Die Syntax-Pragmatik-Schnittstelle

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Auch interpretatorisch unterscheiden sich (22a) und (22b). (22a) kann einfach eine Aussage über Max sein. (22b) scheint nur angemessen unter der Lesart, dass Max in einer KontrastrelationKontrast zu anderen Personen steht. Der Referent Max wird aus einer Menge von Alternativen ausgewählt. Zusätzlich tritt der Schluss ein, dass Max der einzige Referent ist, für den der Satzinhalt gilt. Es handelt sich hierbei um eine QuantitätsimplikaturQuantitätsimplikatur, die auf die folgende Weise zustandekommt: Der Sprecher teilt so viel Information mit, wie es ihm möglich ist. Führt er nicht mehr Referenten an, tritt der pragmatische Schluss ein, dass die genannten alle sind, auf die die Aussage zutrifft. (Zu ImplikaturenImplikatur vgl. z.B. Meibauer 1994: 24–43). Daten wie in (22) legen folglich die Annahme nahe, dass lang bewegte Topiks im Deutschen eine kontrastive Interpretation erhalten.
Eine Frage, die sich anschließt, ist, ob alle direkt ins Vorfeld bewegten Phrasen kontrastiv interpretiert werden. Sie können schließlich nicht über Formale BewegungFormale Bewegung ins Vorfeld gelangt sein, weil sie niemals aus der höchsten Mittelfeldposition eines Satzes in seine Vorfeldposition bewegt werden. Die Frage lässt sich beantworten, indem man untersucht, welche Interpretation Elemente im Vorfeld erhalten, die nicht im linken Mittelfeld des gleichen Satzes stehen können. Dies gilt z.B. für Elemente wie grün oder unfreundlich wie in (24) und (25).
(24) a. dass Maria die Tür grün streichen wird b. *dass Maria grün1 die Tür t1 streichen wird (25) a. dass Otto sehr oft unfreundlich gewirkt hat b. *dass Otto unfreundlich1 sehr oft t1 gewirkt hat (Frey 2006: 246)Das heißt, für diese Ausdrücke kann man nicht annehmen, dass sie in der höchsten Position des Mittelfeldes zu stehen kommen, um von dort über Formale Bewegung ins Vorfeld zu wandern. Sie können aber im Vorfeld stehen (vgl. (26)), wobei sie dann akzentuiertAkzentuierung und kontrastivKontrast interpretiert werden müssen.
(26) a. Grün1 wird Maria die Tür t1 streichen. b. Unfreundlich1 hat Otto sehr oft t1 gewirkt. (Frey 2006: 246)Weitere Evidenz für die Annahme, dass die direkte Bewegung ins Vorfeld stets zu einer kontrastiven Interpretation führt, liefern die im Folgenden diskutierten Beispiele.
(27) Was hat Otto heute auf dem Markt gekauft? a. [Zwei Kilo Äpfel]1 hat Otto heute auf dem Markt t1 gekauft. b. ??Otto hat [zwei Kilo Äpfel]1 heute auf dem Markt t1 gekauft. (Frey 2006: 247)(27b) zeigt auf, dass eine Phrase, die eine w-Frage beantwortet, nicht im Mittelfeld gescrambeltScrambling werden kann. In (27a) kann diese Phrase folglich nicht über Formale BewegungFormale Bewegung aus der höchsten Mittelfeldposition ins Vorfeld gelangt sein. Vor dem Hintergrund der gängigen Annahme, dass eine w-Fragew-Frage semantisch eine Menge von Möglichkeiten eröffnet, aus der mit der Antwort eine Untermenge ausgewählt wird, lässt sich auch im Falle dieser Vorfeldbesetzung die kontrastiveKontrast Interpretation nachweisen. (28) zeigt, dass die antwortende Konstituente auch in ihrer Basisposition verbleiben kann.
(28) Was hat Otto heute auf dem Markt gekauft? Otto hat heute auf dem Markt zwei Kilo Äpfel gekauft. (Frey 2006: 247)Zwischen (28) und (27a) scheint kein Unterschied zu bestehen. Die Antwort in (28) wird ebenfalls kontrastiv interpretiert.
Unterschiede zwischen der Positionierung in der Basisposition und im Vorfeld lassen sich allerdings in anderen Strukturen feststellen. In (29) z.B. gibt die Frage eine kontrastive Interpretation vor, indem sie eine Menge von (zwei) Alternativen anbietet. Frey (2006: 247) schreibt, dass Sprecher in diesem Kontext (29b) für präferiert halten.
(29) Wen hat Maria getroffen, den Karl oder den Otto? a. Maria hat den Karl getroffen. b. [Den Karl]1 hat Maria t1 getroffen. (Frey 2006: 247)Teilt man diese Einschätzung Freys, zeigt (29), dass bei einer kontrastiven InterpretationKontrast die Positionierung im Vorfeld bevorzugt wird.
Evidenz für diese Annahme liefern auch Fälle, in denen sprachliches Material wie z.B. jedoch oder aber eine Konstituente explizit als kontrastiv auszeichnet. Wie der Vergleich von (30) und (31) aufzeigt, stehen derartige Konstituenten schlecht im Mittelfeld.
(30) a. [Bügeln jedoch] möchte Maria dem Otto beibringen. b. [Den Hans aber] sollten wir einladen. (31) a. ??Maria möchte dem Otto [Bügeln jedoch] beibringen. b. ??Wir sollten [den Hans aber] einladen. (Frey 2006: 248)
Im folgenden Abschnitt wird sich zeigen, dass dies tatsächlich die einzigen drei Möglichkeiten sind, das Vorfeld zu besetzen.
2.1.4 Beispielanalyse
Die drei Möglichkeiten der Vorfeldfüllung sollen im Folgenden anhand der (in)akzeptablen Beispiele in (32) durchgespielt werden.
(32) Hans und Maria haben geheiratet. a. Bald wird ein Baby schreien. b. #Ein Baby wird bald schreien. (Frey 2006: 250)Wenn Formale Bewegung, Basisgenerierung und Echte A'-Bewegung die einzigen drei Typen der Vorfeldbesetzung im Deutschen darstellen, muss es unter Bezug auf diese drei Operationen möglich sein, sowohl abzuleiten, warum bald in (32a) im Vorfeld stehen kann, als auch, warum ein Baby diese Position nicht gut besetzen kann. Wie die Sätze in (33) zeigen, ist bald in diesen Strukturen das höchste Element im linken Mittelfeld. Formale Bewegung ist folglich möglich.
(33) a. dass [bald] [ein Baby] schreien wird b. #dass [ein Baby] [bald] schreien wirdUm die Inakzeptabilität von (32b) abzuleiten, gilt es, nachzuweisen, dass sich keine der drei Optionen dazu eignet, das Vorfeld zu besetzen: Die Möglichkeit der BasisgenerierungBasisgenerierung scheidet aus, da diese Art der Vorfeldbesetzung nur für bestimmte Adverbiale in Frage kommt. Soll ein Baby über Formale BewegungFormale Bewegung vorangestellt werden, müsste es die höchste Mittelfeldposition einnehmen. (33) zeigt bereits, dass es sich hierbei sicherlich nicht um die Basisposition dieser Konstituente handelt. (34) zeigt zudem, dass ein Baby im Mittelfeld auch nicht scrambelnScrambling kann.
(34) Hans und Maria haben geheiratet. #Ich denke, dass [ein Baby]1 bald t1 schreien wird. (Frey 2006: 250)Es ist folglich auch nicht möglich, mit der Umstellung im Mittelfeld zunächst eine Maßnahme zu ergreifen, die die Konstituente in die höchste Mittelfeldposition versetzt, um sie anschließend über Formale Bewegung anheben zu können. Echte A'-BewegungEchte A'-Bewegung würde ein Baby aus seiner Basisposition direkt ins Vorfeld versetzen. Dann müsste die Konstituente einen AkzentAkzentuierung erhalten und kontrastivKontrast interpretiert werden. Dies scheint in diesem Beispiel aber nicht die intendierte Lesart zu sein.
Unter der Annahme, dass dies die einzigen drei Möglichkeiten der Vorfeldbesetzung sind, erklärt sich die Unmöglichkeit der Positionierung von ein Baby im Vorfeld: Alle Optionen, wie die Phrase dorthin gelangt sein kann, scheiden aus.
2.1.5 Die Syntax des Vorfelds
Basierend auf diesen Annahmen zu den verschiedenen Möglichkeiten der Vorfeldbesetzung vertritt Frey die folgenden Ansichten zur Struktur des Vorfelds. Die Modellierung ist vor dem Hintergrund der sogenannten Split-CP-AnalyseSplit-CP-Analyse zu sehen. Der erste Vorschlag einer solchen Analyse geht zurück auf Rizzi (1997) (für eine Zusammenfassung des Ansatzes vgl. Grewendorf 2002: 66ff.).

Frey folgt somit der Vorstellung, dass in der Baumstruktur nicht eine Position dem Vorfeld entspricht, sondern das Vorfeld sich in verschiedene Phrasen aufteilt. (35) zeigt die Struktur nach Frey (2006: 254).


Entlang der Annahmen aus Abschnitt 1.1.2 steht das finite Verb in selbständigen Sätzen normalerweise in C0. In der gesplitteten Struktur in (35) gilt, dass es stets im Kopf derjenigen Phrase steht, in deren Spec-Position sich das Element im Vorfeld befindet. Nur diese Phrase des Vorfeldes ist sozusagen ,aktiv‘. Hinzu kommt die Annahme, dass nur so viel Struktur wie nötig generiert wird. (36) bis (41) illustrieren jede Möglichkeit der Vorfeldbesetzung.
In (36) ist leider ein hohes SatzadverbialHohes Adverbial, das die höchste Position im Mittelfeld einnimmt. Über Formale Bewegung kann es ins Vorfeld versetzt werden.
(36) Leider1 hat t1 keiner dem alten Mann geholfen.Wie die zugehörige Struktur in (37) zeigt, steht leider als Ergebnis der Formalen BewegungFormale Bewegung in SpecFinP. Das finite Verb wird deshalb von V0 über I0 nach Fin0 angehoben. Die Basisposition des Adverbials ist die höchste Mittelfeldposition, die Frey als eine an IP adjungierte Position auffasst.

In (38) erfolgt die Vorfeldbesetzung durch echte A'-BewegungEchte A'-Bewegung.
(38) [Den HANS aber]1 sollten wir t1 einladen.Den Hans aber wird aus seiner Basisposition direkt ins Vorfeld versetzt. Die Phrase wird kontrastivKontrast interpretiert und akzentuiertAkzentuierung. Zusätzlich tritt eine Kontrast anzeigende Partikel auf. Da SpecKontrP besetzt ist, steht das finite Verb in Kontr0.

(40) ist ein Beispiel für die Vorfeldbesetzung durch BasisgenerierungBasisgenerierung. Phrasen wie ein Glück gehören zu den Ausdrücken, von denen Frey annimmt, dass sie im Vorfeld basisgeneriertBasisgenerierung sind. Sie steht in SpecCP. Aufgrund der ,Aktivierung‘ dieser Phrase steht das finite Verb in C0.
(40) Ein Glück habe ich einen Regenschirm.
Aufgaben
1. Um welchen Typ von Vorfeldbesetzung handelt es sich beim zweiten Satz und warum? Fertigen Sie auch den Strukturbaum an.
(i) A: Wen hat Paul gesehen? B: Das Christkind hat Paul gesehen.2. Wie lässt sich der markierte Status des folgenden Satzes erklären?
(ii) Schnell hat Maria die Geschenke eingepackt.3. Was ist die Begründung für die Annahme, dass es basisgenerierte Phrasen im Vorfeld gibt? Wo stehen diese und wo steht in diesem Fall das finite Verb?
4. Durch welchen Typ von Vorfeldbesetzung gelangt glücklicherweise ins Vorfeld? Fertigen Sie auch einen Strukturbaum an.
(iii) Glücklicherweise funktioniert die Heizung.5. Wie kann dem Weihnachtsmann nur ins Vorfeld gelangt sein und warum? Schließen Sie die Alternativen aus.
(iv) Dem Weihnachtsmann meint Peter, dass er die Tür öffnen sollte.Конец ознакомительного фрагмента.
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