plötzlich dicht vor ihm, ein wenig zu dicht für seinen Geschmack. Er sah den Staub auf ihren Wangen und in ihren Wimpern. Aufmerksam sah sie ihm in die Augen und legte den Kopf schief, dann stützte sie die Arme rechts und links neben seinem Körper gegen die Mauer. »Wir sind ganz allein«, murmelte sie mit halb geschlossenen Augen. »Fällt dir da nichts ein, was wir tun könnten?«
Jetzt, wo sie es sagte … Außer ihnen war niemand an der Arena, kein einziger Mensch war auf der Straße der Toten. Er war ganz allein mit Rosa. »Was …« Er räusperte sich. »Was meinst du damit?«
»Muss ich wirklich noch deutlicher werden?« Rosas Brust presste sich an seine und sie sah zu ihm auf. »Gibt es denn nichts, was du mit mir tun möchtest?«
Sanft fuhr sie mit ihrer Hand über seine Brust. Dann glitt sie tiefer, über seinen Bauch und noch tiefer. »Alex«, murmelte sie.
»Stopp!« Er griff nach ihrer Hand. Er konnte das nicht. Er wollte es nicht. Wie kam sie darauf, dass sie ihm das anbieten musste? »Warum machst du das? Hat Garrett dir das befohlen?«
»Was denn, Alex? Willst du mich etwa nicht?«
»Nenn mich bitte nicht so.« Das war Nics Name für ihn. Und es fühlte sich falsch an, dass Rosa ihn benutzte.
»Alex«, flüsterte Rosa wieder und streckte sich, um ihn zu küssen. Ihre Lippen streiften seine, doch er tauchte unter ihren Armen hindurch. »Nicht. Nic und ich …«
»Nic und du?« Rosas Ton war nun lauernd.
»Wir sind …« Er stockte. »Ich weiß nicht, was wir sind, aber das ist egal. Ich werde es noch herausfinden.«




