Gesammelte Science-Fiction & Dystopie Romane (12 Titel in einem Band)

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Doch auch die absoluteste Freiheit hat ihre Schranken – die Geister können das für sie Unsichtbare nicht erblicken.
Da schlägt Knipo vor, die großen bunten Gasräume zu besichtigen.
Und sie fliegen wieder raus aus der Finsternis – wieder an unzähligen Sternen vorüber, die ungeheure Polypen sind und grade die Absicht haben, sich gegenseitig die langen Beine auszureißen.
Wie die Polypen immerzu die Farben wechseln!
Aber die Geister haben keine Zeit, dem Spiele zuzuschauen – und an manchen anderen Sternschauspielen fliegen sie ebenso schnell vorüber, daß schließlich rechts und links von ihnen wiederum nur noch bunte Streifen aufflammen – so schnell rast die wilde Jagd dahin.
Und es durchrauscht die Geister eine wilde heiße Seligkeit – jetzt endlich können sie sich austoben – durch die ganze unendliche Welt durch – immerzu im rasenden Tempo durch und durch gehen – alles steht ihnen offen.
Und so kommen die Geister in die Gasräume- und da geht's aus grüner Luft in rote – und aus der roten in die bunten Lüfte – und aus den bunten in die weißen und gelben.
Aber es geht wieder so schnell, daß sie die einzelnen Gasräume nur ganz flüchtig kennenlernen – kaum bleiben ihnen Geruchserinnerungen haften. – – –
Und die hastigen Weltdurchstürmer empfinden ihre Freiheit nicht mehr als ein reines Glück – es geht alles zu schnell – und sie fragen sich schon, ob sie für solch freies Leben auch geschaffen sind – es wird ihnen bereits das Hastige, das naturgemäß in jeder Freiheit steckt, zu einer Art Qual.
Aber Knipo hat schon wieder einen Plan: er will die große Götterallee kennenlernen, von der er schon mal wo gehört haben will – da soll die kolossalste Bildhauerkunst zu sehen sein.
Und sie kommen auch dahin und erblicken dort unmäßig große Standbilder, von denen die Geister immer nur kleine Partien sehen. Ganz unmöglich erscheint es den Hastigen, sich auch nur eine ungefähre Vorstellung von dieser kosmischen Skulptur zu bilden; so viel Zeit lassen sie sich eben nicht.
Auch hier geht's wieder mit Blitzesschnelligkeit durch ach – viel schneller, als alle Blitze, die's geben könnte, zusammen – so schnell, daß selbst diese Götterbilder zu Lichtstreifen werden.
Und der gelbe Geist schreit plötzlich laut auf: »Sollten wir nicht unsre Kugelsterne unterschätzt haben?«
Die rasende Hast wirkt so zerstörend; feinere Genüsse dringen gar nicht durch. –
Und sie kommen zu den größten Riesen, die's in der Welt gibt.
Die Riesen schlafen grade und schnarchen; das Schnarchen hört sich wie ein wahnsinniges Orkangeheul an.
Die Geister bemerken mit den Augen nur gewaltig hohe steile Felsenwände, die Knipo für Fußsohlen halten will.....Die ganze Welt erscheint den zehntausend bloß ein großes Buch zu sein, in dem sie blättern, aber nicht lesen dürfen; nicht mal die Bilder können sie sich ansehen. –
Knipo kriegt den Einfall, daß sie sich neue Sinne besorgen müßten, um diesen vermaledeiten »Weltkrempel« besser durchschauen zu können.
Und hinter sechs luftleeren Räumen bekommen die Geister die neuen Sinne.
Indessen jetzt geht alles noch viel schneller als bisher; sie wissen nichts Rechtes mit den neuen Sinnen anzufangen, da sie doch nicht gelernt haben, mit ihnen umzugehen; sie lassen sich auch nicht die Zeit, die neuen Sinne zu schärfen und sich anzupassen.
Und so sind sie schließlich froh, wie sie ihre alten Sinne wieder haben.
Durch andre Verwandlungen werden die tollen Geister ebenfalls nicht klüger. –
»Sollte dieses Götterleben«, sagt Knipo in einer smaragdgrünen Weltecke, die dick wie Teer ist, »nicht ein wenig verfrüht in unserem Weltleben sein? Aus reiner Blasiertheit könnte ich beinahe wieder fesselsüchtig werden. Die Unbenutzbarkeit und die Unübersehbarkeit der neuen Geschichten hat mich so blasiert gemacht, daß ich mich demnächst für ein Steinwesen halten werde. Hol der Teufel dieses Götterleben!«
Man stutzt bei dem Worte »Teufel«, aber es erfolgt doch eine lebhafte Zustimmung im ganzen Zuge!
Es dauert nur nicht lange, so redet der gelbe Geist von der Fabrik neuer Weltkräfte mit einer hinreißenden Lebendigkeit.
»Da müssen wir mal hin!« ruft er aufgeregt, »alte Narren denken natürlich, die Schwerkraft und manche andre Kraft fülle die halbe Welt. Und dabei ist die halbe Welt noch weniger denkbar als die ganze. Die Kräfte reichen nicht so weit. Tatsache bleibt es jedenfalls, daß noch unsäglich viele neue Kräfte fabriziert werden – und für die muß doch Platz gemacht werden.«
Und die unternehmungslustigen Geister rasen durch Schlangen- und Trichtersterne durch – und kommen in die Fabrik.
Diese Fabrik ist nun leider so maßlos groß, daß die armen Geister gar nicht verstehen, was sie da sehen – ihre Eindrücke empfinden sie teils als fleckige, teils als strichförmige Feuergebilde – viel mehr unterscheiden sie nicht.
»Dies ist die unüberwindliche Raserei!« ruft der alte Geist.
Und keiner versteht, was der Alte damit sagen will – der aber redet weiter von der Vergänglichkeit aller Empfindungen. –
Und die zehntausend sehen plötzlich neben einem unendlich scheinenden Schornstein lange Geisterzüge vorbeischweben – und die sind ganz still – wie die Windstille nach dem Orkan.
»Es ist die schnelle Fahrt so anstrengend!«
Also rufen viele seufzend aus. –
Knipo will, wie sie aus der Fabrik nicht klug werden, die Weltenschöpfer kennenlernen, die ganz weit, weit hinten in der Unendlichkeit wohnen – in dieser Unendlichkeit in der niemand ein Ende findet – in keiner Richtung.
Und die zehntausend finden die Weltenschöpfer und sehen sie da sitzen und Sterne formen- wie große Töpfer so kommt's wenigstens den Geistern vor- sie wissen wohl, daß sie sich täuschen könnten – jedoch der Eindruck ist immerhin da.
Und die alleswollenden Geister möchten auch so gerne mal Sterne formen.
Ein Großer will's ihnen erlauben, wenn sie imstande sein sollten, eine neue Sternform zu erfinden, die's noch nicht gibt.
Aber sie können nichts Neues erfinden – das Neue ist so grauenhaft schwer auszudenken – läßt sich auch nicht so leicht entdecken. –
Da werden die Geister allmählich wütend und wollen auf einmal alles vernichten.
Jedoch selbst hier ist wieder ein Riegel vor die Türe der Freiheit geschoben: vernichten darf der, der nichts Neues machen kann, in keinem Fall.
»Verdammte Freiheit!« brüllen die Wütenden.
Und sie fliegen durch eine verzerrte Hohnwelt durch – in der alles Hohn ist – das absolute Karikaturenviertel!
Ein grausiges Gelächter durchbrüllt jenes Viertel fast unaufhörlich – nur wenn neue Sonnen kommen, wird's still.
Und alle merken hier, daß sie so roh geworden sind – so roh – wie Ungeheuer, die die unendliche Welt nur für ihre Speisekammer halten. –
Es ergreift die zehntausend Heimweh.
Und sie wollen durch den nächsten Symbolraum durch – auf dem kürzesten Wege – nach Hause. –
Der Symbolraum erscheint ihnen ganz leer – wie ein ausgeraubtes Haus, das zerfällt.
Eine zinnoberrote Eidechse von imposanter Gestalt springt aus einem meilenlangen Fenster, versperrt den Weg und sagt eifrig: »Vergeßt nicht, daß alle Sterne zusammengenommen und alles Denkbare zusammengenommen, so sehr wir's auch vergrößern mögen, der Unendlichkeit gegenüber immer wieder bloß einen mathematischen Punkt bilden – der alles hat – nur keine Ausdehnung.«
Die zinnoberrote Eidechse platzt und steigt als Feuerregen empor.
Und die Geister fühlen, daß sie noch nicht reif zur Freiheit sind.
Sie können das freie Leben nicht aushalten. –
Und in rasender Hast geht's zurück – durch all die vielen Weltgegenden zurück – zu jener kleinen Ecke, in der jene Kugelsterne leben, mit denen die gehetzten zehntausend einstmals zusammenhingen.
Und kaum sehen sie in der Ferne die Kugelsterne, so wird's auch gleich wieder sehr hell vor ihren Geisteraugen – und sie erblicken wieder mal nach langer, langer Zeit die Spinngewebefäden, die alle straffgespannt in parallelen Linien von den Geistern zu den Kugelsternen hinführen.
Die Scheren der weißen Vögel sind offenbar nicht scharf genug gewesen.
Molchgesichter gucken oben aus grauen Wolken herunter und schmunzeln.
Und die zehntausend fühlen wieder die alte Sternschwere auf ihren Schultern.
Und die Heimkehrenden atmen auf, als wären sie erlöst.
VIKTORIA!
Inhaltsverzeichnis
Und die Geister, die lange von ihren Sternen getrennt waren, sind wieder mit ihnen zusammen – und gehen auf ihnen herum – und freuen sich.
Aber ein ungeheurer Kanonendonner schallt ihnen jetzt entgegen.
Und die schwarzen Diener, die wie alle Molche gern überall herumklettern, kommen den Geistern entgegen und bitten sie, die Ehrenpforten zu durchschreiten, die extra zu ihrer Begrüßung erbaut sind.
Die Geister, die sich jetzt auf den verschiedenen Sternen also begrüßt sehen, werden verlegen.
Das Kanonengedonner wird immer stärker, daß die Ohren sausen.
Und die schwarzen Diener rufen mit ihren Molchmäulern: »Viktoria! Viktoria!«
Da fragen etliche Geister, was denn das Geschieße bedeuten soll.
Da antworten die Diener mit ihren Molchmäulern: »Wir glaubten, daß die Nerven der Herren Wurmgeister durch die lange Fahrt wohl so überreizt sein dürften, daß nur noch ein allgemeiner Kanonendonner eine wirkungsvolle Begrüßung abgehen könnte.«
Die Herren Wurmgeister hören zwischen dem Kanonendonner immerzu die Molchmäuler rufen: »Viktoria! Viktoria!«
Und dieser Empfang wird ihnen recht peinlich.
Doch sie nehmen auch diese etwas zweifelhafte Ovation ruhig hin und sind froh, daß sie endlich wieder zu Hause angelangt sind; vieles hat sich ja zu Hause verändert, doch die Hauptsache scheint intakt geblieben zu sein.
Bloß dieser Knipo ärgert sich über dieses Geschieße und über dieses Viktoriageschrei!
Er war auf seinem Stern der einzige Geist, der mal fort wollte – und zwar mehr der Mode denn der Neigung zur Freiheit wegen – und nun soll er sich diesen Empfang gefallen lassen! Er spricht zu den Schwarzen:
»Meine Herren! Mir ist niemals begreiflich gewesen, wozu dieser ganze Entwicklungsrummel, den ich mitzumachen die Ehre hatte, inszeniert wurde. Ich muß mir daher die Ehre, die Sie mir jetzt noch zum Schluß erweisen wollen, ganz ergebenst verbitten – denn ich habe nichts erobert und nichts profitiert, so daß Sie kein Recht haben, mich als heimkehrenden Helden zu feiern. Das ist ja veritabler Hohn von Ihnen!«
»Was?« schreien da die schwarzen Diener, »Sie wollen durch die lange Fahrt nichts profitiert haben? Sie sind ja ein ganz undenkbares Kamel, Herr Knipo! Erinnern Sie sich doch an die weißen Vögel, an die Leitern, auf denen wir Ihnen was vorkletterten, an die langbeinigen Geister, denen die Himmelsstücke auf den Kopf fielen – und an all die anderen großen Eindrücke, die auf Sie eingestürmt sind mit so großer Vehemenz. Dadurch soll Ihre werte Entwicklung nicht gefördert sein? Davon wollen Sie nichts profitiert haben? Aber Herr Knipo, sehen Sie jetzt nicht die Welt mit ganz andren Augen an? Sehen Sie sich doch mal um!«
Und Knipo, ein ehrlicher Mann, erinnert sich an alles und blickt sich um – und sieht seinen Stern ganz verändert – überall Architektur mit Türmen, Mauern und Balustraden.
Und Knipo empfindet, daß er auch ganz anders geworden ist – seine Gedanken sind andere, denn seine Erinnerungen sind andere.
Und Knipo stottert nach einiger Zeit: »Verzeihen Sie mir! Ich erkläre Ihnen, daß ich bittres Unrecht tat, als ich mein Schicksal tadelte! Die Entwicklungen, die ich durchmachen durfte, sind nicht ohne Einfluß auf mich geblieben. Es ist mir manches, was ich früher nur vom Hörensagen kannte, in Fleisch und Blut übergegangen; die letzten Worte verstehe ich natürlich nur bildlich.«
»Sehen Sie«, sagen da die Diener, »da können Sie also auf unserm Stern fürderhin ein wertvoller Entwicklungsfaktor werden. Jetzt können Sie mal treibende Kraft spielen. Sie werden unsern Spaß und unsern Ernst verstehen, wenn Sie über Ihre Erlebnisse ruhig nachdenken – und mit uns fördern wollen, was zum Besten unsres Sterns ist – dessen Diener wir doch alle sind. Einem Stern können nur die Leute etwas nützen, die sich Mühe gaben, sich zur Selbständigkeit zu entwickeln.«
Knipo steht ganz still und sieht die Schwarzen lange an – und die verbeugen sich – und einer von ihnen fragt höflich: »Wollen der Herr Knipo vielleicht göttlich verehrt werden? Wir sind allesamt gerne bereit, Ihnen göttliche Ehren zu erweisen – und die Leute, die hier auf diesem Sterne leben und uns nicht sehen können, würden auch sehr glücklich sein, wenn sie zu Ihnen so vertrauensvoll aufblicken dürften wie zu einem Gott. Die Bewohner unsres Sterns sehnen sich grade nach einem neuen Gott mehr denn je.«
Und Knipo erwidert einfach: »Ich danke Ihnen für Ihr Anerbieten, muß es aber ablehnen, eine Rolle zu spielen, die ich heute und morgen noch nicht ausfüllen kann.«
Und er dreht sich so einfach um wie ein Mann, der die gefährlichsten Leidenschaften endgültig überwunden hat.
Und während das Kanonengedonner ruhig seinen Fortgang nimmt, steigt Knipo langsam auf den nächsten Turm und wirft sich dort oben etwas ermüdet in den ersten besten Thronsessel. –
Und jetzt denkt er in seinem Thronsessel darüber nach, wie er wohl die Entwicklung seines Sterns fördern könnte.
Die andern Geister, die die lange Fahrt mitmachten, denken ein Ähnliches.
Aber von den Billionen Geistern, die ausfuhren, um das Diadem der Gottheit zu erobern, sind erst sehr wenige zurückgekehrt.
Knipo denkt an die lange Fahrt und ordnet seine Erinnerungen.
Und die anderen Geister, die mit Knipo so lange zusammen waren, tun ein Ähnliches.
ENDE
Liwûna und Kaidôh
Inhaltsverzeichnis
Es schneit Jasminblüten.
Und ich schwebe in dem Jasminblütenschnee ganz langsam, als hätte ich Zeit – viele tausend Jahre nur so hinzuschweben in duftenden Blüten. Betäubend ist der Duft und es ertönt unter mir lautes Gelächter – das wird immer stärker – so stark wie wildes Donnern.
Der lachende Donner wird aber bald schwächer und verhallt in der Tiefe.
Und ich höre nichts mehr von dem grossen Lachen.
Es verschwinden auch die Jasminblüten – die letzten fallen schnell hinunter.
Der Vollmond scheint mir ins Angesicht. Ich schwebe zwischen weissen, flockigen Wolken, die eben so vom Vollmonde beschienen sind wie mein Angesicht, höher und höher.
Es geht immerzu hinauf, und es geht so leicht; ich brauche nur die Fusszehen zu bewegen.
Der Mond wird kleiner und geht zur Seite als kleiner Stern.
Und dann sehe ich nur noch Sterne – über mir – unter mir – und überall.
Schwarz ist der Himmel, und die Sterne sind alle zu sehen – auch die kleineren.
Ich schwebe leicht durch die unzähligen schimmernden Sterne durch – weiter hinauf in die dunkleren Räume, in denen nicht mehr so viele Sterne leben.
Es ist da so kühl.
Und mir ist so, als schwebe was neben mir.
Es sind leichte, feine Gewänder – weisse – zarte.
Und ich frage leise:
»Wer ist bei mir?«
Und ich höre eine ferne Stimme sagen: »Dein Weib ist bei dir – die Frau, nach der du dich gesehnt hast, so lange, lange Zeit.«
Und ich antworte still:
»Ich erinnere mich gar nicht mehr, dass ich mich mal nach einem Weibe oder nach einer Frau gesehnt habe. Das hab ich wahrhaftig beinah vergessen.«
Im weiten, dunklen Himmel werden jetzt Farben wach.
Mit verwehten olivgrünen Wolkenschleiern beginnt es. Hinter den Schleiern entstehen dunkelgrüne Flecke, die rund werden und bald kleiner und bald grösser erscheinen. Und flockiges, rosa leuchtendes Gewölk sinkt von oben dazwischen und hängt bald wie zerzauste Watte da – so still wie alte Träume.
Aus allen Wolken fallen Bänder, die sich ringeln und immer dünner werden – so dünn wie Haare. Blond sind die Haare, sie verlieren allmählich das Krause und hängen sich in schlaffen Strähnen über die dunkelgrünen runden Scheiben, die starren Augen gleichen. Die olivgrünen Wolkenschleier schwanken, als wärens Schaukeln. Das rosa leuchtende Gewölk hängt dazwischen ganz ruhig. Die blonden Haare zittern vor den grünen Augen.
Neben mir sagt nun eine mir sehr bekannte Stimme:
»Weisst du immer noch nicht, wer bei dir ist? Blick mich doch einmal an!«
Ich drehe den Kopf und sehe eine Frau neben mir; sie hat grosse, meergrüne Augen. Ich weiss, wer es ist. Aber ich fühle keine Erregung; es wird nur noch stiller in mir.
Wir schweben oben durch das rosa leuchtende Gewölk zusammen empor – immer höher. Sie bleibt bei mir.
Und die Farben verschwinden unter uns.
»Ich bin nicht so, wie du denkst!« sagt sie da plötzlich.
Ich bewege heftig meine Fusszehen und fliege hinauf wie ein Pfeil; die Sterne sausen neben mir runter, als wenn sie fielen. Ich bin sehr ungeduldig.
Doch meine Begleiterin bleibt an meiner Seite. Ich fühls; es geht langsamer.
Aus dem nachtschwarzen Himmel tauchen abermals farbige Wolken heraus, diesmal sinds purpurrote und goldene Wolken; sie ziehen sich in langen Streifen rund um den Raum, sodass ich die Empfindung habe, in einem schwarz-roten-golden gestreiften Bienenkorbe emporzuschweben.
Ich drehe meinen Kopf meiner Begleiterin zu und sehe, dass sie anders aussieht. Ihr Gesicht ist mir allerdings wiederum sehr bekannt; heisse, braune Augen und rote Backen glühen mir wild entgegen.
Ich bewege wieder meine Zehen und schiesse oben aus dem Bienenkorbe raus.
Doch meine Begleiterin schwebt an mir vorbei, und ich erschrecke.
Sie ist jetzt so furchtbar gross und üppig wie eine Riesendame auf Jahrmärkten.
Sie schwebt dicht vor mir, und ich höre, wie sie leise sagt:
»So küss mich doch!«
Ihr Gesicht kann ich nicht sehen, ich sehe nur ihren breiten, weissen Nacken und zwei lange, braune Zöpfe, die auf einem gelben Seidenkleide hin- und herpendeln.
Ihr Kopf ist mit meinem Kopf in der gleichen Höhe, und ich komm ihrem Rücken ganz nahe und greife mit der Linken in ihren vollen Arm. Doch die Hand geht gleich durch ihren ganzen Leib, und die Riesendame lacht wie ein Kobold.
Und sie sagt lachend:
»Ich bin doch nicht aus Fleisch und Blut. Was fällt dir denn ein? Ich bin doch Liwûna. Und du bist doch Kaidôh. Weisst du das noch nicht?« Ich muss lächeln und erwidre traurig:
»Also Kaidôh bin ich? Na ja, ich ahnte ja stets, dass ich was andres sei.«
»Natürlich!« ruft sie, »sonst könntest du doch nicht so fein fliegen. Wir sind beide aus sehr feinem Stoff; Luft ist plump wie Blei dagegen. Pass auf, was deine lustige Liwûna machen kann.«
Dabei dreht sie sich um, zieht aus der Rocktasche ihres gelbseidenen Kleides zwei grosse Gewichte hervor, die viele Centner schwer zu sein scheinen, und hantelt mit den Centnergewichten, dass ihr die blauen Adern auf der Stirn und an den Schläfen anschwellen.
Ich frage sie, was das soll.
Da thun sich die Centnergewichte auf, und es fallen lauter Botokudenregimenter mit Schornsteinfegern untermischt aus den Gewichten heraus. Die Kerls sehen so klein und drollig aus, dass ich herzlich lachen muss.
»Gefall ich dir jetzt endlich?«
Also fragt sie nun sehr rauh.
Und ich muss noch mehr lachen, bewege aber gleichzeitig wieder meine Zehen, um höher zu kommen.
Die Riesendame verschwindet unten, und ich denke mir, dass sie nicht so schnell fliegen kann – da sie ja so dick ist. Doch ich irre mich, denn ich fühle sehr bald, trotzdem ich mit rasender Hast höher steige, ihre Nähe wie zuvor.
»Du entfliehst mir doch nicht!« flüstert sie hinter mir – mit einer ganz anderen Stimme.
Ich drehe mich rasch um und blicke in ein kleines, feines, sanftes Gesicht mit grauen Augen, die so ernst und milde glänzen – wie ein guter Geist.
Und sie flüstert:
»Ich will so sein, wie du es willst. Ist dir das noch immer nicht genug?«
Es liegt so viel Sehnsucht in diesen Worten, ich werde weich und sage sanft:
»So schaff mir neue Welten – ganz neue, die ich mir noch niemals ausgedacht habe und auch gar nicht ausdenken kann.«
Und ich höre die Liwûna erwidern:
»Liwûna thut alles.«
Und dann verlässt sie mich.
In der Ferne höre ich sie rufen:
»Kaidôh! Kaidôh!«
Es wird alles dunkel und zuletzt ganz schwarz vor meinen Augen.
Das Schwarze bleibt lange.
Allmählich wirds aber drüben an einer Stelle heller, und ich sehe einen Stern – der sieht aus wie ein riesiger Diamant mit tausend feingeschliffenen Ecken und Kanten.
Und der Sterndiamant dreht sich um sich selbst.
Und seine Farben brennen.
Mächtige, prächtige Lichtkegel in allen möglichen Farben drehen sich zuckend und zitternd durch die schwarze Nacht.
Und die Farben brennen sich mir ins Auge, dass ich geblendet werde.
Diamantenbrand!
Ein buntes, ecken- und kantenreiches Farbenfeuer mit glitzernden Flächen, die sich immerfort durcheinander schieben.
Und die spitzen Funken sind so grell.
Ich muss die Augen zumachen.
Ich halts nicht aus.
Ich fühle, dass Liwûna mich fortzieht – ich bewege krampfhaft die Zehen.
»Du kannst das nicht aushalten,« sagt sie mitleidig.
Und ich werde sehr unruhig; Angstgefühle klemmen mir die Brust zusammen.
»Ich kann das nicht aushalten,« spreche ich tonlos nach.
Wir schweben weiter. Ich kneife die Augen fest zu; sie thun mir weh. Und dann bitte ich die Liwûna, mir andre Welten zu zeigen, die ich wenigstens ansehen kann.
Sie redet mit sanfter Stimme lange Zeit auf mich ein, und ich wage es danach, wieder die Augen zu öffnen.
Ich schwebe in einem zerklüfteten, schwarzen Gebirge. Die steilen Felswände sind so hoch, dass ich oben Stein und Himmel nicht mehr unterscheiden kann. Der Himmel wird immer dunkler. Und unter uns ist alles sehr tief, und in der Tiefe ziehen sich graue Nebelstreifen wie Schlangen hin.
»Langsam!« ruft mir meine Begleiterin zu.
»Ich weiss,« fährt sie fort, »dass du etwas suchst, aber ich weiss auch, dass du noch nicht weisst, wie das aussieht, was du suchst.«
»Ja,« versetzte ich rauh, »ich weiss nicht, was ich suche. Dass ich aber etwas suche, das weiss ich. Ich suche?«
Es umweht mich kühlende Luft. Liwûna sehe ich nicht, ich fühle nur ihre Nähe – und das thut sehr wohl.
Da entdecke ich in der schwarzen Felsenwand einen Spalt, der hell ist. Ich nähere mich dem Spalt und blicke in ein grünes Wunderreich.
Lauter grüne Pilze! Sehr grosse Riesenpilze mit wunderlichen Pilzdächern – gezackten und gespreizten! Und auch viele kleinere Pilze in allen denkbaren Grüns. Viel giftiges und viel glänzendes Grün – helles und dunkles – totes Grün und ein Grün, das so voll echter Lebensgier ist. Diese grüne Welt kann ich ruhig anschauen. Das Auge wird beruhigt durch das viele Grün.
Kleine, weisse Elephanten mit hellgrünen Libellenflügeln fliegen emsig von Pilz zu Pilz. Und es strömt überall ein scharfes Licht aus dieser grünen Pilzenwelt. Die weissen, fliegenden Elephanten krümmen drollig ihre Rüssel, als wenn sie lachen möchten. Sie lachen aber nicht – ich kanns wenigstens nicht hören. Vielleicht lachen sie innerlich – wie die falschen Narren.
Ich wende mich ab und schwebe weiter durch eine grosse, schwarze Schlucht.
Die schwarzen Felsen sind nur ganz matt erleuchtet. Das Licht kommt aus der Tiefe, in der sich die grünen Nebel zusammenballen wie Fäuste. Oben sind keine Sterne. Der Himmel ist so schwarz wie die Felsen.
Ich möchte hinaus aus der schwarzen Schlucht. Liwûna will aber nicht. Sie hat jetzt ein so gelbes, glattes, hartes Antlitz, als wärs aus Elfenbein. Und sie zeigt mit der Rechten auf ein rundes Loch in der Felsenwand. Ich sehe durch und – wieder was andres.
Da drinnen ist alles bunt und glitzernd. Eine Glanzwelt! Blumen sinds nicht, Blätter auch nicht. Es sieht aus, als seien da Milliarden Schmetterlingsflügel durcheinander geschüttelt. Es sind aber keine Flügel, denn alles scheint sehr dick zu sein. Die blauen und roten Töne sind so verschiedenartig wie die violetten und gelben. Und sie sind gleissend hell wie durchsichtiges Email, das ich so liebe. Und die Muster sind zierlich verschnörkelt mit krummen Hörnern und gekräuselten Bändern. Goldene Riesenkäfer kriechen über die Emailwälder. Die Käfer kriechen bloss nicht.



