Maritime E-Bibliothek: Sammelband Abenteuer und Segeln

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Der Kopf des Seepferdchens sieht tatsächlich wie ein Pferdekopf aus, sein Körper wie der eines mittelalterlichen Panzerpferdes, denn er ist von etwa 50 knochenartigen Ringen umgeben. Im Sargassokraut nimmt das Tierchen eine gelbe Farbe an, im Seegras eine grüne und in der Nähe von bestimmten Korallensträuchern eine flammend rote.
Aufregend verläuft die Brautwerbung, die Tage dauern kann. Das Weibchen verfolgt dabei das Männchen! Auf dem Höhepunkt des Brunsttanzes „umarmen“ sich die beiden; das Weibchen legt in die Bruttasche des Männchens ihre Eier und macht sich dann aus dem Staube, es verschwindet auf Nimmerwiedersehen und überläßt dem Männchen das weitere Brutgeschäft. In seiner Bauchtasche werden die Eier befruchtet, und nach etwa zehn Tagen schlüpfen unter krampfartigen Wehen des Männchens kleine Seepferdchen aus.
Berühmt ist die hoheitsvolle Haltung des Seepferdchens, die es selbst im Schlafe beibehält – im Gegensatz zu anderen Hoheiten. Ihren Schwanz benützen die Tiere wie südamerikanische Affen zum Festhalten an Tang oder Gras. Dennoch ist das Seepferdchen ein Fisch; wenn man es gewaltsam in die Länge zieht, sieht es aus wie sein nächster Verwandter, die Seenadel, deren Männchen ebenfalls die Nachkommenschaft ausbrütet; das Seepferdchen ist also eine buckelige Seenadel.
Getrocknete Seepferdchen sind zuweilen sogar von „medizinischem“ Interesse; sie werden gemahlen und in den Chinesenvierteln großer Städte verkauft – als Aphrodisiakum. Natürlich nur an Leute, die auch daran glauben, sonst bleibt der Erfolg aus.
Von Flaschen und Flaschenpost
In der schwach bewegten See entdeckten wir eine Flasche, die wir nach kurzem Manövrieren hoffnungsvoll an Bord holten. Aber es war eine „blinde“ Flasche, es steckte keine Nachricht darin. Auf meiner Faltbootfahrt über den Ozean habe ich vier Flaschen gefunden – in keiner war irgendeine Nachricht verborgen.
Das französische Forschungsinstitut für Seefahrt und Meereskunde besitzt ein eigenes Flaschenpost-Museum. Einzigartige Schicksale verzeichnen diese Zettel. Die Papierfetzen, Leder- und Holzstücke, die dort zur Schau gestellt sind, geben meist tragische Nachricht vom Kampf und von den Hoffnungen verunglückter Seeleute.
Ausgerechnet aus dem Magen eines vor den Azoren gefangenen Hais holte man die letzte Nachricht der bei den französischen Flieger Coli und Nungesser, die auf ihrem Ost-West-Flug über den Atlantik verunglückten und ihr letztes Lebenszeichen einer Flasche anvertrauten.
Von den seltsamen Wegen der Flaschenpost berichtet auch ein Vorfall aus Japan: 1784 fuhr ein japanisches Schiff auf Schatz- und Perlensuche in den Pazifik. Bevor es sein Ziel, eine kleine Insel, erreichen konnte, geriet es in einen Taifun, der es leck schlug. Die 45 Mann der Besatzung retteten sich auf ein ödes und kahles Koralleneiland, doch einer nach dem anderen starb den Dursttod. Ehe das Schicksal aber nach Matsuyama aus Honshui griff, hatte er das tragische Los seines Bootes auf ein Stück Holz geritzt, das er in eine Flasche steckte, sie wasserdicht verschloß und unter Aufbietung seiner letzten Kraft ins Meer beförderte. 150 Jahre später wurde eine verschlossene Flasche am Strande von Honshui aufgelesen und geöffnet; sie enthielt die unversehrt gebliebene Nachricht Matsuyamas …
Nicht immer haben Flaschenpostschicksale ein schlimmes Ende. 1950 fand ein russischer Fischer in der Arktis eine Flaschenpost, deren Botschaft in Murmansk entziffert wurde: „Fünf Ponys und 150 Hunde leben noch. Erbitte Heu, Fische und 30 Schlitten. Muß frühzeitig im August Heimweg antreten. Baldwin.“
Der Polarforscher Evelyn Baldwin hatte 1902 für verschollen gegolten, er konnte sich jedoch mit seinen Männern durchschlagen. Als der Fischer 48 Jahre später seinen Hilferuf fand, war Baldwin längst gestorben – im Bett.
Noch heute werden Flaschenpostnachrichten dem Meer übergeben, und zwar systematisch vom Hydrographischen Institut in Washington. Obschon man modernere Meßmethoden für Strömungen kennt, will man auf die Flaschenpost nicht ganz verzichten. Die Flaschen werden an bestimmten Stellen ins Meer geworfen; sie enthalten in mehreren Sprachen die Bitte, der Finder möge den in ihnen steckenden Zettel mit genauer Angabe des Fundortes und Datums an eine angegebene Adresse zurücksenden.
Flaschenpostbriefe haben riesige Strecken zurückgelegt, nicht selten von einem Kontinent zum andern. Eine Flaschenpost hat sogar in südlichen Breiten die Welt umsegelt, in knapp sieben Jahren. Doch immer seltener werden Segler, Fischer und Strandbummler eine Flaschenpost finden, denn im Zeitalter der Technik verläßt man sich mehr auf Funk, Radio und Radar als auf eine Flasche, die vielleicht einmal von den Enkelkindern des Absenders gefunden wird.
Auf Bäumen wachsen Vögel
An der Flasche, die wir aus dem Meer zogen, klebten vier kleine, zarte Entenmuscheln, die bestgehaßten blinden Passagiere der Segler. Im Jugendstadium heften sie sich an Treibholz und Schiffe, zuweilen auch an Schildkröten, Wale und sogar Fische, um sich auf diese Weise eine kostenlose Passage in alle Winkel der Weltmeere zu sichern. Manchmal wachsen sie zu richtigen „Wäldern“ heran, zu Wäldern, die auf dem Kopf stehen und ihre gefiederten Füße wie belaubte Zweige in die Tiefen des Meeres strecken.
Auch unter meinem Einbaum und unter dem Faltboot hatten sich diese unerwünschten Mieter eingemietet und die Geschwindigkeit der Boote herabgesetzt. Zum Ausgleich jedoch bildeten sie im Verein mit anderem pflanzlichen und zoologischen Getier einen kleinen privaten Unterwassergarten, der mir meinen knappen Lebensmittelvorrat strecken half. Hatte ich Appetit auf Entenmuscheln, „pflückte“ ich sie mir aus diesem Garten und verzehrte sie roh, die jüngeren Tiere sogar mitsamt der dünnen Kalkschaie, die sich leicht zerkauen läßt.
In einigen Gegenden der Welt ißt man Entenmuscheln mit Genuß, und das nicht nur in mageren, sondern auch in guten Zeiten. In Südchile, zum Beispiel, wird eine Riesenart dieser Muscheln zu einer Suppe verwendet, deren Wohlgeschmack dem der französischen Bouillabaisse nicht nachsteht.
Die Entenmuscheln durchlaufen eine Reihe eigenartiger Entwicklungsstadien. Daher hat es sehr lange gedauert, bis sie von der Wissenschaft klassifiziert werden konnten. Im Mittelalter glaubten die Gelehrten, sie wären Baumfrüchte, die sich zu Vögeln entwickelten, gelegentlich tot zur Erde fielen und gegessen werden könnten. Dann wieder vertrat man die Meinung, diese seltsamen Lebewesen entstünden aus Fichtenholz, das vom Meer auf den Strand getrieben wird; sie wären echte, kleine Sumpfgänse, suchten ihre Nahrung jedoch aus dem Holz.
Das klingt absurd, doch warum sollte man nicht an diese Baumgänse glauben, wo man doch sogar davon überzeugt war, daß sich Vögel in Frösche verwandeln können?
Entenmuscheln sehen in den einzelnen Stadien ihrer Entwicklung sehr verschieden aus. Zuweilen könnte man sie für Muschelkrebse halten, dann wieder für Schnecken. Als Larven haben sie das Aussehen von Garnelen; in diesem Stadium suchen sie sich ein „Grundstück“ und kleben darauf ihr Fundament. Sie besitzen zu diesem Zweck in ihren Fühlern besondere Drüsen, die einen Zement absondern, mit denen sie sich kopf-zsuerst an die gewünschte Baufläche – beispielsweise eine Schiffswand – anmauern. Versucht man sie später von der Schiffs wand abzureißen, löst man zugleich die Farbe mit ab, an der sie sich festgeschweißt haben. Im Magen von Hornfischen, den speziellen Feinden der Entenmuscheln, fand ich so viele giftige Farbreste, daß ich mich fragte, wie die Fische noch am Leben sein konnten.
Doch zurück zu den Larven. Haben sie sich an dem gewünschten Bauplatz festgemauert, bauen sie sich ein Haus in Form zweier kalkhaltiger Schalen, in das sie sich bei Gefahr zurückziehen können. Ihr Hals beginnt nun in die Länge zu wachsen, ihre Augen bilden sich zurück, und ihre Füße werden zu gefiederten Fächern, mit deren Hilfe sie sich Wasser herbeifächeln, aus dem sie sich ihre Nahrung holen. Mit der Freiheit und Ungebundenheit ist es dann für immer vorbei; aus dem frei umherschwirrenden Planktontier ist ein seßhaftes Schalentier geworden, aus dem Meernomaden ein festgemauerter kopfstehender Rankenfüßler.
„Que Puerto Rico!“
Am frühen Nachmittag liefen wir in die Hafeneinfahrt von San Juan ein, an deren östlicher Seite sich das stärkste Fort, das die Spanier in Amerika gebaut haben, malerisch emporwuchtet.
Als Kolumbus Puerto Rico auf seiner zweiten Fahrt entdeckte, nannte er es San Juan Bautista; jedoch später, als Ponce de Leon hier die erste Siedlung gründete, soll er beim Anblick dieser Bucht ausgerufen haben: „Que Puerto Rico!“ (welch vortrefflicher Hafen!). So wurden die Namen vertauscht. Seit dem Spanisch-amerikanischen Krieg 1899 ist Puerto Rico amerikanisch; seit 1953 erkennen die Vereinten Nationen das Commonwealth Puerto Rico als selbständig an; es regiert sich selbst, seine Bürger besitzen jedoch einen Paß der USA.
Heute wohnen in New York viel mehr Portorikaner als in San Juan; es hat eine Massenabwanderung stattgefunden, die nicht nur den Amerikanern viel Kopfzerbrechen bereitet. Als die Yankees in Puerto Rico einmarschierten, gab es etwa eine Million Einwohner auf der Insel – heute leben mehr als 2,2 Millionen dort, und 700.000 davon sind allein nach New York ausgewandert! Das sind Zahlen, die zu denken geben. Kürzlich sagte der Gouverneur von Puerto Rico zu diesem Thema: „Es ist Ziel eines jeden Mannes, ein Buch zu schreiben, einen Baum zu pflanzen und einen Sohn zu zeugen. Ich wollte, meine Portorikaner schrieben mehr Bücher und pflanzten mehr Bäume!“
Die Amerikaner haben Milliarden von Dollars nach Puerto Rico hineingepumpt, mit dem Erfolg, daß die Sterblichkeit der Bevölkerung auf Ziffern herabsank, die man beinahe als „zivilisiert“ bezeichnen kann, während die Armut der Bevölkerung sich durch die Geburtenexplosion angeblich nicht veränderte. Wenn man sich aber San Juan betrachtet, weiß man, daß hier der Dollar rollt. Der Strand von San Juan kann beinahe mit Miami Beach konkurrieren, so viele elegante Hotels ziehen sich von der typisch spanischen Altstadt bis hin zum neuzeitlichen Flugplatz, unterbrochen von strahlenden Villen in tropischem Grün. Ergab sich früher das Staatseinkommen nahezu ausschließlich durch den Export von Zuckerrohr, so hat die Wirtschaft des Landes heute durch neue Fabrikanlagen, die von den USA unterstützt werden, andere Grundlagen erhalten.
Es ist kaum anzunehmen, daß Puerto Rico sich einmal von den USA trennen wird; zu tief steckt der Dollar im Land, zu viele Portorikaner wohnen in den Staaten, und zu viele Insulaner arbeiten für Amerikaner. Ebenso werden die amerikanischen Jungferninseln im Gegensatz zu den anderen Antilleninseln niemals ihre lukrativen Bande mit den USA durchschneiden: nirgends auf den Karibischen Inseln arbeiten die Eingeborenen so wenig und erhalten dennoch so viel Geld oder Unterstützung wie auf diesen ehemals dänischen Inseln.
Auf dem Konsulat der Dominikanischen Republik holten wir uns ein Visum, um Puerto Plata besuchen zu dürfen. Da es sich um viele Papiere handelte, mußten wir eigens einen Makler in Anspruch nehmen. Man war auf dem Konsulat sehr höflich, deckte uns mit Propagandaliteratur ein und wünschte uns eine gute Reise.
Revolution auf Bestellung
Die Fahrt verlief auch normal. Sobald wir im Norden der Dominikanismen Republik standen, wurden wir jeden Morgen von Militärflugzeugen kontrolliert. Nur unter Vorsegel liefen wir langsam in die Bucht von Puerto Plata und ankerten neben einer Mole für Küstenschiffe.
Sofort kam der Hafenkommandant mit zwei Soldaten an Bord, die mit Maschinenpistolen bewaffnet waren. Während er unsere Papiere prüfte, standen auf dem Vorschiff die beiden Posten mit Zeigefinger am Abdruck, ihre Gesichter so starr und teilnahmslos wie Stein. Der Hafenchef stieg nach unten, um unser Boot zu durchsuchen, aber als er die Propagandaschriften auf dem Kartentisch liegen sah – meine kluge Frau hatte sie deutlich sichtbar dort aufgestapelt –, verwandelte sich seine strenge Dienstmiene und machte einer freundlichen Neugierde Platz.
Und da wir zu unserem großen Glück zum ersten Mal auf dieser Fahrt konsularische Papiere besaßen (die im allgemeinen nicht erforderlich sind, wenn man einen Hafen auf eigenem Kiel anläuft), ließ der Kommandant uns nach Beratung mit dem Einwanderungsoffizier in die Stadt gehen.
Puerto Plata ist so arm wie Cuidad Trujillo, die Hauptstadt, reich ist. Hier schienen mir durch die Hintertür in das Land hineingeraten zu sein. Es gab keine Kanalisation, in den Kloakengewässern am Rande der holprigen Wege tummelten sich kleine Fische, Autos waren kaum zu sehen, und schmucke Villen konnten wir nicht entdecken.
Abgesehen von den Slums machte Puerto Plata einen hundertprozentig spanischen Eindruck. Der Marktplatz hätte aus Südspanien importiert sein können. Auf dem kleinen Rundgang durch die Vororte bekam Niña Mangos und Zuckerrohr geschenkt, das ich zu ihrem Entsetzen auf der Straße zu kauen begann – nach Tropensitte.
Die Dominikanische Republik war derzeit keine Republik, sondern ein scharf kontrollierter Polizeistaat, gelenkt durch eine Familie, durch Rafael Leonidas Trujillo1, den „Wohltäter des Vaterlandes“ und „Befreier der Nation“, und seine Brüder und Söhne. Sie war eine Diktatur, wie sie im Buche steht. Daß auf der anderen Seite in der Dominikanischen Republik in wirtschaftlicher Hinsicht mehr getan worden ist, als in den anderen westindischen Republiken zusammen genommen, muß der Gerechtigkeit halber erwähnt werden. Und wer sich politisch nicht betätigte, konnte ungestört arbeiten; Rassenprobleme kennt man kaum.
Am folgenden Morgen wurden wir durch ein tolles Geschieße aus dem Schlaf gerissen. Einige Kilometer im Westen von Puerto Plata wurden Napalm-Bomben geworfen; wir hörten Bazooka-Explosionen und Maschinengewehrfeuer. Sollte Fidel Castro eine kleine Invasion unternommen haben? Es wäre nicht das erste Mal gewesen, daß er in der Dominikanischen Republik zu landen suchte, ganz zu schweigen von seinen Invasionsversumen in Panama oder Nicaragua.
Das ist Lateinamerika: für ein paar Pesos finden sich immer Männer bereit, die eine Revolution starten. In Kuba kann man ganze Schiffsladungen mit Revolutionären kaufen; sie gehen dorthin, wohin man sie befiehlt – für eine Handvoll Reis, poco dinero, und die Aussicht, ein Held zu werden. Man erzählt ihnen, sobald sie fremden Boden betreten, werde das Volk sie als Befreier feiern und ihnen zur Seite stehen …
Die Antwort der Dominikaner lag in der Luft; Jagdbomber sausten im Sturzflug immer wieder auf die Verblendeten herab, die ihr Abenteuer mit dem Leben bezahlen mußten. Bald kam ein dominikanisches Kriegsschiff an die Mole und entlud Verwundete.
Da wir eigentlich schon an diesem Tage abfahren wollten, meldete ich mich beim Kommandanten, der mir jedoch eröffnete, daß dies unmöglich sei. Ein Hurrikan sei im Anzug. Offensichtlich wußte er nicht, welche Rolle wir bei diesem kubanischen überfall spielten; waren wir wirklich rein zufällig hiet, oder sollten wir etwa Spione sein? Sicherheitshalber heftete er uns emen Detektiv an die Fersen, der uns überall hin begleitete.
Am Nachmittag schlenderten wir zum Marktplatz, wo wir im Bamboo-Hotel unseren Durst löschen wollten. Keine Seele war auf den Straßen zu sehen; aus Türeingängen und Fenstern stierte man auf uns, als wären wir furchterregende, seltene Tiere. Der Barbesitzer fragte neugierig, welche Nationalität wir hätten. Da er uns schon am vorherigen Tag gefragt hatte, gab ich ihm diesmal zur Antwort, wir seien Kubaner. Kurz darauf kam ein Sergeant, lud uns auf einen Jeep und brachte uns zurück zur Mole, wo wir einen schwer bewaffneten Soldaten auf unser Boot gesetzt bekamen.
Über das Städtchen war der Ausnahmezustand verhängt worden; der Kommandant gab uns zu verstehen, es täte ihm leid, daß er uns festhalten müsse, jedoch Befehle seien Befehle. Selbst am Spätnachmittag dauerte das Geschieße an, ein Zeichen, daß das kubanische Boot noch immer nicht versenkt war.
Beinahe gerammt!
Am nächsten Morgen ließ mich der Marinekommandant rufen. Ich war auf das Schlimmste gefaßt. Jedoch was wollte er? Ein Bild mit einem Autogramm! Er hatte inzwischen Erkundigungen über uns in Ciudad Trujillo ich hatte dort Bürgen – eingeholt und wußte nun, wer wir waren und daß unsere Pläne mit den kubanischen Absichten nichts zu tun hatten. So segelten wir ab, wir winkten sogar …
Kaum waren wir einige Seemeilen weit aufs Meer hinausgefahren, als es von neuem begann. Ein dominikanisches Kriegsschiff versuchte sich an uns. Wir hatten seine Flagge gesetzt, die deutsche natürlich auch. Niña riß mir die Mütze vom Kopf! Richtig, blonde Kubaner gibt es kaum! Aber das Kriegsschiff schaute nicht auf die Haare, es wollte sehen, ob wir segeln konnten.
Es kam von achtern bedrohlich nahe auf, wir gingen auf einen anderen Bug – das Kriegsschiff folgte und kam näher und näher. Erst unmittelbar vor dem messerscharfen Bug wechselten wir den Kurs wieder – ja, es herrschte Wind, und da konnte man segeln! Das Kriegsschiff brauste vorbei. Es war zwar noch mehr als eme Daumenbreite zwischen ihm und der LIBERIA, aber dennoch: uns langte es.
Eine befreundete, amerikanische Yacht, die „Eleuthera II“, war in Haiti von Geschossen durchlöchert worden, ein anderes größeres Boot war hier aufgebracht und nach Puerto Plata eingeschleppt worden, ein drittes vermißt. Es herrschte keine friedliche Stimmung in dieser Gegend; die leichtfertigen Unternehmungen kubanischer Revolutionäre hat manches unschuldige Boot teuer bezahlen müssen.
Unter diesen Umständen verzichteten wir darauf ‚Cap Haïtien‘ und das „Achte Weltwunder“, die Zitadelle, zu besuchen, wir verzichteten auf Kuba und segelten durch Riffe, Sandbänke und Inseln, die sich allesamt Bahamas nennen, nach Miami. Unter Segel erreichten wir das City Yacht Basin.
Man gratulierte uns. Warum? Keiner hat je ein Kielboot unter Segel in Miami anlegen sehen. Für uns war’s ein stolzer Abschluß.
Meine dritte Fahrt war beendet. 14119 Seemeilen hatte die LIBERIA IV hinter sich gebracht, nahezu 10.000 Seemeilen davon waren Küstenfahrt mit all dem Arger, den eine solche Fahrt nun einmal mit sich bringt. Dreimal hatte ich den Atlantik überquert, dreimal hatte ich mit heiler Haut mein Ziel erreicht.
1 R. L. Trujillo fiel im Mai 1961 einem Attentat zum Opfer. Ciudad Trujillo heißt heute wieder Santo Domingo; das Land ist wieder eine Republik geworden.
ELFTES KAPITEL
DER LAIE FRAGT
Als wir schon eine Weile in Miami an der Pier lagen, fuhr eines Tages ein Ausflugsboot voller Touristen an uns vorbei. Der Reiseführer deutete auf die LIBERIA IV und sagte im Vortragston – als gehöre dieser Satz bereits zu seinem Repertoire: „And this is the boat that came all the way from Germany.“
Alle Köpfe drehten sich pflichtschuldigst nach rechts und wandten uns erstaunte Gesichter zu, und dann hörten wir die ungläubige Stimme einer Frau: „Dieses kleine Boot? Wie ist das möglich? Aha – sicher ist es von Insel zu Insel gesegelt!“
Der Reiseführer überlegte einen Augenblick: „Sicher“, meinte er dann beruhigt; im Boot erhob sich kein Widerspruch.
Ich war herzlich froh, daß ich die Dame nicht über die Inseln im Atlantik aufzuklären brauchte. Fragen dieser Art war ich allerdings gewöhnt; sie regneten nach jeder meiner drei Atlantiküberquerungen auf mich herab. Da fragte zum Beispiel jemand (und das war weitaus schlimmer), ob mich auf meinen Fahrten ein Schiff begleitet habe: zum Schutze gewissermaßen. Das klingt absurd, wird aber verständlicher, wenn man bedenkt, daß es viele Segler gibt, die unterwegs an Bord von Handelsschiffen gehen und „auftanken“ – Essen, Schlaf, Dieselöl – und sogar später noch mit höchsten seglerischen Auszeichnungen belohnt werden.
Ich selbst hätte es für unter meiner Würde gehalten, ein Schiff zu stoppen, um meine Position zu erfahren oder Verpflegung zu übernehmen. Wer sich aufs Meer begibt, soll sich so vorbereiten, daß ihm nach menschlichem Ermessen nichts passieren kann – oder aber er bleibt besser zu Hause und begnügt sich mit der Lektüre von Segelbüchern.
Kapitäne großer Schiffe, die von einer Yacht oder einem Kleinstboot um Hilfe gebeten werden, sollten deren Besatzungen wie Schiffbrüchige behandeln und an Bord nehmen, Hilfeleistungen anderer Art jedoch ablehnen. Wenn jemand in einem Segelboot über den Ozean schippert, ist er noch lange nicht berechtigt, einen Dampfer außer Kurs zu bringen, sobald er Appetit auf ein Glas Bier verspürt.
Auf meinen beiden ersten Fahrten haben mir zwei Frachter und eine Yacht ihre Hilfe angeboten – gegen meinen Willen und weil sie glaubten, sie könnten mir einen Gefallen damit tun; selbstverständlich lehnte ich diese gutgemeinten Angebote dankend ab.
Häufig bin ich von jungen Leuten gefragt worden: „Ich möchte ähnliche Fahrten wie Sie unternehmen – glauben Sie, daß ich es schaffe?“
Erkundige ich mich nach ihren bisherigen seglerischen Erfahrungen, zuckten sie die Achseln: sie hatten keine. Courage allein, so glaubten sie, genüge. Oder es geschah, daß Sonntagssegler selbstgefällig riefen: „Im Faltboot – verrückt! Ich würde das nie tun!“ – als sei ihnen der Erfolg gewiß, und sie blieben nur aus Vernunftsgründen an Land! Beide vergaßen – oder wußten nicht einmal –, daß die Vertrautheit mit Kleinstbooten zunächst einmal unbedingte Voraussetzung für ein solches Unternehmen ist. Ich bin schon seit frühester Jugend gesegelt und gepaddelt und habe Meeresfahrten unternommen, die andere nur in großen Yachten wagen. Meine Rekordfahrten in Einbaum und Faltboot sind kein Zufallsprodukt und kein Glückstreffer, sondern das Ergebnis vieler, zum Teil recht enttäuschend verlaufener Probefahrten.
Den vielen Landratten, die das Meer höchstens von der Landkarte her kennen und es dennoch mit Kanus, Schlauchbooten und Flößen befahren wollen, muß von allen Experimenten dringend abgeraten werden, oder aber angeraten, erst einmal einige längere Probefahrten zu unternehmen. Sie haben meist von Strömungen, vorherrschenden Windrichtungen und Gezeiten keine Ahnung; Seemannschaft und Navigation sind ihnen Fremdwörter. Sie starten in Cuxhaven und begraben ihre Hoffnungen und Träume bereits beim Anblick der mäßig bewegten See. Sitzt die Verzweiflung ihnen jedoch im Nacken, dann setzen sie alles auf eine Karte und fahren wider jegliche Vernunft, wider ihren Instinkt sogar, aufs Meer. Fast keiner von diesen Kandidaten erreichte sein Ziel; mancher wurde von einem mitleidigen Kapitän gerettet; die meisten jedoch kamen ums Leben.
Im Gegensatz zu Ozeanfahrten in Kleinstbooten sind überquerungen in Yachten, von denen jeder zweite Segler träumt, bei entsprechender Vorbereitung durchaus realisierbar. Wenn jemand mit einer Yacht über den Ozean segeln will, ist es ratsam, einem Segelclub beizutreten, damit er möglichst viele Tips von erfahrenen Seglern bekommen kann. Auch mir haben ältere Segler bereitwillig ihre Hilfe angeboten, als ich mir die LIBERIA IV bauen ließ. Denn genau wie Slocum oder Bardiaux kannte ich zwar das Meer, war aber damit noch lange kein erfahrener Yachtsegler.
Außer mir haben erst fünf deutsche Segler allein den Atlantik überquert: Kapitän Schlimbach, Kapitän Franz Romer, Paul Müller, Hein Garbers und Günter Plüschow. Romer segelte in einem speziell für diesen Zweck angefertigten Faltboot und ging nach seinem zweiten Landfall auf der amerikanischen Seite in einem Sturm unter. Müller lief nach seiner überquerung mit der Slup „Aga“ mehrere amerikanische Häfen an, erlitt aber in Höhe von Kap Hatteras vor der Küste von Nordkarolina Schiffbruch. Er konnte sich schwimmend an Land retten. Kapitän Schlimbach segelte 1937 in seiner „Störtebeker III“, einer Yawl, von Lissabon nach New York, und der Bootsbauer Hein Garbers fuhr ein Jahr später in einer Slup von Hamburg nach New York. Heute besitzt Garbers in Hamburg seine eigene Bootswerft.
Auch einige naturalisierte Amerikaner, die in Deutschland geboren wurden, haben Ozeane bezwungen, darunter die Kapitäne Eisenbraun und Voss.



