Diakonie zwischen Vereinslokal und Herrenmahl

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Inhaltliche Schwerpunkte des διακον-Stammes innerhalb des Neuen Testaments
1.1.1.6 Zusammenfassung
Aus der voranstehenden Auflistung wird ersichtlich, dass das Wortfeld in Zusammenhängen unterschiedlichster Art gebraucht wird. Das Spektrum reicht dabei von der Bezeichnung des Haus- und Hofpersonals und der TischdienerTischdiener über den VerkündigungsdienstVerkündigungstätigkeit bis hin zur „Diakonie“ der KollektensammlungKollektensammlung.
1.1.2 Septuaginta
An die Seite des neutestamentlichen Befundes ist der Befund der Septuaginta zu stellen. Die Konkordanz weist sieben Belege innerhalb der LXX für das Lexem und seine Derivate auf. Folgende Belege und Kontexte sind wahrzunehmen:
Belegstelle Verwendete Form (Grundform) mit hebräischem Lexem Inhalt Est 1,10Est 1,10 Διακόνοις (Διάκονος) (סריס) Bezeichnung der sieben „Kämmerer/Diener/Eunuchen“ des Königs Ahasveros Est 2,2Est 2,2 Διάκονοι (Διάκονος) (נער) Bezeichnung der „Diener“/„Männer“ des Königs Est 6,3Est 6,3 Διάκονοι (Διάκονος) (נער) Bezeichnung der „Diener“ des Königs Est 6,5Est 6,5 Διάκονοι (Διάκονος) (נער) Bezeichnung der „Diener“ des Königs Prov 10,4Prov 10,4 Διακόνῳ (Διάκονος) (צורה) Bezeichnung der „Tatkräftigen“/„Mannhaften“ 1Makk 11,581Makk 11,58 Διακονιάν (Διακονία) Bezeichnung der „Dienerschaft“ 4Makk 9,174Makk 9,17 Διάκονοι (Διάκονος) Bezeichnung der „Waffenträger“/„Leibwache“Tab. 7:
Belegstellen des διακον-Stammes innerhalb der Septuaginta
Es zeigt sich, dass mit dem Lexem und seinen Derivaten in der LXX verschiedene hebräische Begriffe übersetzt werden. Außerdem wird deutlich, dass es nicht nur einfache, dienende Aufgaben bezeichnet, sondern durchaus auch höher gestellte königliche Beamte kennzeichnet (vgl. Est 1,10Est 1,10). Die Verwendung in der LXX hebt keine karitative Komponente innerhalb der διακον-Gruppe hervor.
1.2 „Diakonie“ und Diakoniewissenschaft
Die Betrachtung der diakoniewissenschaftlichen Fachliteratur folgt abermals dem Grundsatz der Exemplarizität, vor deren Hintergrund nur Literatur verwendet wird, die ab dem Jahr 2000 entstanden ist. Darüber hinaus wird Grundlagenliteratur herangezogen, die einen konzisen Einblick in die DiakoniewissenschaftDiakoniewissenschaft eröffnet, aber keine Spezialthemen und Randgebiete der Disziplin erschließt.
1.2.1 „Studienbuch Diakonik“
Das „Studienbuch Diakonik“1 wurde 2006 veröffentlicht und bietet vielfältige Zugänge zur „Diakonie“. Ziel dieses Bandes ist es, „ein Panorama der DiakoniewissenschaftDiakoniewissenschaft [zu zeichnen, JQ], das klassische und wirkungsgeschichtlich bedeutsame Ansätze zusammenstellt, […] und zwar in einer Breite, die über mögliche Engführungen nach Schulen, Traditionen o.ä. weit hinausgeht.“2
1.2.1.1 Aufbau
Seinem Ziel entsprechend, ein „Panorama der DiakoniewissenschaftDiakoniewissenschaft“ zu geben, eröffnet der vorliegende Band seinen Leserinnen und Lesern drei verschiedene Zugänge zur „Diakonie“: biblische, historische und theologische.1 Unter jedem dieser Zugänge vertiefen Beiträge verschiedener Autoren jeweils einen thematischen Aspekt, der zur eigenen Auseinandersetzung mit der Thematik anregen will.
1.2.1.2 Inhalt
Für die hier beabsichtigte Bestandsaufnahme ist zunächst die erste der drei Zugangsarten von Bedeutung: Der biblische Zugang zur „Diakonie“. Sechs verschiedene Beiträge gehören zu diesem Zugang und sollen kurz vorgestellt werden.
Unter dem Titel „Diakonie – biblisch-theologische Grundlagen und Orientierungen. Problemhorizonte“1 öffnet der Heidelberger Diakoniewissenschaftler Theodor Strohm das Problemfeld, auf dem sich diakonische Theoriebildung s. E. zu verorten hat. Er verweist in seinen Ausführungen exemplarisch auf einige konkrete Bibelstellen, die eine Relevanz für die DiakoniewissenschaftDiakoniewissenschaft besäßen: Gal 3,23–5,1Gal 3,23–5,1; Mk 10,42f.Mk 10,42f.; 2Kor 5,19ff.2Kor 5,19ff.; Ex 20,2Ex 20,2; Lev 19,33f.Lev 19,33f.; Ps 82Ps 82,1ff.; Lk 10,25ff.Lk 10,25ff.; Mt 5–7Mt 5–7; Mt 25,31–46Mt 25,31–46; Mt 20Mt 20; Dtn 23,20ff.Dtn 23,20ff.; Dtn 15,1ff.Dtn 15,1ff.; Lev 25,8Lev 25,1ff.; Mk 2,1–12Mk 2,1–12; Röm 13,1–12Röm 13,1–122; Phil 1,1Phil 1,1; 1Tim 3,8.121Tim 3,8–13; Röm 16,1ff.Röm 16,1ff. Innerhalb dieser Aufzählung werden Mt 25Mt 25 und Lk 10,25Lk 10,25 im Kontext der Ausführungen zur „Magna Charta der Diakonie“3 zugehörig gezählt, obgleich Lk 10,25 keinen Beleg für ein Wort des διακον-Stammes bietet. Entsprechend dem Ansinnen, ein gesamtbiblisches Verständnis von „Diakonie“ zu gewinnen, werden auch alttestamentliche Texte von Strohm untersucht. Zugleich werden folgende neutestamentliche Stellen, die nicht das gesuchte Wortfeld verwenden, angesprochen:
Perikope Kontext Gal 3,23–5,1Gal 3,23–5,1 Richtungskriterium für diakonisches Handeln: „Berufung zur Freiheit und Mündigkeit durch Emanzipation vom heterogenen Umgang mit dem ‚GesetzGesetz‘ und den Zwängen der Umwelt.“4 2Kor 5,19ff.2Kor 5,19ff. „Diakonie“ als Dienst der VersöhnungVersöhnung5 Lk 10,25ff.Lk 10,25ff. Das Gleichnis vom barmherzigen SamaritanerSamaritaner als Beispiel, dass durch das NächstenliebegebotNächstenliebe Hilfebedürftige und Helfer eine Beziehungsebene teilen.6 Mt 5–7Mt 5–7 BergpredigtBergpredigt als Aufruf zu GerechtigkeitGerechtigkeit und BarmherzigkeitBarmherzigkeit7 Mk 2,1–12Mk 2,1–12 Begründung der Zielvorstellung von „Diakonie“: Das Leben von Gesunden und Kranken in versöhnter Gemeinschaft vor Gott – nicht aber Heilung.8Tab. 8:
Neutestamentliche Perikopen (ohne Beleg des διακον-Stammes) zur Begründung von „Diakonie“ nach Strohm
Unter dem Titel: „Grundfragen der Diakonie in der Perspektive gesamtbiblischer Theologie“ bietet Klaus Müller einen Überblick über gängige hermeneutische Begründungsmodelle diakonischen Handelns.9 Ohne seine Beobachtungen im Detail darzustellen, sei festgehalten, dass s. E. die „Diakonie“ nur in gesamtbiblischer Perspektive, in der Zusammenschau von Altem und Neuem Testament, ihren Inhalt und ihre Begründung finden könne.10 „Gottes Sein in Mit-Leidenschaft – [ist] Grund und Maß aller biblisch orientierten Diakonie.“11
Die Verbindung zwischen „Diakonie“ und Biblischer Theologie stellt Rudolf Weth her und verortet die diakoniewissenschaftliche Theoriebildung im Kanon wissenschaftlicher Theologie.12 Bereits der Titel gibt die Problemstellung vor: „Der eine Gott der Diakonie. Diakonik als Problem und Aufgabe Biblischer Theologie.“13 Weth arbeitet heraus, das es im Alten Testament Denkmodelle und Paradigmen gäbe, die unabdingbar für eine biblisch fundierte Begründung von „Diakonie“ seien.14 Somit sei „Diakonie“ „ein besonderer Anwendungsfall, ein spezifisches Problem- und Aufgabenfeld Biblischer Theologie, wenn denn wirklich Biblische Theologie nicht auf die exegetischen Disziplinen beschränkt werden darf.“15 Biblische Theologie werde so zum kritischen Korrektiv gegenüber einer einseitigen Orientierung und Fokussierung des DiakoniebegriffsDiakoniebegriff, z.B. auf sozial-fürsorgliches HandelnHandeln, sozial-fürsorglich, im Anschluss an einige neutestamentliche Perikopen.16 Weth illustriert seine Aussagen anhand von drei Beispielen: Im Geist Johann Hinrich WichernsWichern, Johann Hinrich etabliert er den Gedanken der „Diakonie“ in der Offenbarungsgeschichte, der mit dem Begriff der „familia Dei“ Altes und Neues Testament in Bezug auf die „Diakonie“ miteinander zu verbinden weiß.17 Dem entspräche der im Anschluss an Ulrich Bach formulierte Gedanke des einen Gottes der „Diakonie“, der sich gegen einen Ditheismus wende, der Baal als Gott der Stärke und der Gesunden im Gegenüber zu Jahwe als Gott der Unsicherheit und der Marginalisierten zeichne. Demgegenüber handele es sich bei der „Diakonie“ – so Bach im Anschluss an Dietrich Bonhoeffer – um den Dienst des leidenden Gottes.18 Deswegen sei die „Diakonie“ innerhalb der Gotteslehre zu verhandeln. Als letztes Beispiel für Biblische Theologie innerhalb der Diakonik verweist Weth anhand des Problemfeldes von Asyl und Fremdlingsschaft auf den alttestamentlichen Zusammenhang von „Diakonie“ und RechtRecht, der geeignet sei, „die heutige Diakonie, […] aus der Grauzone karitativer Beliebigkeit herauszuholen und in die solidargemeinschaftliche Verbindlichkeit eines diakonischen Rechts zu überführen.“19
Frank Crüsemann stellt im Anschluss an die vorangegangenen Ausführungen von Rudolf Weth dar, inwiefern „[d]as Alte Testament als Grundlage der Diakonie“20 gelten könne. Leitkategorie für die Suche nach dem Beitrag des Alten Testaments zur christlichen „Diakonie“ ist für Crüsemann die Frage, „wie menschliches Leid in seinen verschiedenen Ausprägungen und auf dem Hintergrund der jeweiligen gesellschaftlichen Situation gesehen, theologisch verstanden und wie in theologisch reflektierter Praxis damit umgegangen wird.“21 Exemplarisch bezieht er sich auf zwei Kategorien, die ihrem Sinn entsprechend zur „Diakonie“ gehören würden und deren Verdrängung s. E. zu Problemen führt, die durch eine Orientierung am neutestamentlichen Befund nicht gelöst werden könnten. Es handele sich dabei um die Kategorien der Klage und des Rechts.22 Darüber hinaus sei theologisch zu reflektieren, wie das Verhalten Gottes in Beziehung zum Verhalten des Menschen gegenüber Bedürftigen und Notleidenden zu setzen ist. Es stelle sich heraus, dass die Möglichkeit zur Klage und die Wende von der Klage zu Dank und Lob als ZuwendungZuwendung Gottes und insofern als „Diakonie“ zu verstehen seien.23 Damit werde die besonders in den Psalmen bezeugte Klage und Rettung zum Zeugnis für Gottes Handeln.24 In Bezug auf das RechtRecht stellt Crüsemann dar, dass auch soziale Wirtschaftsregeln ihren Platz innerhalb des alttestamentlichen Rechts hätten und sie ein Ausdruck des Willen Gottes seien. Auch die Versorgung von Bedürftigen sei auf die ZuwendungZuwendung Gottes, mithin auf seine „Diakonie“, zurückzuführen.25 In einem letzten Punkt stellt Crüsemann Überlegungen zum Verhältnis von Gottes Tat und menschlichem Handeln an, wobei festzuhalten sei, dass „Israel und Gott […] je für sich und in ihrer Beziehung durch den Exodus geprägt [sind].“26 Ermöglichungsgrund dieses Geschehens sei die LiebeLiebe Gottes (Dtn 24,17Dtn 24,17). Wenn Israel durch diese Tat Gottes geprägt sei, sei ihm materielle Hilfe für Flüchtlinge möglich und geboten, weil sie ihm selbst von Gott zuteil wurde.27 „Diakonie“ hätte ihren Grund folglich in der vorrangigen LiebeLiebe Gottes. Ferner seien Nächsten-Nächstenliebe und FremdenliebeFremdenliebe auch aus dem Heiligkeitsgesetz heraus zu begründen (vgl. Lev 22,31ff.Lev 22,31ff.; Lev 20,7f.Lev 20,7f.; Lev 24ff.Lev 24ff.).28
Gerd Theißen entfaltet in seinem Beitrag „Die Bibel diakonisch lesen: Die Legitimitätskrise des Helfens und der barmherzige SamariterSamaritaner“29 Begründungsmodelle für diakonisches Handeln anhand der Geschichte vom barmherzigen SamaritanerSamaritaner (Lk 10,25ff.Lk 10,25ff.). Dabei unternimmt er den Versuch, die Perikope innerhalb ihrer innerbiblischen Bezüge sowie ihrer literarhistorischen Kontexte zu verorten. Dafür setzt er die Aussagen und Implikationen der Perikope in Beziehung zu soziologischen und psychologischen Begründungsmodellen für das Hilfehandeln. Darüber hinaus bezeichnet Theißen das LösegeldlogionLösegeld in Mk 10,42–45Mk 10,42–45 als „diakonische Grundregel“30. Im Sinne von 1Joh 4,161Joh 4,16 könne die ZuwendungZuwendung zum Nächsten als „Ausdruck einer größeren LiebeLiebe erlebt werden.“31 Theißen zeigt in seinem Beitrag auch die Widersprüche und Probleme auf, die sich mit allen Hilfsabsichten verbinden lassen und die bei einer biblischen Begründung diakonischen Handelns nicht vernachlässigt werden dürften.32
Abgeschlossen werden die biblischen Zugänge zur „Diakonie“ durch Überlegungen von Hans-Jürgen Benedict33 zu John N. Collins, die sich kritisch mit dessen Monographie zum DiakoniebegriffDiakoniebegriff auseinandersetzen.34 Collins, so die Darstellung Benedicts, befasse sich intensiv mit der vorherrschenden Gleichsetzung von „diakonein“ mit „Dienst“ und der Deutung, „dass Dienen, das vor allem TischdienstTischdienst meint, im griechisch-hellenistischen Denken negativ gesehen wird, während durch das Dienen Jesu und seiner JüngerJünger dieses diakonein eine neue positive Bewertung erfahren habe.“35 Dem gegenüber warne Collins, so Benedict, vor einer voreiligen Parallelisierung „von LebenshingabeLebenshingabe Jesu mit der Bedeutung von diakonein als demütigem und hingebungsvollen Dienen.“36 TischdienstTischdienst, und damit eine niedrige Tätigkeit, sei ein möglicher Aspekt des BedeutungsspektrumsBedeutungsspektrum von diakonein, nicht aber der Einzige.37 Neben dem Kontext des Aufwartens trete der Begriff auch in dem der Überbrindung von Botschaften und dem der Übermittlungstätigkeit auf. „Die zugrundeliegende Bedeutung in allen drei Bereichen ist die des Dazwischengehens, der VermittlungVermittlung. Im Bereich der Botschaft meint das Nomen den VermittlerVermittler, Sprecher oder Kurier, im Bereich der Tätigkeit den Agenten und das Medium, im Bereich des Aufwartens den Diener und Aufwärter.“38 Dem Begriff komme, nach Collins in der Darstellung von Benedict, entsprechend ein weitaus größeres BedeutungsspektrumBedeutungsspektrum zu, als ihm die Fokussierung auf soziale Tätigkeiten erlaube.39 „Collins Untersuchung stellt die herrschende diakonische Selbstlegitimierung produktiv in Frage, hebt die Gleichsetzung von christlicher Existenz und demütigem bzw. helfendem Dienst auf und läßt uns neu danach fragen, was denn das Besondere der christlichen BeauftragungBeauftragung, Botschaft und VermittlungVermittlung (alles gleich diakonia) ist, wenn es nicht die CaritasCaritas bzw. die Diakonie als Hilfehandeln ist.“40
1.2.1.3 Kritische Würdigung
Die biblischen Zugänge im Studienbuch Diakonik bieten ein breites Spektrum an Einsichten zur „Diakonie“ im biblischen Horizont. Dabei legt sich das Studienbuch aber nicht auf eine bestimmte Deutung und Begründung fest. Vielmehr werden die Leserinnen und Leser zu einer eigenen Denk- und Verstehensleistung angeregt und herausgefordert. Diese erscheint besonders wichtig, um die vorgetragenen Erkenntnisse auf ihre Plausibilität hin zu prüfen. Insbesondere der Artikel von Benedict regt zu einer kritischen Auseinandersetzung mit den gängigen Deutungs- und Begründungsmodellen von „Diakonie“ in biblischer Perspektive an, besonders mit dem von ihm dargestellten Beitrag von Collins. Diese Auseinandersetzung ist bereits im Aufbau der Zugänge angelegt: Sechs verschiedene Beiträge von ebenso vielen Autoren verhindern eine Engführung der Thematik und regen die eigene Verstehensleistung, bzw. Auseinandersetzung mit dem biblischen Befund an.
1.2.2 „Diakonisches Kompendium“
Bereits die Einführung in das „Diakonische Kompendium“ gibt den Sinn der Publikation an: „Erklärtes Ziel ist es dabei, wesentliche Grundkenntnisse heutiger evangelischer Diakonik übersichtlich zu präsentieren, das Problembewusstsein zu schärfen und so einen Beitrag zu einer kritisch reflektierten und zugleich kreativen diakonischen Praxis im Bereich der deutschsprachigen evangelischen Kirche zu leisten, der das pluriforme Projekt Diakonie in einem dynamischen Prozess entfalten hilft.“1 Das Kompendium sei ein Praxisbuch, das auf die gegenwärtige Gestalt der „Diakonie“ einwirken wolle. Dem entspräche auch die vorgegebene Zielgruppe, die alle Mitarbeitenden in helfenden Berufen sowie Studierende von DiakoniewissenschaftDiakoniewissenschaft, Theologie, Religions- und Gemeindepädagogik, Gesundheits- und Sozialwesen umfasst.2 So diene das Kompendium der Aus- und Fortbildung, sowohl in der diakonischen Praxis als auch in der Diakoniewissenschaft.
1.2.2.1 Aufbau
Das Kompendium weist eine komplexe Gliederung auf. Zunächst sind die 38 Beiträge thematisch nach sieben Kategorien geordnet: „Grundlagen und Entwicklungen“, „Konzeptionen und Dialogbewegungen“, „Kollektive Subjekte und OrganisationsformenOrganisationsform“, „Lenken und Gestalten“, „Personen und Kompetenzen“, „Spiritualität und Bildung“ sowie „Aufgaben und HandlungsfelderHandlungsfelder“. Neben dem äußeren Aufbau besitzen die einzelnen Beiträge ein einheitliches Raster, das von den Herausgebern vorgegeben wurde: „1. Einführung; 2. Historische Dimension; 3. Gegenwärtige Situation; 4. Diakoniewissenschaftliche Anstöße und diakonische Perspektiven; 5. Zur Weiterarbeit.“1
Die Lektüre des Kompendiums soll geleitet sein durch ein in der Einführung formuliertes, heuristisch zu verstehendes Diakonieverständnis: „Diakonie ist die im christlichen GlaubenGlaube begründete, kraft der LiebeLiebe und im Horizont der HoffnungHoffnung auf das Reich GottesReich Gottes sich vollziehende christlich-kirchliche Praxis des Beistands, die zu einem Leben in Freiheit ermächtigen will. Das diakonische Beistandshandeln verbindet sich mit der Inszenierung solidaritätsfördernder Arrangements und der Verpflichtung, zur Steigerung des gesellschaftlichen Niveaus von GerechtigkeitGerechtigkeit beizutragen.“2
1.2.2.2 Inhalt
Für einen Annäherungsversuch und der mit ihm verbundenen Frage nach biblischen Texten in diakoniewissenschaftlichen Kontexten ist insbesondere der Beitrag von Ulrich Luz zu den „Biblischen Grundlagen der Diakonie“ bedeutsam.1
Luz geht von einer Begriffsbestimmung des διακον-Stammes aus, die die Vielschichtigkeit des Begriffsfeldes in der Profangräzität, der LXX und dem Neuen Testament deutlich macht. Auch er verweist in diesem Zusammenhang auf die bereits erwähnte Studie von Collins.2 Anschließend skizziert Luz jüdische und biblische Wurzeln der „Diakonie“, beginnend bei den „LiebeswerkenLiebestätigkeit“ in der jüdischen Tradition.3 Innerhalb dieses Punkts rekurriert Luz auf die oben dargestellten Ausführungen Crüsemanns. Darüber hinaus verorten sich die Hinweise zur „Diakonie“ im Neuen Testament innerhalb der bereits dargestellten Perikopen. Zugleich referiert Luz die These von Gerd Theißen, dass der Dienst an den „Wanderradikalen“ eine Wurzel christlicher „Diakonie“ darstelle.4 Neben der Betonung von gemeinsamen MahlzeitenMahlzeiten als Form sozialer Hilfe und Sicherheit5, zeigt Luz das seines Erachtens weite Verständnis von „Diakonie“ bei PaulusPaulus auf und entfaltet die paulinische KollektensammlungKollektensammlung als ein Beispiel ökumenischer „Diakonie“.6 Daran werde deutlich, dass der DiakoniebegriffDiakoniebegriff noch nicht im heutigen Sinne als terminus technicus gebraucht, aber seine inhaltliche Füllung vorbereitet werde.7 Ohne im Detail auf die Probleme einzugehen, die sich mit dem Begriff des DiakonsDiakon8 innerhalb des Neuen Testaments ergeben würden, skizziert Luz die Ansätze zu einer InstitutionalisierungInstitutionalisierung der „Diakonie“ innerhalb der späteren Schriften des Neuen Testaments. Dabei sei aber anhand des 1. Timotheusbriefs festzuhalten, dass die Gemeindediakonie nicht verdrängt worden sei: „Die beginnende InstitutionalisierungInstitutionalisierung der diakonischen Aufgaben tritt also nicht an die Stelle des diakonischen Einsatzes aller Gemeindeglieder, sondern ergänzt ihn.“9 Im Licht von Apg 6Apg 6 sei noch einmal deutlich zu machen, dass auch der WortdienstWortverkündigung in den DiakoniebegriffDiakoniebegriff eingebunden sei.10 Anhand der Apostolischen Väter werde dann deutlich, dass die InstitutionalisierungInstitutionalisierung der „Diakonie“ im Laufe der Geschichte weiter voranschreite.11 Abschließende Thesen beschreiben die „Diakonie“ als nota ecclesiae12, verdeutlichen noch einmal das weite BedeutungsspektrumBedeutungsspektrum des Begriffs.
1.2.2.3 Kritische Würdigung
In seinem Beitrag versucht Luz einen grundlegenden Einblick zur biblischen Begründung der „Diakonie“ zu geben. Dabei beschränkt er sich nicht ausschließlich auf den neutestamentlichen Befund, sondern nimmt auch das Alte Testament sowie die jüdische und nachneutestamentliche Tradition in den Blick. Es ist evident, dass dieser knappe Überblick nicht ohne notwendige Kürzungen auskommt. Dennoch bietet er für die Leserinnen und Leser eine profunde Grundlage für eigene Überlegungen. Besonders die Thesen bzw. „Theologischen Impulse“ am Ende der Ausführungen laden zu einer Weiterarbeit auf Grundlage seiner Ausführungen ein. Zugleich ist aber kritisch anzumerken, dass die biblische Fundierung innerhalb des Sammelbandes rein quantitativ gesehen – 19 Seiten Aufsatz bei einer Gesamtseitenzahl von weit über 600 – sehr marginal ist. Zu würdigen ist aber, dass Luz innerhalb seiner Ausführungen einen weiten Raum öffnet, in dem sich „Diakonie“ in biblischer Lesart zu verorten habe, ohne sich in Detailfragen der exegetischen bzw. diakoniewissenschaftlichen Forschung zu verlieren.
1.2.3 „Diakonische Konturen. Theologie im Kontext sozialer Arbeit“
Bei dem unter diesem Titel publizierten Sammelband handelt es sich um eine Veröffentlichung des Diakoniewissenschaftlichen Instituts an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg.1
1.2.3.1 Aufbau
Der Band weist eine Zweiteilung auf, die den Überlegungen zur „Theologie im Kontext sozialer Arbeit […] [d]iakonische Konturen im Neuen Testament“ voranstellt.1 Während der zweite Teil größtenteils Probevorlesungen darbietet, die an der Evangelischen Fachhochschule Reutlingen-Ludwigsburg im Jahr 2002 gehalten worden, bietet der erste Teil zwei Abschlussarbeiten aus dem Diakoniewissenschaftlichen Institut Heidelberg sowie Aufsätze zur Auseinandersetzung mit dem Begriff διακονία unter Rückgriff auf die Überlegungen von John N. Collins.2 Rein quantitativ ist anhand der Seitenzahl eine ungefähre Parität zwischen beiden Teilen festzuhalten.
Für die Frage nach der Bedeutung biblischer Texte in diakonischen bzw. diakoniewissenschaftlichen Kontexten ist der erste Teil relevant. Dabei ist voranzustellen, dass sich der Band besonders in Bezug auf die neutestamentlichen Ausführungen als Grundlage weiterführender Diskussionen und nicht als abschließende Zusammenfassung eines wissenschaftlichen Diskurses versteht. Ziel aller Ausführungen sei es, „die Diakonie mit Hilfe ihres theologischen Erbes neu zu profilieren, sei es durch exegetische Arbeit an diakonischen oder sozialen Schlüsseltexten des Neuen Testaments, sei es durch theologisch-ethische Reflexionen bestimmter Kontexte sozialen Handelns.“3
1.2.3.2 Inhalt






