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»Aber das hier stört doch dabei nicht.« Rosa drehte sich um und lehnte sich gegen die Mauer. »Ich verrate ihr nichts.«
»Rosa, was ist hier los?« Dachte sie wirklich, er wäre so einfältig, zu glauben, dass sie sich unwiderstehlich zu ihm hingezogen fühlte?
»Ich will …« Sie brach ab. Ein bitteres Lachen. »Ach, verdammt. Ich will hier raus. Und du wirst bald wieder wegfahren. Nimm mich mit!« Flehend sah sie ihn an. »Nimm mich mit und du bekommst von mir, was du willst. Hier.« Sie griff nach seiner Hand und legte sie auf ihre Brust. »Bring mich nur hier weg, weg von Garrett.«
Hastig zog Alexander seine Hand zurück. Wie stellte sie sich das vor? Sollte er sie etwa in seinem Gepäck aus Narau herausschmuggeln? Oder vielleicht Garrett bitten, sie ihm als Gastgeschenk mitzugeben?
»Rosa, das wird …«
»Psst.« Mit wachsamen Augen musterte sie den Himmel und wich vor ihm zurück.
»Was denn?« Alexander suchte ebenfalls den Himmel ab. Aber er sah nichts, was Rosas Beunruhigung erklärte.
»Geier.« Rosa leckte sich die Lippen. »Das ist schlecht.«
Nun entdeckte auch Alexander mehrere schwarze Vögel, die ein Stück entfernt am Himmel kreisten.
»Wieso?«
»Komm mit. Wir gehen nachschauen.« Entschlossen hielt Rosa auf die Stelle zu, an der die Vögel ihre Kreise zogen.
Sie hatten schon mehr als die Hälfte der Arena umrundet, als Rosa endlich stehen blieb. Hier wuchsen einige Büsche in die Höhe, und Alexander konnte nichts mehr sehen, außer den dornigen Ranken direkt vor ihm. Aber er konnte etwas riechen. Etwas, das ihm schrecklich vertraut war. Dort. »Rosa.« Er deutete auf die Büsche und die deutlich sichtbare Schneise aus abgeknickten Zweigen. Jemand hatte sich vor Kurzem hier durchgekämpft.
»Wir müssen nachschauen, vielleicht braucht jemand Hilfe.« Rosa kaute auf ihrer Lippe herum, nickte aber.
Alexander biss die Zähne zusammen, als sich die Dornen einer Pflanze mit langen Ranken durch das Hemd in seinen Unterarm bohrten. Er riss den Arm zurück und besah sich den Schaden. Ein Stück vom Stoff fehlte und drei tiefe Kratzer waren zu sehen. Träge liefen mehrere kleine Blutstropfen über seine Haut und fielen zu Boden, wo bereits alte, eingetrocknete Flecken zu sehen waren.
Ein leises Rascheln ertönte auf der linken Seite. Vorsichtig, um sich nicht noch einmal zu stechen, bog Alexander die Zweige zur Seite. »Was …« Er taumelte rückwärts, riss sich Hemd und Hose an den scharfen Dornen auf und fiel schließlich hart auf den Rücken. Zwei riesenhafte Vögel erhoben sich mit kräftigen Flügelschlägen über ihm in die Luft und stießen krächzende Laute aus.
»Rosa!«, schrie er, als er es geschafft hatte, sich aus seiner Schreckensstarre zu lösen. »Rosa!« Er hörte Blätter knirschen und Äste brechen, als Rosa sich zu ihm durchschlug.
»Warum hast du geschrien?«
Alexander holte tief Luft.
»Du zitterst ja«, stellte Rosa fest und er sah hinunter auf seine Hände. Tatsächlich … Hastig drückte er sie an seine Brust.
»Sie ist hier. Gleich hinter diesem Busch.« Er räusperte sich und rappelte sich wieder vom Boden auf.
»Dem hier?«
Alexander nickte. Er sah dabei zu, wie auch Rosa sich ihren Weg durch das dichte Buschwerk bahnte und lauschte ängstlich. Hatte er wirklich das gesehen, was er geglaubt hatte, zu sehen? Vielleicht hatte ihm seine Fantasie ja nur einen Streich gespielt?
»Oh nein!«, hörte er Rosa sagen. »Oh nein, oh nein, oh nein.« Mit bleichem Gesicht tauchte sie wieder hinter dem Busch auf. Es war also tatsächlich das gewesen, was er gedacht hatte. »Meinst du, es ist …«, begann er, doch Rosas Kopfschütteln ließ ihn innehalten.
»Nein, ich glaube nicht. Obwohl … Vielleicht ja doch.« Rosa fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Blutige Striemen zogen sich über ihre Beine und Arme.
Sie blickte an sich herunter. »Das wird dem Herrn gar nicht gefallen«, seufzte sie, doch Alexander ging nicht darauf ein.
Er überwand sich dazu, einen erneuten Blick auf das blutige Bündel zu werfen, das im gelblichen Gras zwischen den Büschen lag. Der Leichnam war nackt, die Beine wiesen ein Zickzackmuster aus Schnitten auf, zum Teil so tief, dass der Knochen sichtbar war. Die Haut, die sich über den Brustkorb spannte, erschien narbig, warf Blasen und war feuerrot. An Fingerspitzen und Händen lagen Muskelstränge und Blutgefäße frei. Überall fehlte die Haut oder war verbrannt, sodass man unmöglich sagen konnte, welche Hautfarbe das Opfer einmal gehabt hatte. Das Gesicht war nur noch eine blutige Masse, in der man grob erahnen konnte, wo einmal die Augen, die Nase und der Mund gewesen waren. Außerdem waren die Haare restlos entfernt worden. Mit geballten Fäusten stand Rosa neben ihm und schüttelte immer wieder den Kopf.
»Also? Ist das Jace? Ist das Garretts Tochter?« Was, wenn sie es war? Was würde Garrett dann mit ihm machen?
»Woher soll ich das denn wissen?« Rosas Stimme bebte. »Das sieht ja nicht einmal mehr aus wie ein Mensch! Wie soll ich da sagen können …« Sie brach ab und drehte sich im Kreis, als suchte sie nach demjenigen, der dem Opfer das angetan hatte. Alexander wusste, dass sie recht hatte, das Opfer war unmöglich so zu identifizieren, aber trotzdem war die Frage einen Versuch wert gewesen. »Hat Jace irgendwelche besonderen Merkmale? Muttermale oder vielleicht Tätowierungen?«
Rosa schüttelte vehement den Kopf. »Ich habe nie Muttermale gesehen und eine Tätowierung … nein, das hätte der Herr niemals erlaubt.« Unwillkürlich zog Alexander den Ärmel seines Hemdes über die Tätowierung an seinem Unterarm. Es war nicht einmal so, dass er sich dafür schämte oder etwas Peinliches an den Worten »Forschung, Vertrauen, Einigkeit« war. Für ihn und Nic gab es dieses Vertrauen und diese Einigkeit nicht mehr, eigentlich hatte es sie nie tatsächlich gegeben, und Rosa würde mit der Schrift nichts anfangen können. Bis jetzt hatte sie auch noch niemand darauf angesprochen.
»Wir müssen sie in die Stadt bringen, sie muss zu einem Arzt, irgendwohin, wo Nic sie untersuchen kann.« Alexander flüsterte die Worte mehr zu sich selbst. Sie rüttelten ihn wach, zwangen ihn dazu, endlich etwas zu unternehmen. Vielleicht war es Jace, dann war ihre Suche bereits beendet, bevor sie angefangen hatte. Vielleicht war es aber nicht Jace und sie hatten hier einen anderen Menschen gefunden, den jemand vermisste. Sie brauchten diese Liste der vermissten Personen von Garrett!
Wenn sie diese Leiche untersuchten, würde Nic herausfinden, woran sie gestorben war und wer es war.
»Wie willst du sie in die Stadt bekommen?« Rosa war ein paar Meter zurückgewichen und hielt nun die Äste der Büsche für ihn aus dem Weg.
»Ich werde sie tragen müssen. Wieder zurückzugehen und dann wieder hierherzukommen, um sie zu transportieren, ist zu umständlich, dadurch verlieren wir nur Zeit.«
Er wusste, dass sein Plan richtig war, aber die Leiche war sicherlich schwer und außerdem war sie … blutig. Angewidert verzog er das Gesicht.
Bevor er weiter darüber nachdenken konnte, schob er einen Arm unter die Kniekehlen und den anderen unter den Nacken des Opfers. Er schnitt eine Grimasse, als sein Hemd feucht wurde, und bemühte sich, die aufsteigende Übelkeit im Griff zu halten. Er atmete flach und bemüht ruhig.
Rosa wandte sich von ihm ab, während er das Opfer hochhob. Als sie sich wieder umwandte, fragte sie: »Soll ich nicht einen der Sklaven rufen? Sie könnten diese … Frau für dich in die Stadt tragen. Am besten zu Holmes, er müsste die richtige Ausstattung für euer Vorhaben besitzen.«
Holmes? War Oliver nicht auch zu diesem Arzt geschickt worden? »Ich mache das schon, kein Problem.« Alexander stöhnte leise, als er sich wieder mit dem Bündel auf seinem Arm aufrichtete. Das Opfer war leichter, als er gedacht hatte, trotzdem würde es ein anstrengender Marsch den ganzen Weg zurück werden. »Lass uns gehen.«


Jace
»Nein!« Jace brüllte und trat, doch sie verfehlte ihn mit jedem Tritt. Ihre Bewegungen hatten nicht mehr genügend Kraft. Sie war schon so lange hier, so lange … Warum suchte ihr Vater sie nicht? Oder ihre Mutter? Sie musste doch noch in Narau sein, warum kam ihr niemand zu Hilfe?
»Na, na, na.« Sein Murmeln klang vergnügt, er genoss es, dass sie sich wehrte. Sollte sie damit aufhören, nur um ihm die Befriedigung nicht zu gönnen? Vielleicht. Doch das würde sie niemals durchhalten. Ihr Vater hatte es ihr immer wieder gepredigt: Eine Garrett gibt nicht auf, niemals. Sie war stark, sie war schlau. Sie würde einen Weg finden. Wenn er sie nur dieses Mal noch am Leben ließ. Noch dieses eine Mal, dann würde sie einen Weg hier raus finden. Ganz allein.

Kapitel 3
»Dieser Holmes, ist er ein guter Arzt?«
Überrascht sah Rosa ihn an. Sie hatten bereits zwei Drittel der Strecke zurückgelegt, die sie von der Innenstadt Naraus trennte, und die Frage spukte Alexander schon im Kopf herum, seit Rosa seinen Namen erwähnt hatte.
»Ich denke schon, warum nicht? Der Herr schwört auf ihn, alle tun das.«
»Gibt es noch andere Ärzte?«
Rosa fand seine Frage anscheinend merkwürdig, antwortete jedoch nach wenigen Augenblicken: »Ja, mehrere. Aber Holmes ist der beliebteste. Er wird sogar öfter beim Meister und den anderen Caeles zum Essen eingeladen, und das werden nicht viele. Und er ist nett zu mir und den anderen Sklaven. Nicht herablassend, einfach freundlich.« Sie schwieg einen Augenblick. »Er bietet auch nicht nur die Behandlung von Verletzten an, in seinem Laden gibt es zusätzlich noch Tränke, Massagen, Tees, alles, womit man sich besser fühlt.«
Ihre Augen leuchteten bei den Worten auf und Alexander hatte das Gefühl, dass die Sklavin des Öfteren von einem Leben träumte, in dem dieser Luxus ein Teil war.
»Dann bringen wir die Leiche zu ihm«, entschied Alexander. »Wenn er so freundlich und so gut ist, wie du sagst, wird er uns sicher helfen.« Er blieb kurz stehen und verlagerte das Gewicht auf seinen Armen ein wenig, da sie langsam taub wurden. Von hier aus konnte er bereits die Gebäude von Dodge City erkennen. Dort musste auch Holmes’ Praxis liegen.
Was er allerdings nicht bedacht hatte, waren die vielen anderen Einwohner Naraus, die sie natürlich mit der Leiche auf der Straße sahen. So gut es ging, schirmte Rosa ihn ab, und sie passierten rasch die Grenze zwischen Fort Sumner und Dodge City.
»Alexander!«
Ruckartig blieb Alexander stehen und wandte sich um. Mit wehenden Haaren kam Nic auf sie zu gerannt. »Alex, hey!« Sie blieb stehen. »Ich dachte, wir treffen uns vor Pawlows Laden wieder. Da hab ich gewartet.« Dann fiel ihr Blick auf das, was er in den Armen hielt. »Nein.« Ihre Stimme brach. »Ist das …«
»Das weiß ich noch nicht.« Hastig deutete Alexander mit dem Kopf weiter. »Wir bringen sie zu Holmes, er hat die Ausstattung und Rosa meint, er würde uns sicher damit helfen.«
»Ja, gute Idee.« In Windeseile hatte Nic die Situation erfasst.
»Wir müssen sie untersuchen.«
»Aber es sollte uns nicht unbedingt jeder sehen.« Beunruhigt sah Alexander sich auf der Straße um.
»Da«, murmelte Nic und deutete auf eine Gruppe von Frauen, die tratschend vor einem der Geschäfte stand. »Da können wir nicht vorbei.«
»Hier entlang«, wisperte Rosa und deutete in die entgegengesetzte Richtung. Hastig wandte Alexander sich ab und folgte der Sklavin über die Straße aus schwarzem Stein bis zu einem Haus, an dessen Wand die Initialen »H. H.« umrahmt von zwei Spritzen zu sehen waren. Ein Schild verkündete » The World’s Fair«.
»Einladend«, kommentierte er unwillkürlich.
Rosa zuckte die Achseln. »Drinnen ist es besser.« Sie hielt die Tür auf, damit Alexander die Leiche ins Innere tragen konnte. Rosa hatte recht: Die Eingangshalle war hell und freundlich, die Wände waren mit poliertem Holz verkleidet und der Boden mit einem roten Teppich ausgelegt.
Nur wenige Sekunden nach ihrem Eintreten erschien ein Mann mit einer schwarzen Melone auf dem Kopf aus der Tür auf der linken Seite. Sein Gesicht war jungenhaft, umrahmt von braunen Kotletten und dominiert von einem unpassend dichten Schnauzbart.
Als er sie bemerkte, hellte sich seine Miene auf. »Wen haben wir denn da? Ihr seid Garretts Gäste, richtig? Was kann ich für euch tun?« Erst jetzt fiel sein Blick auf die Leiche in Alexanders Armen und er wurde ernst. »Wer …« Er trat näher, räusperte sich und versuchte es erneut. »Wer ist das?«
»Genau das wollen wir gerne herausfinden«, erwiderte Nic und sah ihn ernst an. »Rosa meinte, Sie könnten uns vielleicht dabei helfen?«
»Ich soll sie untersuchen?«
»Nein, das würde ich gerne selbst machen, wenn Sie nichts dagegen haben, ich habe inzwischen ein wenig Erfahrung in der Obduktion von Mordopfern.« Nic deutete auf die vom Eingangsraum abgehenden Türen. »Ich hatte nur gedacht, dass Sie uns vielleicht ihre Räumlichkeiten und Werkzeuge zur Verfügung stellen könnten.«
»Ich kann euch noch viel mehr zur Verfügung stellen: mich.« Er streckte die Hand aus und Nic schüttelte sie. »Ich bin Doktor Holmes.«
»Nic.«
»Alexander.«
»Kommt mit.« Holmes winkte ihnen über die Schulter zu und sie folgten ihm in einen Raum, dessen Wände mit Metall verkleidet waren, und zum ersten Mal, seit sie in Narau angekommen waren, fiel eine Last von Alexanders Schultern. Zunächst wusste er nicht, woher dieses Gefühl kam, doch als er sich umsah, wurde ihm bewusst, dass dieser Raum ihn an Biota erinnerte. Es hätte einer der Tunnel sein können, eines der Häuser, eines der Labore … Er schluckte und versuchte, die Gedanken zu verdrängen. Es hatte keinen Sinn: Er würde Biota nie wieder betreten, nicht, wenn er weiterleben wollte. Trotzdem war es ein angenehmes Gefühl, endlich wieder von Metall umgeben zu sein. Die kalten Wände vermittelten ihm ein Gefühl der Sicherheit, das ihm ab dem Moment gefehlt hatte, als sie mit dem Golem aus der Stadt unter dem Meer geflüchtet waren. Auch Nic sah sich in dem Raum um und Alexander glaubte, ein kurzes Lächeln auf ihrem Gesicht zu sehen.
»Legt sie hier her.« Holmes deutete auf eine Metallbahre im Zentrum des Raums. »Das ist der einzige Raum, den ich euch anbieten kann.« Bedauernd hob er die Hände. »Die anderen sind für weniger drastische Behandlungen gedacht.«
»Sieht doch gut aus, es scheint alles da zu sein, was wir brauchen.« Nic sah sich um und ging zu einem Kasten mit Rollen, auf dem chirurgische Werkzeuge lagen.
Vorsichtig hob Alexander den Leichnam auf die Bahre und trat einen Schritt zurück. Er sah sich zu Rosa um, die direkt in der Tür stehen geblieben war. »Ich muss wieder zurück.« Sie sah erst ihn und dann Nic an. »Wenn ich nicht rechtzeitig für das Mittagessen zu Hause bin, lässt Garrett sich eine Strafe einfallen.«
Alexander nickte. »Kein Problem, von hier aus finden wir den Weg zurück zum Haus. Wir sehen uns dann später. Aber sag Garrett bitte noch nichts von der Leiche, das würde ich gerne selbst erledigen.«
»Kein Problem.« Rosa nickte ihm zu.
Nic hob nur ohne von dem Leichnam aufzublicken die Hand in Richtung der Sklavin. Und auch Holmes hatte sich bereits über das Opfer gebeugt.
Alexander beobachtete die beiden, wie sie auf die verschiedenen Verletzungen des Opfers deuteten und sich darüber berieten, was diese womöglich verursacht haben könnte.
Es war seltsam, beinahe, als würde er Nic doppelt sehen: einmal als sie selbst und einmal in Gestalt eines Mannes Ende zwanzig.
»Wo haben Sie sie gefunden?« Holmes blickte von dem verstümmelten Körper auf.
»Ja, Alex, wo hast du sie eigentlich gefunden?«
»Es ist also wirklich eine Frau?«
»Ja.« Holmes nickte. »Mehr werden wir aber erst nach ausführlicher Untersuchung sagen können. Wo sagten Sie, haben Sie sie gefunden?«
»Bisher habe ich noch gar nichts gesagt. Es ging alles so schnell vorhin.« Noch einmal erschienen die Bilder von der Leiche inmitten der dornigen Büsche vor seinen Augen. »Ich war mit Rosa an der Arena. Und da lag sie. Sie hatte sich durch ein Dornengestrüpp gekämpft, aber … Ihre Wunden waren offenbar zu schwerwiegend.«
»Gut, dann müssen wir darauf achten, dass es Wunden geben kann, die von den Dornen verursacht wurden.« Holmes zog den Wagen mit den Instrumenten zu sich heran und holte aus einem Regal an der Wand ein Notizbuch. »Darf ich noch fragen …« Holmes zögerte. »Nic, Sie scheinen sich hiermit auszukennen. Sie stammen doch aus einer anderen Stadt, was war dort Ihr Beruf?«
»Ich war eine Botania.« Nic richtete sich auf. »Dazu gehört das Studium aller Naturwissenschaften. Am Ende habe ich mich dann für Botanik entschieden.«
»Faszinierend.« Holmes nickte ihr anerkennend zu. »In dieser Stadt sind Sie damit geradezu eine Seltenheit. Hier wird nicht gerade viel Wert auf Bildung gelegt, Sie verstehen?« Die letzten Worte raunte er ihr verschwörerisch zu und Nic lachte. Selten hatte Alexander sich so fehl am Platz gefühlt. Er konnte den beiden nur zuschauen.
»Und Sie? Das ist Ihre Arztpraxis, hat Garrett gesagt.«
»Ja, das stimmt.« Obwohl Holmes offenbar versuchte, bescheiden zu wirken, gelang es ihm nicht ganz. »Das hier war zuerst eine Apotheke. Aber dann kam immer mehr dazu. Die Praxis, das Labor … Ich bemühe mich stetig darum, mehr dazu zu lernen.«
»Bewundernswert.«
»Vielleicht solltet ihr langsam mit der Untersuchung beginnen«, mischte Alexander sich in die Unterhaltung ein, die ihm langsam zu persönlich wurde. »Wir müssen Ergebnisse haben, die wir Garrett präsentieren können. Fundierte Ergebnisse.«
»Garrett?« Verwirrt blickte Holmes von ihm zu Nic. »Welches Interesse hat Garrett denn an ihr?«
»Er …«, begann Nic, doch Alexander unterbrach sie.
»Das ist seine Sache, wenn er es für richtig hält, wird er es Ihnen erzählen.«
»Nun gut.« Holmes zuckte mit den Achseln. »Dann machen wir uns besser an die Arbeit. Mit Pat ist nicht zu spaßen.« Er lächelte Nic verschwörerisch zu. »Ich denke, ihr braucht meine Hilfe nicht, oder?«, fragte Alexander an Nic gewandt. Nic hob die Hände und schüttelte gleichzeitig den Kopf. »Ich würde nämlich gerne mal nach Oliver sehen. Doktor Holmes, wo finde ich ihn? Ich nehme an, er kann Besuch empfangen?«
»Ja, es geht ihm schon besser.« Holmes richtete sich auf. »Das war wirklich knapp, das muss ich schon sagen. Ein paar Stunden mehr …« Er schüttelte den Kopf. »Aber jetzt hat er es überstanden, er war sehr tapfer. Und er wird sich sicher freuen, Sie zu sehen. Sie gehen einfach wieder in den Vorraum und von dort in den Gang geradeaus. Dort befinden sich die Patientenzimmer. Es ist das erste auf der rechten Seite.«
»Gut, danke.« Alexander hatte sich schon abgewandt, zögerte dann aber. »Und danke, dass Sie ihn gerettet haben.«
»Das habe ich doch gern gemacht«, winkte Holmes ab. »Das ist eben mein Beruf.«
»Trotzdem, danke.«
»Ja, vielen Dank«, sagte nun auch Nic. »Ich konnte ihm einfach nicht helfen und Sie haben ihm das Leben gerettet.«
Noch während sie Holmes für Olivers Rettung dankte, verließ Alexander den Untersuchungsraum. Er folgte Holmes Anweisungen und gelangte in den Gang mit den Patientenzimmern. Es gab vier Türen, zwei links, zwei rechts und er griff nach der Türklinke der ersten Tür auf der rechten Seite. Er klopfte und wartete, bis von innen ein »Ja?« ertönte. Alexander drückte die Klinke herunter und die dünne Metalltür schwang von alleine auf.
»Alexander!« Oliver lag in einem Bett mit roten Laken. Sein gesamter Oberkörper war bandagiert, doch Alexander brauchte kein Arzt zu sein, um zu sehen, dass es ihm besser ging. Sein Gesicht hatte wieder eine gesündere Farbe angenommen und er winkte ihm mit dem gesunden Arm zu.
»Ich dachte schon, ihr hättet mich vergessen.«
Alexander setzte sich auf die Bettkante. »Vergessen? Quatsch.« Er schüttelte den Kopf und lächelte. »Niemals. Du weißt es vielleicht nicht, aber du bist erst seit gestern hier und wir …« Er zögerte. Wie viel konnte er Oliver erzählen? »Wir hatten etwas zu tun. Apolonaria und ihr Mann haben uns ja diesen Auftrag erteilt. Erinnerst du dich?« Unwillkürlich senkte er seine Stimme.
»Die Tochter, die verschwunden ist?«
»Ganz genau.« Es erstaunte Alexander, dass Oliver sich noch daran erinnern konnte, schließlich war er gestern wiederholt ohnmächtig geworden.
»Habt ihr sie gefunden?«
»Nein, nein, so schnell nicht. Heute haben wir uns erstmal die Stadt angeschaut, damit wir uns allein orientieren können. Wenn du hier rauskommst, dann zeigen wir dir alles.« Er musste lachen, als Oliver die Augen begeistert aufriss.
»Und dann kann ich mir alles anschauen?«, sprudelte es aus dem Jungen hervor. »Ich kann dann in die Geschäfte? Und ich kann dann hingehen, wo ich will?«
»Klar kannst du das.« Alexander hoffte, dass Garrett es erlauben würde.
»Und ihr habt noch keine Spur? Keine Idee, wer seine Tochter entführt hat?«
»Na ja … Wir haben eine Leiche gefunden.« Die Wörter wollten nur zögerlich Alexanders Mund verlassen, noch während er sie sagte, zweifelte er daran, dass die Informationen für Olivers Ohren bestimmt waren.
»Nein!« Oliver richtete sich ruckartig im Bett auf. »Von wem? Wer ist es? Wo ist sie?«
»Wir wissen noch nicht, wer sie ist. Vielleicht ist es Jace. Doktor Holmes und Nic versuchen gerade, genau das herauszufinden.«
»Das schaffen sie. Nic kann das.« Oliver biss sich auf die Lippe. »Wie werden sie feststellen, ob es Jace ist?«
»Das weiß ich nicht.« Alexander zuckte mit den Achseln.
»Wir brauchen vermutlich Angaben von Garrett darüber, wie groß sie ist, was sie für besondere Merkmale besitzt, ob sie schon mal Knochenbrüche hatte.«
»Knochenbrüche kann man jetzt noch erkennen?«
»Vermutlich.« Alexander sah in Olivers erwartungsvolles Gesicht. »Ganz ehrlich: Keine Ahnung. Das alles sind Fragen, die du besser Nic oder Doktor Holmes stellen solltest.«
Oliver lachte. »Macht ja nichts. Doktor Holmes habe ich schon ein paar Sachen gefragt. Und er hat mir auch ein paar Instrumente gezeigt, die er für meine Operation benutzt hat. Das war toll. Also, das Zeigen, nicht die Operation. Und er hat mir das da gebracht.« Der Junge strahlte übers ganze Gesicht und deutete auf ein aufrecht stehendes Skelett in der Ecke des Zimmers. Alexander freute sich, dass er sich hier so gut einlebte. »Er hat gesagt, dass das ganz neu ist und ich der Erste bin, der es zu sehen bekommt. Damit kann ich die Knochen lernen, weißt du? Und schau mal, ich glaube, das hatte auch mal einen Knochenbruch.« Lachend deutete Oliver auf das rechte Schienbein des Skeletts.
Alexander betrachtete das Skelett und dann wieder Oliver.
»Also geht es dir gut hier? Doktor Holmes behandelt dich gut?«
»Er kümmert sich um mich, ja. Ohne ihn wäre ich wohl tot, was?«
Alexander nickte ernst. »Und wie findest du ihn? Ist er nett?« Er dachte an die Blicke zwischen Holmes und Nic.
»Schon, ja.« Oliver schien zu überlegen. »Er war nicht so oft hier, deswegen kann ich das nicht so genau sagen, aber ich habe nichts gegen ihn.«
»Gut, gut.« Alexander sah zur Tür. Er musste zu Garrett zurück und ihn über den Leichenfund unterrichten. »Ich muss jetzt leider wieder los.«
»Schade, aber ich versteh das. Viel zu tun. Richtest du Nic Grüße von mir aus?«
»Das mache ich.«
»Und auch, dass sie mir Bücher vorbeibringen soll, wenn ich hierbleiben muss?«
Alexander lachte. »Auch das richte ich ihr aus.«
»Gut.« Olivers Augen fielen immer wieder zu.
»Oliver? Ich gehe dann jetzt. Du solltest dich ausruhen.«
»Aber ich bin gar nicht müde.« Olivers Stimme war nur noch ein Murmeln.




