Soft Skill für Young Professionals

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4. Relevante Bezugsgruppen
Selbstwert durch Feedback aus „Peer-Groups“
Schon ab der ersten Schulklasse orientiert sich ein Mensch an Gleichaltrigen bzw. Menschen, die sich in gleicher und ähnlicher Situation befinden, den so genannten „Peer-Groups“. In diesen Gruppen werden Ideale gebildet und festgelegt, wie eine Person durch das Zeigen oder die Adaption von Merkmalen den zeitgemäßen Trendvorstellungen genügen kann. Die Anerkennung und Akzeptanz in diesen „Peer-Groups“ hat augenblickliche Einwirkung auf das Selbstwertgefühl. Die Frage, wie Sie bei einer anderen Person oder einer Gruppe ankommen, spielt unmittelbar eine Rolle in der Erwägung des eigenen Selbstwertgefühls. Diese Bezugsgruppen werden nicht mit der Abschlussprüfung der Oberschule abgelegt, sondern begleiten uns fortwährend – seien sie beruflich oder privat. Erfolg und Glück werden vielfach in Vergleichen zu anderen Personen aus unserer „Peer-Group“ gemessen. Besonders im fortgeschrittenen Alter, wenn die 50 überschritten ist, findet häufig eine Art vergleichendes Resümee statt. In diesem evaluiert der Einzelne, was er erreicht hat. Dabei betrachtet er die relevanten Bezugsgruppen und bewertet in einer Unterschiedsanalyse den eigenen Lebensweg. Fällt dieses Resümee negativ aus, fällt die Person eventuell in eine Midlife-Crisis.
5. Individuelle Faktoren
Mit individuellen Faktoren sind die Einflüsse umschrieben, welche von Person zu Person oder auch zwischen den Geschlechtern unterschiedlich ausgeprägt sind. So ist zum Beispiel soziale Überlegenheit ein solcher individueller Faktor. Auch das Verhältnis zu oder die Abhängigkeit von beruflichen Erfolgen oder die Neigung zur Selbstkritik können solche Faktoren sein, welche individuell das Selbstwertgefühl beeinflussen. Diese persönlichen Faktoren beeinflussen das Selbstwertgefühl ebenso stark und gelegentlich sogar nachhaltiger als die anderen Umstände. So ist beispielsweise das Verlangen nach Anerkennung unterschiedlich ausgeprägt und kann bei einer Person mit starker Ausprägung dieses Faktors besonders zügig zur Selbstwertquelle oder Selbstwertbedrohung werden.
Quellen und Bedrohungen des Selbstwertgefühls
Alle diese erwähnten Faktoren beeinflussen unser Selbstvertrauen. Als Quelle spenden und als Bedrohung rauben sie uns Kraft und Mut für komplexe Herausforderungen im Privat- und Berufsleben. Studien haben wiederholt bewiesen, dass Personen mit einem niedrigen Selbstwertgefühl nicht unter einer höheren Quantität von Faktoren litten, als selbstbewusste Personen. Vielmehr können sie mit einer vergleichbaren Anzahl von Faktoren nur schlechter umgehen. Demnach kommt es gar nicht darauf an, geradewegs alle der erwähnten Faktoren als direkte Quelle zu akquirieren, wenn Sie bereits zu einer Einzelnen ein außerordentlich zuträgliches Verhältnis aufgebaut haben.
Aufbau und Stärkung des Selbstwertgefühls
Trotz frühkindlicher Prägung ist mangelnde Selbstsicherheit kein unkorrigierbares Schicksal – es wurde erlernt und kann demnach größtenteils auch umgelernt werden. Dazu klären wir im Folgenden erst, welchen Grundlagen das Selbstwertgefühl entspringt und schließen dann einige konkrete Vorschläge an, wie Sie durch gezielte Übungen Ihr Selbstwertgefühl gegebenenfalls steigern können.
Individuen mit einem gesunden persönlichen Selbstwert haben erfahrungsgemäß eine positive Abgrenzung zu anderen Personen in ihrem Umkreis aufgebaut. Sie sind sich ihrer Individualität und ihrer eigenen Stärken bewusst geworden. Betont sei hierbei, dass es sich nicht um einen einfachen Vergleich mit anderen Personen handelt, in welchem Sie Schwachpunkte anderer identifizieren. Vielmehr geht es um die Identifikation der eigenen Stärken im Vergleich zur durchschnittlichen Qualifikation einer Gesellschaft bzw. des eigenen Umfelds. Dabei obliegen Ihnen nicht nur mehrere der oben genannten Selbstwertquellen, sondern meist entwickelt sich ein positives Verhältnis zu allen Faktoren.
Gerade die erste Aussage der Abgrenzung mag elitär klingen, ist aber per Rückschluss empirischer Forschung stichhaltig, da Individuen mit hohem Selbstwertgefühl auffallend häufig die Überlegenheit in einigen sozialen oder fachlichen Kompetenzbereichen gegenüber anderen Personen als Quelle ihres Selbstvertrauens aufführen.
Selbstwertgefühl nicht durch Vergleiche mit anderen, sondern durch eigenen Maßstab
Wie können Sie nun aber den Gedanken Ihrer fachlichen oder sozialen Ausnahmestellung, auch nur in einer ausbalancierten Form, postulieren, wenn Sie zuvor erkennen, dass selbstbewusste Personen an sich nicht sehr konkurrierend sind? Die angesprochene positive Abgrenzung ist der Initialschritt zu einer persönlichen Entfaltung, macht jedoch eine Person langfristig jeweils nur in diesem einen konkreten Vergleich seelenstark. Selbstwertgefühl ist aber langfristig unabhängig von Vergleichen und ist als ein intrinsischer Wert losgelöst von anderen Personen. In der abgrenzungsorientierten Formulierung heißt es: „Ich kann wenigstens besser finanzmathematisch rechnen als er.“ In einer selbst bezogenen Formulierung heißt es hingegen: „Meine Rechenleistungen sind für mein Alter herausragend gut. In der finanzmathematischen Kalkulation bin ich meiner akademischen Erfahrungen weit voraus“ (Kapitel 2.2.). Kompetenz, Stärke und Individualität sollten Sie bei der Suche nach Selbstwert nie direkt vergleichend bewerten. Lediglich im Rahmen der externen Evaluierung von Bewerbern für eine ausgeschrieben Stelle wird jedoch häufig eine vergleichende Bewertung vorgenommen.
Selbstwertgefühl durch Kenntnis von Stärken und Schwächen und Fokussierung auf Stärken und Erfolge
Zweite Grundeinstellung ist, seine Stärken und Schwächen zu akzeptieren – die Stärken einzusetzen, um seine Ziele zu erreichen, und seine Schwächen nicht als Grenzmarke, sondern in Form einer Herausforderung zu betrachten. Nur ungefähr 10 Prozent aller Menschen besitzen ein unerschütterliches Selbstvertrauen, die restlichen 90 Prozent müssen ihr Selbstwertgefühl verbessern, indem sie versuchen, an Schwächen zu arbeiten und ihre Stärken effektiver zu positionieren. Mitunter trägt bereits eine einfache Übung zu einer enormen Steigerung Ihres Selbstwertgefühls bei. Machen Sie sich einfach bewusst, wie viel Sie in einzelnen Bereichen bereits erreicht haben – regelmäßig und insbesondere dann, wenn Sie unzufrieden oder orientierungslos sind. Zum Beispiel so:
▪ kulturelle Faktoren: „Ich bin in einer werte- und sozialorientierten Gesellschaft aufgewachsen, habe eine anständige humanistische und kritische Ausbildung genossen und mit einem international gut anerkannten Abitur abgeschlossen.“
▪ soziale Faktoren: „Ich habe gute und tiefe Freundschaften – Freunde, welche mir stets zur Seite stehen, mich aber auch infrage stellen.“
▪ Familie: „Ich habe stets den guten Kontakt zu meinen Eltern und Großeltern gepflegt und kann mich jederzeit auf sie verlassen. Ich bin für sie, wie sie für mich, eine Unterstützung.“
▪ relevante Bezugsgruppen: „Ich komme mit allen aus der Volleyballgruppe außergewöhnlich gut klar, und wir haben immer ungeheuren Spaß zusammen.“
▪ individuelle Faktoren: „Ich habe mein Abitur gut bestanden, ein Studium abgeschlossen und die letzte wichtige GMAT-Prüfung erfolgreich abgelegt.“
Vermeidungshaltung gegenüber unangenehmen Situationen abbauen
Übungen zum Aufbau und der Steigerung des Selbstbewusstseins beruhen auf der Überwindung des Vermeidungsverhaltens unangenehmer Situationen. Solche Übungen können Sie zum Teil direkt während entsprechender Seminare durchführen. Andere Übungen entsprechen eher Aufgaben, welche Sie langsam und kontinuierlich in den Alltag einbauen müssen und nicht direkt in einzelne Aktivitäten umsetzen können. Zum Beispiel gibt es eine Aufgabe, welche verlangt, dass Sie einen nicht zwingend benötigten, preisgünstigen Gegenstand kaufen (z. B. einen Hammer) und ihn am nächsten Tag das Umtauschrecht nutzend zurückgeben. Dies steigert beispielsweise das Selbstvertrauen, etwas Legales, aber Unangenehmes zu tun.
Grüßen Sie alle Personen in Ihrem Umkreis mit einem „Einen schönen guten Tag“ oder ähnlich umfassenderem Satz als „Guten Tag“. Seien Sie konsequent. Gehen Sie in eine Einkaufsstraße oder setzen Sie sich in einen Bus und grüßen Sie zehn vollkommen unbekannte Personen mit einem „Guten Tag“. Manche Personen werden zurückgrüßen, manche sagen gar nichts. Den Personen, welche nachfragen, erklären Sie, dass Sie einfach nur freundlich sein wollten. Entschuldigen Sie sich auf keinen Fall!
Gehen Sie in ein Geschäft und bitten Sie eine Verkäuferin oder die Kassiererin, Ihnen den Zwanzig-Euro-Geldschein in Ein-Euro-Münzen zu tauschen. Wiederholen Sie dies so oft, bis es Ihnen nichts mehr ausmacht. Fragen Sie dann in jeder langen Schlange, ob Sie vorbei dürfen. Sie haben es sehr eilig oder Ihr Kind wartet allein zu Hause.
Weitere Übungen generieren Sie am besten dadurch, dass Sie Situationen suchen, in denen Sie typischerweise eine Vermeidungshaltung an den Tag legen und niemanden stören wollen. Ideal sind alle Aufgaben, die Ihnen unangenehm sind.
Die richtige Portion Selbstbewusstsein
Zielereichung wirkt direkt auf das Selbstwertgefühl
Das Erreichen der eigen formulierten Ziele und das Erfüllen der appellierten Standards wirken direkt auf die Höhe des Selbstwerts. Wenn eine Person nicht erreicht, was sie sich selbst vorgenommen hat, kann sie trotz hoher externer Anerkennung und Zurede nur ungenügend ein positives Selbstvertrauen aufbauen. Schnell entwickelt sich eine introvertierte Persönlichkeit, welche nicht offen mit anderen über eigene Probleme reden kann, da sie auch noch den Verlust der externen Anerkennung befürchtet.
Prinzipiell scheint ein moderat niedriger Selbstwert ein fundamentales Entwicklungspotenzial zu beinhalten. In der ständigen Entwicklung eines positiven Selbstwertgefühls müssen Sie einen produktiven Ausgleich zwischen Selbstkritik und dem Willen zur Veränderung erwirken. Eine zu hohe Willenskraft zur Veränderung und eine zu energische Selbstkritik führen aber konsequenterweise nicht zu einer Erreichung des Zieles. Andersherum ist bei Menschen mit hohem Selbstwert ein Mangel an Selbstkritik ein Hindernis, sich weiterzuentwickeln.

Abbildung 5: Weiterentwicklung in Abhängigkeit des Selbstvertrauens
Selbst- und Fremdkritik fördern die Persönlichkeitsausbildung
Aus den heutigen Erkenntnissen von Persönlichkeitsmodellen und Psychologie ist es natürlich anzustreben, ein positives Selbstbewusstsein aufzubauen. Dieses Selbstbewusstsein darf aber nicht nur abgrenzungsorientiert sein, sondern sollte auch selbstorientiert sein. Wenn Sie ein positives Selbstvertrauen aufgebaut haben, sollten Sie Fremd- und Selbstkritik anregen bzw. forcieren. Nur diese Anregungen entwickeln und manifestieren eine Persönlichkeit langfristig. Auch eine Person, welche gar keine Kritik zulässt, wird schnell durch ein introvertiertes Auftreten auffällig, da sie sich von anderen Meinungen und damit von anderen Personen an sich löst.
Woher wissen Sie nun, ob Sie die exakt ausreichende Menge besitzen und wie weit Sie damit richtig umgehen? Zuerst können Sie an den obigen Merkmalen evaluieren, wie weit das Selbstvertrauen ausgeprägt ist. Als modernes Element bietet sich ein wiederholtes 360°-Feedback an, welches Ihnen umfassend Kritik und erfahrungsgemäß überproportional viel Lob anbietet, um sich selbst weiterzuentwickeln. Die richtige Menge an Selbstvertrauen haben Sie, wenn Sie keinerlei Probleme mit Ihrem Selbstvertrauen in Ihrem privaten und beruflichen Umfeld haben und auf der anderen Seite nicht negativ durch dominierendes Selbstbewusstsein auffallen.
Stimmungen als temporäre Fühlmuster
Stimmungen sind dauernde Gefühlszustände, welche uns fortwährend im Privat- und Berufsleben umgeben. Dabei beeinflusst die Stimmungen jede zwischenmenschliche Interaktion und determiniert damit auch einen großen Teil unseres Verhaltens. Obwohl dieses Thema in der herkömmlichen Darstellung der Soft Skills eher wenig explizite Aufmerksamkeit findet, erscheint es bedeutend, sich auch mit diesem Gebiet zu beschäftigen. Durch Erkenntnisse über sich selbst können Sie sensibler und besser mit sich und anderen Personen umgehen.
Stimmungen prägen unser Verhalten
Stimmungen, welche unser Privat- und Berufsleben wohl am meisten beeinflussen, sind die der Trauer, der Freude, der Angst sowie der Zufrieden- und Unzufriedenheit.
Trauer und Freude
„Die größte Gefahr lauert im Moment des Sieges.“
NAPOLEON BONAPARTE
Trauer und Freude treffen uns vorwiegend unerwartet und beeinflussen uns über einen ausgedehnten Zeitraum. Bedeutend ist, mit Freude ebenso einträglich und produktiv umzugehen, wie auch mit Trauer. Trauer ist dabei eine Reaktion auf ein Verlustgefühl. Diese Verluste können beispielsweise der Tod von einer nahe stehenden Person, eines Haustiers oder der Verlust eines Lieblingsgegenstandes sein. Im Muster der Trauer treten vier Phasen auf:
▪ Verdrängungsphase, welche sich durch ein betäubtes Benehmen zeigt
▪ Verzweiflungs- oder Sehnsuchtsphase
▪ niedergeschlagene oder depressive Phase
▪ Reorganisation des Individuums
Alle Phasen müssen durchwandert werden
Diesen Prozess der vier Phasen hat schon Sigmund Freud (1856 bis 1939) als „Trauerarbeit“ (Abbildung 6) bezeichnet. Heute ist dieses Muster nicht nur akzeptiert, sondern es ist auch aufgezeigt, dass eine Person alle diese Phasen durchwandern muss, um nicht in den Zustand der pathologischen Trauer, das heißt, in anhaltende Depressionen zu verfallen. Besonders die letzte Phase der Reorganisation kann nicht nur mit Schuldgefühlen, sondern auch mit Aggressionen, beispielsweise gegenüber der verstorbenen Person oder dem nahen Umfeld, einhergehen.

Abbildung 6: Trauerarbeit nach Sigmund Freud
Haben Sie diesen Prozess verstanden, können Sie sich und andere Personen in der Trauerarbeit unterstützen und sich oder der Person Zeit zum Durchwandern aller Phasen geben. Eine bessere Verarbeitung des Vorfalls führt zu einem geringeren Risiko des Rückfalles in Aggression, Niedergeschlagenheit und Depression.
Zeitnahe Verarbeitung von positiven und negativen Gefühlen
Wie bereits eingangs diskutiert bedarf der Umgang mit Freude ebenfalls einer aktiven Herangehensweise. Freude ist ein Gefühl, welches Sie ebenso wenig unterdrücken sollten wie Trauer. Es gibt jedoch Situationen, in welchen Sie aus strategischen Gründen keine überschwängliche Freude zeigen sollten, wie beispielsweise in professionellen Verhandlungen. Äußerst häufig ist die Zeit der freudigen Euphorie schon aufgrund der Unachtsamkeit eine erneute Quelle der Gefahr. Ebenfalls gibt es Szenarien, in welchen Sie aktive Freude, zum Beispiel Freude an einer Opportunität (z. B. Freizeit), verschieben müssen, um ein höheres Maß an Freude zu einem späteren Zeitpunkt zu genießen. Zu Beachten ist dabei aber, dass verschobene Freude sich mit der Zeit verkleinert. Die Freude über ein erfolgreiches Meeting ist nach zwei Wochen nur noch kaum nachzuvollziehen, da die Erleichterung von Stress und Aufregung nicht mehr zurückzuverfolgen ist.
In der Autobiographie von Jack Welch, ehemaliger CEO von General Electric, führt dieser auf, welchen positiven Wert es hat, Erfolge zu feiern. Fragen auch Sie sich einmal, warum Sie oder eine andere Person Erfolge brauchen, wenn Sie diese nicht auch ausleben möchten.

Abbildung 7: Ausmaß von Stimmungen im Zeitablauf
Angst und Furcht
Furcht ist konkret, Angst unbestimmt
Angst ist das Gefühl einer Bedrohung und wird seit der Existenzphilosophie stark von Furcht abgegrenzt. Furcht ist nach Sören Kierkegaard (1813 bis 1855) die Reaktion auf eine spezifische Bedrohung. Angst ist allerdings ein Gefühl, welches sich gegen das Unbekannte richtet. Angst ist dabei nach Martin Heidegger (1889 bis 1976) nicht nur die Konfrontation des Menschen mit der Gewissheit des Todes, sondern auch das Unbehagen – beispielsweise in Form von Existenzsicherheit im Arbeitsmarkt entsprechend Karl Marx (1818 bis 1883). Furcht ist im alltäglichen Sprachgebrauch vorwiegend gleichzusetzen mit der Präsenz von Angst, wobei sich diese nicht auf ein konkretes Ereignis bezieht.
Angst spannt heute ein weitläufiges Feld der Gefühlsregung auf und kann von konkreten Befürchtungen, beispielsweise dem Nichterreichen eines Ziels, bis hin zur Weltangst führen. Dabei kann es in fortgeschrittenen Stadien zur Aufhebung der persönlichen Steuerung durch Willen und Verstand kommen. Diese Auswirkungsreichweite der Angst ist je nach Angstneigung unterschiedlich ausgeprägt. Angst kann nach Jeffrey A. Gray ebenfalls durch Furcht vor Bestrafung oder Frustrationen entstehen, aber auch nach G. Mander aus der Kapitulation vor der eigenen Machtlosigkeit herrühren.

Abbildung 8: Furcht versus Angst
Als prinzipielle Differenz können Sie noch den Unterschied zwischen Realangst und neurotischer Angst betrachten. Die neurotische Angst scheint unbegründet, im Gegensatz zu der Realangst, welche sich genau auf eine Begebenheit bezieht.
Angst verlernen
Angst wird erlernt und kann ebenso auch gezielt wieder verlernt werden. Dazu gibt es mehrere psychologische Methoden, wie beispielsweise die Konfrontationstheraphie. Als aktives Hilfsmittel zum Überwinden von starker Angst und Furcht, wie beispielsweise Höhenangst, kann im Allgemeinen nur die Konsultation eines Fachmannes helfen. Auf diverse Angstzustände in Arbeitssituationen, wie zum Beispiel die Angst vor einer Präsentation oder der allgemeinen Redeangst, wird in diesem Buch in den einzelnen Kapiteln hingewiesen und eine ausführliche Herangehensweise erläutert (Kapitel 2.2., 2.3. und 4.3.). In jedem Fall sollten Sie anerkennen, dass Furcht eine natürliche Eigenschaft ist und Sie demnach keine persönliche Abwehrhaltung ihr gegenüber einnehmen sollten. Biologisch ist der Angstzustand mit einem erhöhten Adrenalinaustausch verbunden, welcher auf der einen Seite Nervosität oder Stress verursacht, aber auf der anderen Seite auch die Aufmerksamkeit und momentane Kraft steigert.
Unzufriedenheit und Zufriedenheit
„Ich wäre lieber Bettlerin und ledig als Königin und verheiratet.“
KÖNIGIN ELISABETH I.
Chancen und Gefahren von Unzufriedenheit
Zufriedenheit und besonders Unzufriedenheit sind prägende Elemente der heutigen Gesellschaft. Unzufriedenheit ist die einflussreichste Quelle für Depression, kann aber gleichzeitig Initiator für Erneuerung sowie Tatkraft und damit Weiterentwicklung sein. Es gibt Personen, welche in ihrer Unzufriedenheit tiefer in die Traurigkeit rutschen. Andere Menschen benötigen gerade diese Unzufriedenheit als Energiequelle, die nächsten Schritte zu finden und zu realisieren. Folglich ist unter Berücksichtigung der individuellen Aspekte ein aktiver Umgang mit Unzufriedenheit nur schwer im Sinne eines Patentrezeptes zu pauschalisieren. Um seine Unzufriedenheit zu managen, hat es sich als außerordentlich hilfreich herausgestellt, sie in Worte zu fassen und niederzuschreiben. Dies ermöglicht, aus der Unzufriedenheit substanzielle Ziele zu formulieren und einen Handlungsplan als Quelle der individuellen Weiterentwicklung abzuleiten. Diese Methode versucht, der Unzufriedenheit durch Visualisierung Transparenz zu verleihen. Wird diese Aufstellung abgeschlossen, ist schon die Hälfte der durchführbaren Leistung getan – „das Erkennen des Problems ist schon die Hälfte der Lösung“. Jeden visualisierten Bereich können Sie nun durch die Identifikation von Quellen und Einflussfaktoren der Unzufriedenheit strukturieren und so feststellen, an welchen Sie durch Eigeninitiative aktiv arbeiten können. Haben Sie die Einflussfaktoren der Unzufriedenheit formuliert, können Sie diese, wie im Kapitel „Ziele & Visionen“ beschrieben, in einen aktiven Arbeitsplan einfließen lassen.
Konkretisieren Sie Unzufriedenheit, um sie greifbar zu machen
Entscheidend ist es, sich der Unzufriedenheit nicht hinzugeben und sie pauschal und unkonkret im Raum stehen zu lassen. Nur die Konkretisierung schafft Sicherheit und wirft Möglichkeiten zur Bearbeitung auf. Im vorherigen Kapitel wurde Angst als Gefühl vor dem Unbekannten definiert. Unzufriedenheit sollten Sie demnach Transparenz verleihen. Umfassende Zufriedenheit ist heute besonders bei Personen zwischen 20 und 50 Jahren selten anzutreffen. Einer flüchtigen Zustimmung, ob der Befragte denn zufrieden sei, folgt doch meist bei ausgiebigerer Forschung eine rasche Relativierung. Persönlichen Fortschritt zu fordern und der Wille nach einem Mehr an materiellen und immateriellen Gütern lässt uns rastlos streben. Sie sollten sich aber auch regelmäßig eine gewisse Zufriedenheit gönnen, um Lebensabschnitte genießen zu können.
Obwohl Sie im Alter zwischen 20 und 30 Jahren die ganze Welt erstürmen können und vielleicht möchten, sollten Sie nicht vergessen, beispielsweise mal mit Ihren Freunden den ganzen Sonntag Fußball zu spielen und dann ohne schlechtes Gewissen den Abend noch im Kino zu verbringen. Denn, was hilft Ihnen eine erstürmte Welt mit einem frühen Herzinfarkt oder einem Hirnschlag, wovon momentan immer jüngere Menschen betroffen sind?
Zufriedenheit und Inaktivität
Umgekehrt sollten Sie jedoch auch kritisch beurteilen, ob ein heutiges Zufriedensein nicht zu vielleicht später folgenreicher Inaktivität führt. Die Inaktivität besonders in den jungen Jahren kann im späteren Leben eine Reihe negativer Konsequenzen haben, zum Beispiel die beruflichen Chancen stark limitieren. Aus einer momentanen Zufriedenheit heraus Abschlüsse hinzuschmeißen oder auf eine Ausbildung zu verzichten, hat besonders heute im Kampf um jeden Arbeitsplatz und der damit verbundenen finanziellen Absicherung schwere Folgen.
Hinzuzufügen ist noch, dass Sie auch unzufrieden und trotzdem glücklich sein können. Dies ist der Fall, wenn Sie jede Situation genießen, welche Ihnen das Leben bietet, aber Sie sich zur selben Zeit etwas mehr Herausforderung wünschen.
Denkmuster interpretieren
„Wenn es einen Glauben gibt, welcher Berge versetzen kann, dann ist es der Glaube an die eigene Kraft.“
MARIE VON EBNER-ESCHENBACH
Auch Denkmuster haben verschiedene Quellen
Die Individualität von Persönlichkeiten, besonders in ihrer Wahrnehmung, bezieht sich nicht nur auf die Gefühlsebene, sondern auch auf kognitive Vorgänge. Denkmuster basieren auf den Reaktionen, Implikationsmustern und Kategorisierungen der Fühlmuster. Denkmuster haben wie jedes die Persönlichkeit determinierende Merkmal mehrere Quellen. Sie werden geprägt durch das Umfeld, wie Gesellschaft und Kultur, primär jedoch durch Eltern und Schulkameraden während des Kindes- und Jugendalters. Es wird früh und auf indirekte Weise gezeigt, was „gut“ und „schlecht“, „erwünscht“ und „unerwünscht“ oder „richtig“ und „falsch“ ist. In diesem Zusammenhang sind Denkmuster immer auch durch Glaubenssätze geprägt und andersherum.
Diese zahlreichen Einflüsse unterliegen solch starker historischer Veränderung, dass die Entwicklung einer Person in seiner Jugendzeit von vor 15 Jahren grundlegend unterschiedlich und nicht im Geringsten mit einer heutigen Entwicklung vergleichbar ist und sich damit vollends verschiedenartige Denkmuster in den verschiedenen Generationen kristallisieren. Aus äquivalenten Gründen sind solche Denkmuster noch unterschiedlicher in einer internationalen Betrachtung.
Neben spezifischen Denkmustern ist der Mensch auch durch allgemeine Denkeigenschaften bestimmt. Eine dieser allgemeinen Eigenschaften soll vor den folgenden Kapiteln kurz erläutert werden:
Relatives und absolutes Denken
Als übergeordnetes und primäres Denkmuster ist anzuführen, dass der Mensch größtenteils relativ anstatt absolut denkt – Gedachtes wird permanent im Zusammenhang mit anderem betrachtet und eingeordnet. Der Mensch denkt in Vergleichen. Dies ist nicht beklagenswert, denn es ist evolutionäre Anpassung an die heutigen intellektuellen Anforderungen der Gesellschaft im Rahmen einer Effizienzbetrachtung. Absolut wird vorwiegend nur noch in den kreativen Bereichen, wie beispielsweise der Kunst, gedacht. Allerdings ist auch dies eher rückläufig, denn auch in der Kunst wird durch Einsatz moderner Methoden und Tools heute mehr modelliert als kreiert.








