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Er ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass es keinen Alkohol braucht, um besoffen vor Glück zu sein.
„Max. Im Ernst. Ich weiß ja, dass heute wie Weihnachten und Ostern an einem Tag ist, aber wir müssen reden. Wir beide und am besten du, Eric und ich!“
Max sieht so aus, als würde ihm gerade alles aus dem Gesicht fallen. Offenbar hat er an meinem Ton erkannt, dass der Spaß jetzt erst einmal für ein paar Stunden vorbei sein wird.
„Okay. Dann lass uns mal fahren. Und vielleicht bist du so nett und klärst mich auf dem Weg nach Zeilsheim schon mal auf. Ich habe nämlich keine Ahnung, ob wir von Eric und deinem Vater überhaupt noch ein klares Wort zu hören bekommen.“
Eigentlich müsste ich mir bei dieser Ankündigung Gedanken um meinen Vater machen. Der Mann hatte schließlich vor 15 Jahren einen Schlaganfall, an dessen Folgen er bis heute laboriert. Sein Kopf ist klar und er hat gelernt, wieder ohne zu holpern zu sprechen. Nur das linke Bein versagt nahezu komplett seinen Dienst. Weshalb er im Rollstuhl durch sein kleines Häuschen kurvt und sieben Jahre Überredungskünste nötig waren, ihn von einem Treppenlift zu überzeugen. Sieben Jahre, in denen er das Gäste-WC mit Minidusche dem geräumigen Bad im ersten Stock vorgezogen hat. Meistens mit den Worten „Geht schon!“.
Und nun hockt er offenbar mit seinem ältesten und gerade wiedergewonnenen Freund in seiner verstaubten Kamorke und ist wahrscheinlich schon längst nicht mehr zurechnungsfähig. Natürlich mache ich mir Sorgen!
Max mustert mich eindringlich. „Ly, mach dir nicht so viele Gedanken. Die beiden sind keine kleinen Jungs mehr. Und Eric weiß, was er tut. Auf jeden Fall nichts, was deinem Vater schaden würde. Da bin ich sicher“, versucht er mich zu beruhigen. „Und jetzt erklär mir doch mal in drei Sätzen, warum wir überhaupt zu diesen beiden Oldies fahren, statt beim Griechen auf unseren Sieg anzustoßen.“
„Ich habe einfach ein blödes Gefühl in der Magengegend und will vermeiden, dass wir in etwas hineinschliddern.“
„Hineinschliddern“, wiederholt Max amüsiert.
„Ich habe auf der Toilette im VIP-Bereich eine Frau gefunden. Diese Vera Lichtenthaler ist offenbar von einem unserer VIP-Gäste attackiert worden. Jedenfalls hat sie eine Platzwunde am Kopf. Und jetzt ist sie bei der Polizei und macht eine Aussage. Und ich weiß nicht genau, was sie erzählt.“
Max nickt, aber wirklich überzeugt ist er ganz offenkundig nicht, dass die Geschichte auf uns zurückfallen könnte. Es kommt mir eher so vor, als sei er vor allem darauf gespannt, was uns bei meinem Vater erwartet.
„Dritte links und brems bitte rechtzeitig vor der Haustür“, höre ich mich sagen. Und schüttele ungläubig den Kopf. Das kann doch nicht sein, dass man manche Sachen einfach nicht los wird. Ich erkläre Max, der nebenbei erwähnt schon oft hier war, wie er fahren muss. „Das kann doch nicht wahr sein“, murmele ich.
„Dass du mir den Weg zu euch erklärst, wie es deine Mutter immer getan hat?“
„Ja“, antworte ich, ohne zu zögern. Warum auch. Max und ich kennen uns schon so lange. Lange, bevor er in den Vorstand der Eintracht berufen wurde. Wenn er nicht mein Chef und ich seine Mitarbeiterin wäre, würde ich sagen, wir sind eine Familie. Freunde auf jeden Fall.
„Mach dir nichts draus. Hat dein Papa auch immer so gemacht. Sogar, als sie euch schon lange verlassen hatte.“
Das Haus liegt in einem schummrigen Dunkel. So wie die ganze Straße. Künstlich durch ein paar Laternen und die Scheinwerfer unseres Wagens erleuchtet. Kein Licht von innen.
„Bist du sicher, dass sie da sind?“, frage ich halblaut.
„Ja!“, Max deutet auf einen Wagen in der Einfahrt. „Soweit ich weiß, fährt dein alter Herr nicht mehr. Und das da sieht eher nach Erics Karre aus.“
Mein Puls sinkt spürbar. Sie sind zu Hause. Mehr als eine Alkoholvergiftung und Wahnvorstellungen sind nicht zu befürchten. Gut so.
„Hast du einen Schlüssel?“, will Max wissen, nachdem er zweimal vergeblich auf den Knopf gedrückt hat. „Fürchte, die Klingel ist abgestellt.“
Als ob Papa mir einen Schlüssel überlassen hätte.
Ich bollere mit beiden Fäusten an die Tür. Mit einer Mischung aus Wut, Angst und Sorge. Nicht nur um Papa. „Hallo? Macht auf, bitte. Wir haben ein Problem!“
Max neben mir grinst. „War das nicht Houston mit dem Problem?“
Dann legt er den Finger auf seine Lippen.
„Psst!“
Und tatsächlich: Von drinnen hören wir Geräusche.
„Wer da?“, kommt es schroff.
„Ich bin es, Papa. Und Max. Wir müssen etwas mit Eric besprechen. Mach bitte auf“, rufe ich und hänge ein „Geht es euch gut?“ dran.
„Was ist das denn für eine Frage?“
Die Tür öffnet sich und Papa steht vor mir.
„Wo ist dein Rollstuhl?“, stottere ich fassungslos.
„Da“, deutet Papa mit dem Daumen hinter sich. „Eric hat gemeint, ich soll mal hier nicht das Mädchen geben.“
Ich starre ihn an. „Das Mädchen geben?!“
„Ja. Der Präsi findet: Schlaganfall hin oder her. Ich soll mich nicht so hängen lassen.“
„Aha“, sage ich und muss ernsthaft darüber nachdenken, was ich in den vergangenen 15 Jahren bei der Betreuung falsch gemacht habe. Mein Blick spricht Bände.
„Du bist eben nur meine Tochter und nicht der Präsi“, doziert Papa mit einem Grinsen. Dann wird er ernst.
„Wir haben noch gute zehn Jahre Vergangenheit aufzuholen. Also: Was müsst ihr so Wichtiges mit uns besprechen?“
Ich brauche einen Moment, um meine Gedanken zu sammeln. Eigentlich ist in den letzten vier Stunden viel zu viel passiert, um dies in annehmbarer Form zu präsentieren.
„Eine der Catering-Aushilfen im VIP-Bereich ist offenbar sexuell und körperlich attackiert worden. Ich habe sie auf der Damentoilette gefunden. Sie hatte eine Platzwunde am Kopf.“
„Im VIP-Bereich?“
„Ja, Papa. Im VIP-Bereich. Als ihr losgezogen seid, bin ich auf die Toilette und habe sie gefunden.“
„Und die Polizei gerufen, nehme ich an?“, steckt Eric den Kopf aus Papas Kammer und mischt sich unvermittelt in das Gespräch ein.
„Ja. Später. Also: Sie ist aufs 10. Revier. Sie wollte erst nicht. Und ich wollte sie auch nicht drängen. Irgendetwas erschien mir merkwürdig an ihrer Geschichte. Sie hat mit einem Besucher gewettet. Um Geld und einen Kuss. Und dann ist die Sache wohl eskaliert ...“
„Lydia. Hat sie bei der Polizei eine Anzeige erstattet?“
„Ich denke ja, aber ich weiß es nicht so genau. Wir haben mit ihr gesprochen und dann ist sie weg.“
„Wir?“
„Ja. Carlos und ich und äh … Severin.“
„Severin Klemm? Was hat der denn damit zu tun? Als ob die Geschichte aus der Türkei nicht genug Wellen geschlagen hat!“
Erics Blick ist plötzlich seltsam ungehalten. Na klar: Er hat sich auf meine Bitte hin bei Galatasaray dafür eingesetzt, dass Severin bis zu seiner Verhandlung erst einmal nach Deutschland ausreisen darf. Begeistert war er nicht. Im Gegenteil.
„Du weißt schon, dass die Türken jetzt etwas bei mir gut haben, Lydia. Das gefällt mir nicht. Ich habe nicht gerne Schulden!“
Hätte ich mir eigentlich denken können, dass dieses Gespräch eher unangenehm wird.
„Ja, aber das Ganze hörte sich so an, als ob die Wett-App damit zu tun haben könnte. Ich wollte erst abklären, ob es nur um ein blödes Spiel ging.“
„Und?“ Max Augen sind leicht aufgerissen. Den Teil hatte ich im Auto nicht erwähnt.
„Er sagt Nein“, antworte ich schnell und bete heimlich dafür, dass sich der Boden unter meinen Füßen auftut und ich in einem großen schwarzen Loch verschwinden kann. Was habe ich mir nur dabei gedacht, solch einen Aufstand zu machen. Es ist doch gar nicht meine Angelegenheit, zu klären, was da zwischen Vera und dem Kerl abgelaufen ist. Das soll die Polizei machen. Warum habe ich nicht einfach die Polizei gerufen?
„Hat sie nun eine Anzeige gemacht oder nicht?“, fragt Eric noch immer mit diesem leicht genervten Unterton.
So, als würde er gleich losbrüllen: „Verdammt, Lydia. Dein Vater und ich sind erwachsene Männer. Du solltest aufhören, dich als Kindermädchen aufzuspielen. Das hast du bei deinem alten Herrn ohnehin viel zu lange getan. Werd endlich selbst erwachsen! Und vor allem hör auf, dir irgendwelche abstrusen Geschichten auszudenken, um uns hier auszuspionieren.“
Recht hätte er und ich bin froh, dass er es bei einem genervten Blick zur Decke belässt.
Ich nicke. „Ich glaube schon. Sie war ziemlich angenervt von Sev.“ Ich mache eine kurze Pause und nehme dann meinen ganzen Mut zusammen. „Und wenn die Polizei morgen im Stadion auftaucht, um Spuren zu sichern oder die Überwachungsbänder zu konfiszieren?“
„Dann wird Carlos das regeln!“, knurrt Eric und schenkt Papa von dem Rotwein nach.
„Und die Presse?“
„Die sind Sonntag zum Auslaufen eh da. Und nach unserem gigantischen Sieg gegen die Bayern wahrscheinlich in doppelter Stärke. Aber: Wir haben einen Pressesprecher. Hallo! Vergessen? Informiere ihn gleich morgen früh … Ach nein. Besser, ich schicke ihm eine WhatsApp – wir können ja nichts dafür, wenn irgendein Zuschauer so ’ne Scheiße macht.“
Ich nicke stumm. Wahrscheinlich haben Max und Eric recht. Vermutlich wird die ganze Geschichte sowieso im Sande verlaufen. Wer weiß, ob Vera überhaupt eine Anzeige erstattet hat. Nur mit einer Wunde am Kopf lässt sich doch eh nichts beweisen. Das kennt man doch, versuche ich mich zu beruhigen und mir den Gedanken daran, dass irgendetwas an ihrer Geschichte nicht zusammenpasst, aus dem Kopf zu schlagen. Betonung auf versuchen. Ich kenne mich zu gut, um ernsthaft davon auszugehen, dass das klappt.
Plötzlich dreht sich Papa um, hält mit Mühe das Gleichgewicht und wischt mit einer ausholenden Handbewegung jeden Widerspruch von vornherein weg.
„Also. Freunde der Nacht. Können wir dann mal zum Wesentlichen zurückkommen. 5:1 haben wir die Bayern weggeballert. 5:1. Da werden wir uns doch nicht von irgendwelchen kri … krinima … listischen Ungereimtheiten die gute Laune verderben lassen, oder?“, zeigt die zweite Flasche Burgunder, die Eric und er geköpft haben, Wirkung.
„Lydia Heller. Meine Lydia. Ich sage es äußerst ungern, aber hier ist jetzt eine reine Herrenrunde angesagt. Kein Platz mehr für das schwache Geschlecht“, prostet er mir mit einem Zwinkern zu.
Ich schaue kurz zu Max. Er ist schließlich mit mir hergekommen. Aber seine Handbewegung zeigt mir deutlich, dass er nicht daran interessiert ist, mit mir zurückzufahren. Mit sicherem Blick hat er festgestellt, dass es an Rotwein-Nachschub in dieser Nacht nicht fehlen wird. Und an alten Eintracht-Geschichten ohnehin nicht. Mit einem Grinsen hält er mir seinen Autoschlüssel vor die Nase.
„Nimm meinen Wagen. Es dürfte ohnehin besser sein, wenn der nicht hier in der Nähe auf mich wartet.“
Ich rappele mich langsam auf. Bin aber über die Entwicklung noch ein wenig verwirrt und fühle mich an den Film Drei Männer im Schnee erinnert.
„Okay. Papa. Eric. Max. Habt einen schönen Abend. Und … äh … macht keinen Scheiß! Ich brauche euch morgen früh.“
KAPITEL 4
DIENSTAG, 5. NOVEMBER 2019, 19:45 UHR
SEVERIN
Es gibt zwei Arten von Menschen“, nuschle ich und nippe an meinem Bier. „Lydia Heller und Severin Klemm.“
Tim und Achim werfen mir irritierte Blicke zu.
„Was?“, blaffe ich und verdrehe die Augen. „Sie versteht einfach nicht …“
„Sev. Sie hat dir wirklich geholfen. Du bist ihr was schuldig“, mischt sich Tim ein.
„Trotzdem hat sie keinen Grund, mich um Hilfe zu bitten, nur um mich dann wieder abzuservieren.“
Ich trinke weiter. Wahrscheinlich habe ich längst genug. Aber die letzten Tage haben so einiges aufgewühlt. Lydia, das Stadion … aber vor allem der tote Junge.
„Das war am Samstag. Heute ist Dienstag. Komm drüber weg.“
„Ich verstehe nicht, warum sie diese App weiterlaufen lassen“, weiche ich vom Thema ab und hebe meine Hand, damit die Bedienung, die hinter den Glasfenstern am Börsenplatz gerade ihre Zigarette ausmacht, zu mir kommt, bevor sie zur Bar geht.
„Was genau macht man da eigentlich? Ging es nicht nur um Eintracht-Fragen?“ Achim legt nachdenklich einen Finger auf die Oberlippe und streicht über seinen Schnauzer. Irgendein neuer Trend, den ich Gott sei Dank nicht mitmache.
„Erst waren es nur Fragen … Erst sind es nur Fragen“, sage ich und deute der Bedienung, dass sie noch drei Bier bringen soll. „Wenn man das hinbekommt, kommt man irgendwann in Runde zwei und wird zum Silber-Spieler. Da muss man dann die Orte aufsuchen, an denen die Geschichte zur Frage passiert ist. Also das Stadion oder den Römer oder was weiß ich.“
Tim wird unruhig. Beinahe so, als würde er hier jemanden von den App-Betreibern erwarten, der mich wieder in einen Hinterhalt locken und bedrohen will.
„Dann wirst du Gold-Spieler und hast die Chance auf einen Jackpot. Dafür musst du an Orte, die dir die App sagt, und die Antwort von dort herausbrüllen.“
„Klingt wie ein harmloses Spiel“, quittiert Achim meine Ausführungen.
Ein Lachen entfährt mir. Eins, das so freudlos klingt, dass es mich selbst erschreckt. Ich verenge meinen Blick und beuge mich vor. „Es ist tödlich. Die Orte sind gefährlich, Achim.“
„Wie das Fenster einer Uni?“ Er kann sich ein blödes Grinsen nicht verkneifen.
„Genau“, brumme ich im Gleichtakt mit meinem Handy. Ich werfe kurz einen Blick darauf und fluche innerlich.
Wo bist du? Bin in deiner Wohnung.
„Ladies, ich muss euch verlassen“, sage ich genervt, krame einen Zehner aus meiner Tasche und lasse ihn auf den Tisch segeln. „Genießt das Bier.“
„Und wer fährt dich?“ Tim schüttelt genervt den Kopf, legt dann ebenfalls Geld dazu und entschuldigt sich bei Achim, der nur abwinkt.
„Ich will eh noch den Bericht im SWR über den AfD-Abgeordneten sehen, der angeblich für diese rechtsextreme Zeitung Artikel geschrieben hat.“
„Er wird es weiterhin abstreiten“, werfe ich Achim noch zu, bevor wir Richtung Parkhaus marschieren.
Am Auto angekommen, redet Tim kaum ein Wort mit mir. Schon als ich ihm sagte, dass wir uns mit Achim im Bull and Bear treffen, war er sehr schweigsam.
Als er am Kino vorbei den Oederweg entlangfährt, räuspere ich mich und werfe einen unauffälligen Blick auf ihn.
„Entschuldige.“
„Für was?“
„Für was auch immer du sauer bist.“
Er schnauft nur und schüttelt wie so oft den Kopf. Wie ein Oberlehrer oder mein Vater.
„Was habe ich getan? Dich zu sehr rumgescheucht?“
„Darum geht es nicht. Du behandelst mich wie deinen Leibeigenen oder jemanden, der nur dein Anhängsel ist. Dabei …“
„Dabei was?“, frage ich. Meine Lider zucken.
„Dabei dachte ich, dass wir Freunde sind, Severin.“
„Sind wir“, sage ich schnell und fahre mir durch die Haare. „Wir sind Freunde und es tut mir leid. Ich war heute …“
„Ich dachte heute wirklich, du rufst mich an, um dich bei einem Bier für Samstag zu entschuldigen.“ Er seufzt. „Es ist wieder wie in der Türkei. Es hat dich zurückversetzt. Das verstehe ich. Aber rede mit mir und scheuch mich nicht herum.“
„In Ordnung.“
Er nickt zufrieden und stellt dann das Radio ein wenig lauter.
Als wir endlich bei mir ankommen, schnalle ich mich ab und drehe mich noch einmal zu Tim, der immer noch etwas angesäuert nach vorne starrt.
„Es tut mir leid, Hasibärchen. Schlaf gut. Küsschen“, sage ich in gestelzter Stimme und flüchte dann aus dem Auto, bevor er mich schlagen kann.
„Hauptkommissarin Lacker!“, begrüße ich Jules und knickse leicht, als ich in meine Wohnung trete, den Schlüssel auf meine kleine Kommode schmeiße und die Stiefel ausziehe.
Sie kocht vor Wut. „Du bist ein Kind!“
„Lady Polizei, Sie sind doch nur fünf Jahre älter“, entgegne ich gespielt schockiert. Sie brummt irgendetwas und deutet dann auf zwei weiße Tüten.
„Ich habe etwas zu essen mitgebracht.“
Mein Blick landet skeptisch auf den asiatisch riechenden Tüten auf meinem Couchtisch. „Warum?“, frage ich, statt mich einfach zu bedanken.
„Ich …“ Sie reibt sich nervös die Handgelenke. Eine seltene Geste bei Julia Lacker.
„Mache ich dich nervös?“ Ich hebe belustigt einen Mundwinkel.
„Lass das. Ich hatte Hunger und du hast sicher wieder gedacht, Bier ersetzt eine Mahlzeit.“
„Okay“, gebe ich knapp zurück und gehe zum Kühlschrank.
Das hier ist seltsam. Ich dachte, sie sei hier, um eine Nummer zu schieben, bevor sie die Nacht über wieder im Präsidium verbringt. So ist es immer. Und in meine Wohnung kommt sie nur, weil sie genau weiß, wo mein Ersatzschlüssel liegt. Was also wird das jetzt? Will sie mehr? Einen gemeinsamen Abend wie ein echtes Paar?
„Bier?“, frage ich, weil ich ehrlich gesagt keine Ahnung habe, was Jules trinkt, wenn sie einen Dienstagabend auf der Couch verbringt.
„Ich habe einen Sixer mitgebracht“, gibt sie zurück und deutet auf meinen Kühlschrank. Okay. Jetzt wird’s gruselig.
Ich nehme zwei Flaschen, öffne sie mithilfe meiner Arbeitsplatte und schlendere dann zurück zur Couch.
„Pass auf, Jules“, beginne ich eine ausholende und verwirrende Rede darüber, warum ich ein schlechter Kerl und sie eine viel zu gute Frau ist, aber sie unterbricht mich sofort, indem sie ihre Hand hebt.
„Spar es dir, Severin. Ich weiß, was du sagen willst, und es ist mir egal. Ich bin es leid.“
„Also verlässt du mich?“ Ich schlage mir theatralisch die Hand auf die Brust.
„Dass du Freunde hast, ist das größte Wunder dieser Welt“, faucht sie, schnappt sich das Bier und leert die halbe Flasche, bevor sie weiterspricht.
„Ich verlange nicht, dass du mich deinen Eltern vorstellst, mich heiratest oder auch nur händchenhaltend mit mir über die Zeil läufst. Ich will einfach nur etwas essen und trinken, bevor wir miteinander schlafen. Das ist eindeutig nicht zu viel verlangt.“
Ich schweige. Keine Ahnung, was ich dazu sagen soll, weil sie recht hat. Sie verlangt nicht viel und doch schnürt sich meine Kehle zu.
„Ich bin es einfach leid, abends schnell einen Döner vom Imbiss zu essen, zu dir zu fahren, ’ne schnelle Nummer zu schieben und dann ins Präsidium oder allein nach Hause zu fahren. So hab ich mir das nicht vorgestellt.“
„Ich war immer ehrlich, Jules“, finde ich endlich meine Stimme wieder.
„Ja. Und jetzt bin ich es auch.“
„Heißt das, dass du auch bei mir schlafen willst? Und frühstücken?“
„Das, was es bei dir zum Frühstück gibt, lebt wieder, Sev. Also nein. Ich will nicht mit dir frühstücken.“
„Aber bei mir schlafen?“
„Wenn das irgendwie im Bereich des Möglichen liegt und du nur einen kleinen Spalt deiner Severin-Zone für mich öffnen könntest, dann – ja. Ich würde gerne zusammen mit dir einschlafen und aufwachen und ab und zu etwas mit dir essen.“
Ich presse meine Lippen aufeinander und setze mich dann endlich neben sie. Vor allem, damit ich nicht mehr ständig ihren dunkel glänzenden Zopf anstarre, statt ihr in die Augen zu sehen.
„In Ordnung“, sage ich, greife nach dem Gummi in ihren Haaren und löse es. Ich hasse diese strenge Frisur. Wahrscheinlich habe ich nur deshalb Ja gesagt. Sie wirkt unheimlich, wenn sie ihre Haare so glatt und stramm nach hinten gebunden hat.
„Das klingt nicht begeistert.“
„Hast du denn wirklich erwartet, dass ich begeistert sein würde?“, schnaufe ich.
„Geht es hier um andere …?“
„Nein!“, unterbreche ich sie und lege meine Hand in ihren Nacken. „Nein, Jules, und das weißt du. Ich will keine anderen Frauen. Ich will …“
„Deinen Freiraum?“
Ich nicke bedeutungsvoll und beuge mich ein wenig zu ihr. „Aber ich werde ein Stück davon mit dir teilen. Und es wird mich bestimmt nicht umbringen.“
Ich hauche ihr einen sanften Kuss auf die Stirn und trinke dann selbst von meinem Bier. Sie wirkt nicht wirklich zufrieden. Aber zufrieden ist gerade wohl keiner von uns beiden.
„Wo warst du am Samstag noch?“, fragt sie unvermittelt, während sie die Tüten ausräumt. Na, das geht ja super los. Wir reden jetzt also über unseren Tag wie ein echtes Pärchen. Und nicht nur das. Mein Treffen mit Lydia liegt Tage zurück, aber offenbar nicht weit genug.
Sie reicht mir eine der Boxen und Stäbchen.
„Bei Lydia im Stadion“, gebe ich knapp zurück und betrachte das Essen in meiner Box. Woher weiß Jules, was ich gerne esse? Ist sie wirklich so aufmerksam und ich ein vollkommener Idiot? Ich habe das alles nicht kommen sehen. Dachte, Jules sieht das alles genauso wie ich.
„Was wollte sie denn?“ Ihre Stimme ist plötzlich viel höher.
„Ich unterliege der Schweigepflicht.“
„Severin!“, sagt sie genervt und isst ihre Nudeln wie ein verdammter Profi, während ich meine Fleischstücke mit dem Stäbchen aufspieße, um wenigstens etwas davon in meinen Mund zu bekommen.
„Dein Sarkasmus geht mir echt auf die Nerven.“
„Was war mit dem Jungen an der Uni?“, stelle ich eine Gegenfrage. Sie kneift missbilligend die Augen zusammen, während ich mir ein süffisantes Grinsen nicht verkneifen kann.
„Er ist tot. Was soll da also gewesen sein?“
„Stellt ihr die App endlich ab?“
„Du weißt, dass sowas nicht so einfach ist. Wir löschen sie heute und morgen gibt es dieselbe App unter einem anderen Namen. Aber wir haben die Presse über den Fall unterrichtet. Vielleicht schreckt das einige ab, die App überhaupt zu benutzen.“
„Sicher“, brumme ich, stehe dann auf und hole mir eine Gabel.
„Ich …“, beginnt Jules unsicher und wirft einen verstohlenen Blick auf ihre Handtasche, „habe einen Film mitgebracht.“
Ich verschlucke mich und greife zu meiner letzten Rettung. Dem Bier. In jeglicher Hinsicht.
„Klar und danach spielen wir ’ne Runde Uno.“
Sie verzieht den Mund, beugt sich dann aber zu mir. So nah, dass ich ihren Atem an meinem Nacken spüren kann. Er streicht mein Ohr und lässt meine Haut prickeln. „Ich wäre für Strip-Poker“, raunt sie so leise und rau, dass sich jedes verdammte Haar an meinem Körper aufstellt.
„Was für ein Film?“, gebe ich mich geschlagen und räuspere mich, um wieder klar zu denken.
„Wie ein einziger Tag.“
„Jules“, maule ich und weite meine Augen.
„Das war ein Witz“, sagt sie kopfschüttelnd und zieht eine DVD aus der Tasche. Noch so etwas. Woher weiß sie, dass ich keinen Blu-ray-Player besitze? Berufskrankheit?
„Star Wars?“, frage ich ungläubig. Was zum Teufel wird das hier?
„Ich dachte, wir fangen heute an und sehen, wie es uns gefällt.“
„Wie uns Star Wars gefällt?“, frage ich entrüstet und auch ein wenig schockiert.
Sie lacht und steht dann auf, um meinen Oma-Fernseher einzuschalten.
„Wie es uns gefällt, zusammen einen Film zu schauen und dabei zu essen.“
„Schön“, nuschle ich und sehe ihr dabei zu, wie sie mit dem DVD-Player kämpft. Irgendwann erhebe ich mich, stelle alles ein und befehle ihr, sich von allem Technischen fernzuhalten. Sie lacht und brummt etwas von Technik von vor hundert Jahren.
Bis zur Hälfte des Films bekomme ich kaum etwas mit, weil ich so verdammt angespannt bin. Und dann bringe ich es endlich fertig, sie zu mir in den Arm zu ziehen.
Als der Film vorbei ist und der Abspann läuft, mustere ich ihr schönes Gesicht. Ihre Augen sind geschlossen und ihr Mund ganz leicht geöffnet.
Nie zuvor habe ich sie so intensiv angesehen. Aber warum? Sie ist hübsch. Ihre sonst so skeptisch auf mich gerichteten blauen Augen bilden einen außergewöhnlichen Kontrast zu ihren dunklen Haaren. Ihre Lippen sind perfekt geschwungen, ihre Wangenknochen stehen ganz leicht vor. Ein anderer Mann hätte wahrscheinlich keine zwei Monate gebraucht, um zu begreifen, was für eine großartige Frau sie ist. Verdammt schön, aber vor allem clever, schlagfertig, selbstbewusst. Sie ist liebevoll und gleichzeitig eine echte Raubkatze. All das würde ich ihr gerne sagen. Und auch, dass ich nicht der Richtige bin und sie verletzen werde. Aber Jules hat ihren eigenen Kopf und wird sich sowieso niemals etwas von einem Mann sagen lassen.
Ich erhebe mich und überlege kurz, eine Decke über sie zu legen. Aber sie hat mich darum gebeten, mit ihr in einem Bett zu schlafen. Und das ist ihr sicher nicht leichtgefallen. Nicht ihr. Nicht einer so starken Frau wie ihr. Also nehme ich ihren schmächtigen Körper hoch, trage sie in mein Bett und decke sie sorgsam zu. Ich werde es probieren. Mir Mühe geben. Für sie und vielleicht auch für mich.




