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„Wow, das ist klasse. Und du bist sicher, deine Mitbewohner haben nichts dagegen?“
„Jap, bin ich.“ Sie grinst. „Die Maschine gehört nämlich mir.“
Kapitel 2
Erleichtert seufzend lässt Sina sich auf das Hotelbett fallen. Die Beine tun ihr weh vom Durch-die-Straßen-Laufen. Was für ein anstrengender und gleichzeitig so phänomenal geiler Tag. Yeah!
Sie starrt gegen die weiße Zimmerdecke, und ein dickes, fettes Grinsen breitet sich in ihrem Gesicht aus. Es hat alles geklappt. Sie hat den Mietvertrag für die schönste Wohnung der ganzen Stadt in der Tasche, hat eine neue, coole Frisur und kennt eine Frau, die vielleicht ihre Freundin wird. Sie hat sich einen sauteuren, ultramodernen Laptop ausgesucht und pfiffige Klamotten, geile Stiefeletten mit kleinen Absätzen und eine Handtasche gekauft. Kichernd schüttelt sie den Kopf. Das ist alles Zeugs, mit dem sie sich ganz fremd vorkommt. Sie wird sich überwinden müssen, damit tatsächlich in die Öffentlichkeit zu gehen, aber das Anprobieren und Kaufen hat wahnsinnigen Spaß gemacht. Und zum Schluss war sie auch noch in einem Drogeriemarkt und hat jede Menge verschiedener Tuben, Lippenstifte, Pinsel und Farbdöschen in den Einkaufswagen gepackt.
Sie grapscht nach dem Kopfkissen und schlägt es gegen ihre Stirn. „Meine Güte, Apfelsinchen, deine zukünftigen Make-up-Variationen musst du aber gut üben, damit du nicht versehentlich wie der Clown Augustin durch die Straßen läufst“, mahnt sie spöttisch und ahmt dabei die Stimme der kernigen Friseurin nach.
Sie seufzt glücklich. Oh ja, sie ist verdammt froh, in Hamburg zu sein. Sie setzt sich auf, verschränkt die Beine zum Schneidersitz und schüttelt die Haare. Es fühlt sich toll an, den schweren dicken Zopf los zu sein. Ihr Blick fällt auf den Karton mit dem neuen Laptop. Fast atemlos vor Glück robbt sie vor, hebt ihn aufs Bett und packt das Gerät vorsichtig aus. Zuhause hat sie immer noch den uralten PC benutzt, den sie damals von ihren Eltern für die Schule bekommen hat. Nicht mal Videos konnte man damit ansehen.
Jetzt liegt dieses metallisch glänzende, handliche Wunderding vor ihr auf der Matratze. Zärtlich streicht sie mit den Händen darüber. „Du bist meine Zukunft“, flüstert sie und klappt behutsam, fast ehrfürchtig, den Bildschirm auf. Laut dem Verkäufer im Elektronikmarkt ist alles fix und fertig vorinstalliert und sie kann sofort lossurfen. An der Rezeption hat sie sich das Passwort fürs WLAN geben lassen. Nun schaltet sie das Notebook ein und starrt erwartungsvoll auf den Bildschirm. Tatsächlich, sie gelangt mit zwei Klicks direkt ins Internet. Wow.
Aufgeregt reibt sie sich die Hände. Okay, als Erstes den Facebook-Account einrichten. Oder?
Nein, vorher ein schönes Foto mit dem Handy für das Profilbild schießen und dann das Benutzerkonto anlegen. Und für das schöne Foto muss sie wissen, wie man dieses Make-up-Zeug benutzt. Kein Problem, sie hat ja Mister Google und kann jetzt sogar YouTube gucken. Da wird sie sicher Anleitungen für perfektes Schminken finden.
Drei Stunden später sieht das Badezimmer aus, als ob ein Kind mit Fingerfarben das Waschbecken angemalt hätte. Sina strahlt glücklich ihr Spiegelbild an. Der neue Laptop steht mit einem Handtuch geschützt auf dem zugeklappten Klodeckel, und sie hat per Videoclip-Anleitungen geübt, sich zu schminken. Nach unzähligen Versuchen mit Tuben, abgebrochenen Stiften, Pinseln und Mascaraflecken auf dem Kinn, Lachanfällen und Seifenschaum im Gesicht, um den Clown wieder in Sina zu verwandeln, hat sie es raus und sich so geschminkt, dass sie sich selber mag.
Vergnügt zieht sie sich die neue dunkelblaue Bluse mit den in hellblau dezent abgesetzten Linienmustern an und schießt kichernd mindestens fünfzig Selfies. Was für ein Glück, dass die Friseurin sich durchgesetzt hat. Der Schnitt ist einfach klasse, und mit den dunkel geschminkten Augen sieht sie ganz fremd, aber … ja … toll aus. Das schönste Bild wird zum Profilbild auf ihrer nagelneuen Facebook-Seite. Stolz betrachtet sie den Computerbildschirm und stellt sich vor, wie bald die Posts und Nachrichten vieler Freunde die Timeline füllen werden. Glücksgefühle kribbeln durch ihre Adern. Endlich leben. Oh Mann, sie ist so happy.
Plötzlich knurrt ihr Magen laut und fordernd. Sie sieht auf die Uhr. Schon nach neun. Mist. Sie hat vollkommen die Zeit vergessen.
An der Reeperbahn ist ein Imbiss. Dorthin ist es nicht weit, aber es ist dunkel. Falsch, die dumme Mimosensumpfkuh in ihrem Kopf vergisst, dass es hier in der Stadt nie wirklich Nacht ist, weil überall Straßenlaternen stehen. Sie kann es wagen, oder? Soll sie es wagen?
„Verdammt, Kuh, halt den Mund. Natürlich wag ich es!“ Sie hat eine neue Frisur, hat sich toll geschminkt, hat moderne Klamotten, fängt IHR Leben an, und sie wird diesen Tag perfekt machen, indem sie einen abendlichen Bummel über die Reeperbahn wagt.
Ganz allein? Wirklich?
„Still, du blöde Miesmachersumpfkuh!“ Da sind überall Menschen. Es ist kein Risiko. In ihrem neuen Leben werden, verdammt noch mal, Abende in der Öffentlichkeit eine Selbstverständlichkeit sein! Wann will sie anfangen, wenn nicht sofort? „Zum letzten Mal, verpiss dich, Kuh!“, knurrt sie, zieht sich eilig an und verlässt das Hotelzimmer.
Es regnet nicht mehr. Leichter Wind spielt mit ihren offenen Haaren, und es ist ein tolles Gefühl, die Strähnen aus dem Gesicht hinters Ohr zu streichen.
Überall geben Laternen und Lichtreklamen Helligkeit ab und jede Menge fröhlicher Menschen, Männer und Frauen, sind hier abends unterwegs. Es ist perfekt. Sina hat keine Angst. Vergnügt beißt sie in die Currywurst, nachdem der Imbissverkäufer sie ihr über den Tresen gereicht hat, und schlendert weiter den breiten Bürgersteig entlang. Sie ist stolz, ja, sehr stolz. Schließlich ist die Reeperbahn Hamburgs sündige Meile, wie sie bei Google gelesen hat, und trotzdem geht sie hier allein spazieren. In der Nacht! Im Dunkeln! Sie ist so cool! Sie kann alles, was sie will. The fucking Mimosensumpfkuh hat ihr gar nichts mehr zu sagen. Oh ja, das Leben fühlt sich verdammt geil an, wenn man mutig ist.
Die Atmosphäre auf der berühmten Flaniermeile ist herrlich, so voller Lärm und Aktivität, und sie ist mittendrin. Yeah! Yeah! Yeah!
Sie fühlt sich attraktiv und hat sich sogar Schaufenster angesehen, also, nicht irgendwelche, sondern Sexshopschaufenster, wie die Touristen, die überall im Weg herumstehen, um Fotos zu knipsen. Ob sie sich einen Vibrator anschaffen sollte? Innerlich kichernd stellt sie sich vor, mit so einem lila Ding zu experimentieren, wie sie es in einem der Sexshopfenster gesehen hat. Ja, vielleicht kauft sie mal so ein Teil. Zweimal hatte sie überdies den Eindruck, dass sie von Männern interessiert gemustert wurde, und selbst das hat nicht zu panischem Herzrasen geführt. Sie ist ein neuer Mensch und das Leben ist fantastisch!
Das Bild vor ihren Augen und ihre Reaktion kommen wie ein plötzlicher gleißender Blitz, im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Nichts.
Da ist dieser Typ, der, halb auf der Straße stehend, gebeugt fotografiert, und das Auto, das sich von hinten nähert und direkt auf ihn zurast.
„Vorsicht!“ Sina greift mit der freien Hand zu, ohne zu überlegen. Sie erwischt ihn am Oberarm und sein Ellenbogen schleudert seitlich gegen ihre Rippen. Sie verliert das Gleichgewicht und fällt rückwärts. Unmittelbar darauf folgt ein leichter Rempler eines Passanten von der anderen Seite, wodurch sie halb gedreht nach vorn gestoßen wird. Sie landet mit der Brust auf einem muskulösen, flachen Bauch und mit der Hand direkt auf einer warmen, ausgeprägten Ausbuchtung einer Jeans. Alles geht so schnell, dass ihre Reflexe nicht reagieren, sie stößt nicht mal einen Schrei aus. Um sie herum duftet es plötzlich unglaublich maskulin, sehr herb, vielleicht nach Holz und Moos, gemixt mit einer süßlich- bitteren Nuance. Sie saugt die aromatisierte Luft ein, dreht irritiert den Kopf und starrt gegen einen Männerarm in einer dicken Jeansjacke, der wie ein Pfahl gerade in Richtung Himmel aufragt. Ihr Blick folgt ihm hinauf, und sie erkennt in seiner Hand eine dieser teuren Spiegelreflexkameras, wie Fotografen und Journalisten sie benutzen.
„Fuck“, stößt eine raue, tiefe Stimme nah an ihrem Ohr aus. Schlagartig kapiert Sina, dass sie auf dem Brustkorb des Mannes liegt, den sie gerade von der Straße gezerrt und der den Arm hochgerissen hat, um die Kamera vor einem Aufprall zu schützen. Zu allem Überfluss fasst ihre Hand in etwas Warmes, Klebriges, Dickes auf rauem, feuchtem Jeansstoff über einem Ding zwischen seinen Beinen, was ist … wieso … WAS?! Jeder Muskel in ihrem Körper spannt sich augenblicklich an, und sie strampelt planlos hektisch herum, bis der Typ seinen Oberkörper aufrichtet und sie dabei mit anhebt. Ihre Füße finden Halt und sie rappelt sich ungelenk auf. Eine Sekunde später steht er auch und sie weicht erschrocken einen Schritt zurück. Er ist mindestens zehn, nein, gefühlte zwanzig Zentimeter größer als sie und seine Statur wirkt beeindruckend kräftig. Er ist schlank und seine langen, muskulösen Beine stecken in einer ausgeblichenen Jeans.
„Kannst du nicht aufpassen?“, donnert seine Stimme über ihr und ihr Blick zuckt hoch. Sie sieht im Strahl der Laterne nur die Hälfte seines Gesichtes. Der Rest liegt im Schatten. Zu erkennen sind schwarze, militärisch kurze Haare, dichte Augenbrauen und eine missmutig gekrauste Stirn. In seinen dunklen, bedrohlich zusammengezogenen Augen glitzert das gespiegelte Licht der Leuchtreklamen. Schmale Wangen und geschwungenen Lippen betonen den kräftigen Unterkiefer und das ausgeprägte Kinn. Ein Dreitagebart und die groben Schatten durch den Lichteinfall geben dem Gesicht einen herben, bedrohlichen Ausdruck. Seine Gestalt wirkt auf Sina beängstigend dominant und gleichzeitig verwirrend anziehend. Anscheinend erwartet er keine Antwort, denn er schenkt seine volle Aufmerksamkeit seiner Kamera. Nachdem er sie von allen Seiten begutachtet und ein paar Knöpfe gedrückt hat, knurrt er ein kaum verständliches „Funktioniert. Glück gehabt“.
Ihre Wahrnehmung wird abgelenkt. Sie hat wohl in einer unbewussten Schreckbewegung die Hand an den Mund gelegt, aber was klebt da so? Sie dreht die Handfläche und starrt auf glibberige, rötliche Soße.
„So eine Scheiße!“, flucht der Typ, der in diesem Moment anscheinend auch bemerkt, dass etwas Widerliches zwischen seinen Lenden pappt.
„Keine Scheiße, nur Soße“, rutscht es Sina trocken heraus, die soeben Curry auf ihren Lippen schmeckt und begreift, dass ihre Hand im Sturz die Currywurst auf seinem Schwanz zerquetscht hat. Oh je. Blamage in Perfektion.
„Nach vorn gucken soll helfen“, knurrt er genervt, und erst, als Sina auffällt, dass er deutlich angepisst in ihre Richtung starrt, wird ihr klar, dass er sie angesprochen hat.
„Wie bitte?“
„Augen auf beim Gehen, Mädel, hat deine Mutti dir das nicht beigebracht?“
„Ich?“ Perplex starrt sie zu ihm auf.
„Nein, die zehntausend anderen hier.“ Er schnaubt trocken. „Ja! Du! Wer sonst wollte mich gerade über den Haufen rennen?“
„Ich habe dir das Leben gerettet, du Spinner! Und das da“, sie zeigt auf seinen Penis, „war mein Abendessen!“ Ihre Stimme bebt vor Entrüstung.
„Willst du es abschlecken?“, fragt er süffisant grinsend.
Augenblicklich glüht ihr Gesicht. Der Mistkerl grinst immer noch so frech. Er verarscht sie! Was bildet dieser arrogante Schnösel sich eigentlich ein?
„Statt mich hier blöd anzumachen, wäre eine Entschuldigung angebracht! Wenn ich dich nicht zurückgezogen hätte, säßest du jetzt im Fahrstuhl auf dem Weg in die ewigen Jagdgründe“, faucht sie, ohne über die Worte nachzudenken, bevor sie sie aus ihrem Mund flutschen lässt.
Er stutzt. „Wieso das denn?“
„Weil ein Auto dich fast erwischt hätte, Ar… äh … Blödmann.“
Irritiert dreht er sich halb und betrachtet den Platz, auf dem er gestanden hat, als sie ihn wegzog. Dann schüttelt er den Kopf. „Du spinnst. Da kann kein Auto kommen.“
„Natürlich! Ich hab’s doch gesehen! Meinst du, ich fasse Affen wie dich zum Spaß an?“, keift sie und umklammert ganz automatisch mit der rechten Hand die linke Faust, vermutlich weil ihr Unterbewusstsein sie davon abhalten will, auf ihn einzuschlagen. Vielleicht ist sie aber auch einfach nur furchtbar nervös. Das Ketchup quillt zwischen den Fingern heraus und verursacht ein leises Schmatzen.
Er verdreht die Augen, hängt die Kamera über die Schulter, greift mit beiden Händen an ihre Oberarme und dreht sie ruppig um. „Da! Siehst du das? Das nennt man Absperrung. Hier fährt keiner.“
Ach du Scheiße. Tatsächlich. Aus ihrem Blickwinkel waren die zwei Pfähle und das Baustellengitter wohl nicht zu sehen gewesen. Er hat recht. Er war nicht in Gefahr gewesen. Das Auto hätte in jedem Fall einen Bogen gemacht.
„Oh.“
„Ja, oh“, ahmt er sie ironisch nach. „Fuck!“
„Das ist noch lange kein Grund, mich so anzumotzen. Schließlich habe ich es nur gut gemeint!“
„Du hast fast meine teuerste Kamera zerstört und …“, er sieht genervt stöhnend an sich hinab, „ganz eindeutig meine Hose versaut.“
Sina presst vor lauter Zorn und Scham die Lippen fest aufeinander. Sie hat sich gerade blamiert, okay, ja. Kann passieren, oder? Deswegen muss dieser Typ sich nicht wie das arroganteste Arschloch des Jahrhunderts aufführen.
Sein Blick scheint ihr Gesicht zu sezieren und ihr Wutpegel steigt. Der soll sie nicht so anstarren!
Als könnte er ihre Gedanken lesen und würde sich darüber amüsieren, verzieht sich sein Mund zu einem frechen Jungsgrinsen, während er neckisch den Kopf zur Seite neigt.
Von einer Sekunde zur anderen ist alle Bedrohlichkeit aus seiner Miene verschwunden, und ohne irgendeine Vorwarnung jagt ein glühend heißer Schauer durch Sinas Körper, direkt in ihre Geschlechtsorgane. Sehnsüchtiges Summen setzt in ihnen ein. Wie hypnotisiert starrt sie in dieses völlig verwandelte Gesicht, das plötzlich eine magische Anziehungskraft ausstrahlt.
„Du wolltest mich echt retten?“, holt seine Stimme sie in die Wirklichkeit zurück.
„Garantiert zum letzten Mal“, grummelt sie unsicher.
Er zwinkert. „Bevor du mich erwürgst, nachdem ich deine Rettung überlebt habe, schlage ich vor, wir schließen einen Waffenstillstand, okay?“ Er zieht ein Päckchen Taschentücher aus der Jacke. „Bitte, bedien dich.“
Sina schluckt. Das völlig unerwartete Schmetterlingsflattern in ihrem Bauch bringt sie aus dem Konzept. Seine weich geschwungenen Lippen unter der unwiderstehlich erotischen Nase ziehen ihren Blick an wie eine Schokoladensahnetorte im Schaufenster einer Konditorei. Erotische Nase? Oh Gott! Was geht in ihrem Kopf vor?
Sie zwingt sich, die Schultern nach hinten zu drücken und das Kinn selbstbewusst vorzurecken. Das elende Zittern ihrer Finger, als sie nach einem Taschentuch greifen will, kann sie leider nicht verbergen.
Er zieht das Päckchen zurück. „Warte, du hast das Zeug ja überall kleben. So versaust du mit einem Griff gleich die ganze Packung.“ Er sieht sich kurz um und schiebt sie zwei Schritte nach links, direkt unter eine Straßenlaterne, an der auch ein Müllkorb befestigt ist. Dann zupft er eins der Papiertücher heraus und schüttelt es auf. „Zeig her.“
Verwirrt beobachtet sie, wie er vorsichtig die rote Soße von ihren Fingern wischt und das beschmierte Taschentuch wegschmeißt. Unter der Laterne ist es hell und sie kann alles sehen. Seine Hände sind groß und wirken kräftig. Sehnen und Adern ziehen sich deutlich strukturiert über die Handrücken. Winzige schwarze Härchen bedecken die Haut. Er ist einen halben Schritt nähergetreten und sein unwiderstehlicher Duft lullt sie wieder ein. Was ist das? Rasierwasser? Männerparfüm? Oder eine Seife?
Ihre Finger sind halbwegs sauber und sie hebt das Gesicht. Er lächelt. Augenblicklich glühen ihre Wangen und trotzdem muss sie ihn weiter anstarren. Diese schönen Lippen. Dieses Lächeln! Es fühlt sich an, als würden warme Sonnenstrahlen in ihren Brustkorb eindringen. Was ist das bloß?
Während seine Mundwinkel amüsiert zucken, wandert sein Blick eindeutig neugierig über ihr Gesicht. Reflexartig will sie zurücktreten.
„Warte“, murmelt er, nimmt ein neues Taschentuch und hebt die andere Hand. Er schiebt vorsichtig ein paar Haarsträhnen zurück, um ihr Kinn und ihre Wangen abzuwischen. Sina steht wie zu einer Salzsäule erstarrt regungslos da. Seine Finger sind warm und seine Bewegungen sanft. Ihre Brustwarzen ziehen sich zusammen, sie möchte sich an ihn schmiegen und … sie wird feucht. Oh Gott! Unwillkürlich spannt sie die Oberschenkelmuskeln an und muss sich zwingen, nicht die Beine zusammenzukneifen. Nachher denkt er noch, sie müsste dringend Pipi machen.
Er senkt die Hände und schmunzelt mit Blick auf ihren Mund. „Süß. Mit und ohne Ketchup.“ Seine Mimik und die tiefe, raue Stimme wirken amüsiert, aber nicht gemein, eher warmherzig, fast zärtlich. Ihr Herz klopft schneller. Mag er sie etwa?
Nein. Sie runzelt unzufrieden die Stirn. Verdammt, wo ist ihr Verstand geblieben? Ist sie denn so ein dummes Landei, dass sie sich beim ersten Lächeln eines sexy Typen, dem garantiert reihenweise Frauen hinterherlaufen, was völlig Bescheuertes einbildet? Der Mistkerl verspottet sie doch nur, weil sie gerade keinen intelligenten, sondern einen total dümmlichen Gesichtsausdruck zur Schau stellt. Das ist die Realität! Sie starrt ihn an wie ein pubertierender Teenager einen Superstar. Vermutlich passiert es ihm täglich, dass Frauen ihn so anschmachten. So, wie er aussieht. Verdammt, sie macht sich gerade so was von lächerlich. Verflixte Gefühlsduselei! Entschieden tritt sie einen halben Schritt zurück. „Danke.“ Ihre Stimme klingt rau. Auch das noch!
„Gern geschehen.“ Er dreht sich etwas in Richtung Laterne und wischt die deutliche Penisausbuchtung zwischen seinen Beinen, so gut es geht, sauber.
Sie kann nicht aufhören, genau dort hinzustarren. Es ist zum Verrücktwerden. Erst, als er das letzte Taschentuch im Mülleimer entsorgt und das Gesicht wieder ihr zuwendet, erwacht sie aus dieser seltsamen Trance. Was tut sie? Warum steht sie hier noch rum? Sie sollte jetzt wirklich …
Er zwinkert. „Lass uns was trinken gehen. Ich lade dich ein, weil du mein Leben retten wolltest.“
„Was?“ Verblüfft glotzt sie zu ihm auf.
Er verdreht die Augen. „Das ist keine blöde Anmache. Ich schwöre.“
„Ähm … nein. Ich muss weiter. Danke.“
Er verzieht das Gesicht wie ein Kind, dem das frisch gekaufte Softeis aus der Hand gerutscht ist. Ha! Das ist der Schönling wohl nicht gewohnt, dass eine Frau mal Nein sagt. Unwillkürlich gluckst Sina und beißt sich schnell auf die Lippe, damit er sie nicht für völlig bescheuert hält.
Er guckt wieder ernst, aber seine Mundwinkel zucken, während er sich zu ihr hinabbeugt. „Du hast dein Leben für mich riskiert und ich war leider unfreundlich, bitte lass mich das ausmerzen“, flüstert er dicht an ihrem Ohr, als ginge es um ein Staatsgeheimnis. Seine Duftwolke hüllt sie kurz ein und in ihrer Klit puckert es aufdringlich. Als er sich wiederaufrichtet, kann sie sich gerade so davon abhalten, ihre Nase nach oben zu strecken, um den Geruch noch weiter einzusaugen.
„Ich hab gar nichts für dich riskiert“, stößt sie rüder als nötig hervor.
Er zwinkert. „Doch, das hast du. Gib mir die Chance, es wiedergutzumachen. Bitte.“
Sie kann mit der Situation nicht umgehen. Nur weil ein Typ sie anlacht, tropft sie ihr Höschen voll! Das ist nicht zu fassen! Sie muss jetzt unbedingt verschwinden, um sich nicht noch schlimmer zu blamieren. Energisch drückt sie die Schultern nach hinten. „Nicht nötig.“
Er lächelt, intensiv, irgendwie magisch, und sie kann nicht anders als zurückzulächeln. Verflixte Hormone. Flirtet er etwa mit ihr? Hilfe!
„Ich war ja auch nicht gerade freundlich“, erwidert sie hastig und zwingt sich, den Blick abzuwenden.
„Umso mehr ein Grund, sich jetzt nett kennenzulernen. Außerdem möchte ich dich unbedingt in meinem Studio fotografieren. Du hast ein faszinierendes Gesicht. Ich bin Samuel, für Freunde Sam.“
Ihr Herz klopft hart in der Brust. Nein, das geht nicht. Das ist zu viel.
„Ich kann nicht“, stößt sie etwas zu schrill aus. „Tut mir leid. Ich … ähm … bin verabredet.“
„Fuck, jetzt hast du mich falsch verstanden. Kein Pornoscheiß, dein Gesicht! Ich bin ein seriöser Fotograf. Ehrlich.“
„Nein.“ Sie schüttelt wild den Kopf.
„Lass uns zusammen einen Kaffee trinken. Bitte. Nur einen Kaffee!“
„Vielleicht ein andermal“, krächzt sie und dreht sich um. „Ich … ich muss jetzt …“
Ihre Füße laufen los, ohne das mit ihrem Kopf abzustimmen.
„Hey! Wie heißt du? Wie finde ich dich? Nun warte doch, ich geb dir wenigstens meine Karte“, ruft er, aber sie kann nicht mehr bleiben. Ihre Beine rennen einfach weiter. Schnell weg, bloß weg.
Erst im Hotel beruhigt sich ihr Herz, und erst allein im Zimmer kann sie wieder normal denken. Still liegt sie auf ihrem Bett und erlebt alle Einzelheiten ihres Abenteuers noch einmal. Jedes Wort und jede Geste hat sich in ihr Gedächtnis gebrannt, und das Gefühl seiner Finger auf ihrer Haut wird sie in ihrem ganzen Leben nicht vergessen.
Sie sieht sein Gesicht vor sich, sieht ihn lächeln. Und zwinkern. Schon wieder summt es in ihrem Bauch und sie wird feucht. Das ist doch nicht zu fassen! Und dieser Duft, den hat sie auch immer noch in der Nase. Nie vorher hat sie einen Mann getroffen, der so gut duftet.
Ganz allmählich wird ihr das unfassbare Ausmaß ihres Abenteuers bewusst. Sie hatte mit einem fremden Mann körperlichen Kontakt und keine Panikattacke. Das ist ein Wunder! Sie hat mit ihm geredet, sie konnte sogar schlagfertig sein … na ja … fast. Sie ist definitiv nicht ausgeflippt! Kein Herzrasen, keine Schwindelgefühle, keine Atemnot. Sie war erregt! Das ist … Glücksschauer jagen durch ihre Adern … das ist so fantastisch, irre, geil, unfassbar.
Plötzlich lassen Tränen ihren Blick verschwimmen. Sie ist so glücklich, dass es in der Brust wehtut. Unvermittelt kommen ihr Begriffe in den Sinn, die sie längst aus ihrem Wortschatz gestrichen hat, die sie sich seit so vielen Jahren verbietet. Liebe. Geborgenheit. Zweisamkeit. Vielleicht kann sie doch mal jemanden kennenlernen und muss nicht für immer allein sein. Ist so was wirklich möglich? Trotz allem?
Was, wenn sie mit ihm etwas getrunken hätte?
„Samuel.“ Sie flüstert seinen Namen und gluckst leise. Schade, dass sie dann doch kopflos weggelaufen ist. Sie wird ihn nicht wiedersehen. Aber hey, das war ihr erster Abend in Hamburg und sie hatte keine Panikattacke. Es war fast dunkel, sie hat mit einem fremden Kerl geredet, er hat sie angefasst und sie hat Lust anstatt Panik verspürt.
Es ist pechschwarze Nacht. Sina hört das gemeine Lachen der Männer und die fiesen, gehässigen Koseworte. Sie will die Augen aufreißen, aber die Dunkelheit bleibt. Sie liegt flach auf dem Rücken. Die Stimmen sind links und rechts, über ihr und hinter ihr. Mal drohend, mal heiser, mal flüsternd an ihrem Ohr. Sie will schreien, sich wehren, aufspringen, doch nichts davon ist möglich. Da ist nur Kälte, als ob ihre Haut gefroren und gefühllos wäre. Kein Laut dringt aus ihrer Kehle. Ihre Knie werden auseinandergedrückt. Sie will strampeln, aber ihre Gliedmaßen gehorchen immer noch nicht, liegen da wie abgestorbene Äste eines Baumes, und es ist so dunkel wie in einem Grab.
„Nein!“, schreit sie mit aller Kraft und schreckt hoch. Die Augen weit aufgerissen, nimmt sie erleichtert ihre Umgebung wahr. Sie ist im Hotel und das Zimmer ist hell erleuchtet. Das Licht brennt. Niemand hat es ausgeschaltet, es ist an und sie ist allein. Natürlich ist sie allein.
„Ihr verdammten, verfluchten Schweine, könnt ihr mich nicht in Ruhe lassen?“, stöhnt sie und rappelt sich schwankend auf. Sie muss sich den Schweiß abwaschen und ein frisches T-Shirt anziehen, wie jede Nacht, wenn sie im Schlaf von der Erinnerung heimgesucht wird. Sie setzt sich auf den Rand des Bettes und konzentriert sich auf ihre Atmung. Es ist doch längst Routine. Sachte einatmen, tief ausatmen und den Brustkorb dabei gleichmäßig massieren, bis der Druck nachlässt. Bloß nicht an die Stimmen denken. Sie beschwört das Bild von Sonnenschein, einer grünen Wiese und blühenden Blumen vor ihrem inneren Auge herauf. Das hilft, die Gespenster zu vertreiben.




