Audiovisuelles Übersetzen

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Präproduktionsskripte gehören zu einem Arbeitsschritt, den der Film schon hinter sich gelassen hat. Sie stellen eher eine Art Entwurf dar, nach dem der Film gedreht wurde, und sind im Allgemeinen fehlerhaft. Entweder enthalten sie Szenen, die später gestrichen wurden, oder sie enthalten manche Szenen gar nicht oder die Szenenreihenfolge stimmt nicht. Manchmal sind noch Figuren enthalten, die aus dem fertigen Film gestrichen wurden. Entsprechend sind Präproduktionsskripte für Übersetzer zwar interessant, aber wenig hilfreich. Dazu kommt, dass man eher zufällig über Produktionsfirmen an sie herankommt.
Ideal ist es natürlich, wenn die Dozenten Praxiserfahrung haben und die dort bearbeiteten Filme mit ihren Skripten im Unterricht nutzen dürfen. Leider ist dies oft aus rechtlichen Gründen nicht möglich.
Trotz der geäußerten Vorbehalte ist es deutlich einfacher, an Filme zum Bearbeiten zu kommen als an Games. Auch hier empfiehlt sich eine Zusammenarbeit mit einer Hochschule, an der Game-Designer ausgebildet werden, wobei dort leider oft an Games ohne Text gearbeitet wird. Es ist übrigens nicht schwierig, mit Python schlichte Games zu schreiben (siehe Kapitel 8.5.2) – etwas für die Bastler unter den Dozenten oder für die Studierenden, die im Rahmen eines Projekts unterschiedliche Rollen einnehmen können.
Die Konzentration auf das fesselnde Medium Film mit all seinen Eigenheiten und der Umgang mit interessantem technischem Equipment führen oft dazu, dass man nicht mehr so sehr ans übersetzerische Handwerk denkt. Doch alles, was man jemals im Übersetzungsunterricht gelernt hat, kann man bei der audiovisuellen Übersetzung anwenden. Das betrifft den größeren Rahmen aus Zielgruppe, SkoposSkopos (vereinfacht gesagt, der Zweck der Übersetzung), Textsorten und Äquivalenzfragen und den unterschiedlichsten Übersetzungstheorien ebenso wie Detailfragen zu Soziolekten / Dialekten, Stil generell, Satzbau, Wortwahl etc. Auf übersetzungswissenschaftliche Grundbegriffe wird in diesem Buch nicht eingegangen. Auch eine Kurzeinführung ist in diesem Rahmen nicht zu leisten.3 Doch gerade im Unterricht ist eine Analyse vorliegender AV-Übersetzungen mit übersetzungswissenschaftlichen Methoden ein sinnvoller erster Schritt vor praktischen Übungen. Manche Probleme sieht man erst bei einer solchen Analyse klar.
Wörterbücher jeder Art werden heute bevorzugt über das Internet genutzt. Sofern man sich nicht nur auf LEO stützt, ist das inzwischen allgemein akzeptiert – es gibt eine große Menge im Internet frei zugänglicher klassischer Wörterbücher. Denn Wörterbücher sind wichtig, und zwar jede Art von Wörterbuch (auch in gedruckter Form), darunter Bildwörterbücher (einsprachig und mehrsprachig), Fachwörterbücher und Glossare. Oft merkt man erst beim Übersetzen, dass viele Unterhaltungsfilme einen hohen FachwortanteilFachwortanteil haben. Terminologiedatenbanken sind für geübte Übersetzer, die im Team an einer audiovisuellen Übersetzung arbeiten, eine echte Hilfe, besonders bei Dokumentarfilmen. Dazu kommen Lexika.
1.3.2 Barrierefreiheit
Im Prinzip kann man bei jeder Übersetzung davon sprechen, dass sie Barrieren beseitigt. In der Praxis wird der Begriff jedoch nur dort eingesetzt, wo Menschen mit Behinderungen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben erleichtert oder ermöglicht wird.
Der Bereich Barrierefreiheit ist der Bereich, in dem gerade im deutschsprachigen Raum in den letzten Jahren eine große Zahl an Forschungsarbeiten erschienen ist. Es wurden neue Standards gesetzt und neue Technologien entwickelt wie GretaGreta. Dieser Trend entspricht der allgemeinen Entwicklung in unserer Gesellschaft. Niederflurbusse, Rollstuhlrampen, Museumsführungen für Blinde, verbesserter Hörgeräte-Empfang z. B. in Kirchen und das Recht auf eine Verdolmetschung in GebärdenspracheGebärdensprache gehören zum Alltag. Deutschland hatte da durchaus Nachholbedarf. In Großbritannien war es schon in den 1990ern üblich, dass Theaterstücke einmal pro Saison mit GebärdensprachdolmetscherGebärdensprachdolmetscher und einmal mit AudiodeskriptionAudiodeskription (in speziell ausgerüsteten Sitzreihen) aufgeführt wurden.
1.3.3 Forschung
Nicht jeder Übersetzungs- oder Kommunikationswissenschaftler ist an einer praktischen Tätigkeit in der audiovisuellen Übersetzung interessiert; auch Forschungsfragen sind wichtig für die Wahrnehmung des Faches und geben der Praxis neue Impulse. Durch die oben geschilderten technischen Veränderungen ist in den letzten zwanzig Jahren eine deutliche Zunahme an Forschungsarbeiten und eine Diversifizierung der Forschungsfragen zu diesem Thema zu beobachten. Einzelanalysen werden in größere Zusammenhänge gestellt – nicht zuletzt, weil es inzwischen eine große Menge an Einzelanalysen gibt, auf die man zurückgreifen kann. Formate und Verfahren, soziologische Aspekte und Technik, zu allem gibt es eine Fülle an wissenschaftlicher Literatur.FriendsWitzWortspielThe Big Bang Theory1 Bei allen AV-Übersetzungsverfahren gibt es Richtlinien, die in den letzten Jahren zunehmend hinterfragt und empirisch überprüft wurden. Beispiele dazu finden sich in den Kapiteln zu den einzelnen Verfahren. Im deutschsprachigen Raum konzentriert sich die aktuelle Forschung klar auf den Bereich BarrierefreiheitBarrierefreiheit, wo auch ausführliche empirische Untersuchungen durchgeführt wurden und werden. Wie groß die Zunahme an AV-Themen in der Forschung ist, sieht man, wenn man das Inhaltsverzeichnis einer Zeitschrift wie JOSTRANS Jahr für Jahr durchschaut: Von den gelegentlichen AV-Artikeln in den frühen 2000ern gibt es eine Entwicklung hin zur AV-Übersetzung als dominantem Forschungsthema, wobei hier sehr viele Vertreter der AV-Übersetzungsforschung im Board sind.
Vor allem haben sich die Forschungsarbeiten in den übersetzungswissenschaftlichen Raum hinein bewegt, während frühere Arbeiten vorzugsweise in den Kommunikations- und Medienwissenschaften entstanden. Es finden in kurzen Abständen Fachkongresse ausschließlich zur audiovisuellen Übersetzung statt, so dass sich Gelegenheiten zum wissenschaftlichen Austausch bieten. Besonders bekannt sind die alle zwei Jahre an wechselnden Orten stattfindende „Media for All“, die seit 2005 sehr erfolgreich läuft und den besten Überblick über die aktuelle Forschung zu sämtlichen Verfahren der AV-Übersetzung bietet. Sie hat sich zu einer der größten Tagungen überhaupt im übersetzungswissenschaftlichen Bereich entwickelt. Um es anschaulich zu beschreiben: Bei den ersten beiden Kongressen dieser Serie konnten noch alle Teilnehmer abends gemeinsam essen gehen. Inzwischen geht die Teilnehmerzahl in die Hunderte. Stärker praxisorientiert ist die „Languages and the Media“, die ebenfalls alle zwei Jahre stattfindet (in den geraden Jahren); Tagungsort ist Berlin. Dort werden durchaus auch wissenschaftliche Ergebnisse präsentiert, der Fokus liegt aber auf aktueller Software und Veränderungen auf dem Markt. Dafür kann man hier besser Kontakte zur Praxis knüpfen. Auf beiden Tagungen werden Filme und das Internet ebenso behandelt wie Games. In den letzten Jahren entstanden auch Forschungsgruppen auf europäischer Ebene. Dazu kommt, dass zunehmend auch auf nicht speziell orientierten sprach- oder medienwissenschaftlichen Tagungen Beiträge zur audiovisuellen Übersetzung geboten werden. Schließlich gibt es seit 2010 die „Fun for All“, eine spezialisierte Tagung für die Game-Lokalisierung.
Im Zeitschriftenbereich ist das 2018 gegründete Journal of Audiovisual Translation ausschließlich auf diese Übersetzungsformen spezialisiert; allerdings sind noch nicht viele Ausgaben erschienen. Sonst ist besonders die oben erwähnte JOSTRANS empfehlenswert; dort wird eine Vielzahl von Fachartikeln zur audiovisuellen Übersetzung publiziert (www.jostrans.org). Auch die Zeitschrift Meta (www.erudit.org/en/journals/meta/) bietet hin und wieder Sondernummern zur audiovisuellen Übersetzung, ebenso inTRAlinea (Uni Bologna, https://intralinea.org). Ältere Ausgaben von Meta sind auch im Internet frei zugänglich. Trans-kom bietet trotz einer stärkeren Orientierung an fachsprachlicher Übersetzung immer wieder Untersuchungen zu AV-Themen oder Themen aus dem Bereich Barrierefreiheit (www.trans-kom.eu). Dazu kommen die New Voices in Translation Studies (www.iatis.org/index.php/new-voices-in-translation-studies) aus Finnland, die Revista Tradumàtica aus Barcelona (https://revistes.uab.cat/tradumatica/index) und TranscUlturAl – A Journal of Translation and Cultural Studies von der Universität Alberta in Kanada (https://journals.library.ualberta.ca/tc/index.php/TC/issue/view/1941).
Diese Zeitschriften haben alle Peer-Review-Systeme, sind aber im Internet leicht zu finden und erheben keine Zugangskosten (meist auch keine Autorenkosten). Das heißt nicht, dass Print-Zeitschriften wie Target, eine der hervorragendsten Zeitschriften zur Translatologie und eine der ersten, in denen Artikel zur AV-Übersetzung publiziert wurden, keine wichtigen Quellen wären. Zu den Online-Zeitschriften mit kostenpflichtigem Zugriff, die viele Beiträge zur AV-Übersetzung bieten, gehören The Translator (www.tandfonline.com/toc/rtrn20/24/4?nav=tocList), Perspectives: Studies in Translation Theory and Practice (www.tandfonline.com/toc/rmps20/current) und Across Languages and Cultures – A Multidisciplinary Journal for Translation and Interpreting Studies (https://akademiai.com/loi/084). Hier ist man auf einen Zugang über die Hochschule angewiesen; die Abstracts kann man jedoch meist kostenlos ansehen. Es bleibt natürlich immer die Möglichkeit, den jeweiligen Autor um Hilfe zu bitten.
Bei Verlagen wie Benjamins und Frank&Timme erscheinen zudem regelmäßig wissenschaftliche Untersuchungen wie auch didaktisch orientierte Werke zur AV-Übersetzung.
Forschungsliteratur, die sich auf einzelne Verfahren bezieht, wird in den entsprechenden Kapiteln angeführt. Überblickswerke sind selten. Das bisher umfassendste Werk zum Thema AV-Übersetzung, das sowohl die Praxis wie auch die unterschiedlichsten Forschungsansätze beleuchtet, ist Pérez González 2014. Das von Díaz Cintas 2008 herausgegebene The Didactics of Audiovisual Translation ist auch heute noch eine ausgezeichnete Einführung in die unterschiedlichen Verfahren. Gambier gehört zu den Pionieren auf dem Gebiet der AV-Übersetzungsforschung und gibt in seinen diversen Arbeiten einen Überblick über verschiedene Verfahren. Einen sehr ausführlichen und gleichzeitig amüsanten Überblick über den Stand der Dinge bieten Szarkowska / Wasylczyk 2019.
1.4 Untertitelung versus Synchronisation – der ewige Streit
Die Debatte darüber, welches Verfahren das bessere sei, dreht sich seit Jahrzehnten im Kreis. Hier soll zunächst die Verteilung der beiden Verfahren in Europa dargestellt werden, dann folgen die typischen Argumente für und wider.
In manchen Ländern ist es üblich, dass Filme, die in Kino und Fernsehen gezeigt werden, interlinguale UntertitelUntertitelinterlinguale Untertitel erhalten. In anderen Ländern werden Filme synchronisiert, und Deutschland ist auch heute noch ein typisches SynchronisationslandSynchronisationsland (selten auch „SynchronnationSynchronnation“). Bis auf wenige Ausnahmen werden alle Serien und Filme für Fernsehen und Kino synchronisiert. Das Publikum ist an diese Situation gewöhnt, doch mit dem Erfolg der StreamingdiensteStreamingdienst und den überall frei verfügbaren, oft englischsprachigen Inhalten auf YouTube, ändert sich diese Haltung. Jüngere Zuschauer wünschen sich, zumindest für englischsprachige Produktionen, eher Untertitel (siehe auch Media Consulting Group 2011: 11). In den Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Sender kann man bei manchen Serien zwischen untertiteltem Original und Synchronfassung wählen. Untertitelung wird heute auch hierzulande nicht mehr als Ausnahme wahrgenommen und auch nicht mehr mit Ausnahmesituationen verknüpft. Noch vor zehn Jahren konnte man interlinguale Untertitel im Fernsehen höchstens bei OpernaufführungenOpernaufführung oder Filmen in den Kulturprogrammen (3sat3sat, ARTEARTE) erwarten oder außerhalb des Fernsehens bei Filmfestivals. Auch die Abwendung jüngerer Zuschauer vom linearen Fernsehen hat zu dieser Veränderung beigetragen. Was die Untertitelung von Filmen aus kleinen Sprachen betrifft, so findet diese weiterhin statt.
Dennoch bleibt die Synchronisation in Deutschland wichtig; das Publikum besteht nicht nur aus jungen Trendsettern, Gewohnheiten ändern sich nicht so schnell und es gibt noch andere große Ausgangssprachen als Englisch, die nicht eine so weite Verbreitung in der Bevölkerung genießen. Außerdem hängt eine große Industrie von der Synchronisation ab.
Warum ein Land zu einem Synchronisationsland wird, hat unterschiedliche Gründe. Oft leitet man diese Entwicklung aus der Geschichte der betreffenden Länder her. Spanien, Italien und Deutschland, drei typische Synchronisationsländer, haben eine faschistisch-totalitäre Vergangenheit (siehe z. B. Danan 1991). Wenn man einen Film synchronisiert, kann man besser lügen und unliebsame, beispielsweise pazifistische Inhalte verfälschen. Außerdem wird bei der Synchronisation die Nationalsprache eingesetzt. So auch Garncarz:
Es ist so, dass in Deutschland der Nationalsozialismus einen direkten Einfluss hatte auf die Etablierung der Synchronisation. Es gibt eine Studie in einem amerikanischen Fachjournal aus dem Jahr 1950, und diese Studio [sic] listet 60 Länder aus der ganzen Welt auf, darunter 16 europäische Staaten, und von diesen 60 Ländern gibt es nur drei Länder, die ausschließlich Synchron-Fassungen akzeptieren: das sind Italien, Spanien und Deutschland … Und man sieht schnell, dass es die drei Länder des europäischen Faschismus sind. Das bedeutet natürlich keineswegs, dass Synchronisation in irgendeiner Weise faschistisch ist, es bedeutet nur, dass Länder, die einen besonderen Wert auf ihre kulturelle Spezifik legen, die die eigene Sprache und die eigene Kultur höher schätzen als die Sprachen und Kulturen der Nachbarländer, dass diese Länder einen besonderen Wert darauf legen, dass alles Ausländische quasi in die eigene Sprache übersetzt wird. (Garncarz in Metz / Seeßlen 2009)
Doch diese Erklärung greift zu kurz. Auch in Frankreich ist die Synchronisation das häufigste Verfahren der AV-Übersetzung. Die Menge der Zuschauer, die den fertigen Film sehen werden, spielt eine sehr große Rolle dabei, ob ein so teures Verfahren eingesetzt wird (dazu zusammenfassend die Media Consulting Group 2011: 25). Eine Synchronfassung lohnt sich erst, wenn vierzig oder mehr Kopien eines Films in den Kinos laufen (Hinderer 2009: 271).
Ein weiterer Grund, der gegen eine rein geschichtliche Erklärung spricht, ist das kleine Portugal, das schon immer ein UntertitelungslandUntertitelungsland war – und der Beweis dafür, dass in einer Diktatur auch in den Untertiteln verfälscht und gelogen wird (ausführlich dazu Pieper 2009). Abgesehen vom Englischen, das heute viele Menschen einigermaßen gut verstehen, sind die Fremdsprachenkundigen in jeder Kultur weit verstreut und der Großteil des Publikums ist ausschließlich auf die Untertitel oder die synchronisierte Fassung angewiesen. Und drittens wird in Synchronisationen auch unabhängig von Diktaturen gelogen. CasablancaCasablanca (USA 1942) erreichte Deutschland erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Trotzdem wurden alle Hinweise auf das Dritte Reich so gut wie möglich getilgt, um den Erfolg des Films auch bei deutschen Zuschauern zu sichern (siehe Kapitel 3.6.7).1
Untertitelungsländer sind, wie zu erwarten, Länder mit einer kleinen Sprachgemeinschaft. Die skandinavischen Länder sind Untertitelungsländer. Gerade bei Ländern mit mehreren LandessprachenLandessprache bietet sich die Untertitelung an, entweder in zwei Fassungen oder in einer Fassung mit doppelten Untertiteln. Eine Synchronisation in beiden Landessprachen wäre schon aus Kostengründen unmöglich; in diesen Ländern werden nur Kindersendungen synchronisiert. Europakarten mit einer Übersicht über die in den jeweiligen Ländern bevorzugten Verfahren im Kino und im Fernsehen finden sich im Rapport Final der Media Consulting Group (2011: 9-10). Großbritannien hat keine wirkliche Tradition der AV-Übersetzung; höchstens in Programmkinos und auf Festivals werden Filme aus fremdsprachlicher Produktion aufgeführt:
Großbritannien blickt auf eine andere Geschichte zurück: Durch die Tatsache, dass die Sprache mit derjenigen der Vereinigten Staaten geteilt wurde, entstand eine Situation, in der erheblich weniger fremdsprachige Filme als Filme in englischer Sprache vertrieben wurden. Ab Anfang der 1930er-Jahre wurden diese zumeist europäischen fremdsprachigen Filme gegenüber Hollywood-Produktionen als Ausnahmeprodukt behandelt. Die nur selten als Mainstream-Produktionen vertriebenen fremdsprachigen Filme wurden innerhalb kürzester Zeit mit der Idee eines Kunstkinos assoziiert, das sich an eine gebildete Mittelschicht wandte. Diese Dichotomie wurde von Filmklubs, Kinomagazinen und Kunst- und Studiokinos entwickelt und befördert. Noch heute stellen fremdsprachige Filme einen sehr geringen Teil des Kinofilmangebots in Großbritannien dar. (Media Consulting Group 2011: 26)
Außerhalb Europas gibt es wiederum andere Präferenzen. In den USA erreichen nur sehr wenige fremdsprachige Filme ein größeres Publikum, auch hier fast ausschließlich auf Festivals; diese werden im Normalfall untertitelt. Um einen erfolgreichen fremdsprachigen Film dem amerikanischen Publikum nahe zu bringen, ist das RemakeRemake nach wie vor das Mittel der Wahl. Die Zuschauer sollen durch ihnen bekannte Schauspieler ins Kino gezogen werden – einer guten Geschichte ohne die vertrauten Gesichter traut man offensichtlich nicht. Vielleicht ändert der Oscar für den koreanischen Film ParasiteParasite (2019) ewas an dieser Situation – zumindest hofft das der Regisseur Bong Joon-ho (Höbel 2020: 115).
Was Osteuropa betrifft, so gibt es heute noch vor allem in Polen, Bulgarien, Litauen und Lettland den Sonderfall der slawischen SynchronisationSynchronisationslawische Synchronisation oder Gavrilov-ÜbersetzungGavrilov translation, die im Prinzip ein Voice-over darstellt, manchmal auch eine Form des Filmdolmetschens (siehe Karte Media Consulting Group 2011: 9 sowie Kapitel 3.6.4 und Kapitel 5.1).
Ein kompletter Umstieg von einem Verfahren auf das andere ist bisher nirgends belegt, doch wie oben angedeutet findet eine Diversifizierung statt. In Deutschland wurden auch schon vor YouTube und Streaming immer wieder Stimmen laut, die Untertitelung statt Synchronisation forderten. Meist geschah dies im Zusammenhang mit der Hoffnung auf eine flächendeckende Verbesserung der FremdsprachenkenntnisseFremdsprachenkenntnisse (womit immer die Verbesserung der Englischkenntnisse gemeint ist; an einer flächendeckenden Verbesserung beispielsweise der Finnischkenntnisse in Deutschland scheint unverständlicherweise kein gesteigertes Interesse zu bestehen). Das Thema „Fremdsprachenlernen und Untertitel“ gilt als so wichtig, dass die EU 2009 eine Ausschreibung zur Untersuchung dieses Phänomens startete:
Am 27. Juli 2003 hat die Kommission den Aktionsplan „Förderung des Sprachenlernens und der Sprachenvielfalt: Aktionsplan 2004-2006“ angenommen … Im Aktionsplan wurde die Auffassung vertreten, dass ‚der Einsatz von Untertiteln im Kino und im Fernsehen das Sprachenlernen fördern und erleichtern kann.‘
In diesem Zusammenhang wurde auf die Möglichkeit hingewiesen, den Einfluss der Medien bei der Schaffung eines sprachenfreundlicheren Umfelds nutzbar zu machen, indem die Bürger regelmäßig mit anderen Sprachen und Kulturen in Berührung gebracht werden. Daraus wurde der Schluss gezogen, dass das
Potenzial eines stärkeren Rückgriffs auf Untertitel zur Förderung des Fremdsprachenerwerbs […] ausgeschöpft werden [könnte]. (Offene Ausschreibung Referenz EACEA/2009/01 „Studie über den Einsatz von Untertiteln“ Das Potenzial von Untertiteln zur Förderung des Fremdsprachenlernens und zur Verbesserung der Fremdsprachenbeherrschung. 9)
2011 war der Rapport Final verfügbar (Media Consulting Group 2011). Zur Kommission gehörten Yves Gambier und Carlo Eugeni, die beide renommierte AV-Forscher sind. Zwar wurden in dieser Studie, wie so häufig, Studierende befragt, aber die Forschergruppe achtete darauf, eine Gruppe von angehenden Übersetzern gegen eine Gruppe Studierender anderer Fakultäten zu setzen (Media Consulting Group 2011: 5). In dieser Studie wird auch das Thema „Einfluss von Untertiteln auf die Integration von MigrantenIntegration von Migranten“ angesprochen; das Ergebnis ist positiv (ebd.: 18 und 29). Es erwies sich auch, dass ein großes Vertrauen in Untertitel als Instrument zum Sprachenlernen besteht (ebd.: 19). Die ästhetisch motivierte Forderung, Untertitel solle man gar nicht wahrnehmen (zum invisibility paradoxinvisibility paradox siehe Foerster 2010: 82), wird hier durch den Wunsch konterkariert, die Untertitel bewusst zu nutzen.
Künstlerische Erwägungen sind ein Minderheitenargument, das aber von einer lauten Minderheit vertreten wird. Auch in Synchronisationsländern gilt es heute als korrekt und gebildet, Untertitel besser zu finden als Synchronfassungen. Mit der Untertitelung sind kulturelle Werte verbunden, die die Synchronisation so nicht hat. So sollen Untertitel den Film weniger verfälschen – und vor allem weist der Genuss einer Untertitelfassung den Zuschauer als kultiviert aus, während die Synchronfassung für die Popcorn kauende breite Masse steht. Wie in Großbritannien haben auch in Deutschland die Untertitel eine Verbindung zum Programmkino.
Gambier wies schon 2004 darauf hin, dass die Einteilung in Synchronisations- und Untertitelungsländer durch die Vielzahl an neuen Sendern ins Wanken geraten ist, und dass für manche Filme sowohl eine untertitelte als auch eine synchronisierte Fassung vorliegen:
Aujourd’hui, l’Europe est trop souvent divisée entre pays du doublage (France, Italie, Allemagne, Espagne, etc.) et pays du sous-titrage (pays scandinaves, Finlande, Grèce, Pays-Bas, Portugal, Pays de Galles, Slovénie, etc.). C’est une division trop simpliste, d’une part parce que le nombre de chaînes, par exemple, est passé de 47 en 1989 à plus de 1500 en 2002, dans l’Europe des 15, et qu’aucun pays n’a un ensemble de directives communes ou un code unique de bonne conduite; d’autre part, parce que les solutions sont désormais multiples et flexibles. Ainsi Malcom XMalcom X (1998) a d’abord été sous-titré pour quelques salles à Paris, mais devant le succès obtenu, les distributeurs ont vite commandé une version doublée pour un public jugé peu familier de l’écoute de l’anglais américain ou de la lecture de deux lignes sur l’écran. (Gambier 2004: 6)
Das mag selbstverständlich klingen, doch noch in den 2000ern gab es bei ernstzunehmenden Wissenschaftlern keinen Zweifel daran, dass das Publikum auf die gewohnte Methode geradezu konditioniert ist:
When viewers are accustomed to one adaptation method they seem not to worry about the disadvantages that go with the method. In addition, they seem to dislike the other method. Dutch viewers will be annoyed by all the shortcomings of dubbingDubbing when they watch dubbed programmes, whereas German viewers will demonstrate the same type of aversion when watching subtitled programmes. The effect of habituation should also be taken into account in the interpretation of the results of studies which explicitly compare subtitling and dubbing. (Koolstra et al. 2003: 347)
Eine konservative Haltung beim Publikum zeigte sich besonders dann, wenn Versuche mit anderen Verfahren der audiovisuellen Übersetzung gemacht werden. Doch auch hier handelt es sich um Untersuchungen älteren Datums:
Quelques enquêtes ont certes confirmé que les publics aiment ce à quoi ils sont habitués. Ainsi les Polonais ont refusé dans les années 1990 la transformation de leur voice over en sous-titrage; en novembre 2001, les chaînes publiques norvégienne et finlandaise ont tenté de doubler une série américaine: devant les protestations des téléspectateurs, elles sont revenues en moins de deux semaines aux sous-titres. (Gambier 2004: 9)
Meist konzentriert sich die Diskussion Synchronisation versus Untertitel jedoch auf ästhetische Belange und auf Fragen der Filmwahrnehmung.







