Gesammelte Science-Fiction & Dystopie Romane (12 Titel in einem Band)

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An den photographischen Apparaten wurde unausgesetzt fieberhaft gearbeitet.
Und die Mondleute an den Apparaten empfanden es immer wieder als Wohltat, wenn die Farbenspiele dieser Blitzblumen mal aussetzten oder sich in matteren Lichtflächen verteilten.
Als man sich an diese Blitzwelt ein wenig gewöhnt hatte, sprachen die Weltfreunde wieder mit verdoppeltem Eifer von den Glasgefilden, wobei sie eifrig die Glassteine, die früher im Jenseits gesammelt wurden, herumzeigten.
»Dort drüben«, sagte Zikáll, »werden wir natürlich nicht leben konnen - wenigstens auf der Oberfläche nicht - das schließt aber gar nicht aus, daß wir Eingänge finden, die uns in die herrlichsten Glasgrotten führen, in denen wir farbiges Tageslicht von oben empfangen - und Luft von unten.«
Zikáll trat jetzt für die Weltfreunde sehr lebhaft ein, und als er mal gefragt wurde, wie er sich denn die Expedition ins Jenseits vorstelle, gab er umständlich Antwort.
»Wir bauen«, sagte der Mann der Wissenschaft «einen großen Motor-Wagen mit mehreren Abteilungen, füllen das Innere mit einer genügenden Masse bester Luft, setzen ein paar Mondleute hinein und lassen sie einfach losfahren. Damit den Leuten nichts passiert, werden wir den Wagen mit langen Draht-Seilen versehen und diese am Rande in den Händen behalten. Der Wagen muß auf allen Seite kleine, aber sehr starke Glasfenster und auch auf allen Seiten Räder besitzen, damit ein gelegentliches Umkippen keinen weiteren Aufenthalt verursacht. Die Mondleute, die im Wagen sind, können uns dann telegraphisch von dem, was sie sehen und entdecken, in Kenntnis setzen. Es wäre wohl praktisch, eine größere Anzahl solcher Motor-Wagen loszulassen - und im Innern des einzelnen nicht mehr als zwei Mondleute unterzubringen, damit die Luft möglichst lange reicht. Es wird sich ja darum handeln, ob wir die Wagenkasten, die wohl Tonnen- oder Röhrenform haben müssen, so luftdicht herstellen können, daß ein längerer Aufenthalt in den Kasten möglich wird. Jedenfalls kann jeder Wagen noch einige Luftschläuche und für den Notfall auch Nasenschläuche mitführen. Ich muß mich übrigens sehr wundern, daß wir das alles nicht schon längst getan haben. Ein paar Meilen können wir auf die angedeutete Weise immerhin vordringen.«
Nach diesen Worten des großen Zikáll, die vor einem großem Publikum gesprochen wurden, zweifelte bald keiner mehr an dem Zustandekommen der Expedition.
Mafikâsu aber wich nicht mehr von Zikálls Seite. Und als dieser erst seine Vermutung von der meilengroßen Glaslinse, die im Zentrum des Jenseits sitzen sollte, bekannt werden ließ- da konnte der Mafi vor Entzücken gar nicht mehr zur Ruhe kommen. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Hypothese von der großen Zentrallinse des Jenseits nach allen Richtungen.
Und Zikáll galt nun als einer der ersten Weltfreunde. Rasibéff jedoch ergriff die Idee noch von einer ganz anderen Seite.
»Wenn«, sagte er zu Zikáll und Mafi, »die Existenz-Möglichkeit einer großen Glaslinse auf der anderen Seite des Mondes bereits als Wahrscheinlichkeit behandelt wird, so möchte ich da noch ganz was andres sagen. Ich möchte fragen: Woher wissen wir denn, daß die andre Seite des Mondes eine Halbkugel ist wie diese Seite? Was wir bisher Mittelpunkt des Mondes nannten, ist doch nur durch einseitige Rechnungen zu dieser Ehre gekommen.«
Zikáll horchte, nickte und ließ wieder tausend Falten sein Gesicht durchzucken, daß der Phosphor nur so glitzerte.
Rasi jedoch fuhr eifrig fort:
»Könnte die andre Seite nicht eine fast horizontale Ebene sein? Könnte der ganze Mond nicht ein Halbkugel sein? Die Experimente mit dem Pendel haben doch Resultate nicht geliefert. Es ist doch immer noch möglich, daß die Todesgrotten dem freien Weltraume ganz nahe sind. Hohlräume finden wir doch da unten nicht mehr.«
Alle, die das hörten, schwiegen lange und dachten lange darüber nach.
Die Männer der Wissenschaft mußten dann manches spitze Wort hinnehmen; sie waren glücklicherweise an die spitzen Worte gewöhnt.
Rasibéffs Idee trug jedenfalls dazu bei, der Expedition ein so wichtiges Ansehen zu geben, daß ein Aufschieben der Geschichte sehr bald nicht mehr anging.
Als daher die hundert Ratsherren bei der nächsten Ratssitzung wieder auf ihren Amethystsäulen saßen, da war allen klar, daß der Sieg dieses Mal auf Seiten Mafikâsus sein würde.
Und als nun Mafi rot wurde und seinen schon längst bekannten Antrag vorbringen wollte, da wurden alle diejenigen, die mit der Expedition einverstanden waren, auch gleich rot.
Und Mafi zählte siebenundachtzig Freunde der Expedition.
Mafi hatte gesiegt.
Zikáll wurde mit der Herstellung der Motor-Wagen beauftragt. Und alles war gespannt.
In den Fabrikgrotten wurde nun gearbeitet, daß die Funken nur so stoben; die Arbeit an den zur Expedition nötigen Motor-Wagen, Maschinen und Drahtmassen schritt rüstig fort.
Währenddem nahte jedoch für die Weltfreunde jene große Zeit, in der wieder mal der Lanzen-Nebel beobachtet werden mußte; die Ereignisse der letzten Zeit hatten den berühmten Lanzen-Nebel in den Hintergrund gedrängt.
Als nun den Teleskopen der Weltfreunde die richtige Stellung für die Beobachtung des berühmten Nebels, der alle zwanzig Jahre äußerst interessante Erscheinungen zeigte, gegeben werden sollte, da erinnerte man sich plötzlich an eine ganze Reihe von neuen photographischen Apparaten, deren Fertigstellung öfters aufgeschoben war. Und die Weltfreunde wurden sehr unruhig und schickten Abgesandte in die Fabrikgrotten.
Aber dort wurde jetzt bloß für die Expedition gearbeitet - und die photographischen Apparate, die tausend Aufnahmen in der Sekunde ermöglichen sollten, lagen sämtlich unvollendet in der Ecke. Und es stellte sich bald heraus, daß nicht ein einziger der großen komplizierten Apparate bei der nächsten Beobachtung des Lanzen-Nebels in Gebrauch gestellt werden konnte.
Diese Entdeckung brachte im Lager der Weltfreunde eine große Trauerstimmung hervor; die Veränderungen im Lanzen-Nebel gingen alle zwanzig Jahre mit so blitzartiger Geschwindigkeit vor sich, daß die Blitzblumen dagegen die reinen Schnecken waren; andere Apparate kamen nicht in Betracht, da der kosmische Vorgang kaum eine halbe Minute in Anspruch nahm und das Auge nicht genügte.
So mußte denn abermals auf eine photographische Fixierung der Phänomene im Lanzen-Nebel verzichtet werden.
Der Lanzen-Nebel warf alle Vorstellungen, die man bisher vom Werte der Zeit gehabt hatte, einfach um; eine derartig rapide Entwicklungsgeschichte hielt man vordem in einem Sternhaufen mit Millionen größter Sonnen nie für möglich; die Sache überstieg auch das keckste Fassungsvermögen um ein Beträchtliches.
Dieses Mal war wenigstens die Stellung des Nebels eine sehr günstige; es ließen sich nicht weniger als siebzehn Teleskope in die Beobachtungslage bringen, was zum Teil nicht kleine Schwierigkeiten bereitete, da die meisten Teleskope ziemlich tief in den Kratern staken.
Als nun die Zeit herangekommen war, saßen die Weltfreunde in den Beobachtungsräumen dicht gedrängt zusammen; es konnten außer den Führern nur diejenigen dem Schauspiele folgen, die das Los begünstigt hatte; und für die andern gabs nicht einmal wie sonst eine Entschädigung durch Photographien.
Mafikâsu saß in der entscheidenden Nacht mit Rasibéff und elf anderen Weltfreunden im Beobachtungsraume des siebenten Kraters der Granitgebirge vor einem großen magischen Spiegel - und starrte mit brennender Aufmerksamkeit hinein.
In demselben Raume befanden sich noch fünf kleinere Spiegel, die ebenfalls magische genannt wurden. Und vor jedem Spiegel saßen immer dreizehn Mondleute; es war in dem kleinen Raume für mehr Personen nicht Platz.
Alle Anwesenden verhielten sich so still, daß man den Fall einer Träne gehört hätte.
Und was jetzt in den magischen Spiegeln sichtbar ward, das ging so schnell vorüber, daß es den Augen der Mondleute nur stückweise zur Empfindung kam.
Die konzentrierte Aufmerksamkeit war demzufolge eine beispiellose; sämtliche Mondleute, die beobachten durften, hatten sich auf diese paar Momente besonders vorbereitet.
Die Führer hielten es zumeist für gut, vorher längere Zeit zu schlafen, was der Mondmann immer kann, wenn ers grade will; traumlos ist der Schlaf.
Andre Mondleute hielten es für richtiger, recht lange vorher die Lichtluft der Delikatessgrotten einzuatmen und dann Schwitzbäder zu nehmen. Mancher pflegte sich durch längeren Flug in den obersten Schichten der außerhalb befindlichen sogenannten Krustenluft auf die anstrengende halbe Minute vorzubereiten.
Und - die berühmte halbe Minute kam.
Im magischen Spiegel, vor dem Mafi und Rasi saßen, erschien der Lanzen-Nebel als ganz stille kugelrunde Wolkenmasse.
Aber was jetzt folgte, übertraf alle Erwartungen, da die Erscheinungen dieses Mal einen ganz andern Charakter trugen als sonst.
Vor zwanzigJahren hatte sich die Wolke blitzschnell in eine Reihe von Säulen verwandelt, und diese Säulen hatten sich gleich nachher wieder in einen Würfel verwandelt. Und dieses Spiel hatte sich unter Funkenbildung gleich wiederholt und dann mit unregelmäßigen Wolken umhüllt, die sich schließlich wieder zur alten Kugelform zusammenballten.
In den früheren Perioden wars wohl immer etwas anders gewesen, doch blieben die Entwicklungsphasen in einer bestimmten Linie - die Säulen bogen sich mal oben hakenförmig um - der Würfel wurde mal zum Balken oder zum Ellipsoid - aber markantere Novitäten brachen in der Linie nicht durch - der Rahmen schien immer gegeben zu sein.
Ganz anders jetzt!
Haarfeine Blitzlinien schlagen plötzlich aus der Kugelwolke heraus - und die kraus aufgestiegenen Linien bleiben und werden dicker - und die Wolke verschwindet.
Es ist zu erkennen, daß die Linien allmählich so werden, wie die Milchstraßen sind.
Der Lanzen-Nebel ist außerordentlich weit entfernt - und dieses rasche Entstehen von lauter Sonnen ist den Mondleuten ganz was Neues und setzt sie in großes Erstaunen.
Eine Sekunde später stehen aber die Blitzlinien alle grade wie Säulen - das Ganze sieht aus wie ein Nadelball, dessen Spitzen in einer Kugeloberfläche liegen.
Und mit einem Ruck werden diese Säulen, in denen doch unzählige Sonnen glühen, nach allen Richtungen rausgeschleudert, kippen um, schaukeln hin und her und schweben auf und ab und stellen sich nach und nach dicht nebeneinander in einer Reihe auf wie Soldaten auf den Exerzierplätzen der Erdballkruste.
Diese Parade-Erscheinung, die den Namen ›Lanzen-Nebel‹ hervorrief, ist schon von früherher bekannt, - auch die nun folgende, in der sich die Säulen zusammenziehen und eine Art Balken bilden.
Während aber sonst der Würfel oder der Balken einen opalisierenden Farbenglanz empfing, wirkt dieses Mal alles wie Gold - und es ist deutlich zu erkennen, daß auch noch der Balken aus lauter Sonnen besteht.
Vom querliegenden Balken lösen sich jetzt rechts und links die äußersten Seitensäulen los und steigen nach oben, krümmen sich oben nach außen und schießen kreisförmig herum, und die Schnelligkeit ihrer Bewegung wird gleich so stark, daß rechts und links vom Rechteck nur noch zwei goldene Kreislinien zu sehen sind.
Die Mondleute glühen vor Aufregung, man hört ihr heftiges Atmen.
Und mit kaleidoskopartigem Ruck verwandelt sich dieses Bild in ein Rad mit tausend Speichen, dem der Reifen fehlt.
Dieses reifenlose goldene Rad steht ganz still und fängt an zu zittern.
Und dann heben sich die Speichen langsam vom Mittelpunkt ab nach allen Seiten, so daß ein rundes leeres Loch in der Mitte bleibt, das bald wolkenartig opalisiert.
Und im nächsten Moment sieht der Lanzen-Nebel wie eine Schießscheibe aus mit lauter bunten Ringen.
Und plötzlich verwandelt sich das Ganze abermals mit einem einzigen Ruck in einen querliegenden goldenen Balken; in dem lassen sich aber einzelne Kugelsonnen nicht mehr erkennen; die Kugelform der Sonnen scheint sich in Krystallformationen umgebildet zu haben.
Doch kaum erholen sich die Mondleute bei diesem Anblick, so lösen sich auch schon regelmäßige goldene Würfel von dem Balken los; der ganze Balken verwandelt sich in Würfel, die sich langsam drehen und hin und her schweben, ohne sich zu stoßen.
Und dann werden die Würfel schneeweiß und schießen in den Mittelpunkt des Ganzen, daß alles sich entzweischlägt.
Und gleich darauf ist wieder die alte kugelrunde Wolkenmasse da.
Das Schauspiel hatte nur einen Zeitraum von sechsundzwanzig Sekunden in Anspruch genommen.
Die siebzehn Teleskope geben sich die verabredeten Zeichen, und die Führer sprechen durch die Schalltrichter.
Sofort werden die Berichte aufgesetzt und miteinander verglichen.
Die Berichte werden denen, die in die magischen Spiegel nicht hineinsehen durften, gleich bekanntgegeben.
Und bald wissen alle Mondvölker, was im Lanzen-Nebel los war.
Mafikâsu beruft eine allgemeine Versammlung in den großen Schallsaal.
Der große Mafi glüht wie eine Bombe und will so rasch wie möglich seine Meinungen über die neuesten Ereignisse zum besten geben.
Und an die hunderttausend Mondleute versammeln sich im großen Schallsaal, dessen Deckengewölbe ziemlich glatt sind.
Ringsum an den Wänden lassen sich die Mondleute auf den Vorsprungen nieder, so daß bald alle Wände des runden Saales ganz mit Mondleuten bedeckt sind.
Die Mondleute erleuchten den Saal durch das Phosphorlicht, das ihre Leiber ausstrahlen. Ein Saal, dessen Wände aus lauter aufeinandergestellten Schneemännern zu bestehen scheinen.
Und Mafi erhält das große Sprechrohr, das einer Posaune ähnelt.
Und der große Weltfreund hängt sich an der Decke in einen schaukelnden eisernen Ring, beugt den Rumpf nach unten und redet nun durch das Sprechrohr hinunter zu den Versammelten; wie ein Posaunenengel schaukelt der große Mafi da oben in seinem Ring an der Decke - das Folgende redet er:
»Die Ereignisse der letzten Nacht sind so kolossale gewesen, daß es mir nötig erscheint, sofort an dieser Stelle das zu sagen, was nach meiner Meinung hier das Wichtigste ist.«
Alle Mondleute, die versammelt sind, halten beide Hände muschelförmig an den Ohren, um besser hören zu können.
Mafi fährt fort: »Wir haben einen Blick in kosmische Verhältnisse getan, die unserm Vorstellungsvermögen kaum näherzubringen sind. Der berühmte Lanzen-Nebel, der alle zwanzig Jahre nur einmal aufwacht und dann während einer knappen halben Minute ein furchtbar intensives Leben führt, ist uns sowas Neues und Unheimliches, daß wir fürchten müssen, unser bißchen Verstand zu verlieren, wenn wir versuchen wollten, darüber ins klare zu kommen. Eines aber scheint uns durch dieses kosmische Wunder begreiflich zu werden: Wir sehen, daß sich diese Sternmasse gewöhnlich als etwas Einheitliches und Ganzes präsentiert. Und mit fabelhafter Geschwindigkeit gelingt es diesem Ganzen, sich plÖtzlich in Millionen - ja wohl auch in Billionen und mehr Teile zu teilen. Hieraus erkennen wir, daß dieser Nebelfleck noch mehr als ein Doppelleben führen kann - er kann plötzlich ein trillionenfaches Leben führen. Vielleicht ist die Zahl seiner Teilwesen so groß, daß Zahlen dafür nicht mehr denkbar sind. Hier bietet sich uns die höchst komplizierte Natur der astralen Lebewesen in den allergrößten Dimensionen dar. Während wir früher schon das Verhältnis der Teilwesen zum Ganzen für kompliziert genug hielten, sehen wir jetzt ganz deutlich, daß es darüber hinaus noch ganz andre Komplikationen gibt, die noch viel knotenreichere Rätsel aufgeben; eine Masse von ungeheurer Ausdehnung, die plötzlich in ein paar Atemzügen große Sonnensysteme aus sich erzeugt, die nur ein paar Sekunden existieren - das schafft uns ja einen ganz neuen Begriff vom Wert und Wesen der Sonnensysteme - die sind wahrscheinlich ganz nebensächliche Begleiterscheinungen von ganz andren Lebensäußerungen, die uns nicht einmal in Lichteffekten bemerkbar werden. Der Lanzen-Nebel könnte uns vielleicht die wichtigsten Aufschlüsse über kosmische Lebensverhältnisse geben. Und wir hätten nicht bloß zu beklagen, daß die neuen photographischen Apparate nicht rechtzeitig fertig wurden - wir hätten noch viel mehr zu beklagen, daß uns nicht viel, viel größere Teleskope zur Verfügung stehen. Ich erhebe daher noch einmal meine Stimme und bitte die Versammelten, mit Ernst und Eifer an das große Teleskop der Zukunft zu denken, das, wie jeder weiß, die Länge des Monddurchmessers erhalten soll. Nach den ungeheuren unbegreiflichen Wundern, von denen wir in dieser Nacht kleine Bilder in unsern magischen Spiegeln sahen, wird jeder sicherlich die Sehnsucht haben, bald mehr sehen zu können - mehr von der ungeheuren, ergreifenden, erdrückenden und erhebenden Grandiosität der herrlichen Welt, die sich unsern Sinnen zu öffnen vermag- wenn wir die richtigen Vergrößerungsgläser besitzen! Vergeßt das nicht - und wir wissen vielleicht in tausend Jahren mehr von der großen Weltnatur.«
Mafi steckte das Sprechrohr in den Ring und schwebte langsam hinunter als großer roter Glutball - im Schallsaal war die Luft sehr dünn.
Und von den Wänden lösten sich die hunderttausend Zuhörer los und flogen wie Schneegestöber durcheinander.
Viele stießen dumpf mit ihren Ballonbäuchen zusammen, und dazu trommelten alle auf ihrer straffen Ballonhaut, so daß eine Trommelmusik entstand, die sich harmonisch zu mächtigen Tonmassen entwickelte, deren melodiöse Ansätze immer wieder von prasselndem und rauschendem Wirbel zerrissen wurden.
Rasibéff flog an Mafikâsus Seite - und von allen Seiten begrüßte man die beiden mit erhobenen Händen und flatternden Fingern, so daß die Trommelmusik plötzlich gedämpft erklang.
»Der Mafi hat«, sagte draußen der Zikáll, »mehr Glück als Verstand! So was von Erfolg ist noch nicht dagewesen. Und der Mafi tut nichts dazu; er redet nur vor Aufregung eine ausschweifende Rede und triumphiert trotzdem. Knéppara kann einpacken. Die Revolutionspartei siegt.«
Nun verbreitete sich in den nächsten Tagen die Nachricht, daß die Motor-Wagen mit allem Zubehör in den Fabrikgrotten fertiggestellt seien.
Der Expedition stand also nichts mehr im Wege.
Und die Mondmänner trugen die Motor-Wagen wie Triumph-Wagen an den Mondrand.
Es streckten sich so viele Hände hilfsbereit aus, daß immer an die zehntausend Mann einen Wagen an Stangen und Strikken tragen konnten.
Es sah sehr lustig aus, wie die kugelrunden, rotglühenden Mondleute mit den großen Tonnen über die Krater des Mondes dahinschwebten - mitten im grellsten Sonnenschein im sammetgrünen Himmel.
Es stellte sich sehr bald heraus, daß sämtliche Mondvölker vollzählig an dem Rande, der zum Jenseits führte, versammelt waren.
Selbst Knéppara war mitgekommen.
Und nun begann das Aufstellen der Wagen und das Erwärmen der Maschinen und das Aufwickeln der Drahtmassen.
Und dann kam das Abschiednehmen derer, die hineinfahren wollten ins unbekannte gläserne Land.
Und dann wurden die Wagen probeweise losgelassen.
Und dann wurden die kleinen Reparaturen vorgenommen.
Und dann gings endlich wirklich los.
Die Glasfenster in den Wagen funkelten im Sonnenschein. Und Räder waren an allen Seiten der großen Tonnen, so daß die ganz gemütlich umfallen konnten; das schadete nichts.
Mafi saß mit Zikáll, Knéppara mit seinem Inspektor zusammen, und der große Loso fuhr ganz allein in einer kleineren Tonne.
Und am Rande sahen die Mondvölker den funkelnden, wackelnden, aber ziemlich schnell weiterfahrenden Tonnen mit Begeisterung nach.
Man hatte bei der großen Aufregung gar nicht bemerkt, daß die bunten Blitzblumen in der letzten Zeit nur noch ganz vereinzelt gesehen wurden; ihre Größe hatte allmählich sehr abgenommen.
Aber nach der Abfahrt der Wagen, deren Zahl sich auf fünfzig belief, ließen sich die Blitzblumen ganz und gar nicht mehr sehen; Rasibéff wars, der hierauf zuerst aufmerksam machte und diese Tatsache selbstverständlich als ein für die Weltfreunde sehr erfreuliches Zeichen betrachtete.
Und nun leitete Rasibéff mit den Weltfreunden eine ganz energische Agitation ein; er wollte besonders die von den fünfzig Wagen einlaufenden Telegramme für die Zwecke der Weltfreunde benutzen; Knéppara war ja nicht da, und seine Abwesenheit mußte doch benutzt werden.
Die Telegramme ließen natürlich nicht lange auf sich warten; es wurden beim Telegraphieren zumeist die Drahtseile benutzt, an denen die Wagen gefesselt waren; die Wagenführer bedienten sich auch der Schalltrichter - doch nicht zu oft.
Zunächst enthielten die Nachrichten begeisterte Schilderungen von den wundervollen Glassteinen.
Es ist unglaublich, telegraphierte der große Erd- und Glasfreund Loso, was für wundervolle Glassorten hier überall zu sehen sind. Uber die einfachen Farbenwunder, die von der Luftgrenze aus sichtbar sind, brauche ich ja Weiteres nicht zu sagen. Aber das Herrlichste entfalten nun die weiten Platten und Ebenen, die von verschiedenen Farben koloriert sind Eisflächen unter buntem Himmel geben kaum eine Ahnung; die Eisflächen, die wir auf der Mondoberfläche zeitweise sehen können, zeigen sich ja nur noch in der Umgebung des Kupferkraters und sind viel zu klein. Hier aber ist alles im größten Stile da: weiße Felder mit unzähligen gelben und schwarzen Flecken - in graden Linien blau gestreifte Purpurgebirge - und ganz bunt gestreifte in herrlich geschwungenen Linien! Oft hängen grüne und perlartig schimmernde Glaskugeln wie die Trauben blühender Moosarten hoch oben an den steilen Gebirgsrändern. Und die Glaskugeln schimmern! Was haben die Mondleute versäumt, daß sie erst jetzt eine Expedition aussandten! Der Himmel ist hier am Tage grau und nachts braun; die Sterne sind wie drüben bei Euch.
Es fiel dem Rasibéff und seinen Freunden natürlich nicht schwer, dieses Telegramm im weltfreundlichen Sinne zu verwerten. Wenn die jenseitige Mondhälfte so großartig war, so mußte es doch bald wie ein großes Unrecht aussehen, wenn man immer noch zögern wollte, die großen Bohrarbeiten im Mittelpunkte des Mondes in Angriff zu nehmen.
Und nun liefen gleichzeitig von zwanzig Seiten Telegramme ein mit Berichten von großen herrlichen Höhlen, die man unter dem durchsichtigen Glase entdeckt hatte.
Diese Höhlen wurden von den Wagenführern in ganz sinnverwirrenden Worten geschildert.
Und so lief immer mehr Wasser auf die Mühle der Weltfreunde, obschon das Wasser auf dem Monde sehr knapp war.
Und es gab bald keinen Erdfreund mehr, der nicht ein paar Dutzend Male seine Partei für verloren gehalten hätte.
Zikáll telegraphierte, er bemerke mit Staunen, daß kaum der vierte Teil der von ihm gesehenen Glasmassen undurchsichtig sei.
Und die anderen Wagenführer bestätigten das.
Hieraus folgt, sagte Zikáll, daß die Glasgrotten am Tage einfach taghell erleuchtet sein müssen - selbst noch in sehr großen Tiefen - da ja sogar das undurchsichtige Glas das Licht noch immer in großer Fülle durchläßt - während andrerseits die durchsichtigen Glasmassen die Stärke des Tageslichtes noch vervielfältigen können.
Rasibéff geriet ganz außer sich, als er diese Äußerungen des großen Zikáll zu Gesichte bekam.
»Unter diesen Umständen«, rief der Pflastermann, der jetzt in den Todesgrotten nicht viel zu tun hatte, »ist es beinahe zu leicht, für die Weltfreunde Partei zu nehmen. Wenn die Sache derartige Fortschritte macht, so wird ein Widerspruch bald schwer werden. Knéppara hat einen großen Fehler begangen, daß er durch sein Fernsein dem Rasibéff die Arbeit so leicht machte. «
Die nun folgenden Telegramme schlugen aber dem Faß einfach den Boden aus; viele Führer der Erdfreunde, die sonst nie den Kopf verloren, erklärten feierlichst, daß sie jetzt ihre Sache aufgäben.
Vom siebzehnten Wagen lag folgender Bericht vor:
Heute ist ein Rubin mit einem Durchmesser von einer halben Meile in Sicht gekommen. Der Farbenbrand der einen Ecke hat eine Lichtstärke, die fünfzigmal die der Sonne übertrifft. Ich halte mit meinem Wagen an und notiere genau die Effekte, die der Farbenbrand des großen Rubins auf der Umgegend erzeugt; die Reflexbilder sind in folge der Mondbewegung in jedem Augenblick andre. Ein paar Hauptmomente werde ich photographieren.
Und ähnliche Telegramme folgten von allen Seiten, so daß diejenigen Mondleute, die nach der Abfahrt der Wagen zu ihren Teleskopen zurückgekehrt waren, diese von neuem verließen und sich in hellen Scharen zur Luftgrenze begaben, um die neuen Telegramme noch schneller kennenzulernen - obgleich das eigentlich kaum möglich erschien, da die Telegramme stets ohne Aufenthalt weitergegeben und überall in jedem Krater gleichzeitig lesbar wurden.



