Die Syntax-Pragmatik-Schnittstelle

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Diese Erkenntnis ist relevant vor dem Hintergrund, dass in der Literatur zwei verschiedene Topikdefinitionen vorgeschlagen worden sind. Die Auffassung, die wir bisher vertreten haben, nach der das Topik der Satzgegenstand ist, ist bekannt als Aboutness Topik-Definition Aboutness Topik(vgl. z.B. Reinhart 1981, Molnàr 1991). Folgt man dieser Beschreibung, kann es sich bei einem Topik um einen vorerwähnten, bekannten Referenten handeln oder um eine diskursneue Einheit. Eine andere Topikauffassung baut auf der Eigenschaft auf, dass das Topik stets eine gegebene, bereits saliente oder zumindest ableitbare Einheit ist. Man spricht in diesem Fall von einem Familiarity TopikFamiliarity Topik (vgl. z.B. Kuno 1972, Haftka 1995).
Wenn nicht anders bezeichnet, gehen wir im Folgenden weiterhin von der Aboutness-Auffassung aus, da sich herausstellen wird, dass dieses Konzept in den im weiteren Verlauf dieses Buches untersuchten Phänomenen, bei denen der Topikstatus eine Rolle spielt, das relevante sein wird. Der Satzgegenstand sollte aber natürlich identifizierbar sein und das ist er oftmals aus dem Grund, dass der Referent schon bekannt ist. Pronomen eignen sich aus diesem Grund auch gut als Topikkonstituente.
Unter diesem Topikkonzept scheint es nicht sinnvoll, anzunehmen, dass es Sätze ohne Topik gibt. Für die Beispiele in (80) und (81) stellt sich dann aber die Frage, wie das Topik hier jeweils zu benennen ist.
(80) a. Es findet ein Markt statt. b. Es war einst ein Zauberer. (81) a. Es regnet. b. A: Was ist los? B: Das TElefon klingelt. (Lambrecht 1994: 140/177/141/143)In allen diesen Fällen bietet sich keine Interpretation an, unter der sich die Sätze in Topik und Kommentar gliedern. In (80) wird eher ein Referent eingeführt bzw. dessen Existenz festgestellt. In Folge könnten der dann etablierte Markt bzw. der Zauberer als Topik fungieren. In (81) wird jeweils ein Ereignis eingeführt. In (81a) bietet sich das ExpletivumExpletivum sehr deutlich nicht als Satzgegenstand an und auch in (81b) wird (anders als in (82)) keine Aussage über das Telefon gemacht.
(82) A: Was ist denn schon wieder mit dem Telefon los? B: Das Telefon KLINgelt.Sätze wie in (80) und (81) bezeichnet man als thetische SätzeThetischer Satz. Lambrecht (1994: 144) teilt diese Klasse in präsentationelle StrukturenPräsentationeller Satz wie in (80), die einen Referenten einführen, und ereignisberichtende SätzeEreignisberichtender Satz, die Ereignisse einführen (vgl. (81)).
Eine Möglichkeit ist nun, derartige Sätze als Ausnahmen anzusehen. Unter dieser Sicht handelt es sich um topiklose Strukturen. Erteschik-Shir (2007: 16f.) hingegen vertritt, dass hier Situationen als Topik auftreten. Wollte man Sätze dieser Art auf ihre Wahrheit hin untersuchen, würde man den Ort und/oder die Zeit ausmachen, auf die Bezug genommen wird, und die Aussage auf diese beziehen. Im Falle von (81a) würde man z.B. an einem bestimmten Ort nach draußen schauen, in (81b) fragt man nach der Gegebenheit an einem bestimmten Ort zu einem bestimmten Zeitpunkt. Und auch in (80) würde man überprüfen, ob die genannten Entitäten zum gemeinten Zeitpunkt/am gemeinten Ort existieren. Erteschik-Shir bezeichnet derartige Topiks als implicit stage topicimplicit stage topic, das die spatio-temporalen ParameterSpatio-temporaler Parameter des Satzes aufzeigt. Da jede Konversation zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort stattfindet, ist ein derartiges Topik immer verfügbar. Ein Stage-Topik ist folglich ein nicht-overt realisiertes Topik.
Ein weiterer Fall eines nicht sichtbaren Topiks lässt sich beim Phänomen des Topik-DropTopik-Drop, illustriert in (83) und (84), beobachten.
(83) A: Heute hab ich den Hans gesehen. B: Echt? __ Ist mir ja schon seit Ewigkeiten nicht mehr begegnet. (84) A: Heute ist mir der Hans begegnet. B: Echt? __ Hab ich ja schon seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen. (Trutkowski 2016: 3)Auch hier ist kein Topik sichtbar, man interpretiert die Aussagen in den Beiträgen von B aber als Information (und damit Kommentar) über Hans. (Für einen Überblick über die Bedingungen des Topik-Drop und theoretische Rekonstruktionen dieses Phänomens vgl. z.B. Helmer 2016, Trutkowski 2016.)
Unter Bezug auf die Aboutness Topik-DefinitionAboutness Topik lässt sich auch erfassen, warum nicht alle sprachlichen Einheiten als Topik geeignet sind. Eine Voraussetzung für den Topikstatus ist plausiblerweise, dass der Ausdruck referieren kann (vgl. Reinhart 1981: 65ff., Frey 2004a: 174), d.h. sich auf eine außersprachliche Entität beziehen kann, über die eine Aussage gemacht wird. Angenommen, die LinksversetzungLinksversetzung (LV) zeichnet die Konstituente am linken Satzrand als Topik aus, kann diese Struktur als Testboden dienen. Einheiten, die sich schlecht als Topik eignen, sollten nicht gut auftreten können. Dies scheint tatsächlich der Fall zu sein: Während eine definite NPDefinite Nominalphrase (vgl. (85a)) gut in einer LV stehen kann, gilt dies nicht gleichermaßen für die quantifizierten PhrasenQuantifizierte Nominalphrase in (85b) bis (85d), die Aussagen über Mengen machen und hier nicht eindeutig die Einheiten identifizieren, auf die die Aussage zutreffen soll.
(85) a. Der Student aus Bielefeld, der hat die Klausur bestanden. b. ??Irgendjemand, der hat die Klausur bestanden. c. *Keiner, der hat die Klausur bestanden. d. *Mehr als drei Studenten, die haben die Klausur bestanden.Dies bedeutet allerdings nicht, dass quantifizierte Phrasen generell keine Topiks bilden können. Die Sätze in (86) sind wesentlich akzeptabler als die Beispiele in (85b) bis (d).
(86) a. ?Drei Studenten, die sind durchgefallen. b. ?Alle Studenten, die möchten den Kurs bestehen.Dies ist darauf zurückzuführen, dass in (86) die Mengen klarer identifiziert werden können und somit über diese bzw. ihre Mitglieder etwas ausgesagt werden kann.
Wenngleich Topiks typischerweise über (NP-)Argumente realisiert werden, können auch adverbiale Bestimmungen diese Rolle übernehmen. In (87a) realisiert eine PP, die die Funktion eines lokalen AdverbialsLokales Adverbial hat, das Topik, in (87b) ein temporales AdverbialTemporales Adverbial in Form eines Adverbs.
(87) a. Im Zug, da träume ich vor mich hin. b. Morgen, da fahren wir nach Pfullingen.Die Ausdrücke im Zug und morgen referieren ohne Zweifel auf einen Ort bzw. einen Zeitpunkt. Wenn den Ausdrücken derartige referenzielle Kraft nicht zuzuschreiben ist, eignen sie sich auch nicht als Topik. Dies gilt z.B. für das Adverbial der Art und WeiseAdverbial der Art und Weise in (88a) sowie das unspezifische lokale Adverbial in (88b).
(88) a. *Schön, so hat Stefan Klavier gespielt. b. ??Irgendwo, da habe ich einen Pfau gesehen.Auch SatzadverbialeSatzadverbial wie leider oder wahrscheinlich, die eine Bewertung des ausgedrückten Sachverhalts durch den Sprecher vornehmen – die aber allein aus syntaktischen Gründen nicht in LVen vorkommen können, weil es keine geeigneten Pronomen für ihren Aufgriff gibt – bieten sich nicht als Topiks an. In (89) handelt es sich nicht um Aussagen über leider oder wahrscheinlich.
(89) a. Leider wird der FC absteigen. b. Wahrscheinlich komme ich am Dienstag zur Probe.Das Topik eines Satzes ist unserer Definition nach die Einheit, über die der Satz eine Aussage macht (Aboutness TopikAboutness Topik). Topiks können sich aber auf die folgende Weise weiter voneinander unterscheiden:
(90) 1758 hat [Topik Carl von Linné, der ernstzunehmende Systematiker,] [Kommentar die nahe Verwandtschaft von Menschen, Affen und Menschenaffen offiziell anerkannt]. [Topik Er] [Kommentar fasste alle drei zur Ordnung der Primaten (Herrentiere) zusammen und hob damit ihre hohe Stellung im Tierreich hervor]. (Musan 2010: 28)
In (91) hingegen sind ganz verschiedene Referenten Topik, die in diesem Abschnitt immer wieder wechseln. Man spricht von Switch TopiksSwitch Topik oder Shifting TopiksShifting Topik.
(91) Dann schliefen [Topik1 sie] ein, und am andern Morgen, als die Sonne sie aufweckte, kam ein Wagen herangefahren, mit acht weißen Pferden bespannt, [Topik2 die] hatten weiße Straußfedern auf dem Kopf und gingen in goldenen Ketten, und hinten stand der Diener des jungen Königs, das war der treue Heinrich. [Topik3 Der treue Heinrich] hatte sich so betrübt, als sein Herr war in einen Frosch verwandelt worden, daß er drei eiserne Bande hatte um sein Herz legen lassen, damit es ihm nicht vor Weh und Traurigkeit zerspränge. [Topik4 Der Wagen] aber sollte den jungen König in sein Reich abholen; [Topik5=Topik3 der treue Heinrich] hob beide hinein, stellte sich wieder hinten auf und war voller Freude über die Erlösung. (Märchen der Brüder Grimm, Der Froschkönig) (Breindl 2011: 37)In (92) wiederum tritt ein sogenanntes KontrasttopikKontrasttopik auf.


Die IntonationIntonation ist ein entscheidender Faktor bei diesem Typ von Topik. Man sieht in (92), dass der Tonhöhenverlauf steigt, konstant bleibt und wieder fällt. Man spricht aufgrund dieser Form von der HutHutkontur- oder BrückenkonturBrückenkonturHutkontur.
Wir haben in diesem Abschnitt bisher angenommen, dass das Topik die Einheit ist, über die ein Satz eine Aussage macht. Genau genommen haben wir damit bisher das SatztopikSatztopik (ST) charakterisiert. Es ist aber auch möglich, über das zu reden, wovon ein Textabschnitt oder der größere Diskurs handelt. Der Bereich, über den man redet, wird somit vergrößert. In diesem Fall spricht man von einem DiskurstopikDiskurstopik (DT). In (93) z.B. ist das ST in den Sätzen jeweils ein anderes. Im ersten Satz ist es Paula, im zweiten Satz Paulas Gemüsesuppe und im dritten Satz die ganze Familie. Das DT ist hingegen dasselbe, etwa Paulas Kochkünste.
(93) Paula ist eine tolle Köchin. Ihre Gemüsesuppe ist eine Delikatesse. Die ganze Familie lässt sich gerne bekochen.Die Bestimmung des DTs lässt in der Regel etwas mehr Spielraum als die Festlegung des STs.

Aufgaben
1. Wie lässt sich die Markiertheit von (i) im Vergleich zu (ii) erklären?
(i) #Ein Zauberer war einst sehr weise, reich und mit einer wunderschönen Hexe verheiratet. (ii) Es war einst ein Zauberer, der sehr weise und reich war. (nach Lambrecht 1994: 178/180)2. Erläutern Sie den Unterschied zwischen (iii) und (iv) hinsichtlich der Topik-Kommentar-Gliederung. Überlegen Sie dazu, in welchen Kontexten die beiden Sätze geäußert werden könnten. Das heißt, welche Art von Frage könnte jeweils vorweg gehen?
(iii) Mein BAUCH tut weh. (iv) Mein Bauch tut WEH. (nach Lambrecht 1994: 137)3. Bestimmen Sie die Fokusdomänen der folgenden Sätze. Was fällt auf hinsichtlich möglicher Fokusprojektionen?
(v) Der Verband hat die BUNdestrainerin entlassen. (vi) Der VerBAND hat die Bundestrainerin entlassen. (vii) Der Verband hat die Bundestrainerin nach dem TurNIER entlassen.
1.2.3 Diskursrelationen
Vergleicht man die Texte in (94) bis (96) hat man als Leser vermutlich eine Präferenz für den dritten Text.
(94) Der Fischotter ist fast im ganzen Europa vom Polarkreis bis nach Spanien verbreitet. Im Winter taucht der Fischotter unter dem Eis und kann sich so mit Nahrung versorgen. Der Fischotter wird ca. 90 cm lang und bis zu 10 kg schwer. Bevor er unter Naturschutz kam, wurde der Fischotter exzessiv gejagt. Sein extrem dichtes braunes Fell schützt den Fischotter auch im Winter vor Kälte. Der Fischotter gehört zur Familie der Marder. Seine Nahrung besteht zu 90 % aus Fisch, den er schwimmend jagt. (95) Der Fischotter ist fast im ganzen Europa vom Polarkreis bis nach Spanien verbreitet. Trotzdem steht er unter Naturschutz, weil er früher viel gejagt wurde. Die Jagd war eine wichtige Beschäftigung des Adels und des gemeinen Volkes. Insbesondere die Adeligen legten Wert auf eine prachtvolle Jagdausrüstung. Ebenso prachtvoll mussten auch die Kleidung und die Wohnungen sein. (96) Der Fischotter ist fast im ganzen Europa vom Polarkreis bis nach Spanien verbreitet. Er gehört zur Familie der Marder. Der Fischotter wird ca. 90 cm lang und bis zu 10 kg schwer. Seine Nahrung besteht zu 90 % aus Fisch, den er schwimmend jagt. Dank seines extrem dichten braunen Fells kann der Fischotter lange im Wasser bleiben, ohne zu frieren. Das Fell schützt ihn auch im Winter vor Kälte, so dass er unter dem Eis tauchen und sich so auch im Winter mit Nahrung versorgen kann. (Averintseva-Klisch 2013: 15f.)Bewertet man die Texte dahingehend, ob ein Oberthema, mit anderen Worten ein DiskurstopikDiskurstopik (DT), auszumachen ist und ob ein Zusammenhang zwischen benachbarten Sätzen besteht, so ergibt sich, dass in Text 1 ein DT bestimmt werden kann (etwa „Die Eigenschaften des Fischotters“), die Inhalte der einzelnen Sätze aber nur in loser Verbindung zueinander stehen (wenngleich sie natürlich Informationen zum Fischotter anführen). In Text 2 bestehen deutliche Verbindungen zwischen den Sätzen, die durch KonnektorenKonnektor wie trotzdem und weil kodiert werden. Es fällt aber schwerer, ein übergeordnetes Thema zu bestimmen. Die Thematik wechselt vom Fischotter zur Jagd und zum Adel. Für Text 3 lässt sich schließlich gut ein DT formulieren, wie z.B. „Die Eigenschaften des Fischotters“. Und auch zwischen den Sätzen bestehen Verbindungen, angezeigt z.B. durch dank seines extrem dichten braunen Fells oder so dass (vgl. Averintseva-Klisch 2013: 15f.).
Man stuft den dritten Text insgesamt wahrscheinlich als kohärenterKohärenz ein, wobei die Betrachtung aufzeigt, dass Kohärenz sich anscheinend sowohl globalGlobale Kohärenz (der Text als eine Einheit) als auch lokalLokale Kohärenz (Zusammenhänge zwischen Teilen des Textes) einstellt (vgl. Averintseva-Klisch 2013: 16). In diesem Sinne ist Text 1 global, aber nicht lokal kohärent, Text 2 umgekehrt lokal, aber nicht global kohärent, und Text 3 weist lokale und globale Kohärenz auf.
Für den Eindruck der lokalen Kohärenz sind hier (wie schon angemerkt) u.a. KonnektorenKonnektor verantwortlich, die Textteile inhaltlich miteinander verbinden. Dank seines extrem dichten braunen Fells stellt beispielsweise einen kausalen Zusammenhang her, so dass eine Folge, trotzdem eine konzessive Relation, d.h. einen unerwarteten Zusammenhang. Man spricht bei dieser Art von Kohärenz, d.h. der Verbindung zwischen Textteilen, auch von relationaler KohärenzRelationale Kohärenz. Konnektoren kodieren explizit inhaltliche Relationen zwischen (Teil)sätzen. In (97) stellt weil z.B. explizit einen kausalen ZusammenhangKausalität zwischen den beiden Sachverhalten her (zu weiteren Relationen, die u.a. durch Konnektoren kodiert werden können, vgl. Averintseva-Klisch 2013: 18–26).
(97) Weil das Wetter so schön ist, werde ich nachher joggen gehen. (Averintseva-Klisch 2013: 18)Doch auch (98) kann im gleichen Sinne verstanden werden.








