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Was andere Wissenschaftler betraf, war ihre vielleicht größte Sünde ihre öffentliche Vermutung darüber, was ihre Daten für andere ungeklärte Krankheiten implizieren könnten. Dazu gehörte insbesondere Autismus, eine Krankheit, die sich mit ME als biopolitischem Streitpunkt messen konnte. Sie hatte Familiencluster ermittelt, bei denen Eltern und andere nahe verwandte Erwachsene an ME und Kinder an Autismus litten, und fand Beweise für eine Gammaretrovirus-Infektion bei den Opfern beider Krankheiten. Es war eine Sache, wissenschaftliche Hypothesen über kontroverse Störungen mit Laborkollegen bei einem Drink in der Bar des Konferenzhotels aufzustellen, aber solche Hypothesen in Fernsehtalkshows im Einzelnen zu erklären oder sie Journalisten großer amerikanischer Zeitungen zu erläutern, so wie Mikovits das tat, das war eine andere Sache. Die Wissenschaftler der Regierung, die häufig ihren Auftrag, Forschung durchzuführen, mit einem Auftrag zur Verhinderung öffentlicher Panik verwechseln, waren besonders entnervt durch die Verwendung von Wörtern wie „Infektion“ und „Übertragung“ im selben Satz mit Wörtern wie „Autismus“ oder „Lymphom“ und sicherlich in Verbindung mit dem, was die CDC – anstelle von ME – „Chronisches Erschöpfungssyndrom“ nennt.
Natürlich ist es ein seltenes und heikles Unterfangen in der Wissenschaft, die Speerspitze bei einer neuen Entdeckung zu sein, und nur wenige gehen ein solches Risiko ein. Mikovits’ wichtigster Co-Autor des Science-Artikels und unerschrockener Bewunderer, Frank Ruscetti, sagte über Mikovits: „Was ich ihr immer beizubringen versuchte, ist, die wissenschaftliche Methode zu erlernen und sie gut zu lernen, damit man etwas veröffentlichen kann, über das 99 Prozent der [wissenschaftlichen] Gemeinde sagen könnte: ‚Du liegst falsch’, aber von dem du weißt, dass es stimmt. Das ist der Mut eines wahren Wissenschaftlers, und Judy hat diesen Mut.“ Vielleicht ist es nicht verwunderlich, dass Mikovits in den nächsten drei Jahren ungebeugt im Zentrum eines heftigen wissenschaftlichen Sturms stand, der über mehrere Kontinente wütete. Wenn sie recht hatte und ein hochinfektiöses Retrovirus tatsächlich die Ursache des „Chronischen Erschöpfungssyndroms“ war und zehn Millionen Amerikaner bereits infiziert waren, – nun, dann änderte das nicht nur die Geometrie, sondern erschütterte auch die Glaubwürdigkeit des Bollwerks der Nation gegen Infektionskrankheiten, der CDC und ihrer renommierteren Schwesteragentur, der National Institutes of Health.
Drei Jahre nach ihrer Entdeckung dachte man angesichts des Platzes, den die 1,64 m große Mikovits im wissenschaftlichen Kosmos eingenommen hatte, an Abraham Lincolns angebliche Bemerkung gegenüber Harriet Beecher Stowe: „Du bist also die kleine Frau, die das Buch geschrieben hat, das diesen großen Krieg ausgelöst hat!“
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Mikovits arbeitete so isoliert in der sogenannten HIV-AIDS-Forschungsblase, dass sie noch nie von ME gehört hatte, bis sie zur wissenschaftlichen Leiterin eines neuen Instituts der University of Nevada in Reno berufen wurde. Wie ist sie in ein solch abenteuerliches Schicksal hineingeraten? Ein Ansturm der Intuition, Fakten, die sich an weitere Fakten anfügten, ihr Wissen über die Immunologie bei AIDS, ein Eureka-Moment. „Ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, darüber nachzudenken. Ich wusste es einfach nicht“, sagte sie später.
2006 saß sie auf einer Konferenz in Barcelona im Publikum und hörte einem Veteranen der ME-Schlachten zu, einem Arzt, der Tausende von Patienten gesehen und die Krankheit unmittelbar zusammen mit ihnen kennengelernt hatte. Er sprach über eine Gruppe von 300 Patienten, die er jahrelang weiterverfolgt hatte. Dan Peterson aus Nevada, ein Spezialist für Innere Medizin mit einer langen Warteliste, beschrieb bei diesen Patienten etwas, das Mikovits als „opportunistische Infektionen“ bezeichnen würde: verschiedene Immundefekte, eine Art subakute Enzephalopathie, die den IQ senkte und selbst die Fähigkeit der hellsten Patienten zerstörte, klar zu denken, ergänzt durch abnorme Gehirnscans bei verschiedenen Verfahren. Der Arzt zeigte Daten, die auf Zytokin-„Stürme“ hinwiesen, einen Angriff von inflammatorischen Proteinen wie Interferon, die die Opfer schachmatt setzten und die als Reaktion auf Infektionen erzeugt werden. Er hob hervor, dass 5 Prozent der Patienten in dieser sorgfältig beobachteten Gruppe seltene, das Immunsystem betreffende Krebserkrankungen hatten, die in der allgemeinen Bevölkerung mit einer Wahrscheinlichkeit von nur 0,02 Prozent auftreten. Insgesamt hatten 77 der 300 Patienten entweder Blutkrebs oder zelluläre Veränderungen, die Lymphomen vorausgingen.
Mikovits war bis ins Mark getroffen. „Es ist ein Retrovirus“, dachte sie und sagte das beinahe laut. HIV war eine von drei Retrovirus-Familien, von denen bekannt ist, dass sie Menschen infizieren; vielleicht waren es vier, fragte sich Mikovits. Retroviren, die seit Langem dafür bekannt sind, Haustiere wie Katzen und Rinder sowie Wildtiere zu infizieren, verursachten Krebs, Immunschwäche und schreckliche neurodegenerative Erkrankungen. Wenn die Krankheit, die Peterson beschrieb, nicht AIDS war, dann war sie aber zumindest ähnlich wie AIDS oder, wie Mikovits schließlich sagen würde, „das andere AIDS“ oder „non-HIV-AIDS“. Sie sprang ans Mikrofon, als Peterson seinen Vortrag beendet hatte. „Ich bin Krebsforscherin“, sagte sie. „Erstens, ich suche nach Viren bei Krebs, und zweitens, das riecht nach einem Virus.“ Drei Jahre später, nachdem sie Hunderte von Erkrankten auf beiden Seiten des Atlantiks getroffen hatte, sagte sie: „Es wundert mich, dass jeder diese Patienten betrachten und nicht sehen konnte, dass dies eine Infektionskrankheit ist, die das Leben der Betroffenen ruiniert.“
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Es gibt eine gewaltige Hintergrundgeschichte zu Mikovits’ aktueller Geschichte; eine herzzerreißende Geschichte von zerstörten wissenschaftlichen Karrieren und gebrochenen Menschen, die wichtig erscheinende Entdeckungen über ME gemacht haben und ausgeschaltet wurden. Sie konnten es nicht glauben, dass ihre Arbeit nicht bekannt gemacht und vor allem nicht finanziert wurde. Nicht selten waren diese Entdeckungen Beweise für eine retrovirale Infektion. Experten, die mit den klinischen Manifestationen der Krankheit vertraut sind, haben Retroviren als eine Klasse von Krankheitserregern erkannt, die genau die Symptome und Folgen verursachen können, die sie registrieren: Immunschwäche, neurodegenerative Erkrankungen und stark erhöhte Krebsraten. Man liest immer wieder, dass die Ursache der Krankheit „schwer fassbar“ und die Krankheit selbst „mysteriös“ ist. Die unausgesprochene Annahme hinter diesen Klischees ist, dass zwar planvolle gemeinsame Anstrengungen unternommen wurden, um das Geheimnis zu lösen, dies jedoch ohne Erfolg war. Entgegen der landläufigen Meinung wurde aber nur selten nach einem verursachenden Infektionserreger der Krankheit gesucht, und die entsprechende Forschung war begrenzt und zum größten Teil entweder unzureichend oder praktisch gar nicht finanziert.
Bereits in den frühen 1980er-Jahren begann Campbell Murdoch, ein ortsansässiger Arzt in Dunedin, Neuseeland, Patienten an den Mikrobiologen und Arzt Michael Holmes von der University of Otago zu verweisen, einen dunkelhaarigen, enthusiastischen und aufgeschlossenen jungen Wissenschaftler, dessen Aussehen und Temperament von seinen Kollegen mit Heinrich VIII. verglichen wurde. Interessanterweise war die Krankheit in Dunedin allgemein als „Poor Man’s AIDS“ („AIDS der armen Leute“) bekannt. Die Südinsel Neuseelands wurde von der Krankheit in den späten 1970er-Jahren heimgesucht. Den vielleicht bekanntesten Ausbruch gab es in der kleinen Stadt Tapanui, einem Dorf weniger als zwei Stunden landeinwärts von der Küste Dunedins entfernt. Die Einheimischen dort übernahmen den wohlklingenden Namen „Tapanui-Grippe“. Holmes, dessen Hauptinteresse die „klinische Immunvirologie“ war, verbrachte mehrere Jahre vor seiner Pensionierung im Jahr 2002 damit, das „AIDS der armen Leute“ auf Belege für Retroviren zu untersuchen.
1986 bekam Holmes von Patienten umgerechnet 690 US-Dollar für Testverfahren und untersuchte damit sechs Betroffene und sechs gesunde Kontrollen. Er entdeckte bei vier von sechs Patienten Reverse Transkriptase, ein Enzym, das Retroviren für ihren Vermehrungsprozess benötigen. Darüber hinaus fand er „… Zellen mit hirnähnlich verformten Zellkernen, vergleichbar mit denen, die beim ARC-Syndrom [AIDS-related complex] beschrieben werden. Diese waren bei den Kontrollpersonen nicht vorhanden.“
„Wir möchten eine Retrovirus-Ätiologie für CFS vorschlagen. Unsere These basiert nicht nur auf dieser Pilotstudie, sondern auch auf der deduktiven Beobachtung, die uns dazu veranlasst hat, sie überhaupt in Betracht zu ziehen“, schrieb Holmes. Ein Teil dieser deduktiven Beobachtung war das Zytokin „Interferon“, das man bei ME-Patienten in extrem hohen Konzentrationen festgestellt hat. „… Die stärksten Interferon-Induktoren sind Retroviren“, fügte Holmes hinzu.
Zwei Jahre später erhielt Holmes 7.000 Dollar von Patienten, um die Jagd fortzusetzen, diesmal mit zwanzig Patienten. Wieder sah er die „hirnähnlich verformten Zellkerne“, die auch bei HIV zu sehen waren. Vier Jahre später hatte er genug Geld beisammen, um weitere zwanzig Patienten zu untersuchen und kam zu ähnlichen Ergebnissen. Zu diesem Zeitpunkt, 1991, hatte die amerikanische Immunologin Elaine DeFreitas ihre eigene Entdeckung retroviraler Gensequenzen bei 80 Prozent der Erwachsenen und Kindern mit ME und in 4 Prozent der Kontrollen veröffentlicht. Bedauerlicherweise ist man, wie es Holmes in denkwürdigen Worten ausdrückte, „… über sie hergefallen und hat sie den Wölfen vorgeworfen“. Holmes’ Ansicht nach geriet seine interessante Forschung beim wissenschaftlichen Establishment in Neuseeland und auch im Rest der Welt in eine Sackgasse. Nachdem Holmes seine Ergebnisse 1994 auf einer ME-Konferenz in Fort Lauderdale, Florida, vorgestellt hatte – unter sechzig Präsentationen die einzige Studie über Kausalität –, sagte mir der CDC-Epidemiologe Keiji Fukuda ganz nüchtern: „Über Ätiologien zu sprechen, bedeutet, falsche Hoffnungen zu wecken … Es wird nicht so sein, dass Agens X die Krankheit Y verursacht.“ Keiji Fukuda ist heute stellvertretender Generaldirektor für Gesundheit, Sicherheit und Umwelt bei der Weltgesundheitsorganisation.
Fukudas Kommentare waren repräsentativ für die Mentalität der Verleugnung, auf die die lebhafte, oft sarkastische DeFreitas bei den CDC traf. Diese wurde deutlich, als Wissenschaftler aus Atlanta auf sie zukamen, nachdem über ihre Entdeckung in Newsweek und mehreren großen Zeitungen berichtet worden war. DeFreitas, die ein schnell aufsteigender Stern am Wistar Institute in Philadelphia und von ihrem weltberühmten Direktor Hilary Koprowski betreut worden war, nötigte den männlichen Retrovirologen an den CDC ebenso viel Respekt ab wie den Patienten, deren Blut sie untersuchte. Unter Missachtung des Protokolls weigerten sie sich mit allen Mitteln, ihren Untersuchungsmethoden zu folgen. Sie ignorierten ihr Verbot, das Blut einzufrieren. Die Wissenschaftler froren die ME-Blutproben ein, um in Urlaub zu fahren. Sie setzten chemische Reagenzien ein, vor denen DeFreitas gewarnt hatte. Sie ließen Reagenzien weg, die sie empfohlen hatte. Sie betrachteten die Mischungsverhältnisse von bestimmten Nährstoffen, die DeFreitas zur Ernährung ihrer Zellkulturen (und des Virus) verwendete, als unwichtig. „Es ist immer genug Zeit, es falsch zu machen, aber nie genug Zeit, um es richtig zu machen“, bemerkte DeFreitas damals. Sie sagte auch vorausschauend: „Wenn dieses Land von einer Pest heimgesucht würde, wären die CDC die letzten, die es mitkriegen.“
Schließlich drängte DeFreitas die Behörde, eine Wissenschaftlerin in ihr Labor in Philadelphia zu schicken, um Seite an Seite mit ihr zu arbeiten. Sie würde die Pferde zu Wasser bringen und hoffen, dass sie trinken. Wistar-Direktor Koprowski bot den CDC-Wissenschaftlern das luxuriöse Besucherappartement des Instituts als Unterkunft an. Unter Berufung auf einen Mangel an Geld, den Hin- und Rückflug eines Wissenschaftlers aus Atlanta zu bezahlen, lehnten CDC-Verwaltungsbeamte beide Einladungen ab. Das zeigte, es war der US-Regierung entweder egal, was DeFreitas bei den Opfern dieser sich schnell ausbreitenden Krankheit gefunden hatte, oder sie wollte es nicht wissen.
„Es ist die Schuld der CDC“, sagte Mikovits während eines Gesprächs über DeFreitas’ Entdeckung. „Sie lassen es zu, dass sich eine ganze Generation ansteckt. Ich denke, sie wissen alle, dass es hier eine riesige Sammelklage geben wird.“
Als Beamte der CDC bekanntg aben, sie hätten DeFreitas’ Ergebnisse in keiner von vier Publikationen bestätigen können, und einen Brief an ihren Chef geschrieben hatten, in dem sie ihre Entlassung vorschlugen, verglichen Wissenschaftler DeFreitas mit Jeanne d’Arc. Sie hatte es gewagt, eine infektiöse Ätiologie für ME vorzuschlagen; sie hatte es gewagt, daraus eine „echte“ Krankheit zu machen. Ich dachte immer, ein Vergleich mit der mythologischen Cassandra sei viel passender.
DeFreitas’ damals 75-jähriger Chef Koprowski war ein polnischer Emigrant der 1930er-Jahre und wurde von vielen als persönlich verantwortlich für den europäischen „Brain Drain“ der 1950er-Jahre angesehen, in dem Wissenschaftler Europa in Scharen verließen und nach Amerika auswanderten; viele von ihnen fanden ein Zuhause im Wistar Institute. Koprowski, der sich sehr für ME interessierte und es als eine „infektiöse Erkrankung des Gehirns“ charakterisierte, sagte mir, er glaube, dass die NIH ein Institut in der Größe und mit dem Kompetenzbereich des National Cancer Institute benötige, um ME und andere aufkeimende Erkrankungen des zentralen Nervensystems zu bekämpfen. Koprowski glaubte, dass sich bei allen eine infektiöse Ursache herausstellen würde, ähnlich wie bei Polio und Tollwut.
Mit der Vernichtung von DeFreitas’ provozierenden Befunden durch die CDC rutschte die Forschung über die Ursache von ME schnell in ein wissenschaftliches Äquivalent der Mojave-Wüste. Dort lag die Krankheit zwanzig Jahre lang wie eine Leiche, um von einer sich anschleichenden psychiatrischen „Lobby“, wie Patienten die immer noch einflussreichen Psychiater nennen, aufgegriffen zu werden. Letztere haben ME in einen augenzwinkernden Euphemismus verwandelt, den sie „Bodily Distress Syndrome“ nennen, gekennzeichnet durch „medizinisch ungeklärte Symptome“, auch bekannt unter der Abkürzung „M.U.P.S.“ [Medically Unexplained Physical Symptoms]. Sie haben es geschafft, einen Großteil des medizinischen Establishments davon zu überzeugen, dass kognitive Verhaltenstherapie eine wirksame Behandlung sei. Sicherlich ist es kostengünstiger, eine Gesprächstherapie zu verordnen, als umfassende Forschungsanstrengungen zur Ursache zu finanzieren.
Es gab keine finanzielle Förderung durch die Bundesregierung der USA, um nach möglichen Pathogenen für die Ursache der Krankheit zu suchen. Der Nihilismus legte sich über die wenigen andersdenkenden klinischen Forscher und die noch selteneren Wissenschaftler, die die Krankheit weiterhin alarmierend fanden. Sie wandten sich wieder der Veröffentlichung von Artikeln über Symptome zu wie etwa der pompös betitelten „post-exertional malaise“ – dem unvermeidlichen Absturz, der bei Patienten auftritt, die sich angestrengt haben – oder Symptomen wie einer gestörten Durchblutung des Gehirns oder dem pathologisch niedrigen Blutdruck. Heute gibt es etwa 5.000 Artikel über Anomalien bei ME, die seit Beginn der 1980er-Jahre in wissenschaftlichen Zeitschriften erschienen sind. Aber die Beamten der Regierung sagen Reportern weiterhin: „Es gibt keine Biomarker.“ Mit verhängnisvoller Logik erzählen sich die gleichen Beamten untereinander, dass die Krankheit in unzählige „Untergruppen“ aufgeteilt werden müsse. Denn sie bestehen darauf, es sei einfach unvorstellbar, dass alle das Gleiche haben könnten – eine neue Art, es so auszudrücken, wie es der CDC-Epidemiologe Keiji Fukuda vor zwanzig Jahren schon sagte: „… Es wird nicht so sein, dass Agens X die Krankheit Y verursacht.“
Nachdem ich Judy Mikovits im Frühjahr 2009 in London kennengelernt hatte, fragte ich mich: War der Tag der Abrechnung gekommen? Würde Mikovits die Wissenschaftlerin sein, die diese Krankheit lösen würde, oder würde man sie zerstören? Ohne hintersinnig sein zu wollen, glaube ich, dass die Antwort in beiderlei Hinsicht ein bisschen „Ja“ lautet.
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„Wir haben diesen Artikel CDC-sicher gemacht“, versicherte mir Mikovits im September 2009, kurz bevor ihre Studie in Science veröffentlicht wurde. Sie war vielleicht noch nicht lange dabei, was die Erforschung der Krankheit betraf, aber sie war mit deren politischer Geschichte bestens vertraut. Im Juli zuvor hatte sich ihre Arbeit sehr gut behauptet, als zwei AIDS-Experten des National Cancer Institute ein geheimes Treffen von führenden Experten auf dem Gebiet der Gammaretroviren einberufen hatten, um über die Angelegenheit zu beraten. Die hauptsächlichen Sorgen der Regierung waren: Wie sollte man mit einer unberechenbaren Öffentlichkeit umgehen, wenn die Nachricht von XMRV und seinem möglichen Zusammenhang mit Krebs bekannt wurde, und was sollte man mit all den infizierten, asymptomatischen Menschen tun?
„Das ist der Teil der Daten, der alle erschreckt hat“, erinnerte sich Mikovits. „Das ‚Chronische Erschöpfungssyndrom’ interessierte sie nicht. Aber zehn Millionen Menschen infiziert mit einem Retrovirus von unbekanntem pathogenem Potenzial? Im Vergleich dazu sind in diesem Land achthunderttausend Menschen mit HIV infiziert.“
In dem dann folgenden Aufruhr verwandelte sich die Beunruhigung in Gespött, als mehrere Laboratorien die Arbeit nicht bestätigen konnten. Im Lauf der Zeit wurde von einem amerikanischen Wissenschaftler, der anfangs zunächst ein entschiedener Unterstützer von Mikovits war, ein überzeugendes Argument vorgebracht, nämlich dass XMRV ein vom Menschen hergestelltes Virus sei, eine „Verunreinigung“, die sich seit Mitte der 1990er-Jahre von Labor zu Labor verbreitet habe. Mikovits und ihre Mitarbeiter akzeptierten das Urteil über XMRV, aber Mikovits’ Stimme übertönte den daraus resultierenden Aufruhr und selbst den Spott. Sie bestand darauf, dass die Beweise für eine Gammaretrovirus-Infektion bei ME zwingend wären und eine weitere Erforschung verdienten. Wie bei HIV, argumentierte sie, gab es wahrscheinlich mehrere Stämme des Erregers, und sie hob hervor, dass ihre Forschung diese Hypothese unterstützte. Sie verwies auch auf einen anderen Wissenschaftler, einen zurückgezogenen Interferon-Experten namens Sydney Grossberg, der seit den frühen 1990er-Jahren an der University of Wisconsin in aller Stille seine eigene Entdeckung eines Retrovirus bei einem ME-Patienten verfolgte. Tatsächlich veröffentlichte Grossberg im Mai 2013, als die Kontroverse um XMRV zur Ruhe gekommen war, seine Beobachtung, dass der Erreger ein Mitglied der Gammaretrovirus-Familie sei. Es war nämlich ein Mäuseleukämievirus, was man von XMRV ebenfalls annahm. Es unterschied sich aber, so fuhr er fort, von XMRV. Grossberg schlug darüber hinaus vor, in zukünftigen Studien seine Techniken zu verwenden, um den Nachweis auf eine Untergruppe von Viren auszuweiten, „die mit [Mäuseleukämieviren] verwandt sind“.*
*Sidney E. Grossberg et al., „Partial Molecular Cloning of the JHK Retrovirus Using Gammaretrovirus Consensus PCR Primers“, Future Virology, Vol.
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Wäre Mikovits so hart behandelt worden, wenn sie ein Mann wäre? Schließlich waren es Männer, die XMRV entdeckt hatten, und keiner von ihnen wurde Opfer der bösartigen Berichterstattung, der Schikane im Internet oder der öffentlichen Prügel, die sie erleiden musste. Hätten die Journalisten Jon Cohen und Martin Enserink von Science mit Männern das Gleiche wie mit Mikovits gemacht, hinter der sie, wie im Sommer 2012, abwechselnd her waren? Hätten sie, wie sie es im September 2011 getan haben, ein achtseitiges Papier in Science veröffentlicht, das nichts weiter als ein klassischer Rufmord war? Enserink verfolgte Mikovits durch Brüssel und die Universitätsstadt Leuven, Belgien, während dort eine wissenschaftliche Konferenz stattfand, und Cohen folgte ihr später von Kalifornien nach Reno, offenbar hauptsächlich, um ein Polizeifoto von ihr zu ergattern, das dann auf Seite eins ihrer Geschichte erschien. Ich wurde Zeugin davon, wie Mikovits über Tage hinweg mit Eserink so lange sprach, bis sie heiser wurde, um ihm ihre wissenschaftlichen Methoden und Hypothesen zu erklären. Von dem, was sie ihm gesagt hatte, habe ich in dem anschließend erschienenen Artikel nicht ein Wort wiedergefunden.
Oder war es die Tatsache, dass das Establishment im Gesundheitswesen ME weitgehend als eine Krankheit von Frauen wahrnimmt? Was nicht nur zu Spott und Ablehnung gegenüber Patienten führt, sondern auch gegenüber Wissenschaftlern, die versuchen, die Entstehung ihrer Krankheit herauszufinden, vor allem, wenn sie außerdem noch Frauen sind? Erst im Dezember 2013 wurde ein frisch pensionierter NIH-Wissenschaftler bei einer medizinischen Konferenz in New York City von einer Patientin gefragt, was die NIH-Führung wirklich über diese Krankheit denke. Nach einer Pause, in der er seine Worte abzuwägen schien, antwortete der Wissenschaftler lächelnd: „Sie hassen euch.“ Kann die schwierige Geschichte einer Epidemie, die bislang schon zwei Generationen von Menschen heimgesucht hat, auf Frauenfeindlichkeit zurückgeführt werden, genauso wie die Verzögerung der Erforschung von AIDS in den frühen 1980er-Jahren auf Homophobie zurückgeführt wird?
Oder liegt die Erklärung in der Notwendigkeit, dass die CDC und die NIH ihr Gesicht retten und es vermeiden müssen einzugestehen, dass die vom Steuerzahler finanzierten Gesundheitsbehörden so gründlich und so lange versagt haben? Oder hat es mit der Vermeidung der Sammelklagen zu tun, die Mikovits vorhergesagt hatte? Wir sind als Gesellschaft nicht darauf vorbereitet, in Erwägung zu ziehen, dass diese Behörden, ob mangels Alternative oder absichtlich, ein Komplott schmieden, um die Bevölkerung unwissend zu halten über reale und gegenwärtige Bedrohungen unseres Lebens und des Lebens unserer Kinder. Die Geschichte dieser Krankheit jedoch und die oft verheerenden Erfahrungen von Wissenschaftlern, die versucht haben, den Fall zu lösen, zwingen jeden denkenden Menschen, diese Möglichkeit in Betracht zu ziehen.
Was nicht zu bestreiten ist: Judy Mikovits hat eine überholte, über ein Vierteljahrhundert andauernde Debatte über die Legitimität von ME verwandelt in eine Diskussion über seine biologische Ursache, seine Übertragungswege und sinnvolle medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten. Sie öffnete die Büchse der Pandora wieder, die zugeschlagen wurde, als die CDC versuchten, Elaine DeFreitas zu begraben. Sie rückte die Krankheit für eine Weile in die Realität, was an sich schon eine bedeutsame Leistung ist, und richtete den Fokus der wissenschaftlichen Gemeinde weg von ihren Symptomen in Richtung ihrer Ursache. Sie brach den Bann der nihilistischen Verleugnung aller positiven Ansätze. Sie schlug zudem eine vernünftige Hypothese über ein mögliches infektiöses Agens vor, das die Autismus-Epidemie antreibt; in einer vernünftigen Welt würde ihre Hypothese offensiv verfolgt werden. Im breiteren Sinne brachte Mikovits einen einst ruhigen, ja geheimen Diskurs unter Molekular- und Evolutionsbiologen ans Tageslicht und in die breite Masse: Ist es möglich, dass ein Virus oder eine eng verwandte Familie von Viren die neurologischen Erkrankungen wie ME, Autismus, sogar vielleicht ALS und Parkinson verursachen könnte, und auch die Epidemien des Non-Hodgkin-Lymphoms und der Leukämie?
Man hofft für die Zukunft auf mehr Ehrlichkeit und einen neuen Geist der Aufgeschlossenheit von Regierungsbeamten. Wenn so viele krank sind und die Kosten für die Gesellschaft so hoch sind, sollte jede Entdeckung ohne Voreingenommenheit und mit großer Dringlichkeit untersucht und erforscht werden. Ehrliche Wissenschaftler müssen wissen, dass sie bei ihren Bemühungen, schwierige Probleme zu lösen, unterstützt werden, anstatt „auf dem Scheiterhaufen verbrannt“ zu werden. Man hofft auch auf die Rettung der Millionen von Menschen, die von ihren Regierungen zum Verschwinden gebracht wurden, weil sie eine Krankheit bekommen haben, die von diesen Regierungen nicht anerkannt werden kann. Und man hofft auch auf die Rettung derer, die in den kommenden Jahren krank werden, falls es eine Rückkehr zum Status quo gibt, den Judy Mikovits drei brillante Jahre lang unterbrochen hat.
Prolog




