Gesammelte Science-Fiction & Dystopie Romane (12 Titel in einem Band)

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»Suchst du immer noch?«
Also fragt neben mir die Liwûna.
Und ich weiss nicht, ob ich noch suche.
Mir ist wie in einem wirren Traume. Ich habe so viel vergessen, und ich möchte doch so viel behalten. Liwûna ruft drohend:
»Kaidôh! Kaidôh!«
Ich schrecke zusammen und taste mit den Händen um mich, doch ich fühle nichts. Auch der schwarze Stein lässt sich nicht anfühlen; die Hände gehen ohne Empfindung durch. Ich kehre der Glanzwelt den Rücken, bewege wieder die Zehen und schiesse in die Höhe – immer höher – aber aus der schwarzen Felsenschlucht komme ich nicht raus. Plötzlich giebts einen Krach, und auf allen Seiten fällt was runter, und ich habe das Gefühl, dass alle schwarzen Felsen in die Tiefe fallen.
Und ich blicke in eine Spiegelwelt.
Lauter Spiegelwände! Grade und krumme Spiegel – in verschiedenen Winkeln stehen sie zu einander. Oben sind auch Spiegel kantenreich durcheinander gestellt – unten nicht.
Ich sehe Liwûna in den Spiegeln viele tausendmal. Sie hat noch ihr Elfenbeingesicht – grüne Augen funkeln darin. Sie starrt mich an allen Ecken und Enden wie eine richtige Medusa an.
Neben der Liwûna erblicke ich ein anderes Wesen.
»Das ist Kaidôh!« sagt sie neben mir.
Kaidôh sieht ernst aus und hat eingefallene Augen, die grau sind, vergrämt und ruhelos umherschweifen wie die Augen der Diebe.
Kaidôh nickt der Liwûna zu und spricht zu ihr in all den tausend Spiegeln. Was spricht Kaidôh?
Seine Stimme tönt hell und splitternd – es ist aber nur eine einzige Stimme.
Er sagt langsam und hört sich dabei:
»Das Glück ist stets in dem Andern. Deswegen müssen wir der Andre werden. Wir müssen nach dem Andern suchen. Wenn wir suchen, ohne zu wissen, was wir wollen, so suchen wir immer ein Andres – das ist das Unbekannte – das Fremde – das ist es, was wir herbeisehnen. Und wir sehnen uns nach der grossen Ueberführung. Für gewöhnlich verstehen wir uns nicht. Es ist jedoch kein einfaches Hinübergehen – wir müssen hinübergeführt werden – ins Andre hinübergeführt werden – von dem Geist, der uns immer begleitet. Das Eigene müssen wir vergessen – aus uns herauskommen – nur dadurch kommen wir in uns hinein. Eine sehr drollige Geschichte – aber auch eine sehr ernste – so schauerlich ernst wie der Unsinn, der uns als Wahrheit erscheint. In den Spiegelwelten sehen wir die Wahrheit im Unsinn und auch den Unsinn in der Wahrheit. Alles ist verzerrt und verschoben – Fratzenreich! Aber so ist immer die Welt, wenn sie sich uns von sehr vielen Seiten zeigt. Wir müssen sie im ganzen fühlen – fühlen im ganzen.«
Liwûna führt den Kaidôh fort, streichelt seinen Kopf, der ihm weh thut – so furchtbar weh. Kaidôh weint – weint.
Liwûna weint mit – in allen Spiegeln.
Und sie führt ihren Kaidôh weiter durch die schwarze Schlucht, die wieder da ist – durch die schwarze Felsenschlucht, in der keine Sterne leben – in der nur ein graues Dämmerlicht heraufdringt aus der Tiefe – aus den Nebeln, die da leuchten.
Und die Liwûna führt ihren Kaidôh hinunter in das stille Nebelreich, in dem die grossen Schläfer träumend schlafen.
Das Reich der Schläfer ist sehr, sehr gross. Sie liegen unten unter den Nebeln mitten in der freien Luft – umhüllt von feinen, perlgrauen Schleiern. Die Nebel bilden den Himmel der Schläfer. Sie liegen neben-und untereinander – aber berühren thun sie sich nicht. Die Luft ist ihr Bettzeug. Die feinen, perlgrauen Schleier hängen schlaff wie die Zweige der Trauerbirken, einige Schleier zittern und bewegen sich, als würden die Körper von tiefen Seufzern durchzogen.
Es schlafen da Riesen und Zwerge und Wesen mit seltsamen Gliedern, Tiere mit tausend Köpfen und Kinder mit einem Kopf, der grösser ist, als ihr Leib. Alle schlafen und träumen – einzelne schnarchen ein bischen – doch nicht zu laut. Zuweilen bewegt sich ein Fuss oder ein Arm. Lange Haare hängen an manchem Haupt – und die Haare bewegen sich – ganz wenig im Takte, wie die langen Perpendikel alter Uhren. Es ist so still im Reiche der Schläfer.
Und die Liwûna erzählt ihrem Kaidôh von den Träumen der Schläfer, und sie führt ihn dorthin, wo Kinder und Knaben träumen. Und die Beiden legen sich über den Träumenden genau so in die Luft wie die Kinder und Knaben.
Und leise flüstert die Liwûna:
»Alle, die hier im Nebelreiche liegen, hatten soviel geträumt – ihr ganzes Leben hindurch. Im Traume schwebten sie durch viele Sonnen, Monde und Sterne. Dann aber kam eine Nacht, in der sie nicht mehr von all den Glanzwelten träumten. Ihre Freude am Traumleben war zerstört – von einer unsichtbaren Hand. Und die Nacht wurde finster. Sie lagen da in banger Pein, und ihnen wurde so schwer. Sie fürchteten sich auf einmal vor einer schweren Stunde; ihnen war so, als käme das grosse Schweigen heran. Und sie hatten Angst vor dem grossen Schweigen – Angst vor dem grossen Sterben. Und dann dachten sie an die ersten Jahre ihres Lebens – an Eltern, Freunde und Frauen – an Kinder und Greise – an alte Möbel und alte Stuben, die gar nicht mehr da waren, oder zerfielen, wie altes Gemäuer am Meeresstrande, wenn die grossen Wogen unaufhörlich gegenschlagen. Und die Gedanken an das Vergängliche machten so schwer; die schweren Hände wollten noch was greifen – aber sie wussten nicht, was. In der Finsternis nur bleiche Angst und Herzenskrampf.«
Und dem Kaidôh wird zu Mute, als träume er noch einmal einen langen Kindheitstraum; in dem Traume entwickelt sich alles sehr schnell, der Träumende wird älter und anders, und empfindet zugleich, dass er das Aelter- und Anderswerden nur träumt.
Und die Liwûna fährt leise fort:
»Und da packte die Traurigen, als die schweren Stunden allnächtlich wiederkehrten, ein neues Empfinden an. Sie näherten sich langsam dem grossen Geiste, der überall ist – auch in ihrer Brust. In seiner Nähe fanden sie ihre alte Traumruhe wieder, und sie vergassen ihre Angst und gaben sich in der geheimnisvollen Stille der Finsternis ganz dem Grossen hin, der keinen Namen hat – der das Ewige ist – der bleibt, wenn auch alles vergeht. Ging es dir nicht ähnlich, mein lieber Kaidôh?«
Ein paar Kinder öffnen unten ihre kleinen Fäuste und irren mit den kleinen Fingern durch die Luft.
Kaidôh träumt noch und empfindet das Verwirrende und Erschöpfende des Traumes; er möchte aufwachen, kann aber nicht – es liegt sich auch so gut und weich.
Es ist so still im Reiche der Schläfer. Kaidôh lächelt und nickt, er wundert sich, dass Liwûna so viel weiss, und während er von schwankenden Kornfeldern träumt, sagt er nachdenklich:
»Ja! Die Sehnsucht nach der zerstörten Vergangenheit ist die schwerste Sehnsucht; sie gebiert die bittersten Stunden der Wehmut. Und alles andre, was Liwûna sprach, stimmte gut zusammen – wusste sie noch von mehr?«
Seine ganze Vergangenheit zog vor ihm vorüber.
Ich weiss noch,« versetzte Liwûna schnell, »von deinem lautlosen Gebet.«
»Sei still!« sprach Kaidôh, »lass uns weiter schweben. Wir wissen nicht, ob wir die Schläfer stören – sie wollen doch weiter träumen.«
Und die Beiden erhoben sich, indem sie mit den Armen um sich griffen, reckten ihre Glieder und verliessen das Nebelreich – schwebten empor und weiter durch die schwarze Schlucht, in der die Dämmerung so schwer an den Steinen hing, wie die schweren Stunden, in denen alles zu Ende zu gehen scheint.
Kaidôh klagte über die Schwere.
Da wandte sich Liwûna zur Rechten und schwebte durch ein gewaltiges Felsenthor.
Kaidôh folgte.
Und blaues Licht umfloss die Beiden.
Das blaue Licht leuchtete wie Geisteraugen. Aber es umfloss nicht bloss Liwûna und Kaidôh – es hing sich auch an viele schwebende Köpfe, die wie blaue Schneeflocken aus der Lichthöhe herunterrieselten. Die schwebenden Köpfe waren auf der Schädelplatte sehr stark behaart, und alle hatten Vollbärte, die den ganzen Hals verdeckten. Und das blaue Licht hing an den Köpfen, als ob es sie herunterzöge.
Liwûna sagte, das wären lauter Denker – grosse Denker – weises Volk!
Und in den Haupthaaren der Denker fing es plötzlich zu brennen an; buttergelbe Flammen schlugen aus den Hirnschalen heraus, und durch die brennenden Haare entstand ein grosser Feuerregen – buttergelb war der. Liwûna schwebte mitten in den Feuerregen hinein; die gelben Funken rieselten knisternd um die perlgrauen Gewänder, die so dünn erschienen wie feinste Schleiergebilde.
Kaidôh erschrak; er glaubte, die Liwûna müsste gleich Feuer fangen und brennen wie die Hirnschalen der Denker.
Und besorgt flog der Erschrockene zu Hilfe.
Doch seine Freundin wandte sich lächelnd um und meinte lustig:
»So ganz gleichgültig scheine ich dir also nicht mehr zu sein. Das freut mich. Aber Angst brauchst du meinetwegen nicht auszustehen. Mir schadet das Feuer der Denker ebenso wenig wie dir. Warum wunderst du dich nicht, dass wir gar nicht Feuer fangen können?«
Kaidôh gab keine Antwort, und sie flogen rasch durch die brennenden Köpfe durch in ein grosses Blumenreich.
Berauschender Duft steigt da den Beiden in die Nase. Der Himmel ist hell und weiss wie Kreide. Doch unten blühen Riesenblumen – so hoch wie Berge – Blütenkelche so tief wie Thäler –Staubfäden wie schwankende Leuchttürme. An einer langen Mauer hängen Weintrauben, die so gross sind wie dicke Bündel aufgeblasener Luftballons.
Ringsum ein Urwald aus Riesenblumen!
Glockenblumen, die grossen Tempelhallen ähneln! Rosenstengel, die nicht von tausend Gorillas zu umspannen wären! Lilienkelche – so tief wie Kellergewölbe in alten Burgen.
Lauter farbenstrotzende Blumenwälder unter dem weissen Kreidehimmel! Sehr viele dicke Blumen haben Blütenblätter – die sind gemustert – wie zusammengeknotete Salamander und Schlangen. Manche Blüten bestehen aus riesenhaften Schmetterlingsflügeln – faltenreich geknillt, verbogen und verschoben sind die. Und alles ist schrecklich bunt und so sammetartig. Der Blütenstaub liegt an vielen Stellen so dick, dass er farbigen Schneemassen gleicht.
Eine Riesen-Gärtnerei!
Die schweben langsam über den grossen Blumen dahin und blicken immerzu staunend in die Tiefe.
Und erst nach geraumer Zeit brach Kaidôh das Schweigen.
»Früher,« bemerkte er, »kam mir die Welt fast immer drollig vor; ich musste über alles lachen. Und jetzt empfinde ich nicht den geringsten Lachreiz, obwohl diese Riesenblumen einen ernsten Eindruck kaum erzeugen. Wie kommt es, dass ich so wenig lache? Kannst du mir das erklären?«
Liwûna lächelte und sah recht zufrieden aus. Sie hatte jetzt hellbraune Augen und strohgelbe Haare. Sie erwiderte:
»Die Welt wäre sehr eintönig, wenn sie fortwährend drollig wirken wollte. Sei doch froh, dass sie dir mal anders kommt. Das Trübe ist so selten unerträglich, und es ist dabei so notwendig an der Pforte der Klarheit. Diese würde uns ohne jenes gar nicht als Klares zum Bewusstsein kommen. Und du weisst doch: nur das Klare lacht hell! Ich freue mich übrigens, dass du dich schon mit mir unterhalten magst. Aber das Lachen, von dem du vorhin sprachst, lernt man zumeist nur dann, wenn man lange Zeit von vielen verbissenen Möpsen umgeben ist – und das wird dann gar kein helles Lachen. Den Möpsen hab ich dich nun entführt – die siehst du nie mehr wieder – daher lachst du nicht mehr so – wie du's gewöhnt warst. Du hast es ja gar nicht nötig, über die Verbissenheit zu lachen; die liegt ja hinter dir.«
Liwûna lachte nach dieser Rede so laut und hell, dass aus allen Blütenkelchen ein tausendfaches Echo herausschallte. Das Echo war so fein und vielstimmig, dass die Beiden lange voll Entzücken dem Wohllaute lauschten. Und der stumpfe, weisse Kreidehimmel ward klarer.
Es tauchten unten aus der riesigen Blumenwelt alte Tempelruinen empor; sie gaben dem Gespräch eine andre Richtung.
»Sieh mal,« sagte Kaidôh, »hier entwickelt sich in mir wieder der Schmerz um die zerstörte Vergangenheit. Ich vermag es nicht, diesem Schmerze zu entfliehen. Es ist keine trübe Wehmut, die nur im eingebildeten Unmut weh thut – es ist echter, richtiger Schmerz.«
»Der wird dir wohl ganz dienlich sein.«
Also lautete Liwûnas Antwort.
Und Kaidôh hatte das Gefühl, als tasteten alle Weltwesen wie die Blinden in der Welt umher – alles schien ihm unsichere Tasterei zu sein.
Die Ruinen konnte er gar nicht überschauen – so gross waren sie. Sie waren auch stellenweise so überwuchert von Dorngestrüpp. Und er empfand es sehr schmerzlich, dass die Liwûna so schnell vor ihm weiterflog und sich gar nicht nach ihm umdrehte. Er hätte so gerne die Ruinen länger angesehen, um einen Ueberblick zu gewinnen. Es ging aber nicht; die Liwûna flog zu schnell.
Bald zogen auch weisse Wolken unter seinen Füssen vorüber und verhüllten die ganze Blumenwelt und alle Ruinen.
Als sich die weissen Wolken wieder auflösten, lagen mächtige schwarze Felsen unter ihnen. Und als sie nach oben blickten, waren auch oben schwarze Felsen.
Die beiden schwebten durch eine grosse schwarze Felsenhöhle, in der es immer dunkler wurde.
»Ein Blick in den Sternenraum,« rief Kaidôh, »ist doch das Grösste in dieser Welt. Warum, Liwûna, zeigst du mir keine Sternenwelten? Sind die alle zu gross für mich?«
Es wurde ganz dunkel. Und Liwûna war nicht mehr zu sehen. Sie rief aus weiter Ferne: »Kaidôh! Kaidôh!«
Das klang so voll Jubel, dass er gleich hinstürmte; er bewegte dabei so heftig die Fusszehen, dass sie ihm weh thaten.
Als er wieder die Nähe seiner Freundin fühlte, hörte er sie leise rufen:
»Duck dich, Kaidôh! Hier ist der Ausgang! Komm! Komm!«
Er folgte und sah plötzlich rauschende Lichtfülle und – unzählige funkelnde Sterne.
Und Kaidôh sah hinab – und unten glühten in grausiger Tiefe unzählige rote Sterne – die bewegten sich alle hin und her.
Und Kaidôh sah hinauf – und da drehten sich Sterne um sich selbst – die schimmerten so wie Perlen.
Und Kaidôh sah gradaus und rechts und links – und da wanden sich unzählige bunte Sterne durch den Raum – die hatten eckige kantige schlauchartige und linsenförmige Gestalt.
Und Kaidôh sah hinter sich und erblickte eine riesige schwarze Felswand – die ging nach oben, nach unten und nach allen Seiten der Fläche steil und grad als glatte Platte ins Unendliche.
Liwûna schwebte nicht weitab von Kaidôh. Beide liessen sich seitwärts wehen von einem sanften Himmelswinde.
»Jetzt kommt ein Stern ganz nahe vorbei!« rief die Liwûna.
Und es schwebte durch die Luft ein Stern heran, der wie ein plumpes Ungeheuer aussah – wie ein höckriger Schlauch. Eine ungeheure, unregelmässig nach allen Seiten aufgequollene Weltenmasse – mit kurzen bunten Rüsseln – bunten Raupen ähnlich! Wie Fühlhörner bewegten sich die Rüssel. Und dicke spitze Stachel bedeckten den ganzen Leib des Sterns. Einen Kopf hatte das Vieh nicht; wo man vorn den Kopf vermuten konnte, kam weisser Dampf aus vielen Löchern hervor. Aus einzelnen Rüsseln wirbelten ebenfalls weisse Dampfwolken nach allen Seiten. Der Dampf kam stossweisse und ging schnell auseinander.
Während das Ungeheuer vorüber flog, bewegten sich seine vielen Fühlhörner, die besonders auf den Höckern sassen, sehr heftig, als wenn sie die Nähe von feindlichen Wesen witterten.
Die plumpe Schlauchmasse, die sich in der Form immerfort veränderte und zuweilen einem zerknillten Kopfkissen ähnelte, drehte sich plötzlich um sich selbst und rollte sausend schnell davon, wobei sich viel weisser Dampf entwickelte, der wieder rasch auseinander ging.
Und Kaidôh wollte wieder seine Zehen bewegen – es gelang aber nicht.
Er blickte hinunter – und – oh! – seine Füsse waren so tief, dass er sie kaum noch zu erkennen vermochte.
Kaidôh war grösser geworden – und seine Füsse und seine Zehen ebenfalls.
Er musste laut auflachen.
Doch Liwûna rief heftig aus:
»Kaidôh! Das finde ich nicht hübsch, dass du über deine Grösse lachst! Du hast doch immer grösser werden wollen! Und jetzt, da du's bist, ist es dir wieder nicht recht? Ich glaube, du bist sehr undankbar und sehr launenhaft.«
»Ich lache doch,« erwiderte Kaidôh, »nur über die Grösse meiner Fusszehen, die ich jetzt gar nicht regieren kann.«
»Die brauchst du auch nicht zu regieren,« versetzte die Liwûna, »lass dich nur von den Wandwinden treiben.«
»Was sind Wandwinde?« fragte Kaidôh, »ich verstehe nicht, was du unter Wandwinden verstehst.«
»Thu doch nicht so,« gab da die Liwûna spitz zurück, »als ob du Alles verstehen möchtest. Ich kenne dich! Sei still! Es kommen neue Sterne.« Und die kamen auch näher – es waren lauter Glassterne.
Kaidôh brummte: »Sie wird dreist!«
Die Glassterne brummten ebenfalls – nur anders. Es waren nämlich viele hohle Sterne dabei mit Löchern, aus denen seltsame dumpfe Töne in die Weltlüfte drangen.
In den hohlen Sternen leuchtete ein grünes Licht, sodass sich die verschnörkelten Formen der Glasgebilde haarscharf vom schwarzen Welthintergrunde abhoben.
Manche Sterne ähnelten aufgeblasenen Fröschen, denen die Beine verloren gingen – und andere Sterne starren Tintenfischen. Dazwischen drehten sich helle regelrechte Kreisringe, in denen viele helle Farben schimmerten. Auch schwebten in der Nähe Würfel und Oktaeder, deren Flächen glitzerten, als wären sie mit Phosphor bestrichen.
Liwûna sagte leise:
»Glaube nicht, dass das Alles Glas ist. Es sieht nur so aus.«
Und Kaidôh sah Millionen kleiner Tiere auf den Glassternen hin- und herkrabbeln.
Einzelne der Sterne funkelten so stark, dass dem Kaidôh all die Farbenspiele durcheinander gingen. Er konnte oft nicht folgen.
Drollig wirkten grosse Ketten, deren Glieder aus vielen vielkantigen blauen Säulen bestanden.
Jedoch Kaidôh bemerkte bald, dass seine Augen immer stärker wurden. Er fühlte, dass er nicht blos grösser, sondern auch anders wurde. Leider wusste er nicht, ob er Grund habe, sich über das Anderswerden zu freuen. Liwûna schwebte weitab wie ein grosser grüner Schleierstern.
Und nun tauchten smaragdgrüne Balkensterne aus dem Dunkel heraus – die waren ganz mit grünen Wäldern bedeckt, die wie dunkles Moos auf den Balken sassen und wie Smaragde leuchteten. Kaidôh konnte erkennen, dass das grüne Licht unzähligen kleinen Häusern sein Dasein verdankte; die Häuser – die reinen Glühwürmer – lagen in den Wäldern so friedlich eingebettet – wie junge Katzen in Waschkörben – wenn es dunkelt und das Katzenauge funkelt.
Die grössten Balkensterne setzten sich aus sehr vielen Balken zusammen; die kleineren Balken waren fast alle in rechten Winkeln an die grösseren geleimt. Und die vielen rechten Winkel trugen so viel Berechnetes in sich, dass man glauben mochte, sehr fein ersonnene Weltwerkzeuge vor sich zu haben. Kaidôh dachte in dieser Richtung und meinte dann zu sich selber sprechend:
»Wozu ich mir über diese Sterne den Kopf zerbreche! Man kann sich noch so sehr verändern – Etwas bleibt doch immer in uns: jene Genuss hemmende Denkerei! Aber sie wird wohl nötig sein – sonst würde man wohl öfters vor purer Seligkeit platzen.«
Doch die Gedanken waren bald verscheucht. Raketensterne sausten vorüber – fix wie Kometen – zischend und rauschend.
Wie unheimliche Feuerspinnen kamen sie angerannt – in ihren Beinen züngelten zuckende Glutquallen. Bunte Augen sassen den Raketensternen auf den Zehen. Einige Sterne ähnelten glimmenden Knochengerüsten – und andre wilden Aalen.
Sodann prasselten Feuergarben aus den Sternleibern heraus; blaue und grüne Feuertropfen flogen hinunter und hinauf. Lange gewundene Feuersäulen – Riesenfinger – bogen sich hinüber zu den blauen und grünen Feuertropfen und durchstiessen die, sodass sie wie Ringe auf die roten Feuersäulenfinger hinaufglitten.
Kaidôh fuhr oft erschrocken in die Höhe, da ihm das feurige Spinnengebein recht nahe trat.
Eine ungeheure wie Quecksilber zitternde Feuerschlange schloss den raschelnden Zug.
Der letzten Schlange sassen auch ein paar grüne und blaue Feuerringe auf dem Leibe. Dieser Leib – rotglühendes Eisen – wand sich und zuckte, als läg er in heissen irrsinnigen Fieberkrämpfen.
»Wenn man die Welt,« flüsterte Kaidôh, »nicht mehr wiedererkennt – dann ist wirklich Alles anders. Und ich erkenne diese Welt nicht wieder, denn ich habe sie noch nie gesehen. Ich erkenne mich nun auch selber nicht mehr.«
»Du wolltest doch,« fiel da lebhaft die Liwûna ein, »unter allen Umständen das Andere. Ich fühlte sogar, dass du das wolltest. Jetzt hast du das Neue und das Andere – und jetzt ist es wiederum nicht recht. Ich werde deine Wünsche bald unbeachtet lassen, denn du willst offenbar noch Etwas, von dem man sich nicht einmal im Traume eine Vorstellung machen kann. Was du sagst und empfindest, ist gar nicht wichtig für dich. Deine Gelüste sind dir selber ein Rätsel. Kaidôh fühlt nur, dass er gar nichts fühlen kann.«
»Das mag stimmen!« brummte der grosse Kaidôh.
Aber zum Weiterreden kams nicht. Unter ihnen schwebten schon wieder neue Weltgebilde – die Schalensterne in allen möglichen Muschelformen mit krummen Schnäbeln.
In den Tiefen der vielen Schalen blitzte es wie von Brillantensplittern, und bei dem Blitzen bemerkte Kaidôh unter den krausen Rändern der Sterne ein tolles Weltgewürm, das grossen wackelnden Schornsteinen nicht unähnlich schien.
Und die Trompeten- und Trichtersterne gesellten sich mit den Schneckensternen auch zu den Weltschalen.
Das ward ein mächtiges Blasen und Brummen, Getute und Geschnarre und Gepfeife.
Wie Brummkreisel drehten sich die Trichter. Die Schnecken drehten sich ganz langsam – es waren nur die Gehäuse.
Und lange Glockenketten schaukelten und wackelten wie fliegende Guirlanden mitten durch, dass die andern Schalen ausbiegen mussten.
Das dumpfe Gebrumm der Glocken klang so alt, als stäken lauter längst verfallene Welten in den Glocken.
»Hörst du,« sprach Liwûna, »mit den Glockentönen steigt wieder eine alte Zeit in dir herauf. Ja, das Neue macht es nicht. Ich will dich verstehen. Dazu bin ich ja da.«
»Aber das Alte,« rief Kaidôh, »ist wieder so furchtbar schmerzhaft. Es lähmt die ganze Lebenskraft.«
»Es soll,« gab da leise seine Freundin zurück, »die Freuden dämpfen. Das Alte ist beim Weltgenuss so nötig wie das Gedankenspiel. Ist dir Beider Daseinsrecht nicht klar? Wenn dir die Erinnerungsschmerzen über den Kopf wachsen, dann musst du allerdings sterben. Das ist schon richtig. Doch mit jedem Tode sterben auch die Erinnerungen. Und ist das nicht auch gut? Wenn Etwas ganz stirbt – stirbt immer viel Schmerz zu gleicher Zeit mit. Ja – jedes Sterben ist eigentlich nur ein Sterben von Schmerzen.«
Kaidôh klatschte in die Hände und lachte, als verstände er auf einmal die ganze Welt von oben bis unten.
Und aus den Trichtern, Glocken, Schnecken, Muscheln und Trompeten scholl wieder ein tausendfaches Echo, das ein Weltlachen war, empor in den endlosen Raum. Das Echo hing blos nicht ordentlich zusammen – als wärs ein Echo von Liwûnas Worten.
Die Wandwinde bliesen gegen die beiden leichten Riesengeister an, dass sie weiterflogen.
Liwûnas Grösse entsprach der des Kaidôh, sodass dieser seine Begleiterin lange anschaute; eine so grosse Dame hatte er noch nie gesehen. Sie hatte langes pechschwarzes Haar mit einem Rubindiadem, ihr Gesicht war weiss wie Marmor, und aus den schwarzen Augen strömte ein grosser Glanz, der auch die nackten weissen Arme ganz hell machte. Oefters flackerten die grossen Augen, als rasten grosse Sonnen drinn.
Die Schatten der beiden Riesengeister gleiten auf der spiegelnden Wand wie zwei fliegende Pfeile dahin.
Und rasselnd steigen aus der Höhe abermals Sterne herunter – durchsichtige Mühlenräder sinds! Sie drehen sich und lassen alle die eine Seite sehen; die Scheibe ist erst eiförmig – dann rund – und zum Schluss wie am Anfange.
Und aus den Radreifen schlagen keilförmige Scheinwerfer raus – blaue, gelbe und orangefarbige – die drehen sich durch den ganzen Himmelsraum, als wärens Speichen von Riesenrädern – farbige Speichen. Und die Speichen drehen sich so schnell, dass Kaidôh dem flirrenden Farbenwirbel nicht mit den Augen folgen kann.
Er dreht sich um – und erblickt in der grossen schwarzen Felsenwand, die überall glatt wie ein Spiegel ist – das Spiegelbild der Rädersterne. Im schwarzen Spiegel sind die blauen gelben und orangefarbigen Streifen gedämpft. Kaidôh kann nun Alles von dem bewegten Farbenbilde in sich aufnehmen – die Helligkeit nimmt allmählich immer mehr ab.



