Die Syntax-Pragmatik-Schnittstelle

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In der Literatur sind verschiedene Ansätze vorgeschlagen worden, um derartige KohärenzrelationenKohärenzrelation systematisch zu erfassen. Im Rahmen der Rhetorischen StrukturtheorieRhetorische Strukturtheorie (RST) von Mann & Thompson (1988) wird beispielsweise zwischen 23 Relationen unterschieden. Hierzu zählen u.a. die Relationen EVIDENZEvidenz, ELABORATIONELABORATION und HINTERGRUNDHINTERGRUND.
Die Relation EVIDENZ besteht z.B. in (99) zwischen den beiden Teilsätzen des zweiten Satzes und dem ersten Satz. Der Sprecher/Schreiber beabsichtigt, den Hörer/Leser von der ersten Information zu überzeugen.
(99) [Das Programm funktioniert] (1). [Ich habe sehr schnell die Daten eintragen können] (2) und [die gleichen Ergebnisse erhalten, die ich auch per Hand ausgerechnet hatte] (3). (nach Mann & Thompson 1988: 251)Stehen Satzteile in der Relation ELABORATION zueinander, liefert ein Satz zusätzliche Information zum im anderen Satz Beschriebenen. In (100) steuern (2) und (3) jeweils weitere Details zum mit (1) ausgedrückten Inhalt bei.
(100) Im November 2018 findet in Albany die 4. Jahrestagung der American Pragmatics Association statt (1). Man rechnet mit ca. 300 Linguisten aus der ganzen Welt (2). Die vier Hauptthemen der Konferenz sind a) Pragmatische Theorien, b) Experimentelle Pragmatik, c) Interkulturelle Pragmatik und d) Anwendungen (z.B. Zweitspracherwerb) (3). (in Anlehnung an Mann & Thompson 1988: 273)Besteht die Relation HINTERGRUND zwischen (Teil)sätzen, steuert der eine Satz Information bei, die den anderen Satz hinsichtlich eines Aspektes verständlicher machen soll. In (101) leisten (2) und (3) diesen Beitrag in Bezug zu (1).
(101) Ab sofort können Sie erfahren, wieviel Ihre Kollegen verdienen (1). Zum 06.01.2018 ist das Lohntransparenz-Gesetz in Kraft getreten (2). Über den Betriebsrat kann ein Antrag gestellt werden, um Informationen über Vergleichsgruppen zu erhalten (3). (in Anlehnung an Mann & Thompson 1988: 273)Inzwischen ist der Ansatz von Mann & Thompson (1988) in verschiedenen Arbeiten weiterentwickelt worden. Man hat sich u.a. mit dem Inventar der Relationen, ihrer Systematisierung und ihrer formalen Repräsentation beschäftigt (vgl. u.a. Kehler 2002, Sanders et al. 1992, Asher & Lascarides 2003) (zu einem Überblick zur RST vgl. Taboada & Mann 2006).
2. Vorfeldbesetzung

Das Treppenhaus wird in (1) dorthin versetzt, hier durch kurze A'-BewegungKurze A'-Bewegung.
(1) [Das Treppenhaus]1 renoviert der Handwerker t1.Eine derartige Besetzung des Vorfelds kann auch auf Distanz erfolgen. In (2) wird das Treppenhaus aus dem dass-Nebensatz ins Vorfeld bewegt.
(2) [Das Treppenhaus]2 hat Albert behauptet, [CP dass der Handwerker t2 renoviert].In aktueller generativer Syntaxtheorie wird (anders als noch im Stadium des in Abschnitt 1.1.3 skizzierten Modells) angenommen, dass Bewegung aufgrund bestimmter Anforderungen der Schnittstellen des Grammatiksystems (LF und/oder PF) erforderlich wird (vgl. z.B. Rizzi 2004, Fanselow 2006, 2008). Es gibt folglich interpretatorische oder phonologische Gründe für Bewegung.
Aber welche Konstituenten besetzen das Vorfeld? Gibt es Einheiten, die dort bevorzugt stehen, vielleicht sogar stehen müssen, oder andere, die aus dieser Position ausgeschlossen sind?
2.1 Drei Möglichkeiten der Vorfeldbesetzung
Da der linke Satzrand mit bestimmten informationsstrukturellen DimensionenInformationsstrukturelle Dimension in Verbindung gebracht wird, sollte man sich nach Frey (2006: 236) fragen, welche DiskursfunktionenDiskursfunktion die Phrasen, die im Vorfeld positioniert sind, aufweisen. Grundsätzlich können die Vorfeld-Phrasen ganz verschiedene pragmatische Eigenschaften haben, wobei ebenfalls auffällt, dass die Sätze je nach Vorfeldfüllung unterschiedlich gut bewertet werden (vgl. (3)).
(3) a. (Ich erzähle dir etwas über Hans.) Den Hans wird eine polnische Gräfin heiraten. b. Dem Hans hat Maria nicht geholfen, aber dem Otto. c. Wem hat Maria geholfen? Hans hat sie geholfen. d. Fast jeden Kollegen schätzt der Hans. e. Fast jeder Kollege schätzt den Hans. f. Leider hat keiner dem alten Mann geholfen. g. Fast überall spielen Jungen gern Fußball. (Frey 2006: 236)In (3a) steht das TopikTopik im Vorfeld, in (3b) wird die Vorfeldkonstituente kontrastivKontrastfokus fokussiert und in (3c) ist die Position in der ersten Äußerung durch eine w-Phrase besetzt und in der zweiten durch den InformationsfokusInformationsfokus der Antwort. In (3d) kann fast jeden Kollegen kein Topik sein, weil die quantifizierte Phrase nicht referiert. Sie macht auch nicht den Fokus der Äußerung aus. Im Vergleich mit (3e) wirkt der Satz in Isolation markiert. Die Sätze unterscheiden sich darin, dass in (3e) ein Subjekt eines transitiven Verbs im Vorfeld steht, in (3d) ein Objekt. Mit einem passenden Kontext (vgl. (4)) verliert der Satz aus (3d) seine Markiertheit.
(4) Hans fühlt sich wohl an seinem neuen Arbeitsplatz. Fast jeden Kollegen schätzt der berühmte Linguist. (Frey 2006: 237)In (3f) und (g) stehen schließlich AdverbialeAdverbial im Vorfeld. Diese Exemplare eignen sich nicht als Topik, müssen hier aber auch nicht den Fokus ausmachen. Die beiden Sätze sind als unmarkiert einzustufen.

2.1.1 Formale Bewegung
Der Vergleich von (3d) und (3e) hat gezeigt, dass ein Satz, in dem das Objekt eines transitiven Verbs im Vorfeld steht, markiert ist, während ein Satz, in dem ein Subjekt im Vorfeld steht, in diesem Fall unmarkiert ist. Es gibt allerdings auch Sätze, in denen ein Objekt im Vorfeld steht, die Sätze aber unmarkiert zu bewerten sind.
(5) a. Dem Karl hat das Spiel gut gefallen. b. Einem Mitbewohner wurde die Geldbörse entwendet. (Frey 2006: 238)In (5) liegt in (a) das Objekt eines Psychverbs (das einen psychologischen Zustand/Prozess bezeichnet) und in (b) eines passivischen Verbs vor. Aus dem Kontrast zwischen (3d) und (5) lässt sich schließen, dass die Art des Objekts Einfluss auf die Akzeptabilität der Struktur hat.
In (3f) und (3g), die völlig unmarkiert einzustufen sind, ist das Vorfeld jeweils durch ein Adverbial besetzt, in (f) durch ein SatzadverbialSatzadverbial (das hier die Einstellung des Bedauerns des Sprechers zur Proposition kodiert), in (g) durch ein rahmensetzendes AdverbialRahmensetzer (das die ganze Proposition lokal verankert). Stehen andere Typen von Adverbialen im Vorfeld (vgl. (6)), sind die Sätze hingegen markiert.
(6) a. Im Görlitzer Park hat Eva den Grill aufgebaut. b. Mit der Axt hat Otto den Baum gefällt. (Frey 2006: 238)Im Görlitzer Park ist ein ereignisbezogenes lokales AdverbialEreignisbezogenes lokales Adverbial, mit der Axt ein instrumentales AdverbialInstrumentales Adverbial. Beide Adverbiale modifizieren die vom Verb ausgedrückte Handlung (zu Typen von Adverbialen vgl. z.B. Pittner 1999).
Die entscheidende Frage ist, was der Unterschied zwischen den Strukturen ist, die je nach im Vorfeld positioniertem Objekt bzw. Adverbial markiert bzw. unmarkiert bewertet werden. (7) und (8) zeigen erneut die unmarkierten Strukturen, (9) und (10) die markierten.
(7) a. Fast jeder Kollege schätzt den Hans. b. Leider hat keiner dem alten Mann geholfen. c. Fast überall spielen Jungen gern Fußball. (8) a. Dem Karl hat das Spiel gut gefallen. b. Einem Mitbewohner wurde die Geldbörse entwendet. (9) Fast jeden Kollegen schätzt der Hans. (10) a. Im Görlitzer Park hat Eva den Grill aufgebaut. b. Mit der Axt hat Otto den Baum gefällt.Freys Antwort auf diese Frage ist, dass in den Fällen, in denen die Positionierung im Vorfeld zu einer unmarkierten Struktur führt, die Basisposition der vorangestellten Elemente die höchste Mittelfeldposition ist. Diese Annahme lässt sich überprüfen, indem man die unmarkierte Wortstellung im Mittelfeld bestimmt. Die Beispiele in (11) bis (13) weisen nach, dass die Objekte von Psychverben und passivischen Verben sowie das Subjekt unter Auftreten eines transitiven Verbs unmarkiert im linken Mittelfeld stehen. Dies sind genau die Konstituenten, die in den obigen Beispielen (vgl. (7) und (8)) problemlos vorangestellt werden können.
(11) a. dass [dem Karl] [das Spiel] gut gefallen hat b. #dass [das Spiel] [dem Karl] gut gefallen hat (12) a. dass [einem Mitbewohner] [die Geldbörse] entwendet wurde b. #dass [die Geldbörse] [einem Mitbewohner] entwendet wurde (13) a. dass [fast jeder Kollege] [den Hans] schätzt b. #dass [den Hans] [fast jeder Kollege] schätztIn der Literatur wird angenommen, dass verschiedene Typen von Adverbialen im Satz an verschiedenen Stellen stehen. Frey & Pittner (1998: 516ff.) argumentieren, dass SatzadverbialeSatzadverbial wie leider und rahmensetzende AusdrückeRahmensetzer wie fast überall, die – wie (7b) und (c) illustrieren – unmarkiert das Vorfeld besetzen können, hohe AdverbialeHohes Adverbial sind, die Instrumentaladverbialen und ereignisbezogenen Adverbialen linear vorangehen, d.h. weiter links im Mittelfeld und damit höher in der Phrasenstruktur stehen.

Die Markiertheit von (9) folgt daraus, dass die Basisposition des Objekts tiefer als die des Subjekts ist (vgl. (14)).
(14) a. dass [der Hans] [fast jeden Kollegen] schätzt b. #dass [fast jeden Kollegen] [der Hans] schätztDer markierte Status der Beispiele in (10) erklärt sich, da (15) und (16) nachweisen, dass ereignisbezogene LokaladverbialeEreignisbezogenes lokales Adverbial und instrumentale AdverbialeInstrumentales Adverbial zwischen dem Subjekt und dem Objekt eines transitiven Verbs stehen.
(15) a. dass [Eva] [im Görlitzer Park] [den Grill] aufgebaut hat b. #dass [im Görlitzer Park] [Eva] [den Grill] aufgebaut hat (16) a. dass [Otto] [mit der Axt] [den Baum] gefällt hat b. #dass [mit der Axt] [Otto] [den Baum] gefällt hatAus diesen Beobachtungen leitet Frey ab, dass es einen Mechanismus gibt, durch den das Vorfeld mit der höchsten Konstituente des Mittelfeldes gefüllt werden kann. Die semantisch-pragmatischen Eigenschaften der vorangestellten Phrasen bleiben erhalten. Eine besondere Akzentuierung der Vorfeld-Konstituenten liegt nicht vor. Der Mechanismus hat folglich nicht den Effekt, eine ganz bestimmte DiskursfunktionDiskursfunktion zu lizenzieren. Es handelt sich um einen rein formalen Mechanismus, der das höchste Mittelfeldelement ins Vorfeld umstellt. Frey vertritt folglich, dass nicht jede Vorfeldbesetzung durch die Lizenzierung einer Diskursfunktion bedingt ist. Weitere Evidenz für diese Annahme stammt aus Sätzen wie in (17).
(17) Es regnet.Es, dessen lexikalischer Gehalt sehr arm ist, lässt sich keinerlei Diskursfunktion zuschreiben: Es ist weder Topik noch Fokus.

Diese höchste Mittelfeldposition muss allerdings nicht die Basisposition des versetzten Elements sein. Es kann auch erst durch eine vorangehende Bewegung in diese Position gelangt sein. Zum Beispiel kann der formalen Bewegung auch eine Umstellung im Mittelfeld (sogenanntes ScramblingScrambling) vorangehen. Aus (18a) wird durch Scrambling (18b), indem das instrumentale Adverbial vor das Subjekt gestellt wird. Nach dieser Umstellung weist mit der Axt die höchste Mittelfeldposition auf und kann durch Anwendung des Mechanismus der Formalen BewegungFormale BewegungFormale Bewegung ins Vorfeld gelangen (vgl. (18c)).
(18) a. (dass) Otto [mit der Axt] [den Baum] gefällt hat b. (dass) [mit der Axt]1 Otto t1 [den Baum] gefällt hat c. [Mit der Axt]1 hat t1' Otto t1 [den Baum] gefällt. (Frey 2006: 241)Das Adverbial kann nur vorangestellt werden, indem es zunächst an den linken Mittelfeldrand gescrambelt wird. Andernfalls wäre nicht die höchste Mittelfeldposition die Position, aus der die Bewegung erfolgt. Da gescrambelte Strukturen ohnehin als markiert bewertet werden (vgl. (19a) vs. (19b)), ist die Struktur ebenfalls markiert, wenn die gescrambelte Phrase anschließend ins Vorfeld bewegt wird.
(19) a. Hans erzählt, dass Otto mit der Axt den Baum gefällt hat. b. #Hans erzählt, dass [mit der Axt]1 Otto t1 den Baum gefällt hat.Formale Bewegung führt zu keiner semantisch-pragmatischen Veränderung. Der Status der ins Vorfeld angehobenen Konstituente bleibt erhalten, weshalb Formale Bewegung auch keinen Einfluss auf Markiertheitsgrade nimmt.
2.1.2 Basisgenerierung
Obwohl es – wie wir zu Beginn dieses Abschnitts gesehen haben – eine Standardannahme ist, dass das Vorfeld stets die Landeposition für eine vorangestellte Konstituente ist, führen Daten wie in (20) und (21) Frey zu der Annahme, dass das Vorfeld auch durch eine dort basisgenerierte PhraseBasisgenerierung gefüllt werden kann.
(20) a. Am Rande bemerkt bin ich etwas enttäuscht von dir. b. Kein Wunder spricht Peter so gut Französisch. c. Ein Glück habe ich den Regenschirm dabei. (21) a. *Ich bin am Rande bemerkt etwas enttäuscht von dir. b. *Peter spricht kein Wunder so gut Französisch. c. *Ich habe ein Glück den Regenschirm dabei. (Frey 2006: 243)Der Vergleich von (20) und (21) zeigt, dass es anscheinend Phrasen gibt, die im Vorfeld, nicht aber im MittelfeldMittelfeld stehen können. Die Sätze in (21) sind ungrammatisch, außer man verwendet die betroffenen Konstituenten als ParenthesenParenthese. In diesem Gebrauch werden die Ausdrücke dann intonatorisch abgesetzt. In der Schriftsprache würde man sie mit Gedankenstrichen oder Klammern absetzen.
Wenn die betroffenen Phrasen nicht im Mittelfeld stehen können, können sie folglich auch nicht dadurch ins Vorfeld gelangt sein, dass sie aus dem Mittelfeld ins Vorfeld vorangestellt wurden.

Und es gibt s.E. auch eine dritte Möglichkeit für eine Konstituente ins Vorfeld zu gelangen. Die beteiligte Operation bezeichnet der Autor als echte A'-BewegungEchte A'-Bewegung.
2.1.3 Echte A'-Bewegung
Dieser Typ von Bewegung ist echt, weil auf diesen Fall zutrifft, was für Bewegung in aktueller Syntaxtheorie allgemeinhin angenommen wird: Die Umstellung ist motiviert. In diesem Fall geht mit dieser Operation ein bestimmter diskursstruktureller Status der Phrase im Vorfeld einher.
Die genaue diskursstrukturelle FunktionDiskursfunktion lässt sich illustrieren, indem man die Interpretation und Akzentuierung eines Satzes, in dem ein Topik das Vorfeld füllt, das aus dem Mittelfeld desselben Satzes stammt, mit der Interpretation eines Satzes vergleicht, in dem das Vorfeldtopik aus einem eingebetteten Satz stammt. Im ersten Fall wurde das Topik also kurzKurze A'-Bewegung, im zweiten langLange A'-Bewegung bewegt.
(22) Ich erzähle dir was über Max. a. [Den Max]1 sollte der Chef t1 mitnehmen. b. [Den Max]1 meint Eva, dass der Chef t1 mitnehmen sollte. (Frey 2006: 244f.)In (22b) erhält den Max anders als in (22a) einen AkzentAkzentuierung, obwohl der Referent in beiden Sätzen gleichermaßen gegeben ist. Dass eine versetzte Konstituente bei langer Bewegung einen Akzent erhalten muss, ist unabhängig angenommen worden. Elemente, die nicht akzentuierbar sind, können nicht lang bewegt werden. In (23) z.B. kann das Pronomen es nicht aus dem dass-Nebensatz ins Vorfeld des Hauptsatzes umgestellt werden. Für dieses Pronomen gilt, dass es nicht akzentuiert werden kann.







