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Der Geruch von Kaffee weckt mich. Irritiert öffne ich meine Augen und mustere die leere Bettseite neben mir. Hat sie wirklich das Bett gemacht? Auf einer Seite?
Frauen sind verwirrend. Ich strecke mich, erhebe mich und werfe kurz einen Blick in meine Küche. Jules steht da. Angelehnt an der Theke, eine Tasse Kaffee in ihrer Hand und in der anderen ihr Handy.
„Guten Morgen“, sage ich und zeige auf das Bad, wo ich mir eine Handvoll Wasser ins Gesicht spritze, mir durch die Haare fahre, Zähne putze und wieder zu ihr gehe.
„Morgen“, sagt sie und deutet auf den frisch aufgebrühten Kaffee in der Kanne.
„Wir haben einen Fall reinbekommen, ich muss gleich los.“
Ich werfe einen Blick auf die Uhr und nicke. „Ja, ich auch.“
„Hör zu, Severin. Es tut mir leid. Du hättest …“
„Dich wecken können?“, frage ich schmunzelnd und küsse sie auf die Wange, bevor ich leicht mit meinem Daumen ihre Unterlippe berühre. „Du warst das erste Mal an dem Abend still. Das hätte ich für keinen Sex der Welt aufgegeben.“
„Arsch!“, schimpft sie und boxt mir gegen die Brust.
„Es war nicht so schlimm wie gedacht, einfach nur neben dir zu schlafen“, raune ich und küsse sie erneut. Ihre Wangen erröten ein wenig.
„Wieso musst du so früh los? Fährst du in den Verlag?“
Ich sehe zu Boden und greife dann schnell nach einer Tasse.
„Nein.“ Es ist der 6. November.“
„Oh“, macht sie und verzieht entschuldigend den Mund.
„Ich werde Helena und die Jungs besuchen und Kevin, wenn er mich reinlässt.“
Sie nickt nur und legt mir eine Hand auf die Schulter. Der Schmerz in ihren Augen ist echt. Nicht, weil sie Mic kannte. Nein, weil sie es war, die seine Leiche im Stadion gefunden hat, nachdem er sich selbst hinuntergestürzt hat. Sie weiß, was er mir bedeutet hat. Eine der wenigen Sachen, die sie wirklich über mich weiß.
„Falls du nachher jemanden brauchst, ich bin nur eine WhatsApp entfernt“, flüstert sie, stellt ihre Tasse ab und küsst mich, bevor sie geht. Und als die Tür hinter ihr ins Schloss fällt, hinterlässt sie eine Leere, die vorher schon da war, ich aber nie wirklich wahrgenommen habe.
Ich warte nicht lange, bevor ich mir meine Jacke schnappe, meine Stiefel anziehe und ebenfalls losgehe. Blinzelnd stocke ich, als ich Nastis Wagen vor meiner Haustür entdecke. Sie sitzt hinterm Steuer und redet mit ihrer Freisprechanlage, die ich bis hier draußen hören kann. Als ich nähertrete und an die Scheibe klopfe, beendet sie das Gespräch und öffnet mir die Tür.
„Wie geht es dir?“
„Was machst du denn hier, Schwesterchen?“, entgegne ich verwundert.
„Na ja. Ich dachte, du brauchst Beistand. Oder jemanden der dich fährt. Wohin du willst.“
„Wo ist Leonard?“, frage ich, um nicht auf ihre Fürsorge einzugehen. Ehrlich gesagt habe ich nicht einmal damit gerechnet, dass sie weiß, welcher Tag heute ist. Vielleicht unterschätze ich Nasti manchmal. Das habe ich schon damals getan, als sie mir den Arsch gerettet hat.
„Bei Richard“, schnaubt sie. Ihre Stimme nimmt seit einem halben Jahr immer diesen bissigen Ton an, wenn sie seinen Namen sagt. Kein Wunder. Sie hat ihm nach seiner Affäre noch eine Chance gegeben, er ist ein halbes Jahr bei ihr geblieben und hat sich dann getrennt, weil er die andere liebt und sie schwanger von ihm ist. Nicht gerade die Vorzeigefamilie, die Nasti immer wollte und die beide gespielt haben.
„Woher weißt du, dass heute …“ Ich rede nicht weiter, weshalb Nasti mir ihre Hand auf mein Bein legt. Eine seltsam ungewohnte Geste von ihr.
„Was denkst du denn? Du bist mein Bruder und dieser Tag war schrecklich für dich. Das vergesse ich nicht einfach.“
Ich nicke und presse meine Lippen aufeinander.
„Würdest du mich zu Hel bringen?“, frage ich dann kleinlaut. „Du weißt schon. In Niederrad. Da, wo die Trauerfeier war.“
Als wir ankommen, bedanke ich mich und schicke sie zurück. So wie ich Nasti kenne, würde sie sonst den ganzen Tag in ihrem Auto warten und die Mandanten am Telefon abfertigen. Zumindest kenne ich sie so, seit Richard weg ist. Nein. Eigentlich sogar schon seit der Nacht, in der sie mir weinend von seiner Affäre erzählt hat. Etwas zwischen uns hat sich damals verändert. Wir werden wohl nie richtig liebende Geschwister sein. Aber wir unterstützen uns.
Als ich bei Hel klingele, dröhnt laute Musik durch die Gänge. Sie hat sich damals entschieden, in ihrer Wohnung wohnen zu bleiben und wahrscheinlich bekommt sie die Miete nur gestemmt, weil ich damals Nasti darum gebeten habe, Wohngeld für sie zu beantragen.
„Snobbi!“, begrüßt mich eine lallende Hel und breitet ihre Arme aus.
„Wir trinken schon?“
„Jap“, entgegnet sie und führt mich zu den anderen ins Wohnzimmer. Claudia, Gustav und Kevin sind da und kurz erstarre ich. Aber das Eis bricht, als es Kevin ist, der zuerst aufsteht und mich mit tränenden Augen in den Arm nimmt.
„Heute wird gefeiert. Auf unseren Mic.“
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