Mit Amor auf der Walze oder „Meine Handwerksburschenzeit“ 1805–1810

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„Wozu?“ meinte der Bauer. „Noch ein Halbstündchen schnurgeraden Wegs durch den Wald und ihr kommt zur „Neuen Schenke“. Von da hat man die Stadt immer vor Augen. Der Mosje Langensalzer wird die Lene schon in Schutz nehmen, daß ihr nichts Übles begegnet. Ha, ha, ha, ha!“ lachte der Kunde noch recht.
Lenchen bemerkte kleinlaut: „Der fürchtet sich ja selbst.“ Aber dagegen hatte ich viel einzuwenden und tat sehr dick mit meiner Courage. Ich nötigte dem Bauern noch ein Stückchen Wurst auf; wir nahmen Abschied mit Händedruck – und dort gingen sie hin und überließen zwei junge Anfänger in der Welt ihrem Schicksal. Sie glaubten, daß die Lene, ihre Anbefohlene, in zwei Stündchen bei ihrer Tante sein werde, aber es sollte anders kommen.
Fast war ich willens, hier beim Schreiben meines Berichts eine Lücke zu lassen oder moralische Schwätzereien anzubringen – doch weg damit! Ich will treu und ehrlich erzählen, wie sich alles der Wahrheit gemäß zugetragen hat.
Wir, Lenchen und ich, gingen zusammen weiter und Lenchen meinte: „Sie müssen heute abend mit bei meiner Tante essen. Das ist eine gar gute Frau; mein Vater nennt sie nur die Fromme. Vielleicht nehmen Sie auch Arbeit in Quedlinburg?“
Ich erklärte ihr nun, daß ich zu Verwandten in Neuhaldensleben wolle, morgen nach Egeln und übermorgen nach Magdeburg marschiere, von dort seien es dann noch sechs Wegstunden bis Neuhaldensleben.
„Ach, so weit noch“, rief das gute Lenchen, „und wissen keinen Weg. Da werden Sie sich wohl wieder verirren.“
„Nein, Lenchen, nun werden die Wege besser und es kommen auch mehr Leute, die man fragen kann.“
„Ja, wer sagt Ihnen denn das? Sie sind – “ Herr Gott! jetzt kam ein so furchtbarer Blitz und Donnerschlag, daß Lenchen umfiel; sie raffte sich jedoch schnell wieder auf. Wahrscheinlich hatte es in der Nähe eingeschlagen; meine Augen waren wie geblendet von dem gewaltigen Blitz. Nun hielten wir uns aber dazu und gelangten, nur wenig vom Regen durchnäßt, in die Neue Schenke. Es war am Donnerstag vor Pfingsten und ging auf sieben Uhr. Lange Zeit zum Verweilen blieb uns nicht, das bißchen Regen durfte uns nicht abhalten.
Aber noch keine dreihundert Schritt waren wir gegangen, als ein schrecklicher Blitz und Donner, dem sogleich starker Regenguß folgte, uns in die Schenke zurücktrieb. Es regnete eine Stunde so fort und die Leute sagten uns, das Flüßchen zwischen hier und der Stadt sei so angeschwollen, daß es heute nicht passiert werden könnte. Es wurde Nacht; ich bestellte Abendbrot. Wir bekamen Suppe und ausgeschlagene Eier; ich langte tüchtig zu, denn ich war hungrig, trank viel Bier und rauchte sogar ein Pfeifchen. Dann und wann versuchte ich, mit Lenchen zu sprechen, aber sie machte ein schauerlich ängstliches, fast einfältiges Gesichtchen. So ging der Abend hin und eh wir’s uns versahen, trat eine Frau mit einem Licht in der Hand zu uns und sagte: „Na, wellts net ok slapen gahn? is all lang zehne durch!“
Ich griff nach meinem Bündel, Lenchen nach ihrem Korbe und wir trotteten wie die Lämmer hinter der Frau her. Nachdem wir ein paar Treppen und einen Gang passiert hatten, machte sie eine Türe auf, zeigte uns die Kammer, stellte das Licht auf den Tisch und sagte: „Na! schlaps wol un bust man det Licht hebsch ut!“ – Ging hin und schmiß die Türe zu.
Herr Gott im Himmel! in der Kammer stand nur ein einziges breites Bette. Mir wurde ganz blümerand [kauderwelsch für bleu-mourant, schwummerig] vor den Augen; ich schielte nach Lenchen, aber die kehrte mir den Rücken zu. Ich legte also mein Bündel ab, hing meinen Hut an die Wand und war im Begriff, meine Stiefel auszuziehen, als Lenchen eine heftige Bewegung machte. Sie hatte die Bettdecke ganz zurückgeschlagen und lag schon mit Sack und Pack, die Schuhe kaum ausgenommen, hinten im Bette, dicht an der Wand; ihr Gesicht konnte ich nicht sehen. Was ich gedacht habe, weiß ich nicht mehr, aber was ich gesagt habe, weiß ich noch – nämlich gar nichts. Ich zog meinen Rock aus, löschte das Licht, legte mich neben Lenchen ins Bette und deckte mich mit meinem Rock zu. Nachdem ich eine Weile meinen Gedanken nachgehangen hatte, war mir’s doch, als müßte ich mich aufrichten und sagen: „Gute Nacht, Lenchen, schlafen Sie wohl,“ und ihr einen Kuß geben.
Als ich Anstalt dazu machte, fing sie ängstlich zu stöhnen an: „Ach, ach, ach, du lieber Gott, ach, du lieber Gott!“ Ich brachte nur einen leisen Kuß auf ihrer Wange an, legte mich wieder auf meinen Platz und zog meinen Rock über mich her. Ich mag wohl noch allerhand Gedanken gehabt haben, aber soviel weiß ich noch ganz gewiß, daß mir war, als wenn meine Schwester neben mir läge. Und so bin ich eingeschlafen, wie man immer einschläft, ohne zu wissen, wie und wann.
Mag sein, daß der lange Marsch in der Luft und das viele Biertrinken und Rauchen oder auch das lange Wachsein schuld gewesen sind, kurz: ich schlief einen langen, festen, traumlosen Schlaf. Doch wachte ich mit vollem Bewußtsein meiner kritisch-interessanten Lage auf und griff nach Lenchen, aber die stand schon am Fenster und ließ sich von der Sonne bescheinen.
Nein, so hatte ich sie noch nicht gesehen! Sie kam mit einem freundlich lieben Gesicht auf mich zu, faßte mich bei der Hand und sagte: „Allons, Mosjö Langensalzer, es ist wunderschönes Wetter, nun wollen wir aber auch gleich fortgehn.“
Ich sprang heraus. „Aber nun, Lenchen, kriege ich auch einen schönen Gutenmorgenkuß!“ Und sie hielt still wie ein Lämmchen und drückte leise wieder, so eine Freude hatte das Kind über Gottes liebe Sonne und das helle Wetter. Sie wehrte mir, als ich hinuntergehn und Kaffee bestellen wollte, schüttelte ihren Geldbeutel auf den Tisch und sagte, sie wolle die Zeche bezahlen.
„Halt!“ kommandierte ich, eilte hinunter, ließ mir ein Schnäpschen geben und fragte, was ich und die Kleine zusammen schuldig wären.
„Heft jy jur got vertragen te hope in Bette?“ fragte die Frau.
„Na, Schwester und Bruder werden sich doch wohl vertragen“, antwortete ich. „Gelt, det heft ick ok denkt.“
Als ich wieder nach oben kam, hatte Lenchen schon ihren Korb auf dem Rücken und meinen Stock in der Hand. Sie half mir, mein Felleisen richtig aufzunehmen und nun ging’s treppab zur Tür hinaus ohne Umsehn fort nach Quedlinburg.
Das Gespräch drehte sich unterwegs größtenteils um die Tante, die Lenchens Frau Pate und seit sechs Jahren Witwe war. „Nun, Sie werden sie ja bald sehn, Musje Langensalzer“, meinte Lenchen. „Musje Langensalzer?“ wiederholte ich, „ei, da muß ich Sie wohl mit „Jungfer Nordhäuserin“ anreden? Wenn ich weiter „Lenchen“ sagen soll, dann müssen auch Sie mich beim Namen nennen. Ich heiße Christel.“
Sie wollte sich fast ausschütten vor Lachen; das sei ja ein Mädchenname. Da gab ich ihr meine Kundschaft; sie machte sie begierig auf, blieb stehen und las laut vor, daß ich meine Freude daran hatte: „Christian Wilhelm Bechstedt, – ach!“ Sie guckte mir frei in die Augen und das waren nicht die einfältigen Augen von gestern Abend, nein, ein paar schöne, kluge Augen. „Christian Wilhelm Bechstedt – das klingt gut, aber wo steht denn Christel?“
Ich setzte ihr auseinander, daß es Mode bei uns wäre, einen, der Christian hieße, Christel zu rufen. Aber ihr deuchte der Name Wilhelm viel schöner und sie gab mir den Rat, mich später zu Hause so nennen zu lassen. „Gut, Lenchen“, stimmte ich bei, „Sie sollen mich umtaufen, doch dann muß auch eine Taufhandlung geschehen.“ Sie merkte, worauf ich hinaus wollte, faltete den Paß zusammen und sagte: „Nun sind wir bald in Quedlinburg.“ Das half ihr aber nichts; ich bestand auf der Taufe und sie wurde unter den Pappelbäumen der Landstraße mit einem langen Kuß vollzogen.
Sonderbar! wir wurden beide stumm davon und gingen eine ganze Weile schweigend nebeneinander hin. Lenchen hatte noch etwas auf dem Herzen, was nicht recht heraus wollte. „Ach, hören Sie“, setzte sie mehrmals an, schwieg aber immer wieder still. „Na, was ist es denn, Lenchen?“ – „Ach, Musje Langen...“ – „Halt, wie heiße ich?“ – „Ach, Musje Wilhelm ...“ – „Nichts da mit Musje, sondern Wilhelm geradeweg, so haben Sie mich getauft.“ – „Ach, das ist’s ja eben, was ich sagen wollte. Wenn wir zu meiner Tante kommen, dürfen wir doch nicht so bekannt miteinander sein. Ach, du lieber Gott, fangen Sie da nur nicht an von ... von ...“ – „Nu, wovon denn, Lenchen?“ – „Ach, von der Neuen Schenke...“
„Liebes Lenchen, so dumm werde ich doch nicht sein. Aber wenn Sie so große Angst haben, dann lassen Sie uns lieber hier Abschied nehmen.“ Das aber wollte das gute Kind unter keinen Umständen. Wir verabredeten also, daß wir uns erst heute früh in der Neuen Schenke getroffen hätten und wenige Minuten sonach saß ich bei der Frau Tante in der Stube, trank Kaffee und ditschte [tunkte, stippte] Zwieback dazu.
Lenchen erzählte von dem Unwetter und ihrer Flucht in die Neue Schenke, wo die Frau Wirtin sie mit in die Kammer und in ihr Bette genommen hätte. Am Morgen wäre sie hinter diesem Musje Handwerksburschen hergekommen und hätte sich neben ihm gehalten, weil sie sich allein fürchte. – Die Frau Tante wollte mir noch mehr Kaffee einschenken, doch mir war die Kehle wie zugeschnürt. Ich schöpfte mir ein Herz, nahm mein Bündel auf, sprach ein paar Worte von meinem weiten Weg und nahm Abschied. Die Tante steckte mir noch Kuchen in die Tasche; Lenchen konnte nicht sprechen. Sie gab mir nur die Hand – ihre Augen standen voll Wasser; sie muckste [schluchzen] und ging schnell in die Nebenstube.
Mir ging’s nicht besser; ich habe gemuckst bis zum andern Stadttor hinaus und war mir, als müßte ich wieder hinein und sehen, ob ich nicht diesen Abend das Lenchen noch einmal erwischen könnte.
Egeln – Magdeburg –
Neuhaldensleben – Auf dem Dözel –
Die Frau Muhme und die Frau Meistern –

Die sehnsüchtigen Gedanken an Lenchen, die mich den ganzen Tag begleiteten, konnten mich nicht abhalten, immer drauflos zu marschieren. Abends, als ich in Egeln mit Fuhrleuten auf der Streu lag, schlief ich erst spät ein und träumte von dem lieben Kinde.
Am anderen Morgen machte ich mich frischgemut nach Magdeburg auf. Nachmittags um vier Uhr stand ich vor der Sudenburg. Die Gedanken an die Herberge, an die Brüderschaft, an das Aufwandern mit dem Hand-werksspruch, das damals noch gebräuchlich war und das Gefühl, zum erstenmal in eine große Stadt zu kommen, hatten Lenchen doch schon ein wenig in den Hintergrund gedrängt.
Ich fragte mich zur Herberge durch: „Mit Gunst, wo ist der frommen Brüder Feierstube?“ – Die Tür zum Tempel war mit Brezeln und Löwen bemalt. Dreimal klopfte ich an, doch niemand rief: „Herein!“ Da drückte ich auf und machte, ohne mich umzudrehen, hinter mir die Tür zu; denn jedes Versehen kostet drei Gutegroschen Strafe. Die Stube schien leer, doch hinter dem Ofen konnte trotzdem einer stecken, drum fing ich meinen Spruch an: „Mit Gunst, Ihr Brüder, ich grüße Euch von dem Altgesellen aus Erfurt, wegen der Brüderschaft. Mit Gunst leg’ ich mein Bündel ab.“
Und richtig! hinterm Ofen kam ein alter, wohl fünfzigjähriger Stromer hervor, reichte mir die Hand und sagte: „Willkommen, frommer Bruder aus Erfurt! He, he! Du bist noch infam jung, hast aber deine Sache gut gemacht. Hast du schon mal Brüderschaft geboten?“
„Ja, in Erfurt“ – „Wer ist das Altgeselle?“ – „Hesse aus Langensalza!“ – „Richtig, das trifft. Na, mach dichs bequem und setz dir nieder. Siehst du, Brüderchen, solche Bürschchen wie du bist, die mußten sonst Strafgelder bezahlen, sie mochten’s machen, wie sie wollten; aber das tue ich nicht. Junge Bursche, die was haben, geben ein doch manchmal was.“
„Guter Bruder!“, sagte ich, „du kannst mir auch wohl einmal Bescheid sagen; hier hast du was für dein wohlwollendes Herz“ und gab ihm ein Achtgroschenstück. Er schnappte nach Atem.
„Du bist ein herrlicher Junge! Wenn ich sage ,Junge‘, so ist das gut gemeint, verstehst du mir. Du bist ein echter Geselle und hast Manier gelernt in der Welt. Ich will dich Bescheid sagen in allen Dingen; auf mir kannst du dir verlassen. Keiner von den anderen soll dich ein Haar krümmen!“
In der Tat, ich hatte es gut getroffen mit diesem Alten, der kein schlechter Mann und eine Art von Autorität in der Herberge war. Es kamen wohl noch zwölf bis sechzehn Bursche, alt und jung, auf die Feierstube, doch fand ich keinen darunter, an welchen ich mich hätte enger anschließen mögen.
Beim Abendessen, unten in der Gaststube, fragte ich die Frau Mutter, ob ich nicht ein Bette für mich allein bekommen könne. „Ein Bette?“ – sie sah mich groß an, „ja, das können Sie wohl bekommen, aber da müssen Sie’s aparte bezahlen – vier Gutegroschen! Wenn Ihnen das recht ist, so will ich’s Ihnen zeigen, später habe ich keine Zeit.“
Es war eine kleine Kammer hinten hinaus. Die Frau Mutter versicherte mir, das Bett sei rein; ein Licht müsse ich mir selber besorgen. „Da, haben Sie den Kammerschlüssel!“ – Und die geschäftige Frau Mutter so vieler frommen Brüder lief davon.
Als wir abends aus der Kneipe kamen, sagte ich zu meinem Alten: „Höre, Bruder, darf ich denn nicht mein Bündel mit auf meine Kammer nehmen?“
„Donnerwetter, Brüderchen, der Teufel soll den holen, der dich was sagen will, davor bin ich da.“
„Bruderherz“, sagte ich, „morgen führst du mich ein bißchen in der Stadt herum, daß ich was sehe.“
„Sapperamenter, Junge! Das heeßt, wenn ick sage, Junge – na! Du verstehst mir schonste, gute Nacht, Brüderchen.“ Ich nahm mein Felleisen und wollte hinaus.
„Halt! wo will der mit dem Bündel hin?“ schrie ein langer Stralsunder. „Ruhe!“ rief mein Alter. „Was, der denkt wohl, hier gibt’s Spitzbuben“, grölte der Lange. „Ruhe, sag ich Euch; er hat mir um Erlobnis gebeten; er will morgen frische Kleeder anziehn.“ – „Aha! Das ist so en Krautjunge von der Henne“, hörte ich noch den Stralsunder sagen, der nicht viel jünger war als mein Alter, aber nicht dessen gutmütigen Charakter hatte.
Den frisch gekauften Wachsstock brannte ich unten in der Gaststube an. „Das ist der Bursche“, sagte die Frau Mutter zu einem Manne, den ich sogleich für den ihrigen hielt. „Sind Sie der Herr Vater?“ fragte ich. „Jawohl, mein Sohn, du bist wohl noch nicht lange in der Fremde, he? Wo bist denn her?“ – „Aus Langensalza.“ – „Aha, ein Thüringer! Na, was du essen und trinken willst, kannst du alles bei mir haben, gute Nacht.“
Zuerst dachte ich an Lenchen im Bette; aber allmählich mischte sich das Bild der schönen Frau Amtmännin Bär dazwischen. Übermorgen wirst du dort sein, dachte ich. Ihre freundlichen Worte damals, ihre Umarmung und der Kuß hatten mir ein Vierteljahr lang in den Gliedern gelegen.
Es war ein schöner Tag, der erste Pfingstfeiertag 1805. Um sieben Uhr früh ging ich schon mit meinem Alten nach der Zitadelle, dort arbeiteten in der Kommißbäckerei viele Bäckergesellen, die er kannte. Zum ersten Mal sah ich die breite Elbe und die vielen Schiffe drauf und konnte mich nicht satt gucken. Nun mußte ich mit dem Alten Schnaps trinken und ein Würstchen essen, was ich freilich bezahlte. Auf der Zitadelle, in dem Gebäude, wo die Backöfen standen, schufteten die Gesellen noch bis zehn Uhr, wie sie sagten. Einige kamen auf meinen Alten zu, der sich heute ein wenig angeputzt hatte. „Na, alter Schweriner, was bringst du uns? Kommt Ihr von der Herberge, ist der da auch Bäckergeselle?“
„Det versteht sich, Bruder“, sagte der Schweriner. „Det is och en Löwenschütz [Ist eine über ganz Deutschland verbreitete Bäckervereinigung, die eine Brezel, von zwei Löwen gehalten, als Wappen führte.] aus Langensalza in Thüringen.“ Nicht lange darauf kam einer auf mich zu, der mir bekannt vorkam.
„He, Christel Bechstedt, bist du davongelopen? Hast der mit dem Minor überworfen, was? Ja, mit dem konnt ich mer och nich verknusen. – Donnerwetter, bist du en Schlaps geworden! Na, kennst mer noch?“
„Ja“, sagte ich, „du heißt Bernhard Dienemann.“
„Alle Hagel, der Junge kennt mer noch!“ Jetzt sperrte er die Arme aus und wollte über mich her, aber der Alte fuhr dazwischen. „Biste närrisch, Strelitzer, du siehst doch, daß sich der geputzt hat, du alter Mehlsack.“ – „Hast recht, alter Schweriner!“ – Ich mußte Dienemann nun erzählen, wie alles bei uns stände. Er war 16 – 18 Wochen bei uns gewesen und war ein ehrlicher Kerl und tüchtiger Arbeiter; aber er wollte mehr Freistunden haben. Wenn er am Sonntag nachts um zwei oder drei vom Tanzboden kam, wollte er montags nicht viel arbeiten, da schickte ihn Minor fort. Am angelegentlichsten erkundigte er sich nach Buschmanns Magd und malte sie seinem Kameraden als ein Prachtmädel ab. „Der habe ich versprochen, sie zu heiraten, denn sonst wollte sie mir nicht lieben, verstehste – aber das kennst du noch nicht, Bruder Christel.“
Ich holte tief Atem und dachte an Lenchen. –
Um zehn Uhr zog sich Dienemann recht fein an und ging mit fort; zu Mittag aßen wir auf der Herberge und ich hatte viel Mühe, daß er nicht selbst bezahlte. Dann sahen wir uns den Dom und noch ein paar Kirchen und die Festungswerke an; abends saßen wir wieder in der Kneipe. Beim Nachhausegehn zeigte er mir verschiedene Gassen und warnte mich: „Höre, Bruder Christel, laß dir nicht von die jungen Kerls verführen und gehe nicht mit dahin, wo ein Mensch sich sein Unglück holen kann. Hier gibt es Schandnickel – “
„Trag du keine Sorge, Bruder Bernhard, ich gehe morgen früh schon wieder fort.“ – „Eh, wo willst denn hin?“
„Zu Verwandten nach Neuhaldensleben.“ – „Ja so! ob de Vetterstrate [Vetternstraße]! Na, da haste och recht; wenn du enmal zweiunddreißig bist, wie ich, da gehste nicht mehr in der Fremde rum, was?“ Er nahm nun gute Nacht und empfahl sich.
Mein alter Schweriner ging nach der Feierstube, sagte aber erst: „Brüderchen, sis en Wort! Morgen bring ich dir auf den Weg nach Neuhaldensleben, gute Nacht!“
Den andern Morgen suchte ich gleich die Feierstube auf, bot jedem die Hand. „Guten Morgen, Brüder! will einer mit abwandern? In einer Stunde gehe ich fort.“ – „Nein, Brüderchen“, sagte ein kleiner dicker Spandauer, „heute jeht doch noch keener.“ Alle waren artig; ich fragte nach dem Schweriner.
„Das alte Pferd liegt noch hinterm Ofen auf seinem Grundstück“, sagte der Stralsunder, ging hin und stieß ihn mit dem Fuße an. „He, Bruder Schweriner, steh auf! Dein Urenkel ist da, du sollst ihn zur Frau Muhme führen.“ Ich tat, als hörte ich es nicht. „Adieu, Kameraden, lebt wohl, auf Wiedersehen!“ – Damit machte ich, daß ich hinunter in die Gaststube kam, wo ich bei der Frau Mutter zwei Portionen Kaffee bestellte.
Nachdem ich eine halbe Stunde zum Fenster hinausgesehn hatte, kam auch mein Alter mit Rock und Stock, Hut und gewichsten Stiefeln an, trank mit Kaffee und eine Stunde darauf standen wir auf dem Neuhaldenslebener Wege, umarmten uns und nahmen zärtlichen Abschied voneinander.
Nun war ich wieder allein mit meinen Gedanken. Der nächste schweifte zurück zu den Pappelbäumen bei Quedlinburg. Vorgestern um diese Zeit – ach, Lenchen klopfte derb an mein Herz! Aber Luise Bechstedt, die schöne Frau Muhme, zog auch, jedoch auf eine andere Art, die ich mir damals noch nicht erklären konnte. Nachmittags um vier Uhr stand ich im Neuhaldenslebener Gasthof vor dem Spiegel; der Hausknecht hockte mein Bündel auf und schlug den Weg nach dem Schulenburgischen Gute, dem „Dözel“, ein – ich hinterher.
Wir kamen in einen großen Hof hinein und auf meine Frage nach dem Herrn Amtmann wies man mich zu seinem Wohnzimmer. Jetzo wurde ich den Amtmann gewahr; er kam aus einem Seitengebäude, ich ging auf ihn los, grüßte ihn und sagte: „Ich bin aus Langensalza.“ – „Alle Teufel! das ist ja Vetter Bechstedt! Na, kommen Sie nur gleich mit zu meiner Frau, die schwatzt alle Tage von ihrer Verwandtschaft!“
Er faßte mich derb bei der Hand; wir waren noch zehn Schritte vor der Tür, da ging sie auf und wer trat heraus? – Ach! ich schnappte nach Atem. „Vetterchen, Vetterchen Bechstedt!“ kam die Muhme gesprungen, mir geradezu um den Hals.
Der Amtmann ließ mich fahren und lachte, was er konnte. Sie zog mich bis in die Stube aufs Sofa und drückte und küßte mich noch ein paarmal, bis der Amtmann wieder dazu kam. Nun ging’s Erzählen los. Nachdem ich alles aus Langensalza berichtet hatte, sollte ich auch meine achttägige Fußreise beschreiben.
Armes Lenchen! von dir durfte ich nichts sagen, das tat weh; aber desto mehr dachte ich an dich, wenn ich allein war. Und doch hörte dies Nachseufzen allmählich auf; nach einem halben Jahr bedrückte es meine Seele nicht mehr, wenn ich an Lenchen dachte; es blieb mir nur eine leichte und schöne Erinnerung.
Nach einigen Tagen war ich auf dem Dözel eingerichtet, hatte eine Kammer für mich, schrieb einen langen Brief nach Hause, ging mit dem Vetter fleißig auf seine Länderei und bat ihn, mir was zu tun zu geben. Ich mußte dann mit dem Hofmaier und später auch öfter allein nach Tost und nach Liberitz gehn, zwei Vorwerken, die auch zum Gute gehörten, jedes etwa eine Stunde entfernt.
Der Amtmann war ein kluger Ökonom, ein bißchen derb, aber gutmütig; er sprach mit den Leuten stockplatt. Auch die Muhme sprach plattdeutsch mit ihren Mägden, was ich von ihrem schönen Schnabel und bei dem Nachtigallklang ihrer Stimme für mein Leben gern hörte. Der älteste, vierjährige Junge konnte nichts anderes als Plattdeutsch und der kleine von zwei Jahren machte auch schon: „Vetter Becktät.“
Nach und nach wurde ich gewahr, daß die Frau Muhme gar sehr hitzig, ja boshaft werden konnte. Ich bin dazugekommen, daß sie vor der Stalltüre eine Magd bei den Haaren hatte und so furchtbar abpatschte, daß deren Kopf noch einmal so dick und fuchsrot wurde. Da ertönte die grell klingende Pfeife des Amtmanns, die er stets in der Tasche trug, die Magd kriegte noch eine Zugabe – und die Frau Amtmännin ging mit scharfen männlichen Schritten auf ihre Stube.
Ich ging auch, aber zum Tore hinaus, traf auf den Hofmaier und deutete von dem eben Erlebten etwas an. Er meinte, die Magd sei zwar ein sehr leichtsinniges Mädchen, das die Schläge wohl verdient habe, aber die Frau Amtmann sollte sich doch mehr beherrschen. Es käme sonst kein ordentliches Mädchen mehr ins Haus, sondern lauter freche Deerns, die sich durchbissen und nicht einmal ehrlich wären. Er wollte mir noch mehr solche Dinge erzählen, doch mir war, als schicke es sich nicht für mich, das anzuhören.
Ich ging ins Backhaus, wo ich noch Brot im Ofen hatte. Gleich in den ersten Tagen schon hatte ich den Brotteig gemacht, den Ofen geheizt, eingeschoben und ausgebacken und da das Brot recht schön geraten war, glänzte die Frau Muhme im ganzen Gesicht vor Freude. Bei solcher Gelegenheit kriegte ich einen Kuß und ein paar Patsche auf die Backen von ihr, denn sie behandelte mich wie ihr Kind, obgleich sie mir nicht vorkam wie meine Mutter.
Einstmal hatte ich auf dem Vorwerk Tost zu tun, da sagte ein Knecht: „Dort kimmt de Fru Amtmann!“ – „Ei, wo denn?“ fragte ich. „Dort uf em Pferd.“ Wahrhaftig! Sie kam geritten wie ein Husar. Bein nüber und rüber; denn sie hatte Hosen an und nur ein leichtes Röckchen drüber her. Sie hielt nun Revision in allen Ecken; dann schrieb sie einen Brief, den mir die Wirtschaftsmagd herausbrachte. „Sei söllen glicks te Huse gahn un dit den Herrn bringe, het Fru Amtmännin segt.“ Ich sah mich um, die Muhme winkte mir aus der Bodenluke freundlich zum Fortgehen.
In einer halben Stunde stand ich vor dem Amtmann. Er las und lachte. „So ist sie, alles will sie strikte nach ihrem Kopfe haben. Es täte not, ich käme nun gleich hin und prügelte die Leute – und das geht doch nicht an.“ Er fügte noch hinzu: „Das schöne Erbstück des Jähzorns hat sie von ihrem Vater“ (dem Bruder meines Großvaters Bechstedt), „der ein gar grimmiger Hitzkopf gewesen ist. Im Siebenjährigen Kriege hat er Glück gehabt mit seiner Hitze und ist rasch zum Leutnant avanciert, aber als Obereinnehmer in Halberstadt hat sie ihm manchen Taler gekostet, daher er denn auch nichts hinterlassen; der Sohn hat Grobschmied werden müssen und die Tochter ins Waisenhaus spazieren.“
Das hatte seine Richtigkeit. Im Waisenhaus hat sie so gut Rechnen und Schreiben gelernt, daß sie mit dem fünfzehnten Jahr schon in einen Ladendienst eintreten konnte. Von da ist sie auf ein großes Gut als Wirtschafterin gerufen worden, wo der wohlhabende Herr Verwalter Bär sie kennenlernte und sich in die schöne Luise verliebte. –



