Gesammelte Science-Fiction & Dystopie Romane (12 Titel in einem Band)

- -
- 100%
- +
Und dann wirds wieder stiller in der Spiegelwand – andre Sterne erscheinen – Blattlappengebilde, die an vielen Stellen phosphorescieren – was ganz unheimlich in der schwarzen Spiegelwand wirkt.
Liwûna und Kaidôh sprechen über die verschiedenen Arten der Schwärmerei in kurzen abgebrochenen Sätzen.
Und nun folgen noch mächtige Wassersterne, deren Wogen nach allen Seiten hoch in die Höhe gespritzt sind – man könnte sie für Zinngebilde halten. Die Wassersterne sind aber nicht alle so wie Zinn – sehr viele sind rot wie Blut – zwei ganz grosse sind wie Gold.
Die beiden Riesengeister sprechen gegen die Felsenwand, ohne sich umzudrehen, vom Müdewerden. Dazu haben sie aber keine Zeit, denn jetzt wirds ganz bunt im Felsenspiegel – als schwebten Millionen Laternen durchs grosse All.
Kaidôh wird neugierig und wendet endlich den Kopf.
»Die Rauschlust kommt immer wieder!« schreit er wild – denn er sieht jetzt nicht blos die bunten Laternen – er sieht alle Sterne, die bisher vorbeizogen, noch einmal – auf ein Mal.
Kaidôh ist abermals noch viel viel grösser geworden – er blickt jetzt in einen gewaltigen Sternwirbel und erkennt Alles.
Die Trichtersterne und die Wassersterne – die Raketensterne und alle die andern wirbeln da im Raume herum, als führe ein Sturm durch Sonnenstäubchen.
Jetzt kann sich Kaidôh nicht mehr halten, er bewegt seine Zehen und will hinein in das glänzende schauerliche Sternenmeer.
Und er kann seine Zehen wieder regieren.
Und er stürzt sich in den Sternwirbel – und schreit – und schreit!! Seine Brust dehnt sich weit aus, und ihm ist, als gingen all die vielen Millionen Sterne in seinen Leib.
Und er lacht wie ein Gott – und schreit – und schreit.
Liwûna kann ihm kaum folgen.
Und dem Kaidôh ist so, als setzten alle Sterne noch mehr Grösse an ihn ab – immer mehr – immer mehr!
Jetzt endlich fühlt er Welten in sich – Welten!
Und er bewegt die Zehen – und schiesst durch den Wirbel – und kreischt auf – in verrückter Seligkeit – und – und – weiss nichts mehr von sich. Liwûna folgt ihm mit gesenktem Haupt und führt ihn hinaus aus dem Sternwirbel in eine kühlere Weltgegend.
Und langsam wird alles anders.
Und mir ist so, als wenn ich langsam erwache – aus wirren wüsten Träumen, und ich frage leise:
»War ich Kaidôh?«
Liwûna – das ungeheure Riesenweib neben mir – lächelte und nickte – und sprach sanft:
»Du bist immer noch Kaidôh!«
Und ich bebte, als hätte sie mir was Furchtbares gesagt.
Wir schwebten wieder im stillen Raume – aber die Sterne waren nicht rund – sie waren alle feine kleine Striche – nur wenige dickere Striche – nur wenige dickere Striche sah ich.
Kühle Lüfte wehten um meine Stirn – und ich wurde wieder ruhiger.
Die feinen kleinen Striche – waren wie Blut – und der ganze Himmel schwarz – wie die Felsenrand – die weit hinter mir liegt.
Ich suche was mit der linken Hand.
Liwûna lächelt und sagt: »Du suchst wieder was!«
»Ich suche!« sage ich.
»Ich will noch mehr – noch Grösseres!« fahre ich fort.
Und Liwûna bittet ihren Kaidôh, weiter zu fliegen.
Er fliegt weiter.
Und wieder neue, wieder andre Wunderwelten thun sich vor ihm auf; die sind aber etwas kleiner – denn Kaidôh ist im Sternenwirbel noch mehr gewachsen – ins Ungeheuerliche hineingewachsen.
Dem Kaidôh ist so, als wäre er in ein grosses Schneegestöber geraten. Es sind aber nicht Schneeflocken, die ihn jetzt umschweben – es sind grosse Sternwolken aus Schnee- und Eisgestirnen.
Kaidôh bemerkt, dass faltige dunkelviolette Sammetkleider seinen riesigen Körper umflattern. Liwûnas Gewänder sind wie Goldschaum und flattern ebenfalls.
Die Schneesternlüfte sind so kühl und beruhigend – und Kaidôh bedarf der kühlen Ruhe – ihm ist noch immer so, als tobten grosse Sternscharen durch seine Adern – und durch alle seine Knochen.
Wie kleine weisse Federn schweben die Sterne dem unermesslichen Kaidôh um Kopf und Brust.
»Das sind,« sagt Liwûna, »sehr leichte Welten, denn sie sind alle sehr alt. Die Sterne fliegen zuweilen wie ein grosser Vogelschwarm in die Höhe, und dann kommt es dem Kaidôh so vor, als flögen ihm rasende Eisklumpen an der Nase und an den Ohren vorüber. Seine Augen sind aber so scharf, dass er die verschiedenen Formen der Schneesterne, wenn sie weiter weg sind, wohl unterscheiden kann; er sieht auch viele Tiere auf den Sternen. In den Schneesternen glänzt viel blankes Eis, und die Eissterne sind an den Krystallspitzen meist mit Schnee umzogen, als wären sie verschimmelt.
Die Sterne haben viele turmartige Auswüchse und Zacken und Zinnen und alle nur denkbaren Formen, die aber gewöhnlich regelmässig sind wie die Krystalle.
Alle Schneesterne und auch die Eissterne verstehen es ausgezeichnet, dem grossen Kaidôh auszubiegen, sodass er garnicht mit den Sternen in Berührung kommt. Der Schnee verbreitet ein mattes schweres Dämmerlicht. Kaidôh hat immerfort das Gefühl, etwas vergessen zu haben – und dieses Gefühl macht ihn immer erregter, sodass er ganz heftig wird.
Liwûna lacht dazu und fragt spöttisch:
»Was suchst du denn?«
»Ich weiss es eben nicht!« giebt Kaidôh zur Antwort.
Da fliegt die grosse Liwûna an ihren Kaidôh ganz nahe heran und flüstert mit leuchtenden Augen:
»Ich weiss, was du suchst – du suchst das Weib, das dein Weib sein kann.«
Kaidôh zittert, ballt die Faust und schlägt der Liwûna ins Gesicht.
Doch der Schlag geht natürlich wieder durch, ohne zu schaden. Und die Liwûna lacht, dass es durch die ganze Frostwelt schallt.
Danach spricht sie milde:
»Die Wut gegen Andre beruht immer auf einer Wut gegen uns selbst. Du bist wütend, weil du nicht weisst, was du willst. Du weisst eben nicht, was du suchst. Warum fragst du mich also nicht? Warum musst du gleich deine Wut an mir auslassen? Wüte doch gegen dich selbst!«
Ich schäme mich, denn die Worte trafen. Ich sage weich:
»Verzeih mir! Führe mich weiter durch das Labyrinth deiner Weisheit.
Ich folge geduldig und werde mich schon noch zurechtfinden.«
»Das wirst du!« sagt Liwûna.
Und wir verlassen die Sternwelten, in denen so viel Schnee ist, schweben in einen finsteren Raum und bleiben Seite an Seite.
Kaidôh hat eine merkwürdige Empfindung, als ob die Liwûna ohne jede Unterbrechung auf ihn einspräche, ihm die Rätsel aller Welten erklärte – doch in einer Sprache, die ihm vollkommen fremd ist.
Er horcht eifrig in die Finsternis hinein und möchte verstehen, was er da in seltsamen Lauten hört – doch ihm wird Alles immer unklarer; nur das Unklare wird ihm klar. Und das schmerzt so, dass er aufstöhnt.
Er möchte so gerne lachen über das Alles – vermag aber nicht zu lachen.
Nur Liwûna scheint neben ihm zu lachen – das nützt ihm leider Nichts.
Die Finsternis ist so schwarz, dass Nichts zu sehen ist – kein Stern – Nichts.
Liwûna sagt leise:
»Du willst grössere Welten sehen – suchst du die? Willst du selbst grösser werden?«
Kaidôh wacht auf – wie aus einem hässlichen Traume und ruft »Ja! Ja!« Doch er hat nicht das Gefühl, dass Liwûna das Richtige getroffen habe – er fühlt nur, dass er in der Finsternis noch grösser wird – und sieht in der Ferne ein schwaches Licht – das rasch heller und heller wird. Neuen Sternwelten kommen sie auch in der Finsternis näher.
Da wird Kaidôh grässlich heftig und so begehrlich – so gierig.
Ganz andre Sternwelten leben in dem neuen Licht – die sind die grössten – das Licht in der Ferne wird heller – da kommt aus der Finsternis ein Riesenleib hervor – und dieser Riesenleib besteht aus vielen Millionen bunter Sterne.
Der Riese hat Augen über den ganzen Leib und einen Kopf, der aus dunkelgrünen lodernden Flammenwelten besteht – Arme und Beine sind unzählig und wie flüssiges zitterndes Gold – auf dem Perlen herumschwimmen; diese Perlen rollen auf den goldenen Gliedern in ewiger Unruhe.
Kaidôh hemmt seinen Flug und starrt den Sternriesen an – das ist das grösste Weltwesen, das er jemals sah. Kaidôhs Augen rollen so wild wie die Perlen – wie die blauen und roten Augen auf dem Rumpf des gewaltigen Sternriesen.
»Wir wollen,« spricht Liwûna, »über den Sternriesen hinüberfliegen. Der Weg ist weit. Folge mir!«
Und Liwûna fliegt rauschend voran.
Kaidôh kriegt einen Schreck, als sähe er plötzlich in ein Jenseits.
Liwûnas Rücken gleicht ungeheuren Gebirgsmassen, die mit Schnee und Eis bedeckt sind; Millionen von Schneesternen schleppt sie auf ihrem Rücken mit; die goldenen Gewänder sind kaum zu sehen; die schwarzen Haarmassen ihres Hauptes flattern oben, und sie wendet oben ihren Kopf zurück, und Kaidôh erschrickt nochmals – das riesige Gesicht ist braun, und hellblaue Augen strahlen wie zwei Riesensonnen unter Augenbrauen, die endlosen Wäldern gleichen.
Kaidôh will seine Fusszehen bewegen – das geht aber nicht – er schwebt ohne jegliche Körperbewegung der Liwûna nach.
Und nach einer langen Zeit, in ders immerwährend höher geht, blickt er hinab und sieht unter sich das grüne Flammenhaupt des Sternriesen – unzählige grüne Schlangensonnen winden sich da durch einander, und grüne Flammen schlagen heraus und brennen.
Kaidôh hebt den Blick und bebt – Welten öffnen sich vor seinem Blick – Welten – wie sie nie ein Sterblicher geschaut hat.
Liwûna schwebt neben Kaidôh. Und die Augen der Beiden schweifen trunken nach allen Seiten.
Zwölf grosse Sternriesen ragen da im weiten grossen Halbkreise hoch auf in den weiten grossen Raum. Auf einer Bank, die auch einen Halbkreis bildet, sitzen die Sternriesen und bewegen sich nicht.
Und die Bank besteht aus unzähligen Brillantsternen – deren gleissende Farbenfeuer durch glitzernden Funkenregen durchsprühen und durchflackern – deren gleissende Farbenfeuer in langen Flammenkegeln tief aufglühen wie bunte Sammetblüten – deren gleissende Farbenfeuer mit heissem Strahlenglanz brennen.
Kaidôh wundert sich, dass sein Auge nicht erblindet; sein Auge ist wiederum anders geworden.
Und es sind so viele Brillantsonnen; die Rücklehne der Bank ist so hoch, dass sie oben fast endlos erscheint – eine im Halbkreise gebogene Riesenwand aus lauter Sonnen, die ungeheure sich langsam drehende Diamanten sind.
Und der Halbkreis ist so gross, dass die Wand nach allen Richtungen so weit entfernt erscheint. Ein Weltenrand!
Hoch oben bilden die blauen, roten und grünen und die andersfarbigen Farbenkegel ein bewegliches Dach; die bunten Kegel schieben und drängen sich durch- und über- und untereinander. Und die funkelnden Diamanten flimmern immerzu, denn die Sterne stehen nicht still. Das flackert. Das glüht. Das brennt.
Und auf der grossen Bank sitzen die Sternriesen – und die bewegen sich nicht.
»Dass sie sich nicht bewegen,« sagt die Liwûna, »kommt uns bloss so vor. Sie brauchen zu jeder Bewegung viele Tausend Sternjahre, und daher glauben wir, sie seien ohne Bewegung – wie totes Volk. Das ist natürlich ein grosser Irrtum! Wir dürfen nicht vergessen, dass alle Glieder der Sternriesen aus unzählbaren Sternen bestehen – lauter Sonnen sind – lauter grosse Sonnen mit vielen Millionen Monden. Die Sterne haben alle möglichen und denkbaren Formen – die können wir aber nicht mehr unterscheiden – die Entfernungen sind in dieser Gegend auch für grosse Riesen so entsetzlich gross.«
Liwûna sagt noch mehr, Kaidôh starrt mit offenem Munde die zwölf Riesen an. Er kann die grossen Gestalten gar nicht überschauen; wo ihnen der Kopf sitzt, weiss er nicht. Der Hauptteil des Rumpfes ist gross und breit und als solcher wohl zu erkennen. Aber jeder Rumpf sieht anders als der nächste aus; die meisten scheinen aus goldenen und silbernen Wolken zusammengesetzt zu sein. Es gehen aber überall so viele blaue und grüne Adern durch, und es sind überall so viele perlbunte und stechende Augen, dass Kaidôh nicht weiss, wie er die einzelnen Teile der Riesenkörper nennen soll. Die Gliedmassen ähneln wilden Korallengewächsen, und Flammenäste stehen dazwischen – und grüne Pyramiden sitzen oben auf steilen Schulterbergen – neben schwarzen Hörnern und glühenden Haaren und Kugelgewächsen und Würfelketten mit bunten Bändern und langen goldenen Schlangenarmen.
Die Zwölf sind furchtbare Ungeheuer, in denen Milliarden tollster Sonnen brennen. Und diese wilden Weltgestalten sitzen da zum Scheine so still, als wären sie versteinert.
Kaidôh starrt die Sternriesen an mit gierigen Augen; er möchte die zwölf Grossen festhalten und nicht mehr vergessen; er ärgert sich, dass er nicht unzählige Augen hat wie die zwölf Grossen.
»Ob sie auch Kleider haben?« fragt er leise.
Doch Liwûna hört nicht, sie bittet ihn, sich einmal umzudrehen.
Kaidôh thut es und schaut in einen dunklen Raum, in dem unzählige eckige Sterne funkeln, die stellenweise ganz dicht zusammen stehen – aus Sternwolken.
»Die Stemwolken,« bemerkt die Liwûna, »sind auch Sternriesen – die kommen langsam näher.«
Kaidôh zieht den Kopf ein, als fürchte er sich vor den grossen Weltgestalten. Er kommt sich so klein vor wie ein Wurm, obgleich er weiss, dass er viele Tausend Schneesterne auf seinem Rücken trägt wie die Liwûna. Er wendet sich wieder zur Diamantenbank und sucht die karminroten Streifen an den Riesenkörpern zu zählen und findet sehr viele, sie sitzen immer neben helllila eiförmigen Flecken. Er glaubt, das seien besondere Sinne und lässt das Zählen. Seine Gedanken verwirren sich, und er bittet die Liwûna, ihn weiter zu führen.
»Führe mich weiter,« sagt er, »durch das grosse Labyrinth deiner Weisheit – ich finde mich da nicht zurecht.«
Liwûna bedeutet ihm, dass sie gradeaus unter der Bank durchmüssten, oben hinüber ginge es nicht.
Und Zähne klappernd schwebt Kaidôh dahin.
Und nach langer Zeit nähern sie sich den unteren Gliedmassen der Riesen und sausen dann an ihnen vorbei unter die Bank.
Kaidôh fliegt mit gekrümmtem Rücken – wagt kaum um sich zu blicken.
Unter den grellsten Brillantsternen, die dicht unter der Bank wie gläserne Maschinen rasseln und rumoren, sieht Kaidôh nach unten und entdeckt in der Tiefe grosse halbkugelförmige Hügel. Die Halbkugeln haben Farbenringe am unteren Rande, um die Mitte sitzen Sterne in Zickzacklinien drauf; als wären Perlen draufgestickt – so wirkt es.
Kaidôh will wissen, was das ist.
Liwûna sagt:
»Das sind die Schlafmützen der grossen Riesen. Die Schlafmützen fliegen bei jeder Ratssitzung unter die Diamantenbank. Es sind sehr viele Schlafmützen – nicht etwa zwölf.«
»Ist das,« fragt Kaidôh, »auch wirklich wahr?«
»Jawohl,« erwidert seine Führerin, »glaubst du etwa die Riesen hätten den Schlaf nicht auch mal nötig? du weisst wohl garnicht, wie wichtig der Schlaf ist.«
Kaidôh wagt nicht weiter zu sprechen.
Und nach langer Zeit kommen sie auf der Rückseite der Bank wieder ins Freie – in eine wunderbare duftende frische Luft.
Die beiden sind in einem drolligen Walde.
Sie fliegen durch ein buntes Gewirr von gewaltigen Aesten. Und jeder Ast besteht wieder aus unzähligen Sternen, die sämtlich Linsenform zu haben scheinen. In der Tiefe ballen sich grosse Nebelhaufen zusammen, die lilafarbig leuchten. Kaidôh weiss nicht, ob die Nebel ebenfalls aus Sternen bestehen. Und beim Nachdenken wird ihm so anders zu Mute – er muss lachen – und er fragt lachend:
»Du, sind das wirklich Bäume?«
Liwûna giebt ihm zur Antwort: »Ja, ja – das werden wohl Bäume sein. Du kannst die Bäume auch für Riesen halten und die Riesen für Bäume. Mit deinem Wortschatz wirst du hier nicht viel ausrichten. Verstehen kannst du diese grossen Weltgestalten doch nicht – und wenn du noch viel mehr guten Willen – und wenn du noch tausendmal mehr Worte hättest. Gieb dir keine unnütze Mühe – mit Worten begreift man die Welt doch nicht. Wir wollen uns nichts vorflunkern. Sieh dir lieber die Formen der einzelnen Sterne an, aus denen sich diese sogenannten Aeste zusammensetzen. Die silbernen Aeste sind ganz mit Muschel- und Schneckensternen gefüllt.« Und Kaidôh sieht sich alles genau an, und dabei schweben sie nach und nach aus dem Astgewirre raus und in eine tiefere Gegend hinein. Da schiessen sie durch flockige Nebelmassen hinunter und erblicken plötzlich unter sich einen Sternriesen, der lang ausgestreckt daliegt und zu schlafen scheint.
Der Riese schläft auch wirklich, er besteht aus lauter Kugelsonnen, die fortwährend ihre Farbe verändern. Ein flirrendes Farbengewirr! Es kann ganz schwach machen. Es huscht oft noch ein Schattenspiel durch das Opalgeflitter.
Wie ein grosses Segelschiff, das strandete, liegt der grosse Riese da. Was Segeln ähnt, schwankt immer auf und nieder. Liwûna macht darauf aufmerksam, dass die Segel aus lauter Blattwelten bestehen, und dann flüstert sie geheimnisvoll:
»Lieber Kaidôh, dies ist ein ganz junger Riese, der noch sehr klein ist; er wird grade gewiegt. Die Wiege sehen wir nicht, denn sie ist viel zu gross. Aber siehst du da drüben den grossen roten Ball herniederschweben? Siehst du, dass da viele Millionen roter Sonnen drinn sind? Siehst du das?« Kaidôh bejaht die Frage, und Liwûna fährt fort:
»Das ist ein Blutstropfen von der Mutter des Riesen – die Mutter muss sich geschnitten haben – dort drüben die grossen Sternwolken gehören zum Leibe der Mutter. Doch stelle dir das Mütterliche ja nicht so einfach vor – ich will mich bloss kurz fassen. Na – diese Gesellschaft ist dir doch gross genug – nicht wahr, mein kleiner Kaidôh?«
Kaidôh bejaht auch diese Frage, schüttelt seinen violetten Sammtmantel, dass viele tausend Schneesterne rausfallen, und versucht, seine Zehen zu bewegen. Es gelingt ihm – und pfeilschnell gehts weiter – aber es geht ihm immer noch nicht schnell genug. Das Riesenland ist zu umfangreich. Nun sieht er unter sich ein langes, langes, goldenes Rohr – es besteht natürlich auch aus echten Sternen – aus lauter glitzernden, kantigen Sternen. Und er will wissen, was das ist.
»Das ist,« versetzt die Liwûna hastig, »die grosse Sturmmaschine. Wenn wir rasch an die Spitze des Rohrs gelangen, so können wir von der Sturmwolke gefasst werden – dann würden wir sehr schnell weiter kommen – was dir wohl sehr angenehm sein dürfte.«
Kaidôh nennt das Rohr eine Sternkanone. Sie schauen vorn an der Spitze in das Rohr hinein.
Indessen da giebts gleich einen donnernden Knall, und in einer brennenden Wolke sausen sie dahin, dass dem Kaidôh Hören und Sehen vergeht. Als ihm die Besinnung wiederkehrt, sieht er um sich alle Lüfte voll Wolken, und die Wolken jagen sich wie die Windhunde – es blitzt und donnert ohne Pausen – der Sturm heult und pfeift und knurrt und kreischt auf – Liwûnas goldene Gewänder flattern und rauschen und knallen und knirschen. Und dazu kracht es in einem zu, als gingen in jedem Augenblick viele tausend Welten platzend entzwei.
»Das sind,« erklärte die Liwûna, »die anderen Schüsse der Sturmmaschine. Durch diese Maschine wird die Luft der ganzen Gegend verbessert. Die Maschine gehört zu den berühmtesten Erfindungen des Sternriesenreichs.«
Und sie fliegen in Wirbelwinden – in Windhosen – selig dahin – wobei sie oft riesig rasch um sich selber gedreht werden.
Dem Kaidôh stockt beinahe der Atem. Der Weltendurchflieger weiss gar nicht mehr, wo er ist. Unter sich sieht er eine grosse, dunkelgrüne Fläche, die er für eine Wiese hält. Es ist aber, wie Liwûna erklärt, keine Wiese – sondern ein grosses, herrliches Meer, in dem ungezählte Billionen von Smaragdsternen das Wasser bilden.
Und aus dem sogenannten Meere ragen braune und türkisblaue Korallengebirge heraus. Das sind aber, wie Liwûna wieder erklärt, keine Gebirge – sondern Sternriesen, die wahrscheinlich baden.
Das Donnern hört sich wie die Brandung des Smaragdmeeres an, und die Blitze zucken wie Phosphorwolken – so schnell folgen sich die einzelnen Blitze.
Das Schiessen der Sturmmaschine will auch kein Ende nehmen.
Aber die Lüfte werden doch allmählich ruhiger; es geht ja so rasend schnell vorwärts.
Die Beiden steigen höher und höher wie Luftballons im Orkane, so dass das grüne Meer unten nach einer guten Weile nur noch wie ein zarter Schleier schimmert.
Und dann erblicken sie eine weite Pforte aus blauen Saphiren. Sie sehen vor sich nur die blaue Pforte, als ginge sie von einem Ende der Welt zum andern – sie bildet einen grossen Bogen; die Saphire sind ebenfalls Sternwelten.
Und sie fliegen durch die Pforte durch und in ein grosses Säulenreich hinein. Die Säulen sind so umfangreich, dass die Beiden lange fliegen müssen, um an einer Säule vorbeizukommen. Die Säulen sind alle aus einem festen Stück gearbeitet und sind nicht wieder bewegliche Sterne.
Aber die Sterne fehlen auch hier nicht ganz; an vielen Stellen befinden sich die Sterne auf der Rinde der Säulen – sitzen da so drauf wie Pilze auf altem Holz – wie Schimmel.
Die Säulen sind gelb und leuchten, obgleich sie nicht glänzen und auch nicht durchsichtig sind.
»Wir sind,« sagt Liwûna leise, »in den Vorhallen der Riesentempel.«
»Haben die Riesen,« fragt Kaidôh, »auch Tempel? Wozu haben sie die Tempel?«
Liwûna antwortet nicht, sie schweben schweigend neben dem blitzenden Sternschimmel weiter – langsam von einer gelben Säule zur andern.
Es herrscht ein ziemlich dumpfes Dämmerlicht im grossen Säulenreich; das Säulenlicht ist nicht sehr stark.
Leise sagt die grosse Liwûna:
»Du wolltest grössere Welten sehen. Waren dir nun die Welten, die ich dir zeigte, gross genug?«
Und Kaidôh erwidert feierlich: »Das waren sie.«
»Aber,« fährt Liwûna fort, »deine Antwort klingt so, als wenn du mit einem neuen Aber weiter sprechen wolltest. Hast du das, was du suchtest, immer noch nicht gefunden?«
Kaidôh schweigt lange, und Liwûna unterbricht das Schweigen mit diesen Worten:
»Lieber Kaidôh, du bist still, und dein Stillsein ist so beredt. Das Grosse allein macht es auch noch nicht – das willst du sagen. Ich verstehe dich, und ich freue mich, dass du immer noch suchst.«
Kaidôh versteht ihre Freude nicht und fragt müde: »Was soll ich denn thun?«
Da sagt sie:
»Du musst dir einen Schmerz bereiten: steige noch einmal hinab in die Abgründe deiner Vergangenheit. Denk an einen Kugelstern, der sich immer drehte und dir gar nicht gefallen wollte, da er nur einen einzigen Mond als Begleiter neben sich hatte. Du warst auf dem Stern anfangs ein Kind und noch nicht so gross wie jetzt – lange nicht so gross. Erinnerst du dich da vielleicht an einen roten Dornbusch, der vor einem alten Fenster blühte? Die roten Blüten dufteten dir oft wie Marzipan. Weisst du das noch?«
Kaidôh denkt nach und schüttelt den Kopf; zwar thut ers nicht, doch ist ihm so, als thäte ers.
Liwûna fährt fort:
»Du hast so vieles vergessen. Man möchte beinahe glauben: Leben sei Vergessen. Aber ich weiss, du erinnerst dich trotzdem an den roten Dornbusch; hinter dem Fenster, in das er hineinblühte, stand eine alte Kommode aus Eichenholz mit zwei grossen, schwarzen Knöpfen zum Aufziehen der mittleren Schublade – weisst du noch? Perlmutter sass an den Knöpfen. Und neben der Kommode knietest du öfters.«
Die Sanftredende hält inne, und Kaidôh stösst rauh hervor:
»Jetzt soll ich mich in diesen riesigen Säulenhallen an alte Kommoden mit grossen, schwarzen Knöpfen erinnern! Nun ja! Ich erinnere mich ganz deutlich!«
»Warum bist du so grimmig?« versetzt die Liwûna, »neben der Kommode warst du doch nie so grimmig. Du fühltest dich dort einem Heilande nahe, und es wurde zu Zeiten alles in dir still. Den Heiland hast du bald vergessen. Aber an die stillen Stunden vor dem roten Dornbusch hast du noch oft gedacht. Und du hast dich oft nach ähnlichen stillen Stunden gesehnt. Und die hast du nicht gefunden. Kaidôh! Höre doch! Weisst du nun, was du suchst?«
Kaidôh horcht hinein in die Tempelstille und hört das Echo seines Atems. Und dann hört er sich leise sagen:
»Stille Stunden such ich! Aber ich habe doch keinen Heiland mehr.« Hastig erwidert die Liwûna:
»Du musst eben einen neuen Heiland haben. Du wolltest immer grössere Welten sehen, und auch die grössten waren dir am Ende nicht gross genug. Dein neuer Heiland muss also grösser sein als alles Denkbare, nicht war? Und wer kann grösser als alles sein?«



