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„Hi Sam.“
Helens Stimme animiert sie, unter den Tisch krabbeln zu wollen. Sie starrt stattdessen konzentriert auf den Bierdeckel vor ihrer Nase und knibbelt mit dem Zeigefinger die oberste Pappschicht ab.
„Hi.“
Oh Gott, dieses Timbre, tief, männlich und rau, genauso wie sie es in Erinnerung hatte. Augenblicklich vibriert es in ihrem Bauch, und sie könnte schwören, dass ihr sein Duft in die Nase steigt, während er heranschlendert. Wie von einem Marionettenfaden gezogen, guckt sie für eine Millionstelsekunde zu ihm hoch und sofort wieder in die andere Richtung. Flatternde Schmetterlinge in ihrem Magen kreisen mit summenden Hummeln um die Wette. Unter tausenden Männern würde sie ihn mit verbundenen Augen an seiner Stimme und diesem einmaligen Duft erkennen.
„Die Hula Hoops mal wieder nebeneinander. Ein seltener Anblick in letzter Zeit. Wie geht’s euch beiden?“, fragt er entspannt.
Hanna lächelt. „Bestens. Setz dich zu uns. Das ist Sina, meine neue Nachbarin. Sie arbeitet ab morgen hier.“
Sina hört den Stuhl gegenüber hart auf dem Fliesenboden rutschen. Er setzt sich. „’n Abend.“
„Sina, das ist der Fotograf, an dessen Atelier wir vorbeigelaufen sind.“ Hanna kichert albern. „Jetzt kannst du ihn gleich wegen der Bilder fragen.“
WAS!? NEIN!!!
Sina schluckt. Sie muss ihn ansehen, wenn den anderen nichts auffallen soll. Und sie will dabei auf keinen Fall wie ein verschrecktes Kaninchen wirken.
Sie hebt den Kopf und starrt prompt direkt in seine braunen Augen. Es ist, als ob seine Pupillen Blitze in ihre Brust schießen. Sie reißt ihren Blick von seinem Gesicht los und mustert betont beiläufig das hübsch gestrickte Zopfmuster des grauen Rollkragenpullovers, in dem sein imposanter Körper steckt, da beugt er sich schon vor und sein Gesicht drängt sich wieder in ihr Blickfeld. Seine Augenbrauen heben sich und signalisieren unübersehbar Erstaunen. Sinas Herz setzt einen Schlag lang aus. Er erinnert sich. Kein Zweifel. Muss das Schicksal so gemein sein?
„Hey, dich habe ich schon mal gesehen. Reeperbahn, oder? Das bist du doch. Meine Retterin mit der Currywurst“, fragt er ungläubig grinsend.
Sina muss ihn ansehen. Alles andere wäre mehr als seltsam, aber diese blitzenden Augen, in die kann sie unmöglich hineinsehen, ohne sich zu verraten. Sie fixiert seinen Adamsapfel und zwingt sich zu einem gelangweilten Augenbrauenhochziehen. „Was?“
„Sag nicht, du hast es vergessen.“
Sie runzelt die Stirn. „Ich …“
„Ihr kennt euch?“ Hanna beugt sich neugierig vor. „Woher das denn?“
„Sie hat mich von der Straße gezerrt und dabei ihre Currywurst“, der Arsch zwinkert vergnügt, „auf meinem besten Stück zerquetscht.“
Sina verdreht die Augen. „Danke.“
Die Hula Hoops gackern wie Hühner und Samuel nickt zufrieden. „Na also, du erinnerst dich doch! Alles andere hätte mein männliches Ego auch massiv belastet.“
Helen und Hanna glucksen immer noch, inzwischen nähern sie sich dem Geräuschpegel aufgeregter Gänse. Sina schüttelt den Kopf. „Braucht ihr einen Arzt?“
„Sofort erzählen! Wir wollen alles wissen!“ Helens Stimme überschlägt sich vor Vergnügen.
„Ich dachte, er wird überfahren, hab ihn von der Straße gezogen und dabei vergessen, dass ich eine Currywurst in der Hand halte.“ Sie zuckt ergeben mit den Schultern. „Die Sauerei war völlig überflüssig, weil da eine Absperrung stand, die ich Trottel nicht gesehen habe.“ Sie runzelt die Stirn und wirft ihm einen eisigen Blick zu. „Ein netter Mensch hätte das Ereignis taktvoll für sich behalten.“
Er grinst frech. „Nette Menschen sind langweilig.“
Verflixt, dieser Blick. Und diese Nase, die ist tatsächlich erotisch. Oh nein!
In ihrer Klit pocht es und Sina wird feucht. Wenn er was merkt, ist sie geliefert. Gespielt dramatisch-verzweifelt lehnt sie sich zurück. „Sucht euch jemand anderen für den Job hier, Helen, ich bin wirklich nicht gerade praktisch veranlagt.“
„Du bist perfekt!“
Jetzt weiß sie, warum die Hula Hoops diesen Spitznamen haben. Wäre nicht der Tisch im Weg, würden sie sich um den Hals fallen und vor lauter Vergnügen im Kreis tanzen. Garantiert.
Es ist zum Verrücktwerden. Sobald sie den Kopf hebt, sind da seine Augen. Kann er denn nicht mal woanders hinsehen? Zum Beispiel zu den beiden irren Frauen, die schließlich auch mit am Tisch sitzen?
„Sina“, sagt er leise, wie zu sich selbst, „so heißt du also.“ Er lächelt. „Ich hab auf Anna getippt, aber Sina passt genauso gut zu dir.“
Ihr Mund ist staubtrocken. Verflixte Gefühlsduselei! Nicht anstarren! Ruckartig richtet sie sich auf und schüttelt unwillig den Kopf. „Woher willst du das wissen, du kennst mich doch überhaupt nicht.“
„Wie ich sehe, ändert sich das jetzt. Das gefällt mir.“
Sie schluckt. Meint er das ernst? Seine Mundwinkel zucken. Flirtet er mit ihr oder verarscht er sie?
„Zur Probe“, stößt sie eilig hervor. „Ich arbeite hier nur zur Probe.“
Er nickt und mustert sie ungeniert, bis es Sina zu viel wird. „Hab ich einen Fleck im Gesicht?“, fragt sie aggressiv.
„Nein, heute nicht.“ Er zwinkert und lächelt unbeirrt direkt in ihren Unterleib hinein. „Sorry. Ich bin Fotograf und fahre voll auf interessante Menschen ab. Das ist wie eine Sucht. Ich kann das nicht bremsen.“
„Wie war’s auf dem Schiff, Sam?“
Dankbar atmet Sina aus und sieht zu, wie Jeanette ein alkoholfreies Bier vor ihm auf den Tisch stellt, freundschaftlich ihren Arm um seine Schultern legt und ihn ungeniert an sich zieht.
„Du hast eine Seereise gemacht?“, fragt Hanna.
Er nickt, während sich sein Arm ganz selbstverständlich um Jeanettes üppige Taille schlingt. „Zwei Wochen Norwegen und Nordpolarmeer.“
„Wow. Urlaub oder Arbeit?“
„Job. Es war eine Kreuzfahrt und die Reederei wollte aktuelle Fotos für ihr Marketing.“
„War Kira mit?“
„Nein, die ist seit Januar in Hollywood.“
Helen zieht die Augenbrauen hoch. „Echt? Mutig!“
Er zuckt mit den Schultern. „Sie will Karriere machen und ich drücke ihr alle Daumen.“
Hanna grinst. „Warum gehst du nicht mit zu den Filmstars? Ein so guter Fotograf wie du hat da doch bestimmt auch beste Karrierechancen.“
Samuel rümpft die Nase und winkt ab. „Nicht meine Welt.“
„Und was war das für eine Schiffsreise? Ausgerechnet um diese Jahreszeit nach Norwegen?“, fragt Jeanette.
Begeistert lehnt er sich vor. „Ein sehr interessantes Projekt auf einem kleinen Schiff. Es geht um ökologisch vertretbaren Tourismus und Klimaveränderungen.“
Dankbar, seine Aufmerksamkeit von ihr abgelenkt zu wissen, beobachtet Sina, wie er von der Reise erzählt, ohne wirklich etwas mitzubekommen. Sie ist viel zu sehr damit beschäftigt, ihn anzusehen. Sein herbes Gesicht mit den kräftigen ausgeprägten Konturen wirkt so einschüchternd, doch sobald er lächelt, will sie sich in seine Arme werfen und ihren Mund auf diese wunderschön geschwungenen Lippen drücken. Sie kann nicht sagen, welche Facette seiner Mimik sie mehr anmacht, die dominante, ernste oder die warme, humorvolle. Allein die Tatsache, dass seine bloße Gegenwart so tiefe Lust und Sehnsucht in ihr weckt, verwirrt sie total. Kein Mann hat solche Gefühle in ihr ausgelöst, seit dieser schrecklichen Nacht. Das ist verrückt. Sie kennt ihn gar nicht. Wo ist ihr übliches Misstrauen? Und überhaupt, er hat eine Freundin. War ja klar.
Liebevoll streichelt er Jeanette über den unteren Rücken, und Sina spürt, wie ihre Haut prickelt, als ob er sie berühren würde.
„Was gibt’s morgen zu Mittag?“, fragt er beiläufig.
„Königsberger Klopse.“
„Lecker. Ich komme.“
Jeanette nickt und löst sich von ihm. „Ich schreib’s auf. Übermorgen auch? Heiner will Gulasch kochen.“
„Das lasse ich mir auf keinen Fall entgehen.“
Als Jeanette weg ist, wendet er sich ohne Verzögerung wieder Sina zu, der gerade einfällt, was sie anscheinend verdrängt hat: Er ist Stammgast in diesem Lokal. Er wird mitbekommen, wie sie sich in den nächsten Tagen bei ihrem lächerlichen Versuch, eine Kellnerin zu werden, blamiert. Das Schicksal ist gemein, und sie braucht jetzt ganz schnell Abstand, um einmal tief durchzuatmen.
Hastig trinkt sie einen ordentlichen Schluck aus ihrem Glas und steht auf. Sie sieht sich suchend um. „Hinter den Spielautomaten, die zweite Tür“, ruft Helen und Sina nickt.
„Danke.“ Eilig verschwindet sie in Richtung Toiletten.
Als sie nach einigen Minuten wieder in den Gastraum zurückkehrt und auf ihren Tisch zugeht, ist Samuels Platz leer. Sie sollte erleichtert sein, doch dumme Enttäuschung lässt sie schwer schlucken. Bevor sie ihre Gefühle in den Griff bekommt, senkt sich ein Arm wie eine Schranke vor ihren Bauch. Sie stockt, will gerade ärgerlich protestieren, da lächelt er vor ihr, umfasst sanft ihr Handgelenk und zieht sie sachte Richtung Tresen. Er lässt ihren Arm los, legt seine warme Hand stattdessen zwischen ihre Schulterblätter und schiebt sie zu einem Barhocker. Wie hypnotisiert rutscht sie auf den Sitz, während er sich neben ihr niederlässt. Er hat sie angefasst und sie gerät nicht in Panik?
Misstrauisch betrachtet sie sein verschmitztes Grinsen. „Was wird das?“
„Ich bin dir noch einen Drink schuldig.“
„Ich trinke keinen Alkohol.“
Er zwinkert. „Das trifft sich gut, ich auch nicht.“
Sie schluckt. Ihre Blicke wollen sich nicht trennen. Es ist wie verhext. Bestimmt amüsieren sich die anderen Leute schon.
„Was kann ich euch beiden Hübschen bringen?“, fragt Jeanette in ihrer rauen, burschikosen Art.
„Zwei Sam Spezial, bitte.“
„Nein!“
Seine Augenbrauen zucken hoch. „Traust du mir nicht?“
„Quatsch, ich will nur …“, sie schüttelt unwillig den Kopf. „Ich meinte das ernst, das war kein Witz, ich trinke wirklich keinen Alkohol.“
Er neigt das Gesicht und mustert sie durchdringend. „Das habe ich auch so verstanden.“
Jeanette stellt zwei große Gläser auf die Arbeitsfläche vor ihren Plätzen. „Sam Spezial ist Grapefruitsaft mit einer Kugel Vanilleeis, eingelegten Kirschen und einem Schuss Himbeersirup, Sina. Probier es, schmeckt besser, als es sich anhört.“
Sie öffnet eine Kühltruhe, holt für jedes Glas eine Eiskugel heraus und gibt anschließend jeweils einen Esslöffel Kirschen und die Getränke darüber. Trinkhalme, lange Dessertlöffel und Zitronenscheiben auf die Glasränder gesteckt, vervollkommnen das Bild, das tatsächlich appetitlich fruchtig wirkt.
„Versuch’s. Falls du es nicht magst, bekommst du was Anderes und ich trinke deinen mit aus“, verspricht Sam und hebt sein Glas.
„Bestellst du immer für Frauen, ohne sie zu fragen?“
Er lacht. „Und wenn?“
„Dann bist du ein … ein …“
„Ein arroganter Affe?“
Sie nickt. „Mindestens.“
„Ja, würde ich auch so sehen.“ Er beugt sich etwas näher zu ihr, sodass ihr sein Duft direkt in die Nase steigt. Das macht er garantiert extra. Das ist seine Anmach-Masche. „Nein, ich bestelle normalerweise nicht, ohne zu fragen.“
„Und warum jetzt?“, hakt sie schnippisch nach.
Er mustert sie schon wieder so durchdringend. „Keine Ahnung. Ich habe nicht darüber nachgedacht. Vielleicht interessiert es mich, ob wir den gleichen Geschmack haben.“
Verflixt, dieser Blick. Das ist nicht zum Aushalten. Sie schluckt. Denken, Sina! Denken!
Okay, nachdem sie zugesehen hat, wie Jeanette das Getränk zubereitete, kann sie es auch entspannt probieren. „Mal sehen, ob ich es überlebe“, grummelt sie.
Sie prosten sich zu, und sein Gesichtsausdruck wird so intensiv interessiert, dass heiße Schauer durch ihre Adern jagen. Schon wieder Schmetterlinge, wilde Schmetterlinge, total hektische Schmetterlinge.
„Du bist noch nicht lange in Hamburg?“, fragt er, nachdem sie getrunken haben.
„Seit drei Wochen.“
Erstaunt runzelt er die Stirn. „Solange müsste es doch her sein, dass wir uns getroffen haben?“
Sie nickt. „Das war mein erster Abend hier.“
„Ah, verstehe, die Reeperbahn mit ihrem unanständigen Flair hat dich so verwirrt, dass du …“
„Noch ein Wort und ich gehe!“
Er grinst. „Okay. Themenwechsel. Woher kommst du?“
„Von woanders her. Und du? Bist du gebürtiger Hamburger?“
„Nein. Meine Familie lebt in Gelsenkirchen, ich habe in München und Berlin gelernt und mich anschließend hier niedergelassen. Wo ist Woandersher? Hab den Ortsnamen noch nie gehört.“
„Neugierige Fotografen müssen nicht alles wissen.“
„Ah, du spielst die geheimnisvolle Fremde. Hast du was zu verbergen?“
„Geht dich das was an?“
„Vermutlich nicht, aber es interessiert mich brennend“, antwortet er todernst.
„Meinst du, das gefällt deiner Freundin?“
Er stutzt. „Welcher Freundin?“
„Äh … die gerade in Hollywood ist?“
Er lacht und winkt ab. „Kira und ich bildeten eine vergnügliche Zweckgemeinschaft. Wir stehen beide nicht auf komplizierte Beziehungen und waren uns einig, dass wir eine Fernbeziehung gar nicht erst probieren müssen. Wir haben uns in aller Freundschaft getrennt.“
Sina schüttelt den Kopf und stößt ein schnippisches Schnauben aus, was ihn jedoch nicht beeindruckt. Er mustert sie ungeniert, mit einem amüsierten Grinsen im kantigen Gesicht. Sie nippt an ihrem Glas, weil sie unbedingt etwas tun muss, und sucht in ihrem leer gefegten Hirn verzweifelt nach einem Gesprächsthema. Immer noch dieser neugierig musternde Blick. Oh Mann! Das ist Folter! Dabei kann man ja nicht denken. Schnell nimmt sie einen weiteren großen Schluck.
Er nickt zufrieden. „Siehst du, der Sam Spezial schmeckt dir.“
Er legt seine Hand auf die niedrige Lehne ihres Barhockers. Sie spürt seine Finger ganz leicht an ihrem unteren Rücken und sein Duft … verflixte Gefühlsduselei, dieser Duft … und diese Augen … hat ihm denn nie jemand gesagt, dass es unhöflich ist, Leute anzustarren?
Ihre Haut kribbelt. Was macht er nur mit ihr? Sie nickt und schluckt. Sie sollte dringend ihre Stimme wiederfinden, wenn er sie nicht für völlig bescheuert halten soll.
„Warum bist du so panisch weggelaufen?“ Seine Tonlage ist plötzlich anders. Leise. Ernster.
Sie zuckt zusammen. „Ich … ähm … ich bin nur zur Toilette …“
Er senkt leicht den Kopf und wirft ihr einen tiefen, bedeutungsschweren Blick zu. Ihr Gesicht wird heiß. Brennend heiß. Die Ohren auch. Verdammt noch mal, sie kann sich von ihm doch nicht so beeinflussen lassen. Genervt verdreht sie die Augen. „Ich hatte es nur eilig. Lass uns wieder zu den anderen gehen.“
„Ich möchte mich lieber mit dir allein unterhalten.“
„Ich stehe nicht auf One-Night-Stands.“
Er grinst. „Denkst du, ich will dich verführen?“
Sie schiebt entschlossen die Schultern zurück. „Ich weiß nicht, was du willst, ich weiß aber sehr genau, was ich nicht will“, entgegnet sie so arrogant, wie sie nur irgendwie kann, nimmt ihr Glas, rutscht vom Barhocker und schlendert lässig zum Tisch. Ha! Geht doch.
Er folgt ihr, setzt sich wieder gegenüber und zuckt amüsiert mit den Schultern. „Ich wusste, dass es interessant wird, dich kennenzulernen.“
Unwillig schüttelt sie den Kopf. „Als Fotograf triffst du jeden Tag die interessantesten Menschen, viel interessantere als mich.“ Sie hebt das Glas an und fischt mit dem langen Dessertlöffel nach Kirschen, um ihn nicht ansehen zu müssen.
„Models und Promis sind nicht interessant, sondern oberflächlich schön, weil das ihr Job ist. Als Fotograf interessieren mich Gesichter, die eine Geschichte erzählen, die eine individuelle Ausstrahlung haben, in der sich ihre Lebenserfahrungen spiegeln.“
Heiße Schauer jagen durch ihren Körper, während sich in ihrem Magen gleichzeitig ein fieser Knoten bildet. Die widersprüchlichen Empfindungen sind kaum auszuhalten.
„Zu mir gibt es keine Geschichte.“
„Oh doch, die gibt es, und ich wette, du wirst sie mir erzählen.“
Sina setzt hart ihr Glas auf. „An Komplexen leidest du jedenfalls nicht.“ Sie will aufspringen, doch seine Hand legt sich warm auf ihre. Ihr Körper wird zu einem Stein. Sie hält die Luft an, starrt auf seine langen Finger und ihr Herzschlag poltert wie ein Presslufthammer in ihrem Brustkorb.
„Verstanden und akzeptiert. Es tut mir leid, ich wollte dich nicht in die Enge treiben.“ Er drückt kurz ihre Hand, lässt sie sofort wieder los und schiebt lässig die Ärmel seines Pullovers zurück, sodass ihr Blick zwangsläufig von seinen kräftigen Unterarmen angezogen wird.
„Was für Bilder brauchst du?“
„Was?“ Ihr Gesicht zuckt hoch.
„Hula meinte, du wolltest mich wegen Fotos ansprechen.“
Sie schüttelt entschlossen den Kopf. „Das war ein Missverständnis.“
„Okay, falls du es dir anders überlegst, komm einfach in meinem Studio vorbei“, sagt er leichthin und wendet sich Hanna und Helen zu. „Wir haben uns lange nicht gesehen, was gibt’s Neues bei euch?“
Misstrauisch forscht Sina in seinem Gesicht, aber seine Aufmerksamkeit gilt jetzt offen, nett und entspannt allen am Tisch.
Eine Stunde später verlassen Hanna, Samuel und sie gemeinsam Pimrots Höhle und schlendern die Straße entlang bis zu seinem Atelier. Es war ein netter Restabend. Sina konnte sich tatsächlich entspannen und sogar mit den anderen lachen. Gut gelaunt bleibt sie mit Hanna stehen, um sich von Samuel zu verabschieden, als er seine Tür aufschließt.
Er dreht sich um und wuschelt Hanna durch die Haare. „Gute Nacht, Hula. War schön, dich mal wieder zu sehen.“
Hanna gibt ihm einen freundschaftlichen Klaps auf den Hintern. „Dir auch eine gute Nacht, Sammyboy.“
Er wendet sich Sina zu und umfasst weich ihre Oberarme. Sein Gesicht nähert sich, er lächelt. Sein Duft lullt sie ein und dann drückt er ihr einen hauchzarten Kuss auf die Wange. Ihr Herzschlag macht einen Salto und gleichzeitig will sie einem Impuls folgen und sich an seine Brust schmiegen. Bevor sie in eine totale Schockstarre fällt, hat er sich schon wiederaufgerichtet. Er streicht ihre Arme hinunter und nickt kaum merklich, als wüsste er, was in ihr vorgeht. „Gute Nacht, Sina, ich freue mich sehr, dass wir uns wiedergetroffen haben.“
„Ja“, kann sie nur heiser stammeln, dann ist er in seinem Haus verschwunden und Hanna boxt kichernd ihren Arm. „Ich sagte doch, er steht auf dich.“
Als Sina eine Stunde später im Bett liegt, ist an Schlaf nicht zu denken. Ihre Gefühle fahren Achterbahn. Sie hat Samuel wiedergesehen. Er war nett. Etwas in ihr will ihn unbedingt näher kennenlernen. Er hat diese Empfindungen in ihr geweckt, die sie faszinieren und ihr gleichzeitig horrende Angst machen. Er zieht sie an und sie hat Schiss vor ihm, beides weil er ein Mann ist. Was für ein Durcheinander in ihrem Kopf. Es ist, als hätte er eine Tür in irgendeiner verwinkelten Gasse ihres Gehirns geöffnet, und nun sind da Begehren, verzehrender Hunger nach Lust und Liebe, tiefe, quälende Sehnsucht. Gleichzeitig tobt die Panik in ihr. Vielleicht täuscht er alle und ist auch so ein Schwein. Unwillig schüttelt sie den Kopf. Nein, das ist er natürlich nicht. Es ist nur ihre Paranoia, die ihr das einreden will. Trotzdem darf sie nicht von ihm träumen, denn er würde sie völlig überfordern. Er kennt sich mit Frauen aus. Er ist lässig. Und sie? Sie kennt sich nicht aus, schon gar nicht mit Männern seines Schlags. Gegen alle Vernunft ist da das fast schmerzhafte Sehnen. Sie möchte Zeit mit ihm verbringen, doch schafft sie das, ohne bei der ersten kritischen Situation in Panik zu geraten? Kann sie überhaupt diesen Job machen oder wird sie sich furchtbar blamieren?
In der Nacht quälen sie noch häufiger als sonst die Albträume und am Morgen fühlt sie sich wie gerädert. Sie ist erschöpft und schrecklich mutlos. Sie sollte den Job und die Ausbildung vergessen, jeden Gedanken an diesen Mann aus ihrem dummen Hirn verbannen und zurück in ihr Elternhaus gehen. Noch ist es nicht verkauft.
Und dann? Ja, und was dann? Hat sie überhaupt Alternativen? Tränen sammeln sich in ihren Augen. Es wird nicht klappen, nichts wird klappen. Sie kann sich auch genauso gut gleich von einem Hochhaus stürzen. Es war eine dämliche Idee, nach Hamburg zu kommen.
Nachdem sie geduscht und die Gespenster der Nacht mit starkem Kaffee vertrieben hat, denkt sie wieder klarer.
Will sie weiter frustriert in ihrer kleinen Wohnung sitzen? Nein.
Will sie weiterhin ganz allein sein? Nein.
Will sie sich umbringen? Nein, verdammt noch mal, natürlich nicht!
Sie will glücklich und zufrieden sein. Sie will ihren Traumberuf ausüben und sich nicht von ein paar Scheißtypen das ganze Leben versauen lassen. Und darum will sie kämpfen. Wahrscheinlich wird sie scheitern, aber wenn sie es nicht versucht, wird sie sich später immer fragen, ob es nicht vielleicht doch geklappt hätte, wäre sie nicht zu feige gewesen.
Die fiesen Träume sind nur durch ihn schlimmer geworden. Sie darf sich nicht von Gefühlen verwirren lassen. Liebe, Sex, Lust, das ist vorbei, auch wenn dieser verdammte heiße Fotograf Wünsche in ihr weckt, mit denen sie nicht gerechnet hat. Das ändert nichts daran, dass sie alles, was mit Sex zu tun hat, in der Realität nicht mehr ertragen kann. Die bösen Träume der letzten Nacht sind der beste Beweis. Sollten sie sich näherkommen, würden die Panikanfälle bestimmt noch schlimmer werden und eine Beziehung sowieso beenden, bevor sie richtig angefangen hätte. Ein Mann, dem die tollsten Frauen hinterherlaufen, wird sich kaum mit einer Psychotante wie ihr abgeben.
Sie braucht ihre Kraft, um ihr Leben in den Griff zu bekommen. Dieses Hormonchaos stört da bloß, und mehr ist es schließlich nicht, was der Typ in ihr auslöst.
Sie darf nicht zulassen, dass Sam oder irgendein anderer Mann sie durcheinanderbringt. Sie muss ihren Weg gehen, ohne sich beirren zu lassen. Wenn sie das schafft, kommt sie klar und wird ihre Ziele erreichen.
Während sie Kaffee trinkt, piept ihr Handy. Neugierig greift sie danach. Zwei Freundschaftsanfragen auf Facebook?
Mit schneller klopfendem Herzen öffnet sie die App und grinst eine Sekunde später über das ganze Gesicht. Hanna und Helen haben sie gefunden und lustige Nachrichten mit Herzchen und Smilies geschrieben.
Ihre Knie sind weich wie Watte, und die Kommunikation mit der Mimosensumpfkuh wird zu einer anregenden Diskussion, während sie die Straße entlangläuft, um ihren ersten Arbeitstag in Pimrots Höhle zu absolvieren. Vielleicht wird es ja auch der erste und letzte. Falls sie einen hysterischen Anfall bekommt, weil ein Mann sie anfasst, wird Jeanette sicher schnell eine andere Angestellte suchen. Fuck! Nein! Sie wird keinen hysterischen Anfall bekommen!
Bevor sie es sich doch noch anders überlegt, reißt sie die Tür auf und stürmt in das Lokal.
Jeanette steht am Tresen, blickt auf und lächelt. „Pünktlich auf die Minute, was für eine Wohltat.“
Sina hebt die Augenbrauen. „Ähm … ist das nicht selbstverständlich?“
Jeanette winkt ab. „Für deinen Vorgänger war es das jedenfalls nicht. Herzlich willkommen, Sina.“
„Danke.“
Jeanettes gelassenes Lächeln sorgt dafür, dass es Sina gleich bessergeht. Die Tür zur Küche klappt auf und Heiner schlendert heraus. „Guten Morgen, Sina“
„Guten Morgen.“
„Nettie, meine Süße“, murmelt er, kuschelt sich wie frisch verliebt von hinten an seine Frau und küsst sie unter dem Ohr auf den Hals.
Fasziniert glotzt Sina die beiden an. Sie kann den Blick nicht abwenden. Die kleine, etwas pummelige, auch jetzt am Vormittag wieder äußerst sexy gekleidete Jeanette im Arm dieses riesengroßen Grizzlybären ergibt ein Bild, das man nicht alle Tage sieht. Sie hebt und dreht den Kopf, flüstert irgendwas und kichert. Er zwinkert. Sie küssen sich wie frisch verliebt, dann stößt sie ihn weg.




