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„Was gibt’s, Goldlöckchen?“, frage ich in das Handy und ernte ein Stöhnen.
„Ich brauche deine Hilfe“, raunt sie, als könne sie nicht offen sprechen.
„Ach, schon wieder?“
„Sei bloß still, Sev! Sonst erinnere ich dich daran, wer vor zwei Monaten in der Scheißtürkei festgenommen wurde, weil er da illegale Wetten abgeschlossen hat, und mich angebettelt hat, ihm zu helfen.“
„Muss ein draufgängerischer Kerl gewesen sein“, lache ich und spüre immer noch Jules Blicke in meinem Rücken.
„Severin! Komm bitte zum Stadion.“
„Und warum?“ Sie weiß genau, dass ich diesen Ort nie wieder betreten will.
„Weil ich deine Hilfe brauche, verdammt. Wie beschränkt kann man eigentlich sein?“
Ich grinse, was sie natürlich nicht sehen kann. Aber ich liebe es einfach zu sehr, Lydia auf die Palme zu bringen.
„Ich habe hier eine Frau gefunden. Auf dem Klo. Verletzt. Und das, was sie erzählt hat, klingt verdächtig nach deiner beschissenen App.“
„Meiner App?“, frage ich zornig, fange mich aber wieder und nicke schwer atmend. „Bin unterwegs.“
„Sag am Eingang deinen Namen.“
„Soll ich auch erwähnen, dass die Pressesprecherin die Presse reinlässt?“
Ein Klicken verrät mir, dass sie nicht weiter mit mir reden will. Wahrscheinlich sogar verständlich.
„Ich muss los“, werfe ich Jules zu, die verärgert den Kopf schüttelt, und scheuche Tim vor mir her.
„Bis heute Abend, Babe“, raune ich Jules noch mit einem Zwinkern zu. Sie antwortet mit einer nicht so freundlichen Geste.
„Was ist jetzt schon wieder?“, keucht Tim, als wir endlich bei seinem Auto ankommen.
„Gib mir die Schlüssel, so wie du atmest, stirbst du jede Sekunde und ich direkt mit dir, wenn du hinterm Lenkrad sitzt.“
„Ha, ha“, macht der, überreicht mir aber sofort seinen Schlüssel.
Als wir endlich am Stadion ankommen, mustert mich der Ordner, als sei ich ein verblödeter Fan, der den Anpfiff verpasst hat.
„Severin Klemm“, nuschle ich. „Lydia Heller erwartet mich in ihrem Büro in der Geschäftsstelle.“ Der Ordner hebt nur seine Brauen und dann das Funkgerät an seinen Mund, bis er mich endlich durchlässt.
Es ist inzwischen zehn nach sieben. Zwei Stunden nach Spielende. An den Getränke- und Fressständen wird zusammengepackt und nur oben im VIP-Bereich zeigt die Beleuchtung, dass die Reichen und Schönen mal wieder den Hals nicht voll kriegen. Ich stelle Tims Auto auf dem Zufahrtsweg zum Stadion an der Seite ab. Weit genug weg von dem Ort, an dem mein Leben sich auf herzzerfetzende Art verändert hat. So schnell, dass ich es kaum begreifen konnte und noch immer nicht kann. In die Tiefgarage hätten mich keine zehn Pferde gebracht. Die erst recht nicht. Aber mit Sicherheit auch keine zehn leichtbekleideten Damen.
Wir steigen aus und laufen los.
Tim meckert hinter mir immer wieder, dass dieser Weg viel länger ist, was ich aber geflissentlich ignoriere. Mein Herz pocht unerbittlich gegen meine Brust. Warum auch immer. Ich habe Lydia, seit sie mich aus der Türkei geholt hat, nicht mehr gesehen. Vielleicht liegt es daran.
Als wir endlich am Nordost-Eingang ankommen, entdecke ich sie rauchend vor der Rampe. Unruhig kaut sie auf ihrer Lippe herum. So wie immer.
„Severin!“, stößt sie hervor, als sie mich entdeckt und auf mich zukommt. Fast so, als wäre ich ihr Retter in der Not. Aber was genau soll ich hier? Und wie soll ich ihr helfen?
„Ich habe im VIP-Bereich auf der Toilette eine Frau gefunden, die offenbar Ärger mit einem Kerl hatte“, flüstert sie beinahe verschwörerisch. „Und das, was sie über das Spielchen, das er mit ihr gespielt hat, erzählen konnte, ist …“
„Stopp“, unterbreche ich sie und lege den Kopf schief, bevor ich meine Hände sanft auf ihre schmalen Schultern lege.
„Was für ein Spiel?“
„Er“, beginnt sie völlig durcheinander. „Er hat auf die Tore gewettet. Der Einsatz war ein Kuss und Geld.“
„Und wie passt das mit mir zusammen?“
„Du weißt alles über diese App.“
„Lyd“, versuche ich, sie zurück in die Realität zu holen. „Die Spieler müssen Fragen zur Eintracht beantworten und Aufgaben erledigen, bevor sie die Antwort nennen dürfen. Sie wetten nicht um Küsse.“
„Sie wetten in der App aber auch um Tore.“
„Ich glaube, dass du einfach gerne eine Antwort für das hättest, was hier passiert ist, aber … die kann ich dir nicht geben.“
Sie atmet tief ein und nickt dann resigniert. „Würdest du dir wenigstens alles noch einmal anhören und versuchen, eine Verbindung herzustellen?“
„Natürlich“, gebe ich ruhig und heiser zurück und mustere ihre großen blauen Augen, die sich ein wenig entspannen.
„Kann ich sie sehen?“
Lyd beißt sich erneut unruhig auf der Lippe herum und nickt dann. „Sie ist in meinem Büro.“
„In deinem Büro?“ Ich sehe sie skeptisch an.
„Ich wollte, dass du mit ihr sprichst, bevor wir die Polizei hinzuziehen.“
„In Ordnung, bring mich zu ihr.“
Wir gehen die Rampe hinter der mächtigen Kurve hoch und ich bemühe mich, nicht richtig hinzusehen. Mich nicht diesem Gefühl hinzugeben, das in mir wächst und wächst. Angst, Panik, aber vor allem Trauer und Schmerz. Ich verbinde das Stadion nicht nur mit den Toten, die ich gesehen habe, oder dem Angriff des Mörders. Nein, ich verbinde es auch mit meiner Jugend. Mit einer Freundschaft zu Mic, die genau hier unterhalb der Fankurve geendet hat, genauso wie sein Leben.
Ich bin froh, als wir hinter der Tür zu den Geschäftsräumen verschwinden und in dem ausladenden Büro stehen, von dem man hinab auf den Rasen sehen kann.
„Das sind Freunde“, sagt Lydia behutsam zu der Frau, die zusammengekauert auf einem der Stühle sitzt und ängstlich nickt.
Okay, Severin. Jetzt bloß nicht taktlos sein.
„Ich bin Severin. Lydia hat mir erzählt, dass … jemand mit Ihnen gewettet hat.“
Sie sieht zu Lydia, doch dann nickt sie, als diese ihr ein Lächeln schenkt.
„Wie lief die Wette ab?“
„Er bot mir Geld für jedes Tor, das für die Bayern fällt, und wollte einen Kuss für jedes Tor, das die Eintracht schießt.“ Sie klingt ängstlich und doch besitzt ihre Stimme eine gewisse Stärke, die ich so nicht erwartet habe. Tim und ich stehen immer noch an der Tür, um ihr nicht zu nahe zu treten, während Lydia ihr Wasser reicht.
„Hat er eine App erwähnt?“
Sie wirft mir einen irritierten Blick zu.
„Eine App? Denkst du, dass das nur ein dummes Spiel war?“, schnaubt sie und deutet auf die Wunde an ihrem Kopf. „Sieht das hier nach einem Spiel aus?!“
Ich hebe beschwichtigend meine Hände und trete noch einen Schritt zurück.
„Auf keinen Fall. Es gibt nur eine App, in der man Eintracht-Rätsel lösen und Aufgaben erfüllen muss. In dieser App wird auch auf Tore gewettet. Wenn man falsch liegt, muss man noch schwierigere Aufgaben erledigen.“
Sie legt den Kopf schief und runzelt die Stirn. „Aufgaben wie die, eine Frau zu belästigen?“ Ihre Stimme bricht.
Schwer atmend schüttle ich den Kopf und verfluche Lyd innerlich dafür, dass sie mich hierher gebracht hat.
Etwas in mir entscheidet sich, den Abstand zu minimieren. Ohne weiter nachzudenken, gehe ich auf sie zu und setze mich neben sie. Lyd hält hörbar die Luft an.
„Hör zu, …?“ Ich sehe sie fragend an.
„Vera“, presst sie hervor.
„Ich benehme mich oft wie ein blöder Trottel. Da kannst du die beiden fragen.“
Lyds Augen sind weit aufgerissen, während Tim nickt, bis ich ihm einen vernichtenden Blick zuwerfe.
„Dieser kleine Wichser hat keine App erwähnt?“, hake ich noch einmal nach. Lydia keucht. Sie kann sich auch nicht einmal ruhig verhalten. Alles muss eine Reaktion bei ihr auslösen.
„Nein“, gibt diese Vera knapp zurück.
Ich versuche mich zu konzentrieren. Was daran könnte für die App sprechen? Natürlich kann man da auch um Tore wetten. Aber die eigentlichen Wetten schließen die großen Tiere ab. Eine Ebene höher als die Spieler gibt es nämlich die reichen Säcke, die auf die Spieler wetten.
Auch gestern Nacht gab es Menschen, die darauf gewettet haben, ob der Junge die Lösung seines Rätsels vom Fenster aus hinab schreit. Wahrscheinlich war sein Freund dabei, um das alles live zu filmen.
Ich atme schwer. Könnte der Mann eine Aufgabe gestellt bekommen haben? Aber dann hätte er die Lösung präsentieren müssen.
„Hat er irgendetwas ohne Zusammenhang gesagt?“
Sie schüttelt den Kopf.
„Ich sollte Jules anrufen“, raune ich Lydia zu.
Sie rümpft ihre Nase und sieht mich ernst an. „Die Mordkommission? Spinnst du?“
„Wer ist Jules?“, fragt die junge Frau panisch, ich fahre mir genervt durch meine Haare und stehe auf.
„Eine Freundin von der Polizei. Sie kann helfen, den Kerl zu finden.“
„Habt ihr eigentlich eine Ahnung, wie Frauen wie ich in solchen Situationen behandelt werden? Als was wir von den Männern bezeichnet werden? Saftschubse oder Ginhure sind noch die netten Worte.“ Tränen platzen aus ihren Augen.
„Ein Grapscher hier, ein tiefer Blick ins Dekolleté oder ein Zwicken in den Hintern sind auch an der Tagesordnung. Und hier …“ Sie deutet um sich herum. „Hier in dieser beschissenen, glitzernden Fußball-Welt ist es noch schlimmer!“ Sie steht auf, stellt das Wasserglas zur Seite und richtet sich noch einmal an Lydia. „Und du bist eine verdammte Frau in dieser Männerdomäne und machst nichts! Dabei könntest du mit einem Blick auf die Videos alles klarstellen.“
„Ich …“, setzt Lyd an.
„Na dann ruft halt die Bullen. Ich werde ihnen erzählen, was hier los war“, schreit Vera plötzlich und rennt zur Tür. „Nun macht schon! Die werden sich eh wundern, warum wir so lange gewartet haben.“
„Das war ja erfolgreich“, brumme ich, wofür ich einen hasserfüllten Blick von Lyd ernte. Ich mache einen Schritt auf sie zu. „Es hat nichts mit der App zu tun, Lyd. Ich kann mir das jedenfalls nicht vorstellen.“
„Ja, ja, aber du weißt es eben nicht zu hundert Prozent!“, spuckt sie mir förmlich entgegen und schlägt die Hände vors Gesicht. „Wie sicher bist du dir?“
„Wie kamst du überhaupt darauf?“
„Weil“, beginnt sie und sieht mich dann nachdenklich an. „Weil …“
„Wolltest du mich vielleicht einfach nur wiedersehen?“, frage ich und zwinkere ihr zu. Ihr Mund öffnet sich.
„Genau, Severin. Ich wollte nicht helfen. Ich wollte auch nicht einfach nur deine Hilfe. Ich wollte natürlich ausschließlich den großen, tollen Severin Klemm sehen.“ Sie prustet. Aber irgendetwas an ihr ist zu aufgebracht. Vielleicht wollte sie mich nicht einfach nur sehen. Aber sie wollte das hier nicht allein durchstehen müssen. Nicht ohne mich.
„Sie hat recht. Wenn ich jetzt die Polizei informiere, werden die wissen wollen, warum wir zwei Stunden damit gewartet haben und die Toilette wahrscheinlich längst gereinigt wurde. So eine verdammte Scheiße. Ich hab’s versaut. Ich muss den Präsi suchen oder Max. Wir brauchen eine Entscheidung, wie wir pressemäßig damit umgehen sollen“, quillen Wortfetzen aus ihrem Mund hervor.
„Darüber machst du dir Sorgen?“ Ich schnaube herablassend.
„Leck mich, Sev. Manche von uns haben einen Job, den sie nicht so leichtfertig aufs Spiel setzen wollen!“, flucht sie und deutet auf die Tür. „Und jetzt lass dich nicht länger aufhalten!“
„Euer Wunsch sei mir Befehl, Eisprinzessin.“
Sie flucht hinter mir, aber ich höre nicht hin, während ich die Gänge zurücklaufe. Wut kocht in mir hoch. Unbändige Wut, weil sie mich angerufen hat. Sie wollte meine Hilfe. Sie wollte, dass ich nachforsche, ob es was mit der beschissenen App zu tun hat. Und jetzt kostet mich das Wissen darüber schon wieder meine Nerven und meinen verdammten Verstand. So wie schon vor Monaten.
KAPITEL 3
SAMSTAG, 2. NOVEMBER 2019, 19.45 UHR
LYDIA
Jahrelang habe ich mir sehnsüchtig gewünscht, Papa und Eric würden das Kriegsbeil begraben. Jetzt wäre mir ein anderer Moment als das Spiel gegen die Bayern wahrlich lieber gewesen. Ich brauche Eric, aber die Herren sind offenbar gnadenlos versackt.
„Die beiden haben sich gegen halb sechs Richtung Tiefgarage verabschiedet. Waren offenkundig bester Laune. Alles okay. Also mach dir keine Sorgen, Lydia“, hat mir Max vor einer guten Stunde erzählt, sich mit dem Satz „Wäre gern dabei“ herumgedreht und ist wieder in der Eintracht-Loge verschwunden. Er war nicht sehr angetan davon, dass ich ihn mit einem „Ich brauche dich kurz. Jetzt!“ von seinen Gesprächspartnern weggezogen habe. Der halbe Bayern-Vorstand war dabei. Was weiß ich, was die wieder gemeinsam ausgeheckt haben. Seit dem Katastrophen-Deal mit Nico war ja eigentlich Funkstille zwischen Frankfurt und München. Aber wer weiß, vielleicht ging es ja wieder um den Coach. Ein kleiner Plausch auf höchster Ebene. Wirklich fest im Sattel hat er schon vor der 1:5-Pleite nicht gesessen und es gab nicht wenige, die hinter vorgehaltener Hand schon in der Pause getuschelt haben, dass da wohl eine ganze Mannschaft gegen den Trainer spielt.
Aber selbst, wenn der Papst dabei gestanden hätte … und Max sein „Bin ich das Kindermädchen der beiden?“ noch lauter hinausposaunt hätte, ich musste ihn stören. Veras Aussage bei der Polizei wird mit Sicherheit dazu führen, dass morgen früh eine ganze Hundertschaft vorm Stadion steht und alles auf den Kopf stellt. Aber was hätte ich tun sollen? Als Vera klar wurde, dass ich ihr die Videos nicht aushändigen kann, und Severin auch eine Sackgasse war, hat sie ziemlich heftig umgeschwenkt. Sie stürmte wütend aus meinem Büro und ich war ja schon froh, dass sie mir angeboten hat, selbst zum Polizeirevier in Niederrad zu gehen und so zu verhindern, dass jemand fragt, warum wir nicht gleich die Polizei geholt haben. „Ich sag dann, ich wäre völlig durcheinander weggelaufen und herumgeirrt. Das glauben die Bullen gerne“, hat sie mit einem hämischen Gesichtsausdruck von sich gegeben.
Mir war es recht. So ließ sich vielleicht verhindern, dass die Pressekollegen die Geschichte über Gebühr ausschlachten. „Vergewaltigung im VIP-Bereich!“ Diese Schlagzeile braucht wirklich niemand. Weil zwischen den Zeilen die Frage stehen würde: Schlamperei im Sicherheitsdienst. Sind Frauen ihren Peinigern schutzlos ausgeliefert? Und keiner wird wissen wollen, was wirklich passiert ist. Dass es sich nicht immer verhindern lässt, wenn Einzelne so etwas machen. Von keinem Sicherheitsdienst. Ich habe ihr noch meine Handynummer gegeben und sie zum Ausgang gebracht.
„Sorry, dass ich dich gestört habe“, rufe ich Max mit einem Blick auf die Uhr nach. „Ich werde die beiden schon irgendwo auftreiben.“
Aber wo? Frankfurt bietet eine Menge Möglichkeiten für zwei Kerle, am nächsten Morgen mit einem riesigen Kater und ohne jede Erinnerung aufzuwachen. Und Eric kennt sie wohl alle, schießt es mir durch den Kopf.
19.46 Uhr. Was kann ich tun? Der große VIP-Bereich vor der Terrasse ist fast leer. Ein paar „Bundestrainer“ können nicht aufhören, die 9. Minute zu sezieren. „Die Rote Karte für Boateng war’s. Keiner hat gegen den Trainer gespielt. Ein Mann weniger gegen unsere Jungs in einem Rausch … da haben sogar die Bayern die Hosen voll“, wabert eine Stimme zu mir herüber. Eine, die keinen Widerspruch duldet. Und doch reichlich dafür erntet. Ein wildes Durcheinander an Sprachfetzen saust auf den Redner nieder.
Ich wende mich ab. Blicke mich um. Die meisten haben sich längst auf den Nachhauseweg gemacht oder sind in Sachsenhausen eingefallen, um den Bayern auch noch die Unterhosen auszuziehen.
„Lydia? Du bist noch hier?“, höre ich plötzlich eine vertraute Stimme. Thomas Tamathi – sehr gut. Der Chef des Eintracht-Museums hat jetzt Feierabend und kann mir helfen, Eric zu finden.
„Hey!“, sage ich und wundere mich über die Freundlichkeit, die ich in einem Wort mit drei Buchstaben unterbringen kann. „Direktor! Dich schickt der Himmel!“
Was dann wohl eher eine Brise zu viel Freundlichkeit war.
„Keine Zeit“, antwortet er. Ohne, dass ich ihn überhaupt um Hilfe bitten konnte. „Bin verabredet und eh schon spät dran. Sorry, Lydia. Was immer es sein könnte, was du von mir willst – heute passt es gar nicht!“
„Tom. Warte. Ich brauch doch nur einen Tipp. Papa und Eric sind irgendwo in Frankfurt unterwegs. Hast du ’ne Ahnung, wo die beiden ihr Wiedersehen feiern könnten?“
Tom dreht sich im Gehen zu mir um. Eigentlich geht sein Körper weiter und nur der Kopf schaut noch zu mir.
„Na ja. Beim Griechen? Oder in Orpheus Unterwelt? Oder sie machen ’ne Tour durch die Stadt. Morgen früh sitzen sie dann bei Eric im Garten.“ Ich bewundere diesen Mann dafür, dass er nie um eine Antwort verlegen ist, aus tiefstem Herzen. Trotzdem antworte ich eher patzig.
„Na danke. Soll ich jetzt dorthin fahren und warten, bis sie eintrudeln, und mir den Tod holen? Es ist November, Tom. Aber trotzdem danke für den Tipp.“
Tom antwortet nicht. Hält stattdessen sein Handy hoch und wackelt damit hin und her.
Wie war das mit den Freunden, bei denen du keine Feinde mehr brauchst? Als ob ich nicht längst versucht hätte, Eric und Papa auf dem Handy zu erreichen.
Also gut. Dann zuerst der Grieche. Die Kneipe, die Amanatidis vor Jahren aufgemacht hat. Es würde mich nicht wundern, wenn die beiden dort auf dem Tisch tanzen. Papa ist zwar seit seinem Schlaganfall nicht mehr gut zu Fuß, aber für einen Sirtaki mit Erics Hilfe und etlichen Ouzos im Blut könnte es an einem solchen Abend schon noch reichen, befürchte ich.
Es ist fast halb neun, als ich ins Parkhaus Börse einbiege. Von hier aus sind es bis in die Kaiserhofstraße nur ein paar Schritte. Ich stelle mein Auto in der zweiten Etage ab und sause schnell in Richtung Aufzug. Parkhäuser sind nicht gerade das, was ich als meine Lieblingsorte bezeichnen würde. Vor allem die Aufzüge. Zu oft sind mir dort merkwürdige Gestalten begegnet. Kerle, die so unverhohlen auf meine Brüste gestarrt haben, dass ich dachte: Hallo! Ich gucke doch auch nicht auf die Minibeule zwischen deinen Beinen wie eine notgeile Schlampe.
Mit 18 bin ich die Treppe gelaufen. Und wenn ich mit anderen im Aufzug war, habe ich immer an meinem Mantel herumgenestelt und ihn schützend vor der Brust zusammengekrempelt. Bis ich 25 war, habe ich deshalb Parkhäuser gemieden wie der Teufel das Weihwasser. Heute ist mir das ziemlich egal. Lass sie doch starren. Wenn ich mit dem Aufzug fahre, weil ich in Begleitung bin, stelle ich mir dann immer vor, wie es wäre, wenn ich so einen Typen – vor allem wenn seine Frau dabei ist – ganz laut fragen würde: Na, Kleiner, mal wieder Lust auf eine ordentliche Nummer? Aber das wird sicher nicht passieren.
Vor dem Parkhaus steht eine Gruppe Männer am Automaten. Ein großer Blonder überragt die anderen und sofort kommt mir Vera in den Kopf.
„Der Kerl hatte ganz helle Haare. Fast gelb und zwei Finger haben ihm gefehlt. Der Zeigefinger und der Mittelfinger der rechten Hand“, hat sie gesagt und ich ertappe mich dabei, nach der rechten Hand des Blonden zu schielen.
„Lydia Heller! Reiß dich zusammen“, murmele ich fast unhörbar in mich hinein und beiße mir dabei ein kleines Stück Haut aus der Lippe.
Sev hätte mir eigentlich zur Seite stehen können. Aber der Idiot lässt mich hängen und ist sicher wieder mit Tim unterwegs. Die beiden sind ja anscheinend beste Freunde. Seit der Türkei. Dass ich es war, die ihn im Stadion ziemlich brüsk nach Hause geschickt hat, verdränge ich ungeniert.
Es hilft nichts. Ich muss mir meinen Weg mitten durch die Gruppe bahnen. Zwei haben ein Eintracht-Trikot an. Könnte also sein, dass sie mich kennen. Außerdem bete ich innerlich, dass sie wenigstens ihre gute Kinderstube nicht mit dem letzten Glas Bier weggeschwemmt haben.
„Na, schöne Frau, wohin so spät?“, bewegt sich einer der Kerle auf mich zu. Er weiß genau, dass ich an ihm vorbei muss, und macht sich extra breit.
„Direkt zur Polizei, wenn Sie nicht sofort Platz machen“, herrsche ich ihn an. Und tatsächlich: Der Kerl ist sichtlich eingeschüchtert und weicht zurück. Seine Freunde lachen.
„Na, Hannes? Abgeblitzt bei der Schönen, oder was?“, will der große Blonde wissen, der seine Hand immer noch tief in der Manteltasche vergraben hat.
So kalt ist es doch gar nicht, denke ich und bereite mich schon auf den nächsten verbalen Angriff vor.
„Sollen wir dich nicht besser beschützen? In dieser Stadt weiß man nie, was alles passieren kann“, fragt der Große jovial und hält mir doch tatsächlich seine Hand entgegen. So wie d’Artagnan, wenn er einer Dame aus der Kutsche hilft.
„Männer. Ihr könnt jetzt noch ein bisschen hier herumalbern, aber besser wäre es, wenn ihr mich einfach vorbeilasst. Und gut ist.“
Meine Stimme hat keinen Moment gezittert. Ich habe in den letzten Jahren gelernt, sie zu gebrauchen. Deutlich zu sein. Jedenfalls beruflich. Privat – na ja.
Aber es wirkt. Wenn auch unter dem Gemaule der Gruppe. Sprüche wie „Man wird doch wohl noch nett sein dürfen?“, „Und wenn man sie gar nicht beachtet, ist es auch falsch“ und „Wohl vom anderen Ufer, die Tussi?“ folgen mir. Und ich bin froh, dass sie leiser werden und mein Herz nicht mehr so laut schlagen muss.
Beim Griechen baut sich ein baumlanger Mitarbeiter direkt hinter der Eingangstür vor mir auf. „Wir sind voll“, radebrecht er in einer wahrlich einmaligen Deutsch-türkischen-irgendwie-Mischung über mich hinweg.
„Das sehe ich. Sagen Sie: Ist Eric Presfeth da?“
„Und wenn?“, grinst der Riese.
Ich atme tief durch.
„Dann wüsste ich gerne, wo er sitzt. Ich muss mit ihm reden!“
Der Lulatsch blickt zu mir hinunter. Nickt leicht, um dann plötzlich mit dem Kopf zu schütteln: „Kommst du zu spät, kleines Fräulein. Ise schon wieda weg gegange. War mit so eine Rollitype da. Coole Gang, die zwei!“
Ich warte gar nicht erst ab, bis er mir noch mehr Einzelheiten verkünden kann, und drehe mich mit einem Okay! ab. Dann überlege ich es mir anders.
„Haben die beiden gesagt, wo sie hinwollen? Ein Taxi bestellt?“, will ich wissen.
„Keine Taxi. Sind zu Fuße weg. Also die Eric. Andere Mann auf Rolle.“
Andere Mann auf Rolle, scheppert es in meinem Kopf. Die findest du nie – ohne Reiseführer.
Ich krame das Handy aus meiner Tasche und tippe auf Severins Nummer. Da saust plötzlich eine Hand auf meine Schulter. Eine ziemliche Pranke. Mein Kopf fliegt herum. „Max!?“
„Ja, Ly! Suchst du immer noch deinen Papa und den lieben Eric?“ Ein gurgelndes Lachen begleitet den Satz. Offenbar hat Max die zwei letzten Stunden anders genutzt als ich.
„Ja“, antworte ich und bin nah dran, Max von Vera und der Beinahe-Vergewaltigung oder was immer es war zu berichten. Aber irgendetwas lässt mich innehalten. Seitdem ich diesen blutroten Fleck an der Wand und nicht auf der Toilettenschüssel gesehen habe, erscheint mir Veras Geschichte merkwürdig. Schon die ganze Zeit. Es macht mich verrückt. Weil ich es nicht leiden kann, wenn in meinem Kopf diese Nebel durchziehen. Ich möchte mich dann am liebsten schütteln und mir so lange mit der flachen Hand auf die Stirn klopfen, bis ich wieder klarsehe. Wobei: Es könnte ja auch sein, dass sie sich einfach nur vertan hat, als sie sagte, sie habe das Gleichgewicht verloren und sei wohl beim Fallen auf die Kloschüssel geknallt. Bei dem, was ihr passiert ist, gut denkbar.
„Die sitzen bei deinem Papa in Zeilsheim und erzählen sich alte Geschichten. Lass sie. Etwas Besseres können sie nach so langer Zeit nicht tun. Sie waren gute Freunde und gute Freunde müssen vor allem eins: reden.“
Max ist offenkundig bei weitem nicht so betrunken, wie seine allzu stürmische Begrüßung es hatte vermuten lassen. „Kann schon sein, dass du recht hast, aber wir beide werden das traute Glück jetzt ein bisschen unterbrechen!“
„Nö. Tun wir nicht!“, grummelt Max und zieht dabei eine Grimasse.
„Doch!“, antworte ich ruhig und schiebe ihn zur Tür hinaus.
„Es könnte sein, dass wir ein ziemlich großes Problem bekommen“, versuche ich besonders ernst zu klingen. Mit wenig Erfolg.
„Ein Problem, Ly?“, lacht Max. „Wir haben die Bayern mit 5:1 aus dem Stadion geschossen. Die haben ein Problem. Ich fürchte, Nico hat ein Problem. Wir nicht. Heute jedenfalls nicht!“




