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Als ihr Herz wieder normal schlägt und sich der Schmerz im Brustkorb aufgelöst hat, lässt sie den Oberkörper zurückfallen und starrt an die Zimmerdecke. Verlieben? Sie? Was für ein Hohn. Sie kann ja nicht mal ohne Licht schlafen! Wie soll sie jemals mit einem Mann im Bett Sex genießen können? Der Gedanke ist geradezu lächerlich. Nein, sie wird sich auf ihre Lebensplanung konzentrieren, genauso, wie sie es sich vorgenommen hat. Sie muss sich auf ihre Ziele fokussieren, dann ist es zu schaffen. Ganz bestimmt. Sie findet ihr Glück. Liebe ist nicht alles. Bittere Tränen steigen ihr in die Augen, lassen sich nicht aufhalten. Schluchzend krabbelt sie unter die Decke und rollt sich zusammen wie ein Baby. „Ich hasse dich, Kuh.“
Kapitel 3
Sina sitzt auf einem der Barhocker an ihrem Küchentresen und dreht den Kaffeebecher zwischen den Fingern. Es ist erst früher Nachmittag, aber sie hat trotzdem Licht angemacht. Grauer Himmel und Dauerregen sorgen für trübe Dämmerung, passend zu ihrer Stimmung.
Nun ist sie schon seit drei Wochen in Hamburg und hat noch keinen Job. Allmählich breitet sich ein immer schwerer werdender Kloß in ihrem Brustkorb aus. Was, wenn sie es doch nicht schafft? Außer Hanna, die wirklich sehr nett ist, hat sie bisher keine anderen Menschen kennengelernt und ist einsam. Hanna arbeitet jeden Tag bis spätabends. Sie sind noch nicht dazu gekommen, etwas zusammen zu unternehmen, obwohl sie es sich immer wieder vornehmen, wenn sie sich zufällig im Treppenhaus begegnen. So verbringt Sina ihre Zeit allein, und langsam fällt ihr die Decke auf den Kopf, wie man so schön sagt.
Jeden Morgen sucht sie im Internet und in der Tageszeitung nach Arbeit. Sie bewirbt sich und stellt sich vor, aber sie bekommt nur Absagen. Es ist zum Verrücktwerden. Hätte sie doch wenigstens einen richtigen Beruf. Immer wenn sie sagen muss, dass sie noch keine Ausbildung, ja, nicht mal das letzte Schuljahr abgeschlossen hat, gucken potenzielle Arbeitgeber schon sehr misstrauisch. Sie sieht es in den Gesichtern und wird jedes Mal erst recht nervös. Wahrscheinlich merkt man ihr spätestens dann an, dass etwas mit ihr nicht stimmt. Da helfen keine peppigen Klamotten und da hilft auch keine neue Frisur. So schwer hat sie sich den Neuanfang in Hamburg nicht vorgestellt.
Zu allem Überfluss scheint es komplizierter zu sein als erwartet, ihr Elternhaus zu verkaufen. Die behindertengerechte Einrichtung ist veraltet. Der zukünftige Besitzer wird viel Geld für die Modernisierung reinstecken müssen, das schreckt die Interessenten ab.
Vor lauter Angst, die Raten dafür nicht zahlen zu können, hat sie sich noch nicht mal zu dieser Autoren-Ausbildung in der Fernschule angemeldet. Den schönen neuen Laptop nutzt sie nur, um auf ihre Facebook-Seite zu gucken, auf der nach wie vor nichts los ist.
Stopp! Schluss mit dem Selbstmitleid. Natürlich braucht sie den Laptop, vor allem, um Arbeit zu suchen und sich zu bewerben und … sie seufzt, natürlich genauso intensiv, um die Absage-E-Mails zu lesen. Selbstironie ist eine Kunst. Wenigstens die beherrscht sie.
Nein, von der Euphorie des ersten Wochenendes in der großen Stadt ist wirklich nichts mehr übrig.
Sie steht auf, stellt sich ans Fenster und beobachtet, wie die Regentropfen an der Scheibe hinablaufen. Winter in Hamburg bedeutet anscheinend nur Sauwetter. Zuhause liegt im Februar Schnee, hier wechseln sich Regen, Hagel und Sturm ab.
Fast jeden Tag denkt Sina wehmütig an diesen einen abendlichen Spaziergang auf der Reeperbahn. Ob sie jetzt glücklicher wäre, wenn sie mit ihm, Samuel, etwas getrunken hätte? Oft taucht vor ihren inneren Augen sein Gesicht auf. Sie betrachtet sein Lächeln, die schönen Lippen, und seine Blicke ziehen sie in eine wunderbare Traumwelt. Dann kribbelt ihre Haut am Kinn, da, wo er sie angefasst hat, und ein sehnsüchtiges Pochen meldet sich in ihrem Unterleib.
Sie ist in den vergangenen Wochen mehrmals den gleichen Weg gegangen, aber er war nie da. Natürlich war er nie da. Warum sollte er zweimal auf der Reeperbahn fotografieren? Vielleicht wohnt er gar nicht in Hamburg, ja, wahrscheinlich war er nur zu Besuch.
Sie möchte so gerne noch mal seine Stimme hören und in seinen verführerischen Duft eintauchen. Manchmal stellt sie sich vor, dass sie sich zufällig auf der Straße wiedertreffen und sie souveräner ist. In ihrer Fantasie flirtet sie mit ihm, lässt sich von ihm einladen und sie verbringen einen schönen Abend zusammen. Sie könnte ihm von ihren Berufsplänen erzählen und er würde sie respektvoll ansehen. Anschließend müsste er sie nach Hause begleiten und ihr vor der Tür einen sanften Kuss geben – oder einen wilden, bei dem sie alle ihre Ängste vergisst. Und wenn sie ihn in ihre Wohnung bittet, dann … vielleicht …
„Was soll’s.“ Mit einem energischen Ruck zieht sie das Rollo herunter, stellt den Kaffeebecher auf den Tresen und öffnet die Wohnungstür, um in den Keller zu gehen. Die Waschmaschine muss fertig sein.
Wie immer am Absatz zur Kellertreppe bleibt sie einen Moment lang stehen, um durchzuatmen. „Verpiss dich, Mimosensumpfkuh. Es sind nur drei Minuten bis zum Lichtschalter und da unten ist niemand. Kapiert?“
Sie läuft los, reißt die Tür zum Kellerraum auf, sucht fahrig den Schalter und atmet erleichtert aus, als das Neonlicht aufflackert und kurz danach den Raum bis in den hintersten Winkel erleuchtet.
Während sie die Wäsche aus der Maschine in den Korb fallen lässt, hört sie Schritte und dreht sich um. Hanna tritt ein. Sie ist ebenfalls mit einem vollen Wäschekorb bewaffnet.
„Hi!“, begrüßt Sina sie freudig. „Du schon am Nachmittag hier? Bist du etwa krank?“
Hanna winkt ab. „Nein, ich bin früher gegangen, um endlich Überstunden abzufeiern. Und du? Was gibt’s bei dir Neues?“
Sina seufzt. „Nichts. Ich suche Arbeit und finde keine. Das macht mich langsam wahnsinnig.“ Sie verzieht das Gesicht zu einem ironischen Grinsen. „Irgendwas an mir scheint jedem Arbeitgeber zu signalisieren: Nimm eine andere, bloß nicht die.“
„Quatsch.“ Hanna stellt den Wäschekorb ab, verschränkt die Arme vor der Brust und runzelt die Stirn. „Es ist schwierig in Hamburg, aber du schaffst das, ganz bestimmt. Gib nicht auf!“
Sina zuckt mit den Schultern. „Danke fürs Mut machen. Ich stelle ja keine Ansprüche, es muss bloß Vollzeit sein, damit das Geld für meinen Lebensunterhalt reicht.“ Sie stöhnt. „Gestern war ich in einem Callcenter. Ich sollte während des Bewerbungsgespräches einen Test-Werbeanruf durchführen und bekam nicht einen Ton heraus. Es war der Horror.“
Hanna nickt verständnisvoll. „So einen Job könnte ich auch nicht machen.“ Entschlossen stemmt sie die Hände in die Seiten. „Lass uns heute Abend was trinken gehen. Das wollten wir schon längst, und dir wird es guttun, auf andere Gedanken zu kommen. Wir haben in der Nähe eine gemütliche Kneipe. Es gibt für jeden Geschmack etwas zu essen und die Tochter der Besitzer ist eine gute Freundin von mir. Was ist, hast du Lust?“
Eine Sekunde lang will Sina ablehnen, doch dann nickt sie zustimmend. Hanna hat recht. Es wird schön sein, einen netten Abend mit ihr zu verbringen, anstatt wieder allein herumzusitzen.
Zurück in ihrer Wohnung hängt sie die Wäsche auf den kleinen Ständer und klappt den Laptop auf. Die Pläne für den Abend haben ihre Stimmung gewandelt. Aus dem Frust wird Trotz. Sie öffnet die Homepage des privaten Lehrinstituts. Fast jeden Tag hat sie in den letzten Wochen sehnsüchtig darauf geschaut, jetzt klickt sie entschlossen auf den Anmeldebutton. Ja, verdammt noch mal. Anstatt rumzusitzen und Trübsal zu blasen, wird sie endlich die Anmeldung ausfüllen und anfangen zu lernen. Sie wird einen Job finden. Sie wird das Haus verkaufen können, und wenn sie es zum halben Preis hergibt. Es soll jetzt in ihrem neuen Leben weitergehen. Sie schafft das. Irgendwie schafft sie das.
Der Fußweg ist wirklich nicht lang. Sie sind zur Hauptstraße geschlendert, dann zweihundert Meter geradeaus gelaufen und wieder abgebogen. Sina hat keine Probleme mit der Dunkelheit. Die Nebenstraßen sind zwar menschenleer, was sie nicht gut ertragen kann, aber sie konzentriert sich auf das Licht der Laternen, auf die sie zulaufen. Außerdem lenkt Hannas ausschweifender Bericht über eine blöde Kundin, die mit der selbst gewählten Haarfarbe nicht zufrieden war, sie von allen dummen Gedanken ab. Die Mimosensumpfkuh schläft und Sina ist bester Laune. Sie hat sich geschminkt und trägt einige der neuen Klamotten. Die Bluse unter einer dunkelroten Sweatjacke lässt einen Blick in ihren Ausschnitt zu. Zwar nicht tief, aber immerhin. Hanna hat jedenfalls gefällig genickt und ihr bescheinigt, heiß auszusehen. Ein vergnügtes Grinsen schleicht sich in Sinas Gesicht. So wäre sie in der Kleinstadt nie rumgelaufen, doch jetzt fühlt sie sich wohl und selbstbewusst. Auch wenn nicht gleich alles so klappt, wie sie es sich wünscht, es war richtig, den neuen Anfang zu wagen.
Von der Ecke aus ist die Leuchtreklame schon zu sehen, obwohl sie noch ein gutes Stück laufen müssen. Das Lokal liegt in einer Biegung der Straße, auf die sie zugehen. So ist der Name bereits von Weitem lesbar. Pimrots Höhle steht auf dem Schild, dessen Stil eher zu einer gewöhnlichen ländlichen Gastwirtschaft als zu einem angesagten Szenelokal passt.
„Junge Leute trifft man hier wohl nicht?“, fragt Sina etwas enttäuscht und Hanna lacht. „Wenn du Yuppies und Nachwuchs-Managertypen meinst, nein, die treiben sich woanders rum. Hier lernst du alle Arten von netten Menschen kennen. Man könnte sagen, es ist ein Geheimtipp. Das Lokal ist schon seit vielen Generationen im Besitz der Familie Pimrot und die Einrichtung wurde nie großartig verändert.“
Während sie weitergehen, fällt Sinas Blick drei Häusereingänge vor der Gastwirtschaft auf ein schlichtes Messingschild. Die Buchstaben S, a und m ziehen ihre Augen magisch an. Sam, der Name, an den sie so oft denkt. Dann drängt sich das Wort Foto in ihr Sichtfeld, und ein Schreck fährt ihr durch die Glieder. Sie stockt. Fotoatelier und Bildagentur Samuel Kant. Sie liest es noch einmal und noch einmal und noch einmal. Es stimmt tatsächlich. Kleine Stromstöße jagen durch ihre Adern, ohne dass sie sich dagegen wehren kann.
„Ist was?“, fragt Hanna.
„Nein … ich dachte nur …“, sie zeigt auf das Schild, „Ähm … kennst du den Fotografen?“
„Sam? Ja, der ist Stammgast in Pimrots Höhle. Netter Typ und sieht zum Anbeißen aus. Ich würde ihn nicht von der Bettkante stoßen, aber“, sie formt ein übertriebenes Schmollmündchen, zuckt mit den Schultern und seufzt ergeben, „das tun einige andere ebenfalls nicht, was er, soweit ich weiß, seeehr genießt. Eine langweilige Allerweltstype wie ich hat da keine Chancen.“ Sie grinst. „Auf dich steht er bestimmt. Warum fragst du?“
„Ach …“, Sina winkt energisch ab, „ich dachte nur gerade, vielleicht sollte ich mal neue Bilder für meine Bewerbungen machen lassen.“
Hanna nickt. „Professionelle Fotos sind für so was immer besser. Sam arbeitet allerdings für Firmen und Verlage, nicht für private Kunden. Werbung, Illustrationen, so was, aber“, sie zwinkert, „frag ihn ruhig, für eine gut aussehende Frau wie dich macht er sicher eine Ausnahme.“
Sina schüttelt entschlossen den Kopf. „Nein, es gibt ja genug normale Fotostudios.“
Sie haben das Lokal erreicht und treten ein. Während ihr Herz aufdringlich hart klopft, jagt Sinas Blick durch den Raum. Was, wenn er da ist?
An dem langen Tresen auf der linken Seite und den acht rohen Holztischen rechts und im hinteren Bereich sitzen etwa fünfzehn Leute und … sie atmet erleichtert aus, keiner sieht aus wie er. Wieder entspannter, blickt sie sich genauer um. Ja, Hanna hat nicht übertrieben, die Kneipe wirkt wie eine Hafenschenke aus den Neunzehnhundertzwanzigerjahren. Die Atmosphäre erinnert sie an Schwarz-Weiß-Fotos von Hans Albers, diesem berühmten Hamburger Sänger aus der Zeit um den Zweiten Weltkrieg herum. Sie hat mal in einem Buch ihrer Mutter solche Abdrucke gesehen.
Der einst vermutlich helle Tresen ist fleckig und zerkratzt, an den Wänden hängen vergilbte Poster, Plakate, Postkarten und Erinnerungsstücke aus der ganzen Welt. Auf einem Regal stehen verstaubte Modelle von Segelschiffen. Dass sie auf ihrem Fußweg hierher keine Zeitreise gemacht haben, beweisen lediglich eine Musikbox aus dem zwanzigsten Jahrhundert und zwei moderne Spielautomaten, die in einer halb von der Garderobe verdeckten Nische bunt blinken.
„Hey Hula“, ertönt eine Frauenstimme und Sina dreht den Kopf. Hinter dem Tresen steht eine junge Frau mit braunen Haaren, die ihnen fröhlich grinsend zuwinkt.
„Hi Hoopi!“, grüßt Hanna zurück und schlendert auf sie zu.
„Du warst lange nicht hier“, stellt die Kellnerin fest, die in ihrer schwarzen Jeans, mit den dunkel geschminkten Augen, einem eng anliegenden Shirt und jeder Menge Silberschmuck um den Hals, an Armen und Fingern genauso wenig zur Einrichtung passt wie die Spielautomaten.
Hanna winkt ab. „Ich muss im Moment so viel arbeiten, dass ich abends keine Lust mehr habe, noch wegzugehen.“ Sie zeigt neben sich. „Das ist meine neue Nachbarin Sina. Sina, das ist meine Freundin Helen Pimrot.“
Die Frau lächelt offen. „Hi. Schön, dich kennenzulernen. Hast du die kleine Dachwohnung gemietet?“
Sina grüßt und nickt. „Ja, genau.“
„Herzlichen Glückwunsch, das ist die gemütlichste Wohnung Hamburgs.“
„Das finde ich auch. Ich bin sehr glücklich, sie gefunden zu haben.“
„Helen gehört zur jüngsten Pimrot-Generation. Wir kennen uns schon seit der Schulzeit. Damals nannten unsere Mitschüler uns die Hula Hoops. Seitdem tragen wir diese Spitznamen mit uns herum. Ihre Eltern sind die Besitzer der Kneipe“, erklärt Hanna und wird gleich darauf von einer kleinen, rundlichen, pausbäckigen Frau mit langen blonden Locken in eine Umarmung gezogen.
„Hallo Jeanette, zerquetsch mich nicht.“ Hanna löst sich übertrieben stöhnend aus der Umklammerung. „Sina, das ist Helens Mutter. Jeanette, das ist Sina, meine neue Nachbarin.“
Jeanette runzelt die Stirn. „Du sollst nicht immer so laut sagen, dass das Weib da vorn meine Tochter ist. Was denken die Leute, wie alt ich bin“, grummelt sie heiser. Ihre Stimme klingt tiefer und rauer, als sie es bei einer Frau ihrer Größe und Figur erwarten würde. Sina ist etwas verunsichert. Ob das ernst gemeint war oder ein Scherz sein sollte? Sie guckt jedenfalls ziemlich grimmig. Jeanette ist so ganz anders, als man sich eine Mutter vorstellt. Sie trägt, trotz ihrer nicht gerade vorteilhaften Figur, einen schwarzen, engen Lederrock, der nicht über die Knie reicht. Ihr faltiges Gesicht ist stark geschminkt und ihr T-Shirt so tief ausgeschnitten, dass Tante Laura es als höchst unanständig bezeichnen würde. Irgendwie erfüllt sie ziemlich exakt das Klischee einer alternden Puffmutter. So einer Person ist Sina noch nie begegnet. Sie ist nicht sicher, welches Verhalten angebracht ist. Ein reserviertes, aber nicht unfreundliches „Guten Abend“ muss erst mal reichen.
Tut es auch. Jeanette nickt ihr lächelnd zu, während sie ein frisches Bierglas unter den Zapfhahn hält. „Schön, dich kennenzulernen.“
Aus einer Tür hinter dem Tresen dröhnt eine Bassstimme. „Soll ich die Baguettes wieder einfrieren oder holt die heute noch mal jemand ab?“
Helen kichert. „Ich fliege, Papili.“ Ein riesengroßer Typ mit Glatze, grauem Schnurrbart und einem dicken Bauch unter einer weißen Schürze lugt durch die Tür und nickt ihnen zu. „Hula, Mädel, gut siehst du aus.“
„Moin, Heiner.“ Hanna winkt ihm neckisch zu, während Helen kurz in der Küche verschwindet und mit zwei Tellern beladen zurückkehrt. Als sie an Sina und Hanna vorbeiläuft, deutet sie mit dem Kopf nach links. „Hinten der Ecktisch ist frei. Sobald es hier ruhiger wird, setze ich mich zu euch.“
„Super.“ Hanna wendet sich an Sina. „Trinkst du auch Bier?“
„Ja, aber bitte alkoholfrei“.
Hanna nickt und bestellt bei Jeanette, bevor sie sich in der hinteren Ecke an dem freien Tisch niederlassen.
Es ist tatsächlich ein sehr gemischtes Publikum. Drei grauhaarige Männer spielen Skat. Am Tresen sitzt ein Pärchen aus der Punkszene neben zwei heftig aufgestylten Frauen in superkurzen Miniröcken und mit langen rot lackierten Fingernägeln. Die beiden wippen im Takt eines alten Schlagers, der aus der Musikbox mehr rauscht als tönt, die Köpfe hin und her, während sie ihre Blicke durch den Raum wandern lassen. Ganz offensichtlich möchten sie Männer kennenlernen, ziemlich extrem offensichtlich …
Sina dreht schnell das Gesicht weg. Nur weil die Frauen so aussehen und sich so aufreizend benehmen, muss sie nicht abfällig von ihnen denken. Wenn sie nicht so reingelegt worden wäre, würde es ihr auch noch Spaß machen, Männerblicke auf sich zu ziehen.
Ein jüngerer Typ mit kurzen, blonden Haaren und Tattoos auf den Unterarmen sitzt allein am Tresen und sieht interessiert zu ihnen hinüber. Als ihre Blicke sich begegnen, senkt Sina schnell den Kopf und konzentriert sich auf ihre Freundin.
„Und, gefällt’s dir hier?“, fragt Hanna, während sie die Jacke auszieht und hinter sich über die Stuhllehne hängt.
Sina nickt. „Es ist sehr nett.“
Es gibt eine kleine Speisekarte mit einfachen Gerichten. Sina entschließt sich, endlich das berühmte Labskaus zu probieren. Da diese alte Seemannsspeise nicht besonders appetitlich aussieht, hat sie sich bisher noch nicht getraut, sie zu essen. Aber Hanna schwärmt, dass das Labskaus in Pimrots Höhle das beste von ganz Hamburg ist, und so gibt sie sich einen Ruck.
Als Helen sich anderthalb Stunden später stöhnend auf einen freien Stuhl an ihrem Tisch fallen lässt, sind sie satt und haben jeweils zwei Bier getrunken, Hanna mit und Sina ohne Alkohol.
Helen stöhnt. „Endlich wird’s ruhiger. Hula, ich muss meinen Termin für übermorgen absagen.“
„Bist du sicher?“ Hanna rümpft die Nase. „Deine Haare haben es nötig, wenn ich das mal so frei äußern darf.“
Helen seufzt und kämmt mit den Fingern durch die stufige Mähne. „Finde ich ja auch, aber mein freier Tag ist gestrichen, weil Robin uns ohne Vorwarnung verlassen hat.“
„Was?“
Sie nickt. „Es gab mal wieder Stunk mit Papili und dann hat er sich auf seine Maschine gesetzt und ist abgerauscht. Er will zu irgendeinem Kumpel nach Spanien.“
„Einfach so?“
„Jepp. Einfach so. Wir sind stinksauer.“
„Moment mal“, Hanna stockt und zieht die Augenbrauen hoch, „das bedeutet, ihr sucht jetzt jemanden.“
Helen nickt. „So schnell wie möglich. Ich habe heute Nachmittag schon eine Anzeige aufgesetzt.“
Bevor Sina richtig kapiert, was passiert, verzieht sich Hannas Gesicht zu einem breiten Grinsen. „Die kannst du gleich wieder einstampfen.“ Sie hebt beide Hände und zeigt mit einer dramatischen Geste auf Sina. „Voilà. Eure neue Mitarbeiterin.“
WAS? Sina runzelt die Stirn. „Ähm … wie?“
Helens Augen werden größer. „Suchst du etwa Arbeit?“
Hanna grinst. „Das tut sie.“
Die Mimosensumpfkuh brüllt so laut in ihrem Gehirn, dass Sinas Herz einen Schlag lang aussetzt. „Äh … nein!“ Sie schüttelt entschieden den Kopf. „So was kann ich nicht. Tut mir leid. Ich habe noch nie in der Gastronomie …“
Helen winkt ab. „Bei uns brauchst du keine Vorkenntnisse. Wir sind ein einfacher Laden mit stinknormalen Gästen.“
„Das ist perfekt für dich!“ Hanna reibt sich begeistert die Hände. „Freies Essen, null Fahrtkosten und die sympathischsten Arbeitgeber, die man sich wünschen kann.“
Sina stellen sich die Nackenhaare auf und eine schwere Eisenkette legt sich um ihren Brustkorb. In einer Kneipe arbeiten? Mit fremden Männern reden? Nachts allein im Dunkeln nach Hause? Oh nein, das geht nicht. Unmöglich.
„Ich … das ist keine … ich, also, ich …“
„Papperlapapp“, schimpft Hanna, „versuch es. Warum willst du frustriert zu Hause rumsitzen, wo doch hier dringend jemand gebraucht wird? Sollte der Job auf Dauer nichts für dich sein, kann Jeanette immer noch die Anzeige aufgeben und du suchst dir was Anderes. Wo ist das Problem?“
Helen nickt eifrig. „Genau! Es wäre uns eine große Hilfe, selbst wenn du nur für ein paar Tage einspringst.“ Sie zwinkert. „Wir sind alle nett, auch mein Papi, falls er nicht gerade schlecht gelaunt ist, weil ein ständig unpünktlicher Typ seinen Job ohne Vorwarnung geschmissen hat.“
Sina schluckt. Oh je. Wenn die beiden wüssten … Andererseits … sie muss Geld verdienen, und der Frust, einsam zu Hause zu sitzen, wird von Tag zu Tag erdrückender. Dies ist die Chance, den Neuanfang in Hamburg endlich voranzutreiben. Hat sie sich nicht fest vorgenommen, sich nicht mehr von Dunkelheit und Männerangst bremsen zu lassen? Sie will doch ein normales Leben führen. Sie hat heute die Anmeldung zur Fernausbildung im Internet abgeschickt und muss in Zukunft jeden Monat die Raten dafür zahlen. Sie braucht definitiv ein Einkommen, sie will … verdammt, sie wird …
„Okay“, platzt es aus ihr heraus. „Wenn ihr tatsächlich eine blutige Anfängerin nehmt, versuch ich es.“
„Echt?“ Helen strahlt. „Klasse!“
Sina schüttelt den Kopf und hebt abwehrend die Hände. „Freu dich nicht zu früh. Du kennst mich nicht. Ich bin keine Stimmungskanone und ich habe noch nie Bier gezapft. Wahrscheinlich stehe ich euch permanent nur im Weg rum und störe mehr, als dass ich helfe.“
Helen legt neckisch den Kopf schräg. „Wenn mich meine Menschenkenntnis nicht täuscht, passt du zu uns, und den Rest kriegen wir schon hin.“
Sie hebt die Hand. „Mamili, wir haben Ersatz für Robin“, brüllt sie so laut durch den Raum, dass alle Gäste aufsehen. Augenblicklich möchte Sina im Boden versinken.
Jeanette schlendert heran und rümpft die Nase. „Nenn mich nicht so, du Biest.“
Hanna feixt. „Sei froh, dass sie dich noch nicht zur Omili gemacht hat.“
„Vielleicht sollte ich das tun, ein Baby von Nick wäre bestimmt zum Knutschen hübsch“, überlegt Helen laut.
Jeanette verdreht die Augen. „Ich denke, das ist nichts Festes.“
Helen grinst nur vielsagend. „Sina fängt bei uns an.“
Jeanette nickt ihr zu. „Schön. Herzlich willkommen.“
„Äh … so einfach?“ Perplex starrt Sina zu der Frau auf, deren Lebensart ihr so vollkommen fremd ist.
Die zuckt unbeeindruckt mit den Schultern. „Hast du vor, in meine Kasse zu greifen?“
„Natürlich nicht.“
„Kannst du morgen anfangen?“
„Äh … ja.“
„Fein.“ Sie nickt zufrieden. „Dann probieren wir es aus. Wir machen um elf auf, montags ist Ruhetag. Du kommst erst mal nur tagsüber. Da ist weniger los als abends. Wenn du eingearbeitet bist, teilen wir drei uns nach Absprache ganz flexibel die Arbeitszeiten ein. Okay?“
Sina schluckt und nickt. „Okay, dann morgen um elf.“
„Darauf trinken wir noch eine Runde.“ Helen grinst. „Ich liebe schnelle Problemlösungen.“
Nachdem Jeanette gegangen ist, kommt Sina zur Besinnung. Ihr Herz hämmert ganz oben im Hals und ihre Finger zittern. Meine Güte. Was hat sie getan? Wie soll sie das schaffen? Was für eine dämliche Idee.
Sie will gerade den Mund öffnen und alles rückgängig machen, da passiert es. Aus den Augenwinkeln nimmt sie wahr, dass sich die Eingangstür öffnet. Eine hochgewachsene Person mit dunklen, kurzen Haaren tritt ein. Ihr Kopf zuckt zur Seite. Samuel. Sie weiß sofort, dass er es ist. Sie hat ihn so oft in Gedanken vor sich gesehen, dass kein Irrtum möglich ist, obwohl sein Körper in der Realität noch beeindruckender erscheint als in ihrer Erinnerung. Ein Tsunami tobt durch ihre Adern und ihre Wangen werden glühend heiß. Wenn er hier vor allen Leuten erzählt, wie peinlich und dämlich sie sich bei ihrem Zusammentreffen benommen hat, oder Hanna und Helen merken, wie sehr er sie aus der Fassung bringt …
Eilig legt sie unauffällig eine Hand an die Schläfe, um ihr Gesicht vor ihm zu verstecken, und greift mit der anderen nach ihrem Glas. Am besten tut sie so, als hätte sie ihn nicht gesehen. Er wird sich irgendwo hinsetzen und sie nicht beachten. Von Weitem erkennt er sie auf keinen Fall. Es ist drei Wochen her, es war dunkel und überhaupt, was bildet sie sich ein? Er wird sich nicht erinnern, er wird ihre Begegnung längst vergessen haben.




