Mit Amor auf der Walze oder „Meine Handwerksburschenzeit“ 1805–1810

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Meine Mutter kaufte dem alten Nachbarn Schütz sein Haus für 250 Taler ab; er reservierte sich aber die Parterrestube und den Laden auf Lebenszeit. In diesem Hause wohnte damals ein Chorschüler, Zwinkau, der gut Flöte blies. Ich bekam Lust dazu, kaufte mir solch ein Ding und nach drei Monaten blies ich wie ein Alter.
Oft war ich auch draußen in der Ufhover Pfarre. Mein Onkel galt viel in unserem Hause; und meine Mutter befragte ihn bei allerhand Vorfällen um Rat.
Wir schrieben nun 1804. Es war um die Zeit der Kirschenreife, als ein Bauer bei dem Weimar-Eisenachschen Dorfe Hitzelsroda lebendig verbrannt werden sollte, weil er fünfmal Feuer angelegt hatte. Der Tag der Verbrennung war festgesetzt und bekanntgemacht worden; von allen Seiten zogen viel tausend Menschen dahin. Auf einem großen Wagen, den der Fuhrmann Seiling in der Holzgasse bespannt hatte, saß des Morgens um zwei Uhr eine fidele Gesellschaft. Erinnerlich sind mir noch: Zwinkau, Bransener, Traubott, drei lustige achtzehnjährige Chorschüler, Minor, ich und meine Schwester, einige Freundinnen von ihr, auch ein Walter und Triembach. Wir fuhren über Graula.
Der Seiling hatte eine zwanzigjährige Tochter, Marth-Marie, die war groß und stark, aber ein bißchen dumm und sehr grob. Die Schüler hatten ihren Witz mit ihr; sie stand im Feststaat mit auf dem Wagen. Bransener ordnete eine Komödia an und verteilte die Rollen zum Donauweibchen. Sich selbst machte er zum Ritter Albrecht von Waldsee und sagte sehr höflich: „Liebe Jungfer Seilingen, Sie müssen aufpassen, Sie stellen Hulda, das Donauweibchen, vor.“ Das Donauweibchen schnitt aber ein falsch Gesicht dazu. Bransener belehrte weiter: „Wenn ich Sie gleich angeredet habe, so erwidern Sie: ‚nein, edler Ritter, heute nicht, kommen Sie morgen wieder!‘ “
So nahm also die Oper ihren Anfang, indes wir durch den Wald fuhren. Bransener faßte Posto vor seiner Hulda. „O Hulda, schöne Hulda, komm in meine Arme!“ – und er breitete die Arme weit aus. Aber Hulda sank nicht hinein, sondern schlug zu und gab ihm eine furchtbare Maulschelle.
„Dummkopf!“ sagte sie ganz trocken.
So hatte Bransener seinen Denkzettel vom Donauweibchen weg; seine Backe war feuerrot und angeschwollen. Zuerst wollte er heftig werden, sah aber bald ein, daß hier nichts zu machen war. Viele Jahre ist er mit diesem seltsamen Liebesabenteuer geneckt worden. Er kam später als Lehrer nach Kammerforst, wo er vor wenig Jahren gestorben ist.
Auf einem sehr großen Platze, vom Walde begrenzt, war der Scheiterhaufen kunstvoll aus Wellen [3–4 m lange Reisigbündel, mit denen die Backöfen geheizt wurden], Stroh und Scheitholz aufgerichtet. Unten liefen Gänge durch und eine breite Treppe führte hinauf. Die Zahl der Zuschauer, die hier zusammengeströmt waren, ist auf 40.000 – 50.000 geschätzt worden.
Unser Wagen hielt etwa 300 Schritte vor der Treppe; wir standen darauf. In vielen Dörfern wurden die Glocken geläutet; der Delinquent mußte wohl eine gute Stunde durch die bunte Menschenallee gehen, bis er zum Richtplatze kam.
Mehrere Pfarrherren begleiteten ihn bis an die Treppe, dann führten die Schinderknechte ihn hinauf. Oben drehte er sich herum; er war ein magerer, kreideblasser Mann von ungefähr 45 Jahren. Die Knechte schoben ihn zurück in eine Öffnung. Man sah, wie sie bald darauf Scheitholz nahmen und von oben in die Öffnung hineinstießen, die sie dann mit Strohschütten zudeckten. Alsdann stiegen sie hinunter, um anzuzünden. Es ward ein großes Feuer und der Rauch ging auf uns los. Da fuhren wir sachte fort, so gut, als es bei dem Gedränge möglich war. In einer Stunde kamen wir nach Eisenach, wo wir uns an Kirschkuchen labten und Schnaps dazu tranken.
Als wir auf dem Rückweg wieder am Richtplatz vorbeifuhren, war alles niedergebrannt, bis auf einen dicken, wohl zwanzig Fuß hohen Stamm, woran oben noch ein Haken saß, an welchem sie den Mann wahrscheinlich erhängt hatten. Man sagte, es sei in letzter Stunde noch die Begnadigung von Weimar gekommen, daß er nicht lebendig solle verbrannt werden.
Der Böhmen war damals der einzige Vergnügungsort bei Langensalza, aber immer so überfüllt, daß meist an Bier oder Gefäße gar nicht zu denken war. Viele nahmen sich deshalb das Nötige selbst mit hinaus, wenn sie auf den Böhmen wollten. – Der Rautenkranz war der eigentliche Volksgarten der Stadt. Da sah man ganze Familien auf dem Rasen sitzen und sich dort vergnügen, wenn die Lauben schon voll waren. Drei Kegelbahnen waren im Gang und immer besetzt und vorn in einer großen Stube stand ein Billard, worauf ich gelernt habe. Es wurde fast nur en quatre à la poule gespielt, ging lustig zu dabei und viel Spaß wurde getrieben. Einmal hatte ich im Billardspiel einen Hasen gewonnen, wählte von zweien, die an der Wand hingen, den schwersten, fand aber zu Hause, da er abgezogen wurde, einen tüchtigen Stein darin.
Das Kunststückemachen war damals sehr beliebt. Ich verstand, ein Geldstück verschwinden zu lassen und auf Verlangen der Zuschauer mußte es sich an einem Ort, den sie bezeichneten, wiederfinden. Diese Kunst hat mich später in den Wanderjahren in den Verdacht gebracht, ein Verbündeter von dem mit dem Pferdefuß zu sein.
Ein anderes Stückchen, das uns manchmal ein Dutzend Bouteillen Bier, auch einmal Wein einbrachte, war dies: wir suchten uns unseren Mann aus und wetteten mit ihm, daß wir ihn in einen Kreis von wenigen Fuß Durchmesser bannen wollten, so daß er nicht von der Stelle könnte, solange er den linken Daumen an die Nase halte. Darauf zogen wir mit Kreide einen Kreis um den Pfeiler, der in der Mitte der Saales stand, führten unser Opfer hinein und legten seinen linken Arm um den Pfeiler und den linken Daumen an seine Nase. Er war richtig gebannt, solange der Daumen an der Nase lag und hatte die Wette verloren. Mittrinken durfte er aber, soviel er wollte und konnte.
So ging die Zeit hin und das Jahr 1805 war da. Da ich gern tanzte, so konnte es nicht fehlen, daß ich die Bekanntschaft junger Mädchen machte und weil ein junger unbefangener, noch nicht spekulierender Mensch sich am liebsten zu denen hält, die ihm gefallen, erging es mir auch so. Aber meiner Mutter gefiel es nicht, als sie hörte, wo ich mich verfangen; sie meinte, das sei keine vorteilhafte Partie für mich zum Heiraten. Ich lachte aus vollem Halse dazu. Sie glaubte mir auch wohl, daß ich an dergleichen nicht denke, war aber der Meinung, dann müsse man sich auch nicht immer um eine und dieselbe halten oder gar ins Haus zu den Eltern gehen, wie sie von mir gehört habe – und so gab es manchmal kleinen Krieg wegen dieser Angelegenheit.
Ich hatte aus einem der vielen Bücher, die ich schon gelesen, den Grundsatz aufgegriffen, man müsse selbst aus den Übeln und Unannehmlichkeiten des Lebens noch Nutzen ziehen, indem man suche, ihnen die vorteilhafteste Seite abzugewinnen. Es lag nicht fern – und ich kam bald auf den Gedanken – daß meine Mutter, da sie mich von den Mädchen abziehen wollte, mir um so leichter die Erlaubnis zum Wandern geben würde.
Die Osterfeiertage, deren damals (so wie bei Pfingsten und Weihnachten) noch drei gefeiert wurden, brachten wieder Bälle und Gelegenheitstänze. Unser Obergeselle Minor (der auch mit in den Bürgergesellschaften war) und meine älteste Schwester sahen wohl, wie ich es trieb und so gab es wieder Vorwürfe von der Mutter. Nun trug ich wieder darauf an, mich in die Fremde ziehen zu lassen und endlich schickte mich meine Mutter zu ihrem Bruder, dem Pastor Scholl in Ufhoven. „Gehe hin und sieh zu, wenn’s der zufrieden ist, dann sollst du fortgehen.“
„Nein, das geht nicht, Christel“, sagte mein Onkel, „wenn Minor fortginge, wäre deine Mutter geschlagen.“ – „Aber Minor geht nicht fort“, drängte ich. „Nun, ich will hineinkommen und mit deiner Mutter und Musje Minor sprechen. Wenn er mir mit Handschlag angelobt, daß er deine Mutter nicht verlassen will, es sei denn, daß wir dich erst zurück hätten, so magst du hinlaufen.“
Nun wußte ich genug. Ich jubelte und sang bis nach Hause, sprach auch noch bei Vetter Scholl vor, dem wohlhabenden Böttchermeister und Holzhändler bei der Marktkirche, in dem Hause, welches jetzo die Frau Markraf besitzt. Er war mir gut und in seiner Jugend auch, wie er sich ausdrückte, ins Reich gewandert. Zur Konferenz fand er sich auch mit ein; Minor gelobte mit Handschlag, was mein Onkel begehrt hatte und nun ging’s ans Ausrüsten.
Der erste Reiseplan war schon lange bei mir fertig. Die Frau Amtmännin Bär war der glänzende Magnet, der mich anzog. „Vetterchen“, hatte sie oft gesagt, indem sie mich fest bei der Hand hielt, „Vetterchen, Sie sind mein einziger Namens- und Blutsverwandter, auf den ich meine Hoffnung setze. Wir wollen an unserer Bechstedtfreundschaft treu festhalten und Ihre erste Ausflucht aus Langensalza muß zu mir gehen.“ Dabei sah sie mich mit ihren schwarzen glänzenden Augen so freundlich an, daß ich das Zittern bekam. Damals war sie 25 Jahre alt, schlank, mittlerer Größe, sehr lebhaft und trug schöne Kleider. Sie glich meines Vaters Schwester, der Frau Köhler in der Treischmühle, die in ihrer Jugend die schöne Kathrin geheißen hat.
Der Tag meiner Abreise war bestimmt. Ich hatte ein verschließbares Reisebündel von schönem Kalbleder, das fertig gepackt 29 Pfund wog. Das schien mir, da ich auszog, nicht schwer, später empfand ich es jedoch manchmal anders.
Erster Teil
meiner Wanderjahre und Liebesverirrungen
Abschied – Großsömmern –
Sondershausen – Heringen – Stolberg – Güntersberge –
Das Lenchen – Quedlinburg –

Den Montag vor Pfingsten 1805, vormittags neun Uhr, zog eine kleine Karawane zum Mühlhäusertore hinaus – zehn bis zwölf Kameraden, von denen einer um den anderen mein Bündel trug. Mein Bruder Heinrich, meine zwei jüngsten Schwestern und Andreas Köhler aus der Treischmühle waren dabei, sogar mein Vetter Scholl ging mit, trotz seiner fünfzig Jahre.
Meine Mutter hatte mich endlich losgelassen und wir waren vor dem Tore rechts herumgegangen. Meine älteste Schwester war mit Minor und zwei Gesellen auf den Oberboden gestiegen und von da riefen sie mir ihr Adieu auf den Weg herunter. In Merxleben wurde Halt gemacht, Bier getrunken und gesungen. Nach einer halben Stunde rollte ein Militärwagen von Langensalza heran mit Soldaten, die nach Weißensee bestimmt waren. Sie tranken gerne einmal mit, doch als sie weiterfuhren, ließ auch ich mich nicht mehr halten, bestieg den Wagen und setzte mich zwischen die alten Clemenser, die mich kannten. „Adieu, adieu“, ging’s nüber und rüber; die Hüte wurden geschwenkt und fort fuhr ich in die Fremde.
In Gangloffsömmern stieg ich ab und besuchte den Pachter Fischer, von dem wir oft Weizen gekauft hatten. Er nahm mich freundlich auf; nachdem ich mich zum Essen und Trinken ein bißchen hatte nötigen lassen, langte ich zu. Fischer gab mir derweil allerhand gute Lehren: „Es tut nicht gut, daß Sie so allein gehen, Mosje Bechstedt –“ und er erzählte, vor kurzem habe man im Walde, eine halbe Stunde vor Sondershausen, einen einsamen Wanderer bestohlen und halbtot geschlagen.
Ich dankte schön für alles, nahm Abschied und marschierte nach Greußen, wo ich den Weg nach Sondershausen erfragte – Chausseen gab es damals noch nicht. Es fing an zu regnen. Trotz des Schmutzes wollte ich weiter, mußte aber schließlich doch in einem Dörfchen – Holzengel, Kirchengel oder Hausengel – bleiben. Das kleine Nest hatte keinen Gasthof: die sogenannte Schenke wurde von einem Ehepaar in den vierziger Jahren geführt. Die armen Leute kannten das Wort „logieren“ gar nicht: ich war der erste Fremde, der bei ihnen übernachten wollte. Sie lachten mich immerzu an, setzten mir einen Krug dickes gelbes Bier vor und gingen fort an ihre Arbeit.
Ich seufzte und sah zum Fenster hinaus. Es war inzwischen wieder hell geworden – sollte ich weitergehen? Aber sicher hätte mich noch vor Sondershausen die Nacht im Walde überrascht. Die Erzählung des Pächters in Gangloffsömmern war mir doch in die Glieder gefahren; das Bestehlen und Totschlagen gefiel mir gar nicht recht – ich blieb.
Nun fing ich an, die Stube zu mustern – siehe da! hinterm Ofen an der Wand hing eine Zither. Schnell rückte ich einen Schemel hin und holte sie herab. Sie war gestimmt und glich ganz der meinigen zu Hause. Ich begann zu klimpern und zu singen und kam bald in mein Leibstückchen:
„Dameton war schon lange Zeit
Der schönen Phillis nachgegangen,
Doch konnte seine Zärtlichkeit
Nicht einen Kuß von ihr erlangen“ usw.
Frau und Mann lugten zur Tür herein und lachten und als mein Lied aus war, standen wohl zwanzig Menschen, klein und groß, unter meinen Fenstern und ich mußte noch eins singen und spielen. Es ergab sich hernach, daß die Zither dem sechzehnjährigen Sohne gehörte, der jetzo Knecht beim Pfarrer war.
Ich dachte: Hier wirst du nicht bestohlen und geschlagen und schlief die ganze Nacht wie ein Prinz in einem reinen Bett mit schwerer Decke, die ich wegschob.
Am anderen Morgen fand ich meine Gastwirte hinter dem Hause in einem Grabgarten, wo sie Kartoffeln häufelten. Sie meinten, es wäre ein schöner Besuch gewesen und ich hatte meine Not, bis sie ihre Forderung machten. Die war aber so gering, daß ich dem Entgelt noch ein Sechserbrot und eine halbe Knackwurst aus meinem Felleisen hinzufügte. Der Mann geleitete mich noch eine Viertelstunde Weges und trug mein Bündel.
Gegen zehn Uhr kam ich in Sondershausen an. Ich führte ein altes Gebet- und Reisebüchlein mit mir und da es auch mein Vater dereinst auf seiner Wanderschaft benutzt hatte, so besaß es einen gar großen Wert für mich. Die Reisemorgen- und abendsegen und die Andachten waren eigens für junge Handwerksburschen geschrieben und gefielen mir; man wird unwillkürlich frömmer, wenn man so allein geht. Trotzdem war es nicht Furcht vor Reisegefahren, wenn ich jetzt oft in dem Büchlein las. Ich besaß Courage genug; doch setzte ich ein gewisses ehrfürchtiges Zutrauen in das Buch, weil es alt und von meinem Vater war.
In Sondershausen reizte mich die Neuheit meiner Lage dazu, eine Dummheit zu machen. Es kam mir so sonderbar und interessant vor, daß ich auf einmal ein reisender Bäckerbursche war, wie ich deren so viele hatte in unser Haus kommen sehen, um zuzusprechen und das Geschenk zu holen. Ich ging also zum Obermeister und ließ mir das Zeichen zum Zusprechen geben. Dabei bedachte ich nicht, daß ich hier ja nicht in Arbeit gehen wollte, also auch ums Geschenk nicht zusprechen dürfe.
Als ich in das erste Bäckerhaus eintrat, machte ich ein tüchtig Gesicht, so ernsthaft, als ich’s nur herausbringen konnte und sagte dreist: „Ein reisender Bäckergeselle spricht dem Meister zu wegen des Handwerks und bittet ums Geschenk.“ Ich bekam zwei Semmeln und ging weiter; das Ding machte mir Spaß. Als ich aber zum dritten oder vierten kam, war der Meister selber da und fragte mich: „Hast du auch Lust zum Arbeiten?“
Wie konnte ich da nein sagen? – „Ja!“ – „Wo bist du her?“ – „Aus Langensalza“, antwortete ich kleinlaut. „So, da bist du nicht weit her.“ Diese Rede verdroß mich einigermaßen. Der Meister verlangte nun, daß ich zur Herberge gehen und meine Sachen holen sollte, um die Arbeit bei ihm anzutreten. Ich antwortete zwar: „Gut, Herr Meister“, aber im Inneren sah es bei mir nicht gut aus. So bedrückt war ich, daß ich kaum Atem holen konnte. Ich suchte den Obermeister wieder auf, gab mein Zeichen ab, erhielt meine Kundschaft (das war damals der Reisepaß), zahlte meine kleine Zeche, hockte mein Bündel auf und – marschierte zum nächsten Tor hinaus.
Erst weit draußen wagte ich zu fragen, wo der Weg nach Heringen hinginge. Ich mußte nun fast um die halbe Stadt herum, um auf den rechten Weg zu kommen, machte dann Beine und stiefelte eine Stunde lang recht darauf los. Hernach legte ich mich im Schatten nieder, um über mein Schicksal nachzudenken.
,Da!‘, dachte ich, ,nun hast du schon einen Betrug gemacht und bist kaum von zu Hause weg.‘ Ich holte mein Büchlein heraus, ob da nicht ein Gebet stände für diese Sünde, fand aber keines. ,Nun, er wird ja wohl einen anderen Gesellen kriegen‘, beschwichtigte ich mein Gewissen und blätterte weiter, bis ich zu den Marschrouten kam.
Also: Nordhausen, Stolberg, Güntersbergen, Quedlinburg, Egeln, Magdeburg waren zu erobern. Mein Mut stieg wieder hoch auf; ich sprang in die Höhe und marschierte weiter. Abends in Heringen ließ ich mir Brot geben, Wurst hatte ich selber, trank Bier und schlief wie das gute Gewissen. Am anderen Morgen ging ich zu keinem Bäcker, sondern machte mich gleich auf den Weg. ,Was sollst du eigentlich in Nordhausen machen?’ dachte ich und fragte einen Mann, ob ich nicht geradezu auf Stolberg gehen könne. Er meinte, der gerade Weg nach Stolberg sei zwar im Sommer sehr angenehm, aber ein Fremder könnte sich doch leicht da verirren. Nachdem ich wieder eine halbe Stunde gewandert war, traf ich auf einen alten Bauern. Der sagte, mit dem Verirren wäre es gar nicht so schlimm. Wenn ich wollte, so könne ich hier gleich mit ihm rechts abgehen auf einem Fußsteige, der nach seinem Dorfe führe – und wer mitging, das war ich.
Als ich den Bauern mit seinem Dorfe wieder eine Stunde im Rücken hatte, fing mir das Ding doch an wunderlich zu werden. Keine Seele hatte ich angetroffen und vor lauter Bäumen sah ich keinen Wald mehr. Der Weg war alle geworden, wie man zu sagen pflegt, bald links, bald rechts mußte ich durchs Gebüsch kriechen, das Felleisen drückte schwer; ich ließ mich nieder, um auszuruhn.
,Hier hilft kein Beten‘, dachte ich. ,Doch halt!, dein Weg geht nach Norden, folglich mußt du, da es noch Vormittag ist, die Sonne immer etwas rechts hinter dir haben‘ – und so richtete ich denn auch meinen Marsch ein. Als ich mich eine gute Stunde fortgearbeitet hatte, was mir vermöge meines schweren Bündels sehr sauer wurde, kam ich aus dem Walde heraus und stand nach tausend Schritten vor einem steilen Abhang.
Vor mir lag ein Tal, rundherum von Bergen umgeben, mitten darin ein Dorf, woran sich Ziegelbrennereien anschlossen. Unten floß ein Wasser ganz nahe am Berge weg, das etwa halb so groß wie die Unstrut war. Eine Brücke über dies Wasser war nicht zu entdecken, auch wußte ich nicht hinabzukommen; der Hang war zu steil und felsig. Da bemerkte ich, daß weiter links das Wasser nicht so nahe an den Berg trat und dort arbeitete ich mich hin. Als ich genau untersucht hatte, daß man hier zur Not rückwärts hinunterklettern und rutschen konnte, legte ich mein Felleisen nieder, gab ihm einen Schub und, heidi! kollerte es den ganzen Berg hinab und blieb im Grase liegen.
Nun trat ich die Rutschpartie auf allen vieren rückwärts an und kam glücklich mit etwas blutigen Händen zu meinem Bündel. Ich hockte auf und marschierte links fort, mußte aber einigemal gefährlich klettern, weil der Fluß sich dicht an den Berg drängte. Nach einer halben Stunde entdeckte ich eine Fahrbrücke über den Fluß und einen Weg links vom Berge herab, auf welchem ich wahrscheinlich hätte kommen sollen.
Nachdem ich mich in der Schenke des Dorfes erholt und nach der weiteren Marschroute erkundigt hatte, kam ich zu Mittag nach Stolberg, fragte nicht nach der Bäckerherberge, sondern ließ mir im Gasthofe was Gutes zu essen geben und ging den Tag noch bis Güntersbergen in mein drittes Nachtquartier.
Andern Morgens, nach einem langen und guten Schlaf, fragte ich den Wirt nach dem nächsten Weg nach Quedlinburg. Der wäre für Fremde schwer zu finden, erklärte der Wirt und wunderte sich, daß ich als Handwerksbursche in Güntersbergen sei, statt daß ich von Stolberg aus die Hauptstraße über Harzgerode und Ballenstedt eingeschlagen hätte. Nun, nach den nächsten zwei Dörfern könnte ich zur Not noch hinfinden, aber hernach – hernach würde ich mich ganz gewiß verlaufen, wenn ich allein bliebe.
Nach zwei Stunden war ich im zweiten Dorfe angelangt, hatte unterwegs schon mein Gebetbüchlein in Gebrauch genommen und war recht fromm und ein bißchen ängstlich gestimmt. Ich ließ mir Bier geben und legte den Kopf auf den Tisch. Das Wasser stieg mir in die Augen; ich dachte an meine Mutter und fing still zu beten an: ,Ach, du lieber Gott, schick doch nur einige Menschen her, die auch nach Quedlinburg wollen‘ – darüber schlief ich ein. Im Traum sah ich einen alten Einsiedler, der sagte zu mir: ,Wenn du fleißig in deinem Gebetbuch liest und ein guter Mensch bist, so sollst du dich nicht verirren und kein Spitzbube soll dir etwas anhaben.‘ Ich nahm mir auch im Traum vor, das so zu halten, wurde aber durch heftiges Zuschlagen von Türen und lautes Sprechen unsanft aufgerissen. Ich rieb mir die Augen und sah drei Leute; einen Bauersmann, eine Bauersfrau und ein junges Mädchen, das städtisch gekleidet war, doch ein schönes weißes Tragkörbchen auf dem Rücken trug, das sie eben absetzte. Der Bauer war ein gewöhnlicher Mann von mittlerer Statur und mittleren Jahren, in dem Gesicht der Frau stand nichts geschriehen; das Mädchen sah hübsch, aber ein wenig einfältig oder vielleicht auch unerfahren und unschuldig aus. Und weil ich mir eben im Traum vorgenommen hatte, recht brav zu bleiben, sah ich das Mädchen lange an; sie schien in meinem Alter, wo nicht jünger zu sein. Als unsere Blicke zusammentrafen, guckten wir beide schnell wo anders hin.
Da ich hörte, daß Mann und Frau plattdeutsch miteinander sprachen, stellte ich einige Fragen. Der Mann hielt nicht zurück und bald erfuhr ich, daß das Ehepaar aus seinem Dorfe bei Quedlinburg vor drei oder vier Tagen nach Nordhausen gegangen war, um alte Bekannte zu besuchen. Deren Nachbar nun, ein Böttchermeister, hatte eine Schwägerin in Quedlinburg, die schon vor langem gebeten, man möge ihr doch das Lenchen hinschicken; sie solle es gut haben und auch das Nähen und Sticken bei ihr erlernen.
Ich spähte zu Lenchen hin, denn sie mußte das doch wohl sein, aber Lenchen guckte schnell auf den Erdboden.
Der Böttchermeister, so erzählte der Bauer weiter, hatte ihn nun gebeten, die Lene mit nach Quedlinburg zu nehmen oder seine, des Bauern Frau, über ihr Dorf hinaus wenigstens noch ein Stückchen mitgehen zu lassen, bis Lene von weitem die Stadt sehen könne.
,Oh, du lieber Gott‘, dachte ich, ,hast du schon mein Gebet erhört!‘ Es wurde mir ganz frömmlich zumut. Ich schnürte mein Felleisen auf, holte ein ordentliches Stück Cervelatwurst heraus, schnitt es in vier Stücke und bot dem Bauern, der Frau und Lenchen an. Das Lenchen wollte erst nicht recht. Da sagte die Frau: „Ach, Lenchen, nehm ses doch“ – und Lenchen nahm’s.
Nun ließ ich noch zwei Krüge Bier kommen und zwei Schnäpschen und jetzt fing auch der Bauer an, auszufragen. Ich erzählte grundehrlich die letzten sechs bis acht Tage meiner Lebensgeschichte, besonders auch den Abschied von Mutter und Geschwistern vor vier Tagen. Lenchen rückte etwas näher, sie schien eine Angst zu verlieren, ja sie lächelte sogar ein bißchen. Nun gab ich zu erkennen, daß ich auch nach Quedlinburg wolle und mich sehr freuen würde, Gesellschaft zu finden, da ich mich gestern schon im Walde verirrt hätte. Lenchen fand Ähnlichkeit zwischen ihrem und meinem Schicksal und gab dies unbefangen zu verstehen.
Kurz, wir brachen auf und ich bezahlte die ganze Zeche, die sich auf ein paar Groschen belief. Wir waren kaum tausend Schritt gegangen, da steckte der Bauer sein Ränzchen in den Korb seiner Frau und bat sich mein Bündel aus, das er nicht eher wieder vom Buckel heruntergab, bis wir schieden. Ob ich nun gleich das größte Zutrauen zu dem Manne hatte, so war mir doch, als sei es meine Schuldigkeit, mein Bündel im Auge zu behalten und so hielt ich mich hübsch zu ihm. Ich bezahlte noch ein paarmal Bier und Lenchen gab Kuchen zum besten, den sie im Korbe hatte. Es war ein schöner Tag; ich ging so frei ohne mein Felleisen. Gegen vier Uhr fing es an, schwül zu werden und in der Ferne zu blitzen.
Der Bauer sagte: „Es sind kaum noch zwei Stunden bis Quedlinburg; ich und meine Frau werden nun bald links abgehen, denn da Sie auch nach Quedlinburg wollen, braucht meine Frau die Lene nicht länger zu begleiten. Der Weg ist nicht mehr zu verfehlen.“
Nicht lange und es wurde haltgemacht; der Bauer legte mein Felleisen ab und die Frau nahm Abschied von Lenchen, die ihr gute Worte gab, sie möge doch noch ein Fleckchen mitkommen.



